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Donnerstag, 17. Oktober 2019

Heldengeschichte oder Terror. 8.800.000 bestimmt von 76

Was gäbe es dazu noch zu sagen, was nicht längst gesagt ist? Die Statistik Österreich weist nach Kurier-Berichten für die erste Hälfte des Jahres einen angeblich "überraschenden" Tatbestand aus. Die "Ehe für alle" - wir haben es gesagt: Scheingefecht, alles Scheingefecht, es geht um etwas anderes, viel Prinzipielleres - als vermeintliches Instrument großartiger Humanität, das nunmehr Schwulen eine Ehe ermöglicht, wurde im ersten Halbjahr 2019 von ganzen ... halte der Leser sich fest ... 76 (sechsundsiebzig) gleichgeschlechtlich "Orientierten" in Anspruch genommen. (Mit einer "Scheidungsquote", die sensationell ist, das nur nebenbei.)

Bei 8,8 Millionen Einwohnern, von denen wohl jeder zweite nicht ruhen konnte, bei jährlich 50.000 Eheschließungen, in der Einführung der "Ehe für alle" ein hoch dringliches gesamtgesellschaftliches Problem zu sehen, das dann sechsundsiebzig Leute betrifft, wie es ihm eben die Politiker, wie es vor allem die Pruntzmedien vorgequatscht haben.

Aber es gab insgesamt 637 eingetragene Partnerschaften, also die "Ehe für alle"? Ach, was stellt sich heraus, wenn man die Statistik einmal genau auf ihre Bezugspunkte untersucht? 560 dieser "Verpartnerungen" haben stinknormale Heterosexuelle ablaufen lassen.

Warum? Eine Antwort eines dazu befragten Paares ist so lesenswert, daß wir sie ohne weiteren Kommentar bringen wollen. Denn mehr Beweis der gezielten, von oben dekretierten Verblödung dieses Volkes gibt es gar nicht mehr.

Als Grund nannte ein befragtes Hetero-Paar, dass bei einer Partnerschaft von einer "Vertrauensbeziehung" und nicht wie bei der Ehe von "Treue" die Rede ist.

Von der Ehe zurück zur freien Partnerschaft
Somit ist diese zivilrechtliche Verpartnerung gar keine Bewegung, die auf eine winzige Minderheit zurückzuführen ist, die der Mehrheit eine Veränderung der kulturellen Institutionen aufpressen. Dieser Druck kommt viel klandestiner, und ruht auf einem grundsätzlichen Ablehnen der Ehe. Auch unter Katholiken leben die meisten Paare unverheiratet, und andere steigen gar wieder zurück!

Was natürlich irrational und voller Widersprüche ist, aber alles das sitzt eben auf einem Verlust des Denkens auf, das nur in Selbstüberschreitung möglich ist. Nehme man nur dieses Beispiel, das wir von E. Michael Jones übernehmen. Wo ein amerikanisches Paar "stolz" berichtet, daß es seine Ehe auflösen hat lassen, und nun "frei" zusammenlebt. Jones kommentiert das lakonisch mit einer passenderen Schlagzeile: Our marriage is over. Let's be docile wage slaves and sex robots instead.” "Unsere Ehe ist vorbei. Laßt uns an ihrer Stelle wieder fügsame Lohnsklaven und Sexroboter sein.

Der Grundsatz ist auch hier: Rückzug aus der realen Welt. Was ist, ist nicht mehr es selbst. Alles ist nur noch virtuell. Man verlängere dies selber, es ist geradezu allgemeine Auffassung unter den Menschen geworden. Das muß in der Irratonalität enden, damit in einem totalen Weltverlust. Während andere diese Welt, die ihnen da in den Schoß fällt, gerne aufnehmen, denn genau darauf haben sie hingearbeitet. Wir akzeptieren sogar schon Gesetze, die gar niemanden mehr betreffen.*

Es ist schon lange keine Metapher, es ist eine Realitätsfeststellung. Wir leben in einem Land, das von Geistesgestörten (weil sich Geistesstörungen immer personal manifestieren) dominiert wird. Mit einem (von der Politik bestellten! - eine wirkliche Dreiteilung der Gewalten, angeblich DAS Merkmal von Demokratie, gibt es weder in Österreich, noch in Deutschland) Verfassungsgerichtshof, der von Recht und Gesetz und Natur nicht einmal mehr den Funken von Ahnung hat. Von solchen Leuten will der normale Mensch nicht einmal mehr seine Streitfragen im Halma-Spiel geregelt haben.

Wirklichkeit? Das ist irgendwas hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Wir leben fröhlich auf Kosten der anderen, in einem Land der geistig Fortgeholten. Und Parteigefickten. Wie schrieb Simone Weil sinngemäß ein- (nein: mehrere) mal? Eine Demokratie, die auf Parteien beruht, endet in einem rechtlosen Irrenhaus der Willkür. Weshalb Parteien notwendig zu verbieten sind, will man ernsthaft Demokratie.

Wir ergänzen nur unwesentlich: Solch eine Demokratie endet automatisch in der totalitären Herrschaft immer kleinerer Minderheiten über immer überwältigendere und überwältigtere Mehrheiten. Hier haben 76 mal zwei, also 152 Personen (pro Jahr, meinetwegen) ein Volk von 8,8 Millionen gezwungen, ihr fundamentalstes Gesetz des sozialen und staatlichen Lebens zu beseitigen. Denn was "alles" in der Welt ist ("Ehe für alle"), ist nichts mehr.



So nebenbei: Als der VdZ etwa im Jahre 1995 an den damaligen Bundespräsidenten schrieb, daß es in Österreich möglich sei, durch die speziellen Sondergesetze die Sozialversicherungen betreffend weit unter das Existenzminimum gepfändet zu werden, meinte dieser in einem (heute noch vorliegenden, haptischen) Antwortschreiben, daß er das Problem zwar habe prüfen lassen, und es verhielte sich so, wie der VdZ es schilderte, aber es beträfe insgesamt zu wenige Personen (nur mehrere hundert) pro Jahr, sodaß eine parlamentarische Regelung nicht angebracht sei. Man müsse das Problem "selber und zwischenmenschlich" lösen. 

Somit sind auch heute die Existenzen von jährlich hunderten (kumuliert also tausenden) ehemaligen Unternehmern völlig unabhängig von ihrem realen und sozialen Hintergrund, in der Hand von verbeamteten Sachbearbeitern auf Hauptschulniveau, meist ohne Kinder, aber mit Pensionsvorrückungen jedes zweite Jahr, weshalb sie natürlich die aktuellen Pensionströge (ein Generationenvertrag) gefüllt wissen möchten. Wobei es um ein Prinzip geht, ein Prinzip des Liberalismus/Kapitalismus: Wo der persönlich geschlossene Vertrag über der Wahrheit und Gerechtigkeit steht, ja diese sogar formiert. Darauf basiert unser Sozialversicherungsrecht, geht es um die Beitragszahler!

Für 76 Personen ändert man aber ein für ein gesamtes Rechtssystem so fundamentales Gesetz wie die Ehe, und zertrümmert sie. Bravo Kurz. Bravo übrigens auch FPÖ. Sie haben dem zugestimmt. "Weil Recht eben Recht ist." Aber nicht nur das, denn wen kümmert das heute noch. Man verändert überhaupt den Begriff von Ehe.

Deus providebit. Das ist die schwerste Drohung, auf die sich die Hoffnung in solchen (und so vielen anderen) Fällen berufen kann. Deus providebit, darf man also den Politikern zurufen. Und den Sachbearbeitern bei den Sozialversicherungen, die ja auch nur ihre gesetzlichen Vorschriften erfüllen. Und natürlich nie etwas "tun".


*Sämtliche Belange, die bei einer "Ehe für alle" als angebliches Motiv nunmehr rechtlich zu regeln sind, waren es auf zivilrechtlicher Ebene auch zuvor schon.





Freitag, 8. Februar 2019

Parteien werden es nie begreifen

Schon Tocqueville, und noch mehr Max Weber weisen darauf hin, daß eine in Parteien organisierte Republik aus ihrer Natur heraus - Wählerstimmen sind das definitive politische Mittel, das ideologisch-religiöse bzw. religiosierte Anliegen durchsetzen läßt, eine Logik die zur Eigendynamik wird weil werden muß, und zwar immer, eben aus ihrer Natur heraus - zur Versorgung ihrer Wähler (Mitglieder) durch Pfründe führt. Wer einer Partei angehört, wird immer erwarten, daß er daraus Privilegien bezieht.

Österreich war seit 1945 buchstäblich aufgeteilt zwischen den beiden großen Parteien. Die Details, die heute zum Vorschein kommen, sind nicht einmal das Ankratzen des riesigen Berges, der sich daraus gebildet hat. Wie jetzt, wo die Kronen Zeitung über einen Fall berichtet, in dem sich die Jugendbewegungen sowohl der ÖVP, ja, genau, die Partei des Herrn Kurz, dieser "false flag"-Operation der sogenannten Christlich-Sozialen Österreichs!) wie der SPÖ einen wunderschönen Strandplatz am Mondsee im Salzkammergut - was für eine schöne Umgebung! - als Campingplatz aufgeteilt haben. Nur 73 Cent (10 Schilling) mußten die Mieter pro Jahr - im Grunde seit 1945 - für diese privilegierte Urlaubsmöglichkeit zahlen. Jeder normale Tourist zahlt heute dafür 35 Euro und mehr. Pro Tag und lächerlich kleinem Standplatz für seinen Campingbus.

Und wäre das nicht aufgedeckt worden, hätte sich nichts geändert.

Was glaubt der Leser, was es sonst noch alles in Österreich gibt! Gewerkschaften und Parteien haben sich den Staat Österreich aufgeteilt und unter den Nagel gerissen. Buchstäblich. Immer und überall. Die Bevölkerung ist bestenfalls das Material, das ausgepreßt werden muß weil soll und darf, um die Begünstigungen der gerade stärkeren Parteien zu bezahlen. Gewerkschaftsheime (beider Parteien) an besten Urlaubsplätzen sind nur ein winziges Detail.

Parteien muß jeder Staat verbieten. Das ist das einfache Fazit von Simone Weil, aus Überlegungen zur wahren und einzig möglichen Natur eines Staates. Wir stimmen ihr da uneingeschränkt zu. Es sind Parasiten an jedem Volksleib. Sie sind Verbrechensorganisationen. Die auch jedem wirklichen Gedanken der Demokratie per se widersprechen. Sondern Demokratie nur zur persönlichen Bereicherung benutzen.






*271018*


Samstag, 17. Dezember 2016

Für die Wahrheit bluten

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über Simone Weil, 
die der heutigen Zeit so viel zu sagen hat.










*231016*

Sonntag, 22. März 2015

Strafe als Wiederherstellung der Würde

In der Strafe erst wird derjenige, der eine Pflicht verletzt, gegen ein Gesetz handelt, wieder in diese Gesetzlichkeit und -würdigkeit aufgenommen. Simone Weil spricht deshalb sogar von einem lebensnotwendigen Bedürfnis des Menschen nach Strafe. Erst in der Strafe erweist eine Gemeinschaft, ein Staat, demjenigen, der ihre Pflichten verletzt hat, Respekt.

Denn in einem Verbrechen, einem Verstoß, verletzt der Täter seine ewige Pflicht einer Gemeinschaft gegenüber, der er doch angehört hat, und die alle aneinander (im besten, weil das Leben fundierenden Sinn) binden. Erst durch die Strafe kann er wieder in diese Gemeinschaft aufgenommen werden. Denn durch den Schmerz, den sie verursacht, erbringt er gewissermaßen sein geläutertes Bekenntnis, ihr wieder zugehören zu wollen. Und erst über diesen Akt - nicht als "Anspruch", den man ihm quasi nachwirft - kann er in diese (wechselseitige) Bindung wieder aufgenommen werden.

Man erweist dem Gesetzesübertreter also Respekt, und gibt ihm die Möglichkeit, sich tatsächlich wieder zu rehabilitieren, wenn er einsichtig ist (sonst bleibt der Wiedereintritt bzw. die Wiederaufnahme unvollständig oder gar nicht vollzogen.) 

Als reines System des Zwangs und Schreckens ist deshalb ein Strafsystem völlig verfehlt. Denn alles, was mit Strafe und Gesetz zu tun hat, muß in eine Sphäre des Feierlichen, Unantastbaren gehüllt sein. Die Majestät des Rechts muß sich dem Richter oder der Polizei, dem Angeklagten oder Verurteilten mitteilen, und zwar selbst bei nicht so wichtigen Angelegenheiten, sobald sie den Verlust der Freiheit nach sich ziehen könnten. 

Die Bestrafung ist deshalb eine Ehre! Sie tilgt die Schande des Vergehens, und muß als eine zusätzliche Erziehung betrachtet werden, in der ein Täter zu einem höheren Grad der Ergebenheit einem Gemeinwesen gegenüber verpflichtet wird.*

Die Art der Justiz, der schlechte Ruf der Polizei, die Leichtfertigkeit der Justizbeamten, die endgültige Deklassierung von Vorbestraften und so weiter - sie sind Indizien dafür, daß es gar nichts mehr gibt, das den Namen Strafe verdient. 

Entscheidend ist nämlich das Gefühl der Gerechtigkeit, das den Verurteilen begleiten muß. Weshalb Weil sogar so weit geht zu fordern, daß es bei sozialem Auf- wie Abstieg größere Bandbreite von Straflosigkeiten braucht, weil die Betroffenen sonst ihre Strafe allzu leicht als bloße Reaktion der Macht empfinden. Ein Strafsystem muß eben im Bestraften ein Gefühl für Gerechtigkeit hervorrufen, sonst wird es unmenschlich und eigentlich sinnlos. Das muß der Schmerz bewirken könne, oder, wenn es gar nicht anders geht, der Tod, der dann in ultimo ratio gleichfalls den Namen des Verurteilten rettet, weil in die Gemeinschaft reintegriert.

Denn der Sinn der Strafe ist, daß die Gerechtigkeit in die Seele des Verurteilten wieder eintritt. Durch ihren Schmerz geht diese gewissermaßen "in Fleisch und Blut" über.




*Der Täter wird nicht zum unfreien Produkt irgendwelcher Umstände erklärt, sondern er wird als freier Mensch behandelt, der diese Freiheit aber auch tragen muß, sonst - wie denn auch? - kann man ihm keinen Respekt als Mensch zollen.

Weil Strafe also Eigentümlichkeit jeder Gemeinschaft ist, muß ein sozialer Gesamtbau langfristig aus Zerrüttung zusammenbrechen, wenn nicht jede Gemeinschaft auch ihrem Wirkkreis angemessene Strafrituale und -maßnahmen hat. Dies gilt insbesonders auch für die Familie und die Züchtigung von Kindern. Denn es gibt dann keine Reintegration unter der Staatsebene, und damit keine sozialen Einheiten, und damit keine soziale Einheit mehr. Der Staat darf nur subsidiär wirken! Wer glaubt, er würde besondes barmherzig sein, weil er Strafe abschafft, handelt nicht barmherzig, sondern verantwortungslos, zumindest lieblos, wenn nicht verbrecherisch. Der Täter hat ein RECHT auf Strafe. Nur über sie ist eine Reintegration als freier Mensch möglich.

Aus Barmherzigkeit - einem freien, ungeschuldeten Akt des Rechtsrepräsentanten - eine Strafe zu erlassen hat nur dort Sinn, wo der Wiederaufnahmewille des Täters praktisch bewiesen ist, und wo dieser freiwillig Lasten, Schmerzen, Läuterung auf sich genommen hat oder nimmt, die diese akthafte, neuerliche Unterwerfung unter die Gemeinschaft beweisen. Weshalb etwa der "Ablaß" (der dem Straferlaß dient) immer mit einer freiwilligen Leistung verbunden ist. Barmherzigkeit darf niemals Schwäche des Rechtssystems sein, weil sie sonst ungerecht ist.




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Samstag, 21. März 2015

Differenzierungen der Meinungsfreiheit

Jede, egal welche Meinung bilden und äußern zu können ist ein absolutes Recht des Menschen, schreibt Simone Weil einmal, das sich aus der Notwendigkeit der Vernunft, Vernünftigkeit und Vernunftbildung ergibt. Dieser Raum muß von einem Staat sogar geschützt, ja er sollte direkt eingerichtet werden und öffentlich dafür bekannt sein, daß er ein reiner Experimentierraum, Untersuchungsraum von Ideen ist, also keinerlei Verbindlichkeit oder Endgültigkeit enthält. Als neurtraler Raum gewissermaßen, in dem es jedem möglich ist, seine Meinung zu äußern, ohne daß er Konsequenzen zu befürchten hat. Eventuell durch Anonymität. Und jedermann sollte die Möglichkeit haben, ihn in Anspruch zu nehmen. Der Staat kann nicht nur nicht ignorieren, was seine Bürger denken, sondern er muß es beachten (aber sicher nicht einfach ihm folgen.) Solange sich diese Äußerung auf einen Menschen alleine bezieht, muß sie völlig frei sein können, denn sie ist ein absolutes Bedürfnis des Verstands.

Keineswegs ist es dabei zulässig, Meinungs- und Vereinigungsfreiheit in eins zu setzen. Vereinigungsfreiheit ist außer im Fall natürlicher Zusammenschlüsse (Familie etc.) ein Notbehelf des praktischen Lebens, aber kein Elementarbedürfnis des Menschen.*

Davon aber ist jener Moment zu unterscheiden, in dem eine solche Meinung quasi frei veröffentlicht wird. Denn hier betritt die Meinung bereits ein neues Stadium, das des Handelns in und für die Öffentlichkeit. Es muß damit dem Gedanken des Gemeinwohls unterworfen, darf nicht einfach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage etwa, der Cleverness, oder dem Machtstrebungen von Interessensgruppen und Parteien ausgeliefert werden. 

Als Beeinflussung der öffentlichen Meinung sind Veröffentlichungen Beeinflussungen der Lebensführung. Sie müssen deshalb denselben Beschränkungen unterliegen wie die Lebensführung selbst. Sie dürfen kein menschliches Wesen vor dem Gesetz benachteiligen, vor allem dürfen sie nie irgendwelche explizite oder implizite Ablehnung der ewigen Pflichten dem Menschen gegenüber enthalten, wie sie das Gesetz feierlich anerkennt, ja worauf Recht und Gesetz gründet.

Wer also - und damit sind Zeitungen und Presseprodukte gleichfalls gemeint - den Anspruch erhebt, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, muß sich diesen Beschränkungen unterwerfen. Nur jene, die diese Funktion nicht wollen, können totale Freiheit beanspruchen.



*Die tief spirituelle Simone Weil, deren Einsichten nicht wenige als mystisch unterlegt betrachten, auch wenn sie freilich nie der Katholischen Kirche beigetreten ist - nicht mangels Zustimmung, sondern aus anderen Gründen - tritt, wie an dieser Stelle bereits auseinandergesetzt, für ein Verbot von Parteien ein. Weil diese immer den Staat weil seine Einheit und damit ein Volk zersetzen, die Menschen sich selbst entfremden, instrumentalisieren und entwurzeln, und damit dem Heil direkt entgegenwirken.




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Mittwoch, 17. Juli 2013

Wannen das Höhere sich auflöst (2)

Teil 2) Entweder nationalstaatlich - oder gar nicht





Menschliche Gesellschaften haben der menschlichen Art gemäß, die sich in seiner natürlichen Entwicklung erkennen läßt, gleichfalls je aufsteigende Kreise der Selbstausdehnung, der Weltintegration - Persönlichkeitsentfaltung, mit anderem Wort. Es beginnt bei der Grenze der Mutter-Kind-Beziehung, und weitet sich allmählich in immer weitere zwischenmenschlich-gesellschaftliche Kreise. Die sich je weiter umso geistiger in ihre Ursprung darstellen. Wobei schon die Mutter-Kindbeziehung ihrem Wesen nach geistig (auf die Persönlichkeit orientiert) ist, man beachte nur das Inzestgebot, der Austausch untereinander ritualisiert ist und darin das Wesen der Begegnung als Darstellung (und nur darin) verwirklicht.

Deshalb ist auch das menschliche Wirken in bestimmten Umfangsdimensionen, die durchaus in Zahlen zu fassen sind, eingebettet, sich lediglich aber sehr bestimmt in der Art unterschieden wie im Schneeballsystem ausfalten. Zwei, fünf (Familie), zwanzig (Großfamilie), hundert (Sippe, Nachbarschaft, Gemeinde), tausend (Landkreis), zehntausend (Staat). Größer ist das menschliche Wesen nicht ausgelegt, historisch wurde die menschliche Ansprechgröße, sein maximal möglicher persönlicher Wirkkreis auf diese Größe - etwa (5-10.000) - beschränkt gesehen. 

In der Antike begann an diesem Punkt die Kolonialtätigkeit. Weil die nun überzählige Bevölkerung den Staat verlassen mußte. Ab hier kann nur noch ein Repräsentationssystem einsetzen: Wo einer für 10.000 steht, was übrigens dem alten Adelsbegriff entspricht. Es macht keinen Sinn für einen dieser 10.000, in (sagen wir) zwischenstaatliche Angelegenheiten einzugreifen, diese Ebene hat völlig neue und andere Gesetze und Inhalte in ihrem Zueinander. Die sich zwar in allem Unteren wiederfinden, aber in völlig anderer Art. Während "der, der für 10.000 steht", sich von dieser unteren Art abstrahiert haben muß, um dieser Ebene der Beziehung zu entsprechen. Auch das ist ja das traditionelle Selbstverständnis des Adels gewesen, das Aufgehen in einer abstrakten Repräsentation. 

Nur in diesem Größenverhältnis aber kann noch verantwortete persönliche Wahlentscheidung für das Ganze - die es in Fällen wie Krieg oder Ausstoßung gab -  überhaupt getroffen werden, weil zwischenmenschlicher Austausch egal welche Mehrheit noch auch den etwa anders Meinenden mit einschließt. Darüber hinaus besteht die Gefahr wirklicher Gewaltherrschaft der Mehrheit über die Minderheit, droht also das Auseinanderbrechen in Gruppierungen.*

Darüber hinaus müssen deshalb die Repräsentanten diese Entscheidung treffen, und zwar IM ABSTRAHIERTEN SINNE DER 10.000. Die sich in immer größeren Verbänden erneut in hierarchischen Stufen, aber mit strukturell gleichen Aufträgen (der "Querbalken") zusammenfinden, bis zum Allerhöchsten, dem König oder gar Kaiser, welch letzterer aber von andere Kategorie ist.

Das ist das stärkste Argument in der Kritik des Zentralismus, das stärkste in jeder Föderalismusdebatte. Weil Zentralismus alle Zwischenebenen auflöst, um nur als Einzelner allen Einzelnen direkt gegenüber zu stehen. Weil in ihm das Unterste eine ihm nicht adäquate Ebene antrifft, deshalb in seiner Art gar nicht Zupassendes erhalten wird können. Umgekehrt steht das Zentrum als viel zu mächtiges (weil übersteigendes, andere Wirkprinzipien bewegendes) Gegenüber dem Einzelnen gegenüber.

Wenn vor einiger Zeit der Journalist Christian Ortner ein Buch herausgab, in dem er den Sinn der Demokratie hinterfragt, weil die Bevölkerung gar nicht wissen kann, WAS sie in den Wahlen überhaupt entscheidet, so meint er genau da (ohne es zu wissen: er meint, etwa durch ein "Mehr" an Information wäre das behebbar.) Die Abstrakivebenen der Repräsentation des Ganzen sind niemals stufenüberspringend transformierbar. Unterwirft man dieses Ganzheitsprinzip aber der "untersten" Stufe, in Abstimmungen, Wahlen, verliert die oberste Stufe ihre Abstraktion - sie wird "banal", vermag nicht mehr zusammenzufassen.

Umgekehrt darf ein höchstes Prinzip (grundsätzlich) niemals direkt stufenüberspringend eingreifen. Es wird die Ordnung sämtlicher unteren Stufen auflösen, und das gesamte Volk in ein Chaos stürzen - es fehlt die Transformationsmöglichkeit. Es darf nur abstraktiv entscheiden, was "für alle" - ohne jede Konkretion - gilt. (Ohne noch diskutiert zu haben, obwohl es sich aus dem Gesagten ergibt, nach welchen Kriterien und Orientierungen es dieses überhaupt darf oder muß.) Das Kleine, Alltägliche des Lebens im Detail zu regeln, kann niemals Aufgabe eines höchsten Prinzips sein. Es überschreitet unzulässig seine Zuständigkeit.

Im Versuch, das zu illustrieren: Die hohe Mathematik beschäftigt sich mit dem Zueinander von Größen, die aus dem Integral einer Datenkette hervorgehen. Die Erkenntnisse, die sie daraus gewinnt, zeigen zwar die Prinzipien des Vorgehens "auf der Straße", aber der Kaufmann um die Ecke kann damit nichts anfangen. Es wird auch sinnlos sein, ihn in die Geheimnisse der Integralrechnung einzuweihen, und er wird es auch nicht wollen. Seine Anspruchsebene liegt ganz woanders - sagen wir der Anschaulichkeit wegen: in Erlässen über Märkte oder Waren. Je konkreter, vereinzelter die Dinge werden, desto mehr müssen sie auf der ihnen zugeordneten Ebene geregelt werden.

Zugleich wird damit verstehbar, daß eine zentrale Einheit niemals ein Prinzip "schaffen" kann. Es kann nur ausdrücken - darstellen - und als solches verwirklichen, das allen Teilen gleichermaßen zu Grunde liegt! Nur im Maß dieser Übereinstimmung mit der Natur des Vereinzelten kann eine Zentrale überhaupt "stark" sein. Sonst wird sie zur Diktatur, zur Zwangsanstalt. Es wird sträflich unterschätzt, daß die Kritik an der EU in Wirklichkeit keine praktische, sondern eine weltanschauliche Auseinandersetzung über das, was "Natur" bedeutet, anzeigt! Der Kontinent ist geistig viel tiefer aufgespalten und zersplittert, als man zur Kenntnis nehmen will.

Deshalb benötigen auch zwischenstaatliche Verbände eine (in diesem Sinne) föderalistisch-hierarchische Gliederung, mit jeweiligen Ebenen und Strukturen, die zueinander in einem ritualisierten Verhältnis stehen und sich in der Art begegnen, auf der dieser Verband gründet - als Staatenbund etwa. Ein Gegenüber EU : Bürger wäre in jedem Fall eine Katastrophe des Zentralismus. Die im Extremfall einer gesamteuropäischen "demokratischen" Direktwahl nur noch verschlimmert würde, weil es (wie im Mißbrauch!) eine Zustimmungssituation bewirkt, in der der Einzelne sich gebunden fühlt, ohne aber das verantworten zu können (und zu sollen), was er tatsächlich entschieden hat.

Löst man umgekehrt das Nationalprinzip auf, wo eine Nation der anderen gleichwertig gegenübersteht, wird eine EU automatisch zum Spielball der quantitativ mächtigeren Nationen oder Weltanschauungen. Etwas anders anzunehmen wäre schlichtweg naiv - oder bösartig und mit Hintergedanken. Aus dieser Argumentationskette ist zu verstehen, wenn Vaclav Klaus immer wieder davon sprach, daß es "gar keinen Europäer" gäbe. Er hat darin völlig recht. Eine auf weltanschauliche Fronten abstrahierte Politik, die von oben nach unten dekretieren kann, würde eine Katastrophe der Unmenschlichkeit und Utopie auslösen, und Europa in ein Chaos der Selbstentfremdung und Entzweiung stürzen.

Will man Europa einen, so wird es nur über eine Reform - als Wiedererstarkung - der eigentlichen Aufgaben der von unten nach oben gehenden Strukturen und der hierarchischen Repräsentation möglich sein. Alles andere wird zum Totalitarismus, der damit die eigentliche Lebenskraft, die schöpferische Kraft der Menschen, auslöscht. Denn es gibt dieses einende Prinzip der Geisteshaltung nicht mehr, auf das sich eine EU berufen könnte, bzw. ist es äußerst schmal  - und nur in dieser Breite kann Einigung überhaupt stattfinden. Also müssen sich untergeordnete Stufen schützen und bewahren können, um nicht ihrer selbst entfremdet zu werden. Und nur aus dieser Unangegriffenheit heraus kann - wenn - Einheit erwachsen.





*Das kann durch ein Parteiensystem im heutigen Sinn, wo sich also Weltanschuungen gegenüberstehen, NICHT aufgefangen werden, wie auch etwa Simone Weil darlegt. Denn hier wird bereits eine andere Art der Meinungsbildung verlangt, die den Entscheidungshorizont der Einzelnen übersteigt. Auch die Praxis zeigt, daß weltanschauliche Unterschiede auf der Ebene persönlicher Begegnung niemals so dezidiert sind, weil das Gemeinsame im zwischenmenschlichen Lebensvollzug und Entscheidungshorizont immer überwiegt, wie sie es in ihrer theoretischen Gestalt werden. Das ist das Wunderbare in den DonCamillo-Peppone-Geschichten, die genau das zeigen. Mit Parteiprogrammen höherer Rangordnung aber treten unweigerlich zerspaltende weil artfremde, artübersteigende Elemente ins Leben.

Darüber hinaus stehen sich auf der Ebene der Weltanschauungen Unvereinbarkeiten gegenüber, die jeden demokratischen Konsens scheitern lassen müssen, weil bestimmte Dinge vom individuellen Gewissen aus jeweils gar nicht toleriert werden DÜRFEN. Das trifft Christen in der Auseinandersetzung mit der faktischen Welt heute sogar noch weit mehr, weil absoluter und unbedingter, als Nicht-Christen. 





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Montag, 24. September 2012

Besser ohne Gut

"Wir verbessern Österreich," schlagzeilt der Kurier in einer Ausgabe vom 8. September 2012. Und veranstaltet ein Fest, zu dem auch der Bundeskanzler kommt. Unter stärkerer Einbindung der Leser, die als "Familie" angesprochen werden, will sich der Kurier zukünftig nämlich als Leitlinie darum kümmern, daß positive Veränderungen initiiert und über Druck auf die Politik auch durchgeführt werden. Die Menschen hätten den Eindruck, so der Kurier, daß sich im Land zu wenig bewege. Das solle nun anders werden, indem sie mit dem Kurier bewegen würden.

Das liest sich ... höchst seltsam. Und man könnte durchaus fragen, ob der Kurier nicht aufgehört hat, eine Zeitung im herkömmlichen Sinn zu sein. Als einzige Zeitung (wie zu betonen nicht aufgehört wird) habe er im letzten Jahr die Anzahl der verkauften Exemplare sogar gesteigert (während überall sonst der Printmarkt mehr oder weniger einbricht, angeblich weil er gegen Online-News verliert.)

Das ist freilich nur möglich, indem sich die Natur der Zeitung wandelt. Indem sie Partei wird, deren Wirken nicht mehr nach journalistischen, sondern agogischen Maßstäben zu bewerten ist. Wobei der Kurier diesen Eindruck - so wie die meisten österreichischen Blätter - ohnehin immer schon macht, war er doch sogar das Propagandablatt der amerikanischen Besatzer, als Waffe im Kalten Krieg also wurde er gegründet, wo jede Meldung in Hinblick auf ihren bewußtseinsbildenden, antisowjetischen Faktor zu messen war.  Immerhin begann die Ostfront des Westens im Burgenland, selbst die Verteidigungsdoktrine war an den Strategien der Westarmeen ausgerichtet, un damit Teil davon. So sehr sich Österreich auch gemüht hat, die Kapuze über den Kopf zu ziehen und "Du siehst mich nicht!" zu spielen.

Das "die Welt besser machen" liegt aber sowieso den Österreichern im Blut, und auch der Kurier bleibt seiner Tradition treu. In  Zukunft wird er also seine bisherige Tendenz zur offiziellen Programmatik machen: die Ereignisse, über die man berichtet, selbst schaffen - im Dienste des Besseren ...

Wo hat man das alles aber nur schon gelesen ... wo nur ... ach, war das nicht in Jacques Ellul's tollem Werk über die "Propaganda"? Die nämlich keineswegs wie landläufig die Meinung herrscht dafür da ist, um Meinungen durch Lügen zu verändern. Solche Propaganda verdient ihren Namen nicht. Wirkliche Propaganda versucht, die Menschen lückenlos identitär einzubinden, weiß daß sie die Menschen zur Bewegung bringen muß. Ellul schreibt, daß das Wesentliche bei der Propaganda nicht die kurz- oder mittelfristige Meinungsänderung ist, das greift viel zu kurz. Effektive Propaganda verändert die Rezeptionsstruktur des Menschen, durch Eingriffe in seine Identität, am Leitfaden eines Mythos.

Aber gut, der Umbau der Menschen von Konsumenten zu aktiv Beteiligten, unter Einrichtung eines Mythos (weil Inhalte nie exakt genug faßbar, aber auch festlegbar sind, auch weil sie ja wechseln), gilt ohnehin schon seit langem als Nonplusultra des Marketing. Und zahlreiche Unternehmen haben es längst vorexerziert.

Simone Weil schlägt einmal vor, daß jede Zeitung, die beginnt, ihre Veröffentlichungen und Autoren nach bestimmten Kriterien zu selektieren, per Gesetz verboten werden muß. Aber gut, die ist ja immer so radikal, in ihrer Liebe zum Menschen, weshalb sie alles ablehnt, was ihn in der Offenheit der Apperzeption der umfassenden Wirklichkeit einschränken könnte. Weil es nur dort überhaupt ein Gut gibt.



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Dienstag, 18. September 2012

Alternativen. Das Parteienverbot

Leser dieses Blog werden längst erkannt haben, daß sein Verfasser sich gerne hinter bekannteren Namen und Autoren versteckt, um seine Sichtweisen darzulegen. Nun, dies hat den sehr einfachen Grund, daß die Artikel auf diese Weise aus der Ecke der bloßen subjektiven Spinnerei, als den das Internet sich ja gerade zu profilieren sucht, in den Gesamtzusammenhang eines Denkens gestellt werden sollen, der sie im Strom einer abendländischen Tradition erkennbar machen soll, in dem sich der Autor dieses Blog begreift. 

Und so sollen an dieser Stelle auch die Gedanken einer Simone Weil mit den Überlegungen von Jacques Ellul zusammengeführt werden, wenn der Gedanke Weil's vorangestellt wird, aus dem sie fordert, daß die demokratischen Systeme von Parteien befreit werden, diese untersagt bzw. entmachtet werden müssen.

Denn Weil stellt die Demokratie auf den Boden einer Anthropologie des Lebens und der wirklichen Wirklichkeit eines Lebensvollzugs als Weg zur Heiligkeit, zum ewigen Heil. Der in der Offenheit der Selbstüberschreitung, des direkten Dialogs mit der Wirklichkeit selbst - Gott - sein Fundament hat. In dieser radikalen Wahrheitssuche sieht sich der Verfasser dieser Zeilen in einer Linie mit Weil, und damit im Grunde mit der gesamten Philosophie der Lebensphänomenologie, wie sie seit Jahrzehnten, ja seit Kierkegaard, ja ... seit Meiser Eckhard, ja seit ... seit Anbeginn. Wo Lebenspraxis und Geist und Denken nicht getrennt werden können, weil das eine der Ausfluß des anderen ist, beide als ein und dasselbe zu sehen sind. 

Damit steht diese Denkungsart in direktem Gegensatz zum rationalistischen Objektivismus, der sich defintiv seit der Renaissance, als Tendenz seit es Menschen gibt, vom Rand ins Zentrum dieser Kultur geschoben und ihr mehr und mehr die Luft zum atmen geraubt hat. Sodaß wir uns heute in der bemerkenswerten Lage befinden, einem Denken verhaftet zu sein, das nicht mehr in der Lage ist, mit der Wirklichkeit der Welt zu korrespondieren. Das sich in seiner immanenten Logik zur Irrelevanz gesteigert hat und die Entfremdung des Menschen von sich und der Welt zur tödlichen Krankheit einzementiert.

Deshalb findet der geneigte Leser auch hier denselben Zusammenfluß der Themen und Lebensgebiete, wie er alle diese Denker kennzeichnet. Und wie er hat sich auch Weil mit politischen (ebenso wie ökonomischen, ästhetischen, etc.) Implikationen ein und derselben Wahrheit über den Menschen in seiner Situation in der Welt auseinandergesetzt, ja eins führt ins andere.

Die Demokratie postuliert, daß das Recht vom Volk ausgehe. Und berief sich explizit auf eine abendländische Tradition, die in den Griechen der Antike gründet. Aber selbst die einfachsten historischen Fakten wurden immer gerne übersehen. So die fundamentale Tatsache, daß die (temporäre) Demokratie Athens (nur von ihm sprechen wir hier, den gleichfalls griechischen Spartaner war sie ohnehin tödlicher Feind) ganz maßgeblich auf der Überschaubarkeit seiner Größe beruht. Nur in persönlicher Begegnung kann eine politische Zielsetzung nämlich überhaupt beurteilt werden. Nicht durch geschriebene Aufrufe, oder gedruckte Parteiprogramme und Wahlplakate.

Zwar gab es auch bei den Griechen Parteiungen, und insofern "Parteien", aber nicht als Organisationen. Denn sei belasten eine Demokratie mit einer Fracht, die ihre Grundidee (die ja die Grundidee eigentlich aller Völker war!) unterläuft: daß aus der Mitte der Bürger die dafür geeigneten die Lenkung des Gemeinwesens in den diesem zukommenden Bereichen übernehmen solle.

Nicht nur wer Michel's Werk über die immanete Logik von Parteien als System und Staatselement gelesen hat, sondern jeder der den Menschen kennt weiß, daß inhatliche Programmlogik der Erhaltung der Machtsysteme aus einer tödlichen Logik heraus unterliegt. Gleichzeitig - und hier sei auf Ellul's Standardwerk "Propaganda" verwiesen - verlagert sich die Argumentation der eigentlichen politischen Inhalte von der Sachgerechtheit weg, hin zur Propaganda. Jede Äußerung solcher Parteien wird zum Kampfwerkzeug, das nur noch unter dem Gesichtspunkt der Machterhaltung, um ÜBERHAUPT wirken zu können, gesehen wird, weil so gesehen werden muß.

Und spätestens Max Weber hat aufgezeigt ("Politik als Beruf"), daß Parteien unweigerlich zu realen gesellschaftlichen Korpora werden, von denen direkt sich die Bürger (und sehr konkret) etwas zu erwarten beginnen - als Begünstigungen, als Einkommensquelle etc.

Gleichzeitig wird - gerade DURCH das Parteisystem! - der einzelne Politiker über seine persönliche Größe hinaus in eine Gesamtebene gehoben, damit mit einer Macht ausgestattet, in der er dem Wähler gegenübertritt, sie jede Beziehung zu ihm zur inadäquaten Farce macht. die durch "persönliches, joviales Verhalten" keineswegs abmilderbar o.ä. macht, sondern das persönliche Verhältnis auf eine "objektivierte, apersonale Ebene" hebt, ob man will oder nicht.

Alles das spricht Weil an, wenn sie fordert, daß der Einzelne nur Entscheidungen zu treffen in der Lage ist, in Sachverhalten, die er aus den einzigen Grund heraus, aus dem Demokratie nicht überhaupt Unsinn ist, zu bewerten in der Lage ist, selbst wenn er sie im Detail gar nicht kennt: Weil es zur Urteilsfindung in den Dingen der Welt nicht notwendig ist, jedes Detail zu kennen, sondern weil wer eines gut kennt, alles kennt! Weil nur jene Wahlentscheidung überhaupt wahrhaftig sein kann, die aus der erlebten und im Erleben durchdrungenen Sitation affiziert wird.

Wer also in seinem kleinen Alltag wahrhaftig lebt, vermag daraus das Prinzip der Welt zu erfassen, vermag "die Wahrheit" er erfassen, die alles durchdringt. Und von dort her gewinnt er auch die ihm adäquaten (und wonach sollte er sonst entscheiden?) Handlungsimpulse. Und diese Wahrheit aber ist ein personales EREIGNIS. Daraus folgt die Tatsache, daß nicht die Kenntnis eines "objektiven Programms" die Beurteilung einer politischen Kraft möglich macht (zumindest nicht in diesen Hinsichten), sondern nur die Kenntnis der wahlwerbenden Person. Aber nicht nur das: dies Person muß direkt mit seinem Wähler existentiell zusammenhängen, "in einer existentiellen Situation" mit dem Wähler stehen.

Über außenpolitische Entscheidungen abzustimmen, über rein staatspolitische Angelegenheiten, übersteigt den Entscheidungshoriziont des einfachen Wählers ohnehin unendlich, ihn dazu zu befragen ist also Niedertracht und Zynismus! Das muß in den höhersteigenden Ebenen entscheiden bleiben.

Demokratie als Staatsform kann sich also - soweit überhaupt - nur über ihre einfachsten, kleinsten Wurzeln in überschaubarem, persönlichen Rahmen zu einem Ganzen aufbauen. Wo wiederum persönliche Wahlen immer umgreifendere Einheiten konstituieren können.

Zwar gibt es das Argument, daß Parteiprogramme gewährleisten, daß ein Kandidat auch bestimmten Prinzipien gemäß handelt - aber das würde heißen, daß prinzipiell ein "objektiviertes" politisches Handeln zielführend und gut wäre. Das ist es aber nicht, Politik muß aus ihrem Wesen heraus persönlich bleiben, in der Verantwortung genauso, wie in der Urteilsfindung. Das nicht zu berücksichtigen heißt, daß auch die paradigmen der Politik unmenschlich werden. Zwangsläufig, nicht aus persönlichem Versagen, das auch verhindert werden könnte. Politik ist ja auch historisch belegbar seit dem 18. Jhd. zunehmend zur "objektiven Problemlösung" geworden. Was wiederum auf einer Sicht der Welt zu sehen ist, die die Welt in objektivierbare Vorgänge, Funktionen, auflöst.

Nun wissen wir nicht nur erst seit der Quantenphysik, daß es solche "objektiven" Vorgänge in dieser Welt gar nicht gibt. Daß deren "Eigenschaften" nur in direktem Dialog mit dem Beobachter UND SEINEM WELTBILD erfaßbar sind. Denn man sieht nur, was man ist, was einem gemäß ist, und deshalb nur sucht, und sogar konstruiert, in gewisser Hinsicht "erfindet".

Solches Politikverständnis, wie es ausnahmslos heute herrscht, geht also davon aus, daß die Dinge ihre Logik AUS SICH SELBST HERAUS hätten. Daß Politik also nur heißen könne, dieser objektiven Logik zu entsprechen, oder nicht. Das hat uns an den Punkt geführt, wo wir heute stehen, wo wir es nur noch mit "alternativlosen" Entscheidungen zu tun haben. Die ohne es noch zu wissen und deshalb auch nicht mehr zu hinterfragen, von Postulaten ausgeht, und das macht es regelrecht gefährlich. Denn Politik als Diskussion könnte nur eine Auseinandersetzung um diese Postulate heißen, die sich nicht auf "Sachprobleme" herunterbrechen lassen.

Staaten als Parteiensysteme zwingen nun den einzelnen Politiker, sich aus der persönlichen Situation hinauszubegeben, und einer "objekivierten Systemlogik" zu folgen, die die wirklichen Inhalte der Politik aber völlig zweitrangig machen. Nicht zufällig ist heute die Politik einer sozialdemokratischen von einer christlichsozialen Partei durch nichts mehr wirklich zu unterscheiden. Die Systemlogik zwingt zu Kompromissen, die inhaltlich - am meisten bei den Christlichsozialen - das Mittragen von Entscheidungen bedeutet, das Abweichen von Prinzipien, die ihren eigentlichsten Prinzipien unversöhnlich gegenüberstehen. Die "Fristenlösung" ist nur eines dieser Beispiele. Die aber unausweichlich auch die Parteiinhalte korrumpieren und mit der Zeit aufweichen weil auflösen. Was, so nebenher, zeigt, daß das Argument der Rückbindung des Einzelnen als Funktion von Parteien eindeutig widerlegt, ja zum Erweis des Gegenteils macht: der einzelne vom Wähler verortbare Politiker wird von "oben herab" korrumpiert und unberechenbar. Der Verfasser dieser Zeilen hat v. a. aus seiner Zeit bei der Kirche genug erfahren, wie genau das zur Regel geworden eintritt.

Nur im überschaubaren Horiziont aber, unberührt von "großen" Werbekampagnen, die "objektivierte" Politik vortäuschen, kann ein Wähler sich für eine Person, konkret: FÜR EINE PERSON entscheiden. (Wobei es nicht einmal die gibt, wie Einblicke in die praktische Politik - gerne als aufzudeckende Korruption etc. angeprangert - immer ergeben, die auf allen diesen Ebenen in sich ohnehin nur in der Weite und Ambivalenz des Persönlichen funktionieren.) Denn sie ist nicht einfach  nur Träger der Politik, sondern sie ist auch Träger wie Darsteller des Geistes, aus dem heraus eine Politik stattfindet und gestaltet wird.

Nur so auch kann "Wahl" für den Einzelnen zum lebendigen Akt werden, in dem er nicht gerade wieder den entscheidenden Schritt zur Selbstentfremdung tun muß - sich von sich selbst zu objektivieren, auf ein Programm hin - sondern im Rahmen seiner persönlichen Situation affiziert erst überhaupt ihm gemäß entscheiden und beurteilen. Ein System, das zu seiner Funktionalität regelerecht BRAUCHT, daß der Einzelne aber sich seiner vollen Menschenwürde entschlägt, indem er wählt, ist schon aus diesem Grund ein Widerspruch in sich, und MUSZ scheitern. Oder/und in Totalitarismus ausarten, der nach diesem Einzelnen greift und ihn entmenscht.

Der Mensch kann und soll und muß nur persönlich entscheiden, auf der Grundlage seiner Gesamtaffiziertheit in seiner konkreten Welt und Situation, in allen Komplexheiten. Nur IN DIESE SITUATION HINEIN kann ein Kandidat "passen" oder nicht. In aller Gefühlsverankertheit - aber erst darin (!) in der ausgangslage, um überhaupt Etnscheidungen zu treffen.

Während Propaganda genau auf das Gegenteil abzielt: auf die Entwurzelung des einzelnen, der sich in bestimmte emotionale Fächer - als Handlungswurzeln, hier weiß man es! - die sich aber auf zweitwirkliche, nur parteisystemimmanente Notwendigkeiten, nicht mehr auf seine konkrete Lebenslage, beziehen. Nur unter diesem Druck, als Gegenprobe, ist auch ein Politiker wirklich seinem Wähler verbunden und verpflichtet - persönlich, und als Person, Personen gegenüber, die er ernstnehmen muß, als die, die sie sind.

Nur so kann Demokratie funktioneren - aufbauend auf den untersten, regionalen, lokalen Ebenen des Menschen. (Schon heute weiß jeder Politiker, daß es nur noch eine menschlich befriedigende politische Tätigkeit im Grunde gibt: die in den Gemeinderäten, in den kleinsten lokalen Zellen.) Und von dort aus muß sich ihr System, aus Kooperationswillen, warum auch immer, zu einem Ganzen aufbauen. Wie dieses Ganze aussieht, darüber kann man diskutieren, aber es muß auch das Ganze personal bleiben, weil es nur so selbst vom einfachsten Bürger erkennbar und beurteilbar ist: weil er aus seinem Menschsein heraus IMMER beurteilen kann, was andere Menschen tun. In dieser Überschaubarkeit und auf der Grundlage menschlicher Entscheidungsfindung, der keine Parteiraison ihr Urteilsvermögen nach und nach verblendet: in der Situation persönlicher Verantwortung des Gewissens vor Gott, aus welcher Wahrhaftigkeit keine Systemlogik je entläßt, kann Demokratie gelingen. So, wie sie den Athenern gelang, wenn und solange sie gelang: als Zueinander von freien Menschen.

Simone Weil hat es dargelegt. Wir lehnen uns aus dem Fenster und sagen: sie hat es richtig dargelegt.



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Donnerstag, 13. September 2012

Eine Hoffnungsgruppe

Das Ziel der deutschen Bundesregierung, die Zahl der jungen Menschen ohne abgeschlossene Berufs- und Schulausbildung bis 2015 zu halbieren, ist gescheitert. Sogar mehr junge Menschen denn je sind ohne Abschluß, so schreibt der Spiegel online

Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge haben 1,44 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keine Lehre abgeschlossen oder einen Beruf erlernt. Dies entsprach im Jahr 2010 17,2 Prozent der Altersgruppe. 2009 lag der Wert bei 16,4, im Jahr zuvor ebenfalls bei 17,2 Prozent. Die Zahl der Ungelernten bis 34 Jahre liegt sogar bei 2,2 Millionen. (cit.)

Die Zahlen für Österreich dürften ähnlich liegen.

Man kann das auch ganz anders lesen, als der Spiegel es tut, und wie es im öffentlichen Tenor getan wird, als Katastrophe. Man kann es als Hoffnungsschimmer lesen. 

Wenn es zu einer Erneuerung unserer Kultur kommen kann, dann nämlich ganz sicher nicht aus den Schichten der "Gebildeten" heraus. Denn das Schul- und Ausbildungsziel der Gegenwart ist Verbildung, ist eine Konditionierung auf Codes, die über pägadogische Begleitmaßnahmen fast ausweglos die jungen Menschen in Systemlogizismen verhängen, sodaß sie von ihrem kulturell geprägten Selbst aus kaum noch zur einzigen wirklichen Basis von Kultur durchzustoßen in der Lage sind und sein werden: dem genuinen eigenen Empfinden. An den Trägern akademischer Grade am deutlichsten abzulesen, bedeutet diese Form der Integration in das System heute so gut wie ausnahmslos das Ende vitaler Kultur. Die umfängliche wie qualitative Steigerung der technischen Möglichkeiten führen aus der Natur der Technik heraus zu einer immer mehr beschleunigten Metastasierung dieses Zustands.

Wo immer Erhebungen und Willenstrends publik gemacht werden, findet sich im Maß der "Bildungsnähe" der untersuchen soziologischen Gruppen eine erschütternde Affinität zu jenen Werten und Zielen, die unsere Kultur zum Erlöschen bringen. Das sagt alles über die Effekte, die heutige Ausbildung (von Bildung zu sprechen ist ja ohnehin grotesk) bewirkt.

Gewiß, (Aus-)Bildungsverweigerung alleine ist noch zuwenig. Gewiß, hier dräuen andere Gefahren. Und gewiß, hier zeigt sich nur die Kehrseite eines kulturellen Versagens, eine direkte Folge oft genau der fehlgeleiteten pädagogischen Kraft unserer Zivilisation - als Hinbildung zum Laster, als Absenz von Tugend, der Haltung zum Guten, der einzig natürlichen Kraft für eine geglückte Lebensführung.

Aber ein vielleicht sogar dramatischer Rückbau unseres "Wohlstands" wird schon aus dieser Logik heraus ohnehin unausweichlich kommen. Und diese Menschen haben einen Weg bereits beschritten, der den Ausgebildeten heute fast verschlossen ist, den sie aber zu gehen hätten (und haben werden), um zu Menschen zu werden. Als Massenbewegung, von der man hier sprechen muß, ist solche Ausbildungsverweigerung ein deutliches Zeichen, und ernstzunehmen. Das sind, um ein Blog-Thema der letzten Wochen wieder aufzugreifen, die "Jungen", die nicht in Alpbach sind und nie sein werden, aber da sind die, die wir brauchen.

Denn das Unbehagen an der Gegenwart macht sich Luft, wenn so viele Menschen die Vergewaltigung durch unsere "Bildungssysteme" ablehnen. Und darauf kann man aufbauen. Nicht auf den "Ausgebildeten". Denn zur Zeit heißt eine abgeschlossene Ausbildung zu haben fast ausnahmslos bereits Lebens- und Wirklichkeitsfremdheit, kaum noch reparable Entfremdung von der eigenen Wahrnehmung. Und selbst wo dieser Mangel erkannt wird, kommt die aktuelle Pägadogik (auch in den Reformbewegungen) über subversive Formauflösung nicht hinaus. Denn es fehlt ihr die Kategorie des Kulturaufbaus, es fehlt ihr die Anthropologie. So wirft oft genau der Reformansatz die jungen Menschen ins Nichts, um sie in Invertiertheit, im Chaos zu belassen, kennt den Weg zur Gestalt nicht. Weil sie die kulturelle Gestalt meist sogar ablehnt, die ihren Dogmen widersprechen.

Der Weg kann nur über Situationsverdichtung laufen, hin zur a-methodischen Existentialität, zur Selbstüberschreitung in das umgebende Sozialfeld hinein. "Ausbildungslosigkeit" heißt oft genau das, soweit präventive Sozialsysteme dies nicht wieder verhindern. Während "Bildung" heute zum genauen Gegenteil führt: zur technischen Fähigkeit, die Systemfunktionen so zu bedienen, daß persönliche Existentialität (letztlich: durch Vermassung, weshalb der Verfasser dieser Zeilen immer vom "Akademikerproletariat" spricht, mit dem wir es heute zu tun haben: durch hohen Ausbildungsstand auch gedanklich hoch funktionabel, aber völlig ungebildet) vermieden werden kann. Die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien deutet an, was hier gemeint ist: Menschen mit besten Ausbildungen, die aber mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen und auf die "anderen" warten.

Das aber erst wäre die Basis wirklicher Bildung. Die sich nicht an der Menge der Titel und Befähigungsnachweise richtet, sondern - in unterschiedlichen Ausformungen, aber mit derselben Wurzel - jedem zugängig ist. Ob er am Bauhof arbeitet, oder in der Studierstube. Hans-Hermann Hoppe schreibt einmal sogar - und in diesem Punkt stimmt dieser Artikel ich ihm völlig zu - daß das Glück enorm vieler Hochausgebildeten in einfachsten (nicht: primitiven!) Tätigkeiten läge, nur können sie es nicht mehr erkennen, und aus identitären Gründen nicht mehr verwirklichen. Und sei es als Bewirtschafter eines winzigen Weingartens, der eng eingebunden in ein dörfliches Sozialfeld zum Jahresausklang zufrieden auf seine paar Fässer selbstproduzierter Nordhangauslese blickt, die ihm ein bescheidenes Auskommen ermöglichen.

Erneuerungen, so läßt sich in der gesamten Geistesgeschichte Deutschlands (und gewiß nicht nur dort) kamen nie aus der Mitte einer Gesellschaft. Sie kamen immer von den Randlagen her: den Außenseitern, den Ausgestoßenen, den "Verlierern". Wenn es Sinn hat, sich zu investieren, dann nur, um zu solcher Erneuerung beizutragen. Die nur, wie Simone Weil schon 1943 schreibt, auf eine Weise passieren kann: durch wirkliche Umbrüche in den Denkansätzen.

Oder, wie einer der aktuellen Vertreter der Philosophie der Lebensphänomenologie, Rolf Kühn, sinngemäß schreibt: wir leben in einer globalen Gesellschaftssituation, wo die gesamten lebenspraktischen Ansätze in ihren geistigen Grundlagen als falsch, als historisch nachvollziehbar rettungslos irrtumsdurchdrungen, als lebensfeindlich, ja als todbringend zu verwerfen sind. IN diesem System, aus seiner derzeitigen Logik heraus, ist eine Rückbesinnung auf die einzigen wirklichen kulturtragenden Kräfte - die in den Individuen ansetzen - nicht mehr möglich. So bedeutet das Denken einer Erneuerung radikale Neuansätze zu denken.



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Samstag, 8. September 2012

Leben ins Selbst hinein

Das Teuflische an der Entwurzelung der Menschen heute - in Auflösung der Relevanz der persönlichen und personalistischen sozialen Umfelder, die in Funktionen im Dienste bestimmter Lebensvollzüge ("Wohlstand") aufgelöst werden - ist, daß man sie ihrer persönlichkeitsbildenden Faktoren beraubt. Auf sich selbst geworfen, beginnen sie sich selbst im Leben zu halten - es beginnt die Selbstpropagandisierung ihrer selbst! Getrieben von der großen Angst, ins Nichts zu fallen, in den Tod, sollte dieses Netz des Gehaltenseins durch Sprache reißen - das wesentliche Wirkmoment von Propaganda. Denn die eigentliche Lebensbewegung ist das Leben "ins Mich" hinein, in dem man erst am Leben selbst teilhat. Fehlt hier das "Andere", das Außen, bleibt dieses Selbst in sich begrenzt, während das Soziale immer weniger  integriert werden kann weil die Selbstüberschreitung - in der erst ein wirkliches Selbst entstehen kann weil Raum erhält - keine Haltung wird.

Nein nein, so einfach ist es ja längst nicht zu meinen, da wären die großen Zampanos, die das Volk indoktrinierten! Diese Indoktrination ist scheinbar entufert, und doch zeigt sie einen großen Plan, ist ihre Struktur einheitlich, so komplex im Konkreten sie wurde.

Nur in einem Zurück zur existentiellen Situation kann sich ein Selbst bilden, das in sich ruht, sich nicht permanent der vor allem verbalen Selbstvergewisserung bedienen muß, und auf das Sein des Lebens selbst vertraut. Weil alle Identitätsmerkmale sonst ins Nichts stürzen könnten.

In einer Welt wie der unsrigen, die uns nur noch mit uns selbst konfrontiert, stehen wir ein der Situation einer zunehmenden Dunkel- und Einzelhaft. Wo immer wir mit "Außen" konfrontiert werden, orientiert sich das nur noch an unseren "Bedürfnissen", wie sie unsere bisherige Lebensentfaltung an den Tag gebracht haben soll. Mit einem Internet als präzisestem Ausdruck, das über "Personalisierung" - selbst der gebotenen Information über die Suchmaschinen - alle Tore und Fenster nach außen schließt. Unser Leben wird zur Bunkersituation, während die reale Welt in Schutt und Asche fällt, aufhört uns als sie selbst zu interessieren, auch aus ihr holen wir uns nur noch Material dieser autistischen Selbstgebung.

Eine in seiner psychologischen Wahrheit sehr gelungene Metapher dazu bildet der Film "Lebenslänglich in Alcatraz", der auf einer wahren Geschichte beruht. Der Held (großartig gespielt von Kevin Bacon), der drei Jahre in Dunkelhaft verbringen mußte, hat sich nur durch permanente Gedankentätigkeit überhaupt am Leben erhalten. Jede Winzigkeit der Gegenwart - eine Spinne, eine Assel, die sich verirrt hat - werden zu lebensspendenden Großereignissen. Jede Erinnerung wird wieder und wieder verlebendigt, Kopfrechnen zum tragenden Sinnersatz. Alle vor ihm, die ähnlichen Isolationen (nicht einmal Licht) ausgesetzt waren, sind dem Wahnsinn verfallen. Bei ihm ist "nur" sein soziales Verhalten, die Abschätzung der mitmenschlichen Realität zerstört. Die Wucht bereits der ersten sozialen Kontakte läßt ihn überschnappen, und er tötet, indem er das erste Wort aufgreift, das er hört, das ihm zum Befehl wird, das er nicht mehr gewichten kann. All seinem Denken und Sehnen und Wollen fehlt die körperliche Komponente, selbst seinen größten Wunsch, den nach sexuellem Kontakt, kann er nicht mehr realisieren, obwohl es ihm möglich wäre, er kann aus sich nicht mehr ausbrechen.

Im Rahmen eines Gerichtsverfahrens, das diesen Mord abhandelt, "befreit" aus dieser Isolation, interessiert ihn am Rechtsanwalt, der ihn verteidigen soll, nur die simple menschliche Seite: er will Freundschaft, will Karten spielen, Nachrichten über Baseball. Nur eines nicht: denken! Erst über diese realen Kontakte wird auch sein Persönlichkeitszentrum allmählich wieder lebendig und lebensmutig, bis er sogar seine Angst vor diesem Tod überwinden kann: über einen Sinn (den Sieg über das unmenschliche Gefangenensystem), den er erreicht hat, und der sein Leben erfüllt, selbst wenn er selbst noch nicht davon profitiert.



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Sonntag, 1. Mai 2011

Der Tod des Geistes

"Simone Weil," schreibt Albert Camus in "Der Mensch in der Revolte", "hat das Zeitalter der Technokraten in einer Form beschriebe, die man als vollendet betrachten kann [...] Den beiden überlieferten Formen der Unterdrückung, die die Menschheit kennt, der durch Waffen und der durch Geld, fügt sie noch eine dritte hinzu: Die Unterdrückung durch die Funktion."

Weil hatte sich direkt dem Leben einer Fabrikarbeiterin ausgesetzt, und erlebte binnen kürzester Zeit innerliche Bergstürze. Vom Kommunismus war sie endgültig geheilt, dem sie unterstellte, nur die eine Diktatur durch eine andere, noch schlimmere sogar, zu ersetzen, die der Bürokraten und Funktionäre. Auch stimmten die marxistischen Theorien einfach nicht: der in unmenschliche Sklaverei (in den Fabriken) gezwungene Mensch strebt nicht auf eine Revolution zu, sondern er bricht innerlich, wird zum entwürdigten Teil der Maschinerie, verliert alles Geistige, Höhere des Menschseins, wobei Weil immer wieder von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft berichtet, die sie dort findet.

Das war es, was Weil so entsetzte, sodaß sie meinte, keiner der Ideologen der Weltumstürze hätte jemals in seinem Leben an einem Fließband gestanden, mehr erlebt als Schreibtische und Plaudersalons. "Die historische (hegel'sche; Anm.) Dialektik, die soziale Befreiung notwendig hervorbringt, gibt es nicht." Das Herr-Knecht-Verhältnis ist nicht aufhebbar, man kann es bestenfalls abmildern, abschwächen, in langen Prozessen.

"Alle Arbeit an der Maschine erfordert frühzeitige Dressur des Arbeiters, damit er seine eigene Bewegung der gleichförmig stetigen Bewegung eines Automaten anpassen kann. [...] In der Fabrik existiert  ein toter Mechanismus unabhängig von den Arbeitern, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt."

Der heutige Mensch ist zum Sklaven geworden, der ohne den Sinn seiner Tätigkeit zu erfahren, ohne ihn bestimmen zu können, einem Apparat (als den man auch den bürokratischen Staat, den Leviathan, ansehen muß; Anm.) existentiell ausgeliefert ist, der selbstherrlich Entscheidungen trifft. Unter dieser Erfahrung verändert sich der Begriff vom Leben für die Menschen, schreibt Weil. Alles Kühne des menschlichen Geistes entschwindet, der Mensch nimmt die Mentalität eines dumpfen Tieres an.


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