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Sonntag, 1. März 2020

Es bleibt immer dieselbe Wirklichkeit

Einige gerade in der Zurückhaltung ihre Klugheit sichtbar machende Äußerungen kommen hier von Christian Thielemann in einem Interview aus 2019 zu der in Salzburg gebrachten Oper "Meistersinger von Nürnberg" (R. Wagner) An anderer Stelle sagt derselbe ja, daß wir aus der Tradition wie in den "klassischen" Opern immer neu für die Gegenwart lernen können. Denn die Konflikte und Themen, die sich dort stellen, sind zeitlos, und haben in der Geschichte nur ein je anderes Kostüm. Aber wir können deshalb aus ihnen immer wieder neu für die je heutige Welt lernen.

»Es gefällt mir ganz und gar nicht, wenn Musik oder Musiktheater in den Dienst einer politischen Botschaft gestellt werden. Ich finde das ideenlos und armselig. Spielen wir lieber unsere Klassiker. Die sagen viel Kluges über das, was uns aktuell beschäftigt.«

Die Wirklichkeit bleibt immer dieselbe, in der wir leben, so sehr auch manche Realität wechselt. Jene Wirklichkeit, die immer neu aus dem ewigen Wissen Gottes aus Liebe zum Weltsein drängt, und weil sie Beziehung ist (die sich als "Knoten", als Idee, als logos, als Sinn, als "auf - zu" beschreiben ließe) in Dynamik mit dem faktisch Gegenwärtigen ringt.

Wer also diese Wirklichkeit nicht in rechter Offenheit sucht, einläßt und damit kennt, wird immer auch an der Realität scheitern. Sie wird sich nur fügen, wenn er in manischer Art versucht, sie in Totalitarität zu beherrschen und alle Bedingungen zu bestimmen. Um sich dabei für die Stimme des Wirklichen (logos) taub zu machen. Jeder Totalitarismus weiß somit (mehr oder weniger still) um dieses Losreißen von der Wirklichkeit (die es nur in Gott gibt) und steigert sich immer in seiner Manie, bis es ihn zerreißt.

Wenn man das Leben als täglich, ja stündlich, minütlich, sekündlich neue "Suche nach dem gelungenen Tag" bezeichnen könnte, so ist das die stets neu zu beginnende Suche nach der wirklichen Wirklichkeit, von der die Welt getragen ist. Wo das Wirkliche mit dem Unwirklichen, dem Bösen, dem Zerstörerischen der Anti-Wirklichkeit als Gewalt und Lüge, in stetem Kampf liegt, den es zu führen gilt. In der daraus zu gewinnenden Anverwandtheit mit der Vorsehung Gottes in seinen Ideen, in seinem Geist sohin zu leben ist dann jenes Leben in der Poesie, die das Wirkliche bedeutet, das einen Tag gelingen läßt. In der Zuhauchung des Ewigen, das in die Welt als Wirklichkeit "quer zum Faktischen" ragt, das die Zeit nie ganz einzufangen vermag, das aber im Symbol, ja wie erst im Sakramentalen Ewigkeit in der Zeit bedeutet, aus der alles ist und lebt. Das ist die Aufgabe der Kunst, ja das IST erst Kunst: Darreichung des Wirklichen.




Oder ... wie es der VdZ einmal in einem Interview zu "Die Räuber" äußerte, wo er den Vater spielte, in aller Hektik eines Interviews Minuten vor Beginn der Aufführung:








Dienstag, 5. Juni 2018

Und wenn wir schon dabei sind

Einmal pro Jahr ... Ouvertüre zu Tannhäuser. Hier mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann. Bitte, dieser Streichereinsatz, nach ca. dreißig, vierzig Takten! Nur dieser Moment. Und dann noch den Einsatz der Hörner, ca. Minute 10:50', darauf die Streicher die sich, folgend bis zum finalen Crescendo des Orchesters entfalten. Kann man da nicht sterben? War's das nicht?









*170518*

Montag, 25. Mai 2015

Meisterlich

Zum Vergleich hier die Aufführung der 9. Symphonie Beethovens mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein unter Christian Thielemann, im großen Saal des Wiener Musikvereins, diesem im 19. Jhd. bewußt als Resonanzkörper gebauten Hauses am Ring.

Vollkommenheit, in der sich jeder Teil ins Ganze zu einem neuen Ganzen fügt, und das vielleicht zu selten bei Beethoven Gesehene - seine Anbindung an Musik als Tanz, weil als Weltbewegung, sein Liedhaftes!* - so durchdringend erfahren läßt. Denn das gibt seiner Musik ihre heroische, tiefgeistige Heiterkeit als tragenden Grund, die man aber hören können muß.** (Die wahrzunehmen auch der VdZ lange Jahre brauchte.) Thielemann reißt dabei das Orchester zu einer Höchstleistung, das sonst gerne einmal etwas "ein-wienert", weil es um seine objektive Qualität ohnehin weiß. Die es hier aber wieder einmal zeigt, die sogar in der Digitalisierung noch erahnbar ist.

Hören Sie hier aber den Tanz der Menschheit? Spüren sie, wie die rhythmische Strenge zur Freiheit der Freude als wahre Heiterkeit wird? Sehen Sie im Schlußsatz die in der himmlischen Erlöstheit wirbelnden, im Tanz schreitenden Paare, Männer in ihren schwarzen Jacken mit goldenen Knöpfen, Frauen in ihren roten Röcken, die das Drehen zu Glocken formt, Völker, die sich vor dem großen Finale noch einmal in höchster Spannung im Gebet sammeln, um dann endgültig, vereint mit dem Chor der Engel, die man mitzuspüren meint, freigeworden von aller Erdenschwere loszustürmen ins Licht, in das sie die Schöpfung mitreißen.

Beethoven mußte es in Stufen aufbauen, in diesem fast 50minüten letzten Satz immer wieder zurückgreifen, um Luft zu holen, um eins ums andere nachzuziehen, was der Zuhörer je zurücklassen mußte, bis er ganz in seiner Spitze des Universalen versammelt ist, denn unerfaßbar wäre sonst die finale Wucht, die menschliche Schale wäre zu klein. Das Wesen des Dramas!






*Als Hörempfehlung erlaubt sich der VdZ die Beethoven-Klaviersonaten in der (schon etwas älteren) Interpretation von Friedrich Gulda zu nennen. Denn meist werden gerade diese Werke überfrachtet mit einer Sentimentalität, die dem Werk gar nicht gerecht, aber von vielen im Rahmen eines unerträglich romantisierten Geniebegriffs als "schön" mißverstanden wird. Das hat auch der VdZ erst bei Gulda begriffen. Denn der zeigt einen ganz anderen Beethoven, einen Tanz- und Liedermacher, an den man viel mehr glauben kann, wenn man das einmal herausgehört hat. Es verläßt einen nicht mehr. Plötzlich erhellt sich nämlich dieser Komponist, als würde er von diesem bedrückenden Gefühlsmuff befreit, und seine Musik wird damit erst wirkliches Gefühl und Geist.

**Der VdZ sieht Thielemann in einer Reihe mit Böhm, Furtwängler, vor allem aber Karajan bei Beethoven-Werken, auch wenn er an Beethoven wieder ganz Anderes sehen läßt. Man höre aber des letzteren (späte) Interpretation von Beethovens 7. Symphonie, v. a. im 2. Satz (ab min. 11,47) - die Symphonie als ein einziger volkstümlicher Tanz.  

Was die Völker (und ihre Musik) unterscheidet, was sie, was den Einzelnen, der immer Teil eines Volkes ist, kennzeichnet, ist im Tanz erkennbar und damit mitteilbar, anderen nachfühlbar geworden. Denn Menschsein heißt zuerst: Rhythmus, Bewegungsgestalt zu sein und daran wie darin zur Menschengestalt werden. Die Welt IST Rythmus.








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