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Donnerstag, 1. Dezember 2011

Von sich auf andere

Montaigne, schreibt Erich Auerbach, zielt bei der Erforschung des beliebigen eigenen Lebens auf die Erforschung der condition humaine überhaupt ab. Und er offenbart damit das heuristische Prinzip, dessen wir uns, bewußt oder unbewußt, in verständiger oder unverständiger Weise dauernd bedienen, wenn wir die Handlungen anderer Menschen zu verstehen und zu beurteilen bemüht sind, seien es die Handlungen unserer nächsten Umgebung oder ferner liegende, politische oder geschichtliche: wir legen an sie die Maßstäbe, die uns unser eigenes Leben und unsere eigene innere Erfahrung bieten; so daß unsere Menschen- und Geschichtskenntnis abhängig ist von der Tiefe unserer Selbsterkenntnis und der Weite unseres moralischen Horizonts.

Er ist sich selbst genug, schreibt Auerbach, Montaigne ist sich selbst Studiengegenstand, denn nichts kann er so gut kennen, wie sich selbst, alles andere ist unsicherer. Deshalb lehnt er auch jede abstraktive wissenschaftliche Methode ab, er hat kein Vertrauen zu ihnen.

Wenngleich seine Herangehensweise - das Ausleuchten aus beliebig auftauchenden Winkeln - genau deren Vorgehensweise ist. Aber Montaigne braucht keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, sie nützen ihm nichts. Nur das Menschliche fesselt ihn. Wie Sokrates könnte er sagen, daß ihn der Baum nichts lehrt, aber der Mensch in der Stadt.


*011211*

Mittwoch, 23. November 2011

Sinnkonzept

Das gedankliche Konzept der Geschichtsmächtigkeit bei Dante beeindruckt durch seine philosophische Verankerung immer wieder. So sieht er die Ordnung der Geschöpfe nach dem Plan Gottes nicht auf das irdische Hiersein beschränkt, sondern dieses ist Ausdruck und Darstellung des geistigen Planes (wie er in den Engeln zum Ausdruck kommt).

Deshalb finden sich bei Dante im Jenseits auch Heiden in Allegorien wieder, die ihr irdisches Dasein reflektieren. Denn natürlich tragen oder trugen auch sie ihren spezifischen Sinn, der sich geschichtlich wiederfindet bzw. das ewige Jenseits in die Geschichte mit hineinnimmt: wo sich der Mensch auch im Jenseits in der für ihn spezifischen Lage, die im Konkreten eine Summe wie Resultante seiner irdischen Handlungen war, und die offenbart weil ausbildet, was seine wirkliche Willensrichtung war. So wie in der Auseinandersetzung mit dem Weltganzen offenbar wird, wieweit der Mensch damit seinen Auftrag erfüllt hat.

Jeder Tote, schreibt Erich Auerbach in "Mimesis - Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur",  empfindet seine Lage im Jenseits als den noch fortspielenden, jederzeitlichen letzten Akt seines irdischen Dramas.


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