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Sonntag, 25. November 2012

Das Wahre ist unglaublich

Ein Satz von Plutarch, oft verwendet, meist aber falsch weil falsch übersetzt, schreibt Franz Vonessen, in Übersetzungen die zwar auch auf ihre Art wahr sind, aber ihn nicht ausschöpfen, wie zum Beispiel: "Mangelndem Zutrauen (apistia) entgeht es (das Göttliche) und wird nicht erkannt.". 

Die beste Übermittlung in Anklang an Schleiermacher lautet freilich:

"Durch seine Unglaublichkeit entschlüpft das Wahre dem Erkanntwerden."

Das Kleinkind beginnt bei den allergeistigsten Erkenntnissen, das Sinnliche folgt erst nach und nach. Die Erkenntnis beginnt als Offenheit für jene Züge der Welt, die übersinnlich sind, bei seelischen Phänomenen, wie Freundlichkeit, Liebe, Zuwendung. Anfangs interessiert es sich für Gesichter, nicht für Sachen.

Heraklith meint dazu, daß die Menschen das Göttliche aber nicht festhalten, ja nicht einmal auffassen können. Die Erkenntnis findet so keinen Halt, gleitet ab, bis sie ganz unten, am Boden angekommen ist, wo sie Stand findet.  Hier setzt sie sich erleichtert fest und richtet sich ein - und stülpt alle Begriffe um. Plötzlich wird die abhängige Form der Erkenntnis höher bewertet als die Gotteserkenntnis, die immer schwieriger wird.

Dann versteht man nichts mehr von der Wahrheit, sondern nimmt das Göttliche für Ausgestaltungen der Phantasie. von denen man glaubt, frühere Generationen hätten sie  in Anwandlungen von Schlichtheit aus den Reatlitäten, mit denen sie noch nicht so recht umzugehen wußten, herausgezogen. 

Aus Mythen wurden so Märchen. Wo das Märchen beginnt, ist die Visio Dei, die Gottesschau, bereits verloren gegangen. Wer sieht, ist sich der Welt sicher. Wer nicht sieht, wer blind ist, will sich ihrer vergewissern, und klammert sich an das, was ihm wichtig ist. Er sucht die Sache auf jede Weise dingfest zu machen. Aus der Welt des sichtbaren Gottes wurde eine Welt des Traumes, des Schönen und Liebenswerten, der Dichtung, der Kunst und eben auch der Hausmärchen. In ihnen werden die letzten Reste älterer Wahrnehmung festgehalten, unter einer dicken Dornenhecke schlummert der heilige, alte, reine Sinn. Und wäre nicht der Kairos Helfer, der den schwierigen Weg zum Kern der Sache eröffnet, im Spiel wäre, erstickte der Eindringling unweigerlich im Dickicht einer Phantasie, zu der es den Schlüssel nur von innen, vom erreichten Zentrum her, gibt.

Das Wahre aber wird nicht falsch, es bedarf nur geöffneter Augen; es muß nur erkannt, aus den Ablagerungen tausendjährigen Mißverstehens ausgegraben, ans Licht geholt, von seiner Unglaublichkeit, die aber nicht ihm selber anhaftet, sondern auf uns, den "Erkennenden" lastet, befreit werden.

Zu glauben, wirklich zu glauben muß gelernt werden. Und es braucht heute enorme Mühe, die eigenen Verbautheiten zu destruieren, ihnen nachzugehen, sie dadurch aufzulösen, um aus den Armeln unserer rationalistischen Zwangsjacken wieder freizukommen. Um wieder wahr zu denken, um wieder zu erkennen, um Gott wieder zu sehen.




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Samstag, 24. Juli 2010

Der Funke im Grotesken

An Bizarrerie kaum zu überbieten sind Schopenhauers Erklärungen zur Päderastie (=Homosexualität). Er sieht sie, vereinfacht, als List der Natur, denjenigen (und da also vor allem den Älteren), der noch den Trieb zur Artfortsetzung verspürt, aber nur in der Lage ist, schwache, untaugliche Spezies seiner Art zu schaffen, zur Befriedigung seines Antriebes zu bringen, ohne der Spezies Schaden zuzufügen.

Hier wird Schopenhauer zur wahrhaftigen Karikatur, wo er die Vorliebe der Antiken für die Päderastie zu begründen sucht. Dem männlichen Alter sei sie ja fremd und unbegreiflich, sie sei ja eine Neigung, die vorwiegend dem Jungen wie dem Alten eigne, und ihre Gefahr liege darin, sie zum Laster werden zu lassen. Als Beleg zieht Schopenhauer vorgebliche empirische Belege herbei, wonach junge wie alte Menschen vorwiegend geistig wie körperlich schwächliche Nachkommen zeugten. Immerhin meint auch Plutarch, daß die Knabenliebe "echt und düster" sei, und die wirkliche Liebe vertreibe.

Nun kann es ja für Schopenhauer in der "Natur" nichts "Sinnloses" geben! Also muß er eine naturimmanente Erklärung suchen - wenn es keine Freiheit gibt, ist alles "natürlich", wenn auch nicht alles "gut". Das Nicht-Gute auszumerzen wird dann eben auch naturgewollt. (Den Übeltäter zu erschlagen Selbstreinigung der Natur. Etc. etc.) Eigentliche "individuelle Moral" (die dem Kantianer Schopenhauer nur über Willensentscheid möglich ist) gibt es für ihn nur "contra naturam" - als Akt gegen das Leben, als wörtliche Lebensverneinung. Eine Ansicht, die ja auch heute weitest verbreitet ist, und dem Protestantismus (dem ja auch die Natur, die Schöpfung gefallen, also verderbt ist) sowie dessen Vor- wie Nachläufern (Schwärmertum, Mystizismus etc.) entstammt.

Der Funke Wahrheit freilich liegt in der von Schopenhauer indirekt angesprochenen Selbstschwäche des sich zur Homosexualität Entschließenden (die, wie hier schon mehrfach ausgeführt, keine Identität für sich darstellt, sondern eben den Mangel an einer solchen, weshalb sich auch Homosexuelle in ihrer "Zweisamkeit" Identitätsvorbilder in den normalen Geschlechtsbeziehungen suchen), man muß also zum Beispiel an obiger Aussage die Betonung auf "männlich" sehen - weil sie (als Neigung) bei jenem auftritt, dessen Persönlichkeit zu schwach (oder zu unwillig, was allenfalls aus selber Wurzel oder gar dasselbe scheint) ist, das Weib zu nehmen und zu prägen. Insofern stimmt sogar Schopenhauers Bezug auf Alte (deren Kraft nachläßt) und Jugendliche (die ihre Identitätskraft im Lebensvollzug und Ausbau ihrer Persönlichkeit erst aufbauen müssen).

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Seit der Zwischenkriegszeit wird in einer Langzeit- und Großstudie die Zeugungskraft der Männer (USA und Westeuropa) anhand der Anzahl der Spermien in der Samenflüssigkeit untersucht. Das Ergebnis ist erschreckend: die Zahl hat sich AUF EIN DRITTEL im Durchschnitt reduziert. Wobei sie bei manchen Gruppen nahezu gleich blieb, bei den meisten aber dramatisch abnahm, und weiter abnimmt.

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Es besteht für mich nicht der geringste Zweifel, daß die Homosexualität in der Kirche (auch fast alle Mißbrauchsfälle, über die berichtet wurde, sind ja Fälle von Homosexualität, wobei hier das Wort Päderastie, Knabenliebe, wirklich treffender wäre) in dem Maß zunahm und weiter zunehmen wird, als die Kirche ihre Männlichkeit völlig aufgab, und zu einer weibischen, gestalt-/formlosen Veranstaltung mißverstandener "Lieblichkeit" (Liebe gibt es nur durch Männlichkeit weil Treue zur Wahrheit) verkam. Die "Liturgiereform" der späten 1960er/frühen 1970er-Jahre war nichts anderes als eine Beseitigung der männlichen Gestalt, und eine Verweiblichung als durchgeführte Gestaltlosigkeit. Solange sie dies nicht behebt, wird sie nur - und zu Recht - verschwinden, sich auf die wenigen Männlichkeiten zurückziehen.

Die Kirche wird nur in Gestalt überleben.

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Die Natur führt in der Homosexualität das Schlechte an der Nase herum, um zu verhindern, daß es sich fortzeugt - auf diese, im Rahmen seiner Denkweise aber stringenten Argumentation, reduziert sich Schopenhauers These zur Päderastie. Eigentlich stellt er also die Homosexualität moralisch "neutral", sie wird sich durch Unfruchtbarkeit ohnehin selbst ausrotten. Um dennoch vorzubeugen, daß man ihm vorwerfen könnte, er würde sie verteidigen, führt Schopenhauer an, daß ihre Verwerflichkeit darin liege, daß sich im Homosexuellen der Weltwille an sich den Weg zur Erlösung im Einzelwillen versperrt, weil sich der Wille an sich nicht (fortzeugend) fortsetzt, im Päderasten also der Lebenswille verneint.

Fast hat man den Eindruck, daß sich Schopenhauer damit nicht ohne Stolz eingereiht sieht in die lange Riege jener Philosophen, die von alters her die Päderastie als "Neigung der Weisen" sehen. Und außerdem hat er den Spagat geschafft - zwischen persönlicher Abneigung, die aus allen seinen Bemerkungen zu dem Thema spricht, und antikischem Ruf der Großen, in die er sich zweifellos eingereiht sieht.


*240710*

Freitag, 9. April 2010

Die hinzugedachte Welt

Anhand der von jedem zu machenden Beobachtungen am Sehvorgang zeigt Schopenhauer den Anteil von Verstand wie, in der Unterscheidung: der Vernunft, am menschlichen Wahrnehmen (und insofern: begrifflich konstituieren) der Welt. Wie am Beispiel eines Schiffes, das unter einer Brücke, auf der wir stehen, durchfährt. Was, wer bewegt sich? Das Ufer scheint sich zu bewegen, der Verstand "sieht" in seiner Annahme einer Kausalität "immer" richtig, denn er geht von Ursache und Wirkung aus. Erst im Abstrahieren, dem Zusammenführen und Abwägen vieler Eindrücke und Fakten, wird die wirkliche "Wirklichkeit" erfaßt.
Das vom Verstand richtig erkannte, schreibt er in "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde", ist die REALITÄT. Das von der Vernunft richtig erkannte ist die WAHRHEIT, das ist ein Urteil, welches Grund hat: jener ist der SCHEIN (das fälschlich Angeschaute), dieser der IRRTHUM (das fälschlich Gedachte) entgegengesetzt.

Obgleich, schreibt er weiter, der rein formale Theil der empirischen Anschauung also das Gesetz der Kausalität, nebst Raum und Zeit, a priori im Intellekt liegt, so ist ihm doch nicht die Anwendung desselben auf empirische Data zugleich mitgegeben: sondern diese erlangt er erst durch Übung und Erfahrung. Daher kommt es, daß neugeborene Kinder zwar den Licht- und Farbeneindruck empfangen, allein noch nicht die Objekte apprehendieren und eigentlich sehen; sondern sie sind, die ersten Wochen hindurch, in einem Stupor befangen, der sich alsdann verliert, wenn ihr Verstand anfängt, seine Funktion an den Datis der Sinne, zumal des Getasts und Gesichts, zu üben, wodurch die objektive Welt allmählig in ihr Bewußtsein tritt. Dieser Eintritt ist am Intelligentwerden ihres Blicks und einiger Absichtlichkeit in ihren Bewegungen deutlich zu erkennen, besonders, wenn sie zum ersten Mal durch freundliches Anlächeln an den Tag legen, daß sie ihre Pfleger erkennen.

Das zeigt sich sogar an Blinden, die durch Operation wieder "sehend" werden: sie "sehen" nämlich erst, trotz wiederhergestellter Sinnesreizungen, "gar nichts". Sondern sie müssen erst lernen, diese Reizungen zu bewerten, in Erfahrung umzusetzen, und schließlich abstrakten Anschauungen zuzuordnen, um so endlich zu "sehen".

Damit wird nicht nur der Anteil des Ich (und damit der Sittlichkeit, im erweiterten Selbst) am Urteil über die Welt klar, klar dessen Aufgabe des Konstituierens selbst - ein Satz, der stimmt, solange man dieses Konstituieren nicht im ontologischen Sinne versteht (wenn auch die Quantenphysik in ihren Aussagen aus Beobachtungen in dieser Richtung zarte Hinweise nahelegt: denn manche Ergebnisse könnte man dahingehend deuten, daß das Bewußtsein den kleinsten Bestandteilen der Materie ihre Eigenschaften mitteilt, Anm.) - sondern auch die Bedeutung übernommener "a priorischer" Urteile sowie der Qualität wie Quantität schon der als Kind gemachten - realen, nicht der "erzieherisch gedachten" - Erfahrungen als abgelöste Eigenschaften der Wirklichkeit.

Das Anschauungsbild geht dem sinnlich Erfaßten voraus - das nun erst zum Gesehenen, zum Etwas wird. Epicharmos, ein griechischer Philosoph, sagt es einmal so: Der Verstand sieht, der Verstand hört, alles andere ist blind. Weil die Empfindung in den Augen und Ohren keine Sinneswahrnehmung bewirkt, wenn nicht das Denken dazukommt. Und Plutarch, der davon berichtet, schreibt weiter: Es ist der Physiker Straton der beweist, daß ein Wahrnehmen ohne Verstand ganz unmöglich ist.

Es gibt sie nicht, die weltanschauungsfreie Wahrnehmungswelt, und insofern - aber nur insofern - weltanschauungsfreie Welt der Objekte. Daher müssen alle wahrnehmenden Wesen Verstand (zumindest in der Erkenntnis der Kausalität als Welteigenschaft, Anm.) haben, denn nur durch den Verstand nehmen sie wahr.

Aber nicht alle haben Vernunft - die bleibt dem Menschen eigen. Und hier tatsächlich: jedem, und prinzipiell in gleichem Ausmaß. Die menschlichen Unterschiede in der Leistungsfähigkeit liegen im Verstand, der über die Sinne je sein "Material" zu bearbeiten, sein Menschsein zu konkretisieren hat.

Die Gliederung, Ordnung aber ist allgemein menschliche Leistung.

Die Kausalität der Welt, aus der heraus erst Verstandestätigkeit (in unterschiedlicher Ausprägung und Veranlagung) aussagbar ist, muß also, so Schopenhauer, eine a priori Erkenntnis sein, die sogar den Tieren eignet. Aus der Wahrnehmung über die Sinne alleine erschließt sie sich nicht: denn sie setzt voraus, was die Sinne erst liefern sollten. (Dies, in Schopenhauer'scher Diktion, gegen den Empirismus von Locke und Hume gesagt.)

Doch geht es ja nicht um die Kausalität, hier, sondern ... um die Kunst, und deren Wirkung. Und deren Aufgabe. Weshalb ein Wort von Leibniz angebracht ist, der in diesem Zusammenhang sagt: "Die Wahrheit der Sinnendinge besteht nur in der Verknüpfung der Erscheinungen, welche ihren Grund haben muß, und das ist es, was sie von den Träumen unterscheidet. [...] Das wahre Kriterium, wo es sich um Sinnendinge handelt, ist die Verknüpfung der Erscheinungen, welche die tatsächlichen Wahrheiten hinsichtlich der Sinnendinge außer uns verbürgt."

Die Aufgabe der Wahrheitsfindung ist also: das Herstellen (bzw. Finden) jener Ordnung (im wiederherstellenden Darstellen), die sich auch in der (vielfach als Ursache-Wirkung-Stränge verflochtenen) Realität ("...") findet, und sich an ihr "erweisen" läßt. Und in diesem Sinn: die Realität zur Wahrheit erhellt.

Wenn es also eine Poesie überhaupt geben kann, so muß sie auch hinter aller Realität - als Wirklichkeit - stecken. Dies vorbeugend gesagt: um Poesie von Traum (Schein), und wie erst von einer völlig mißverstandenen, willkürlich gedachten (also: positivistischen) "Phantasie" abzugrenzen.

Der Dichter, der Mensch, denkt also der Welt sie selbst, in ihrem Wesen, hinzu, und macht sie begreifbar ...

Bildrechte bei Dieter Huemmer


*090410*