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Dienstag, 13. Juli 2021

Hält Przemysl? (2)

Immerhin 48 Kilometer war dieses System aus Bunkeranlagen, Geschütz- und Infanteriestellungen und -gräben lang. Das relativiert die den unbefangenen Betrachter vielleicht erschreckend hohe Zahl von Verteidigern. Die aber zum großen Teil sowieso aus nur bedingt kriegstauglichen Rekruten zusammengesetzt war, die, wie sich bald herausstellen sollte, nach den ersten Schüssen des Feindes auf und davon liefen. Das Durchschnittsalter der Soldaten lag bei Mitte dreißig bis Mitte vierzig. Unternehmer, Verwaltungsbeamte, Bankdirektoren, oft weit über "Soldatenfigur" und in einer katastrophalen körperlichen Verfassung (bald sollten sie freilich radikale Fasten- ja Hungerkuren durchmachen müssen) in zwei Dutzend Sprachen, wo oft ein Soldat den Kameraden neben ihm nicht verstand.

Das alles befehligt von Offizieren, die kaum besser ausgebildet, und schon gar nicht mutiger waren. Die ihre Soldaten später dann schon bei ersten gefährlichen Situationen sträflich im Stich lassen würden, sodaß Kompanien (oder das, was von ihnen noch übriggeblieben war) von beherzten Korporalen, und Regimenter von Vizeleutnants "befehligt" wurden, die das nur "taten", weil sie zu feige gewesen waren, wie seine Vorgesetzten im russischen Artilleriefeuer zurückzulaufen. Nach den ersten schweren Angriffen Anfang Oktober würde es sogar eine Division geben, die von nur noch einem einzigen Leutnant, dem letzten von dutzenden Offizieren, befehligt wurden, dem ein routinierter Vizeleutnant (ein Charge, also nicht einmal ein Offizier) zur Seite stand, der aber wenigstens wußte, wie Dinge realisiert werden konnten. 

Montag, 12. Juli 2021

Hält Przemysl? (1)

Als Dr. Jan Stock, der oberste Proviantoffizier und Vizekommandant der Festung Przemysl, es niederschrieb war er nach eigener Aussage selbst erschrocken. Denn er war doch ganz sicher immer liberal und weltoffen gewesen. Der durch zahlreiche Zeugnisse höchst vernünftige, gleichermaßen kühl denkende wie kluge Mann gestand sich nun aber etwas ein, von dem er nie geglaubt hätte daß er es eines Tages so sehen würde - daß nämlich die Vorurteile über Juden zuträfen. 

Denn was sich während der Belagerung dieser k.u.k-Festung, die vom 5./6. Oktober 1914 - mit einer dreiwöchigen Entsatz-Unterbrechung im November - bis zur Kapitulation am 22. März 1915, Schlag sieben Uhr morgens, dauerte und über enorme Härte, Notz und Hunger ging und die längste Belagerung (als wehrhafte Vollumschließung durch einen Feind) des Ersten Weltkrieges war, ließ auch in seinen Augen kein gutes Haar an ihnen. Und das sahen alle Eingeschlossenen so, die in ihrer völkischen und sprachlichen Vielfalt wie eine Widerspiegelung der zahlreichen Völker und Volkschaften der Habsburger Monarchie wirkten. Aber mitten in der zunehmend schneidender werdenden Lebensmittelknappheit aus der Not der Mitmenschen auch noch dermaßen brutal Profit zu schlagen, zeigte einen Grad an moralischem Verfall, den niemand sonst in Przemysl (wo über Jahrhunderte ein hoher Anteil an Juden nie wirklich geliebter Teil des Weichbildes der Stadt war) fassen konnte.  

Dienstag, 16. Januar 2018

Warum Österreich den 1. Weltkrieg begann

Der Wiener Historiker Lothar Höbelt wartet in diesem Vortrag mit einer ziemlich überzeugenden Sichtweise betreffend der Gründe auf, warum sowohl Österreich als auch Rußland schon seit 1913 den großen Krieg wollten. Damit räumt er mit manchem gängigen aber falschen historischen Geschichterl auf und läßt die Rolle Österreichs etwas anders sehen. Denn schon 1913 wollten der Kaiser Franz Josef ebenso wie sein Ministerpräsident Berchtold einen Krieg, ja sogar einen großen Krieg. Franz Josef war also keineswegs, wie oft dargestellt, das arme Opfer böser Kriegshetzer, er wußte genau, was er wollte. Der Mord an Franz Ferdinand kam dann sehr gelegen.

Höbelt geht also nicht so gnädig mit der Donaumonarchie und dem Kaiser um, wie es die Geschichtsschreibung tendenziell heute macht (siehe Christopher Clark). Allerdings ist die Suche nach Ursachen für den Ausbruch des Krieges 1914 nicht eine Frage nach Schuldkategorien, wie heute ständig getan wird. Sieht man von den wenigen Pazifisten ab, sah damals niemand in einem Krieg etwas Apokalyptisches, Furchtbares.

Die Gründe für die Habsburger Monarchie waren in jedem Fall klar logisch und nachvollziehbar, und ebenso waren sie es für die weiteren beteiligten Mächte. Den Anlaß von Sarajewo (mit der Ermordung des Thronfolgers) nutze man, weil man salopp formuliert sowohl in Wien wie dann in Berlin meinte, es sei besser jetzt loszuschlagen als drei Jahre später. Dann wäre auch Deutschlands strategisches Konzept (der Vermeidung eines Zweifrontenkrieges), wie es seit den Jahren nach dem Wiener Kongress immer weiter ausformuliert wurde, nicht mehr aufgegangen. Denn Rußland war gerade dabei, mit französischem Geld (und Frankreich hatte viel Geld, aber keine Anlagemöglichkeiten im Inland, wie Deutschland oder die USA, und zu einer Schwerindustrie die sich mit Deutschland hätte messen können fehlte es an Kohle) seine Eisenbahnlinien nach dem Westen auszubauen, um rascher mobilisieren zu können. Der absehbare Feind wurde also mit jedem Jahr stärker.

Alle Seiten waren jedoch überzeugt, daß der Krieg nur von kurzer Dauer sein würde. Und das war die weitreichendste Fehleinschätzung. Sogar noch bis 1917 war man der Auffassung, daß es doch nicht mehr lange dauern könnte. Gerade 1917 aber wurden die schwerwiegendsten Fehlentscheidungen getroffen, und zwar - wie Höbelt meint - aus der Technikversessenheit der deutschen Militärs heraus. Die durch den U-Boot-Krieg, dessen Möglichkeiten sie überschätzten, ausgerechnet die Amerikaner in den Krieg lockten. Dabei war England schon pleite, Frankreich kriegsmüde bis zu Massenmeutereien, Italien besiegt und Rußland durch die März-Revolution (der dann der kommunistische Putsch im Oktober folgte) im Zusammenbruch. Man hätte nur ein paar Monate noch aushalten müssen.

Übrigens: Der Grund, warum die österreichischen Truppen unter deutschen Offizieren lieber kämpften als unter eigenen Landsleuten (wie viele Quellen berichten) lag laut Höbelt, darin, daß die österreichische Heeresleitung ausgesucht skrupellos hinsichtlich der sinnlosen Verheizung der eigenen Soldaten war, während deutsche Offiziere mit Menschenleben weit behutsamer umgingen. Man konnte an der Donau den modernen Krieg einfach nicht denken. Man rechnete nicht mit so hohen Kampfverlusten, denn bislang waren die meisten Kriegsopfer eher Tote durch Seuchen und Krankheiten gewesen, während die reinen Kampfverluste eher niedrig blieben. Nun war es überraschend anders. Deshalb waren die Verluste in den ersten drei Monaten so horrend.

Aber auch die übrigen Mächte hatten ihre Not mit der neuen technischen Art Krieg zu führen: Überall war die Logistik ein kaum zu bewältigendes Problem. Hatte früher ein Soldat gerade verschossen, was er so am Körper tragen konnte, verschossen die Kanonen und Maschinengewehre täglich Tonnen von Munition. Das mußte aber immer neu herangeschafft werden! Deshalb versiegte wohl auch die deutsche Offensive, die je weiter sie sich im Vormarsch von den Bahnlinien im Norden Frankreichs entfernte, umso schwieriger zu versorgen war. Gleiches gilt ja für die "Versorgung aus dem Land", wo die Verteidiger im Vorteil sind. Denn der Angreifer betritt immer und mit jedem Schritt ein bereits vom Kampf gezeichnetes und oft schon kahles Land.

Interessant auch, daß Höbelt als Grund für die schon ab 1915 fatale Versorgungslage der Bevölkerung keineswegs die alliierte Blockade nennt. Vielmehr war es die stumpfsinnige Lebensmittelpolitik der Regierung. Die schon im ersten Kriegswinter 1914/15 bei Festsetzung von Maximalpreisen (die die Kosten der Bauern nicht mehr deckten) bei gleichzeitiger Requirierung der gesamten Ernte den fatalen "Anreiz" schufen, entweder gar nichts mehr anzubauen, oder das Getreide lieber an die Schweine zu verfüttern oder am Schwarzmarkt zu verkaufen. In den folgenden Jahren änderte man aber das Gesetz nicht, weil man stets meinte: Naja, in zwei Monaten ist der Krieg sowieso vorbei.

Die Erzählung vom italienischen Verrat an den Achsenmächten löst der Wiener Historiker praktisch auf. Italien hatte kaum eine andere Wahl als sich 1915 gegen Österreich zu wenden. Dabei ging es ihnen in Wahrheit gar nicht um Südtirol, sondern um Dalmatien, das war strategisch für sie viel wichtiger. Aber jeder Krieg gegen England, dessen Flotte das Mittelmeer beherrschte, wäre für Italien mit seinen langen Küsten und wichtigen Hafenstädten fatal ausgegangen.

Der "deutsche Blankoscheck" von 1914 (auch darüber wird viel diskutiert) hatte laut Höbelt einen leicht nachvollziehbaren Sinn. Erst einmal: Um Ungarn davon zu überzeugen, zum Krieg seine Zustimmung zu geben, mußte man ihm die Gewähr geben, daß Rumänien ruhig blieb. Weil dort Hohenzollern Könige waren, sollten die Beziehungen zum deutschen Kaiser diese Garantie bringen. Ansonsten, daß auch Deutschland den Krieg wollte - fast "wollen mußte" - lag darin begründet, daß man nicht lange mehr zuschauen konnte, bis Rußland seine Verkehrslinien so gut ausgebaut hatte, daß die deutsche Strategie (die immer darauf abzielte, daß man erst an einer Front gewinnen mußte, diesmal also Frankreich, um sich dann der anderen zuwenden zu können) zunichte gemacht worden wäre. Also hoffte man fast, daß Österreich in Serbien zuschlug, einmal, und dann, daß die Russen eingriffen, auch das passierte wie vorhergesehen.

Denn Rußland hatte im Gegenzug für seine Stellung gegen die Achsenmächte und die Türkei den Bosporus samt Konstantinopel versprochen bekommen. Und ein Krieg mit der Türkei war langfristig sowieso nicht zu vermeiden. Warum also warten, bis Bulgarien (nach den Balkankriegen, die es verloren hatte) wieder erholt genug war, um sich gegen Rußland zu stellen.

Noch einen Grund führt Höbelt an, warum der Krieg jetzt und nicht später, und auch nicht kleiner anfangen mußte: Österreich-Ungarn konnte sich die Finanzierung der Alarmpolitik am Balkan nicht mehr länger leisten. Die rund 10 Prozent Steuerquote ließ so eine aufwendige Mobilisierungspolitik am Balkan (man hatte seit 1908 schon dreimal mobilisiert, aber dann doch nicht eingegriffen) nicht länger zu. Ein kleiner Krieg (nur gegen Serbien) war kaum noch finanzierbar. Sehr wohl aber ein großer, und tatsächlich hat die Monarchie ja schon bei Kriegsbeginn anders als Deutschland (wo das erst 1917 nach langen Diskussionen passierte) die gesamte Wirtschaft unter Zentralplanung und Zwangsverwaltung gestellt. Nun war Geld wieder unbegrenzt da, man mußte es nur drucken.

Interessante Rückschlüsse bietet der Hinweis Höbelts, daß der lange Krieg vor allem dem Mittelstand (in allen Ländern gleichermaßen) den totalen Garaus gemacht hatte. Das hatte größte Bedeutung für den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und die Revolutionsstimmungen ab 1918ff. Nur der Mittelstand hatte etwas zu verlieren, er wurde auch enteignet. Arbeiter hatten sowieso nichts, vorher nicht wie nachher. Reich wurden (oder blieben) nur die Produzenten von Gütern, die für die Kriegsführung wichtig waren.

Während der vielzitierte Nationalismus praktisch überhaupt keine Rolle spielte, zumindest nicht zuerst (bestenfalls in Serbien.) Keiner der Kriegstreiber in der Monarchie war Nationalist, sie waren vielmehr alle das, was man "Weltbürger" nannte. Erst mit der Kriegsdauer und dem Zerfall der Monarchie spielte er - als jene Ebene, die die Völker auffing, nachdem sie aus der übergeordneten Rolle herausgefallen waren - seine Rolle.

Auch interessant: Nicht nur die Polen (in ihrem Kampf gegen Rußland, denn ein guter Teil Polens war ja Teil Rußlands) waren sehr monarchie- bzw. achsenfreundlich, sondern auch die Juden, und zwar überall auf der Welt. (Jiddisch ist ja sogar eine Art "deutsch".) Juden aus New York finanzierten sowohl Deutschland als auch Österreich-Ungarn durch Kredite. Das hat dann seine Bedeutung, wenn man vom Balfour-Abkommen 1917 spricht, das das spätere Israel im Grunde beschloß. Diese Zusage (in der die Engländer ein Land verschenkten, das ihnen gar nicht gehörte, was zum späteren Aufkommen des Bonmots führte, warum es dann nicht die Schweiz hätte sein können?) war aber auch ein Versuch, die Juden auf die Seite der Alliierten zu ziehen und deren Sache, den Sieg über die Mittelmächte, mit den ihren zu verschmelzen.










*181217*

Donnerstag, 31. August 2017

Als die Welt zu Ende kam

Warum Kaiser Franz Josef so ostentativ seinen jährlichen Sommerurlaub auch in jenem August 1914 antrat, während die Diplomatie auf Europas Höfen auf Hochtouren lief, ist bis heute umstritten. Ähnlich wie der deutsche Kaiser, der sich trotz der sich überschlagenden Ereignisse auf seine Hochseeyacht begab, um sich in der Ostsee zu erholen, wollte vermutlich Franz Josef nicht den Anschein erwecken, Österreich-Ungarn plane dramatische Vorgehensweisen. Sie wurden es trotzdem. Mit einigen Fernsprüchen zwischen Tee und Kuchen, in kurzen Gesprächen im Salon mit Besuchern aus Wien entschied der Kaiser von hier aus den Angriff auf Serbien. In Wien trafen dann die Kriegserklärungen der europäischen Staaten als deren technische Folge ein, eine nach der anderen, eine nach der anderen Folgekriegserklärungen folgten. Ganz Europa stand binnen kurzem in Flammen.

In Wahrheit war das Attentat von Sarajewo allen nur ein Anlaß gewesen, recht sicher von England herbeigezündelt, recht sicher von anderen leichtfertig zugelassen, um die viele Jahre und Jahrzehnte schon aufgebauten Spannungen und Absichten einer die alten Kleider sprengen wollenden Welt endlich ins Werk zu setzen. Die Welt war voller neuer Elemente, aber es fehlten die Kleider dafür. Was nach einem kurzen Telephonat des Kaisers, in dem er vermutlich auch noch falsch informiert dem Angriff am Balkan zustimmte, passierte hatte aber noch niemand denken können. Ein Krieg ohne Ehre, ein Krieg ohne Kultur, der nur noch Nutzen, Zweck und Effekt kannte, übertraf alles was vorstellbar war. Ein Krieg in dem sich nur noch Maschinen begegneten. Schon zwei Jahre vor Deutschland hatte Österreich-Ungarn nur wenige Tage nach Kriegsbeginn die gesamte Wirtschaft des Reiches unter Zentralplanung gestellt.

Denn auf einen länger dauernden Krieg war das Land gar nicht vorbereitet. Bis Ende 1914 fiel praktisch jeden Monat die gesamte zu Anfang eingerückte Armee, mußte Monat für Monat ersetzt werden. Das Blutbad, wenn Kürassiere gegen mit Maschinengewehre ausgerüstete Schützengräben stürmten, bereit zum Zweikampf Mann gegen Mann, Ehre gegen Ehre, war unfaßbar, der Schock unendlich. Und es fielen zuerst die Besten, die Mutigsten. Ihr Mut zählte nicht mehr. Cleverness, die mit Mut nichts zu tun hat, war nun gefragt. Für Österreich keine vorhandene Kategorie. Es folgten die Niedrigen. Die Schäbigen. Die Cleveren. Der Krieg wurde heimtückisch, und diese Niedertracht war plötzlich sogar erforderliche Tugend, um zu überleben.*

Eine Welt brach im August 1914 zusammen, und hier war der Knotenpunkt der sich löste. In der Kaiservilla in Bad Ischl. Lange schon vorbereitet, lange schon in der Kunst erahnt, ja herbeigesehnt, ja ... gefordert, um Raum für eine neue Welt zu geben, egal wie sie aussah. Sie mußte nur aus anderen Quellen kommen. Millionen Soldaten kehrten aus den Gräben zurück und verstanden nichts von dem, was da passiert war, verstanden auch nichts von dem, was sie zu Hause antrafen. Sie waren irrelevant geworden. An dieser neuen Welt gab es nichts mehr zu verstehen, sie verlangte sogar das Ausschalten des Geistes. Stillschweigend waren sie deshalb auch 1939 dem Ruf zu den Waffen gefolgt. Eine ganze Generation verstummte, und versuchte in ihren höchsten Geisteskräften zu rekonstruieren, was da zu Grabe gesunken war. Die Philosophie, die analytische Wissenschaft kam zu einer Blüte, die zu den Hochzeiten des Abendlandes gerechnet werden muß. In diesem nunmehr winzigen Österreich destillierte die ganze Welt ihre Schemata, machte sich erkennbar, aber bildete auch jene neuen, aus denen nur noch Wüsten entstanden.

Was nach 1918 kam war keine neue Welt, sie entschwand mit jedem Bücken danach. Es war nur der Todeshauch über den Ruinen der alten, die noch einige Jahrzehnte in Todesleiden zuckte, ehe sie verschied.



Kaiservilla Bad Ischl



*Noch bis ins 15. Jahrhundert war der Gebrauch etwa der Armbrust ausdrücklich nur beim Einsatz gegen Heiden gestattet. Denn die hielten sich an keine der landläufigen Ehrbegriffe. Aber die Trennung von Tat und Effekt war unehrenhaft. Die neuen Gewehre, vor allem die Maschinengewehre, wo niemand mehr wußte, was er überhaupt anrichtete, wo niemand mehr dem Feind Auge in Auge gegenüberstand, widersprachen allem, was zum Krieg im Abendland bislang gedacht worden war. Krieg war immer noch eine Sache der Männer, der Ritter gewesen, zu dem jeder wurde, der für Gott-Kaiser-Vaterland in den Krieg zog. Nun wurde es zum Geschäft der besseren Techniker, der besseren Industriellen, die aber noch nie einen Mann einen von ihnen verursachten Tod sterben hatten sehen.





*090817*

Samstag, 8. Oktober 2016

Eine Ahnung von königlicher Herrschaft

Der Leser möge in disem Film (50 min.) die zu Wort kommenden "Historiker" vergessen. Irrelevant. Aber wer ein wenig Veröffentlichungen zeitgenössischer Historiker - mit ganz ganz seltenen Ausnahmen - verfolgt, weiß ohnehin darum. 

Ansonsten nämlich enthält der Film zahlreiche Einsprengsel, aus denen ERAHNBAR wird, was ein Kaiser, ein König gewesen ist und wäre. Und was DIESER Kaiser Franz Joseph I. gewesen ist. Der nämlich als Kämpfer gegen die Moderne und damit als Bote des Ewigen zu werten ist, mit einem Weitblick, den man an ihm gaz gewiß unterschätzt - gerade dort, wo die Gegenwart in ihrem Fiebertaumel meint, seine "Einfachheit" wäre einem trüben Blick zu vergleichen. Im Gegenteil.

In welchem Unverständnis, in welchem Anti-Modernismus aber viel von dem wurzelt, was man ihm als Unfähigkeit zuschreibt. Der es so aber wenigstens schaffte, etwas von einer Kultur im Bestand zu halten, die nach 1918 und wie erst nach 1945 rückhaltlos zusammenbrach. Alleine in seiner langen Regentschaft, die mehr als zwei Genrationen übergriff, hat er einen Kulturraum geprägt, indem er die Weltbegegnung von 50 Millionen Menschen geprägt hat. Das Gute KANN gar nicht "verständnisvoll" der Moderne begegnen.

Seine tragischeste und weitreichendst falsche, ja den Untergang fast vorprogrammierende politische Verirrung war gewiß das absurde Verhalten im Krimkrieg 1953, als Franz Joseph I. es sich mit dem russischen Reich nachhaltig verscherzte. Damit blieb ihm nur noch Preußen als möglicher Bündnispartner. Genau jenes Preußen, das ihn dann am nachhaltigsten schwächte. Und ein Operettenkönigtum "Italien", das nur darauf wartete, den "Bündnispartner" auszuplündern.

Erst in den Zaren wären Franz Joseph I. Herzensgleiche begegnet, nur mit ihnen hätte sich Einheit im Ziel herstellen lassen. Beide Monarchen, Nikolaus II. und Franz Joseph I., sind dann prompt an derselben Problematik gescheitert. Beide haben denselben Fehler gemacht, Österreich aber hat es eingeleitet. Seine größte Schwäche war gewiß, daß er nicht begriffen hat, daß Leben und Pflicht auch Mut zur Utopie braucht. Zu spät kam alles, vor allem militärisch, hier hatte Hötzendorf ganz sicher recht.*

Italien erübrigt jede Diskussion. Vom "kaiserlichen" Preußen-Deutschland wollen wir aber ebenso hier nicht gerne hier reden. Das gegen wahre Herrschaft wie eine lächerliche und genau in seiner Posenhaftigkeit die Moderne verkörpernde Karikatur - die Moderne IST eine Karikatur - von organischer, gottgewollter Herrschaft wirkt, die ein lautes Ersatztheater auf die Beine stellen mußte, um den Grundfehler zu vertuschen. Dieses "kaiserliche" Deutschland war in seinem Wesen verkörperte Moderne, und DAS hält Deutschland über Hitler bis heute in seinen Klauen.

Wie anders dagegen Österreich. Viele Deutsche haben dieses Wissen aber bis heute nicht verloren. Als der VdZ zum Begräbnis von Otto v. Habsburgs im Juli 2011 nach Wien reiste - Zehntausende säumten des letzten Thronfolgers und letzten Offizier der kaiserlichen Armee letzten Weg -, traf er für ihn überraschend auf viele Bundesdeutsche, die extra wegen der Trauerzeremonien angereist waren. Sie kamen aus Frankfurt und Bayern. Sie wußten alle, ahnten es zumindest, worum es ging und immer gegangen war.









*Conrad von Hötzendorf, Generalstabschef der k&k-Armee, riet seit 1904 dringend und wieder und wieder, durch Präventivschläge gegen Italien und Serbien endlich die nötige Initiative zu ergreifen und Österreich als lebenskräftigen Faktor im europäischen Rahmen zu positionieren. Ehe es zu spät und die Monarchie innerlich zu schwach war. Man hat ihn deshalb als "Kriebstreiber" verleumdet. Aber er war nur weitblickend.



*220816*