Das alles befehligt von Offizieren, die kaum besser ausgebildet, und schon gar nicht mutiger waren. Die ihre Soldaten später dann schon bei ersten gefährlichen Situationen sträflich im Stich lassen würden, sodaß Kompanien (oder das, was von ihnen noch übriggeblieben war) von beherzten Korporalen, und Regimenter von Vizeleutnants "befehligt" wurden, die das nur "taten", weil sie zu feige gewesen waren, wie seine Vorgesetzten im russischen Artilleriefeuer zurückzulaufen. Nach den ersten schweren Angriffen Anfang Oktober würde es sogar eine Division geben, die von nur noch einem einzigen Leutnant, dem letzten von dutzenden Offizieren, befehligt wurden, dem ein routinierter Vizeleutnant (ein Charge, also nicht einmal ein Offizier) zur Seite stand, der aber wenigstens wußte, wie Dinge realisiert werden konnten.
Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Dienstag, 13. Juli 2021
Hält Przemysl? (2)
Montag, 12. Juli 2021
Hält Przemysl? (1)
Als Dr. Jan Stock, der oberste Proviantoffizier und Vizekommandant der Festung Przemysl, es niederschrieb war er nach eigener Aussage selbst erschrocken. Denn er war doch ganz sicher immer liberal und weltoffen gewesen. Der durch zahlreiche Zeugnisse höchst vernünftige, gleichermaßen kühl denkende wie kluge Mann gestand sich nun aber etwas ein, von dem er nie geglaubt hätte daß er es eines Tages so sehen würde - daß nämlich die Vorurteile über Juden zuträfen.
Denn was sich während der Belagerung dieser k.u.k-Festung, die vom 5./6. Oktober 1914 - mit einer dreiwöchigen Entsatz-Unterbrechung im November - bis zur Kapitulation am 22. März 1915, Schlag sieben Uhr morgens, dauerte und über enorme Härte, Notz und Hunger ging und die längste Belagerung (als wehrhafte Vollumschließung durch einen Feind) des Ersten Weltkrieges war, ließ auch in seinen Augen kein gutes Haar an ihnen. Und das sahen alle Eingeschlossenen so, die in ihrer völkischen und sprachlichen Vielfalt wie eine Widerspiegelung der zahlreichen Völker und Volkschaften der Habsburger Monarchie wirkten. Aber mitten in der zunehmend schneidender werdenden Lebensmittelknappheit aus der Not der Mitmenschen auch noch dermaßen brutal Profit zu schlagen, zeigte einen Grad an moralischem Verfall, den niemand sonst in Przemysl (wo über Jahrhunderte ein hoher Anteil an Juden nie wirklich geliebter Teil des Weichbildes der Stadt war) fassen konnte.
Dienstag, 16. Januar 2018
Warum Österreich den 1. Weltkrieg begann
Höbelt geht also nicht so gnädig mit der Donaumonarchie und dem Kaiser um, wie es die Geschichtsschreibung tendenziell heute macht (siehe Christopher Clark). Allerdings ist die Suche nach Ursachen für den Ausbruch des Krieges 1914 nicht eine Frage nach Schuldkategorien, wie heute ständig getan wird. Sieht man von den wenigen Pazifisten ab, sah damals niemand in einem Krieg etwas Apokalyptisches, Furchtbares.
Die Gründe für die Habsburger Monarchie waren in jedem Fall klar logisch und nachvollziehbar, und ebenso waren sie es für die weiteren beteiligten Mächte. Den Anlaß von Sarajewo (mit der Ermordung des Thronfolgers) nutze man, weil man salopp formuliert sowohl in Wien wie dann in Berlin meinte, es sei besser jetzt loszuschlagen als drei Jahre später. Dann wäre auch Deutschlands strategisches Konzept (der Vermeidung eines Zweifrontenkrieges), wie es seit den Jahren nach dem Wiener Kongress immer weiter ausformuliert wurde, nicht mehr aufgegangen. Denn Rußland war gerade dabei, mit französischem Geld (und Frankreich hatte viel Geld, aber keine Anlagemöglichkeiten im Inland, wie Deutschland oder die USA, und zu einer Schwerindustrie die sich mit Deutschland hätte messen können fehlte es an Kohle) seine Eisenbahnlinien nach dem Westen auszubauen, um rascher mobilisieren zu können. Der absehbare Feind wurde also mit jedem Jahr stärker.
Alle Seiten waren jedoch überzeugt, daß der Krieg nur von kurzer Dauer sein würde. Und das war die weitreichendste Fehleinschätzung. Sogar noch bis 1917 war man der Auffassung, daß es doch nicht mehr lange dauern könnte. Gerade 1917 aber wurden die schwerwiegendsten Fehlentscheidungen getroffen, und zwar - wie Höbelt meint - aus der Technikversessenheit der deutschen Militärs heraus. Die durch den U-Boot-Krieg, dessen Möglichkeiten sie überschätzten, ausgerechnet die Amerikaner in den Krieg lockten. Dabei war England schon pleite, Frankreich kriegsmüde bis zu Massenmeutereien, Italien besiegt und Rußland durch die März-Revolution (der dann der kommunistische Putsch im Oktober folgte) im Zusammenbruch. Man hätte nur ein paar Monate noch aushalten müssen.
Übrigens: Der Grund, warum die österreichischen Truppen unter deutschen Offizieren lieber kämpften als unter eigenen Landsleuten (wie viele Quellen berichten) lag laut Höbelt, darin, daß die österreichische Heeresleitung ausgesucht skrupellos hinsichtlich der sinnlosen Verheizung der eigenen Soldaten war, während deutsche Offiziere mit Menschenleben weit behutsamer umgingen. Man konnte an der Donau den modernen Krieg einfach nicht denken. Man rechnete nicht mit so hohen Kampfverlusten, denn bislang waren die meisten Kriegsopfer eher Tote durch Seuchen und Krankheiten gewesen, während die reinen Kampfverluste eher niedrig blieben. Nun war es überraschend anders. Deshalb waren die Verluste in den ersten drei Monaten so horrend.
Aber auch die übrigen Mächte hatten ihre Not mit der neuen technischen Art Krieg zu führen: Überall war die Logistik ein kaum zu bewältigendes Problem. Hatte früher ein Soldat gerade verschossen, was er so am Körper tragen konnte, verschossen die Kanonen und Maschinengewehre täglich Tonnen von Munition. Das mußte aber immer neu herangeschafft werden! Deshalb versiegte wohl auch die deutsche Offensive, die je weiter sie sich im Vormarsch von den Bahnlinien im Norden Frankreichs entfernte, umso schwieriger zu versorgen war. Gleiches gilt ja für die "Versorgung aus dem Land", wo die Verteidiger im Vorteil sind. Denn der Angreifer betritt immer und mit jedem Schritt ein bereits vom Kampf gezeichnetes und oft schon kahles Land.
Interessant auch, daß Höbelt als Grund für die schon ab 1915 fatale Versorgungslage der Bevölkerung keineswegs die alliierte Blockade nennt. Vielmehr war es die stumpfsinnige Lebensmittelpolitik der Regierung. Die schon im ersten Kriegswinter 1914/15 bei Festsetzung von Maximalpreisen (die die Kosten der Bauern nicht mehr deckten) bei gleichzeitiger Requirierung der gesamten Ernte den fatalen "Anreiz" schufen, entweder gar nichts mehr anzubauen, oder das Getreide lieber an die Schweine zu verfüttern oder am Schwarzmarkt zu verkaufen. In den folgenden Jahren änderte man aber das Gesetz nicht, weil man stets meinte: Naja, in zwei Monaten ist der Krieg sowieso vorbei.
Die Erzählung vom italienischen Verrat an den Achsenmächten löst der Wiener Historiker praktisch auf. Italien hatte kaum eine andere Wahl als sich 1915 gegen Österreich zu wenden. Dabei ging es ihnen in Wahrheit gar nicht um Südtirol, sondern um Dalmatien, das war strategisch für sie viel wichtiger. Aber jeder Krieg gegen England, dessen Flotte das Mittelmeer beherrschte, wäre für Italien mit seinen langen Küsten und wichtigen Hafenstädten fatal ausgegangen.
Der "deutsche Blankoscheck" von 1914 (auch darüber wird viel diskutiert) hatte laut Höbelt einen leicht nachvollziehbaren Sinn. Erst einmal: Um Ungarn davon zu überzeugen, zum Krieg seine Zustimmung zu geben, mußte man ihm die Gewähr geben, daß Rumänien ruhig blieb. Weil dort Hohenzollern Könige waren, sollten die Beziehungen zum deutschen Kaiser diese Garantie bringen. Ansonsten, daß auch Deutschland den Krieg wollte - fast "wollen mußte" - lag darin begründet, daß man nicht lange mehr zuschauen konnte, bis Rußland seine Verkehrslinien so gut ausgebaut hatte, daß die deutsche Strategie (die immer darauf abzielte, daß man erst an einer Front gewinnen mußte, diesmal also Frankreich, um sich dann der anderen zuwenden zu können) zunichte gemacht worden wäre. Also hoffte man fast, daß Österreich in Serbien zuschlug, einmal, und dann, daß die Russen eingriffen, auch das passierte wie vorhergesehen.
Denn Rußland hatte im Gegenzug für seine Stellung gegen die Achsenmächte und die Türkei den Bosporus samt Konstantinopel versprochen bekommen. Und ein Krieg mit der Türkei war langfristig sowieso nicht zu vermeiden. Warum also warten, bis Bulgarien (nach den Balkankriegen, die es verloren hatte) wieder erholt genug war, um sich gegen Rußland zu stellen.
Noch einen Grund führt Höbelt an, warum der Krieg jetzt und nicht später, und auch nicht kleiner anfangen mußte: Österreich-Ungarn konnte sich die Finanzierung der Alarmpolitik am Balkan nicht mehr länger leisten. Die rund 10 Prozent Steuerquote ließ so eine aufwendige Mobilisierungspolitik am Balkan (man hatte seit 1908 schon dreimal mobilisiert, aber dann doch nicht eingegriffen) nicht länger zu. Ein kleiner Krieg (nur gegen Serbien) war kaum noch finanzierbar. Sehr wohl aber ein großer, und tatsächlich hat die Monarchie ja schon bei Kriegsbeginn anders als Deutschland (wo das erst 1917 nach langen Diskussionen passierte) die gesamte Wirtschaft unter Zentralplanung und Zwangsverwaltung gestellt. Nun war Geld wieder unbegrenzt da, man mußte es nur drucken.
Interessante Rückschlüsse bietet der Hinweis Höbelts, daß der lange Krieg vor allem dem Mittelstand (in allen Ländern gleichermaßen) den totalen Garaus gemacht hatte. Das hatte größte Bedeutung für den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und die Revolutionsstimmungen ab 1918ff. Nur der Mittelstand hatte etwas zu verlieren, er wurde auch enteignet. Arbeiter hatten sowieso nichts, vorher nicht wie nachher. Reich wurden (oder blieben) nur die Produzenten von Gütern, die für die Kriegsführung wichtig waren.
Während der vielzitierte Nationalismus praktisch überhaupt keine Rolle spielte, zumindest nicht zuerst (bestenfalls in Serbien.) Keiner der Kriegstreiber in der Monarchie war Nationalist, sie waren vielmehr alle das, was man "Weltbürger" nannte. Erst mit der Kriegsdauer und dem Zerfall der Monarchie spielte er - als jene Ebene, die die Völker auffing, nachdem sie aus der übergeordneten Rolle herausgefallen waren - seine Rolle.
Auch interessant: Nicht nur die Polen (in ihrem Kampf gegen Rußland, denn ein guter Teil Polens war ja Teil Rußlands) waren sehr monarchie- bzw. achsenfreundlich, sondern auch die Juden, und zwar überall auf der Welt. (Jiddisch ist ja sogar eine Art "deutsch".) Juden aus New York finanzierten sowohl Deutschland als auch Österreich-Ungarn durch Kredite. Das hat dann seine Bedeutung, wenn man vom Balfour-Abkommen 1917 spricht, das das spätere Israel im Grunde beschloß. Diese Zusage (in der die Engländer ein Land verschenkten, das ihnen gar nicht gehörte, was zum späteren Aufkommen des Bonmots führte, warum es dann nicht die Schweiz hätte sein können?) war aber auch ein Versuch, die Juden auf die Seite der Alliierten zu ziehen und deren Sache, den Sieg über die Mittelmächte, mit den ihren zu verschmelzen.
Donnerstag, 31. August 2017
Als die Welt zu Ende kam
Denn auf einen länger dauernden Krieg war das Land gar nicht vorbereitet. Bis Ende 1914 fiel praktisch jeden Monat die gesamte zu Anfang eingerückte Armee, mußte Monat für Monat ersetzt werden. Das Blutbad, wenn Kürassiere gegen mit Maschinengewehre ausgerüstete Schützengräben stürmten, bereit zum Zweikampf Mann gegen Mann, Ehre gegen Ehre, war unfaßbar, der Schock unendlich. Und es fielen zuerst die Besten, die Mutigsten. Ihr Mut zählte nicht mehr. Cleverness, die mit Mut nichts zu tun hat, war nun gefragt. Für Österreich keine vorhandene Kategorie. Es folgten die Niedrigen. Die Schäbigen. Die Cleveren. Der Krieg wurde heimtückisch, und diese Niedertracht war plötzlich sogar erforderliche Tugend, um zu überleben.*
Was nach 1918 kam war keine neue Welt, sie entschwand mit jedem Bücken danach. Es war nur der Todeshauch über den Ruinen der alten, die noch einige Jahrzehnte in Todesleiden zuckte, ehe sie verschied.
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| Kaiservilla Bad Ischl |
Samstag, 8. Oktober 2016
Eine Ahnung von königlicher Herrschaft
Erst in den Zaren wären Franz Joseph I. Herzensgleiche begegnet, nur mit ihnen hätte sich Einheit im Ziel herstellen lassen. Beide Monarchen, Nikolaus II. und Franz Joseph I., sind dann prompt an derselben Problematik gescheitert. Beide haben denselben Fehler gemacht, Österreich aber hat es eingeleitet. Seine größte Schwäche war gewiß, daß er nicht begriffen hat, daß Leben und Pflicht auch Mut zur Utopie braucht. Zu spät kam alles, vor allem militärisch, hier hatte Hötzendorf ganz sicher recht.*
Wie anders dagegen Österreich. Viele Deutsche haben dieses Wissen aber bis heute nicht verloren. Als der VdZ zum Begräbnis von Otto v. Habsburgs im Juli 2011 nach Wien reiste - Zehntausende säumten des letzten Thronfolgers und letzten Offizier der kaiserlichen Armee letzten Weg -, traf er für ihn überraschend auf viele Bundesdeutsche, die extra wegen der Trauerzeremonien angereist waren. Sie kamen aus Frankfurt und Bayern. Sie wußten alle, ahnten es zumindest, worum es ging und immer gegangen war.
