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Freitag, 18. November 2022

Zerstörung der Hierarchien aus dem Prinzip des Heidentums

Die Komplexität der sozialen Beziehungen - also der Hierarchie - in den Gesellschaften des 17. Jahrhunderts war bereits so hoch, daß es selbst den höfischen Zeremonienmeistern und nächsten königlichen Beamten nicht mehrmöglich war, sie zweifelsfrei zu sortieren. 

Diese Probleme kamen aber immer dann zum Vorschein, wenn es um Begegnungen mit dem König ging. Denn von der "Sonne" ging alle Ordnung aus, und vom Platz in ihrem Angesicht das Prestige, die Stellung, aber - und das darf man keineswegs unterschätzen, ja es war sogar DAS entscheidende Moment - auch die Pflicht, was es zu beanspruchen galt, weil man es der ONTOLOGISCHEN STELLUNG SCHULDETE.

Man macht sich zu leicht lsutig über diese Probleme, und das ist mehr als bedauerlich, Weil es zeigt, daß wir den Sinn für das eigentliche Seinsordnung bereits weitgehend verloren haben. Doch genau darum geht es ZUERST in dem, was als "Kreuz" bezeichnet wird. Was is tman dem GEGEBENEN ORT schuldig! Der einem nie gehört, sondern der im Grund enru die Pflicht ist, in diesem ständigen ZUueinander der Weltdinge jene Dynamik in actu, also in "Betrieb" zu halten, aus der sich sämtliche weiteren Handlungen überhaupt erst erschließen. Nennen wir es der Einfachheit halbe IDENTITÄT.

Mittwoch, 30. März 2022

Warum DIE MENSCHHEIT, nicht nur einzelne Menschen gefallen sind (2)

Versuch, mit Legobausteinen den Stephansdom zu beschreiben. Person heißt Individualität, aber Individualität wird erst mit der Zeugung, als erster Schritt zum Weltsein. Oh glücklicher Orgasmus du  - Einer Seele, einer Personsform also (und Person heißt schon an sich, daß es sich um Individuen handelt, und nur Individuen können auch Gott ebenbildlich sein, weil Gott die Individualität SELBST ist) die in dem Moment zur Welt gerufen wird, wo ein Mann und eine Frau sich im Akt der hingebenden Liebe begegnen. 

Wobei dieser Beseelungsmoment als KURZ VOR dessen leiblicher Erfüllung stehend gesehen werden muß. Wo sich also Adam einen unendlich kleinen Augenblick vor dem Samenerguß befindet. Der ja von der Hingabe abhängt. (Wir verweisen hier nur andeutend auf die Probleme, die fehlende Hingabe für die Erektionsfähigkeit des Mannes haben.) 

Einer Hingabe, die sich der Leib gewissermaßen durch die immense Bindekraft des leiblichen Aktes holt, weil der sich den GANZEN MANN, die GANZE FRAU - auf dem Weg zum Höhepunkt, dem Orgasmus, in seiner sich progressiv steigernden Ganzhingabe, dem berühmten "kleinen Tod", weil die Welt verschwindet, alles sich immer ausschließlicher auf die leibliche Begegnung fokussiert - fast herbeizwingt, und Eva sich in hingebender Aufnahmebereitschaft befindet. (Wo Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt haben, daß die Gebärmutter keineswegs ein passives Ogan ist, wie man immer dachte, sondern sich in der weiblichen Hingabe dem eingedrungenen Penis entgegenreckt.) 

Dienstag, 29. März 2022

Warum DIE MENSCHHEIT, nicht nur einzelne Menschen gefallen sind (1)

Es ist eine sehr hilfreiche Passage, die Thomas von Aquin in seiner "Summa contra gentiles" zur Frage des Verständnises der Erbsünde bringt. Und in der sich Thomas dieser Frage, die für viele ein so großes Problem ist, von einer weiteren Seite nähert. Wie einem Schüler der Grundlagen allen Erkennens - darf ich hier sagen, daß es meiner Ansicht nach jedem Menschen zur Ehre gereicht an den Punkt zu gelangen (oder die Gnade zu haben, gleich dort zu verharren), sich sein Leben lang in der Rolle eines Grund- und Volksschülers zu erkennen? - bringt der Philosoph diese alles entscheidende Problem so einfach wie nur möglich nahe. 

Schon daran ersieht man, daß Thomas kurz nach dem Höhepunkt des Mittelalters stand. Daß er schmerzlich erkannte, daß es fortan nur noch bergab gehen kann, und sich die Ebene der Kultur bereits beträchlich zu neigen begonnen hat. (Siehe Anmerkung*)

Das sind in der Geschichte eben stets jene Kulturphasen, in der die Philosophoie aufblüht. Die immer dasselbe ist: Ein Versuch eines Verzweifelten, das Entschwindende und bereits Entschwundene (denn ins Bewußtsein steigt das Bild dessen, das fortging) zu rekonstruieren, festzuhalten, wieder aufzubauen.

Samstag, 1. Januar 2022

Ad Maiorem Gloria Dei

Es ist natürlich nicht so leicht zu fassen, weil es an jene Verstehensgrenzen stößt, in denen wir unserer Bildlichkeit nicht entkommen können. Die durch die erbsündlichen Erkenntnisbrüche nicht mehr dem Schauen, sondern in das Nacheinander und damit Zusammenklistern des Zeitlichen zurückgesunken ist. Im Alltag müssen wir also wie mit einer Schere Bildfolge um Bildfolge ausschneiden und zusammenkleben, um so zu einem zeitlos Gültigen und zu Gesetzen zu kommen. 

Das ist im Schauen, das uns erst in der Neuen Schöpfung wiedergeben werden wird, und an dem unsere Seele ab dem Zeitpunkt, wo sie sich vom Leib getrennt hat - also im Tode - bereits teilhat, ohne aber noch die Leiblichkeit zu besitzen, um daraus dann Welt zu schaffen. Das wird erst nach dem Jüngsten Tage wieder der Fall sein.

Aber wir müssen es insofern zu verstehen suchen, als wir DIE KIRCHE erst begreifen können, wenn wir sie unter diesen Auspizien zu sehen versuchen. Als SOCIETAS PERFECTA ist sie nämlich KEINES dieser zeitlichen Abfolge-Reiche, sondern eine Dynamik des Heiligen Geistes, die ihr Material AUS dem Irdischen umfaßt, durchdringt und zur Gestalt bringt, die wir dann WELT heißen dürfen.

Materia - Mater. Der 1. Jänner ist deshalb der Gottesmutter Maria geweiht, die dieses bedingungslose JA der Erbsündelosen in die Welt ERSTMALS seit Eva WIEDER gebracht hat. 
Analog der Ersten Schöpfung einige tausend Jahre zuvor, nur noch weiter gehoben: Durch die geschichtlich gewordene göttliche Erlösungstat. 

Freitag, 11. März 2016

Rechtsprechung ist immer schöpferisch (2)

Teil 2) Warum das Parlament nichts anderes macht 
als ein absolutistischer Herrscher




Selbst das sprachliche Verstehen eines Gesetzestextes ist ja zuerst vom Selbstverstehen des Lesenden und Auslegenden geprägt. Denn jedes Verstehen kann nur das Eingehen in einen bereits vorhandenen Verstehenshorizont bedeuten, und seine Erkenntnis wird immer davon abhängen, wie glaubwürdig es dem Verstehenssubjekt selbst ist. Eine Richtigkeit des Rechts kann es deshalb nur im Verfahren selbst geben.

Der Gesetzestext selbst wird immer unvollständig sein, und - er MUSZ es sogar sein. Weil er nur in einer Allgemeinheit abgefaßt sein kann, der dem nie vorherwißbaren, unendlich vielfältigen Einzelfall Raum läßt, der von jedem Idealfall immer abweicht. Recht, das das nicht berücksichtigt, wird nicht nur ungerecht sein, sondern wird dies, weil es erstarrt. Entsprechend allgemein muß ein Gesetz auch formuliert sein. Univok, absolut eindeutig, kann ein Gesetz höchsten durch Zahlen sein.

Allzu strenge "Logik" kann leicht in Rabulistik umschlagen, und aus Rechtsfindung wird - Unrecht. Kaufmann erzählt dazu einen jüdischen Witz:

Ein Mann fragt seinen Rabbi: Rabbi, ist es meinem Nachbarn erlaubt, mit seiner Frau zu schlafen? Na klar, sagt der Rabbi. Rabbi, ist es mir erlaubt, mit meiner Frau zu schlafen? Na sicher, auch klar, sagt der Rabbi. Rabbi, ist es mir erlaubt mit der Frau des Nachbarn zu schlafen? Unter keinen Umständen, hebt der Rabbi die Hände. Und, Rabbi, ist es dem Nachbarn erlaubt, mit meiner Frau zu schlafen? Da sei Gott vor, hebt der Rabbi beschwörend die Arme. Rabbi, sagt nun der Mann, wo bleibt aber jetzt die Logik? Wenn ich mit einer Frau schlafen darf, mit der mein Nachbar nicht schlafen darf, um wieviel mehr darf ich dann mit einer Frau schlafen, mit der sogar er schlafen darf?




*In diesem Umstand lassen sich sogar Analogien zu dem nicht immer ganz verstandenen Satz finden, der da hieß, daß der König zugleich auch das Recht setze. Denn immerhin versteht sich der König als "Derivat" des Volkes, als Allerallgemeinster seines Volkes, das sich somit in ihm in einer abstrakten, alles Einzelne enthaltenen Weise wiederfindet. Damit ist auch klar (der Staufer Friedrich II. hat so argumentiert), daß sein Wille zugleich das Gesetz SEIN und in persona setzen muß, denn in ihm trifft sich ja umgekehrt auch Gottes Wille, im König verbinden sich also Himmel und Erde. Das ist übrigens eine uralte Menschheitsansicht udn reicht bis hinein in die ERlösungslehre der Katholischen Kirche mit Jesus, dem König der Könige, und den Erlösten als seine Brüder. Karol Woytyla hat deshalb auch ein Buch geschrieben, in dem der vom Menschen in "Königswürde" spricht. Es folgt derselben Linie.

Ein Parlament argumentiert aber ja auch nicht anders? Es muß sich sogar als Wille des Volkes verstehen, und umgekehrt die Legitimation haben, es mit Gesetzen (woher?) zu formen. Der Unterschied zu früheren Auffassungen der Rechtsetzung ist also verschwindend. Nur war sich der Staufer dieser Tatsachen mehr bewußt!




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Donnerstag, 10. März 2016

Rechtsprechung ist immer schöpferisch (1)

Es ist aburd davon auszugehen, daß ein Richter "neutral-objektiv" an ein Rechtsverfahren herangehen kann, schreibt Arthur Kaufmann in seiner "Rechtsphilosophie". Vielmehr gilt daß im Fall, wo ein Richter glaubt, daß das Recht aus einer Sumtion objektiver Gesetze zu finden sei, an seine persönlichen Wertbeziehungen zum Gegenstand der Rechtssprechung gebunden bleibt, weil er diese Tatsache nicht reflektiert und in seine Urteilsfindung einbeziehen kann. 

Die immer ein schöpferischer, also rechtsschöpferischer Vorgang ist. die sogenannte Gewaltenteilung hat also gewisse Grenzen und ist im Recht gar nicht strikt möglich.  Denn der Richter braucht sogar Voreingenommenheiten, um überhaupt an einem konkreten Fall mit seinen Vereinzeltheiten prüfen zu können, ob und wie es welchem Rechtsbruch (der ja ein Beziehungsproblem ist) entspricht. Das ist ein schöpferisches Vorgehen, und Richtspruch wird deshalb nie ohne Macht und Rechtsetzung möglich sein. Es ist eine Dezision, also eine Setzung der Macht, nicht einfach Determination, Subsumtion oder nur Interpretation.

Die Frage kann nur sein, ob dieses Rechtschaffen rational abgesichert werden kann, um es von der Willkür zu scheiden. Rational im Sinne von rationalistisch, also nur argumentativ, kann es aber nie erschöpfend "logisch" sein. Ohne Vorverstehen - als Vorauswerfen eines Deutungsbildes, dem die Fakten zugleich entgegenkommen und entsprechen müssen, eines also am anderen geprüft werden muß, sodaß es sich im Idealfall in der Mitte "irgendwie" trifft - ist überhaupt kein Verstehen möglich.

Recht braucht also vorausgehendes Rechtsgefühl. Schon die Gesetze selbst werden ja in Hinblick auf ein Bild erlassen, das als Unrecht oder Recht gilt.* Rechtsprechung ist deshalb immer auch eine Kunst, nie Wissenschaft im Sinne der exakten Naturwissenschaften. Eine Kunst, die wie jede Kunst ihre Bildkräfte aus der Tradition eines Volkes bezieht, auf das sie bezogen ist. Weil Recht eben Beziehung zwischen Dingen/Personen ist. Wissenschaft und Hermentuik sind also jeweils Versuche, Licht in eigentlich aber irrationale Vorgänge zu bringe. Das Urteil geht deshalb der "Rechtsprechung"... immer schon voraus!

"Das Rechtsgefühl nimmt das Resultat vorweg, das Gesetz soll dann nachträglich die Gründe und die Grenzen dafür hergeben," schreibt dazu Gustav Radbruch. "Es verlangt einen behenden Geist, der vom Allgemeinen zum Besonderen, und vom Besonderen zum Allgemeinen springen kann." Es braucht, wie Einstein es einmal formulierte, "mehr die Phantasie als das Wissen." Vorverständnisse sind das immer Menschliche an der Rechtsprechung, und kein Computer, keine noch so hochentwickelte Technik kann sie leisten. Erst das Vorverständnis ermöglicht es aber, im Zirkelhaften eines jeden Rechtsfindungsverfahrens zurecht zu kommen.

Das bedeutet, daß das Recht immer zwei Gesichter hat: Den des Rechtsempfindens, das ein Gefühl in den Menschen ist, und den des Tatsächlichen der Einzelheiten. Es ist einem Tunnel vergleichbar, der von zwei Seiten zugleich gegraben wird, und man sich im Idealfall in der Mitte trifft. Schiller beschreibt es in einer Xenie so: "Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häuft nur abschält? Was ihr hinein nicht gelegt, zieht ihr nimmer heraus."


Morgen Teil 2) Warum das Parlament nichts anderes macht als ein absolutistischer Herrscher





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Samstag, 14. Dezember 2013

Die Sache des Volkes

Es wäre aber, schreibt Henri Pirenne, völlig falsch gedacht, die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaisertum, die sich das ganze 12. und 13. Jhd. hinzogen und mit wesentlich für den Aufstieg Frankreichs war, als einzige verbliebene Schutzmacht der Kirche. Wer so denkt, schreibt der Belgier, trägt heutiges Denken in eine Zeit hinein, die völlig anders dachte, und folgt nicht einmal den greifbaren Tatsachen. Keineswegs waren nämlich die Kaiser die Verteidiger der Freiheit der Menschen, die die Kirche zu beschneiden dachte - es war nachgerade umgekehrt, auch wenn es die Geschichtsschreibung der Neuzeit gerne anders darstellt.

Wenn sich die Päpste gegen das Kaisertum stemmten, so keineswegs aus Machtversessenheit, sondern weil sie tatsächlich die Freiheit der Religion - und damit des gesamten Lebens, denn der Mensch des Mittelalters war tief religiös - gegen weltiche Absolutheitsansprüche verteidigten. Denn was sich in Friedrich Barbarossa, was sich in Heinrich VI., und dann vor allem in dessen Sohn Friedrich II., aber nicht weniger bei deren Kontrahenten wie Otto IV., eindeutig ablesen läßt war deren Tendenz, eine Machvollkommenheit und Kaiserherrlichkeit aufzubauen, die sich am Zentralismus der Kaiserzeit des antiken Rom, noch mehr aber fast am orientalischen, der Vergötterung nahen oder gar mit ihr in eins fallenden Despoten orientierte. Mit denen sie durch die Kreuzzüge in direkten Kontakt kamen. Diesen Herrschaftsanspruch wollten die Kaiser damit auch auf die Kirche und die Religion ausdehnen, wie es im Orient der Fall war.

Die Päpste dieser Zeit vertraten also die Sache des Volkes, und das wurde auch vom Volk so gesehen. Die Verbündeten des Kaisers waren entsprechend gerade nicht jene, die ums Volkswohl bemüht waren, sondern wie bei den Städten jene, die nur ihre persönlichen Vorteile sahen.

Aber mehr noch: Der Streit um den Rang des Kaisers und den des Papstes, um die Investitur von Bischöfen und deren Rang im Reichsgefüge, muß sogar als Streit innerhalb der Kirche aufgefaßt werden. 

Aber es war letztlich die politische Sache Frankreichs, ihr Sieg bei Bouvines 1214, der die Freiheit der Kirche UND die Freiheit der europäischen Staaten (durchaus im heutigen Sinn: die Niederlage Englands und Otto IV, des Welfen, stärkte in England Volk und Adel, was die Magna Charta brachte) sicherte. Eine Entwicklung, die schließlich in Napoleon endete, der das Ende des Kaisertums universaler Prägung brachte. Dessen Todesstoß damit bereits im 13. Jhd. erfolgte. Wo das Reich zum "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" herabsank. Die einzige universale Macht, die übrigblieb, war das Papsttum.

Und mit ihm ... stieg das internationale Geldwesen auf.




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Freitag, 18. Oktober 2013

Ende der Herrschaftsusurpation

Diese Rückbindung legitimen Herrschertums (Königtums) auf göttliche Abstammung, auf die sich die Ineinssetzung von Geschlecht und Herrscherwürde als Legitimitätsausweis bezieht, wirkte und wirkt bis heute.

Auf ihr im übrigen beruhen die Legenden von der Wiederauferstehung der nur schlafenden Könige - Karl dem Großen, Friedrich Barbarossa, Friedrich II.. Denn in deren Geschlecht ruht die uralte Herrscherberufung. An das Wiederkommen dieser Herrscher knüpft sich also die in der Volksseele ungemein tief verankerte Hoffnung auf legitime und NUR damit für das Volk gedeihliche Regentschaft. Denn nach ihnen war Herrschaft nur noch eine Angelegenheit von Usurpatoren.

Die wo und wann immer sie an die Macht kamen und kommen alles tun, um Legenden ihrer Gottesabsendung zu konstruieren. Denn nur daraus läßt sich Legitimität - und damit Gehorsam, Akzeptanz als erste Bedingung, regieren zu können - ableiten. Und sei es durch den Versuch, sich in eine geistige Abstammungslinie zu stellen, um wenigstens als "Purpurgeborene" (porphyrogennetos - im Herrscherhaus geboren) zu erscheinen.

Niemals nämlich hat sich ein Volk von "seinesgleichen" regieren lassen. 

Das ist heute nicht anders.

Etwas, das viele Diskussionen über Macht, Staat und Legitimität schlichtweg übersehen. Denn kein Staat ist schlichtweg Funktionsmechanismus. Diese Argumentation ist selbst bereits Argument von Usurpatoren. Je banaler, alltäglicher auch in einer Demokratie eine Regierung ist, desto mehr wird sie von seinen Bewohnern aufgegeben, wenden sie sich der Suche nach legitimen Herrschern zu.

Werden sie fortlaufend enttäuscht, weitet sich diese Suche auf eine Suche nach einem "besseren" Staat aus, und sei es durch Wahl eines Hinzukömmlings, eines Fremden, oder gar einer Fremdherrschaft. Ein historisch zu beobachtendes Geschehen.* Denn banale Herrschaft löst den Staat auf. Weshalb banale Herrscher dazu tendieren, auf den Totalitarismus, auf die Gewaltherrschaft auszuweichen.**



*Selbst die Sucht mancher, sich einer "starken" EU in die Arme zu werfen, hat darin ihre Wurzeln. Wird sogar oft direkt damit begründet.

**Und hinter dem Gedanken, daß die Hysterie, mit der sich viele heute aufs Internet, die social media, stürzen, genau darin begründet ist - in der Sehnsucht nach legitimer, machtvoller Herrschaft und Wiederherstellung von Ordnung - dürfte viel Wahrheit stecken. Dieselbe tiefenseelische Grundsstruktur (als ontisches Zueinander der Dinge) dürfte im Spiel sein. Denn die Haltung, mit der die Menschen dem Internet (etc.) begegnen, ist eine Haltung der "Erwartung", daß etwas Hinzukommendes, Mächtiges ihr Leben ändere.




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Donnerstag, 26. September 2013

Fluch dem Kaiser

"Die vor der ganzen Kirchenversammlung verlesene Bannsentenz schlug wie der Blitz ein und rief einen ungeheuren Schrecken Hervor. Der Meister Thaddäus von Suessa und die übrigen Vertreter des Kaisers brachen mit ihrem Gefolg ein laute Klagerufe aus, schlugen zum Zeichen ihres Schmerzes auf Schenkel und Brust, und konnten sich nur mit Mühe der hervorbrechenden Tränen erwehren [...]

Der Herr Papst aber und die anwesenden Prälaten verfluchten, die angezündeten Kerzen in der Hand, den Kaiser, der nicht mehr Kaiser zu nennen sei, schrecklich und furchtbar, während dessen Sachwalter bestürzt die Versammlung verließen."  

Matthäus Parisiensis Chronica maoira, Mon. Germ., zur (nun bereits zweiten, 1227 von Papst Gregor IX., nun von Papst Innozenz IV. ausgesprochenen) Exkommunikation 
Kaiser Friedrich II. im Jahre 1245 auf dem Konzil von Lyon




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Montag, 1. Juli 2013

Zentralismus als Zerfall

Ein Reich zerfällt nicht, weil es sein Zentrum verliert, sondern es zerfällt, wenn die Tugenden und Eigenschaften, die es in seiner hierarchischen und gestalthaften Vielfalt halten, sich auflösen.

Deshalb haben die Kaiser des Abendlandes ihr Reich in dem Moment aufzulösen begonnen, als sie die gewachsenen Hierarchieebenen (im Adel) übergingen, und sich direkt an die Städte und Bürger wandten, ihren Bund MIT IHNEN schlossen. Damit haben sich Tugenden und Eigenschaften aufgelöst, denn als "Funktion" SIND sie nicht mehr Tugenden, sondern der künstliche Leim aus der Not der Auflösung. 

Niemand hat deshalb das Römische Reich so nachhaltig zerstört, als der stärkste Kaiser, den es bis dahin überhaupt gesehen hatte - der Staufer Friedrich II. Historisch zeigt sich deshalb auch der direkte Verfall, der ihm folgt, sogar mit einem Interregnum, das durch eine veränderte Politik abgelöst wurde: dem der bloßen Hausmachtpolitik, in der sich die Auflösung direkt vorbereitete, und in der nur 250 Jahre später sogar das Haus (Habsburg) selbst erloschen ist.*

Was immer an realpolitischen "Gründen" dafür angeführt wird - sie wurzeln alle in diesem Zerfall des Großen, weil der gesamte Mittelbau abgeräumt wurde, und in ihm das, was das Reich selbst zusammenhielt: die real wirkenden Tugenden.




*Karl VI. blieb ohne (nur als Mann/Sohn möglichen) Thronfolger. In der pragmatischen Sanktion, in der er seine Tochter Maria Theresia installierte (Reichskaiser freilich konnte weiterhin nur ein Mann sein: Franz Stephan von Lothringen, ihr Mann), löste sich das Reich endgültig auf. Ihr Enkel Franz II. gründete deshalb folgerichtig als Franz I. ein neues Reich - Österreich. Dem aber alle innere Kraft bereits fehlte, aus besagten Gründen, das nur noch ein verwesender Leichnam war, der im 19. Jhd. dahinvegetierte, bis er der historischen Logik zum Opfer fiel. Was da kam war aber nur noch Folge der Auflösung,die in Karl VI Gestalt genommen hatte. Denn Maria Theresia, eine Frau, hatte die Stellung Österreichs im Reich schon realpolitisch definitiv verspielt, und den Aufstieg Preußens als neuer Herrschermacht über Deutschland, der es an innerer Legitimität mangelte, das deshalb aus seiner Natur heraus voluntaristisch-gewaltsame Mißgeburt war, verschuldet. Und so nebenher die Aufklärung - wie könnte es anders sein! Ihre Installation selbst war bereits aufklärerische Funktionalität! - zum Regierungsprinzip gemacht, damit und ganz real die natürlicheen Gesellschaften ihres Herrschaftsbereichs selbst aufgelöst, und "moderne" Gesellschaften geschaffen. Der Mythos, unter dem sie hierzulande in verklärendes Licht gestellt wird, ist pure Geschichtsfälschung. Auch sie war ja so besonders "volksnah". 

Damit ist gleichfalls logisch, daß das einzige Land, das aus sich heraus noch legitim war, mehr und mehr an Stärke im Staatsverband gewann - Ungarn, das über alle Zeiten und bis heute ihr tragendes, nur keine Gestalt nehmendes, vakantes Prinzip anerkennt, bewahrt und hoch hält: die Krone. So wie alle übrigen Staatsteile Österreichs auf ihre legitimen Teile - Staaten und die heute Bundesländer genannten Länder - zurückfielen.

Der Verfasser dieser Zeilen ist sicher, daß der Zerfall der Republik Österreich unaufhaltsam ist. So grotesk das heute vielen erscheinen mag, und so "zufällig" es geschehen wird.² Daß gerade in Österreich die Stimmen, die ein Auflösen des Nationalprinzips in Europa fordern, so laut sind, kommt nicht von ungefähr. Aber ein kommendes Neues kann nicht auf der Grundlage geschichtsverklärender Nostalgie (in die hinein sich alles Mögliche einmischt, das mit Habsburg und deren Monarchie nur zufällig in eins gesetzt wird) entstehen, sondern braucht eine klares Bewußtsein der wirklichen Bewegungen im tiefsten Untergrund der Seelen. Und das bedeutet, daß endlich die Geschichte des Landes, aus dem erst seine aktuelle Position verstehbar würde, wirklich - und das heißt: anders, als es heute geschieht - aufgearbeitet werden müßte.

²Möglicherweise zeigt sich in Schweden - Vorreiter des technizistischen Zentralismus - noch früher, was vielen europäischen Staaten bevorsteht.



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Dienstag, 2. April 2013

Von den Ständen

Es ist eine historisch erklärbare, aber verfälschende Entwicklung, den Beamten oder den Soldaten als eigenen Stand zu sehen. Neben dem Bauern-, dem Bürgerstand, und dem des Adels, mit der Ausnahme des Proletarierstandes, dem Stand der Auflösung aller Stände. So, wie es auch keinen Klerikerstand gibt, schreibt Riehl in seiner Soziologie. 

Aber die Zentralisierung - wieder: mit der Schlüsselepoche Friedrich II., des Staufers, in der ersten Hälfte des 13. Jhds. - der Staatsmacht brachte auch die Entwurzelung des Staatsbeamten. Dazu kam die Substituierung des Ritters durch den bezahlten Kriegsknecht, auch hier also dieselbe Entwicklung der Loslösung der Tätigkeit aus der Einwurzelung in ein soziales Gefüge. Ihr Bezugspunkt wird somit ein abstraktes Gebilde "Staat", entsprechend hohl und behauptungslastig ihre Identitätskonstruktion.

Ein solcherart wurzelloser Beamter oder Soldat war nur noch der Zentralmacht angeschlossen. Das sicherte die Willfährigkeit, und löste das Problem der Sonderinteressen lokaler sozialer Gefüge. Friedrich II. legte größten Wert auf zumindest jährlichen Wechsel seiner Beamten, um genau diese Verwurzelung mit der Bevölkerung zu vermeiden. Dieser Zweck stand dahinter, sie zu einem eigenen "Stand" zu erklären. Der sie aber nie waren oder sind, der in ihnen sogar dem Wesen nach das Proletariat vorwegnimmt. Deshalb tritt auch erst in dieser Phase das Kastenbewußtsein - die ängstliche Bewahrung von Standesgrenzen, weil man eben um deren Gefährdung weiß - auf, mit dem sozialen Gift der von oben verfügten Privilegien, wenn nicht der Ineinssetzung mit Macht.

Was der Staufer da tat, entsprang nicht zufällig einer grundsätzlichen Gedankenbewegung - der konkreten Erneuerung des Römischen Reiches, die Friedrich in seinem Cäsarentum (mitsamt der Gottgleichheit des Herrschers) sehr handgreiflich wiederbelebte. Schon bei den Römern trat diese Erscheinung der Bürokratie auf, und auch hier war sie eine Verfallserscheinung.

Noch schlimmer wird die Verwirrung, wenn solcherart klasseninterne Ordnungen auch dem Standesgefüge gegenüber gelten sollen, sodaß Rang oder Fertigkeit den Stand ersetzt. Das sind sämtlich degenerative Erscheinungen der Auflösung der Stände, schreibt Riehl.

Ein Stand muß in sich abgeschlossen sein, und er muß sich aus sich selber generieren können. Das können diese erwähnten Sonderklassen aber nicht, genauso wenig wie die künstlichen Begriffsschöpfungen vom "Gelehrten-" oder "Fabrikantenstand", oder was auch immer in der Neuzeit an Verwirrung bereits herrschte, wo Berufsbezeichnungen den Standesbegriff ersetzten. Genau so, wie der Bürgerbegriff durch das Philiströse aufgeweicht wurde, auch hier aus bloßem Beruf Scheinbürgerlichkeit hervorging. Als Verwesungsprodukt zur Proletarisierung wird.

Sie sind zudem offen für Standeswechsel, auch das widerspricht dem eigentlichen Standesbegriff, der sich ja tief in Sitte, Lebensweise und Identität ausdrückt, die aufeinander weisen, aber miteinander nicht kompatibel sein können. Wenn überhaupt, kann sich Standeswechsel damit nur über Generationen manifestieren und wirklichen, niemals aber im Wechselnden selbst. Weil jeder Stand mit seiner Sitte seinen Ethos, die Zueinandergefügtheit als eigentlich Gesellschaftliches erhält und zur Darstellung bringt, und damit das Gesellschaftsganze, den Organismus, lebendig hält.

Diese Einteilung in drei Stände ist uraltes Menschheitsgut, als Grundgefüge der Schöpfung. Sie ist schon in ältesten indogermanischen Wurzeln nachweisbar, wo sie den gesellschaftlichen Kräften gemäß (Gesellschaft als Nachbildung des göttlichen Ideenkosmos, ja der Dreifaltigkeit als Grundstruktur alles Geschaffenen), in variierender Nuancierung, in der Form von Krieger/Mann/Edelmann - Bauer/Frau/Bürger - Priester/Sänger/König auftreten.* Wobei diese Dreifaltigkeit als Idee - Geist - Fleisch - Dreiheit in allen Ständen wiederum Struktur des Wirklichen bildet.



*Im Kastenwesen Indiens findet sich diese Dreiteilung - historisch degeneriert und gewandelt - bis zum heutigen Tag.





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Donnerstag, 28. März 2013

Niedergang eines Standes - Adel (2)

2. Teil) Nur noch ein Zerrbild kam auf uns




Aus einer Gesellschaftsschichte, einem Stand der Edelen, der sittlichen Vorbilder, die die gesamte Gesellschaft durchformten, die unverzichtbare Zwischenglieder in der Gesamthierarchie waren, in Rechtsprechung oder Verwaltung, engstens existentiell selbst verbunden mit dem Schicksal des Landes, dem sie vorstanden, sodaß das Wohl ihrer Untertanen auch ihr eigenes war,
wurde eine Klasse, ein Rang der einfach Bevorrechteten, die ihre Rechte höchstherrlicher Willkür und Fügsamkeit, dem Zufall, der Cleverness verdankten. Mehr und mehr wurde so ihre Stellung zum Objekt des Neides, im besonderen der Bürgerschichte, wobei in Wahrheit niemand mehr wußte, wozu sie gut sein sollte.  Für sie selbst aber zum angsterfüllt zu hütenden Schatz, auf den es gar nie ein Recht gab - außer obrigkeitliche Willkür. Denn das wahre "Recht" des Adels lag stets nur in seiner Familie.

Das Ansehen schwand außerordentlich, und es schwand mit vollem Recht! Insbesonders am französischen Vorbild verdorben, wurde auch in Deutschland, etwas weniger in Österreich, der Adel zum gelangweilten funktionslosen Selbstzweck. Der nicht mehr "vom" Land lebte, das er selbst bebaute und bewohnte, sondern der es als Pfründe, als Geldquelle, als bloßes Vermögensteil aussaugte, in den meisten Fällen ohne jede persönliche Bindung - außer: Interessen - zu ihm. 

Der Adel spaltete sich längst, in den ursprünglichen und verwurzelten Landadel, der um seine Stellung betrogen wurde oder in ständiger Gefahr dazu stand, über den die Politik hinwegrauschte, oft genug mit brachialer Gewalt (im Brechen seiner Burgen), und in den bloßen Hofadel der höchstfürstlichen bzw. kaiserlichen Lakaien und Schranzen, ohne entsprechende charakterliche, sittliche Formung. Schon im Frankreich Richelieus läßt sich gut studieren, wie der defunktionalisierte Adel in militärische Aufgaben als Offiziere flüchtete, um wenigstens noch einen Rest des ursprünglichen Sinnes zu wahren, um überhaupt noch "für etwas gut" zu sein. Wo noch ein letzter Rest des mythischen Herkommens der Patriarchen (Adeligen) aus den Helden der Vorzeit "lebte", zumindest in der Phantasie.

Als Europa ins 19. und 20. Jhd. schritt, war diese Entwicklung bereits zu einem Endpunkt gelangt. Mit einer Aristokratie, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war, leer und sinnlos, unwürdig und ohne jede Aufgabe, in der sich ursprünglicher und bester Landadel, wie er in Spurenelementen noch vorhanden war, mit dem aufgeblähten Hof- und Kaiseradel, der sich seit dem Mittelalter breitgemacht hatte, zu einer dekadenten Brühe vermischt hatte.

Gerade in Österreich ist aber damit vielfach in einer irrationalen Kaisernostalgie, in nebuloser Sehnsucht nach Monarchie, die viel lebendiger ist, als zugegeben wird, ein grotesk verzerrtes, oft genug regelrecht falsches und abzulehnendes Bild zum Zielpunkt der Sehnsüchte geworden. Gerade das, was oft als "Hochzeit" Österreichs gepriesen wird - in der Regentschaft Maria Theresias und Josefs II., deren Aufklärertum konsequent wie nie zuvor das Zerstörungswerk vollendete - zeigt sich bereits der pervertierte Gedanke einer ständischen, zur bloßen Rangordnung umgebogenen, vollends zentralisierten Gesellschaft, die dem Adel die letzte Funktion raubte.*

Geprägt, in den Köpfen der Menschen verankert in Jahrhunderten des Verfalls, wo schon der Gedanke des Adels durch Verleumdung und höchstherrliches Interesse verloren gegangen ist, weil seine Realität nur noch vereinzelt und in Resten rein erfahren werden konnte. Opfer des Kampfes der Zentralmacht gegen ihren gesellschaftlichen Mittelbau, der ihr im Wege war. Übrig blieb ein Adel, der in seinem Selbstgefühl, aus dieser gewußten Leere heraus, die Selbstbehauptung und Überheblichkeit der Angst (!) nach außen kehrte, das ihn vom Volk trennte, anstatt ihn zu verbinden. Gerade in den Kanzleibeamten und Hofschranzen lebt eindrucksvoll ein "Standes-"bewußtsein, das nur als bedauernswerte Neurose einzuschätzen ist, weil er sich in Wahrheit nie aus anderen Ständen wegbewegt, sich deshalb von ihnen in einem stets nur künstlichen Selbsterheben bloßen Ranges gefährdet weiß.

Hier wäre große Ernüchterung, vor allem aber klare Differenzierung am Platz. Wer über eine Erneuerung der Gesellschaft, unserer Kultur nachdenken will, muß vor allem darüber nachdenken, woher jene Eliten kommen sollen, die über den proletarisierten Massen, die nahezu sämtliche Schichten und Klassierungen heute darstellen, eine funktionierende gesellschaftliche Hierarchie aufbauen könnten. Aus dem, was sich - heimlich oder offen tradiert - als Adel darstellt, kommen sie jedenfalls nicht so einfach. Denn was sich als Adel darstellt bzw. darstellte, ist bzw. war nur noch ein Zerrbild des wahren Adels**. 

In dem seine ursprüngliche Aufgabe nur noch als schwacher Faden, als Erinnerung gar durchscheint. Die ältesten, der Ursprungskraft des Adels am nächsten stehenden Adelsgeschlechter und -familien sind mit dem Mittelalter fast restlos ausgestorben, und wurden durch den Adel, der bereits seiner ersten Umdefinition entsprang, ersetzt. Und selbst von diesen Nachfolgegeschlechtern, die noch mit den Besitztümern und Ländern der ältesten, ursprünglichsten Adelsfamilien her die uralten Pflichten und Rechten übernommen hatten, sind mit dem 18. Jhd. auffallend viele zumindest in ihren Hauptstämmen erloschen. Eine persönliche Erneuerung im tiefsten Sinne - weil eben Familien und -verbände nach dem Vollbringen ihres Wirkens erlöschen - gab es seit dem Mittelalter nicht mehr. Der seither hinzukommende Adel folgt bereits einer sinnwidrigen, verzerrten Idee.

Wenn, dann kann Adel aber nur aus Quellen kommen, in denen die wahre Geschichte des Volkes, dem sie als Gesellschaft eingefügt sind, gegenwärtig, und tragfähig, also sittlich lebendig und im Volk, im Boden verwurzelt ist. Dazu genügt Kaisernostalgie also sicher nicht. Und ganz sicher nicht das Wollen, zentralistische Deformation, ja Perversion der Reichsidee durchzusetzen.





*Man beachte alleine die maria-theresianische "Rechtsreform", die als staatsmännische Großtat zu sehen bereits anzeigt, welche Stunde für das Abendland, dessen Grundgedanke der organismische Föderalismus ist, geschlagen hat. In ihr hat die Kaiserin (sic! aus dynastischen Interessen wurde sogar diese Unmöglichkeit eines grundpatriarchalen Gedankens installiert, damit der monarchische Gedanke an sich sinnentleert!) die letzten Reste von Partikularismus mit eisernem Besen im Dienste des Zentralismus entsorgt. Gerade in Österreich wird vielfach mit nostalgischer Verklärung umgeben, was längst pure Dekadenz war, das Ende einleitete, anstatt im besten Sinn zu "reformieren". Selbst wenn man Maria Theresia zugute halten muß, daß sie vieles in Notwehr angesichts erdrückender - mit Preußen und Frankreich, aber selbst Rußland über Iwan den Schrecklichen und Peter den Großen in der Zentralisierung weit fortgeschrittener - Feinde tat, also "nachzog", indem sie Österreich ähnlich schlagfertig machte, was ihr bis zum 3. Schlesischen Krieg definitiv gelungen war. Aber der Preis war enorm.

**All das ist an der Epoche Friedrich II. des Staufers wunderbar erkennbar, wurde dort direkt eingeleitet, im Zentralstaat Friedrichs. Als einer Schlüsselepoche, die direkt in die Renaissance und in den endgültigen geistig-sittlichen Niedergang des Abendlandes führte. Es ist kein Wunder, daß Verehrer Friedrich II., der auf seine Weise ganz gewiß imponierend war, Verehrer eines abstrakt-objektivierten Beamtenstaates sind, die sich an Gedanken hoher nationaler Macht berauschen - wie von einem zentralen, großen Deutschland träumten, das sie ja auch durchsetzten - in dem zudem Adel nur Dekor ist.




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Mittwoch, 27. März 2013

Niedergang eines Standes - Adel (1)

Die Geschichte des Adels in Europa zu studieren heißt, die Geschichte des Zentralismus, der Zentralstaaten zu studieren. Heißt die Auflösung der europäischen Gesellschaften seit dem Mittelalter in ihrem Umbau zu zentralfürstlichen, im Grunde flachen Gesellschaften studieren. Als Geschichte der Auflösung der eine Gesellschaft tragenden, darstellenden Organismen, die in sich selbständig und überlebensfähig waren und sein sollten, denen aber die "großen" geschichtlichen Entwicklungen ihre Daseinsgrundlage entzog.

So wurde der Adel von einer unverzichtbaren gesellschaftlichen Position und Funktion zu einem bloßen Rang degradiert, als Opfer des Kampfes der Zentralmacht, der Kaiser und größeren Landesfürsten, um Zentralisierung ihrer Macht. Die selbst wiederum (siehe Preußen, Frankreich) den noch zentraleren Machtballungen zum Opfer fielen. Nur in Spurenelementen hat sich der eigentliche Adel noch erhalten, namentlich in England, in Österreich, in Preußen, und dort stand er spätestens seit dem 16., 17. Jhd. immer wieder in elementarem Konflikt mit den großen Herrscherhäusern.

An sich ist der Adel rückführbar auf die uralte Organisation der Gesellschaften aus den Familien heraus, die sich zusammenschlossen, einen Anführer wählten, dem jene Aufgaben oblagen, die die größeren Kreise dieser Zusammenschlüsse stellten: Krieg, Außenbeziehungen, Rechtsprechung. Damit war er auf klar patriarchaler Gliederung aufgebaut, und vor allem nicht denkbar ohne Verwurzelung in das ihm zugehörige Land und seine Menschen, denen er sich bis aufs Blut zugehörig fühlte, die ihm anbefohlen waren. So muß man sich die Gliederung der Gesellschaften bis ins späte Mittelalter denken.

Deshalb ist die bürgerliche, bäuerliche Freiheit - anders als in heutigen Vor- und Fehlurteilen -  direkt mit einer starken Adelsschichte verbunden, das ist in allen europäischen Gesellschaften nachzuweisen. Einen politischen Gegensatz zwischen Liberalismus und Aristokratie zu konstruieren wäre also an sich widersinnig, auch hier liefert England* den Beweis. Mit dem Gegenbeispiel Rußland, dessen gesamter Adel nach Iwan dem Schrecklichen nur noch in der Rückbindung an den kaiserlichen Dienst bestand.**

Den ersten fundamentalen Todesstoß gab ausgerechnet das Kaisertum, nachweislich in Friedrich II., dem Staufer, dem stupor mundi, dem Staunen der Welt. Was er auslöste, brach in ganz Europa die Gesellschaften und Länder um. Fürderhin wurde der Adel zum bloßen Rang, und er war rein abhängig von der Willkür, den Interessen des Kaisers, des Landesfürsten. Oft genug unter direkter Mitwirkung von Städten, die nicht selten exakt zu diesem Zweck gegründet oder ausgestattet wurden - kaiserliche bzw. zentrale Macht gegen die Freiheit der kleinen Organismen durchzusetzen. Oft genug durch fehlende Weitsicht oder Gier nach Macht auch kleiner Fürsten, die sich so ihr eigenes Grab schaufelten.

Denn in der Zerschlagung dieses essentiellen gesellschaftlichen Mittelbaus wurde direkt in die Freiheit der Bürger und Bauern (als breitem Boden der Gesellschaft, bis ins 19. Jhd. hinein) in ihrer Hingeordnetheit auf selbstregulierende Kleineinheiten eingegriffen.

Besonders unter Karl V. wurde diese - neue! - Art der Adelserhebung, der Briefadel (anstelle des Adels der Geburt, des Herkommens aus einer historisch in einem bestimmten Landstrich verwurzelten Familie), zur Alltäglichkeit, und feierte ihre Urstände, am deutlichsten in der zentralistischen Entwicklung Frankreichs erkennbar, am zögerlichsten in England, wo sich bis heute der ursprüngliche Adelsbegriff als Vater eines bestimmten Ländchens zumindest im Ansatz erhalten hat.

Damit schlug auch die Stunde eines neuen, städtischen Bürgertums, des Geld- und Hofadels. Denn Zentralisierung bedeutet: Geld, das persönliche Bindung und Selbstgenerierung lebendfähiger Kleinorganismen ersetzen, künstlich beleben muß. Bis hinein in die Kriegsführung, die sich genau deshalb entscheidend ändert, zur Geldsache wird. Karl V. wurde bereits durch Bürger, die Fugger, zum Kaiser, die ihm das nötige Geld gaben, und später einerseits wichtigste Geldgeber der Kaiser wurden, anderseits die Industrialisierung der Wirtschaft (weltweit!) per kaiserlicher Privilegien entscheidend betrieben.

Mehr und mehr höhlte sich damit die Stellung des (alten) Adels aus, der sein Ansehen, seine Verankerung in der Bevölkerung verlor. Wenn ein Kammerdiener per kaiserlicher Willkür geadelt werden konnte, war nicht einzusehen, welche Funktion - außer willkürliche Rangspiele, wie sie im Barock so grotesk aufblühten - der Adel überhaupt noch bezeichnen sollte, über bloße Kaisernähe hinaus. Mit einer weiteren Besonderheit: War noch im Mittelalter die Erhebung in den Adelsstand mit klaren Verdiensten und Aufgaben innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie verbunden - als Grundherren in der Lehn (Leite), als Ritter im Krieg etc., als die sie größtmögliche Freiheit genossen - und deshalb nicht leicht zu erringen, war der Verlust der Adelswürde sehr leicht. Nun wendete sich das: mit einem mal war man leicht Adeliger, aber so gut wie gar nicht mehr aus dieser Würde wieder entfernbar.




2. Teil morgen) Nur noch ein Zerrbild kam auf uns




*Auch hier spielt die Epoche Friedrich II. des Stauferkaisers bereits ihre Schlüsselrolle: Als Folge der Niederlage gegen die für Friedrich (in der Auseinandersetzung um die Kaiserkrone mit dem Welfen Otto) angetretenen Franzosen bei Bouviens 1214, mußte König John 1215 in der Magna Charta die Rechte der Bürger und des Adels für alle Zeiten festschreiben. In einer noch fatal werdenden Übergewichtung, die England ab dem 17. Jhd. in dieser, aber pointierteren Gegenbewegung zum Ausgangspunkt der Zersetzung Europas aus anderer Richtung machen sollten. Als Gegenbewegung gegen diesen Zentralismus, die ihren Weg über die Niederlande fand, wesentlich eingeleitet von ... Frankreich. Das damit seinen Gegner, die Habsburger bzw. die Deutschen Fürsten, schwächen wollte. In dem derselbe Sieg bei Bouviens ja exakt die gegenteiligen Folgen, die ihren Höhepunkt in Ludwig XIV. 350 Jahre später fanden.

**Der Widerspruch Liberalismus : Aristokratie ist sozialer Natur, schreibt Wilhelm Riehl in seiner "Naturgeschichte des Deutschen Volkes", nicht politisch.



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Freitag, 15. März 2013

Kaiser und Papst

Kaiser Friedrich II. im Jahre 1232 in einem Brief an Papst Gregor IX. im Versuch, ihn im Machtkampf mit den lombardischen Städten auf seine Seite zu ziehen:

Gott als der vorausschauende Arzt habe die doppelte Bedrängnis der Kirche durch Ketzer und Rebellen rechtzeitig erkannt und diesen beiden Übeln nicht zwei, sondern eine doppelte Arznei entgegengesetzt: "die Salbe des priesterlichen Amtes, durch die das innerliche Gebrest falscher Diener geistliche geheilt werde, und des kaiserlichen Schwertes Gewalt, das die geschwollenen Wunden mit seiner Schärfe reinige und mit der geschliffenen Klinge weltlichen Kaisertums den niedergeworfenen öffentlichen Feinden alles Verseuchte und Dürre wegschneide".

Und weiter schreibt er: "Dies, Heiligster Vater, ist in Wahrheit die eine aber doppelte Heilung unseres Siechtums, und obwohl beide, Priestertum nämlich und Heiliges Kaisertum, dem benennenden Worte nach getrennt erscheinen: dem wirkenden Sinne nach sind sie dasselbe, sind - gleichen Ursprungs, nämlich eingeweiht durch die göttliche Macht - auch von der gleichen Gnadenhuld zu behüten und, was uns graust auszusprechen, durch den Sturz des gleichen gemeinsamen Glaubens hinwegzuheben."




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Samstag, 2. März 2013

Maßgebender Gott (4)

Teil 3) Sich als Gott erfahren



Kantorowicz nimmt wohl mit Recht an, daß Friedrich in seinen pointierten Auffassungen maßgeblich von seinen Erlebnissen bei seinem Kreuzzug, vor allem von der Freundschaft mit dem ägyptischen Sultan Al-Kamil geprägt war. Denn genau das erlebte er dort, die gottähnliche Stellung und Machtfülle des Regenten. Aber nicht weniger müssen den sehr jungen Friedrich die Ereignisse geprägt haben, die seine Regentschaft selbst wie das Mirakel göttlicher Fügung zustandekommen ließen. 

Mehrmals haben scheinbar winzige Zufälle die Weichen zu seinen Gunsten gestellt: Verspätung des real gewählten und mächtigeren Kaisers Otto IV., des Welfen, um eine Stunde in Basel; die verlorene Schlacht bei Bouvines 1214, die das Schicksal des gesamten Abendlandes maßgeblich bestimmen sollte, an der Friedrich selbst gar nicht teilnahm, usw.  Friedrich als legitimer, aber ausgebooteter, machtloser Kaiseranwärter, mußte das in seiner psychischen Lage fast zwangsläufig als Signum seiner Gottsendung empfinden bzw. hochdeuten.** Daß Gott mit ihm war, ja daß er Werkzeug Gottes war - er damit persönlich zur Vorsehung für die Menschheit wurde.***

Klarer weltimmanenter Materialismus, den Friedrich nicht zuletzt aus seiner Befassung mit der arabischen Kultur (und deren Aristoteles-Rezeption) bezog. Ein geordneter Staat war das verwirklichte Paradies. Er wirkte damit maßgebend für die Staatsentwicklungen am ganzen Kontinent. Diese Weichenstellungen des frühen 13. Jhds. hat auf jene Geleise gelenkt, die zu den Problemen der Gegenwart geführt haben, in denen sich diese Grundfragen ausdrücken.








*Ist uns das nicht bekannt? Friedrich ging selbstverständlich davon aus, daß ER im Besitz dieses ausreichenden Wissens, ausreichender Vernunft war, kraft seines Wissens, seiner Bildung, seiner Bereitschaft zur Bildung. Und vor allem aus seiner besonderen Inspiration - kraft seiner Stellung, als Herr der Menschen. Welcher ein Mensch sein mußte. Zu diesem Glauben an die besondere Stellung in der Unmittelbarkeit vor Gott siehe nachfolgende Bemerkungen.

**Solche Konstellationen sind aus sehr vielen Herrscherviten bekannt. Georg Misch zeigt in seiner "Geschichte der Autobiographie", welche Bedeutung göttliche Zeichen, wunderbare Fügungen, Omina für die Legitimitäts- und damit Machtfrage von Herrschern - und gerade von Ursupatoren! - hatten. Nicht zuletzt ... die Zufälle, die zur Machtergreifung Hitlers führten, sowie die seltsamen Zusammenfälle in seiner Zeit bis 1938, die Joachim C. Fest sicher mit Recht in ihrer Bedeutung dahingehend zusammenfaßt, als sie Hitler an seine göttliche Sendung wirklich glauben ließen.

Aber, geneigter Leser, ist da nicht die Frage erlaubt, woher denn wir, wie Heutige, unsere Selbsteinschätzung beziehen? Beziehen wir sie nicht auch aus den Omina unseres Lebens? Stammt nicht die Einschätzung unserer Stellung im Weltgefüge der Erfahrung einer Wirklichkeit der technischen Zivilisation, in der wir die Welt beherrschen, sie sich unterwirft, über die wir verfügen? Woher sonst sollte wohl die Einschätzung stammen, wir könnten die Welt, sämtliches Leben auf ihr, auslöschen, ihr Wohlergehen hänge von uns ab? 

Genügt der Hinweis auf den Spruch aus dem Alten Testament, daß "der Eintritt in die Weisheit Gottes die Gottesfurcht" sei? Woher aber soll Gottesfurcht kommen, wenn sie gar nicht erfahren wird? Wovor soll sich der europäische Mensch fürchten, außer: vor sich selbst? Vor Blitz und Donner, Hagel und Sturm, Wind und Wetter? Die sind ja doch auch (so meint er zumindest) menschenverursacht!? Ist nicht unser ganzer Sozialstaat, unser Alltagserleben, ein einziger Versuch, jede Nicht-Beherrschbarkeit zu eliminieren, ja bis in die Pädagogik als Erlebensfaktor auszuschalten? Nicht anders hat Friedrich II. - oder Hitler, das Muttersöhnchen, übrigens! - sich erlebt: Alles zu können. Das Rad der Welt selbst zu drehen. 

***Wer glaubt, es handele sich hierbei um "des Kaiser's Bart", um unwesentliche Fragen, irrt gehörig. Denn diese Fragen ziehen sich in ihrem Grund bis ins Leib-Seele-Problem der Gegenwart, und das steckt in unseren alltäglichsten Alltäglichkeiten. Ja, sie ist die Grundfrage unserer politischen Systeme! Wir haben sie ganz aktuell am Tisch liegen. Selbst die Frage um die EU wird in der Frage um Gott und sein Verhältnis zur Welt entschieden, sie ist als keine "politische" Frage zu lösen. 






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Freitag, 1. März 2013

Maßgebender Gott (3)

Teil 3) Das Reich Gottes auf Erden wird säkular




Friedrich II. hat nicht die Zweiteilung (und Zueinanderordnung) der Welt in Sacerdotium und Imperium gesehen. Wenn war es nur Taktik, oder das Ahnen des theoretischen Problems. Für ihn war Imperium zugleich Sacerdotium: Er war als Kaiser (bzw. König) nicht nur in einer Linie mit Christus als König, sondern auch der Hohepriester des Reiches Gottes auf Erden. Nicht der Papst. Und weil sein Faktisches, sein menschliches Dasein, Ausdruck der Vernunft war, war auch jede seiner realen menschlichen Handlungen verbindlich.* ER war damit ganz persönlich auch die Quelle des Rechts, das seinen Leib, das Volk das er regierte, ordnen mußte. Weshalb er das für das Abendland in seinem Fortgang dann maßgebliche Rechtswerk herausgab. Natur, Vernunft und Notwendigkeit waren seine Grundsätze, die ihn das erste staatliche Gesetzbuch seit der Antike herausgeben lassen.

MIt denen er seinen ganzen Staat erstmals in der abendländischen Geschichte auf gebildete Laien aufbaute. Dazu gründete er in Neapel sogar eine Staatsuniversität mit allen Fakultäten, denn mit der Beachtung der menschlichen Vernunft war auch der Wille Gottes erfüllt. Staatsbürger durften nur noch dort studieren, auch Kleriker. Immerhin ging aus dieser Universität aber auch ein Thomas von Aquin hervor, Schüler des Iren Petrus von Hibernia in den Naturwissenschaften. Der im Anschluß an Friedrichs Zeit die kirchliche Philosophie und Dogmatik auf so engelsgleiche Füße stellte, und im Grunde die Fragen, die Friedrich aufgeworfen hatte, präzise durchdachte und klärte.

Keine Kleriker fanden sich bald mehr in der Verwaltung, alle Staatsvorgänge wurden säkularisierte Organe kaiserlicher Zentralmacht, durchwirkt vom Geist der Gesetze. Und damit gewann Friedrich die Bürger und Laien der Städte. Während der Kirche die bäuerliche Masse blieb. Man konnte bei ihm "Karriere machen", selbst am kaiserlichen Hof den Adel verdrängen, gar kaiserlicher Consilarii, Berater werden.

Wie jener Großhofrichter Petrus de Vinea, der bald für die Ohren des Kaisers als alleiniger Ausleger der Wahrheit galt. Er war wahrscheinlich der Verfasser aller kaiserlichen Gesetzestexte, ja des "Kaisers Mund", oberster Richter, letzter Sprachschöpfer des Lateinischen , Erzieher und Lehrer einer ganzen Schreibergeneration, Mittelpunkt eines hochgeistigen Hoflebens, von dem etwas wie eine neue Lehre in die Welt ausging, getragen von lauter jungen und hochgebildeten Leuten. Analog zu Petrus nannte man ihn "Schlüsselträger" - denn er hatte die Schlüssel zur Weltmacht, zum Kaiser.

Seine Briefkunst (seine Briefe werden später wegen ihrer stilistischen Brillanz und dichterischen Qualität herausgegeben) war dem Kaiser wesentlich - denn in ihr zeigt sich eine bemerkenswerte Analogie auch zur Welt des Internet. Petrus de Vinea mußte mit seinen Briefen ein virtuelles Bild des Kaisers in der Welt aufbauen. So, wie es diesem genehm war und nützte

Der Legende nach als Sohn von Bettlern (in Wahrheit aus angesehener Familie), aus dem Nichts vom Kaiser aufgehoben, und wieder hinabgestürzt: Dante sieht ihn in der Hölle, im Geisterwald der Selbstmörder, als Opfer von Hofintrigen. 

Denn am Hofe des Staufers herrschte ungeheurer Zynismus, eine Stimmung aus Spott und Hohn, ja Blasphemien, die man über die "Gegenwelt" ausgoß. In der Art, daß ein Beamter zum Tode Verurteilten die Beichte verweigerte: als Freunde des Papstes wären sie doch schon dadurch heilig.

Petrus de Vinea gerät 1249 in den Verdacht, an einem Giftanschlag des Hofstaates auf den Kaiser beteiligt gewesen zu sein. Vieleicht war er das sogar tatsächlich, Dante läßt es ihn abstreiten. Er wird geblendet, entmachtet, und inhaftiert. Den Sturz aus höchsten Höhen verkraftet er nicht.

Aber so schwoll der Bürokratismus immer mehr an, und das verlangte nach neuen Berufen: Schreibkräften, Kanzleipersonal, etc. - Stadtberufe. Schließlich setzte der Kaiser seine Juristen schon als Bischöfe ein. Manchmal waren sie zufällig auch Kleriker, wenn sie sich dem neuen Geist anpaßten. Die Prälaten an seinem Hof waren keine selbständigen Bringer des geistigen Lebens mehr, wie es ihr Amt gewesen wäre.

Friedrich war das ohnehin bedeutungslos gewesen. War er Gottes Stellvertreter, war in ihm auch das Priesteramt vorhanden - im übrigen eine uralte Annahme, die sich in allen Kulturen findet: Herrscher als Abstämmlinge von Gott. Die immerhin in Jesus als neuem Adam, Stammvater aller Menschen, seine direkte Entsprechung zu finden schien.





Teil 4 morgen) Sich als Gott erfahren





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Donnerstag, 28. Februar 2013

Maßgebender Gott (2)

 Teil 2) Sich ein Volk heranbilden




Friedrich II. hatte es wie immer mit Staatsnotwendigkeiten begründet. Die Kassen waren auch damals leer, Friedrich verschuldet, der Krieg mit dem Papst in vollem Gang - der Deal war alternativlos. Und "imminens necessitas" war immer vorhanden, auch für alle möglichen Steuern, die immer "Ausnahmen" waren. Auch wenn Friedrich als der reichste Fürst Europas seit Karl dem Großen galt - Kapital hatte er nie angehäuft. Wurde die Lage entspannter, erließ er auch mal wieder Steuern. Immerhin waren auch seine Gegner die finanzkräftigsten Mächte der damaligen Welt: die Kirche, und die oberitalienischen Städte. Bis, ja bis ... das Land erschöpft war. Friedrich hatte mit der Welt Raubbau betrieben. Aber er hatte erstmals eine "Nation" geschaffen: Und das aus einem derartigen Völkergemisch, wie Sizilien eines war - denn nur dort war möglich, was er durchzog. Nur hier traf er auf keine stärkeren verwurzelten Gegenkräfte.

Gleichzeitig verbot er sizilischen Frauen, ohne seine Zustimmung Zugereiste zu heiraten. Denn sizilische Frauen sollten die Ehe eingehen, um ... Nachwuchs zu ziehen, so den Staat zu erhalten. Das verlangte bereits normgeprägte Männer, aber er wollte auch ein sizilisches Blut züchten, um aus diesem Blutsgemisch irgendwann ein einheitliches Volk zu erhalten.

Und das gelang: Als dreißig Jahre nach Friedrich die Franzosen - das Haus Anjou hatte sich das Land angeeignet -  vertrieben wurden, erhob sich das sizilische Volk in einem wahren Nationalrausch unter dem staufischen Adlerzeichen mit unvergleichlicher Brutalität und schlachtete in einem Blutrausch die Gallier ab. Sizilischen Frauen, die von Franzosen schwanger waren, wurden sogar die Leiber aufgeschnitten, um die fremde Frucht herauszuholen und zu zertreten.

Wer sich den Gesetzen fügte, erlangte "das ewige Heil". Wer nicht, wer auch nur kritisierte, war verdammt, und wurde schwer bestraft. Denn das Volk war der Organismus, den der Kopf zu ordnen hatte, der vom Kopf selbst lebte. Der Kaiser war die Fortführung der Inkarnation Jesu, sein Staat war Gottes Reich auf Erden. Des (gebildeten) Kaisers Vernunft war die Vernunft Gottes, er war gottunmittelbar, brauchte keinen Mittler (in Wirklichkeit auch keine Kirche), sondern er selbst war der inkarnierte, fleischliche Mittler.

Den Querverweis auf den  maßgeblichen Heiligen dieser Zeit, den Heiligen Franz von Assisi, hier einzufügen geschieht nicht ohne Hintergrund. Denn auch das Problem des Hl. Franz liegt in dieser Gottunmittelbarkeit, die die franziskanische Spiritualität kennzeichnet, und die, wenn sie nicht ihr natürliches Maß findet (Franz' "Rettung" war, daß er nie die konkrete Hierarchie anzweifelte; nur darin her er sich von so vielen Ketzerbewegungen der damaligen Zeit - aber damit fundamental - abgegrenzt, wurde seine Bewegung keine Sekte), direkt in Reformation und Renaissance mündet, und damit in der Neuzeit anlangt.






Teil 3 morgen) Das Reich Gottes auf Erden wird säkular




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Mittwoch, 27. Februar 2013

Maßgebender Gott (1)

Das Gerücht ist nicht zu besiegen - Kaiser Friedrich II. wäre ein Ausbund an Toleranz und Milde gewesen. Genau das Gegenteil ist wahr, schreibt Ernst Kantorowicz in der Biographie über den Staufer, die er verfaßt hat. Das Abendland hat weder vorher noch nachher einen derartig gewaltbereit-intoleranten Herrscher hervorgebracht. Denn kein Kaiser, so Kantorowicz, war dem Anspruch wie dem Wesen nach so schlechthin der RICHTER, wie Friedrich der II., der als Richter jahrhundertelang hindurch in der Vorstellung der Welt weitergelegt hat und dessen Wiederkehr man als Richter erwartete, als Rächer menschlicher Entartung. Ein toleranter Richter aber gleicht lauem Feuer.

Für Friedrich war er selbst Stellvertreter Gottes auf Erden. Die Widersprüchlichkeit, die sich in seinem formalen Anerkenntnis des Papstes ausdrückte, ließ er aus politischen, nie direkt ausgesprochenen Gründen bestehen.  Denn er ließ zwar die Kirche weiter wirken, offiziell, auch weil er keinen Konflikt mit der Religiosität der Bevölkerung heraufbeschwören wollte, aber er ersetzte sie. Sein Staat WAR die Ecclesia, die verwirklichte, reale Ecclesia.

Deshalb war das Gesetz, auf dem er das Staatsleben - in seinem Land vorerst, im Königreich Sizilien (mit Unteritalien bis Neapel) - aufbaute, und das von Rechtsgelehrten ausgearbeitet wurde, gleichzeitig Gesetz Gottes, denn menschliche Vernunft war auch die Vernunft die die Schöpfung regierte. Und sie war fleischlich repräsentiert im Kaiser, in seiner Person. Sein Wille war also dem Willen Gottes gleich, was er an Gesetzen erließ war auch Gottes Gesetz, dem er unmittelbar gegenüberstand. Wer ein Gesetz übertrat, beleidigte somit Gott selbst. 

Wer den Herrscher oder einen von ihm eingesetzten Beamten beleidigte oder auch nur in Frage stellte, beging einen Religionsfrevel in der Majestätsbeleidigung. Auch hier veränderte er folgerichtig grundlegend das System: die Lehensfreiheit wurde ersetzt durch von ihm bestellte, im Grunde omnipotente Beamte, die für Verstöße und Vergehen schwerst bestraft wurden. Kein Beamter durfte aus jener Gegend stammen, über die er eingesetzt wurde. Damit war sein Vermögen konfiskabel. Aber wenn sie auch 
einem gnadenlosen Kontrollsystem unterlagen - genau deshalb waren sie korrupt, wie eben typisch für eine Tyrannis.

Staat war damit gleichzeitig Ort der Religion. Folgerichtig wertete er die (zuvor nur kirchliche) Inquisition auf, ja führte sie als Staatsanliegen ein. Und verfolgte alle Ketzer in seinem Königreich Sizilien (und dann über ganz Italien, Sizilien war eine Art Normvorlage) mit brutaler Gewalt. Seine Toleranz anderen Religionen gegenüber beschränkte sich auf jene Fälle (er siedelte die sizilischen Sarazenen sogar außerhalb Siziliens an) in denen er sie für seine Machtzwecke benützen konnte.

Alles in seinem totalen Staat war Majestätsangelegenheit, alles war vom Staat zu regeln, bis in letzte Details hinein direkte staatliche Verwaltungsangelegenheit.* Von der Fischerei, bis zur Schädlingsbekämpfung. Er machte genau das, wie man sich heute oft eine "Verwaltungsreform" vorstellt: Er schaffte alle Mittlereben zwischen Bürger und Staat ab. Und damit das oft sehr komplexe Rechtsgefüge aus Rechten und Pflichten und Standesbelangen, das natürlich "lästig" war. Städte durften sich keine Stadtoberhäupter mehr setzen, die wurden vom Kaiser bestellt,  bald Klöster nicht mehr ihre Äbte, Diözesen ihre Bischöfe. Das ganze von ihm regierte Land wurde der "uniformitas" unterworfen, gleichgehobelt. Und gleichzeitig nach außen durch zahlreiche Festungen gesichert. Was sich ihm sperrte, wurde brutal überwunden.

Sein zentralistischer Staat verwandelte sich je nach Bedarf in einen total abschließbaren, "geschlossenen Handelsstaat", als mittelalterliche Stadtwirtschaft, ausgedehnt auf ein ganzes Königreich: Staatswirtschaft ging über Privatwirtschaft, was lohnend schien, wurde zum Staatsmonopol, Import/Export nach Staatsbedarf geregelt, streng überwacht, und besteuert. Vergab er Rechte, so wie den Seidenhandel an die Juden, dann gegen hohe Abgaben. Er führte eine Einheitsmünze ein, vereinheitlichte Maße und Gewichte. Bald war der Staat größter Landeigentümer, und damit Lebensmittelproduzent. Bauern, die zuwenig arbeiteten, wurde ihr Land weggenommen und jenen gegeben, die es bearbeiteten. Bald konnte niemand mehr mit den Staatsbetrieben konkurrieren, die nicht einmal Zölle zahlten, die herausholten, was herauszuholen war.

Als einmal - Kantorowicz erzählt einen konkreten Fall - in Tunesien Hungersnot ausgebrochen war, und tunesische Händler in Sizilien anlandeten, um mit genuesischem Geld Getreide von privaten Bauern zu kaufen, schickte Friedrich sofort einen arabisch sprechenden Unterhändler nach Tunis, ließ alle Häfen sperren, mit Staatsgeld sämtliches Getreibe aufkaufen, das zu kriegen war, die kaiserliche Flotte beladen und auslaufen, und gestattete dann wieder, die Häfen zu öffnen. Da war aber wohl seine Flotte bereits in Tunis angelangt. Der Staat, hatte nur mit diesem einen Handel eineinhalb Millionen Mark verdient.

Teil 2 morgen)  Sich ein Volk heranbilden





*Außer Zivilangelegenheiten, die keine staatlichen Agenden betrafen. Die waren Friedrich völlig gleichgültig. Bürger konnten oder mußten sich die Rechtsnormen für Privatstreitigkeiten selbst suchen.




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Sonntag, 22. November 2009

Raben und Augen

Die Mär von Krähen, die auf Augen losgehen, stammt aus dem Mittelalter. Dort hatte man nämlich auch Raben und Krähen auf Jagd abgerichtet, indem man sie lehrte, die Augen der Beutetiere auszuhacken.

Dies tat man, indem man ihnen von Jugend an Köpfe von Tierkadavern, deren Augen durch Fleischstücke ersetzt worden waren, vorhielt, sodaß sie darauf konditioniert wurden.




*221109*

Sinnbild der Niedertracht

Eines Tages wirft Friedrich II. seinen Lieblingsfalken auf einen Reiher am Himmel. Sein Saker stößt dem Reiher nach, doch der verteidigt sich geschickt mit seinem langen Schnabel, und nur mit großer Mühe scheint der Falke ihn erlegen zu können.

Da taumelt ein zerzauster, kranker, junger Adler, in geraumer Entfernung, über den Horizont. Augenblicklich läßt der Falke vom Reiher ab, stößt auf den Adler, und erledigt diesen.

Angewidert blickt Friedrich dem Spektakel zu. Bis er seinen Leibfalkner beauftragt, dem Falken den Kopf abzuschneiden. Weil er seinen Herrn getötet hat, sagt er.

Bin ich schon wie jener Adler, fragt sich am Heimweg der alternde Kaiser?

Und mit Ekel geht er hinfort durch die Reihen der Hoffalkner, die ihm vor jeder Jagd ihr Tier anbieten. Jedes Tier, sinniert er, ist durch Nahrung käuflich. Selbst ein Brocken Fleisches vom Hund bricht ihren Willen, und macht die edelsten, wildesten Falken zu würdelosen, jammernden Bettlern.




*221109*