Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Hearn (Lafcadio) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hearn (Lafcadio) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 3. November 2018

Ein schwerstens traumatisiertes Volk

Nein, die Rede ist nicht von Deutschland, obwohl die Parallelen offensichtlich sind. Was hier der britische Journalist John Pilger zeigt, ist der Zustand Japans, der sich, glaubt man Berichten, seit dessen Recherchen noch weiter verschlimmert hat.

Der VdZ war erschüttert, das gibt er zu, als er diesen Dokumentarfilm sah, der wohl schon in den 1980er Jahren entstanden ist, aber wie man hört an Aktualität nichts verloren hat. Er zeigt in extremer Klarschrift, was jene Kraft anrichtet, die noch immer von vielen (und vor allem vom Liberalismus) als Allheilmittel für Kulturen und Völker angesehen wird - dem blanken Kapitalismus. Der unweigerlich den Zentralismus und damit den Verlust der persönlichen Freiheit in der Geschwisterhand hält. Und mit freier Wirtschaft nichts, NICHTS zu tun hat. Sondern die Herrschaft einer Oligarchie über ein Volk bedeutet, das einen Staat erfährt, der ein Zwangssystem ist, das im Dienst der Oligarchen existiert.

Schon aus den großartigen Büchern von Lafcadio Hearn konnte man ahnen, was sich in Japan ab dem späten 19. Jahrhundert abspielte. Der Film führt alles, was Hearn in so poetisch-verliebtem Japan-Blick gezeigt hat, einfach weiter. Ein Volk erfährt eine brutale, und nach 1945 noch brutaler fortgesetzte Vergewaltigung durch eine ihm völlig fremde Unkultur - dem Kapitalismus. Denn der VdZ weigert sich allmählich, dies einem doch nur fiktiven "amerikanischen Volk" anzulasten, wo es selbst so großen Widerstand gegen den Kapitalismus der Oligarchen gibt. Denn er haßt nicht "die Amerikaner". Er haßt die Feinde des Menschseins.

Die Fakten über Japan, die Pilger hier darstellt, sind nur noch erschütternd. Das, was diesem Volk passiert, ist noch dazu ein erkennbares Schema, das das Oligarchentum, das sich großkotzig "Kapitalismus" nennt und damit sogar zu meinen vorgibt, es gehe um "Markt und Freiheit, über die ganze Welt verhängt. Martin Mosebach schreibt einmal, daß er nach der Lektüre von Zola's "Nana" für drei Tage allen Ernstes Kommunist gewesen sei. Nun, dem VdZ ging es nach diesem Film ähnlich.







*111018*

Donnerstag, 28. April 2011

Der Umbruch einer Welt

Große Trauer ergreift einen, wenn man bei Lafcacio Hearn - diesem Iro-Griechen, der zum Japaner wurde - liest, wie die Japaner den (gewaltsamen) Einbruch der westlichen Welt, in Gestalt der Amerikaner zur Mitte des 19. Jhds., erlebt haben. Aus ihrer Kultur heraus zutiefst zurückhaltend, defensiv, selbstvergessen weil selbsttranszendierend, waren sie zu Anfang nicht einmal sicher, ob es sich bei den ersten Weißen, die das Land betraten, überhaupt um Menschen handelte. Ihre Kleidung schien vielmehr den Verdacht zu bestätigen, daß es sich um Wesen aus ihren Sagen und Mythen handelte, an denen diese seltsamen Hosen und Hemden menschliche Gliedmaßen nur vortäuschen sollten.

Lafcadio Hearn (1850-1904)
Aber dann gelang es dieser alten Kultur nicht, dieses eine angelandete Schiff zu vernichten. Und obwohl das Land, seine Bewohner, der Kaiser betete, die Priester ihre Riten vollzogen, kam er nicht, der Kami-Kaze, der Götterwind, wie damals, als er das Land vor der Invasion der Tataren bewahrt hatte, deren Landungsflotte im Sturm unterging.

Also mußte es der Wille der Götter sein. Und der Kaiser ordnete an, daß von den Fremden zu lernen sei, was immer es zu lernen gebe. Was er seinem Volk erst noch verheimlichte.

Mit Todesverachtung aber lernte die Jugend - immer aber in strengster Wahrung der Sitte und Höflichkeit - die neue Sprache, besuchte die Universitäten in den USA, und sah mit Schrecken, was für eine abstoßende, sittenlose, unethische Welt, in einer gigantischen Zerspaltenheit, sich da der ihren so überlegen zeigte, daß die Japaner sich militärisch völlig chancenlos wußten, und die Amerikaner in einer technischen Überlegenheit, in einer Überlegenheit ihres Rationalismus, ihrer Art zu denken erfuhren, die sie nicht begreifen konnten.

Aber die Alten, die Weisen, die Priester, sie begriffen, daß damit Dämonen "unbeschwichtigt" freigesetzt wurden, die alles, wirklich alles umbrechen würden. Und die die Menschen um ihren Seelenfrieden bringen würde. Gewohnt, Religion zu teilen in eine Art Volksreligion, Gefühlsreligion, voller Aberglauben und Geheimnis, und Philosophie, die im Buddhismus Religiosität lediglich als Ethik begriff, konnten sie mit einem Christentum nichts anfangen, das offensichtlich so wenig ethische Durchdringungskraft hatte. Nur wenige begriffen die Art der Selbsttranszendenz, in der sich das Christentum verstand, Missionare waren meist nicht in der Lage, den japanischen Fragestellungen und Anforderungen schon rein intellektuell zu begegnen. Nur in Ausnahmecharakteren konnten sie jene Sittlichkeit finden, die sie dann sogar höher, wenn auch anders, einschätzten als ihre eigene.

Noch bis in den 2. Weltkrieg hinein verachteten die Japaner deshalb die Amerikaner, ja überhaupt den Westen, ob seiner Verweichlichung, seiner Dekadenz, seiner mangelnden Ethik. Ja, noch 1977 oder 1978 konfrontierte der Verfasser dieser Zeilen im Rahmen eines Referats an der Handelsakademie den (empört antwortenden) Botschafter Japans mit der damals alles beherrschenden Thematik, daß  diese auf Kosten europäischer und amerikanischer Ideen billigst produzierte japanische Ware, als schamlose Plagiate, den Westen ruinierte.
Ein Westen, dessen technisch-rationalistische Überlegenheit die Japaner offenbar aus einer alten Grundhaltung her einfach nur auszunützen versuchten, wo immer sie konnten, wozu sonst sollte er da sein. Dem sie aber ihre alte Kultur geopfert hatten. Konnte da anderes als Verachtung und eigentlich: Haß entstehen?

Hearn hatte übrigens davor gewarnt, vor 100 Jahren! Er schrieb, daß in dem Augenblick, wo die Japaner (und Chinesen!) besser mit dem westlichen Denken - das ihnen dezitiert fremd bleibt - zurechtkommen, sie in großem Ausmaß billige Produkte herstellen werden, die die westlichen Märkte überschwemmen, und ruinieren dürften. Aber vielleicht war er das, der Kami-Kaze, der Götterwind, der vor wenigen Wochen weite Teile des Landes verwüstete, und wo die Erde sich aufbäumte, um die fremde Last abzuschütteln.



*Für den Japaner ist das Christentum aus kulturell "verfleischlichten" Gründen schon prinzipiell kaum verstehbar, ist ihm bestenfalls eine Ethik, weil es tatsächlich den Leitideen - und solche sind es hier - seiner Kultur, die in hohem Maß verhaltenszentriert ist, widerspricht. Übrigens eine Erfahrung, die der Verfasser dieser Zeilen auch mit Muslimen gemacht hat, die sich ähnlich wie Hearn es beschreibt nicht vorstellen können, daß es eine Religion gibt, die nicht ZUERST Verhalten und Moral ist. Ihnen fehlt eine Metaphysik, dem Muslimen ist, wie dem Japaner s.o. die Natur der Dinge nur in Dogma, in Offenbarung zugänglich, die aber die Vernunft nicht erhellt - weshalb sie ausgeklammert, lediglich instrumentalisiert bleibt. Einen ähnlichen Weg hat ja der Protestantismus beschritten. Ihnen allen ist Vernunft und Offenbarung, Glaube und "irdisches" Wissen, nicht als EINES, als zwei einander aber nie widersprechenden Aspekte ein und derselben Medaille, vorstellbar. Für sie, und nicht nur für sie, ist ein Wissen vorstellbar, das Glausbensinhalten widerspricht. Und genau so beschreibt auch Hearn den japanischen Zugang: wo die "Volksreligion", als Religion fürs Gemüt quasi, ihren Wert und ihre Notwendigkeit und sogar ihre Wirklichkeit hat, und DESHALB hoch zu schätzen ist. Ganz ähnlich übrigens dem heutigen Selbstverständnis der Psychologie, wie sie der Autor dieser Zeilen an der Universität hörte: die ihren Gegenstand, die Psyche, als das definiert, was rein faktisch an Psyche vorhanden ist ... Psyche ist, was Psyche ist, also. Auf die Religion bezogen: Religion ist, was Religion ist. Der Rest ist Ethik, der Rest ist Utilitarismus.


***

Montag, 25. April 2011

Stoa der Geringschätzung

Den Hinweis habe ich Hugo von Hofmannsthals Aufzeichnungen entnommen, und ich bin selten so froh gewesen, einer Literaturempfehlung gefolgt zu sein, denn die Japan-Bücher von Lafcadio Hearn sind nicht nur ein Genuß zu lesen, sondern - wobei das wohl zusammenhängt - sie geben binnen kurzem das Gefühl, dieses Volk, ja ein Volk überhaupt verstehen zu können. Gerade sogar in dieser Rätselhaftigkeit, wie es beim japanischen Volk der Fall ist.  Dabei ist Hearn ganz gewiß kein Psychologist! Er versteht einfach, er deutet, er versucht zu begreifen. Und aus diesem Begreifen heraus schreibt er. Weshalb es verwunderlich ist, daß seine Bücher nicht mehr verlegt werden, gerade jetzt. Ich habe keinen einzigen Fernsehkommentar gehört, oder einen Kommentar in Zeitungen gelesen, der auch nur annähernd dieses Land und sein Volk so begreifen hat lassen, wie es Hearn mühlos gelingt.

Der gebürtige Iro-Grieche, der im 19. Jhd., zur Wende des 20., so lange nach einem Platz auf dieser Welt gesucht hat, bis er ihn in Japan fand, zeigt in seinen Büchern verblüffende geistes- und kulturgeschichtliche Zusammenhänge, zeigt ihre Evidenz aus Verhaltensweisen und Sitten, und zuweilen spekuliert er, und alles tut er inspirierend. Zum Beispiel, wenn er die Bauweise japanischer Häuser - im besonderen den durchhängenden Giebel - als unbewußten Anklang an ihre vermutlichen Ursprünge als Steppen- und Nomadenvolk deutet.

Sicher recht hat er in der Zurückführung des fehlenden Begriffs für Dauerhaftigkeit auf die Überlagerung des Buddhismus, der zumindest eine Anlange (die mit der Nomadenherkunft zusammenhängen sollte) verstärkt hat. Was sich überall ablesen läßt, wo der Buddhismus dominiert.

Denn in ihm zählt das Irdische nichts, im Gegenteil ist es zu überwinden, letztlich aufzulösen. Auch wenn das die breiten Volksmassen (und das ist nicht verwunderlich) nicht nachvollziehen können - der Buddhismus ist nie wirklich eine Volksreligion geworden, sondern überlagert immer mehr oder weniger urtümliche Naturreligionen.

Aus dieser Disposition heraus ist der Japaner notorisch "flüchtig". Er reist enorm viel - und das dürfte sich bis heute nicht geändert haben -  und alles, was er tut, ist nicht auf Dauerhaftigkeit ausgelegt. Er ist gewöhnt, Dinge zu verlieren, er ist gewöhnt, sie nicht hoch zu bewerten, er ist gewöhnt, sie flüchtig und aus nicht dauerhaften Materialien anzufertigen. Viele seiner Dinge des Alltags waren seit je Wegwerfprodukte, sei es Kleidung, oder seien es simple Eßstäbchen.

Das einzige, das ihm Dauer hat, sind die Gräber, die Geister der Ahnen, und die Götter (die unter der Schichte aus Buddhismus ruhen). Obwohl er auch die Tempel immer wieder abreißt und erneuert. Aber in diesem Land, schreibt Hearn, ändert sich ohnehin alles - selbst die Berge durch Vulkanismus, die Meeresküsten durch Wellen und Erdbeben, die Täler, Flüsse und Seen durch Erdrutsche und Erosion.

So aber lassen sich die aktuellen Fernsehbilder verstehen, die die Japaner inmitten dieser gewaltigen Katastrophen als sehr gefaßt übermitteln. Es ist weniger Disziplin, es ist diese buddhistische Gleichgültigkeit, die tief in ihren Seelen steckt, und die zuweilen mit ihrem einfach menschlichen (das gebliebenen) Fühlen streitet. Diese 100, 150 Jahre Zivilisation nach westlichem Muster haben das ganz sicher nicht ändern können.

***