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Dienstag, 8. März 2022

Der verdrängte Irrtum Rußlands (1)

Die Angelegenheit ist eigentlich eindeutig, und zwar aus bestimmten Aspekten heraus, die man so bezeichnen könnte: Was als Ursache geschehen ist, muß sich in der Wirkung zeigen.

Welche Wirkung ist gemeint? Die Renaissance der Russischen Orthodoxen Kirche, mit der ihr assoziierten Orthodoxie der Ukraine, die traditionell seit zumindest 250 Jahren dem Moskauer Patriarchat zugehörig ist. Diese Ukrainisch Orthodoxe Kirche hat sich vor zwei Jahren dann gespalten. Ausgehend vom Konstinopelschen Patriarchen Bartholomäus wurde eine "Autokephale Ukrainische Nationale Kirche" ausgerufen. Damit sollte die Orthodoxie in der Ukraine schlicht und ergreifend umgetauft werden, denn Taufe bezieht sich in ihrer ersten iwe letzten Konsequenz auf die Zugehörigkeit zu EINEM Vater, also auch die Zugehörigkeit zu einer Autorität, Hierachie und Organizität.
 
Wird das "umerklärt", wird die Natur des geistigen Körpers "Kirche" geändert, ist die Taufe streng genommen widerrufen. Sie befindet sich zumindest in einem unlösbaren Konflikt, der nur mit gehöriger persönlicher Ignoranz und positivistischer Umprägung (also einem sehr rationalen "Willensakt") irgendwie "lösbar" ist. Die Realität ist, daß sich die Ukrainische Orthodoxie GESPALTEN hat. Vor allem die zahlreichen russischsprachigen der Ukraine sehen sich nach wie vor Moskau zugehörig, während sich der Rest der neuen autokephalen Ukrainischen Orthodoxie zugehörig sieht.

Sonntag, 18. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (2)

 Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt




Der Leser erinnere sich: Alle Reformen sollten im Namen einer Widerherstellung einer "unverfälschten, echten" Tradition stattfinden. Zwar gab es für diesen Anspruch nie den Funken eines Beleges, denn Forschungen haben gezeigt, daß die Liturgie von 1962 ganz exakt dieselbe war die im Jahre 62. Warum sollte sie das auch nicht sein? Immerhin hatten die zwölf Apostel drei Jahre im wohl besten Seminar gelebt, das denkbar ist - in der Gegenwart Jesu Christi. Warum also sollte ihre Liturgie infantil sein? Und wenn sie ihre höchste Aufgabe darin sahen, die Worte Jesu zu überliefern, und zwar ganz genau, warum sollte damit auch die Liturgie nicht auf diesem Stand einfrieren, den sie doch von Jesus direkt empfangen hatten? So wurde die Tradition geboren, und deshalb wurde auch Latein als universale Liturgiesprache eingeführt - eine tote Sprache. Denn eine solche war ganz sicher "rein", von keiner Alltagssprache jemals verunklart und verändert. 

Im Vaticanum 0 passierte exakt dasselbe. Auch hier forderten die Reformer im Namen der ursprünglichen Tradition eine Veränderung der gegenwärtigen Praxis. Ausgehend von Bestrebungen der russischen Zaren, zu den griechischen (byzantinischen) Wurzeln zurückzukehren. (Vermutlich hatte das einerseits Legitimationsgründe, denn die Romanows waren noch nicht lange an der Macht und hatten sich nach ihrer Machtergreifung mit einem aufmüpfigen Bojarentum herumzuschlagen, dann aber auch den Sinn des Beweises einer Tradition des Byzantinischen Reiches, das in Moskau weiterbestehen sollte; Anm.) Zwar bestehen Zweifel, ob der Anstifter zu den Reformen nicht doch der Patriarch Nikola gewesen ist, aber es spricht einfach mehr dafür, daß sie vom Zaren ausging. 

(Und die vom VdZ angedeuteten Gründe würden diese Variante ebenfalls bevorzugen, denn solche Motivgemengelage sind in der Kirchengeschichte häufig: Nicht zuletzt dürfte die Kirchenspaltung in Ost und West, Byzanz und Rom, auf Kaiser Karl zurückgehen, und zwar aus ganz ähnlichen Gründen wie hier bei den Romanows.) 

Auf jeden Fall kam die Idee zu einer Reform beiden entgegen. Zar Alexis wollte ganz sicher Moskau zum Dritten Rom machen, und der russische Patriarch nichts anderes. Beim 2. Vatikanum ist dass nur scheinbar genau umgekehrt, wenn Kardinal Bugnini, der spätere Initiator der Liturgiereform, Rom quasi "abschaffen" wollte - nur schuf er damit eben viele, nicht mehr faßbare weil unbekannte Roms, als Teil einer ökonomischen Kirche, in der auch die Anglikaner und deutschen Lutheraner ihren gleichberechtigten Platz fanden, weil nicht mehr "unter" einem Rom standen. Und natürlich auch Konstantinopel, natürlich. Moment, und wie sähe es mit sagen wir Salt Lake City und seinen Mormonen aus? Natürlich, auch die haben dann ihren Platz. Moment, hieß Mons. Bugnini mit Vornamen nicht Hannibal - "Gnade von Baal", dem berühmten Todfeind von Rom? Tschuldigung, das war nur ein Scherz.

Erstaunliche Parallelen, bis auf einen Punkt

Tja, die Geschichte mit Roms 2. Vaticanum und Moskaus 0. Vaticanum zeigte entsprechende Parallelen. Beide suchten (angeblich) eine Versöhnung mit der Welt, indem sie "an die Ursprünge" zurückgehen wollten und die jeweils gegenwärtige Gestalt veränderten. Beiden Konzilen folgte eine Zeit der fanatischen Verfolgung dieser Gestalt, sie wurde strikt verboten.

Sowohl der Zar als auch der Patriarch waren überzeugt, daß die liturgischen Bücher sowie die Liturgien voller Übersetzungs- und Übermittlungsfehler steckten. Die Kirche mußte wieder "gereinigt" werden. Der Zar beauftragte den Patriarchen Nikon, den Ursprüngen nachzugehen. Und der tat es, ging nach Athos, und studierte dort sämtliche Bücher. Und siehe da, er fand die "ältesten Formen". Drei Finger, nicht zwei. Drei Halleluja, nicht zwei. Und so weiter, und so fort.

Nur gab es da ein unscheinbares Problem. Nein, mehrere. Nicht nur, daß sich Zar und Patriarch zerstritten, und während der Patriarch darauf wartete, daß sich der Zar bei ihm offiziell entschuldigte, tat dieser etwas ganz anderes, denn er hatte ja die Macht: Er stieß den Patriarchen aus der Kirche aus, und setzte ohne lange die versammelten Patriarchen zu fragen, die auf der Seite von Nikon waren, die Reformen in Kraft. Und zwar aus dem offensichtlichen Grund, daß er eine Homogenisierung der russischen mit der griechischen (originalen) Kirche wollte, um der unbezweifelte Nachfolger des Kaiserstuhles von Konstantinopel zu sein, beide Glaubensgemeinschaften bzw. alle Orthodoxen zu vereinen. Und das stimmt mit zahlreichen weiteren historischen Analysen überein: Denn das war und ist seit tausend Jahren das große Ziel der Russen.

Für dieses Ziel waren die Russen bereit, auch etwas zu geben - eben ihre eigene Tradition aufzugeben zu Gunsten der vermeintlich originaleren griechischen Liturgie. Immerhin waren diese ja wohl getreuer als die russischen Bücher? Lustigerweise - nein. Die russischen Bücher waren, wie man heute weiß, allen Traditionen ganz exakt gefolgt, nicht aber die griechischen! 

Die Spaltung war die Folge

Die Katastrophe war perfekt. Denn nunmehr spaltete sich die russische Kirche, in Raskolniki (die Altgläubigen), und die Narodniki, die Volkstreuen, die in den Augen der Altgläubigen der Antichrist persönlich waren. Noch dazu wurden diese Reformen 1666 beschlossen - man sehe die Zahl! Nur hatten diese Narodniki auch die Macht, und schwere Verfolgungen setzten ein. Die in ihrer Härte nur noch von den nächsten Narodniki übertroffen wurden - den Bolschewiken.

Und hier haben wir wieder die Parallele zum 2. Vatikanum. Auch hier setzten schwere Verfolgungen der "Altgläubigen" ein. Freilich waren manche Mittel scheinbar umgekehrt. Aber nur zum Schein, denn das Ziel war dasselbe wie in der Orthodoxie: Sämtliche christlichen "Kirchen" in einer ökumenischen Gesamtkirche zu vereinen.

Wohin hat das alles geführt? 

Nun, im Grunde zum gleichen Ergebnis. Bei beiden Kirchen. Jähe Veränderungen führen zu Verwirrung. Verwirrung schafft Richtungsstreit. Streit untergräbt die Disziplin und die Fähigkeit, einen Organismus zu leiten. Und diese Unfähigkeit verhindert eine wirkungsvolle Verteidigung der Lehre. Und damit ist ein Sieg der wahren Lehre unmöglich gemacht. Es ist deshalb klar, daß solch ein Vorgehen einer Revolution direkt in die Hände spielt. Während es für die Tradition verheerend wirkt. 

Deshalb kann man eine Lehre ziehen: Wer ein System revolutionieren will, der tut das am wirkungsvollsten unter dem Banner der ... Wiederherstellung der echten, wahren Tradition, definiert als Rückgang zu einer weit zurückliegenden Rekonstruktion eines Anfangs, der den ganzen Weg dazwischen als Verfälschung entwertet. 

Und dieser sogenannte Reformwille ist das Herz der Entwicklung des Abendlandes seit der Aufklärung. Es war in Wahrheit das Einreißen einer Kultur, weil jeder Erfahrung entgegen, den Generationen dazwischen abgesprochen wird, sich immer wieder neu reformiert und an den Anfängen und Prinzipien orientiert zu haben. Als Schlag ins Gesicht der Eltern.


***



Hinweis: Der Streit um "zwei oder drei Finger" (etc.) scheint nur uns bereits völlig entgeisteten West-Barbaren lächerlich und völlig unwichtig. Er entfaltet seine Schwere aber, wenn man die Bedeutung und Rolle des Konkreten, Bildlichen, Dargestellten in der Orthodoxie bedenkt. Wo zwar das Zeichen selbst nicht angebetet werden kann oder darf (was den Altgläubigen ja vorgeworfen wurde, zu Unrecht, sieht man von einzelnen Mißständen ab), aber dieses Zeichen als Symbol verstanden wird, in dem geistig der transzendente Inhalt - damit der Himmel, bzw. ein Teil davon - gegenwärtig ist.




*270118*

Samstag, 17. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (1)

Einen weiteren sehr interessanten Artikel fand der VdZ am Blog von William M. Biggs. Er stammt aus der Feder von Ianto Watt, und stellt die These in den Raum, daß es vor dem 1. und 2. Vatikanum ein "Nulltes Vatikanum", also ein "Vaticanum 0" gegeben hat. Wie kommt er darauf? 

Zuerst einmal führt Watt an, daß sich das 1. und das 2. Vatikanum unterschieden haben wie Tag und Nacht. Im Vaticanum I  ging es (grosso modo) um Gewißheit ("Laßt uns einem Anführer zuhören"),  im Vaticanum II ums genaue Gegenteil, nämlich "laßt uns auf jeden hören, und am besten auf alle auf einmal.") Im eigentlichen Sinn meint also Watt einen Vorgänger zum 2. Vatikanum, wenn er von Vaticanum 0 spricht, und dieses ist der wirkliche Vorgänger zum Vatikanum II. Denn auf beiden Konzilen ging es um dasselbe, und beide gleichen sich auch frappierend.

Dieses Vaticanum 0 freilich ging in der Orthodoxen Kirche Rußlands vor sich. Um genau zu sein: Im Schisma das sich rund ums Jahr 1666 dort abspielte. Und das hier die Raskolniki (Die Altgläubigen) sah, und dort zur Entwicklung ihrer Opponenten, den Narodniki (Den ans Volk Glaubenden) führte. Das Schisma hatte profunde Auswirkungen auf die orthodoxe Welt Rußlands, und hat es bis zum heutigen Tag. Genau so, wie es das Vaticanum II auf die Welt hatte, wie sie von Petrus bis zu den Beatles bestanden hatte. 

"Was ist es, dass wir vom Vaticanum 0 lernen und auf unsere nach-jedermanns-Welt von heute anwenden können? Nun, nahezu alles. Aber speziell den Aufstieg der westlichen Narodniki und ihrer Herrschaft, und zwar sowohl in der Kirche wie auch im Staat. Beide werden nunmehr angetrieben von einem Neuen (wenn auch alten) Gott, den man "Demokratie" nennt. Und der der Demokratie der Toten gegenübersteht - der Tradition. Wo jeder mitreden kann, egal wie hoch einem auch der Puls dabei steigt."

"Was geschah im Vaticanum Null, das diese umfassenden Änderungen innerhalb der gesamten russischen Orthodoxie hervorrief? Es ist ganz einfach: Nur ganz kleine Änderungen. Aber sie waren wichtig. Sie kennen das ja: Laßt uns mit drei Fingern anstelle von zwei bekreuzigen. Laßt uns drei Halleluja anstatt zwei sagen. Laßt uns gegen den Uhrzeigersinn in der Liturgie schreiten, anstatt mit ihm (oder war es umgekehrt?) Verstehen Sie, was gemeint ist?

Es wurde nichts beschlossen, was man als Doktrine bezeichnen könnte. Es ging nur um kleine Änderungen "in der Praxis", in den Rubriken. Aber in einem Land, wo Schulbildung selten war, waren Gebetsvorschriften alles. Und weil die meisten orthodoxen Priester nie Theologie studiert hatten, waren Liturgie und Rubriken alles, was sie hatten. Um genau zu sein: Wenn man orthodoxer Priester war, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon der Vater gewesen. Und auch dessen Vater. Und so weiter. Man wuchs damit auf, die Liturgie einfach zu sehen, nicht sie zu analysieren. Und weil die meisten Gläubigen genau dasselbe gemacht haben, waren sie ziemlich wahrscheinlich Ihnen gleich in der Erinnerung der Bewegung. Sinn war bedeutungslos."

Und jetzt folgt etwas, das man verstehen wollen muß, sonst ist alles sinnlos, was nun folgt, schreibt Watt weiter. Wir werden aber nun nur zusammenfassen:

Beide Konzile beriefen sich bei diesen Änderungen in der Praxis auf ... "uralte Tradition", auf die Anfänge also. Die Fortschrittlichen des 2. Vatikanums deklamierten, daß es keinen Sinn habe, in der modernen Welt bestehen zu wollen, wenn man sich nicht auf die reinen Anfänge rückbesann. Und weil sie annahmen, daß diese alte Welt noch etwas weniger gescheit, vor allem kindlicher als die heutige war, reduzierten sie auch alles auf ein infantiles Niveau. Das Latein wurde abgeschafft, genau so wie der Kalender, der Rosenkranz, Heilige und Heiligenstatuen und vor allem alles, was nach Hierarchie roch. Denn, so erklärten die Reformer, die Urkirche kannte keine Hierarchie, sie war demokratisch. Das Ergebnis also war sie nun, die wirkliche Tradition. Denn die gegenwärtigen "Traditionen" waren Ergebnis von napoleonischen Revolutionen, und zwar seit Konstantin. (Hatten nicht auch die Proponenten der Französischen Revolution den Anspruch, die "alte griechische Tradition" der Demokratie als Urzustand wieder aufzugreifen?) 

Klingt das übrigens in den Ohren von Protestanten nicht besonders vertraut?

Dasselbe geschah in der Ostkirche

Im Namen des Volkes (russ.: Narod) wurde auf eine Rückkehr zu einer pureren, älteren Tradition, einer Tradition der Anfänge verlangt. Sieht man da nicht schon die Aufstecknadeln der Gegenwart leuchten, auf denen "Wir sind Kirche!" steht? Wie sollte das aber praktisch stattfinden? Zuerst einmal laßt uns so viele Menschen wie nur möglich ins Allerheiligste (den Zelebrationsraum also, das Presbyterium, den Chor) stopfen. Davon sollen so viele Frauen sein, wie nur möglich ist. Wenn sich dann einmal alle um den "Vorsteher der Liturgie" (wie der Priester nun genannt wird) drängen, wird es kein Problem mehr sein, ihn überhaupt wegzudrängen. Laßt uns ferner diesen ganzen Chor von hinten nach vorne holen, damit ihn auch alle sehen können, und dort soll er auch seine neuen Lieder singen. Am wichtigsten dabei: Laßt möglichst alle (und vielleicht gleich noch ihre Hunde) direkt mit dem Allerheiligsten in Berührung kommen.


Morgen Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt






*270118*