Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Kaiser Karl d. Große werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kaiser Karl d. Große werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 2. Dezember 2013

Königtum ohne Untertanen (2)

Teil 2) Wir stehen vor einer neuen Post-Völkerwanderungszeit




Der König war ab dem 9. Jhd., schon unmittelbar nach (wobei man sagen  müßte: mit; auch Europa trug bereits seinen Geburtsschaden²) Karl dem Großen, zur mythischen, abgehobenen, "landlosen" Gestalt reduziert, seine reale Macht war verschwunden (sofern er nicht selber über Länder verfügte, auf denen er quasi gräfliche Macht ausüben konnte), er konnte sich nirgendwo durchsetzen und mußte, um das Gesamtgefüge des Reichs zu halten, nach und nach und sehr rasch sämtliche Befugnisse (bis hin zur Abgabenhoheit, meist Naturalien, oder zum Münzrecht) an seine Vasallen abgeben. Ja, die Fürstentümer waren sogar durch die Primogenitur, die Erblichkeit in ihrem Bestand weit sicherer, und bildeten bis ins 19. Jhd. eine stabilere Struktur, als es König- und Kaisertum war, das in den Anfängen Europas zum Wahlkönigtum schrumpfte. In dieser Phase Europas aber kamen dem König die Untertanen abhanden, nur noch seine Vasallen, die Fürsten, waren als solche zu bezeichnen, er verköperte nur noch eine real recht schwache Staatsidee, an der freilich auch die Fürsten noch festhielten.

Dem König blieb nur ... die Kirche. Und zwar gar nicht in erster Linie realpolitisch, das ist ebenfalls eine verleumderische Verknappung mancher faktischer Situationen. (Gerade in dieser Zeit wurde mit der Kirche beliebig und brutal gewillfahrt.) Sondern als Hort und Quelle der Idee, die aus der Ekklesia, der Kirche als "Neues Jerusalem", dem Reich Gottes selbst stammt. Und ohne diese Kraft wäre Europa weder entstanden, noch hätte es sich zu dieser (relativen) Höhe entwickelt. Keine Idee der Welt vermag das, keine "Lehre". Dazu braucht es die Inkarnation der Wahrheit selbst, und wo immer sich solche "Kultur" aus einer Idee heraus zu entwickeln versucht, sucht sie instinktiv und sofort - die Anbindung an das Fleisch..

In dieser Zeit also entstand fast notwendig das, was wir heute als "Adel" bezeichnen, eine sehr europaspezifische Standesabgrenzung, die erst im 19. Jhd., im Europa der "Bürger", zu verschwinden begann. Das zentralistische Byzanz, der zentralistische Orient kannten eine Stellung des Adels wie in Europa überhaupt nicht. Die Beamtenschaft, aus der der Adel also eigentlich herauswuchs, hatte sich nie dorthin entwickeln können. Hier gab es bestenfalls "Thronrivalen". Daß sich die Macht des Königs auch in Europa allmählich wieder zu festigen begann, ja bis zum Absolutismus auswuchs, ist nicht zuletzt also eine Folge der Bedrohungen zentralistisch organisierter Völker, wie sie in den Magyaren und Mongolen, vor allem aber in den islamischen Staaten (Türken) bestand. Völker, die entweder keine Bodenwurzeln hatten, oder nie welche fanden.

Damit wird aber auch klar, daß der Adel, der in Europa entstand, mit dem "naturwüchsigen Adel" der Germanenzeit, der wirklich "von unten heraus", aus der Familie, der Stellung des Mannes und Familienvaters (Hausherren) heraus erwachsen war, nichts mehr zu tun hat. Dieser alte Adel überstand die völlige Neuumgießung seiner Bevölkerung nicht, er verschwand, blieb nur noch als Topos in Sagen und Legenden erhalten. Verdrängt von ehedem bodenlosen Beamten**, die nun vor allem eines wollten: Boden, "Häuser", Wurzeln.*** Die Grundstrukturen der späteren europäischen Entwicklungen und Konflikte (und Revolutionen) zeichen sich hier also längst ab. Aber noch mehr: Das metaphysisch-naturrechtlich fundierte Zusammenspiel von Kirche und Königtum.****





²Was soll uns das sagen? Daß es anders besser gegangen wäre? Daß wir ein perfektes irdisches Reich hätten aufrichten können - oder, noch schlimmer: aufrichten könnten? Nein. Sondern es soll auch hier das Einzige gezeigt werden,n was uns Menschen möglich ist: das Relative, immer Zeitbegingte, nie Perfekte, das uns Menschen NUR möglich ist. Europa hatte seine gewaltigen Höhen, keine Frage, im Rahmen des Menschen Möglichen eben. Aber was wir heute als Politik wahrnehmen, insbesonders in der Europapolitik, ist ein verzweifelter (und damit immer totalitärerer) Versuch "des letzten Stadiums" einer Kultur, sich noch einmal mit den ihr eigenen, weltlichen Mitteln "zu retten". Er ist ohne jeden Zweifel zum Scheitern verurteilt. Wie Novalis vor 200 Jahren schrieb: Es gibt nur Christentum UND (dieses) Europa, ODER das programmierte Ende dieser Kultur. Wir haben uns aber wohl schon entschieden.

**Wir haben es deshalb in der Gegenwart, einer Gegenwart der Totalverbeamtung (als Abhängigkeit vom Staat) von Kindheit an, nahezu "notwendigerweise" mit einer "Veradelisierung der Gesellschaft" zu tun. Jeder Einzelne hält sich heute für Elite und Adel. Kraft seines Geldes, der skills, der "Kraft zur Funktion" (als ob es auf diese nämlich ankäme).

***Es ist dieselbe Bewegung, die dem ab der Neuzeit, der Renaissance erstehenden Bürgertum, der Verlagerung von Macht auf Geld - ein abstraktiver Vorgang - zugeschrieben werden kann. Bis ins Detail lassen sich dieselben Vorgänge einer Neubildung eines (Macht-)Standes beobachten. Wenn im 16. Jhd. vielfach reichgewordene Bürger Schlösser und Burgen kauften und renovierten, wenn im 19. Jhd. reiche Fabrikanten (zu Baronen "geadelt") Paläste an der Wiener Ringstraße, neben Bankpalästen und Börsengebäuden, oder an den gleichfalls neu eröffneten Chaussees von Paris und Berlin errichteten, so lag ihnen vor allem daran, Wurzeln vorzuspiegeln und ... ihre Anbindung an das Fleisch, ihre Abstammung davon ... zu schaffen, bis zum Totenkult, in dem sich dies ausdrückt. Als Analogien zum Wesen der Natur. Und nach wie vor erhalten diese neuen Fürsten ihre reale Macht aus den Händen der Bevölkerung, die Lebenslasten nicht tragen kann oder will. 

***Betrachtet man die europäische Entwicklung ab ovo, sieht die gegenwärtige Verschränkung von Umständen, so stellt sich hier bereits die Frage, ob es der Menschheit heute überhaupt noch gelingen kann, ein "Reich" aufzurichten, das nicht von Anfang an ungerecht und falsch ist. Der Verfasser dieser Zeilen tendiert sehr stark, und aus vielerlei Anzeichen, die es ihm belegen, zu der Ansicht, daß sich für Europa (nur noch) zwei Wege abzeichnen: der zum apokalyptischen Zentralismus, mit der Folge einer technizistischen Zivilisation anstelle einer Kultur, und der zum völligen Zerfall auf (womöglich nicht einmal mehr) Familienebene, beides damit gleichbedeutend mit einem Totalverlust der Kultur, also in schlimmstes Barbarentum. Ja, am wahrscheinlichsten ist sogar - eine Mischform, wo eines im anderen besteht, diese Formen einander nämlich gar nicht mehr berühren sondern Parallelwelten wurden. Mit einer gottähnlichen Stellung des Zentralapparats und -herrschers. BEIDES widerspricht aber der Natur und dem Wesen des Menschen. Die flächendeckend kulturbildende Kraft der realen Kirche aber - der einzigen Chance, die Europa hätte - darf bereits in Frage gestellt werden. Die politisch-gesellschaftlichen Kräfte die so eine Reform bewältigen könnten, die Inkarnationen, sind ja bereits verschwunden. Wie im Rom der späten Kaiserzeit. Wenn Europa dieses Jahrhundert überlebt, dann wird es (fast) bei Null beginnen müssen. Und das macht die Situation der Gegenwart mit der Zeit der Völkerwanderung strukturell absolut vergleichbar. Macht aber zugleich klar, daß ein Untergang Europas nicht das Ende der Welt sein muß. Auch das, übrigens, hat man ja seinerzeit meist geglaubt.

Während der hier prognostizierte Zusammenbruch der "alten" Religion, als die die rationalistischen, materialistischen Wissenschaften als (nur noch fehlgehendes) Wahrheitsmedium zu bezeichnen sind (die Wissenschaften haben der Kirche quasi ihre Kleider gestohlen, die sie ihnen einst verlieh), zu einem Einbruch der irrationalen, mystagogischen und gnostisch-magistischen "östlichen Mysterienreligionen" (auch hierin: DECKUNGSGLEICH mit der späten Römerzeit) führt. 




*** 

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ein neues Reich

Der Übergang von den Merowingern zu den Karolingern ist keineswegs die einfache Fortsetzung einer Staatsgeschichte, schreibt Henri Pirenne, auch wenn beide Staatsgebilde sich "Fränkisches Reich" nannten.

Die Merowinger waren wie Rom, ein Laienstaat, ihr König ein "rex francorum". Die Karolinger aber verdanken ihr Mandat der Kirche, sie waren deshalb "Dei gratia rex Francorum" - Könige von Gottes Gnade. Auch ihr Reichsgebiet hat sich dramatisch geändert. Nun sind gleich viele Germanen wie Romanen "Franken", während die merowingische Herrschaft ein quasi romanisches Volk hatte, und die Antike weiterführte. Erst hier ihnen endet die Antike, beginnt das Mittelalter.

Die Hausmeier, die Verwalter der Merowinger, sind nur scheinbar die Erben eines im 7. bis 8. Jahrhundert unter dem Ansturm wie Anlaß der Araber zu Dekadenz und Chaos heruntergekommenen Reichs. Sie gründen es in Wahrheit neu, verdrängen die Merowinger. Der Königs- und dann Kaiserbegriff, unter den Karl der Große fällt, unterscheidet sich grundlegend von dem eines römischen Kaisers - jener war Imperator. Karl und die von ihm begründete Kaisertradition ist hingegen auf ihrer Eigenschaft als Oberhaupt der Ecclesia, der Kirche, als Haupt der Christenheit als Vollbild der menschlichen Gesellschaft auf Erden, begründet. Eine Entwicklung, die ihre Entstehung - dem Einbruch des Islam in die Welt des Mittelmeeres verdankt, der das römische Reich, die antike Welt zerstört.

Nun bekommt auch die Salbung eine völlig neue Qualität, und schließt an die alttestamentliche Königssalbung an. Wo sich im König Priester- und Herrschergewalt ("Zwei Schwerter") vereinen. Die Königssalbung ist von der Priesterweihe nur wenig zu unterscheiden.* Ein Verständnis also als "Amt", nicht mythischer Abstammung eines fleischlichen Menschen. Freilich mit neuen Spannungsfeldern, die sich dann im Investiturstreit definitiv entladen, aber bis in die Gegenwart virulent bleiben in der Frage: Was ist der König? Was ist die Kirche? Welche Stellung hat die Kirche zur weltlichen Macht?

Denn mit den Karolingern sind die Könige/Kaiser der Kirche unterstellt. Ihr verdanken sie ihre Legitimität. Mit der Renaissance freilich lebt der alte Herrscherbegriff wieder auf, und spitzt sich im Absolutismus zu. Noch Ludwig II. (der Bayernkönig) wird sich im 19. Jahrhundert auf dieses alte Herrscherverständnis berufen.



*Man betrachte nur den Fall der Anglikanischen Kirche - deren Oberhaupt der König ist. Auch der Protestantismus in Deutschland wird später aus vielen Quellen dieser Richtung gespeist. Denn eigentlich lebt in Luther diese Einheit des Amtes - im Landesherren, in der staatlichen Obrigkeit - wieder auf, die der Papst Gregor VII. auseinandergerissen hat. Während bei Luther die Kirche als Institution überhaupt verschwindet.




*301013*

Dienstag, 29. Oktober 2013

Kunst der Gebildeten

Daß sich die Renaissance vielfach nicht als Kunst des Volkes durchsetzte, hat einen sehr bestimmten Grund. Und dieser liegt ... in England und Irland. Warum? Auch dafür hat Henri Pirenne eine interessante Tatsachenlogik aufgebaut.

In den Wirren der spätantiken Zeit, der in den Völkerwanderungen eine bereits norme innere Schwäche - ihre Antike wurde mehr und mehr zum bloßen (leeren, formalistischen) Epigonentum - entsprach, sank das einst im gesamten Mittelmeerraum lebendige gesprochene Latein in den Wirren des 6.-8. Jhds. zu einer simplifiziert verschliffenen Banalsprache herab. Und nahm mehr und mehr lokale Eigenheiten an. Die uns heute bekannten Sprachen - Spanisch, Italienisch, Französisch - wurden in zahlreichen Lokaldialekten grundgelegt. Der Gebildetenstand der Patrizier verschwand, der das antike Latein noch gepflegt hatte, die Gründe und Zusammenhänge haben wir hier bereits dargelegt. Niemand konnte mehr lesen und schreiben, später nicht einmal Karl der Große. Man sprach ein arg verschliffenes Latein, das nur noch an die Grammatik der Wurzelsprache erinnerte, sie schon sehr versimpelt hatte. Das alte Latein verstand bald niemand mehr.

Aber bereits im 6. Jhd. hatte Papst Gregor d. Große Missionare direkt von Rom aus nach Britannien geschickt, um dort zu missionieren. Die Insel war nie so romanisiert wie der Rest Europas, und somit hatte sich dort die germanische (bzw. gälische) Sprache als Volkssprache erhalten. Das Latein, das reine, korrekte Latein, war von Anfang an eine Kultsprache, eine Sprache des Heiligen, und der Gelehrten. Und das waren die Kleriker, nur sie konnten lesen und schreiben. Und von dorther also war es auch die Sprache der Wissenschaft. Die Renaissance ist eine Kunst (und Kultur) der antiken Bildung. Wie hätte das gemeine ungebildete Volk daran teilnehmen können, außer durch simple Nachahmung?

Karl der Große holte im 9. Jhd. britische Missionare aufs Festland zurück. Sie sollten die Germanen christianisieren, was sie auch erfolgreich taten. Weil aber auch keine Verwaltungsstrukturen mehr vorhanden waren, keine Gebildeten mehr (aber auch aus politischen Gründen, die hier zusammenspielten), bediente er sich gleichermaßen dieser Briten, um seine Verwaltung zu organisieren. Und die war in - Latein. In reinem Latein. (Wobei man nicht vergessen sollte, daß Karl das Germanische als Volkssprache schätzte, bewahren wollte, Volkslieder aufschreiben ließ, etc.) Die Missionare aber verwendeten nach wie vor das klassische Latein.

Aber mit diesem klassischen Latein kam auch die Antike wieder zurück, in der Sprache und im Wissen der literarisch Gebildeten, als Amtssprache, als Kirchensprache, und später und bis ins 19. Jhd. hinein als (abstakt-rationale und in einer seit der Antike ungebrochenen Denktradition gebliebene) Grundlage für die abendländischen Wissenschaften.

Was sich in der kleinen, der karolingischen Renaissance im 9. Jhd. zeigte stammt also aus England. Und es hat entscheidende Weichen für Europa gestellt. In ihr spaltete sich das Geistesleben des Volkes von dem der Elite, das Volk konnte die Antikenliebe der Elite, ihren Geist nicht nachvollziehen. Besonders im Alpenraum zeigt sich das sehr deutlich, wo nur der Adel eine Renaissance kannte, das Volk lehnte sie ab.

Gleichzeitig erklärt sich, daß in Italien, dem klassischen Latein sicher noch am nächsten geblieben, die Renaissance auch in die bürgerliche Sphäre weit vorgedrungen ist. (Im griechischen Süden ohnehin wieder nicht.) Desgleichen etwa in Ländern wie Ungarn, wo sich Ungarisch aus historischen Gründen (durch Tataren und Türken immer wieder starke Dezimierung der einheimischen Bevölkerung; das heutige Ungarisch begann sich erst im 19. Jhd. zu entfalten, bis 1850 (!) das Latein als Amtssprache, als einzige landesweit gesprochene Sprache abgeschafft wurde; dazu die jahrhundertelange Fremdherrschaft) lange nicht als Landessprache tauglich zeigte. In Ungarn haben auch die vielen nicht-ungarischen Bürger (in der charakterlichen Spezifik der Bodenlosigkeit, der virtuellen Heimatlichkeit) den Geist der Renaissance aufgesogen und zum Ausdruck gebracht. Vermutlich liegt der Fall in der Tschechei ähnlich, auch dort spielte das Slawische lange Zeit eine Nebenrolle, und gar keine in der Bildung. Daß sich dort der Protestantismus so markant und in Hus etwa aus sich heraus entfaltet hat, könnte in solchen (natürlich komplexen) Wirkverhältnissen begründet liegen.


Warum sich im arabischen Eroberungsraum ab dem 7. Jhd. die Naturwissenschaften aber so kräftig und deutlich früher als in Europa entwickelt haben? Die Araber hatten keine Scheu, die antiken Traditionen zu benützen, die sie reichlich vorfanden, wo sie ihnen nützlich schienen, und was ihnen gefiel. Auch in der Architektur. Noch heute wirkt jede Moschee wie eine Nachahmung der (einst katholischen) Hagia Sophia in Istambul. 

Selbst Aristoteles wurde ins Arabische übersetzt (von wo er nach Europa zurückkam - über arabische und jüdische Übersetzungen.) Gleichzeitig spielte dort die Bildungselite eine wesentlich kräftigere Rolle als gesellschaftlicher Faktor, als in Europa. Denn die arabischen Gesellschaften waren "hydraulisch-managerial", also zentralistisch organisiert. Der Individualismus, der Dezentralismus Europas, der sich nach der Antike (und unter maßgeblichem Einwirken des Zusammenbruchs des Mittelmeerraumes als einheitlicher, antiker Kulturraum) entwickelt hat, machte dort ein Wirken der Bildungseliten wesentlich schwieriger. Was der Kalif in Bagdad befahl, geschah unmittelbar und überall, die Entwicklung des einfachen Volkes blieb überhaupt stehen. Die arabische Hochkultur war also sowieso eine reine Elitenkultur. Die europäischen Kaiser konnten sich vergleichsweise ja wenig durchsetzen.

Wieweit auch arabische Lebenskultur - über Spanien, welches Kalifat sich zu einer Art "Ketzerei" des Islam entwickelte - Europa prägte, darüber kann man streiten. Immerhin zeigt die maurische Kultur in Spanien deutlich mehr Eigenleben und auch Volksdurchdringung. Wieweit die Gotik nicht nur philosophisch (arabisch-jüdische Aristotelesausgaben kamen über Spanien) von dorther (oder von den Briten/Iren) inspiriert war ist Diskussionsstoff.




***



Montag, 28. Oktober 2013

Zum Wesen des Geldes (2)

Teil 2) Nur die Juden haben Geld




Nur Juden bleiben noch internationale Händler von Waren (und Sklaven), sie können sich auch in der islamischen Welt problemlos bewegen. (Sie  haben deshalb auch noch eher Gold.) Und fast alle der wenigen Kaufleute, "Berufsspezialisten", die noch geblieben sind, die vom Handel leben, sind tatsächlich Juden. In enorm vielen Aufzeichnungen und Urkunden ist "Jude" mit "mercator" (Kaufmann) verbunden. Sie genießen im Frankenreich bald zahlreiche Vorrechte, weil die Könige sie als notwendig erkennen. Wer sie erschlägt, muß eine hohe Bußabgabe leisten. Nicht selten leisten sie sogar diplomatische Dienste, sind Verbindungsglied zur islamischen Welt, zumalen über Spanien. Schon um 830 tauchen erste Niederschriften auf, in denen man ihren Reichtum und ihre Privilegien beklagt.

Aber der Spruch erhält seine Begründung: daß jene Städte aufblühen, die zwei Dinge in ihren Mauern haben - Klöster und Juden. Es ist auch eine Tatsache, daß sie die Kirchenschätze ausbeuten (Geld!), und neben dem Gewürz- auch den äußerst lukrativen Sklavenhandel mit dem Orient betreiben. So manche Legende führt sich darauf zurück - etwa "Kinderraub". Aber nur dort gibt es noch Großhändler. "Jude" und "Kaufmann" wird sinngleich verwendet.

Doch verglichen mit der Zeit VOR den Sarazenenangriffen ist das Handelsvolumen bescheiden. Auch das für landwirtschaftliche Produkte. Vorher hatten auch Großgrundbesitzer Geld, zahlten ihre Steuern damit - nun nicht mehr. Weihrauch und Öl verschwinden aus den Kirchen, werden durch Wachskerzen ersetzt. Gegenden, wo Wein wächst, sind heiß begehrt - kaufen kann man ihn nicht. Klöster werden zu autarken Selbstversorgern.

Etwas Gold kommt auch noch über die Nadelöhre, die geblieben sind: Venedig und Süditalien mit ihrer Anbindung an Byzanz (wo es nach wie vor Gold und Geld gibt), und die Niederlande, als Knotenpunkt zwischen Skandinavien und Britannien. Über die Flüsse gibt es auch noch geringen Warenstrom ins deutsch-gallische Binnenland, wenn auch zunehmend schwer bedrängt von den Normannen, die alles plündern und verwüsten. Zunehmend werden die Städte deshalb zu Festungen, das Umland ist ja ständig verwüstet und "Niemandsland". Bis Otto dem Großen (bis 955) fallen auch ständig die Magyaren vom Osten her ein und rauben und brandschatzen, was ihnen in die Finger fällt.

Wie kamen die Skandinavier zu ihrem Gold? Über den Handel mit Byzanz und den Arabern - über die Wolga und das Schwarze Meer. So kommen auch noch geringe Mengen Gewürze, oder Seide, oder kunstgewerbliche Gegenstände nach Europa. Und ägyptischer Papyrus. Der bis ins 7. Jhd. allgemein Schreibmaterial war. Das viel teurere, aufwendiger herzustellende Pergament, fein geplättetes Leder, kommt deshalb auf.

Es gelang Karl allerdings nicht, die Geldprägung zu zentralisieren, obwohl er sie wieder als Königsrecht reklamierte. Nach ihm fiel es überhaupt wieder an Grafen (als Landesherren) und auch an die Kirche. Die Zeit der reichen Könige in Europa ist vorerst zu Ende. Wobei - bei so geringem Warenaustausch, war auch ein überregionales Zahlungsmittel kaum notwendig. Jede Stadt prägte also ihr eigenes Zahlungsmittel, es wurde ja nur regional umgesetzt. Das ging so weit, daß die Alpenpässe, die in die Provence führten (eines der von den Sarazenen am meisten heimgesuchten Gebiete) verödeteten, weil nicht mehr gebraucht wurden.

Auch mit dieser Silberwährung spaltete sich Orient vom Okzident, wo es nach wie vor Gold als Zahlungsmittel gab.




***

Sonntag, 27. Oktober 2013

Zum Wesen des Geldes (1)

Interessante Einblicke in das Wesen des Geldes erhält man, wenn man die Geldreform unter Karl dem Großen an der Wende vom 8. zum 9. Jhd. betrachtet, wie sie Henri Pirenne - unter diesem Blickwinkel - überzeugend darstellt. Durch das Wegbrechen des Mittelmeeres als Wirtschaftsraum war kaum noch Gold (in Münzenform) im Umlauf. Nur über die Ostsee und Skandinavien kam noch etwas Geld ins Land.

Der internationale(re) Handel brach weg, der Stand der Kaufleute, und speziell der der Großhändler verschwand. Von ihm ist nirgendwo mehr die Rede. Die Wirtschaft ging auf einen Naturalientausch zurück, der überall auf eigene Art geregelt wurde. Damit aber brach auch das Steuerwesen weg - es gab sie nicht mehr, nur noch in Form von Fronarbeit, oder als Naturalienabgabe. Vor allem die Zölle waren es ja gewesen, die die Königshäuser finanziell ausgestattet hatten. Unter Karl gab es erstmals keinen Königsschatz mehr.

Wie waren diese Goldmünzen zuvor entstanden? Fast jede größere Stadt hat sie geprägt. Woraus? Aus Dingen, die die Leute zum Einschmelzen brachten - Klöster, Kirchen etwa zahlten oft mit umgeschmolzenen Kultgeräten, die oft bewußt als Geldreserve aufbewahrt worden waren. Goldfunde und -abbau natürlich nicht zu vergessen.

Warum war Geld (Münze) notwendig geworden? Wegen der Eintauschfähigkeit im Mittelmeeraum bzw. international. Damit konnte auch in Bagdad gekauft werden, was zu erwerben wiederum in Europa gleichfalls Geld brauchte. Ware wurde also gegen Gold getauscht - und so kam Gold als Zahlungsmittel auch in Europa in Umlauf und Gebrauch. Bis Karl.

Karl hat das Goldgeld abgeschafft. Es war ja ohnehin kaum welches noch in Umlauf. Und hat die Währung auf das viel leichter zu beschaffende Silber umgestellt. Ausgehend vom Silber, wurde es in Gewichtseinheiten unterteilt zu Münzen umgeprägt. (Das englische "Pound Sterling" - Pfund - hat diese Erinnerung bis zum heutigen Tag bewahrt.) 

Man brauchte ja keine so großen Werte mehr, es gab ja seit den arabischen Eroberungsfeldzügen keinen Großhandel mehr. Zuvor war es auch üblich gewesen, daß sich mehrere Kaufleute zusammentaten, um größere Warenmengen zu kaufen und zu handeln - mit geliehenem Geld. Oder ... Sklaven. Heidnische Friesen oder Sachsen waren besonders beliebt, denn wenigstens den Handel mit Getauften hatte die Kirche erfolgreich bekämpft. Die Städte hatten ihre patrizische Bürgerschaft verloren, also gab es auch keine Absatzmärkte mehr.

Wie kam die Kirche zu dem Geld, zu Gütern? Vor allem durch Schenkungen, auch seitens der Kaufleute. Das fiel nun gleichfalls weg. Auch die Kirche also hatte (in Westeuropa zumindest) kein Geld mehr. Es gab keine Kapitalisten mehr, die Steuererträge pachteten (und damit dem König Geld ablieferten), keine Bürger die den Armen stifteten, keine Geldverleiher, die Geld verliehen. Das sogenannte "Zinsverbot", das die Kirche für ihre Diener ausgesprochen hatte, wird vom Staat übernommen. Aber das ist nicht primär Zeichen hoher Moral, sondern bezeugt nur den völligen Niedergang des Großhandels. Wen sollte es berühren? Als es sich bei Wiedererstarken der Wirtschaft hemmend ausgewirkt hatte, wurde es ohnehin wieder fallengelassen.

Das Explodieren der Zahl kleiner Marktflecken und Märkte, die, wenn sie nicht auch Münzen prägen, ohne königliche Erlaubnis abgehalten werden können, ist kein Zeichen florierenden Handels, sondern eher Notbehelf einer auf Naturalientausch und Handel in kleinstem Umfang ausgerichteten Wirtschaft, wo Nähe für Produzenten wie Verbraucher noch bedeutender wurde. Es gibt an Fertigwaren fast nur solche der bäuerlichen Wirtschaft, wie Töpfe, Schmiedearbeiten, Bauernleinen, was eben der örtliche Bedarf war. Die Zunahme von Märkten besagt also hier Verfall, nicht Prosperität.  Schon gar bei den vielen Normanneneinfällen in Gallien, die auch das Wirtschaftsleben schwer treffen. Und viele haben kleine Münzschlagestätten, so viel eben der örtliche Bedarf war.

Denn königliches Geld, ja allgemeines Geld überhaupt war kaum im Umlauf. Die oft unausweichliche Notwendigkeit zum kaum aber möglichen Handel wird zur beklagten Last.

Nur wenige überregionale, vielfach fahrende Händler kommen gleichfalls dorthin, und weil darunter viele Juden sind, verlegt man sie ... auf den Sonntag, um ihnen den Besuch zu erleichtern. Auch. Nicht nur deshalb. Die Verbindung von Kirchenfesten mit Märkten, beides Anlaß zur gesellschaftlichen Versammlung, zum Austausch, ist damals generell und häufig. Von dort stammt die Bezeichnung "Messe" für "Markt". Richtige internationale Märkte, richtige Messen, gibt es nur noch eine einzige im 9. Jhd. - in St. Denis. Einzig der Königs- bzw. Kaiserhof unterhält ein überregionales Versorgungsnetz, zum Teil durch privilegierte Kaufleute unterhalten.



Morgen Teil 2) Nur die Juden haben Geld






***

Freitag, 18. Oktober 2013

Ende der Herrschaftsusurpation

Diese Rückbindung legitimen Herrschertums (Königtums) auf göttliche Abstammung, auf die sich die Ineinssetzung von Geschlecht und Herrscherwürde als Legitimitätsausweis bezieht, wirkte und wirkt bis heute.

Auf ihr im übrigen beruhen die Legenden von der Wiederauferstehung der nur schlafenden Könige - Karl dem Großen, Friedrich Barbarossa, Friedrich II.. Denn in deren Geschlecht ruht die uralte Herrscherberufung. An das Wiederkommen dieser Herrscher knüpft sich also die in der Volksseele ungemein tief verankerte Hoffnung auf legitime und NUR damit für das Volk gedeihliche Regentschaft. Denn nach ihnen war Herrschaft nur noch eine Angelegenheit von Usurpatoren.

Die wo und wann immer sie an die Macht kamen und kommen alles tun, um Legenden ihrer Gottesabsendung zu konstruieren. Denn nur daraus läßt sich Legitimität - und damit Gehorsam, Akzeptanz als erste Bedingung, regieren zu können - ableiten. Und sei es durch den Versuch, sich in eine geistige Abstammungslinie zu stellen, um wenigstens als "Purpurgeborene" (porphyrogennetos - im Herrscherhaus geboren) zu erscheinen.

Niemals nämlich hat sich ein Volk von "seinesgleichen" regieren lassen. 

Das ist heute nicht anders.

Etwas, das viele Diskussionen über Macht, Staat und Legitimität schlichtweg übersehen. Denn kein Staat ist schlichtweg Funktionsmechanismus. Diese Argumentation ist selbst bereits Argument von Usurpatoren. Je banaler, alltäglicher auch in einer Demokratie eine Regierung ist, desto mehr wird sie von seinen Bewohnern aufgegeben, wenden sie sich der Suche nach legitimen Herrschern zu.

Werden sie fortlaufend enttäuscht, weitet sich diese Suche auf eine Suche nach einem "besseren" Staat aus, und sei es durch Wahl eines Hinzukömmlings, eines Fremden, oder gar einer Fremdherrschaft. Ein historisch zu beobachtendes Geschehen.* Denn banale Herrschaft löst den Staat auf. Weshalb banale Herrscher dazu tendieren, auf den Totalitarismus, auf die Gewaltherrschaft auszuweichen.**



*Selbst die Sucht mancher, sich einer "starken" EU in die Arme zu werfen, hat darin ihre Wurzeln. Wird sogar oft direkt damit begründet.

**Und hinter dem Gedanken, daß die Hysterie, mit der sich viele heute aufs Internet, die social media, stürzen, genau darin begründet ist - in der Sehnsucht nach legitimer, machtvoller Herrschaft und Wiederherstellung von Ordnung - dürfte viel Wahrheit stecken. Dieselbe tiefenseelische Grundsstruktur (als ontisches Zueinander der Dinge) dürfte im Spiel sein. Denn die Haltung, mit der die Menschen dem Internet (etc.) begegnen, ist eine Haltung der "Erwartung", daß etwas Hinzukommendes, Mächtiges ihr Leben ändere.




***

Samstag, 5. Oktober 2013

Entstehungen

Es stimmt keineswegs, daß die Abhängigkeit und Unfreiheit der Bauern eine Frucht der bösen Tat reicher oder mächtiger Herren war. Sosehr das im Einzelfall zutreffen mag, weil die Germanenstämme die römischen Verwaltungsstrukturen (in einem sehr fließenden Übergang) übernahmen, und das hieß, daß (vielfach ehedem römische!) Adelige und Kleriker (als Bildungsstand) in Grundherrschaften kamen, Gerichtsbefugnisse erhielten, zugleich mit Steuer- und Militärpflichten belastet waren. Der König und Kaiser der Franken und bald aller übrigen Germanen, Karl der Große, hat sein Reich dezidiert auf römische Füße gestellt - in Verwaltung wie Verwaltungssprache wie römischer Rechtsprechung wie Reichsidee war er eine Fortführung des Römischen Reichs.

Aber nicht als Gesamterscheinung. Vielmehr entstanden diese - aus jenem. Denn diese Freiheit, die auch Pflichten verlangte - und zwar in Form von Abgaben und Wehrdiensten - war vielen Bauern, die sich von ihrem Land so recht und schlecht ernähren konnten, eine kaum zu tragende Last. Also begaben sie sich oft sehr gerne in "Mundschaft", diese war ihnen eine Erleichterung, eine soziale Verbesserung. Denn fortan waren sie aller dieser Staatspflichten entledigt, und hatten bei Mißernten etwa sogar eine gewisse "Versicherung", daß ihr Gutsherr sie nicht verkommen ließ, weil das in seinem Interesse lag. Im Gleichklang zu Entwicklungen der Militärtechnik gab es deshalb auch zyklische Entwicklungen. 

Im Frühmittelalter gewann der berittene, schwer bewaffnete Ritter zunehmend an Bedeutung. Die Kampftechnik wandelte sich von den Massenheeren der Antike zum Einzelkämpfer. Und das war für viele Bauern kaum noch leistbar. Also entledigten sich viele gerne dieser Pflichten.

Im Spätmittelalter verloren erst durch völlig veränderte Kampftechniken (man denke an die Siege der Schweizer "Paramilitärs" gegen die Habsburger)  dann mit der Einführung der Schußwaffen die Ritter ihre Bedeutung. Die bäuerlichen, noch mehr aber die bürgerlichen Stände (die sich weitgehend aus den bäuerlichen hier, den neuen Beamten-Adelsständen dort entwickelt hatten) gewannen die Oberhand zurück. Im selben Maß, wie Kriegführung sich vom Einzelnen auf eine organisierte Gesellschaft umwandelte, wo der Einzelne kaum Gewicht hatte, die Masse und die Technik zählte.

Aber dies alles in einer regional extrem unterschiedlichen Ausprägung. So unterschiedlich, daß es nicht möglich ist, von "den Bauern" oder "den Adeligen und Grundherren" zu sprechen. Die Quellen und Zeugnisse sind in keinem Fall ausreichende Belege, um zu behaupten, daß es den Bauern gut - oder schlecht ging. Beides, in allergrößter Vielfalt und in kleinsten regionalen Abschnitten unterschiedlichst, kam vor. In den allermeisten Fällen brachte aber recht gewiß das Abtreten der Steuer- und Militärpflichten gegen Verlust der Grundfreiheit erst einmal für die Bauern bzw. Landfreien eine Besserung ihrer Lebensumstände, und zwar besonders, wenn sie sich einem Bischof unterstellten, die sich ihrer üblichen Herkunft gemäß ohnehin meist mehr als weltliche Herren denn als Geistliche verstanden. Eine Stellung, die noch dazu von der über Gutsherrschaft allmählich Übergewicht bekommenden Rechtsprechung (als eigentliches Konstituens von Landesherrschaft) gefördert wurde.

Aber die Rechtlosigkeit, in die sie sich da begeben hatten, wirkte sich mehr und mehr zu ihrem Nachteil aus. Die sprichwörtliche Not der "armen Bauern", die Gleichsetzung von Armut mit Bauernstand im Mittelalter ist dennoch berechtigt. Denn es bleibt eine unbestreitbare Tatsache, daß die Bauern im Mittelalter als die nahezu einzigen produktiven Kräfte wirtschaftlich die gesamte Last der Gesellschaft zu tragen hatten. Welche Personen oder Personengruppen (wie Städte) es "zu etwas bringen" wollte, konnten es nur auf Kosten der Bauern. Und in einer Zeit ununterbrochener Fehden und Kleinkriege, die meist darauf abzielten, den Feind zu erschöpfen, indem man ihm alle Lebensgrundlagen verwüstete - und das hieß: seine Dörfer und Höfe niedermachte, die Bauern tötete und malträtierte - verhieß das für unzählige Einzelfälle unermeßliches Leid. Dazu kamen die Wetterunbill, Überschwemmungen oder Dürre, Hitze oder Kälte, Seuchen und Krankheiten, regelmäßige Mißernten und damit regelmäßig Hungersnöte. Es waren keineswegs Einzelfälle, daß sich die Bauern von Gras, Baumrinde und Wurzeln ernähren mußten, selbst Kannibalismus war häufig.

Und in dieser Phase erst wirkte sich die aus seinen Abhängigkeiten entstandene Rechtlosigkeit so dramatisch aus. Der Bauer wurde allgemein nicht einmal mehr als Stand gewertet, nur noch verachtet. Mehr noch von den Bürgern der Städte fast, als von ihren eigenen Grundherren. Die Bauern selbst entsprachen auch tatsächlich bald diesem Bild, waren vielfach zu Kulturlosigkeit und Roheit herabgesunken.

Daß es bei uns dennoch zu keiner endgültigen Fellachisierung der Bauern kam, wie im Orient, ist - neben dem Christentum, das die Würde des Menschen nie vergessen, immer wieder neu aufgreifen ließ - wohl auch den Resten germanischen Freiheitsbegriffs zuzuschreiben, die mit dem Ausgang des Mittelalters, der Neuzeit wieder zu einer allmählichen Besserstellung der Bauern führten. Die als einstige Freie - tief gefallen waren, aber immer wieder diese Freiheit in neuem Selbstbewußtsein aufleben ließen. Wirklich gebessert freilich hat sich ihre allgemeine Lage erst im 18. Jhd.




***

Montag, 21. Januar 2013

Wort und Wirklichkeit

Buchdeckel, ca. 1500 entstanden
Als Heinrich III. das Grabmal Kaiser Karls d. Großen öffnen ließ, fand man den Leichnam unversehrt. So wird es jedenfalls berichtet. Auf dem Schoß des aufrecht sitzend Bestatteten lag ein Evangeliar. Es ist seither Teil der Reichskleinodien, neben Krone, Reichsapfel, Zepter, den Reichsinsignien, mit Stephansburse, Adlerdalmatika, Handschuhen, dem Schwert Karls des Großen, und weiteren Kostbarkeiten, mit dem Reichskreuz und jener Heiligen Lanze aus dem 9. Jhd., in die ein Nagel vom Kreuz Christi eingearbeitet ist.

Denn immer zogen die Völker mit ihrem Gott in der Mitte in den Krieg. Ein Sieg in der Schlacht war ein Sieg des stärkeren Gottes, der sich in den Insignien darstellte, anwesend war. Wer die Insignien besaß, besaß auch die Macht des Gottes. Vor dem auch die Feinde den größten Respekt zeigten. Und niemals wären die Völker in den Krieg gezogen, wenn sie nicht überzeugt davon gewesen wären, dem Willen ihres Gottes zu folgen. Nach dessen Willen sie ängstlich Ausschau hielten, und achteten auf alles, was als Zeichen gelten konnte oder mußte.

So, wie die Israeliten mit der Bundeslade in ihrer Mitte in den Krieg zogen, so zog auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches mit der Heiligen Lanze in den Krieg. Und noch die Tiroler Bauernverbände, die sich den Franzosen und Bayern in ihrem Heiligen Krieg gegen den Antichrist (und wie recht sie hatten!) entgegenstellten, trugen in ihrer Mitte Kreuz und die Monstranz mit dem Allerheiligsten.

Macht ohne Gottgewolltheit war von niemandem gewollt, und von niemandem respektiert. Nur in dieser Verbindung war Macht überhaupt legitim, als Teil der gottgewollten, geschaffenen Weltordnung. Was der Mensch tat, war auch wirklich. Immer. Und nur was er tat zählte. Wenn er sprach, war also auch das Wort wirklich. Was er verschwieg, war nicht. In der Buchmalerei wurde der Versuch unternommen, die Wirklichkeit des Wortes auf die Schrift zu übertragen. Indem Schriftzeichen zu Kunstwerken wurden.*

Goldunterlegte Portraits der Evangelisten
Im Rahmen der Krönungszeremonie legte nach dem Fund jeder designierte Kaiser also auch seine Hand auf das Evangeliar und schwor so seinen Eid, der als Teil der Zeremonie zu jenem Vollzug der Verbindung gehörte, in der man den Kaiser sah: Repräsentant der Göttlichen Macht auf Erden, Repräsentant der Völker der Erde vor Gott. Ehe er vom Papst, dem Stellvertreter Gottes auf Erden, gesalbt wurde. 

Am Haupt die ackteckige Reichskrone, um 950 angefertigt, eingehüllt in ein dreieinhalb Meter breites, elf Kilogramm schweres Pluviale. Das - wie seine goldgewirkten Strümpfe - mit arabischen Schriftzeichen bestickt, mit 100.000 Perlen und Emailplättchen geschmückt, 1190 in Sizilien geschaffen worden war. Bekleidet mit der Geschichte des Reichs, die er mittrug, die er repräsentierte, die er in einem Zusammenfluß der Zeit zur ewig gleichen Wirklichkeit war.

Der Deckel des kostbarsten Buches der Weltgeschichte, des Codex aureus, wurde um 1500 von Hans von Reutlingen angefertigt. Seine Seiten sind aus feinstem Kalbsleder, mit dem Extrakt unzähliger Purpurschnecken gefärbt, mit Goldschrift beschrieben.

Purpurgefärbtes Kalbsleder mit Goldschrift
Geschaffen wurde es ab etwa 790, jedenfalls noch vor 800, dem Krönungsjahr Karls des Großen, der das Römische Reich wiedererrichtet hatte. Von byzantinischen Buchmalern, die nach Aachen, einem der damaligen Zentren der Schreibkunst, berufen worden waren. Aus jener spätantiken Schule, die es auf besondere Weise zum Ziel ihres Wirkens machte, das Unsichtbare zur Darstellung brachten - das Wort, das vom Vater ausging, das in Gott Heiliger Geist Gott Jesus Christus ist. Von dem alles seinen Anfang nimmt, zu dem alles zurückkehrt. In einer Verbindung der Kulturen des gesamten Erdkreises, hineingenommen in die reale Heilswirklichkeit.


Der Codex aureus wird in der Schatzkammer der Hofburg zu Wien hinter dicken Tresorwänden gesichert aufbewahrt. Nicht einmal der Bundespräsident durfte ihn bisher aus der Nähe betrachten. Es gibt ihn nun in einer aufwendig produzierten Faksimilie-Ausgabe zum wohlfeilen Preis von etwa 30.000 Euro käuflich zu erwerben, berichtet die FAZ. Aber man sollte sich mit seiner Bestellung beeilen. Es werden nur 333 Exemplare hergestellt werden.




*Wer also verstehen will, warum ab dem späten Mittelalter die Schriftlichkeit in der Rechtsverbindlichkeit das mündliche Wort allmählich einholte, ja übertraf, muß es von dieser Warte aus sehen: Als allmähliches Herabsteigen, Derivieren der Schrift (als Versuch der Fleischlichung des Logos, des Sinns) vom Kunstwerk zum für sich stehenden Gedanken.




***

Samstag, 24. April 2010

Und ein Volk vergaß seine Vorzeit

Mit der gewaltsamen Einigung aller Germanen unter den Franken - unter Karl dem Großen - brachen alle die vielen, ja zahllosen kleinen Fürstenhöfe zusammen und wurden bedeutungslos, lösten sich gar auf.

Mit ihnen aber wurden auch all die Bänkelsänger und Dichter brotlos, die an ihnen so selbstverständlich gedient hatten! Einst feste Bestandteile einer gesellschaftlichen, festgefügten Ordnung, die für sie Platz und Aufgabe hatte, fielen sie ins Bodenlose, ins Nichts, ins Volk, wo man ihnen noch zuhörte. Aber so verloren sie sich auch in der Menge, wenig geachtet, von den Großen des Reiches vergessen, verdrängt von den neuen Sendboten eines neuen Glaubens. Ja, mit dem Neuen kam sogar eine neue Sprache, romanisiert, den Stoffen entsprechend, die nun dominierten.

In der althochdeutschen Sprache kam ein "Kolonialstil" der Germanen auf, die auf römischem Boden ihre Kultur verändert hatten. Das Germanische, einem rasanten Lautwandel unterworfen, starb aus. Das Althochdeutsche siegte - eine Sprache, die aus dem Lateinischen entstand, das die Zuwanderer sprachen, die sich dem Germanischen anpaßten - dort, wo Römisches Reich zu Deutschland wurde.

Ja, auf dem Gebiete Galliens kam es aus der engen Verbindung der Franken mit den Romanen allmählich überhaupt zur Herausbildung eines neuen Volkes, das seine antikische Bildung, einschließlich des Reichsgedanken, dankbar von den Lateinern übernommen hatte. Selbst ihr Recht zeichneten die germanischen Franken - die Heerführer und Soldaten ihrer Gastgeber, der Römer - in lateinischer Sprache auf. Karl der Große führte schließlich einen Gedanken von Julius Cäsar weiter, der bereits von einer Lebenseinheit aus römischem und germanischem Volk geträumt hatte.

Und so verloren sich all die Heldenlieder und Balladen und Gesänge und Geschichten und Mythen, sanken sterbend binnen Jahrzehnten ins Nichts des Vergessens. Nur ganz wenig ist überliefert.




*240410*