Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Nobelpreis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nobelpreis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 23. Februar 2020

Wo wir des Wirklichen ansichtig werden

Die Rede, die Peter Handke anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2019 an ihn in Oslo hielt, kann man nur als Aufruf zum Kleinen, Direkten, Begegnenden sehen, zur Suche und Auslieferung an die Wirklichkeit selbst sehen. Handke zeigt darin, daß er selbst nicht den großen geistigen Unterbau hat, um einen Plan zu sehen, aber er beruft sich auf das, was die eigentliche Arbeit des Poeten ist - die Nicht-Vernutzung des Wahrgenommenen, die Reinheit der Sinne, die Unmittelbarkeit der Eindrücke wieder zu gewinnen. Sich aus allem Alltäglichen daraus hin durchzuarbeiten ist seine Lebensaufgabe. Und darin überwindet er die Zeit. So daß seine Bilder und Darstellungen Fenster zum Wirklichen selbst werden.

Hier gewinnt auch die Volkssprache, der Dialekt, die Muttersprache ihre Bedeutung. Weil hier noch viel jener ursprünglichen Poesie enthalten ist, wenigstens daran erinnert, das wir aus der Zeit vor der Erbsünde, und als Ausblick auf die Zeit nach der Wiederkehr Christi, im "neuen Himmel und der neuen Erde", wieder gewinnen werden. So wir uns dafür entscheiden.

Es ist gewiß vorerst zuviel verlangt, wenn man von Handke auch die Einsicht verlangte, daß dieser Anblick des wirklichen Wirklichen in der Liturgie der Kirche, in ihrem Kult gegenwärtig ist. Aber es macht gar nicht so sehr staunen, wenn der Nobelpreisträger bei seiner Osloer Rede, die kaleidoskopartig, ungeordnet, wie eine Patchworkarbeit, mitten unter alltäglichen Lebensblüten ganz selbstverständlich auch eine marianische Litanei vorträgt. Aber schon in seiner Wende anläßlich des "Serbien-Skandals", in dem er eines Tages aufwachte, den der VdZ immer als "Rückkehr zum Patriarchalen" sah, war erkennbar, daß Handke ahnt, daß das Wirkliche, das Wahre, das Poetische etwas mit der Heiligkeit sui generis, also auch mit der Heiligkeit der Tradition zu tun hat.

Und da taucht dann plötzlich auch ein neuer Begriff von Mensch und seiner Natur auf. In dem der Dichter sich von allem bloß faktischen Subjektivismus langsam zu trennen beginnt und begreift, wie sehr seine Dichtung bedeutet, Sprachrohr für ein unendlich Großes, Wahres, Schönes zu sein, das er durch seine Stimme, durch seine Feder zur Welt bringt. Nicht "er" ist das Interessante, sondern dieses außer, über ihm liegende Ewige des Geistes.

Insofern ist Handke ein Beispiel für die Tatsache, daß in Zeiten kulturellen Niedrigstandes, schon gar solchen des Niedergangs, große Kunst nicht mehr möglich ist. Denn der Künstler hat fast nur noch das Abgrenzen, aber nicht mehr die ihn selber formende Kraft eines positiven, aufbauenden, seinstragenden kulturellen Stromes zur Verfügung. Mehr als gelegentlich zu erreichen, die dicke Eisschicht im See, in den man per Geburt geworfen wurde, zu durchbrechen und wenigstens ein wenig frische Luft zu schöpfen ist dann nicht mehr möglich, und schon die maximal mögliche Leistung.

Denn in der Poesie ahnen wir erst, was nur im Sakramentalen - dem Generalzustand vor der Erbsünde - real wird. Sie ist somit der Duft des Ewigen, nicht das Ewige selbst, die Rampe, von der weiter zu gehen aber nicht in unserer Hand liegt, sondern ungeschuldete Bewegung von Gott her zu uns ist. Ohne die es aber keine Welt geben würde, weil der die Wirklichkeit fehlte.







Montag, 30. Dezember 2019

Wer nur glättet, rührt Explosivstoff an

Es gehört zur Aufmerksamkeitspflicht skeptisch zu werden, wenn irgendeine Entscheidung von Liberalen* hochgejubelt wird. So wie mit der Verleihung des Friedens-Nobelpreises 2019 an den äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed Ali. Und wenn der VdZ auch über die Situation in diesem ostafrikanischen Land nicht wirklich informiert ist, so lassen die Nachrichten darüber, die von angeblichen bedeutenden Fortschritten dort berichten, gehörige Bedenken aufsteigen. Hört man auf diese, wird außerdem klar, warum gerade Liberale so begeistert über die jüngere Geschichte dieses alten Landes sind, das von manchen gar als eine der Wiegen der Menschheit bezeichnet wird.

Denn was man hört, klingt verdächtig nach exakt dem liberalen Konzept der Weltverdunstung. Alle Konflikte aufzulösen, wie dem noch ziemlich jungen Ahmed Ali (hier hat auch das Alter seine Bedeutung) zugeschrieben wird, kann nämlich auch dadurch gelingen, daß man nicht die Konflikte löst, sondern die Kontrahenten "auflöst", indem man ihr Selbstsein auflöst. Ganz so, wie es die heutige "Psychotherapie" also tut. Eine Wirtschaft in die Prosperität zu bringen (wofür als Beleg die aktuellen Wirtschaftsdaten herangezogen werden, also Statistiken) kann auch etwas ganz anderes heißen, als das Aufstehen eines (einen Staat konstituierenden) Volkes zu Weltwirklichung und Lebensfülle. Es kann auch heißen, daß es dem liberalistischen, globalisierten Weltwirtschaftssystem rückhaltlos geöffnet wird. Es kann heißen, daß Lebenstiefe aufgegeben und durch Konsummentalität ersetzt wird.

Daß der VdZ mit seiner Einschätzung nicht ganz in der Luft hängt, zeigen Nachrichten, die belegen, daß es in breiten Teilen der äthiopischen Völker großen Widerstand gegen Abiy gibt. Erst 2018 mußte er einem Putsch durch Militärs zuvorkommen, und große Teile der Armeeführung auswechseln. Ist also da wirklich "Friede im Land"?

Es spricht auch das somit für die Befürchtung, daß Ahmed Ali sein Land lediglich auf den (von London nach Afrika transferierten) liberalistischen Kurs gebracht hat, der auch die europäische Kultur bereits so zersetzt hat, daß man von Kultur in Europa kaum noch sprechen kann (es sind nur noch die musealisierten Ruinenlandschaften, die diese Illusion aufrechthalten). Dafür spricht auch ein weiterer Beleg für die angeblich so wunderbaren Änderungen in Äthiopien, zu denen nicht nur die Ausweitung des "Zugangs zu Bildung" durch exorbitante Ausweitung universitärer Einrichtungen gehört, sondern auch die Nachrichten über die "Gleichstellung der Frau", die so sehr auf der Agenda dieses Absolventen einer Londoner Universität steht, daß er sogar die Hälfte seiner Regierungsmannschaft mit Frauen besetzt hat. Ein Mann, dessen gesamte Herkunft, dessen gesamter Werdegang somit im Zeichen von revolutionären Bewegungen und Gedanken steht, ja dessen Name selbst - Abiy - "Revolution" heißt. 

Ein Mann, dessen religiöse Positionierung von Asfa-Wossen Asserate (der einer Adeligenfamlie entstammt, die den engsten Kreisen um Kaiser Haile-Selassie angehört hatte, dem dennoch der VdZ bei aller Sympathie für dessen Liebe zur Form, nicht unbedingt klaren Blick in Hinsicht auf eine realistische Einschätzung der politischen Gegenwart beimißt) als "am ehesten pfingstlerisch-freikirchlich" bezeichnet, denn welcher Religion er genau angehört, wenn überhaupt, ist nicht klar festzustellen. Was nicht gerade für ihn spricht.

Es spricht also sehr viel dafür, daß wir es bei dem frischgebackenen Friedensnobelpreisträger mit einem nächsten Liberalisten und (rationalistischen) Relativisten zu tun haben, der die Welt glättet, indem er ihre Eigenart und Identität nimmt oder zumindest entwurzelt, und damit zwar kurzfristig Erfolg hat. Aber mittel- und langfristig das schönste Explosionsgemisch anrührt, das dann seine Nachfolger (die dann eigenartigerweise sein "Format" nicht mehr haben werden) und natürlich die Völker Äthiopiens durch Gewalt und Terror ausbaden werden müssen.

Und es steht noch mehr zu befürchten, daß er durch diese Nobelpreisverleihung zum Vorbild gestärkt ein übles Vorzeichen für ganz Afrika an die Wand malt. Dem eine große Zukunft dann vor Augen gestellt wird, wenn es den gleichen Weg der liberalistischen Selbstauslöschung und Anpassung an die rationalistischen, relativistischen Konzepte der Aufklärung geht. Der Konflikte nicht löst, sondern Identitäten auflöst und damit kurzfristig auslöscht. Bis die gottgegebene und -gewollte Lebenskraft der Menschen sich wieder meldet. Wo der Zweck alle Mittel heiligt.

Das ist aber kein Konzept. Das ist lediglich ein Trick aus der Zauberkiste, der für jede Kultur toxisch wirkt, weil er den Menschen durch Wohlstandsversprechung und Scheinpazifizierung zur Seinsschwäche verführt. Und Seinsstärke ist ja nicht gerade das, was Afrika im Übermaß hat. 

Wenn diese Bedenken also zurecht bestehen, ist Abiy Ahmed Ali kein Friedensbringer, sondern ein Agent eines Neokolonialismus, den der Liberalismus seit zweihundert Jahren verbreitet, um dem brutalen Gesetz des Stärkeren jede substantielle Gegenwehr aus dem Weg zu räumen. Und deshalb alle Identitäten, die in ihrem ontologischen Grund noch mehr verschüttet werden, verwischt, um die Oberfläche sauber zu halten. Aber den tiefen Grund ins Irrationale verweist, wo er seine Kräfte sammelt, bis es zum Ausbruch des Vulkans kommt.



*Und der verlinkte Andreas Unterberger ist ein relativistischer Liberaler. Der sich wie so viele Liberale zwar gerne als "konservativ", ja "rechts" ausgibt, aber das nur aus Bequemlichkeit und Denkschwäche tut. Und zum Beleg anführt, daß er "gegen" so viele Mißstände auftritt. Wir haben es schon oft gesagt: Liberale haben die Gesichter von Chamäleons. Sie jammern immer dann und darüber (und deshalb in regelmäßigen Abständen von ein paar Jahrzehnten, wo die Liberalen ihre Positionen neu konstituieren, weshalb liberale Konzepte alle zwanzig Jahre völlig wechseln), und dann treten sie als "konservativ" und "voll Menschenverstand" auf, wenn ihnen die Umstände, die sie selbst zu verantworten haben, auf die Zehen fallen.





Montag, 9. Dezember 2019

Nobelpreis für einen durch Grammatik Bekehrten

Es hat so seine Sonderheit darum, daß Peter Handke den Nobelpreis für Literatur 2019 zugesprochen erhalten hat. Persönlich ist der VdZ mit dieser eigentümlichen Veranstaltung, die in der Autoritätsbildung der Betroffenen (und für unsere Kultur) so große Bedeutung hat, nicht unzufrieden, ja sie macht fast Hoffnung. Immerhin hat er den Kärntner doch auch geschätzt, vor allem in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Der ihn freilich von Jugend an als Lektüre begleitet hat. Auf seiner Irlandreise 1980 hatte der VdZ überhaupt nur sein "Das Gewicht der Welt" in der Tasche. Das ihm damals sogar Vorbild war. In dieser Gestalt wollte er auch schreiben. (Weil er nicht mehr konnte?) Bis er ihn für zwanzig Jahre und mehr nicht einmal mehr ignorierte. Warum?

Weil es um diesen Literaten so seine Insonderheiten hat. Der VdZ sieht ihn als eine Art "Bekehrten". Nicht unbedingt religiös, das steht auf einem anderen Blatt Papier, darüber kann er sich nicht äußern. Aber Handke war Teil einer regelrechten Generation von österreichischen Literaten, die in den späten 1960er und vor allem in den 1970er Jahren von Handke mit nach oben gesogen wurden, mit dem Auftrag, die deutsche Literatur zu zertrümmern und neu zu begründen. Und sie hatten Erfolg darin. Wenn auch das Ergebnis aus heutiger Sicht oft nahezu lächerlich ist. (Das hat dem VdZ gegenüber einer der damals sehr bekannt gewordenen, mittlerweile verstorbenen österreichischen Literaten zugegeben, der in einer weinseligen Stunde ehrlich meinte: "Die deutschen Verlage haben uns damals alles aus der Hand gerissen, und das Gelieferte war, wenn ich ehrlich bin, eine Frechheit.")

Wobei der Leser sich nicht der Illusionen hingeben sollte, die damals um die österreichische Literatur entstanden. Die wesentlich davon lebte, daß die österreichische Verlagslandschaft in einem Ausmaß subventioniert ist, die den deutschen Verlagen fremd geblieben ist. Darum gab es so viele Veröffentlichungen. Viele Verlage, viele Buchtitel (zu oft verschwindend kleinen Auflagen), kaum Leser, so könnte man es beschreiben.

Auch Handke hat immer mehr kaum nennenswerte Bücher veröffentlicht. Bis für ihn eine Wende gekommen sein dürfte. Die zeigt, daß Schreiben, wenn man es denn ernst nimmt, ein Lebensweg, keine "ökonomische, nützliche Tätigkeit" ist wie jeder bürgerliche Beruf. Immer mehr schien Handke zu erkennen, daß das, wogegen er ausgezogen war, die (nennen wir es simpel) traditionelle Geisteskultur unseres Sprachraumes, doch einen Wert hatte. Und welchen!

Zunehmend hat sich Handke in den letzten zehn, zwanzig Jahren zu einem Kritiker genau jener Erscheinungen gemacht, die er selbst einst gefordert, und deren Aufstieg zum Maßstab er mit zu verantworten hat. Immerhin erwähnt ja das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung,  daß er so großen Einfluß gehabt habe. Das hat er. Das hat er, indem er die Literatur von der Wesentlichkeit weg- und zu einer bloß subjektivistischen, ungeordneten Befindlichkeitsorgie hingeführt hat. Jelinek läßt grüßen. 

Aber der alternde Schriftsteller war damit denn doch immer weniger zufrieden, vielleicht, weil das Älterwerden auch ein Heimkommen bedeutet, und Handke stammt aus sehr katholischem Milieu.

Nicht, daß er katholisch geworden wäre, darüber liegen dem VdZ keine Nachrichten vor. Aber das Katholische hat im Gegensatz zu allem anderen, was man Religion nennt, die Eigenschaft, physisch zu prägen, ja, physisch auf die Wahrheit zu eichen. Wer einmal so geprägt ist, wer wie Handke Ministrant und "von katholischer Moral gequält" war (weil die Wahrheit mit dem rein irdisch-immanenten Streben unvereinbar ist, und dagegen wehrt sich so gut wie jeder Jugendliche, oft vehement), kann das nie mehr ablegen.

Und so kam auch Handke ganz langsam zu alten Formen und Ansprüchen zurück, die er erst verdammte, und doch bald als die einzig gültigen anerkannte. Ganz langsam wurde das, was er zu sagen hatte, damit wesentlich. Zumindest in dem bescheidenen Rahmen, der ihm zugemessen und noch erreichbar war. Denn er hat wie so viele, die sich in der Jugend vom Katholischen ab- und der linken "Freiheit" zugewandt haben, viel Lebenszeit verplempert, um es charmant zu formulieren, viel falsch entschieden. Ja, ganze Lebensläufe verhunzt. Wie so viele, die die perfid verbreitete Lüge der Linken nicht durchschaut haben. Auch der VdZ gehört zu diesen.

Und er wie Handke haben das wie die meisten nicht erkannt. Auch, weil Handke durch seine (ganz katholisch) mutige Rebellion, die ihn 1966ff. so "berühmt" gemacht hat, den Bonus des Hochgelobten hatte. Der ihm sogar Frechheiten wie (nein, oder: ja, auch die: Die Publikumsbeschimpfung) ein durch großen Druck auf tausend Seiten aufgeblasenes Buch erlaubte (das muß einmal einer drucken!), nur weil auch er (für diese Selbstironie verdient er allerdings Milde) einmal ein so dickes Buch "schreiben" wollte. Was Handke aber den Freiraum gab, der so wenigen vergönnt ist, an seinen eigenen Gestaltansprüchen - von Anfang an, kann man hier sagen - festzuhalten.*

Deshalb sagen wir doch relativierender - er wurde wesentlichER. Denn immer noch sieht der VdZ Handke nicht auf Augenhöhe mit den im alten Sinn lebenden (gewesenen) Geistes- und Literaturgrößen. Das muß nicht einmal sein Versagen sein, ja das wird nicht einmal sein Versagen sein. Denn ein Künstler ist immer auch aus und in seiner Zeit geboren und aufgewachsen, und deshalb von exakt denselben Krankheiten geplagt, die ihn an der Welt leiden lassen. Eine geistlose Zeit wird keine große Kunst mehr erhalten, so ist es einfach, und nicht wenige Künstler, die darunter leiden wie ein Fleischerhund.

Das mußte auch er allmählich anerkennen, und erwachsen-resigniert zur Kenntnis nehmen. Das läßt sich vielleicht am besten an seinen Übersetzungen erkennen, denn der Künstler wächst an seinem Material. Der Schauspieler an seinen Rollen, der Schriftsteller an seiner Lektüre und an der Sprache generell. Handke hat nicht nur Julien Green übersetzt, sondern auch Aischylos und Sophokles. Sie gehören zweifellos zu den besten Quellen abendländischen Geistes.

Um dann wieder und wieder seine eigentliche Arbeit aufzunehmen. Schon der Titel des Schriftverkehrs mit Alfred Kolleritsch "Schönheit ist erste Bürgerpflicht" zeigt es an. Handke hörte nicht auf, die Zeitkrankheit an sich und um sich zu überwinden. Das heißt speziell für den Schriftsteller, sie geistig-gedanklich, also sprachlich so zu durchdringen (und die Sprache zwingt, wenn man sie liebt, sie trägt die Welt in sich und offenbart damit die Welt, wenn man der Sprache verehelicht ist; das ist der eigentliche Grund, warum Dinge wie "Generismen" so leicht als lächerlich-vertrottelt erkennbar sind), daß sie ihm als Werkzeug wieder zufällt.**

Denn das Irrtümliche (das sich als Sprachverhunzung zeigt) ist auch das, was das Schreiben in Fesseln hält, unfrei macht, und damit das Schöpferische verhindert. Vielleicht war die Wende sein Engagement für Serbien, der VdZ meint hier Zusammenhänge erkannt zu haben, schon damals. Denn plötzlich war Handke nicht mehr "everybodys Darling", sondern ein wenig zumindest Ausgestoßener, Paria. Denn Serbien großartig zu finden, womit sich eine klandestine Sympathie für das Patriarchalische verbindet, war in den 1990er Jahren nicht gerade wohl gelitten.

Vielleicht war es aber auch der Anlaß, das Sprungbrett, an dem sich Handke endlich wieder von einem intellektuellen Betrieb verabschieden konnte (daß er das zuvor getan haben sollte, war nicht mehr als kokettes Getue), der ihn völlig vereinnahmt hatte. Nun konnte er sich wieder absetzen, und Freiheit zurückerobern. Der Name genügte ja längst, damit er gut genug vom Literaturbetrieb (und dem Preis-Un-Wesen) leben konnte. (Immerhin gab er 1999 das Preisgeld für den 17 Jahre zuvor zugesprochenen Büchnerpreis wieder zurück. Herrschaften, das muß man sich einmal, schon rein monetär gedacht, als Schriftsteller einmal leisten können ... Wie heißt es so schön? Mit vollen Hosen ist gut stinken.)

Seither ist Handke in den Augen des VdZ aber immerhin auf einem guten Weg. Und das ist der Grund, warum sich der VdZ auch für ihn freut. Weil mit ihm eine Stimme weiter Autorität gewinnt, der zuzuhören in den letzten Jahren doch etwas lohnender geworden ist. Gerade, wenn der Nobelpreisträger über das Schreiben berichtet. Denn für den Schriftsteller ist die Sprache, das Schreiben der Ort, an dem er zur Welt kommt. Denn die Welt ist Sprache. Sodaß sich in seinem Schreiben der Zustand der Welt erkennen läßt, ohne daß er, wie Handke in jungen Jahren, einfach Symptom des Zeitgeistes bleibt.



*Wie sehr kämpfen doch andere um dieses "Selbstbewußtsein", diesem oft verfluchten Zwitter aus Welthaftigkeit und Anspruch aus dem Ohr im Ewigen! Handke hatte vielleicht einfach "Glück"? Bleiben wir bei "Vorsehung", dieser so geschundenen Braut.

**Weshalb Bildung in der Antike, aber noch bis ins 13. Jahrhundert, schlicht und ergreifend "Rhetorik" oder "Grammatik" war.





Montag, 9. Mai 2011

Was ein Friedensnobelpreis wert ist

Weltfrieden hat jedes Nummerngirl einer Miss-World-Ausscheidung im Mund, und es sind Zurufe nicht sehr anderer Art, die das Nobelpreiskommitee offenbar bewegen können, Menschen mit der weltweit renommierteste Auszeichnung zu versehen, die zu vergeben ist, dem Friedensnobelpreis.

Und zwei seiner jüngsten Träger hat es jüngst kalt erwischt. Der eine, Barack Obama, erhielt ihn als Vorschußlorbeeren, und gerade die Betulichkeits-Demokraten-Habteuchlieb-Menschlichkeit wurde von ihm erst dieser Tage ziemlich strapaziert. Da sitzt der Kerl da, und beobachtet, wie seine Jungs von der Marine den unbewaffneten Osama bin Laden eiskalt abknallen. Vor den Augen seiner Töchter, wie es in der "Zeit" heißt. Das verschärft die Lage. Aber davon wollen wir hier nicht weiter berichten, da produzieren andere genug Wortsalat.

Muhammad Yunus, 71
Die FAZ berichtet nämlich von einem anderen Friedensnobelpreisträger, dem von 2006, dem Bangladeshi Muhammad Yunus. Und er wurde gekürt, weil er eine scheint's geniale Idee hatte - er setzte Mikrokredite in die Welt. Damit sollten Millionen und Abermillionen Arme in die Lage versetzt werden, sich eine Kuh, eine Nähmaschine, einen Leiterwagen anzuschaffen, um ihr eigenes Kleingeschäft zu gründen. Und sich so, am eigenen Schopf, aus dem Sumpf zu ziehen.

Eine Idee, die so erfolgreich vermarktet wurde - und wir schränken die Replik darauf gleich ein, bringen sie auf Kurs, denn immer häufiger, so der Eindruck, sind es nicht mehr die Idee, sondern deren Vermarktung, die die Wertgefüge bestimmen - daß es mittlerweile 70.000 derartige Institutionen gibt, weltweit. Kaum noch ein Entwicklungshilfeprojekt, das nicht Elemente der Kleinkredite enthält. Und es sind vor allem Frauenprojekte, so schreibt es die FAZ, die gefördert werden. Mit deren Hilfe sich Frauen weltweit aus ihren Abhängigkeiten (von den Männern und "deren" Strukturen) befreien können. Ja, diese Mikrokredite haben die als im Grunde wirkungslos gebliebene reine Entwicklungshilfe - eine aberwitzige Geschichte, übrigens, über die noch zu berichten sein wird - fast abgelöst.

Aber die Sache hat einen gravierenden Haken, und sie entpuppt sich in jeder Hinsicht als eine der Fragwürdigkeiten die regelmäßig entstehen, wenn Menschen das Ganze verlassen, um einen Teil zurechtzubiegen. Etwas aufzubauen ist etwas anderes, als etwas niederzureißen, oder zu kritisieren. Das menschliche Tun und Handeln entpuppt sich deshalb zunehmend und wenig ermutigend in einer Charakteristik, wo ein Ding "repariert" wird, während fünf andere zuschanden werden dabei. Weil die Mitte der Welt, und nur aus ihr läßt sich aufbauen, ein ander Ding ist, als hochgefühlte Humanitätswürste. 

Und Eitelkeiten, gepaart mit Machtgelüsten. Denn wenn Yunus geschickt den mittlerweile laut gewordenen Konflikt mit der Regierung seines Landes nun als Kampagne gegen ihn und als Anschlag auf die Humanität verkauft - so dürfte es sich nicht ganz so verhalten. Yunus scheint sich nämlich nicht nur über die Gesetze zu stellen, die in Angelegenheiten seiner Bank nicht für ihn gelten sollen. Sondern die Idee selbst geriet und gerät ins Zwielicht.

Apropos - "seine " Bank. Der mittlerweile 71jährige Yunus war mitnichten Bankier. Er war staatlicher Angestellter, und "seine" Bank ist eine staatliche Einrichtung von Bangladesh.

Es mehren sich aber die Berichte, daß nur rund 3 Prozent der Mikrokredite ihren ursprünglichen Sinn erfüllen. Der Rest des Geldes wird schlichtweg konsumiert. Und auch die "guten" Erbsen im Töpfchen sind fragwürdig. Denn natürlich hat auch Yunus' Institut Grameen enorme Zinsen verlangt, das Risiko ist ja hoch, und die Inflation (auch durch gestiegene Kaufkraft der Massen, übrigens) gleichfalls. Kleinstunternehmer aber, die ihre Anfangsinvestitionen mit 20 oder 25 Prozent Zinsenbelastung abarbeiten müssen, geraten rasch an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Und so ist aus der "guten" Idee, alle Welt selbständig zu machen, mit Geld, eine fatale Sackgasse geworden, die Millionen (!) Menschen in den Ruin getrieben hat und treibt, mit nichts als Schulden. Was, wie man andernorts bereits gehört hat, besonders in Indien fatale spezielle Folgen nach sich zieht - in einer hohen Sebstmordrate. Aber das ist gewiß nicht das eigentliche Folgeproblem.

„Bisher existiert kein überzeugender empirischer Beleg, dass Mikrofinanz dazu beigetragen hat, die Armut zu vertreiben oder Wachstum zu stimulieren“, sagt der Ökonom Arvind Panagariya von der Columbia University in New York. Während die Websites aller Mikrofinanz-Institute voll sind mit Bildergeschichten von Frauengruppen, die kleine Geschäfte auf die Beine stellen, zeigen Daten des gut erforschten indischen Bezirks Andra Pradesh, dass weniger als drei Prozent der Kredite für den Aufbau eines Geschäftes genutzt werden. Der Ökonom Panagariya findet das naheliegend. Die Geschäftsideen der armen Frauen müssen Renditen von 25 Prozent abwerfen, um die hohen Kreditzinsen zurückzahlen zu können, die selbst anständige Mikrofinanzierungs-Institute wie Grameen fordern (20 Prozent und mehr).

Die Armut also konnte er nicht bekämpfen. Also hat (aus übrigens nachvollziehbaren,aber nichts weniger irrigen Gründen!) Yunus sein Geschäftsfeld erweitert, und betreibst längst Mobiltelephon-Unternehmen, Software und IT-Unternehmen, Unternehmen für erneuerbare Energien (überhaupt DER Ausweis mittlerweile für menschliche Klugheit und hohe Moral), oder Fabriken für Moskitonetze. Und immer wieder treten seine Firmen als "non profit"-Spieler auf, in denen die Nerven der Wirtschaft zusammenlaufen, und die Kleinunternehmens-Gründungen forcieren, mit erwähnten Folgen. Und sei es, daß er ein Joint-Venture mit Danone gegründet hat, und nun Joghurts "um die Ernährungssituation der Armen zu verbessern" verkauft. Die Unternehmensgruppe des Friedensnobelpreisträgers hat in Bangladesh bereits eine enorme Machtposition, aus der heraus sie aufgrund des weltweiten "Humanitätsbonus" völlig unkontrolliert als Staat im Staat agiert - mit ausländischem Geld, völlig unabhängig vom Inland. Mittlerweile haben norwegische Journalisten sogar schon Verdachtsmomente recherchiert, daß der gute Mann auch Entwicklungshilfegelder veruntreut hat.

Er habe es nicht verstanden, so die FAZ, die Idee von sich zu lösen. Und gehe nun, mit Eitelkeit und Machtrausch um den Hals, mitsamt seinem Imperium unter, so die Chiffre der Formulierung.

Und mitsamt dem Friedensnobelpreis. Aber da soll er nicht der einzige sein.


***

Montag, 31. Januar 2011

Wo kommen nun die Bösen her?

Jahrzehntelang war in hiesigen Medien kein Sterbenswörtchen zu hören, daß es sich bei Ländern wie Tunesien oder Ägypten (oder Algerien) um Länder mit schweren Defekten hinsichtlich Menschenrechte handelte. Generationen sind aufgewachsen mti dem Gefühl, es handele sich bei Tunesien und Ägypten um Oasen des Lebensgefühls und Tourismus, und Hunderttausende Österreicher und Deutsche flogen hin und verbrachten unvergeßliche Urlaube. Gefährlichkeit bestand bestenfalls im Wassergenuß, das war häufiger Inhalt der Gespräche mit Bekannten und Verwandten, wenn sie von ihrer Nilkreuzfahrt erzählten, oder geheimnisvoll schwiegen, wenn es von Tunesien zu reden galt, das in manch delikater Hinsicht berühmt-berüchtigt war.

Chaos in Kairo (2011)
Sonst? Nichts. Stabilitätsfaktoren waren sie, beide Länder, zwischen dem seit Franzosenzeit immer noch ein wenig heiklen Algerien, dem wahnsinnigen Gadhaffi in Libyen, und beide Länder waren verläßliche Partner für die Welt, in der auch der islamistische Fundamentalismus im Griff war, so sehr er sich in Ägypten brutal zu Wort melden wollte.

Aber seit Nasser, der in seiner UdSSR-Nähe sowieso ein eigenes Kapitel war, seit Anwar as-Sadat, der sogar den Friedensnobelpreis erhalten hatte, und auch mit Mubarak war Ägypten ein stabiles Land, gerade im arabischen Block, in seiner Rolle in Afrika überhaupt, das schon an der Schwelle zum Standard des Westens gesehen wurde.

Und nun? Seit von den Unruhen in Kairo und Alexandria berichtet wird, lautet die Diktion plötzlich "Regime". Nicht anders verhält es sich bei Tunesien. Gerade die beiden bislang stabilsten, verläßlichsten Länder der Region, waren also von Unrechtsregimen regiert?!

Der ORF berichtet nur noch von "Aufständen gegen das Regime", als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, wir hatten es doch immer gewußt, und der KURIER, die neue Qualitätszeitung, sendet sogar eine eigene Berichterstatterin (sic!) nach Kairo, um zu beweisen, wie sehr er am Puls der Zeit hängt.

Noch immer aber keine Zeile, WARUM in diesen Ländern überhaupt demonstriert wird. Keine Zeile, was die Aufständischen überhaupt wollen? Außer: Wohlstand. Mehr Arbeitsplätze. Höhere Löhne. Teilhabe (sic!) am Wohlstand, der ja, wie wir alle wissen - so wurde es zumindest den jungen Menschen heute allesamt eingetrichtert, und den Frauen sowieso - vom Staat und seiner Umverteilungsmacht ausgeht und abhängt.

Traumurlaub in Ägypten (2010)
Keinen anderen Eindruck gewinnt man, wenn man Al Jazeera beobachtet, wo Ägypter - "activists" - ausreichend zu Wort kommen. Ja, der eine erzählt, daß sein Freund verhaftet worden war, ohne daß jemand wußte, warum und wo, und für 24 Stunden verschwand, sodaß sich alle Sorgen machten. Aber was erwartet man in einem Land, wo sich schon aufgrund der internen Spannungen - Islamismus vs. säkulares fortschrittliches Wohlstandsland - auch anderes? Im Gegenteil, das waren ja die Eigenschaften am "Regime" Mubaraks's, deretwegen er als so verläßlicher Partner galt?!

So groß die Sympathien mit dem "Prinzip Aufstand" auch sein mögen. Vorerst läßt sich der Eindruck nicht abschütteln, daß sich hier der Wahnsinn der Zeit inszeniert. Nicht mehr. Irgendein Geschwafele von "Demokratie" oder "democracy" - ein Wort, das wie der Schuß mit einer Schrotflinte auf eine Scheune daherkommt, irgendwie muß es ja richtig sein!? - läßt de Eindruck nicht geringer werden, daß sich hier einfach die Trägheit der Zeit (sic!) - "nicht mehr mitspielen" kann nämlich Seltsamstes bedeuten und zur Ursache haben! - mit unbewußten, dämonischen Kräften ihren Hochzeitstanz liefert. Wo einfach die Auflösung nach Luft ringt, von der die heutige Welt des Westens ja zunehmend zu glauben scheint, er wäre sie, die berühmte "Demokratie", die alles als undemokratisch abstempelt, was sie (eben: was? wissen wir nicht ... siehe: Vogelzug) behinderte - nicht der positive Gestaltungswille.

Und eine andere Frage erhebt sich, verfolgt man die Berichterstattung: Wo war sie zuvor gewesen, wenn sie jetzt so sicher weiß, daß es um Regime und berechtigte Volkserhebungen geht? Wo waren die Berichte über die Menschenrechtsverletzungen, wo waren die kritischen Reportagen, wo waren die Demonstranten vor ihren Botschaften? Oder will die Journaille, speziell in Österreich, einfach auf jeden Fall nur wieder bei den Siegern aufwachen?

Am nächsten Morgen, wenn die Polizei in Kairo endlich die lästigen Plünderer von den Straßen gefegt hat, die Kairo derzeit heimsuchen. Vielleicht jene tausende Kriminelle, die durch die Eroberung einiger Gefängnisse freigesetzt worden waren. (Auch dort: KEINE Regimegegner und Folterkeller, aber Kriminelle. Und Islamisten.) Oder sind es Demonstranten, die hier kurzfristig die Erfüllung ihrer Forderungen gefunden haben?

"Friedensnobelpreisträger" ElBaradei
P. S. Diese Groteske des Herumtastens heimischer Medien, welche Haltung denn opportun sein könnte, zelebriert der KURIER u. a. mit einem befreiten Aufschrei, daß sich nun eine "Stimme der Opposition" gefunden habe. Im Friedensnobelpreisträger ElBaradei. Wobei sie verschämt verschweigt, daß ElBaradei im Rahmen seiner Tägigkeit für die UN-Atombehörde diese fragliche Auszeichnung erhalten hatte. Nicht, wie man in diesem Zusammenhang meinen könnte, weil endlich ein Opfer des "Regimes" gefunden wäre. Im Gegenteil, hat ElBaradei nie mit auch nur einem Sterbenswörtchen verlauten lassen, daß die Lage in seinem Lande prekär oder menschenunwürdig sei. Und das ist doch seltsam?

***