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Donnerstag, 27. Oktober 2022

Der Krieg gegen die Menschheit (3)

Der große Spieler bleibt dann hinter dem Vorhang. Er wollte es von Anfang an - Meine Sichtweise war freilich und ohnehin seit je, daß es ein Fehler (wenn auch ein verständlicher Fehler) für Kritiker innerhalb des Westens war, das "Heil aus dem Osten" zu erwarten, und das in verklärtem Ton mit Rußland und Putin gleichzusetzen. Dort ist nichts anders, dort ist nicht einmal vieles besser bzw. werden dort dieselben Fehler gemacht wie im Westen. Besser sind nur die Herzen vieler - aber auch wieder nicht aller! - Menschen, das glaube ich nach wie vor. Denn die haben ein Leid bereits durchlaufen, das uns erst bevorsteht.
Vielmehr sehe ich aber seit je sowohl den Osten der Welt als auch den Westen VON EIN UND DERSELBEN MACHT umfangen und beherrscht. 
Die seit über hundert Jahren, seit achtzig Jahren aber hoch konzentriert versucht, nicht das Spiel der Teilnehmer, sondern gleich das gesamte Spielfeld SAMT DEN TEILNEHMERN zu usurpieren. Und seit dem Kalten Krieg (den ich bereits für eine reine Inszenierung halte) ein Programm ablaufen läßt.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Der Krieg gegen die Menschheit (2)

(K)Eine Apologetik Putins. Aber das wirkliche Geschehen läßt erst den Sinn erkennen. Aber genau diese Haltung der Verherrlichung des Westens hat eine Aufweichung der östlichen Völker und Staaten gebracht, die wir nicht unterschätzen sollten. 

Wir haben es hier mit einer Generation von Politikern zu tun, die jahrzehntelang mit einer leuchtenden Knackwurst in der Auslage - WESTEN! - aufgewachsen sind, und die nach 1989 kein Pferd hätte aufhalten können, nicht dieses Paradies auch für sich zu reklamieren. Wobei ich auch weiß (nicht zuletzt aus meinen Kontakten mit Katholischen Funnktionären aus diesen Ländern) daß viele dort sehr rasch aufgewacht sind, und zu Warnern geworden sind.*

Nun sehe ich mich nicht bewegt, eine "Apologetik Putins" oder Rußlands zu schreiben. Allerdings gibt es Argumente, die durchaus auch mit Schuld zu tun haben. Denn innerhalt des eigentlichen Geschehens - ich schreibe gleich darüber - sind die Parteiiungen durchaus "ernst" und human relevant. Und hier kann man sehr wohl zur Auffassung kommen, daß man durch Provokation einen anderen zu einer Handlugnsweise bringen kann, die "geplant" wirkt, weil man ihn durch Cleverness sogar steuern zu können schient.² 

Dienstag, 25. Oktober 2022

Der Krieg gegen die Menschheit (1)

In einer Internetdiskussion im anglo-amerikanishcen Raum, an der auch ein in Moskau lebender, sehr populärer Blogger (und Militärfachmann) teilgenommen hat, ist eine interessante Frage aufgetaucht, die auf den ersten Blick verblüffen könnte - wäre die Frage und die Antwort so einfach. 
Aber der Russe hat die theoretische Eröterung vorerst einmal auf den Kopf gestellt: Wenn der Westen einen "fünften Mann" in Rußland eingeshcleust haben würde, wie hätte der dann ausgesehen? Was hätte der dann gemacht? 
Und er gibt die Antwort: Er hätte genau das gemacht, was Vladimir Putin gemacht hat. 
Denn die Folgen der Reaktion Putins und Rußlands haben die erklärten Ziele der Militärischen Sonder Opteration (MSO), die mit dem Einmarsch Ende Februar 2022 abgeführt hatte werden sollen, exakt das Gegenteil von dem erreicht, was zu den Zielen dieses Eingriffs erklärt worden waren.

Nehmen wir also einige dieser Ziele unter die Lupe, und überprüfen wir, ob das stimmen könnte.

Montag, 26. August 2019

Die Wahrheit über Alexander Dugin

Noch einmal Dugin, noch einmal, weil an diesem zehnminütigen Interview mit BBC klarer wird, daß der russische Philosoph zutiefst Nihilist ist, der mit Nietzsche mehr zu tun hat als mit traditioneller abendländischer Metaphysik oder gar der Orthodoxie. Insofern paßt er tatsächlich gut ins Bild der "Neuen Rechten", die einen zutiefst relativistischen und pragmatistischen Ansatz hat, in dessen Rahmen (aber nur in dessen Rahmen) die Religion eine "tragende Rolle" spielt. Als Mittel.

Klarerweise kann man dann formulieren, wie Dugin dies hier tut, daß Rußland "seine eigene Wahrheit" hat und nichts anderes verlangt, als daß diese Sicht von allen anderen akzeptiert wird. In diesem Sinn muß man auch das vom Philosophen gerne verwendete Wort von der "Multipolarität" der modernen Welt sehen. Wo vier, fünf oder wer weiß wie viele völlig verschiedene Kulturen "gleichberechtigt" nebeneinander stehen. Nein, nicht einmal das. Denn dieses Konzept sieht letztendlich auch keine Schranken dahingehend, daß diese Kulturen sich auch mal gegenseitig bekämpfen. Denn wenn es keine absolute Wahrheit, keine absolute Kultur sohin gibt, dann gibt es auch keinen Grund, warum nicht das Gesetz des Moments, die Kraft des Stärkeren den Fortgang der Geschichte bestimmen sollte.

Nur Wille kann eine Kultur beseelen und deshalb muß eine Kultur fest an sich glauben, denn sonst hat sie bereits verloren. Wie dieser Glaube an sich zustande kommt ist nebensächlich, und hierein kann Religion ihre nützliche Rolle spielen. Das sagt Dugin zwar nicht explizit, aber es ist in seinen Sichtweisen enthalten. Das einzige, was damit eine Welt der Multipluralität befrieden kann, ist eine starke globale Organisation der Staaten der Welt. Ob das manchem klar ist, der Dugin als Intellektuellen verehrt? Der Mann ist zwar "sophisticated", aber ihn als "einen der größten Intellektuellen der Welt" zu bezeichnen nicht einfach übertrieben, sondern ... lassen wir das. Diese Form des Relativismus ist nämlich weder neu noch besonders originell. Es ist vielmehr dumm und geistlos. (Siehe dazu auch dieses eineinhalbstündige Interview mit Dugin, in dem es genau um diese Gleichberechtigung unterschiedlicher Ideologien geht.)

Wahrheit ist, so Dugin auch hier, ein Resultat der Glaubensinhalte eines Volkes, einer Kultur. Das ist auf eine Weise faktisch richtig, aber es ist hier und absolut gesehen der relativistische Bezugspunkt, der absolute, eine einzige Wahrheit nicht kennt (so vielseitig die auch sein mag, so daß sie ein Mensch allein kaum je tragen und erfassen kann), und deshalb einen lediglich soziologischeren, aber nichts weniger materialistischen Zugang zum Menschen hat als der liberale Materialismus des Westens. Die also enorme Deckungsbreite mit der "Vierten Politischen Theorie" Dugins haben. Es ist also auch kein Wunder, daß Dugin (an anderer Stelle im Netz nachzuhören) die Kabbalah als größtes Werk der Menschheit preist - als "magischer, mechanistischer Zugang" zur absoluten, aber technisch aufgelösten Weltgrammatik.

Dugin macht den häufig zu beobachtenden Fehler, daß er den Umstand, daß jeder Mensch nur über seine Interpretation Zugang zu den Daten der Welt hat - und somit seinen subjektiven Überzeugungen gemäß "Information" erkennt - als Erweis der reinen Subjektivität der Wahrheit sieht. Aber das stimmt eben nicht! Es gibt eine jeder Subjektivität vorausliegende, objektive Wahrheit, ohne die eine Kommunikation überhaupt nicht möglich wäre, gäbe es nicht für alle Gesprächsteilnehmer einen objektiven, für alle gleichen Bezugspunkt. 

Wo immer rein subjektive, also interessengeleitete (eigentlich: Interessendeformierte) Sicht vorherrscht, haben wir es nicht mit der "subjektiven Wahrheit", sondern einer subjektiv verdrehten Wahrheit zu tun. Und darin kann der Mensch sehr wohl unterscheiden, auch Dugin beweist das ja, gerade indem er auf diese Differenz der subjektiven Sichten hinweist. 

Dugin sagt es hier expressis verbis: DAS ist die von ihm so verstandene Multipolarität! Daß man jeder Seite diese subjektive Überzeugung läßt, daß sie die absolute Wahrheit gerade in ihren Interessengebundenheiten vertritt, und die andere Seite nicht. Daran hängt dann auch der Friede: In der Akzeptanz, daß der andere eine andere Wahrheit hat. 

Das geht nur, wenn man im tiefsten Grund auf Nihilismus aufruht. So, wie es auch weite Teile der "Neuen Rechten" tun. Der Rest - oder: der überwiegende Teil sogar - an Dugins Argumentation ist somit Äquivokation! Aber wer sich der Äquivokation bedient, der will, mit Verlaub, sich verstellen und deshalb lügen.

Dugins "Anerkenntnis" auch widersprüchlicher Theorien ist sogar blanker Post-Modernismus! Einer neo-marxistischen Strömung, die am Boden eines aktiven Nihilismus steht.* Der wie alle Liberalen (sic!) in dem durchaus auch Richtiges sagt, weil er vom liberalen Lust-Schmerz-Prinzip geleitet oft zum richtigen Moment schreit, wo er (und damit der Mensch) verletzt wird.





*Man siehe dazu auch dieses nachträglich im Netz entdeckte Video einer Kritik Dugins aus traditionalistischer Sicht. Um die darin vorgebrachte Kritik auf einen einfachen Punkt zu bringen: Dugin verdreht so gut wie alle Sichtweisen, Religionen und Theorien, die er in Anspruch nimmt in seine Theorie integriert zu haben. Denn seine 4. Politische Theorie versteht sich als Schnittpunkt von Metaphysik und Politik, und "integriert" so gut wie alles, was ihr dabei über den Weg kommt. Dabei erhebt sich der Verdacht, daß Dugin alles schon deshalb "integrieren kann", weil er die einzelnen Lehren, Religionen und Gebiete ... gar nicht wirklich kennt. Das reicht von Mythen bis zu Eschatologie, mit der er seine Politik umgibt, bis zur Physik. Schon alleine dieser Umstand läßt natürlich vieles "vereinen" ... Dugins Metaphysik aber ist verschwommen und widerspruchsvoll. Darf man vermuten, daß seine Popularität (auch, wenn nicht vor allem bei uns; über das Maß seiner Rolle in Rußland selbst gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen) vor allem damit zusammenhängt, daß auch viele (pardon) "Rechte" von heute verdammt wenig Ahnung haben, aber gut in ihrem Status der Intellektualität davon leben, daß das allgemeine Bildungs- und Kenntnisniveau dermaßen niedrig ist, daß auch Vierteläugige wie intellektuelle Helden dastehen können?
Wovon wir überzeugt sind, sagt Dugin, trennt uns, aber wogegen wir sind, das ist es, was uns eint. Widersprüche als gleichberechtigt zu akzeptieren ist freilich der sicherste Weg zur individuellen Unfreiheit der Vernunft, also zur Manipulierbarkeit der Unvernunft. Und das allein weist auf einen wichtigen Punkt: Dugin ist aus mehreren Gründen (er bezieht sich unter anderem immer wieder auf die Kaballah) ganz offensichtlich eng im Okkultismus und Satanismus verwurzelt. Wir wollen es nicht hysterisieren, aber gewisse Erhellungskraft hat ein weiteres Video durchaus: Dugin und das Okkulte.



Montag, 24. September 2018

Vom Umsturz durch Musik (2)

Teil 2)



Der Mensch ist an sich auf Schönheit ausgerichtet, er braucht und sucht sie. Sie ist die unmittelbare Kraft, die ihn auf Ordnung und Sinn hinweist und entsprechend formt. Somit ist sie auch eine, wenn nicht die erste, vornehmste kulturbestimmende Kraft (wenn man auch Architektur als Musik begreift). Findet der Mensch diese Schönheit nicht mehr in der Kunst, in der Liturgie (und darauf läuft es hinaus), so sucht er sie woanders. 

Und er sucht sie in Ersatzformen, sprich: in Wirkungen, die denen der Wirkung der Schönheit ähneln. In Erschütterung, in Rhythmus, in selbst evozierten Gefühlen. Wie sie der Jazz bedeutet, der ebenfalls die Ordnung aufbricht und als Quelle der Musik den Musiker selbst sieht, ebenso wie den Hörer, von dem bedingungslose Auslieferung verlangt wird.  Und wie sie die Rockmusik bedeutet. Niemand wußte um die revolutionäre Kraft von Musik besser als die Rockmusiker selber! Die die Crux erlebten, daß ihre Intentionen durch die eine immer größere Rolle spielende Elektronik (heute: Digitalisierung) eine ungeahnte weitere Dimension der Entfesselung wie auch der Breitenwirkung (Schallplatte, Radio, Tonband, Fernsehen, bis zum Digitalspieler*) erfuhr.

Was sich dann vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts abspielte, war wie in allen Bereichen, nicht nur in der Musik, aber stark von ihr ausgehend, eine Ausfaltung dieser philosophischen Schlüsse, die so nebenbei auf einer völlig neuen (von Evolution und Darwinismus geprägten) Anthropologie aufbaute. Das Bild von dem, was der Mensch war, hat sich vollständig geändert, wir sehen es heute in aller Macht.**

Und in der Postmoderne eines Michel Foucault ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Der ebenfalls aus persönlicher Erfahrung - Foucault war nicht nur homosexuell (und schon damit gesellschaftlicher Außenseiter, ein Mann "außerhalb des logos" also), sondern lebte seine Neigung in San Franzisco, wo er Vorlesungen hielt, in dessen Möglichkeiten extrem aus, bis er an seinen Exzessen krepierte. Für ihn (bzw. die Postmoderne) war Wissen (Nietzsche!) eine Angelegenheit der Macht und damit der herrschenden Klasse. Und damit der bestehenden Ordnung. Nur die dionysisch-befreite Sexualität vermag diese Banden aufzubrechen und die Menschen auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung zu Wissen über die Welt gelangen. Dazu müssen sämtliche Denkmodelle aufgebrochen werden, denn in ihnen manifestiert sich lediglich die Macht derjenigen, die die kulturelle Ordnung beherrschen.

Ein Instrument dazu, wenn nicht das wesentliche Instrument dazu, war die Musik, die im 20. Jahrhundert aufkam und durch neue Medien und Technik rasch populär werden konnte. Die Sehnsucht der Menschen nach Schönheit war nach dem Abdanken der klassischen Musik, in der Schönheit noch der wesentliche Inhalt von Kunst war, um die sich jede Musikdramaturgie abspielte, um die der dramaturgische Aufbau in Oper, Symphonie, jedem Kunstwerk rang, ehe sie sich in der Katharsis (dem Freilegen der Schönheit) zu neuem Menschsein erhebt, unbefriedigt geblieben. 

Umso mehr stürzten sie sich auf die neuen Formen der Musik, wie sie eben aus den ausgeführten Impulsen, diesem Paradigmenwechsel, ja diesem Umsturz (Nietzsche, "Umwertung aller Werte") in der Musik, aufkamen. So wurden aber die Grundfesten unserer abendländischen Kultur buchstäblich erschüttert. Die Rolle der Musik in diesem Kulturumwälzungsprozeß, wie wir ihn seit 50 Jahren definitiv erleben, ist gar nicht zu überschätzen. Denn es war immer die Kunst, und noch mehr der Kult (als Quelle aller Kunst), die gesellschaftliche Haltungen und Stimmungen bewirkte, die sich dann in allen kulturellen Bereichen, bis hin zur Arbeit, ihre Realisierung suchte.







*In der Digitalisierung erfuhr diese dargestellte Wirkgeschichte der Musik im 20. Jahrhundert noch eine Wirkdimension zusätzlich. Denn die Digitalisierung ist bereits eine Reduktion der Musik von ihr weg hin zur reinen Wirkgeschichte. Der Programmierer geht nicht von der Musik selbst aus, diese ist nur noch abbildhaft (im Hörbild) vorhanden, sondern von der Wirkung, der entsprechend er sie programmiert. Das Digitale erzeugt also Wirkungen, keine Musik mehr. Oder wenn, dann eine eigene Musik, die mit der Ursprungsmusik nur noch einen rationalen Zusammenhang hat. Zur Illustration: Auf der Schallplatte ist noch eine direkte Wirkung der Ursprungsmusik in physischer Übertragung weil Präsenz - die Plattenprägung wird von den Schallwellen der Musik selbst hervorgerufen - enthalten. Wer das einmal erkannt hat, wird nie mehr digitalisierte Musik wollen, die nur "Bericht liefert, wie diese Musik ist", sie aber nicht mehr selber, sondern eine Interpretation des Programmierers ist. (Siehe unter anderem die Medienkritikansätze von Friedrich Kittler.)

**Es ist ein schweres Versäumnis, weithin zu beobachten, daß in vielen Diskussionen über Zeiterscheinungen ausgeklammert wird, daß diese Diskussionen sinnlos geworden sind, weil die Frage "Was ist der Mensch?" in zwei unvereinbaren Extremen gespalten ist und somit eine dialogische Klärung unmöglich ist. Das geht bis hinein in Fragen der Wirtschaft.

Samstag, 22. September 2018

Vom Umsturz durch Musik (1)

Das hier jüngst in einem Radiointerview mit E. Michael Jones besprochene, von diesem verfaßte Buch "Dionysos rising - The birth of cultural revolution out of the spirit of music" ist zwar schon 25 Jahre alt, aber es hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Auch wenn Jones heute meint, daß er die Hauptconclusio damals noch nicht in der Schärfe gesehen hat wie heute - daß hinter den Entwicklungen in der Musik des 20. Jahrhunderts konkrete Personen und Personengruppen standen - so hält seine These über das, was sich in der Musik abgespielt hat. Denn auch dort hat sich ein Kulturbruch abgespielt. Ja, vor allem dort nahm er seinen Ausgang.

Und er nahm ihn bei Richard Wagner, führte von dort über Nietzsche hin zu Schönberg und Michel Foucault. Signalpunkt war die Wagnersche Beschwörung der dunklen Kräfte, des Chaos gewissermaßen, wie es in "Tristan und Isolde" programmatisch (man beachte die Rolle des Venusbergs) vor Augen kommt. Wo die Befreiung des Menschen anhebt, wenn er sich den Leidenschaften hingibt. Die sich aber direkt gegen die Ordnung der Welt, gegen die Kultur wenden.

Nietzsche war von Wagner (zuerst; später hat er sich von ihm abgewandt) so beeindruckt, daß er sein erstes Buch "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" verfaßte (und sich in der Erprobung dieser Freiheit gleich die Syphilis holte). In dem er die durch Wagners Musik gemachte Erfahrung in eine Kulturtheorie ummünzte: Erst hat die Auslieferung an die Mächte der Nacht, des Chaos, des Erdinneren (Höhle), des weiblichen Uterus zu erfolgen, dann ersteigen daraus jene (rhythmischen; man beachte die Zusammenhänge mit der Architektur) Kräfte, die die Musik als noch bildlose, aber umso wirkmächtigere Grundverfaßtheit der Welt im Menschen hervorbringen.

Nicht logos, Sinn, Ordnung und Gerichtetheit auf diese vorgegebene, vorzufindende Ordnung (in Gott, also in der Vorsehung*) ist das zutiefst, innerste, grundlegendste Wesen der Welt, sondern die frei aus dem Chaos aufsteigenden Mächte. Und das ist auch die Grundaussage Wagners, die er in seinen Opern immer mehr herausschält. Die Welt selbst ist letztlich sinnlos, Moral hat nur pragmatischen und kulturbezogen relativen Charakter. Ein im logos fundiertes Wesen der Dinge gibt es nicht. Es hängt umso mehr davon ab, wozu sich der Mensch als Heroe (jener "Übermensch", der den "Willen zur Macht hat") entscheidet und ermannt, um die Welt nach seinem Bilde zu gestalten. 

Diese Sichtweise öffnete die Tore zu dem 20. Jahrhundert, wie wir es erlebt haben. Das als Kampf des logos mit dem Chaos, als Kampf von Dionysos mit Apollo begriffen werden kann. Und Dionysos hatte mächtige Verbündete, die vorerst auch gesiegt haben. Denn hinter ihm stehen alle menschlichen Leidenschaften und deren Entbindung, Entfesselung. Die Geschichte der Musik spiegelt es exemplarisch.

Denn von Wagner geht die Linie direkt weiter auf Arnold Schönberg, dessen Zwölftonmusik - so meint Jones aufzeigen zu können - ein Racheimpuls gegen die Ordnung der Welt war. Der er eine willkürliche, "übermenschliche" Ordnung (in seiner mathematischen Beziehung der Töne) entgegensetzte. Die aber damit auch das Schöne verlor, und es durch Beeindruckung und Sentiment ("Verklärte Nacht" ersetzte. Schönberg, ursprünglich Jude, hatte sich zum Christentum bekehrt und als Protestant taufen lassen. Bis er erlebte, daß ihn seine Frau mit einem Komponistenkollegen betrog. Das hat ihn ins Mark getroffen. 

Fortan war sein Schaffen nur noch von dieser Verletztheit geprägt. Und in einem nächsten Schritt hat er eine Anti-Ordnung konstituiert - seine Zwölftonmusik. Die eine fundamentale Wende in der abendländischen Musik bedeutete, in der er Wagner bis zur letzten Konsequenz weiterführte und den Boden für den Jazz (als Vorläufer) und die dionysische Rockmusik (später) bereitete. Sie stehen völlig logisch in dieser Entwicklungslinie. Und in dieser Linie steht die Entfesselung der Leidenschaften und Begierden der Menschen.  

Die Zwölftonmusik wirft jedes menschliche Harmonieempfinden über Bord und ersetzt es durch eine neue Dissonanz, die rein menschliches Werk ist. Aus dieser "Musik ohne Hören" wurde ein Hören ohne Musik. Es hatte tiefgreifende Auswirkungen. Denn in sehr rascher Folge gewöhnte es sich das Publikum ab, von der Klassik noch etwas - Schönheit! - zu erwarten.  


Am kommenden Montag Teil 2)


*Es wäre schon lange an der Zeit, einen wichtigen Punkt herauszustreichen, der seltsamerweise in der ganzen Diskussion noch nie berührt scheint: Nämlich die Analogie zwischen dieser Vorsehung Gottes "als Chaos" und dem dionysischen Chaos zu zeigen. Denn auf eine Weise verlangt auch der göttliche logos jenen entscheidenden Punkt, an dem die transzendenten Mächte (also die Gnade), in deren Händen alles (Gelingen, also alles Ordnende, Vernunftgemäße) liegt - Gott also, konkret sogar: Gott Vater (in dem alles Wissen ist) - über das Tor der Hingabe an diesen göttlichen Willen erst einzubrechen vermag. Der Unterschied zum Dionysischen liegt also nicht in diesem "Chaos", dem zu überantworten es ultimativ gilt. Das oft so rigoros abzulehnen hat der abendländischen Kultur (man betrachte vor allem den Protestantismus) nicht gut getan und vieles in eine kaum lösbare Aporie und Erstarrung geführt. 

Der an sich gar nicht so falsche Versuch über die "nouvelle theology", der im 20. Jahrhundert (parallel zu den Entwicklungen in der Musik) stattfand und heute die Theologie der katholischen Kirche zu überschwemmen droht, dieses Chaos wieder "hereinzubringen", diese Ganzhingabe, dieser "Steuerungsverlust" (durch letzthinnige Übergabe des Steuers an Gott), mußte aber insofern scheitern, als es vielen nicht gelang, dieses Geschehen, diese Akte in die göttliche Vernunft bzw. Vernunft überhaupt einzubetten. Damit endet auch diese Theologie dort, wo sie im Heidentum (Dionysos) endete, und in der Musikkultur des 20. Jahrhunderts sich exemplarisch zeigt: In einer Götzenanbetung, ja in der Dämonie der Verantwortung "an das nicht Gekannte und nicht zu Kennende". In einer Verneinung des dreifaltigen Gottes zugunsten anonymer (dämonischer) Mächte des Chaos. Wenn sich überhaupt Linien im theologischen Denken dieses Papstes (der VdZ bestreitet das) zeigen lassen, dann gehört diese dämonische, heidnische und letztlich nihilistische, weil vernunftverneinende Linie eindeutig dazu. 

Die Hineingabe in den Willen Gottes ist genau NICHT der Verzicht auf Vernunft, sondern ist die Hineingabe an die ultimative Vernunft, ist somit deren "Entfesselung" in die Welt hinein - aus Gott kommt nur Ordnung, niemals Chaos, das wäre ein Wesenswiderspruch. Chaos läßt er aber freilich zu, und es hat dann den Charakter einer Strafe, einer Gnadenlosigkeit aus menschlichem Abwenden und Versagen heraus. Wie sagt der VdZ in einem seiner Stücke ("Keiner hört auf Harvey") auf der Grundlage von Erlebnissen in Obdachlosenheimen? "Das ist die Hölle - wenn es keine Vernunft mehr gibt." Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt es eindrücklich.





*230818*

Mittwoch, 30. Juli 2008

Wahnsinnig ob der Verdummung rundum

Es ist grotesk, daß ausgerechnet Nietzsche, der ob der Tatsache regelrecht verzweifelte, daß im aufwabernden Zeitalter des Nutzens, des Zwecks, des Erfolgs und der Macht Deutschland in Vermassung und -ismen verdummte, von manchen dieser Bewegungen als Beleg zitiert wurde. Golo Mann meint, daß es daran liegt, daß Nietzsche in seiner so persönlichen, emotionalen Polemik gegen diesen Tod des Geistes rund um ihn nicht nur Teil dieser Zeitströmung selbst war, sondern so tief involviert wenig mehr darauf achtete, ob seine Polemik nicht widerspruchsvoll war.





*300708*