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Dienstag, 29. Oktober 2024

Der Weltgeist der Revolution

Genau, das wird unter Trump anders. Er schafft einen Wokeism, der sich nicht mehr so nennt, weil er total vernünftig und einfach der übliche Liberalismus ist. Klar kann ich darin dann für Abtreibung sein. Aber bitte doch nur bis 6 Wochen, oder 8, oder 10. Und wenn mir die Regelung in meinem Staat nicht paßt, na dann gehe ich halt nach California. Klar kann ich dann auch für Geschlechtsunterschiede sein, das ist doch wissenschaftlich bewiesen, ohne meinen Job zu verlieren. Aber es gehört auch dazu, für Gay-Marriage zu sein, das ist nur vernünftig.
Jedem doch bitte schön nach seiner Facon. DAS ist vernünftig.
Nur das alles nicht so zwanghaft, so ideologisch wie bei den Democrats. Die die Wisenschaft ablehnen, die die Vernunft ablehnen. Und jeden, der etwas anderes sagt, in den Häfen stecken wollen. Der vernünftige Mensch der Gegenwart möchte doch, daß seine 17jährige Tochter frei entscheiden kann, was sie macht, wenn sie schwanger ist, und selbstverständlich als Teil der Healthcare, der Abtreibung dann ist.


Donald Trump verkörpert sie, die eierlegende Wollmilchsau. Er vereint jedweden Widerspruch. Ich kann schon deshalb - und je länger der Wahlkampf dauert umso mehr resp. weniger - nicht mehr erkennen, wofür er wirklich steht. Er steht nämlich einfach halt für alles, was besser ist, oder so. Und für das nicht, was schlechter ist, das "nicht glücklich macht". Denn nur darum geht es ja, nicht wahr? Chacon a son gout!

Tja, vielleicht gibt es genau aus diesem Grund bei der Wahl eine Überraschung, sind Umfragewerte so aussagelos wie noch selten zuvor. Wenngleich wir so sehr wie noch nie - wir erleben im Gaslighting Steigerungen, die gewaltig und Merkmal von Gesellschaften im Dauerkriegs-, in permanentem Ausnahmezustand sind - auch durch solche angeblichen Befindlichkeitsanalysen getäuscht und getäuscht werden. Man sollte wirklich JEDE Form von Medium meiden, wäre das möglich, weil sich diese Narrative auch über die Mitwelt um uns schließen, wie beim Fisch das Wasser. 
Aber der Mensch entscheidet sich immer für ein FÜR ETWAS. Für alles sein zerrinnt dabei wie die Butter in der Sonne, hält nur äußerst kurzfristig. Ja man muß sich sogar in einer Wahlkampagne beeilen, denn manchmal überdauert es nicht einmal die Vorwahlzeit.

Montag, 31. Oktober 2022

Die Suppe für den Schnittlauch - Nachklang

Dieser Wahnsinn aber hat einen konkreten Namen, und ich bin erst kürzlich auf ihn gestoßen. Überrascht, daß wir es hier mit einer regelrechten Ideologie zu tun haben, die sich sogar vor siebzig Jahren als politische Partei in Kanada erfunden hat, und mittlerweile DIE Weltanschauung der Eliten ist. 
Ein Begriff, der auf den ersten Blick alles subsummiert, was ich als bereits gegenwärtige und noch viel stärker kommende Geißel des Menschseins herauszuarbeiten versuche. 
Eine Anschauung, die bereits so massiv die Gehirne und Strukturen unserer Kulturen und Gesellschaften durchdrungen hat, daß sie zur Grammatik des Denkens selbst wurden, sodaß sich schon darauf erklärt, warum es scheinbar kaum einen Widerstand dagegen gibt. Denn sogar seine Kritiker bedienen sich der Herkunftssprache, und verstärken sogar noch  DURCH ihre Opposition seine Wirkmacht.
Dieser Begriff, der etwas beschreibt, das sich in diesen Jahren und Zeiten nun offiziell in ein Bett legt, das längst gemacht ist, dieser neue Kopf aus dem Leib der immer selben Hydra des Materialismus heißt
TECHNOCRACY. TECHNOKRATIE
Und seine Funktionäre, die gläubigen Apostel, sind die Eliten, unter die auch ein Herr Kurz ebenso wie seine Zuträger von Anfang an erfaßbar sind. Es sind die 
TECHNOKRATEN

Dazu demnächst mehr.


Sonntag, 30. Oktober 2022

Die Suppe für den Schnittlauch (2)

      Peter Theil und PALANTIR
Endlich unter den Auserwählten. Wer nichts ist, der kann viel werden
 - Auf jeden Fall hat er dort die Fäden weiterverfolgt, die man ihm in Israel in die Hand gedrückt hat. Denn nun, werte Damen, werte Herren, fliegen uns die Namen und Querbezüge nur noch so um die Ohren. Wir wissen nämlich, in welchen Dunstkreis wir Peter Thiel einzordnen haben. 

Der mit seiner Firma Palantir seit 2003 am ultimativem Albtraum der Totalüberwachung arbeitet, und dabei in engstem Kontakt mit den US-Geheimdiensten arbeitet. Um etwa durch predictive profiling die Überwachung und Kontrolle über jeden Menchen der Erde zu vervollkommnen, und "aus dem Spiel" zu nehmen, wenn er dem System irgendwie nicht paßt. Wobei freilich keiner so richtig sagen kann, ob es sich bei den Software-Lösungen, mit denen Thiel sich bei den Geheimdiensten angedient hat, nicht nur um einen gigantischen Schwindel handelt. 

Das ist das Stichwort. Nun können wir uns definitiv vorstellen, wohin die Reise eines Herrn Kurz geht, die uns in zehn Jahren einen neuen Millionär präsentieren wird, der am Puls der Zeit klebt. Und der heißt "Blase", vulgo "feuchter Traum der allmächtigen AI." Der aber deshalb tonangebend wird, weil es immer mehr gelingt, die Menschen an seine Allmacht glauben zu lassen. Das reicht für die Milliarden an Steuergeldern, um loszumarschieren.
Denn immerhin sitzt die ganze Moderne doch auf einem einzigen Satz, der auch die Modernität des Herrn Kurz gut beschreibt: 
Wer nichts ist, der kann viel werden. 

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Die letzte erste Position

Warum auch immer, hat das 19., dan vor allem das 20. und 21. Jahdhundert eine derartige zivilisatorische (nicht: kulturelle) Wucht entiwickelt, daß es das Faktische bis auf einen kaum noch identifizierbaren Rest vom eigentlichen Menschsein und siener Verfaßtheit so in die Scheinexistenz wegreißen konnte, daß bis auf eine kleine Nadelspitze (die noch lange bleibt, selbst bei Ungetauften, es ist die Verbindung mit dem Sein), der "Nabel" als Erinnerung an die Herkunft im Geist, insofern noch ein Restgeruch vom Sein, gewissermaßen) nichts mehr für eine Regenration bereit machte.
 
Diese Nadelspitze aber ist immens mächtig, ja an ihr hängt die gesamte faktsiche Präsenz der Menschen, flattert und weht wie ein zerrissener Lappen an einem letzten Knopf an der Stange im Wind der Zeit, udn wird von ihr durchgewalkt und durchge- bzw. entformt, bis die letzte Faser aufgelöst zu werden droht. Und doch ist diese letzte Position der Same, der das Ganze wieder und wieder zu durchdringen versucht, denn dies ist sein erster Impuls. Sein erster und mächtigster, er hat den Menchen sogar in die Existenz getrieben, ihn im Mutterleib entstehen, und dann physisch heranwachsen lassen. Ihm wurde aber seit 200 Jahren immer weniger der adäquate, wirklich individuierte Leib zugeformt, denn das ist eine Aufgabe der Umgebung, der Mutter zuerst, der Familie, des nächeren Umfelds, der Gesellschaft als Kulturinstutition als Ganzes. Diese haben sich immer weiter von der Natur entfernt. 

Montag, 12. September 2022

Viel zu spät, und dann auch noch falsch (1)

   Synode 2022 - Katerjammern
Was das Erschütterndste an dieser ganzen "Synode" der deutschen "katholischen Kirche" ist? Daß man das Geheule der Vorsitzenden, als die nach langen Monaten und Jahren errungene Schlußdokumente ... NICHT ANGENOMMEN wurden. Daß jahrelang herumgequatscht und geschuster wutde, und nun stellt sich heraus, daß nicht einmal die Delegierten im formal nötigen Ausmaß dahinterstehen.

So verblendet sind diese Herrschaften (darunter viele  Damen), daß sie nicht einmal bemerken, wie vollkommen irrelevant und uninteressant das ist, was sie für die brennenden Punkte und Probleme der Welt und des Glaubena halten. Daß sie nichteinmal merken, wie weltweit - aber AUSZERHALB Europas, dessen Niederbrechen, das sich in uneren diesen Jahren in voller Gestalt zeigt - ein regelrechtes Aufbrechen der religiösen Sehnsüchte stattdinet. Selbst von China* hört man, wie dort im Volk das Religiöse erstarkt. 

Freitag, 19. August 2022

Soziales gibt es nur als Ritus

Filmchen Veränderungen
Das Filmchen soll hier doch seinen Platz haben, worauf William Briggs in einem Post verweist. Und Briggs kann sich über alle diese Indizien, die die totale Verweichlichung vor allem der jungen Menschen hinweist, so herrlich und mit bissigem Humor aufregen. An dieser Stelle freilich wird wie üblich die Analytikmashcinerie angeworfen.

Was sich hier zeigt ist die in den letzten fünf, sechs Jahrzehnten allgemein gewordene Haltung, sich bei Begegnungen mit dem Außen (wozu auch eine Ignoranzfähigkeit gehört, weil ein Gutteil des menschlichen Handelns auch bei anderen geringe sachliche Bedeutung hat, oder falsch eingeordnet, oder unklar und mißverständlich ist) der eigenen Empfindung zuzuwenden. Das führt aber - und das ist das stets Übersehene dabei - zu einer ständigen Reduktion jener Grenze, in der das Handeln selbst im Fokus steht.

Samstag, 19. März 2022

Am Himmel blinken Holographien

Bei allem Ernst mancher Lage - spätestens seit Corona, allerspätestens seit dem Ukraine-Konflikt ist die Medienlandschaft unausgesetzte Quelle der Heiterkeit geworden. So viel zeigt sich so offen, daß man nur noch den Kopf schütteln kann, wie elegant und leicht sich praktisch sämtliche sogenannte Weltanschauungen und Sichtweisen als Camouflage erweisen. Als Versuch, die wahren Interessen zu verschleiern.

Eine dieser besonders amüsanten Rollenfächer nehmen hier die Liberalen ein. Sei es, daß sie sich in anderen Weltanschauungsgruppierungen eingehaust haben und dort den "liberalen Flügel" heißen, oder direkt in liberalen Gruppen, die sich im letzten Jahrzehnt europaweit durch zahlreiche Partei-Neugründungen hervorgetan haben und Gestalt sein wollen. Die somit also den Charakter einer Holographie haben, keine Wirklichkeitsrelevanz. Wie überhaupt das als "Politik" auftretende Gewerbe zu einer einzigen Veranstaltung gewordne ist, die zeigt, wie weit oder nicht weit die Technik des Hologramms gediehen ist.

Freitag, 10. Dezember 2021

Wer die Geschichte entfernt hat nur noch Faltengerüste

Ein wenig kann auch der VdZ das nachvollziehen, der zwar von den 180 Kilo des John Goodman, die dieser "in seinen besten Zeiten" auf die Waage gebracht hat, noch weit entfernt ist, aber doch manchmal gerne 20 oder 30 Kilo weniger hätte. Durch Diät und Bewegung (samt eigens engagiertem Fitnesstrainer) hat der Schauspieler, der zu jenen Leinwanddarstellern gehört, nur deretwegen sich der VdZ schon mal einen Film ansieht - weil er ihn einfach mochte.

Er hat ihn auch jetzt schon gesehen, und es ist ... nein, es ist etwas verloren gegangen. Goodman ist ein anderer Typ geworden. Fast möchte man sagen: Ein Durchschnittstyp. Zumindest einer, den man meint öfter mal zu sehen. Wer sich die nun in der Kronen Zeitung, dieser Spielwiese des vermutlich übelsten Hedgefondmißgeburt Mitteleuropas, dieser (auch deshalb; denn solchen Leuten ist alles nur Mittel zum Zweck, der wie ein Kuckucksjunges den Sinn aus dem Nest wirft) obersten und dreckigsten der Erziehungsanstalten Österreichs (ja, es geht noch widerlicher als Österreich/oe24), diesem "Land ohne Zeitung", veröffentlichten Bilder "vorher/nachher" ansieht, wird des VdZ Einschätzungen nachvollziehen können. Man denkt sich als Dicker schon mal, was man denn sonst noch alles hätte machen könnte, hätte man 30, 50 oder 90 Kilo weniger, wie Goodman "vorher". Man denkt freilich nie daran, was man dann verlieren und was man zerstören würde: Die Ganzheit. 
 

Freitag, 12. März 2021

Warum die Ehe bereits unmöglich geworden ist (2)

 Teil 2) Es gibt sie sehr wohl, die Kollektivschuld. Und hier sehen wir sie.

 

Somit muß auch klar werden, daß wir es heute nicht mit individuellem Versagen oder Nicht-Genügen zu tun haben, wenn in "diesem oder jenem Fall" eine Bindung nicht gelingt. Und wir sollten alle, wirklich alle endlich aufatmen dies zu erkennen, weil es uns in gewisser Hinsicht von "Schuld", auf ganz besondere Weise aber von individueller Schuld befreit. 

Dieses Unvermögen, das im speziellen die Frau betrifft, ist vielmehr ein Moment der Kultur, in der wir stehen. Und die eine düstere, ja apokalyptische Ruinenlandschaft ist. Genauso, wie wir sie in so vielen und immer mehr Filmen und Kunsthervorbringungen sehen. Sie artikulieren nur, was "da" ist: Weil in der Frau alle Bedingungen des Mannes und des Mannseins angelegt sein müssen. Sonst kann der Mann gar nicht zu sich kommen: "... Fleisch von meinem Fleisch, Bein von meinem Bein ..."  
Das Scheitern von Ehen und "Paarschaften", egal in welcher Form (und auch und bereits in der Entstehungsphase, ja dort besonders perfide) in der Gegenwart ist somit nicht auf das Unvermögen der Individuen zurückzuführen. Vielmehr erleben sie, erleben wir die Auswirkungen einer Bedingung des Atmens, des Lebens. 

Als wesentlich wirksamen Grunddefekt hat man das Wesen (die Natur) des Paarseins - als anthropologisch vorgeschriebenes Mann-Frau-Sein=Ich/Du-sein=Menschsein - mit der Emanzipation (zu der sich der Feminismus nur als Werkzeug verhält; begrifflich ist beides keineswegs analog oder gar identisch) zerstört. Sodaß die Frau aus ihrer natürlichsten Bindung herausgebrochen wurde, sodaß man sie ins Nichts geworfen hat. Denn wer identitätslos ist - ist nicht. 

Wieder Anbindung zu finden um überhaupt in der Welt stehen, sein zu können, ist aber nicht "aus eigenem Willen" möglich, weil es gar keine "Selbstwahl" sein KANN. Anderseits aber ist die Frau willkürlicher Anbindung ausgeliefert. ("Wer eine Frau entläßt... liefert sie dem Ehebruch aus ..."

Denn aus ihrem Wesen kann sie natürlich nicht ausbrechen. So wie das kein Ding, auch nicht der Mann, kann: Strukturell ist alles immer wesentlich, also wesensgemäß, nur nicht in der Realisierung, der Gestaltnahme. 

Aber solcherart, dem Vater aus der Hand genommen (was im Wesentlichen, das sollten wir uns vor Augen halten, bereits in frühesten Jahren durch die Mutter geschieht, von der im Zustand der engsten Bindung als Kleinkind auch die strukturelle Weltantwort übernommen wird), ist sie nicht nur der Zerstörung ausgeliefert. Sondern sie ist sogar "Freiwild".

Ohne Bindung - und Bindung heißt eben: Bindung; Gebundenheit - gibt es nicht nur kein Soziales, damit keine Kultur, sondern auch keine Wirtschaft die mehr ist als ein System der Wegelagerei und des Betrugs.

Dieser Zustand, in dem wir uns befinden, ist irreparabel. Die Welt ist nach dem Öffnen der Büchse der Pandora eine andere als zuvor.

Wir können deshalb auch in jenen Kreisen aufhören, Ehe zu "simulieren", die meinen, intakte Separatwelten - Parallelgesellschaften, die innerhalb (bzw. außerhalb) der großen Ordnungen stehen, in die wir geworfen sind - aufrichten zu können, um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Wo dann angeblich diese Bindungen noch ihre gesunden Voraussetzungen finden, und als öffentliche Moral lebbar, verwirklichbar wären. Wer so denkt, hat nicht nur das wahre Ausmaß des Zerfallszustands der Gegenwart***, sondern auch das Wesen des Menschen als Sozial- und Kulturwesen nicht verstanden. Und er hat das Wesen des Kreuzes nicht verstanden.

Wenn, dann wäre schon die erste Bedingung für eine solche Gesundheit die Hürde: Denn es bräuchte eine "Volksentstehung", denn das Ganze geht ontologisch gesehen dem Einzelnen voraus, das Einzelne ist nur eine Variierung, Individualisierung des großen Ganzen. Aber ein solches "neues" großes Ganzes ist nur nach Sintfluten als globales Ereignis denkbar. Eine neue Sintflut hat aber Gott ausdrücklich ausgeschlossen.


*Nicht der "Familie"! Der Begriff ist dazu zu indifferent, und auch für Kreise des männlichen Reichs-Bereiches verwendbar und verwendet, die viel zu eng sind. Wie die "Kleinfamilie", oder gar irgendwelche Formen von Zusammenleben, die nicht einmal auf der Ehe beruhen. 

²Persönlichkeit heißt NICHT, daß alles fertig ausgebildet ist, was einem Menschen entspricht, sondern es heißt zuerst, daß der Mensch seine Anbindungen kennt und anstrebt, die sich erst verwirklichen sollen. Weil in diesem Gesollten sein Ich steckt, in diesem Du also. Auf welches hin er sich transzendieren muß. Was wiederum heißt: Von welchem her er sein "Das bist Du!" erhält und (im gesündesten Fall ganz selbstverständlich) annimmt.

**Wir erwähnen hier "Mutterschaft", aber wir tun dies keineswegs als einzige Berufung oder Möglichkeit für die Frau, und nicht einmal für die "höchste". Nicht zumindest, wenn darunter leibliche Nachkommenschaft gemeint ist. Mutterschaft gehört zwar zum Wesen der Frau, und ist deren erste Ausrichtung (logos; Sinn), aber es gibt verschiedene Ebenen dieser Ausformung, Samen aufzunehmen und zu nähren, zu hegen, zu pflegen, großzuziehen ... und zu entlassen.

***Gerade in der Fastenzeit wäre uns die Möglichkeit gegeben, über die Läuterung durch Verzicht und Buße auch unsere Sinne zu reinigen, im wahrsten Sinn. Dann kämen wir vielleicht aber wieder in einen Zustand, in dem uns bewußt wird, wie irrwitzig, dekadent und abstoßend die Gegenwarts"kultur" bereits ist. Der Leser möge doch einfach einmal die Musik der Jugend und deren Visualisierung, also deren gestalthafte Bedeutung anschauen.


*090321*

Donnerstag, 11. März 2021

Warum die Ehe bereits unmöglich geworden ist (1)

Die Strategie des Bösen war noch weit perfider, als gedacht, und ganz sicher auch dem klügsten Revolutionär nicht bewußt. Sie war vor allem enorm effektiv. 

Sie war spätestens im 20. Jahrhundert - und da schon ganz direkt - darauf ausgerichtet, die Frau in zahlreichen kleinen Schritten, die dann die großen kaum noch sichtbar gelassen haben, aus der Eingebundenheit als ihrer Wesenserfüllung, als der Angewiesenheit auf eine Mann-Frau-Ordnung, herauszubrechen.

Was heißt: Aus der Angewiesenheit (im wörtlichen Sinn) auf den Vater zu entlassen, zu "ex-mani-cipere", zu emanzipieren, aus der Hand zu geben. Das geschah, indem zuerst das Gift der menschlichen "Autonomie", das bereits vor hunderten von Jahren in immer größeren Dosen verabreicht wurde, bis es nur noch logisch schien, auch der Frau diese "Selbst-"Bestimmung zu übertragen.

Worauf nur eines folgen kann: Eine willkürliche Wahl des Punktes, an den sie angebunden ist. Was aber in sich nicht mehr gelingen kann, weil die Voraussetzung für eine Wahl fehlt: Die fundamentartige Ordnung des Urteilsvermögens. Das heißt, daß dem Urteilsvermögen (das ja mit "Denken" nur auf eine gewisse Weise zu tun hat, nicht aber es selbst "ist") jene Kriterien fehlen, die, aus einer geordneten Persönlichkeit heraus.²

Die Folgen davon äußern sich auf einem Gebiet, das nur auf dieser Verstehensgrundlage erkennbar wird: Die Frau wurde damit bindungsunfähig. Das heißt, daß die Fähigkeit und Möglichkeit zur Ehe nicht mehr vorhanden ist.

Diese Entwicklung ist wie schleichender Krebs vorangeschritten. Weshalb sie alte Paare weniger betrifft. Deshalb fehlt älteren oder alten Paaren auch das Verständnis für dieses Problem. Paare, deren Urteilsvermögen noch VOR der Geburtenschwemme nach 1945 gebildet wurde können es überhaupt nicht sehen. Deshalb sind ihre Analysen zur Lage der Ehe so gut wie irrelevante Ausflüge in Traumzustände.

Bei Paaren aus der Zeit der geburtenstarken Jahrgänge (bis 1965) ist diese Zerstörtheit aber bereits deutlich erkennbar, aber noch in unterschiedlicher Ausprägung. Die stark vom je individuellen Entwicklungsweg abhängt, je nach sozialem Umfeld der Kindheit ausgeprägt ist. Die aber selbst dort, wo diese Bedingungen noch besser waren, so gut wie immer und mit der Zeit vom Gift der Bindungsdiffusion durchwirkt wurde. In deren Kindheit war aber die Ehe noch als völlige Selbstverständlichkeit im Gemüt.

Von völliger Bindungsunfähigkeit - und zwar als contradictio in adjection - muß man aber bereits bei den Generationen seit den 1960er Jahren sprechen. Bis zur Gegenwart, wo die Jungen folgerichtig nicht einmal mehr an Ehe denken. Wo also der Gedanke an Ehe ein Hinzukommendes sein muß oder müßte. Mit dem Problem, daß er für diesen Seelenzustand (wo man sich vor der Wahl sieht, die Ehe als einen positiven Akt - oft sogar contra Umgebungsprägung - zu setzen) zum Widerspruch selbst wird. Denn wie die Religion, kann man auch die "Ehe" bzw. den Ehepartner nicht wählen.
Die Frau ist bereits bindungsunfähig geworden. Aber nicht aus "eigener Schuld". Doch ist damit die Bindung überhaupt als anthropologische Bedingung des Menschwerdens eliminiert. Und damit ist das Menschwerden, das ein Zueinander von Mann und Frau ist, ausgeschlossen.
Dem VdZ ist klar, wie sehr diese Aussage gegen jedes Selbstverständnis des heutigen Menschen geht. Aber ihm ist auch klar, daß genau dies das sicherste Indiz für die Wahrheit seiner Aussage ist.

Trifft es bereits auf den Mann zu, so noch mehr für die Frau. Bei dieser aber bereits vom ersten, alle weitere Persönlichkeit tragenden Wesensansatz her. Die Frau kann und darf sohin nie in einem Zustand sein, in welchem sie "sich selbst überlassen" ist. Sodaß sie gewissermaßen außerhalb einer Ver-bind-lichkeit steht und solcherart "frei entscheiden" kann, ob und an wen sie sich bindet.

Die Ver-bind-lichkeit des Menschen ist prinzipiell ein Vorangehendes. Das nur im Mann als dem Haupt des kleinsten, für sich stehenden sozialen Organismus, dem Haus - an dem also ein Reich, eine kleine oder große Zahl und Ordnung von an ihn gebundenen Personen hängt - eine gewisse Wahlmöglichkeit behält. Und zwar dort, wo sie den öffentlichen Kreis berührt.

Der immer ein Kreis von Häuptern von Häusern ist, nur darin wiederum eine hierarchische Ordnung hat, die aber nie in die einzelnen Häuser eingreifen kann; man muß sich also "Gesellschaft" immer als eine Art "Reich" oder "Staatenbund" vorstellen.

Aber sogar schon den Platz, an dem sein Haus (mit ihm) zu stehen kommt, kann sich der Mann nicht aussuchen. Er kann sich lediglich in ein Verhältnis dazu setzen, das aber immer auf ein bereits vorangehendes, gegebenes Verhältnis aufbaut. Daraus gibt es kein "Entkommen".

Bei der Frau ist dies auf den Ehemann bezogen. Der vom Vater gewählt wird (im "Anhalten um die Hand" ist da vor drei, vier Jahrzehnten noch etwas Dahingehendes mitgeschwungen) - im Sinne von "eine Möglichkeit ins actu gesetzt" - und der Frau ein nahtloses Übergehen von der Anbindung an den Vater zum Ehemann ermöglicht. Der Ehemann ersetzt damit den Vater, und er tut dies natürlich auf eine Weise, die dem nächsten Reife- und Entwicklungsstadium der Frau angemessen ist. In der Ehe wird auch sie zu ihrer größten Möglichkeit geführt.**

Morgen Teil 2) Es gibt sie sehr wohl, die Kollektivschuld. 
Und hier sehen wir sie.


Donnerstag, 4. Februar 2021

Irgendwann ist einfach Schluß (2)

Wir bringen hier nun noch einmal den zweiten Teil. Für die, denen der Lesestoff gestern doch zu umfangreich war, die aber - und das tun so manche Leser, wie der VdZ weiß, ihnen sei einmal mehr für ihre Treue und ihren Durchbeißwillen gedankt - im Gleichschritt mitgehen wollen. 

Teil 2) Drum frisch und los. Leben wir doch endlich und einfach wieder!

Nehmen wir es deshalb etwas lockerer. Machen wir uns bewußt, daß wir nicht auf Erden sind, weil wir hier eine sooo wichtige Aufgabe haben, daß wir am besten ewig leben sollten. Und jeder Tod ein Fehler im System ist, ein Leck im Apparat, der zu vermeiden wäre, WENN wir denn dies und wenn wir denn dort und wenn wir denn das.

Wir werden sterben. Ob mit oder ohne Corona. Deshalb reicht es, wenn wir ein bissel aufpassen, wie wir es ja immer gemacht haben, wenn jemand krank war, und mehr noch wenn dessen Krankheit zum Tode ansteckend war. Angeblich oder wirklich. Und wenn nicht ... kein Malheur. Allen Ernstes. Es ist kein Malheur, den Löffel abzugeben. Es ist normal, und es ist das Schicksal JEDES Menschen. Auch unser unentrinnbares Schicksal damit. Also sollten wir doch ein bissel darüber lachen, sarkastisch, ironisch, denn klar, freuen kann man sich nicht darüber, aber wie sagte doch ein Weiser einmal? Tausend Rosen. Und frisch ans Werk, kräftig in die Hände gespuckt, und wenn es denn sein soll, dann eben ... kräftig gestorben. Denn wir wissen, daß es nicht um dieses begrenzte irdische Leben geht, dieses vallis lacrimosa, dieses Tal der Tränen, sondern darum, daß wir nach dem Tod, wenn wir denn zu Lebgezeiten, wo wir noch den Leib haben, also ganze Menschen sind, bei Christus sein wollten, durch Jesus Christus zu einem neuen Leben auferweckt werden. Und dann, dann geht es so richtig los, dann wackelt die Bude sozusagen. Dann haben wir jene Freude, die wir verloren haben, wieder. Ist das nicht ein Grund, sich zu freuen?

Oder wäre das nicht ein Grund, sich vom Tod weg Christus zuzuwenden? Das ist es doch! Das ist es, warum wir Corona nicht so richtig wollen, daß wir uns lieber zu Tode fürchten, als daran zu sterben. Und das ist ein Grund, warum wir von der Politik etwas verlangen, das sie nicht leisten kann.

Weshalb wir diesen Herrschaften "da oben" sagen sollten: Schon gut. Während wir sie vom Podium führen, unseren Arm um ihre Schultern legen und aus dem Saal begleiten, während sie noch immer reden und reden und reden, was der Tag lang ist, und nach links und rechts wie Irre bellen "Wir schaffen das!", und "Ich kann Euch retten" oder "Ich kann uns bewahren!" "Jaja, schon gut," sagen wir dann, und "Ist eh gut, ja, eh, wir glauben Dir das ja auch" ... während wir mit ihnen rausgehen.

Nichts können sie. Deshalb sollten wir dann, wenn wir sie draußen der Schwester übergeben haben, sie ihnen weiter gut zuredet und sie nach draußen zum Krankenauto geleitet, in den Saal zurück und aufs Podium gehen. Dann mal aufs Mikro klopfen, drauf pusten, ja, es ist eingeschaltet, und dann sollten wir folgende Rede halten. Wir sollten sagen: "Werte Herrschaften, ich möchte was sagen. Ich möchte Euch sagen, daß hinten ein Buffet ist, das wir später konsumieren können, daß im Saal B ein Bingo läuft, wer also möchte ... und daß wir sonst hier abstimmen, wie es mit der Treppe im Foyer weitergehen soll, mit dem Schuppen der Feuerwehr, und wer nun diese Straße saniert, die zum Gemeindezentrum führt, denn das ist ja wirklich kein Zustand ..." Und langsam fassen sich alle wieder, und allmählich fokussieren sie sich wieder auf das, was sie hier tun sollen und müssen - arbeiten, feiern, trauern, Musik hören oder Punzen schlagen, einfach LEBEN. Es gibt eine Menge zu tun.

Und, so nebenbei, schon vergessen? Leutel, es ist noch zwei Wochen - aber NUR noch zwei Wochen - Fasching!


*270121*

Samstag, 23. Januar 2021

Die ganz und gar legitime Vormundschaft

"Auf dem Festland essen sie Menschenfleisch. Sie sind mehr als irgendein anderes Volk unzüchtig. Gerechtigkeit gibt es bei ihnen nicht. Sie gehen ganz nackt, haben keine Achtung vor wahrer Liebe und Jungfräulichkeit und sind dumm und leichtfertig. Wahrheitsliebe kennen sie nicht, außer wenn sie ihnen selbst nützt. Sie sind unbeständig, glauben nicht an die Vorsehung, sind undankbar und umstürzlerisch. [...]

Sie sind gewalttätig und verschlimmern dadurch noch die ihnen angeborenen Fehler. Bei ihnen gibt es keinen Gehorsam, keine Zuvorkommenheit der Jungen gegenüber den Alten, der Söhne gegenüber den Vätern. Lehren wollen sie nicht annehmen. Bestrafungen nutzen bei ihnen nichts. [...]

Zu ihren Speisen gehören Läuse, Spinnen und Würmer, die sie ungekocht essen, wo sie sie nur finden. Wenn man sie die Geheimnisse der wahren Religion lehrt, erklären sie, diese Dinge paßten für die Spanier, aber für sie bedeuteten sie nichts, und sie seien nicht bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern. [...]

Ein je höheres Alter diese Menschen erreichen, desto böser werden sie. Wenn sie zehn oder zwölf Jahre alt sind, glaubt man noch, sie besäßen einige Höflichkeit und etwas Tugend, aber später entarten sie wahrhaft zu rohen Tieren. Ich kann versichern, daß Gott kein Volk je erschaffen hat, das mehr mit scheußlichen Lastern behaftet ist als dieses, ohne irgendeine Beigabe von Güte und Gesittung. [...]

Nein, das ist keine zeitgenössische Kritik und Anklage, und es stammt auch nicht aus den späten Tagen der Antike. Es ist einem Schreiben des Dominikanerpaters Tomas Ortiz entnommen, in dem er Mitte des 16. Jahrhunderts von dem Indianerrat in Madrid berichtet.

Die Diskussion im 16. Jahrhundert hat zwei elementare Seiten. Die eine ist, daß den Indianern auf Drängen der Kirche (Spanien hat in Philipp II. und seinem Vater Karl V. sehr fromme Könige) jedes Menschenrecht zugestanden wird. Eine Sichtweise, die vor allem gegenüber den stets sehr individuellen Charakterdefiziten der Soldaten mit unerhörter Strenge angediehen wird, so wenig sie denen auch gilt. Sie verfahren furchtbar mit den Menschen, denen sie überlegen sind. Meist unter enormem Schuldendruck, aber das rechtfertigt nicht den oft genug unfaßbaren Wahnsinn, der angerichtet wird. Die meisten sind aber, sobald sie in der Neuen Welt angekommen, bis über beide Ohren verschuldet, und wollen weil müssen aus den neuen sozialen Umfeldern herauspressen, was sie herauspressen können. Der Traum vom Reichtum ist für die allermeisten schon ausgeträumt, da haben sie noch kaum den Fuß auf den Strand der Neuen Welt gesetzt.

Aber da ist auch eine Sichtweise, die sich durchsetzt, und die tiefere Verankerung und Legitimation hat: Die Betrachtung der Indianer als Kinder, denen gegenüber man als Vormund handeln muß. Der Dominikaner Vitorio, der an sich nicht nur als Vater des Völkerrechts angesehen wird, sondern der auch als "Retter der Indianer" eingestuft werden kann, schreibt dazu: 

"Obwohl diese Barbaren nicht gänzlich ohne Urteilskraft sind, unterscheiden sie sich doch sehr wenig von den Schwachsinnigen. [...] Es scheint, daß für diese Barbaren dasselbe gilt wie für die Schwachsinnigen, denn sie können sich selbst nicht oder kaum besser regieren als einfältige Idioten. Sie sind nicht einmal besser als Vieh und wilde Tiere, denn sie nehmen weder feinere noch kaum bessere Nahrung als diese zu sich." [Ihre Dummheit] "ist viel größer als die der Kinder und Schwachsinnigen anderer Völker." 

Somit, schließt Francisco de Vitoria, ist es rechtens, in diesen (neuen) Ländern zu intervenieren. Denn damit kann eine Vormundschaft ausgeübt werden, die im Sinne des Gemeinwohls dieser Menschen, dieser Völker und dieser Welt notwendig ist. 

Der VdZ schreibt dies alles und an dieser Stelle nicht ohne Grund. Denn er sieht dies als nüchterne Bestandsaufnahme der Gegenwart, und damit auch als Menetekel dessen, was uns Abendländern dräut. Wir werden von stärkeren Mächten übermannt werden, so einfach muß man das sehen. Und das läßt unsere Zeit mit der des Spanien des 16. Jahrhunderts so ähnlich sein. 

Zumalen auch die Mächte, die uns überwinden (und darin ist alles nur noch eine Frage der Sichtbarkeit, nicht der Wirklichkeit) mit demselben Argument ihre Legitimation holen wie haben: Sie stehen Kindern gegenüber, die keine Tugend mehr haben, und sich zum Bösen entwickeln. 

Wir leben (dazu könnte man es komprimieren) inmitten einer sozialen Umgebung, in der der Nächste, ja wo jeder jeden der ein "anderer" ist, der also noch das hat, was man "Geheimnis" nennen könnte, der in jedem Fall aber "nicht ist wie wir", so betrachten, wie die Spanier des 16. Jahrhunderts die Indianer der Neuen Welt. 

Der springende Punkt ist aber der: Nicht, daß das etwas Neues wäre. Das gehört vielmehr zum Menschsein dazu, daß der Mensch das Menschsein von sich ausgehend ableitet. So wie Erkenntnis immer von sich ausgehen muß, sonst kann sie gar nichts erkennen. 

Der springende Punkt ist, daß es keine Gemeinsamkeiten als Gemeinschaft mangels einheitsbildender Macht der Wahrheit mehr gibt. Damit ... keine Freiheit mehr gibt. Daß somit alles, was sich heute als Gemeinschaft ausgibt, als Einheit, nur noch positivistisches, selbst- bzw. psyche-generierte Willenshaltung, Vorstellung, verpflichtende und verpflichtete Selbsttäuschung ist.

Diese Sichtweise, daß der andere "Wilder", "Indianer" ist, die - man schaue doch einfach genau hin! - so allgemein ist, daß man nicht weit suchen muß, weil sie hinter jeder Straßenecke hervorlugt - ist der wahre Grund für die Bevormundung, die wir in Medien, Politik, ja von so vielen und noch vieleren Stellen an uns getan wird. 

In einer Zeit gesagt, in der bald jeder jeden zu erziehen sich ankleidet, worin die Aussage doch mehr als deutlich wird, daß der GENERELLE Zustand der Menschen als so roh und barbarisch gesehen wird, wie die Spanier den Zustand der Indianer in der Neuen Welt beurteilt haben. Was bis zur Beurteilung der Nahrung geht, die wir zu uns nehmen.


*220121*

Mittwoch, 25. März 2020

Neulich unter Stalin (4)

Erst als Alexander Solschenizyn auf der Gefängnispritsche lag, hat er über diese seine Vergangenheit nachgedacht, über seine Offizierslaufbahn in der Roten Armee. Und sich an die Grauen der ersten Jahre seiner eigenen Ausbildung erinnert, an die Erlebnisse mit schikanierenden Vorgesetzten, mit Menschen, die seiner nicht würdig waren, wie er damals, als Leidender, zu erkennen meinte. Aber dann kamen die Sterne aufs Schulterstück, einer, zwei, drei, vier, fünf, und plötzlich war alles Schlimme ... vergessen.

Und er erinnert sich an jene 'glücklichen' Jahre als Offizier. An den Moment, wo er einfach begann, die "Freude des Moments" zu genießen, in diesem "einfach so leben", einfach dazugehören. Wo er Offizier unter Offizieren war, und nicht nachdenken mußte. Auch er erlebte die Freude, zu einer Art zu gehören, zu leben wie alle lebten, sich darein einzufügen, wie es halt Brauch war.  Wo der zufriedene Augenblick manche Erinnerung auszulöschen schien.
Die Freude, manche seelische Finesse zu vergessen, die man von Kind an in mir gepflegt.
[Dabei - wie war er selbst als junger Soldat sinnlos, auch mit Schlafentzug, geschunden worden! Aber sieh da ...] Endlich hatten wir die Würfel am Kragen! Und es war noch kein Monat vergangen, da ließ ich, als ich im Hinterland eine Batterie formierte, den Soldatenjungen Berbenjow wegen einer Unachtsamkeit zur Schlafenszeit vom widerspenstigen Sergeanten Metlin schleifen ... (Ich habe es VERGESSEN, habe es in all den Jahren aufrichtig vergessen! Jetzt beim Schreiben kommt mir die Erinnerung ...) Und ein alter Oberst, der gerade Revision hielt, ließ mich zu sich kommen und redete mir ins Gewissen. Ich aber (nach der Universität, wohlgemerkt!) rechtfertigte mich damit, daß man es uns in der Schule so beigebracht hat. Das heißt also: Wozu das Alle-Menschen-sind-Brüder, wenn wir in der Armee sind?
Es setzt das Herz den Stolz an wie das Schwein den Speck.
Und er erinnert sich, wie er seine Untergebenen geschunden, sinnlose Befehle gegeben, die manchem sogar das Leben gekostet hatten, oft sogar nur, um seinen Vorgesetzten zu genügen. Wie er respektlos und gierig gewesen war, wie er Vorteile ausgekostet und sogar ausgeschlachtet hatte, wie sie das Offiziersdasein eben gewährte.
Das alles machen die Achselstücke aus einem Menschen. Und wo sind nur Großmutters Unterweisungen vor der Ikone geblieben! Und wo die Träume des kleinen Pioniers über das künftige Reich der Gleichheit!
Und als mir die 'Smersch'-Leute beim Brigadekommandant damals diese verfluchten Achselstücke samt der Koppel herunter rissen und mich vor sich her schoben zu ihrem Auto, da war ich angesichts dieses Trümmerhaufens meines Daseins auch noch dadurch zutiefst betroffen, daß ich nun in solch' degradiertem Zustand durchs Zimmer der Telefonisten gehen sollte, o Schreck, daß mich Gemeine in diesem Aufzug sahen! 

Am darauffolgenden Tag begann mein Fußmarsch in Richtung Sibirien.

 Wird fortgesetzt

Donnerstag, 19. März 2020

Schlecht? Gut? Zumindest vielleicht aber doch nicht schlecht.

Eine weitere Übertragung eines Blogartikels von William M. Briggs aus dem Amerikanischen, mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Anglikanische Kirche: Sodomie ist schlecht. Nein, sie ist gut. Nein, vielleicht doch nicht. Also möglicherweise. 



Vor einer Woche etwa (also Ende Jänner) hat sich in einer Äußerung, die jeden überrascht hat, die Kirche von England, also die anglikanische Kirche, für einen kurzen Moment daran erinnert, worauf sie als Kirche beruht. Sie gab eine Stellungnahme heraus in der sie festhielt, daß Sexualität verheirateten Personen vorbehalten ist. Sie hielt zudem fest, daß nur Mann und Frau heiraten könnten. Und zwar einer den anderen, und umgekehrt. Und sie hielt fest, daß Sodomie ein No-go wäre, also überhaupt niemals erlaubt sei.

Dann ist sie aufgewacht und hat erschrocken festgestellt, was sie gemacht hat. Und ist schneller, als die Briten vor Andrew Jackson in der Schlacht von New Orleans Reißaus genommen haben, von ihrer Feststellung wieder zurückgetreten. Justin Welby löste sich vor dem nächsten Mikrophon, das er ergattern konnte, förmlich in seine Bestandteile auf, und entschuldigte sich für Gott. Der doch glatt Homosexualität (Sodomie) verboten hat. "Es tut uns so leid, und wir sehen die Spaltung und die Verletzungen, die diese Stellungnahme verursacht hat," lispelte er. 

Schauen wir uns genauer an, was er gesagt hat. Die Schlagzeile vom 23. Jänner lautete so: “Kirche von England: Sexualität ist verheirateten Heterosexuellen vorbehalten."
Die Kirche von England hat festgestellt, daß die Ehe von Heterosexuellen der Ort ist, an den Sexualität gehört. Sie hat weiters festgestellt, daß Sexualität in gleichgeschlechtlichen, aber auch in zweigeschlechtlichen zivilen Partnerschaften "Gottes Willen für menschliche Wesen verfehlt." 
Die Bischöfe haben zu dieser Frage eine pastorale Handreichung herausgegeben und damit auf die jüngst eingeführte zivile Partnerschaft zwischen Heterosexuellen reagiert, in der folgendes festgestellt wird: "Für Christen bleibt die Ehe - das heißt die lebenslange Einheit zwischen einem Mann und einer Frau, besiegelt durch das beiderseitige Versprechen - der einzig zulässige Kontext für die Entwicklung sexueller Aktivität." Die Kirche legt größten Wert darauf, "diesen Standard aufrecht zu erhalten", wenn sie die zivile Partnerschaft betrachtet, indem sie "den Wert einer freiwilligen, sexuell abstinenten Freundschaft" innerhalb solcher Partnerschaften betont.
Sie fügt dem noch hinzu: "Sexuelle Beziehungen außerhalb der heterosexuellen Eheschließung sind und bleiben eine Verfehlung des Sinnes, den Gott für den Menschen vorgesehen hat." Diese Bestätitung der traditionellen Lehre der Kirche zu einer Zeit, in der die Kirche sich anschickt, Sexualität und Ehe noch einmal neu zu überdenken, wird Konservative höchlichst erfreuen.
Erfreuen ist dabei natürlich ein zu starkes Wort. Amüsiert paßt besser. Niemand auf der Seite der Rechten hatte je das Vertrauen, daß das lange anhält, und diese Zweifler hatten recht. Dazu kommt ja, daß die "Anleitung" selbst, so bemerkenswert richtig sie auf der einen Seite ist, in sich schon zu wenig deutlich und noch weniger konsistent in der Argumentation ist.

Aber immerhin, sie hat einige gute Dinge festgehalten (pdf):
Es war immer die Position der Kirche von England, daß die Ehe ein Wesensmerkmal der Schöpfung ist, daß sie ein Geschenk ist, das Gott der Schöpfung eingesenkt hat, und daß sie so ein Mittel seiner Gnade ist. Daß außerdem die Ehe, definiert als im Gottvertrauen geschlossene, frei vereinbarte, auf Dauer eingegangene und vom Gesetz als schützenswert festgehaltene Vereinbarung zwischen einem Mann und einer Frau, die in einer öffentlichen Stellungnahme einander als solche erklären, zentral für die Stabilität und die Gesundheit einer menschlichen Gesellschaft ist. Wir glauben außerdem, daß die Ehe ungebrochen der beste Kontext für die Aufzucht von Kindern ist, auch wenn es nicht der einzige Kontext ist, der für Kinder günstig genannt werden kann. Besonders dort, wo die Alternative langfristige Phasen in Einrichtungen institutioneller Fürsorge bedeutet.
Mitglieder der Kirche von England werden von dieser "langfristigen" Bedachtnahme aufs eigene Geschäft schockiert sein. Haben Sie das jemals zuvor so gehört?
Im Licht dieses Verstehenshorizonts lehrt damit die Kirche von England, daß "sexueller Verkehr, der ein Ausdruck vertrauensvoller Intimität ist, ausschließlich innerhalb einer Ehe zulässig ist ("Marriage: a teaching document of the House of Bishops - Ehe, ein Lehrdokument der Bischofskonferenz", 1999). Sexuelle Beziehungen außerhalb der heterosexuellen Ehe werden sogar als Verfehlung des Willens Gottes für den Menschen bezeichnet. 
Zu sagen, daß diese Beziehungen den Willen Gottes verfehlen, heißt aber natürlich nichts anderes als zu sagen, daß diese Akte Sünde sind. Sie sind sogar richtig falsch.
Wegen der Uneindeutigkeit hinsichtlich des Ortes sexueller Aktivität bei sogenannten zivilen Partnerschaften egal welcher Art [also ob gleichgeschlechtlich oder heterosexuell], und wegen der Lehre der Kirche, daß nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau der ordnungsgemäße Kontext für sexuellen Verkehr ist, glauben wir nicht, daß es für die Kirche möglich ist, einfach so und uneingeschränkt die zivile Partnerschaft anzuerkennen, weil diese ja dann der Lehre der Kirche widerspricht.
Man kann förmlich das "aber" spüren, das nun kommt - und es kommt tatsächlich, und zwar einige Paragraphen weiter unten. "Es ist aber von Bedeutung, wie auch immer man es sieht, dabei zu beachten ..." Genau dasselbe also, wie in den Zehn Geboten, oder? Man nenne das Ganze deshalb nur einen unbedeutenden Schlachtenerfolg im Krieg der Kulturen. Der auch nur eine knappe Woche hielt.

Die Erzbischöfe von Canterbury und York haben ihr Bedauern hinsichtlich einer Stellungnahme ausgedrückt, die die Bischöfe der Anglikanischen Kirche letzte Woche herausgegeben haben, in der sie erklären, daß nur verheiratete Heterosexuelle Sex haben dürfen. 
Justin Welby und John Sentamu sagten, daß sie die volle Verantwortung dafür übernehmen, daß sie die Stellungnahme etwas relativierten, die "das Vertrauen in die Kirche schwer beschädigt" hat. Sie fügten hinzu: "Es tut uns außerordentlich leid, und wir anerkennen die Spaltung und die Verletzung, die diese Stellungnahme verursacht hat." Die Stellungnahme der Erzbischöfe schmälerte zwar nichts an der Substanz der Aussagen, die sich in der "Anleitung zur Pastoral" wiederfindet, die die Bischöfe herausgegeben haben, aber sie implizierte, daß diese Anleitung nicht herausgegeben hätte werden sollen. Denn die Kirche von England ist doch gerade dabei, ihre Lehre über Sexualität und Ehe neu zu überdenken.
Potzblitz, da bin ich ja mal gespannt, was dieses neue Überdenken "entdecken" wird.
Die Stellungnahme der Erzbischöfe hielt zudem fest: "Wir, die Erzbischöfe, in einer Linie mit den Bischöfen der Anglikanischen Kirche, entschuldigen uns, wobei wir keineswegs die Mitverantwortung für dieses Schreiben von letzter Woche bestreiten, welches, wie wir nun feststellen, das Vertrauen in die Kirche so nachhaltig beschädigt hat. Wir entschuldigen uns dafür, und stellen die Spaltung und die Verletzungen fest, die das verursacht hat.
Wie man darauf kommen kann, daß das, was die Heilige Schrift und tausende Jahre der Tradition über Ehe und Sexualität immer schon gesagt haben und sagen, "das Vertrauen der Kirchgeher beschädigt" haben könnte bleibt ein ungelöstes Rätsel. Haben die alle keine Bibeln? Daß die Stellungnahme Verletzungen verursacht haben könnte ist zwar sicher richtig, ja in einer Zeit totaler Verweichlichung verursacht so eine Aussage sogar eine ganze Menge an "Verletzungen". Weil es die Menschen überhaupt nicht mehr ertragen, wenn man ihnen widerspricht. Aber seien wir ehrlich: Die Stellungnahme wird nicht annähernd so viele Verletzungen verursacht haben, wie sie Analsex verursacht, oder? 


Dienstag, 31. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (9)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...
Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts


IX

Sebastian, mein siebenjähriger Sohn, hatte seit dem dritten Lebensjahr spätestens Neurodermitis. Am Anfang war das ein großes Problem, er kratzte sich beinahe jede Nacht blutig, manchmal war es schauderhaft. Jedenfalls aber wachte er beinahe jede Nacht auf, weinte, ja schrie wegen seiner Schmerzen oder seines Juckreizes. Seither beziehen wir auch die erhöhte Familienbeihilfe. Nun muß man in regelmäßigen Abständen zum Amtsarzt, um dem Finanzamt zu bestätigen, daß der Bezug der erhöhten Beihilfe noch immer gerechtfertigt ist. "Aber," meint meine Frau: "Es ist ja mittlerweile schon sehr schön geworden!" "Das soll der Amtsarzt entscheiden."

Neurodermitis ist eine rätselhafte Erkrankung, die angeblich mittlerweile 10 Prozent der österreichischen Kinder erfaßt hat. Auch wir kennen aus dem eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis furchtbare Fälle. Aus den Beobachtungen beim eigenen Sohn, die Veränderungen des Krankheitsbildes in Zusammenhang mit Veränderungen im Umgang mit ihm, habe ich so meine Rückschlüsse gezogen, die ich Ihnen nicht vorenthalten will: Neurodermitis ist eine Krankheit, die wesentlich mit dem Immunsystem zusammenhängt. Das Immunsystem selbst aber hängt stark zusammen mit dem seelischen Zustand des Menschen, mehr noch: Mit seiner Persönlichkeitsstärke. Was ist nun Persönlichkeitsstärke?

Es ist die Kraft, mit der sich ein Mensch als er selbst aufrechterhält, mit der er wesenhaft er selbst ist. Das ist etwas grundlegend anderes als suggestiv erworbenes "Selbstwertgefühl", in dem sie sich ständig vorsagen, sie seien irgendetwas. Es ist die Bereitschaft, die Welt zu sehen, auf sie zuzugehen, und an ihr zu handeln; es ist die Bereitschaft, nicht auf sich zu schauen, sich auch nicht seinen eigenen Gefühlen etc. zu widmen. Diese Offenheit kann durch Krankheit, starken oder permanenten Schmerz, Überlastung, Schock etc. gebrochen sein. In jedem Fall aber ist es notwendig, daß der Mensch sich mit Interesse der Welt zuwendet, mit klarem Blick bereit ist für die entgegentretende Wirklichkeit, und sich nicht mit sich selbst beschäftigt, nicht in sich gefangen wird. Ich habe beobachtet, daß diese "Weltorientierung" maßgeblich damit zusammenhängt, die Begabung des Kindes zu erkennen und ihm zu seiner Begabung gemessen Tätigkeit zu helfen, ja ihn darauf zu stoßen.

Neurodermitiker sind meist das, was man mit "sensibel" beschreibt. Auch das trifft zu, begünstigt doch starke Sensibilität - so gut sie andererseits ist - die überstarke Beschäftigung mit sich selbst. Die Widerstandskraft wird auch dadurch gestärkt, daß man das Kind "abhärtet". Oh Gott, höre ich sie sagen. Ich habe zum Beispiel im Hallenbad zwischen den Kindern einen Preis ausgeschrieben, wer es am längsten unter der kalten Dusche aushält. Eine Übung, von sich weg zu sehen, seine Empfindungen nicht über die Vernunft zu stellen.

Entscheidend bei Neurodermitikern erscheint mir aber der Vater! Er ist es nämlich, der für das Kind die "kalte Dusche" der Welt bedeutet. Ich habe ebenfalls festgestellt, daß wenn in der Familie ein neurodermitisches, allergetisches oder sogar asthmatisches Kind ist, es regelmäßig die Frau ist, die sich in der Familie mit ihrer gefühlsmäßigen Wechselhaftigkeit, Bestimmtheit, durchsetzt, der Mann "zu weich" ist. Die Frau dominiert, was meist heißt, daß sie sich mit dem Kind zu stark identifiziert, sich eigentlich nicht von ihm loslöst, es unter Umständen gar vor dem Mann "schützen" will. Daß also zuwenig männliche "Störkraft" auf das Kind gewirkt hat, dieses sich zuwenig mit dem Mann identifizieren konnte. Neurodermitische Kinder brauchen die Zuwendung des Vaters, aber keine Gefühlsduselei, die sich mit sich selbst beschäftigt, sondern seine Klarheit, seine Beschäftigung mit der Welt, die ihm zeigt, wie man mit der Welt fertig wird. Es fehlt der Welt an Männlichkeit.

4. Oktober 1995



Donnerstag, 26. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (8)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...

Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts

VIII

Da sitze ich am Eßtisch und lese die Zeitung. Wenn ich am Abend nach Hause komme, dann habe ich wohl das Recht, etwas auszuspannen. Meist sieht das so aus, daß ich dann jene Zeitungen lese, die ich abonniert habe, die ich also nicht aus beruflichen Gründen längst lesen mußte. "Schatz?" tönt es da aus der Küche. "Schatz". Wenn mich meine Frau so anredet, dann hat sie entweder einen großartigen Einfall, dem ich halt zustimme oder was ich gleich als objektiven Unsinn qualifizieren muß, oder aber sie will mich wegen irgendetwas zur Rede stellen.

"Du weißt eh, am Sonntag sind wir am Haberg eingeladen." Am Haberg ist das Synonym für ihre Eltern, meine Schwiegereltern. Nun will ich nicht sagen, daß ich "Besuchsverbot" verhängt habe über meine Familie, aber ich wehre mich seit Jahren konsequent dagegen, daß meine Schwiegereltern sich ebenso konsequent immer die Rosinen aus dem Familienleben herauspicken. Das sind Mittagessen zu Feiertagen, wiederholte Weihnachtsfeiern am 26. Dezember oder Osternester am Ostermontag. Wir sind eine eigene Familie! Diesmal also wieder: Eine Einladung am Ostermontag. Dabei sehe ich überhaupt nicht mehr ein, daß wir diesen Tag Jahr für Jahr ihren Eltern widmen sollen, während meine Mutter (mein Vater ist ja schon tot) höchstens irgendwann zum Kaffee oder Abendessen bedacht wird. Meine Frau sieht das übrigens genauso. "Und du hast schon zugesagt?" frage ich schon gereizt. "Was sollte ich denn machen, sie hat gesagt, daß sie den Truthahn schon eingekauft hat, und außerdem waren wir schon zwei Monate nicht mehr dort, und wir sind doch jedes Jahr dort eingeladen!" Wir sind in der richtigen Streitstimmung. Gleich drohe ich wieder, auszuziehen. Und sie nennt mich "Fanatiker". Diesmal aber beherrsche ich mich, ziehe mich zur Zeitungslektüre in die Bibliothek zurück. Jetzt abzusagen bedeutet einen wirklichen Bruch, ist kaum begründbar, ist ein Akt, den ich so eigentlich auch nicht will: So definitiv, so hart.

Frauen müssen aber auch einmal lernen, das für die Familie gemeinsam Beschlossene einzuhalten, dazu zu stehen. Ich verlange überhaupt nicht, daß sie selbst die Schlachten kämpfen. Sie können sich ruhig auf den Mann berufen. Meine Frau hätte ruhig sagen können: "Mein Mann will nicht." Das macht mir überhaupt nichts. Aber den "Elternwillen" einfach zu ignorieren, auch Dinge zuzulassen, die eindeutig gegen getroffenene "Beschlüsse" sind, halte ich für gemein. Genau da fühle ich mich zutiefst alleingelassen, da ist sie mir nicht Helferin. Jetzt müßte ich eine "Nachbesserung" treffen, die schon gar nicht mehr der Familienwille wäre. Ich will die Schwiegereltern ja nicht brüskieren oder den Eindruck erwecken, ich wollte keinen Kontakt mehr mit ihnen. Abgesehen davon, daß der Eindruck entstünde, meine Frau wollte zwar, würde aber von mir "gezwungen" mitzuziehen. Ich also wieder einmal als der Haustyrann. He, ihr Frauen, steht zu euren Männern. Es ist dann ja auch für euch und die Familie viel leichter.

4. Oktober 1995




Dienstag, 24. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (7)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...

Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts

VII

"Schau mal, Papa, was wir da lernen müssen!" Mit diesen Worten zeigt mir meine Tochter ihr Geographieheft. Und da finde ich gleich auf der ersten Seite die "Weltentstehungstheorie nach Weizsäcker", der zufolge die Erde und die Planeten aus Massekonzentrationen aus dem ursprünglichen Urnebel hervorgegangen sind. Ganz von selber. Dann hat sich irgendwie die Aminosäure gebildet, daraus dann die ersten Einzeller, dann die Mehrzeller und so fort bis zum Menschen. Ich gebe zu, ich war für den ersten Augenblick überfordert. "Ja, ein Wahnsinn." Habe ich gesagt. Und dann - ich habe die zunehmende Verunsicherung meiner Tochter gespürt - schoß ich noch nach: "Das sind irgendwelche Theorien, die keineswegs beweisbar sind, die praktisch Gegenmodelle zur Schöpfung sind (manche versuchen auch, das zu kombinieren, aber mit wenig wirklichem Erfolg), irgendwelche Theorien und Annahmen. Es ist verflixt, daß in der Schule das als Wissensstoff vermittelt wird." "Ja, aber was soll ich tun, lernen muß ich es doch, sonst bekomme ich ja eine schlechte Note!"

Nun habe ich den weiteren Bildungsweg meiner Tochter - sie besucht jetzt die vierte Hauptschule - tatsächlich davon abhängig gemacht, ob sie in diesem Jahr alle Unregelmäßigkeiten, die in der bisherigen Schullaufbahn aufgetaucht sind, ablegt und konstant beste Leistungen erbringt. Es ist ja auch dem Staat nicht zumutbar, Schulen zu belegen unter dem Motto: "Hülft's net, so schadt's net" Was also nun tun?

Ich habe mir sofort eine mehrbändige Enzyklopädie über das Weltall zugelegt, in der Hoffnung, dann selbst beurteilen zu können, mit welchen Argumenten solche Theorien in Zukunft so zu entkräften oder relativieren sind, daß es den Kindern wirklich plausibel erscheint. Denn noch immer nicht habe ich den Zweifel meiner Tochter ganz beseitigen können, und ich selbst bin gehörig ins Wanken gekommen, denn ich habe mich mit dieser Frage einfach noch nicht befaßt. Man kann ja nicht alles wissen.

Ärgerlich finde ich es allerdings, daß in den Schulen mit so vielen Theorien gearbeitet wird. Die Kinder können nicht unterscheiden, was ist gesichertes Wissen, und was sind Erklärungsmodelle. Tatsache aber ist, daß solche Erklärungsmodelle stets mit scheinbaren Beweisen arbeiten, mit Experimenten, wo aus kleinen Maßstäben die großen Modelle erklärt werden. Anstatt es umgekehrt zu machen, denn die kleinen Dinge sind erst durch die Kenntnis des großen Rahmens, durch einen Standpunkt, überhaupt einordnenbar und damit erklärbar!

4. Oktober 1995




Donnerstag, 19. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (6)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...

Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts

VI

"Du Papa?" spricht mich meine älteste Tochter am Abend an. "Jetzt dürfen wir in der Schule nicht mehr "Völkerball" spielen. Das ist zu rassistisch, das muß jetzt "Gemeinschaftsball" heißen. Und die "Stirnreihe", die ist überhaupt verboten, die ist zu militärisch!" Ich denke, mich verhört zu haben. Aber ich habe richtig gehört. Ja spinnen die denn schon alle? Man hat langsam den Eindruck, daß da nur noch Narren unterwegs sind. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, daß die Schule nach unseren Kindern greift, sie mit Ideologien zupflastert, die immer von der Wirklichkeit ablenken wollen. Bitte, ich weiß nicht, wer bei "Völkerball" auch nur in irgendeiner Weise rassistisch dachte, Gedanken daran wären mir nicht einmal im Traum eingefallen. Es sei denn, man darf nicht einmal mehr feststellen, daß wir ein Volk SIND.

Aber da haben wir es wieder einmal. Die Schule ist zum Spielball der Ideologen verkommen. Sie gründet nicht mehr in einer wahren Anschauung über den Menschen, sondern sie hat sich losgelöst und ihre Grundlagen wechseln jetzt je nach regierender Partei. Jetzt gilt nicht mehr, wie der Mensch IST; sondern wie ihn sich die Herren wünschen. Mittlerweile herrschen jene Ideen, die von der Aufklärung an begonnen haben, den Menschen neu zu erfinden. Der gesunde Menschenverstand gilt nicht mehr, die "Wissenschaft" ist gescheiter.

Wer meint, durch den Begriff "Völkerball" würden die Kinder ideologisiert, der irrt aber ganz gewaltig. Es ist nicht die Sprache, die Grundtatsachen schafft. Sie verschafft ihm lediglich einen Zugang, eine Mitteilbarkeit zu den Dingen, wie sie sind, sonst wird sie mißbraucht und verliert im Extrem sogar ihre kommunikative Funktion. "Gemeinschaftsball" versucht, die Grundtatsache des Menschen - seine Notwendigkeit zum Spiel, zum Wettkampf - als zeitbedingte Geformtheit herauszustellen und liegt im Trend der Vermassungsideologen. Aber das stimmt einfach nicht. Ganz anders wird es nun bei "Gemeinschaftsball" sein, wenn sich nämlich der Name in keinem Zusammenhang mehr mit der Wirklichkeit des Spiels befindet, trägt er lediglich zur Verwirrung bei, schafft einen Widerspruch, der es nämlich sein wird, der tatsächlich ungezügelte Gewalt auslösen wird, weil unauflösbare Spannung entsteht. Und der Aberwitz: Während bei "Völkerball" allerbestenfalls wirklich Gemeinschaft entstand aus der Tatsache, seine Volkszugehörigkeit nicht abzuleugnen, wird bei "Gemeinschaftsball" nicht wirklich Gemeinschaft geschaffen, sondern das Wort redet einem Gemeinschaft ein und fordert auf, seine Wahrnehmungswelt durch ein erzeugtes Gemeinschaftsgefühl zu täuschen, schafft also gar keine wirkliche Gemeinschaft. Aber das wollen die ja vermutlich sogar.

Und wer meint, die Stirnreihe würde die Kinder militarisieren, der hat keinen Funken Ahnung, wie der Mensch wirklich ist. Das Militär muß sich nämlich auch der ganz einfachen menschlichen Tatsachen bedienen, es schafft sie nicht neu. Und es benützt ebenso die natürlichen Elemente, z.B. der Ordnung (eben weil Ordnung hier besondere praktische Bedeutung für die Funktionalität hat, und das würde der Schule und vor allem den Lehrern sehr helfen!). Abgesehen davon, daß es eine lächerliche und menschenferne Utopie ist, ein Volk zur Waffenlosigkeit erziehen zu wollen, ihm damit aber eine seiner elementarsten Grundfunktionen - seine Selbstverteidigung - einfach zu rauben. Der Mensch erkennt Prinzipien, nach denen Ordnung von Natur aus BESTEHT, nicht geschaffen wird. Eine neue, nicht mehr menschengerechte Ordnung schaffen, das wollen diese Herren!

5. Oktober 1995





Dienstag, 17. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (5)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...

Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts

V

Daß das meine Frau nicht begreifen will: Es ist einfach grundfalsch, daß sie sich ständig den Kindern anpaßt und immer auf der Lauer ist, irgendwelche Bedürfnisse zu erfüllen. Der ganze Haushalt wird in seinem Ablauf den Kindern angepaßt. Da gibt es keine fixen Essenszeiten, sondern nur ungefähre. Geputzt wird nach Schmutzanfall, und nicht in bestimmten Abständen. Alles wird den Kindern angepaßt. Dabei kommt es mir oft vor, daß ich der letzte bin, dem sie etwas anpaßt, ja immer mehr scheint es, als müßte ich mich den Kindern notgedrungen ebenfalls anpassen. Manchmal entsteht in mir sogar ein Gefühl, als wäre ich überhaupt zu einem unwichtigen Bestandteil unserer Familie geworden, der Alltag läuft völlig an mir vorbei, mein Arbeitsrhythmus verstärkt das ungute Empfinden, überhaupt nur Gast zu sein, als fehlte mir der zugewiesene Platz. Verdammt und zugenäht, da stimmt doch was nicht?

Vielleicht denken Sie jetzt, daß ich verrückt bin. Das ist doch richtig, daß nur geputzt wird, wenn etwas schmutzig ist, ob es jetzt eine oder vier Wochen sind. Und so weiter. Siehst Du, würde ich da meiner Frau sagen, das zeigt, wie weit wir bereits degeneriert sind. Wir sind zu einer Zivilisation verkommen, die kein Ziel mehr hat, die ihre Funktionen ausschließlich an momentanen Befindlichkeiten orientiert, nur noch aktuell empfundene Bedürfnisse befriedigt. Dahinter steht ein völlig anderes Bild vom Menschen und seiner Eingebundenheit in eine Ordnung. Denn die aktuellen Theorien gehen sämtlich davon aus, daß der Mensch kein allgemein definierbares Wesen hat, das soviel wie die Basis ist, auf der er steht und von der aus er handelt, und seine Person ist dann die jeweils individuelle Ausprägung dieses Menschseins. Deshalb leiten sich auch keine Forderungen mehr ab, die mit der Vernunft zu erkennen sind, und die sich nicht vordergründig in Befindlichkeit ausdrücken. Deren Ignoranz aber mit sich brächte, daß der Mensch je mehr er über sich zu wissen meint immer unglücklicher werden muß. Vielmehr wird der Mensch als unbeschriebene Tafel gesehen, getrieben von seinen Bedürfnissen, die auch sein Denken bestimmen, das wiederum nur eine Funktion des Gehirns ist. Sein Wesen wandelbar, bestenfalls geprägt von der Umwelt und der Erziehung. Oder, umgekehrt, daß alle Ordnung aus ihm selber kommt.

Ich frage mich halt nur, wie es dann möglich ist, daß die immer weitergehende Freistellung des Verhaltens keinesfalls glückliche Menschen hervorgebracht hat; wie die Jugend tatsächlich immer mehr nach Orientierung verlangt, die ihr niemand mehr geben will (so daß sie in zufälligen Erscheinungen wie Popstars o.ä. gefunden werden), nach einem festen Rahmen, den der Mensch braucht. Man kann nur von einem Fundament aus abspringen, nur vom Standpunkt weg sich erheben. Wenn also alle gesellschaftlichen Ordnungen so relativ sind, warum fehlt doch den Menschen so viel? Warum fehlen ihm immer wieder die gleichen Dinge?

Es ist keine Schwäche, sich eine festgefügte Ordnung zu wünschen, es ist eine menschliche Grundgegebenheit. Der Mensch ist von Natur aus darauf ausgerichtet, sich auf eine solche vorgegebene Ordnung auszurichten, sie war vor ihm da, das liest man aus jeder einzelnen Lebensgeschichte, da braucht man gar nicht die Schöpfungsgeschichte bemühen. Sie gibt ihm tatsächlich Sinn, seinen Lebenssinn, sie sagt ihm, wo sein Platz ist, an den er hinein geboren wurde. Einem Menschen diese Ordnung vorzuenthalten, bedeutet, ihm seinen Lebenssinn vorzuenthalten; ist eine ständige Aussage, daß er eigentlich keine Aufgabe mitbekommen hat. Und so auch in der Familie: Eine Ordnung dadurch zu errichten zu vermeinen, daß man diese Ordnung grundsätzlich aus der Anpassung an die einzelnen momentanen Bedürfnisse zu ermitteln versucht, bedeutet, daß man den Menschen dazu erzieht, die Funktion eines Schlüssels zu suchen unter der Bestreitung, daß es ein Schloß überhaupt gibt. Eine festgefügte und vorgegebene Ordnung in der Familie erzieht alle Mitglieder dazu, das Schloß zu suchen, in das der Schlüssel paßt. Deshalb werde ich da noch lange mit meiner besseren Hälfte streiten, den ich habe halt einfach recht. Übrigens: Die Ordnung zu erkennen und ihre Einhaltung vorzugeben, das ist Aufgabe von uns Männern!

4. Oktober 1995






Donnerstag, 12. Dezember 2019

Vater sein dagegen sehr (4)

An neun Tagen im Advent, jeweils Dienstag und Donnerstag, findet der Leser eine Kolumne des VdZ für eine Boulevardzeitung, die als Serie im Jahre 1995 geschrieben worden war. Er tut dies auf Bitten von Lesern, die diese Texte ausgegraben haben. Damals lebte der VdZ zwar in ziemlich anderen Umständen als heute, aber die angesprochenen Themen sind abstrakt gesehen ungebrochen aktuell.

VATER SEIN DAGEGEN SEHR ...

Die regelmäßige Kolumne eines ab und an schon mal genervten Familienoberhaupts

IV

Der September ist ein unangenehmer Monat, voller Hektik und Aufregung. Mit jedem Jahr erscheint es uns mehr so. Aber noch aus einem anderen Grund: Mit acht Kindern, von denen vier in die Schule gehen, reißt dieser Monat ein gehöriges Loch in das Konto. Und ich weiche gegen Ende des Monats dem Bankdirektor, der Gott sei Dank mit uns befreundet ist, aber vielleicht gerade deshalb, in weitem Bogen aus. Meine Frau muß dann die Kontoauszüge holen, sie hat es da wirklich leichter, denn irgendwie wird das Konto und damit das Einkommen von der Bank als meine Angelegenheit angesehen. Ich verhandle mit ihr, meine Frau unterschreibt dann zum Schluß eigentlich nur noch, wo auch ihre Unterschrift gebraucht wird. Meistens brauche ich dann bis nach Weihnachten, bis das Konto wieder gedeckt ist.

Aber immer wieder ärgere ich mich über Lehrer, die sichtbar oft jede Vorstellung verloren haben, in welchem Ausmaß ihre Unterrichtsmethode die Geldbörsen kinderreicher Familien belastet! Praktisch täglich kommt eines oder kommen mehrere meiner vier Kinder mit Zahlungsaufforderungen heim. Freilich sind es stets nur "kleine" Beträge, aber in Summe ganz gewaltige Belastungen. Das Ärgerliche daran ist, daß wir eigentlich ein Schulsystem hätten, das "gratis" ist. Aber mit jedem Jahr werden die zusätzlichen Lehrmittel, ohne die Lehrer scheinbar nicht mehr auskommen, umfangreicher. Da werden Unmengen von Büchern gekauft, trotzdem werden hunderte Kopien zusätzlich gemacht. Wegen eines einzigen Aufsatzes müssen unsere Kinder zusätzliche Zeitschriften abonnieren, denn irgendwann einmal brauchen sie den Stoff auch im Unterricht. Und da scheint es unbedingt nötig, mindestens einmal im Jahr entweder auf Schikurs oder auf Wienwoche oder gar auf Englandwoche zu fahren, obwohl wir ohnehin mehrmals im Jahr nach Wien kommen und die tatsächliche Information doch wirklich im Rahmen von ein paar Unterrichtsstunden auch gegeben werden könnten.

Schulschikurse o.ä. sind zwangsweise Tourismussteuer für die Eltern, denen noch dazu eine Sportart aufgedrängt wird, die sie - wie wir - nicht wollen oder sich nicht leisten können. Denn das Zuhause bleiben ist keine wirkliche Alternative. Und was soll eine Woche Englandaufenthalt für Vierzehnjährige bringen außer eine Mordsgaudi? Und je mehr die Lehrer über die fehlende Anpassungs- und Konzentrationsfähigkeit der Kinder klagen, desto mehr ersparen sie ihnen die Einübung in die Konzentration, indem sie die Lehrstoffübermittlung dem tiefen Niveau noch anpassen und so die Kinder noch weiter zur Erschlaffung (v)erziehen.

4. Oktober 1995