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Donnerstag, 9. Dezember 2010

Stimme im Traume des Künstlers

Und wieder war es, daß die Stimme sprach:
"Du bist nicht hart genug!" Und eine Strenge,
Die wie ein Glanz aus kaltem Eisen brach,
ward plötzlich auf der Göttin Lippen wach
Und stürzte ihn in zitterndes Gedränge.

"Du bist nicht hart genug, denn dies mein Joch
Ist keine Blütenfessel, zart geschmiedet,
Auf deinem Nacken soll es schwer und hoch
Lasten und schwanken, aber doch
Die Zier sein, die dich königlich umfriedet!

Du bist nicht hart genug, noch immer lockt
Und lüstet Dich das feile Glück der Menge.
Dein Blut, in dem der alte Adam hockt,
Lullt dein Gehirn ein, daß es zagt und stockt,
Statt auzubäumen über alle Zwänge.

Drum gib das Weib von Dir, Dirne und Braut
Gleichviel! Es gilt ihr girrendes Gebärden
Dem Geiste nicht, der in die Tiefen schaut,
Nein, nur dem Kitzel einer geilen Haut,
Ihr kann auch ohne dich geholfen werden!

Lieb' ich dich nicht? Kann ich nicht Weib und Kind
Und alles sein, dich mächtig zu bewegen?
Erkennst du mich denn nicht im Frühlingswind
Und in den Nächten, die voll Klingen sind,
Und in der Tränen liebem, leisem Segen?

Die anderen, die dich so sehr beglückt,
In deren Armen deine Lust gestammelt,
Sie haben deine Seel dir zerstückt,
Und ich hab' mich nach jedem Stücke gebückt
Und deiner Seele Krumen eingesammelt.

Und hab', so oft du noch aus Rausch und Schein
Zurückerwacht zu Wirklichkeit und Leben,
Zu dir gesprochen: Siehe, dies ist dein!
Und habe aus den heiligen Händen mein
Dir Deine Seele heil zurückgegeben.

Darum gebiete endlich deiner Gier,
Die unersättlich ist nach Lust, wie Raben
Nach Aas es sind! Du bist zu dir
Nicht hart genug und sollst nicht neben mir
Andere Götter oder Götzen haben!"

Da schrank er auf und hörte seine Zeit,
Die schrie nach ihm, wie brünstig im Gefilde
Ein starkes Wild nach seinem Meister schreit.
Da griff er rauh in seine Einsamkeit
Und schuf aus ihr nach seinem Ebenbilde.


Anton Wildgans

***

Samstag, 24. Januar 2009

Manchmal hörst Du's rauschen innerlich

Tiefer Blick
(A. Wildgans)

O, du kannst einsam sein, daß Gott erbarm
Und es dich mitten in dem Fliegenschwarm
Der Menschen jäh befällt wie Scham und Grauen!
Und manchmal muß du vor den Spiegel gehn
Und voller Angst nach deinem Bilde sehn,
Um in dein Antlitz, das dich kennt, zu schauen.

Und Freunde kannst du haben, Weib und Kind
Und so allein sein wie ein Baum im Wind,
Der zitternd steht auf namenloser Heide;
Und mit den Freunden hast du viel verbraucht,
Und mit dem Weibe schläfst du jede Nacht,
Und jenes Kind ist deiner Seele Weide.

Sie aber fassen deine Rede kaum,
Als sprächest du aus einem irren Traum,
Der nicht Bewandtnis hat in ihrem Leben;
Zu deiner Freude sind sie fremd und kühl,
Für deine Drangsal ohne Mitgefühl,
Neugier ist alles, was sie zögernd geben.

Da wirst du selbst dir mählich unbekannt
Und wie ein minderer Komödiant,
Der jede Miene einlernt und Gebärde;
Nur manchmal hörst du's rauschen innerlich
Und hältst erschrocken inne: bin das ich?! -
So einsam kann man sein auf Gottes Erde.





*240109*

Montag, 19. Mai 2008

Nie als Dichter gefühlt

"Ich habe mich nie als Dichter gefühlt. Ich bin nur einer, der manchmal Menschliches auszusagen hat und sich dazu jenes Instruments bedient, das er verhältnismäßig am besten beherrscht. Dieses Menschliche gewinnt mir die Menschen; den Literaten, die seiner entraten und auch wieder nur bei Literaten zeitungspapierene Lorbeeren pflücken können, bin ich natürlich odiös. Das muß so sein, das kann gar nicht anders sein."

Anton Wildgans, Brief an Graf Kálnoky; über die Ablehnung, die er regelmäßig in der Fachpresse - im Gegensatz zum Publikum - erfuhr



*190508*

Freitag, 16. Mai 2008

Zerrüttung und Schaffenskraft


Wildgans schreibt in seinen Briefen immer wieder davon, wie schwer es plötzlich geworden sei, sich materielles Überleben zu sichern. Vor dem Ersten Weltkrieg sei es sogar relativ leicht gewesen, als Künstler zu überleben, insoweit, als eine bescheidene Existenz rasch möglich gewesen war.

Das habe sich in den revolutionären und sittlich-kulturellen Umbrüchen nach der Katastrophe 1914-18 gründlich geändert. Nicht nur, weil das, was zuvor gedacht und gefühlt wurde, plötzlich unaktuell war. Man hat aus den Briefen den Eindruck eines plötzlich wirksam gewordenen Undefinierbaren, Irrationalen, aus dem Lot Gekommenen, Unwägbaren des Lebens.

Die relative Ruhe, ja Einfachheit der vorkrieglichen Lebensführung (Wildgans stammte keineswegs aus begüterten Verhältnissen, im Gegenteil - dazu sein Stück "Armut") war einer hektischen, unberechenbaren Unsicherheit gewichen.

Deren Sorgen ihm jede Arbeitsruhe nahmen.

Wildgans konnte unter dräuenden Existenzsorgen nicht arbeiten. Schon gar nicht ob seiner Verpflichtungen. Er hatte zwei Kinder. Aus vielen seiner Äußerungen ist abzuleiten, daß sich Tätigkeiten zum Broterwerb und Erfüllung seines Auftrages als Dichter auseinander entwickelt hätten.

Es wird ihm nicht alleine so gegangen sein. Und er schreibt auch davon, daß allgemein schöpferische Unfruchtbarkeit herrsche.

WIEWOHL er immer wieder betont, daß die Frage der schöpferischen Potenz KEINE Frage der hungrigen Mägen sei, die es erst zu füllen gäbe. Dies würde keine künstlerische Blüte bringen. Sein Verstehen von Sittlichkeit als Grundlage der künstlerischen Potenz sei anderer Art: das des geistigen Klimas, in dem die Menschen zu leben hätten. Aus diesem heraus ließe sich - so Wildgans - auch jede Schwierigkeit bewältigen, nur aus diesem heraus gäbe es Durchhaltekraft und Schaffenswillen.

Wildgans beklagte, daß er den Willen nicht mehr hätte, "diesem" veränderten Land, diesen veränderten, zerrütteten Menschen etwas zu sagen.

DAS hätte sich so dramatisch geändert.

Ähnliches berichtet übrigens Hugo von Hofmannsthal. Und die Zwischenkriegszeit war in Österreich keine Zeit blühenden literarischen Lebens. Sie war umso mehr aber eine Zeit der Konzepte, Theorien und Philosophien, in die hinein sich die (nach den Worten von Wildgans) einstige kulturelle Gipfelhöhe Österreichs ergoß.





*160508*

Weitblick bis ins Heute


Anton Wildgans kritisiert bereits 1921, nach eineinhalb Jahren unglücklich verlaufener Burgtheaterdirektion, die Tendenz des Theaters, um des Effektes willen jedes Prinzip zu verraten. Im Besonderen riskiert er ein Zerwürfnis mit Max Reinhardt, obwohl dieser scheinbar so großmütig zur "Rettung des Burgtheaters" zu sehr günstigen Bedingungen dort zu arbeiten - mitsamt vielen "seiner" Schauspieler.

Wildgans verwahrt sich, unter dem Motto "Entwicklungshilfe" in Wahrheit das Burgtheater als Stätte hoher Kunst zu entleeren und zur Tourneebühne zu degradieren. Gerade im Sinne des zerstörten Landes brauche es eine Stätte wahrer und österreichisch-deutscher Kunst, um das Land geistig-sittlich an hoher Kunst wieder aufzurichten.

Viel zu sehr sei das Theater - namentlich in Berlin (M. Reinhardt) - zur Stätte niedriger Gelüste des Publikums geworden. Die Bühnen selbst seien zu Orten geworden, wo sich Regisseure der Eitelkeit hingeben könnten, unter denen die Schauspielkunst, die sich nur dem Geiste des Dichters verpflichtet zu sein wissen müsse, zur reinen Marionettentätigkeit zerfalle.

Dabei sei ohnehin der Zustand der (darstellenden) Kunst mangels sittlich-geistiger Bildung der Schauspieler in erbarmenswertem Zustande. Wildgans schlägt deshalb 1923 der "Wiener Akademie für Musik und darstellenden Künste" in einem langen Konzept vor, einen Lehrstuhl einzurichten, der genau diesen Schwachpunkt zum Inhalt habe:

Die Schauspieler würden die Stücke und die Rollen nicht mehr verstehen, weil es ihnen an Verständnis für die Probleme und Problematiken der Dichter fehle, die diese in ihre Stücke und Figuren packten. Erst wenn die geistige Problematik der Dichter verstanden sei - die sich in den Stücken ja je nur anders darstelle - sei auch die Gewährleistung gegeben, daß die Schauspieler ihre Rollen gut spielen könnten, weil sie sie verstünden. Schauspiel sei kein technischer Schnickschnack (sinngemäß), sondern als Kunst wie jede Kunst eine Angelegenheit sittlich-geistiger Reife.

Was hat sich bis heute an der Dringlichkeit dieser Forderungen geändert? Die beschreiben, woran das Theater erstickt, vorderhand ins Koma gefallen ist.





*160508*

Gewalt ist am Rand aller Dinge

Man braucht gewisse Zeit um zu begreifen. Und um den Mut zu finden, sich zu jener Gewalt zu bekennen, die auszuüben vom Wahrnehmen von Verantwortung niemals zu trennen ist. Undifferenziert wurde in den letzten Jahrzehnten Gewalt verurteilt. Indem man von einem von allen zweifelsfrei als wünschenswert deklarierten Zustand der Gewaltfreiheit ausging.

Doch damit macht man eine Utopie (bis hin zum Fatalismus) zum Maßstab der Moral, die auch Handlungen einschließt, die Dinge betreffen, die eben durch die zum Gebrechen, zum Versagen, zur Schwäche, zur Schuld einer Vollendung von Natürlichem als Gesollten disponierte Verfaßtheit des Menschen (Erbsünde) geschützt werden müssen.

Gewalt als Autorisierung ist wesentlicher Bestandteil von Verantwortung einer Sache, einem Ding gegenüber. Damit ist Gewalt Bestandteil von Eigentum, das sonst solches eben nicht ist.

Man vergißt allzu leicht, daß die heutigen Diskussionen um Gewaltfreiheit keineswegs Gewaltfreiheit meinen, sondern subtile, umso niederträchtigere politische Maßnahmen sind, die nur ein Ziel haben: bestimmte, politisch als Gegner auftretende Formen von Gewalt auszuschalten, um anderen Gewaltträgern freien Raum zu lassen.

Dabei soll hier keineswegs von "Gandhi-Phänomenen" die Rede sein, denen ja auch nur grotesk unreflektierte Geister Gewaltfreiheit unterschieben - Gandhi machte nur aus der Not eine Tugend und fand nur andere Formen politischer Gewalt - denn Politik ist immer eine Frage der Gewalt: die KERNFRAGE DER DEMOKRATIE, die sich lediglich um die Regelung der Gewaltverhältnisse dreht, deren Qualität sogar daran bemessen wird, welche Mechanismen sie hat, um diese Gewalt je neu zu verteilen, um damit Mißbrauch vorzubeugen.

Vielmehr soll die Rede von ideologiebestimmter Politik sein, die immer dann schlagend wird, wenn es um die Frage der öffentlichen Moral geht. Denn hier geht es immer nur um männliche Gewalt, um Gewalt der Väter, wenn von Gewaltfreiheit in der Familie gesprochen wird - nie um die Macht und Gewalt der Frau, die sie über die Seelen (als ihre Domäne) haben und ausüben. Selbstverständlich hat diese Gewalt eine bestimmte Form - doch das hat sie auch, wenn sie durch Frauen (und in denselben Fällen) ausgeübt wird.

(Und wie das der Fall ist, beweist eine Anekdote: Beim bundesdeutschen Literaturwettbewerb "Macht und Frau" vor zehn Jahren befand die Jury mit Bedauern, daß die eingesandten Beiträge nicht "auf der Höhe der feministischen Diskussion" seien. Sondern fast ausschließlich Frauen zeichneten, die als Gewaltausübende traumatische Spuren in den dargestellten Figuren hinterlassen hatten.)

Ein nicht unweiser Spruch, der vor Jahren Plakate in Wien (in ganz anderem Zusammenhang) zierte, lautete: "Gewalt ist der Rand aller Dinge." Keine politische Kraft verzichtet also in Wahrheit auf Gewalt! Sie möchte ihre Ausübung und ihre Form nur für sich monopolisieren und legalisieren, partizipieren, und: ihre Hinterfragung verhindern.

Bereits angesprochen, aber noch ausgeführt, sei der eigentliche Hintergrund, worauf sich die Forderung nach Gewaltfreiheit (bis hin zur Bergpredigt als ethische Forderung höherer Art zu finden) bezieht. Sie ist ohne den Begriff von "Wahrheit" nicht denkbar, und bezieht sich auf das Sein selbst, dessen Maß an Entelechie - an Gestaltwerdung also - in seinem Wesen, seiner "Natur" begründet liegt. Jede Gewalt, die eine Naturwidrigkeit an einer Sache will, ist somit tatsächlich abzulehnen. Sie ist ein Schlag ins Gesicht des Schöpfers, und KANN gar keine positiven Auswirkungen haben, weil sie eine Gestalt sucht, die keinen Anteil am Sein hätte - also den Schein sucht. (Was die "natürliche" Neigung der Phantasten, Utopisten und Wirklichkeitsverweigerer oder -gescheiterten zur Gewalt erklärt: Gar nicht selten sind jene, die am lautesten Frieden fordern, am gewalttätigsten bzw. -bereitesten.) Diese Form der Gewaltverweigerung ist ethisch damit sogar gefordert. Auch wenn das Maß der Gewalt im komplexen sozialen und verantwortungsgeprägten Geflecht nicht immer leicht zu finden ist.

Wo immer also jemand sich bemüht, verantwortlich zu agieren, indem er versucht, eine Sache im Bestand zu halten wie zu schaffen, braucht er zumindest auch den Mut zur rechten Gewalt. Gewalt ist somit eine Frage einer richtig und durch die Wahrheit der Dinge definierten Verantwortung, und ihre Grenzen (das betrifft auch die Diskussion um die Monopolisierung der Gewalt durch den Staat, die sich ebenfalls am Zueinander von Individuum und Staat bemessen muß, nicht pauschal beantwortbar sein darf, sonst schafft man Totalitarismus) ziehen sich genau dort.

Sonst tritt ein, was Anton Wildgans angesichts des Ausgangs des Ersten Weltkrieges in einem seiner Briefe meinte: "Wer den Mut nicht hat, Gewalt auszuüben, fällt ihr zum Opfer."




*160508*

Donnerstag, 15. Mai 2008

Epigonentod


Wildgans litt unsäglich und zeitlebens unter Verdächtigungen, Epigone zu sein. Erst warf man ihm vor, Rilke zu imitieren, dann wiederum mit seinen religiösen Stoffen einer Mode hinterherzulaufen.

Er fand sich in der einzigen möglichen Position: sich nur der Wahrheit verpflichtet zu sehen, unabhängiger vom Urteil der anderen zu werden.

Auch im versuchten Beweis der Rechtschaffenheit des eigenen Denkens, das lieber andere zitiert als das Risiko einzugehen, den Schmerz der eigenen Autoritätslosigkeit - denn das ist die Unterstellung, ein Epigone zu sein - zu erleiden. Mehr, als es reines Gebot der Klugheit wäre.

So hebt sich die Frage, ob das Schaffen von Figuren nicht genau das ist ... weil Kunst ein mögliches Leben zum Wirklichen macht. Dessen Wahrheitsgehalt sub species aeternitatem eine Frage der Tugend - nicht des bewußten Wollens ist.

Lebensangst also? Eifersucht auf die Figur, der man erst bereitwillig sich selbst abtrat, um dann festzustellen, daß man selbst nicht existiert, Epigone der eigenen Behauptung geworden ist? (Das Thema meines Stücks "Der Poppenspeeler)

(Etwas zum Schmunzeln: Bei den Proben zu meinem Stück "Paradas" kam von einem Dritten, der zusah, die kritische, gewiß gutgemeinte, umso bemerkenswertere Rückmeldung, daß die Handpuppe Paradas schon sehr lebendig sei, ja man sie als wirkliche lebendige Figur wahrnehme - aber ich sollte doch noch mehr an mir arbeiten ...)




*150508*

Dogmatisches Frausein

In einem Brief an Hugo von Hofmannsthal verwendet Anton Wildgans eine Formulierung, die damals lediglich eine Feststellung über die Natur war, der aber heute durchwegs der Verdacht der Ideologisierung anhaftet. Zu der sie sogar werden kann, im übrigen - als Rückzugs- und Rekonstruktionsbasis eines verständnislos kopfschüttelnd gewordenen Mannseins.

Wildgans schreibt, daß im eigentlichen Sinn nur der Mann ein Kind "wollen" kann. Die Frau kann nur zustimmen, hinnehmen, empfangen. Indem er diese simple Tatsache feststellt, am Worte hält, zeigt er aber auch ihre metaphysische Dimension.

Die Frauenbewegung erkannte deshalb sehr gut, was die Erfindung und Einführung der Pille" für sie bedeutete - die Möglichkeit, sich gegen die Natur in dieser Bipolarität Mann - Frau, wie sie in dem einfachen Satz oben als Sprache der Gestalten ausgedrückt ist, aufzulehnen. Es bedeutete ein Leben, das aus der Hingabe sich erhebt, diese von sich weist - zugunsten einer positivistischen Lebensgestaltung, zugunsten einer Ideologie des identitären Selbstentwurfs.

Zu der das Sein der Geschlechter damit wurde. Und der umso gewaltsamere Folgen mit sich bringt, umso mehr den Totalitarismus fordert, als er nie gelingen KANN. Sondern das Gegenteil bewirkt. Weil er in der Verneinung ... die Existenz der metaphysischen Substanz selbst zum Dogma erstarren läßt.




*150508*

Der "pastorale" Ansatz - Armut IV

A. Wildgans, der sich aus eigenem Erleben in Kindheit und Jugend, aber auch aus völlig anderen Zeitbedingungen heraus (er hat das Massenelend im Wien der Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert erlebt, wo Wien binnen 60 Jahren von 500.000 auf 2.000.000 Einwohner auseinandergeplatzt ist) als heute vorherrschen, gegen die negativen Folgen der Armut ausgesprochen hat (die - aus notwendiger Ergebenheit folgende - schon erwähnte Schwächung des positiven Willens), hat sich 1918/19 geweigert, einem Aufruf an die Völker beizutreten, in welchem sämtliche Schriftsteller deutscher Zunge geeint dazu aufriefen, bei den Verhandlungen zu einer Friedensordnung das rechte Maß zu wahren.

Er blieb damit nicht alleine, und hat dies (wie die Mehrzahl der Verweigerer übrigens) damit begründet, daß die Aufgabe der Künstler nicht sei, sich politisch zu instrumentalisieren, sondern das seelisch Gute zu fördern: und das heiße in dieser Lage die Lektionen aus der Niederlage als Früchte zu begreifen, die der Höherentwicklung der sittlichen Lage des Volkes dienten. Und ihm SO zu einer zukünftig hervorragenden Stellung im europäischen Konzert verhülfen. TROTZ der zu erwartenden - und eingetretenen - Ungerechtigkeit der diktierten Nachkriegsordnung.

Wie anders klingen da die Ansätze, die heute Künstler wie Priester dazu bringen, sich für soziale Gerechtigkeit auszusprechen. Wie anders klingt es da, was den Betroffenen heute gesagt wird: da ruft man zur Faust auf, zum Recht auf Gerechtigkeit, das zu erkämpfen wäre.

Ich mußte immer schmunzeln, wenn einer der bekanntesten Arbeiterpriester der Diözese St. Pölten - Relikt eines schnell wieder abgebrochenen Experiments in den 60er, 70er Jahren, wo Priester in den Arbeitsprozeß eingebunden sein sollten, um so in Verbindung zur Arbeiterschicht zu kommen - laut aufschrie, sein Merkmal. Als hätte er, gehaltsabgesichert, existentiell nie einen Moment wirklich gefährdet, aus dieser Erfahrung, auch mal am Fließband gestanden zu sein, Legitimation, für die Arbeiter zu sprechen.

Als einziger. So dachte er, das verriet seine Haltung auf jeden Fall. Wieviel schlechtes Gewissen - das Unausgewogenheit fast von selbst bringt - dabei war, wenn er auf Sitzungen und Versammlungen abstrakte Rechte der Arbeitnehmer einforderte. Dabei wie so viele die personale Natur der Not nie begriff. Diese Form von Hochmut, die sich in "Mitleid" äußerte, ist Kennzeichen dieser lächerlichen Figuren. Sie war auch die Ursache, sich zu marxistischem Gedankengut wie verpflichtet zu fühlen. Sich des eigenen Auges und Herzens zugunsten einer abstrakten Idee, einer idealisierten, romantisierten, kulturverneinenden Lebensform gar (zu solcher wurde der Sozialreformer im 20. Jahrhundert, schon gar, wenn er "Intellektueller" war, auch wenn sie ganz anders dachten und denken) begaben.

Wildgans begriff das. Er begriff, daß die Wechselfälle des Lebens Aufrufe an die Seele sind, freier und damit größer, höher zu werden. Er begriff, daß sein Dienst der war, die Schönheit als Nährquelle aufrechtzuhalten, inmitten einer häßlichen Welt, von der man sich nicht im Untergehen in vermeintlichen Notwendigkeiten übermannen lassen durfte. Die Seele hat gerade in großer Bedrängnis mit ihrer Bodenverbundenheit hauszuhalten, um sich nicht zu verlieren.

Er ist gescheitert.




*150508*

Mittwoch, 14. Mai 2008

Formbeherrschung und leerer Wohlklang

Aktueller denn je.

"... ziehe es jedenfalls vor, Gedanken zu besitzen und trotzdem die Form zu beherrschen, als aus der Not der Gedankenlosigkeit die Tugend des leeren Wohlklanges oder des "plastischen Getues" zu machen ..." 


A. Wildgans an A. Trebitsch, 1918



*140508*

Hemmungskünstler

"... Gäbe es wirkliche Erfüllungen, so gäbe es keine Kunst. Der schöpferische Impuls entsteht - natürlich unter der Voraussetzung der künstlerischen Begabung - wo ein starkes Erlebnis nicht zu Ende gelebt werden kann oder konnte. Immer und überall. Es ist nicht notwendig, daß sich die überschüssige, äußerlich nicht auf ihre Kosten gekommene Erlebniskraft gerade auf das Stoffliche des jeweils eben Erlebten, nicht ganz Erlebten wirft. Eine unausgegebene Kraft ist da, die sich auch eines anderen Stoffes bemächtigen kann. Wenn auch das Erstere die Regel sein wird ..." 


Anton Wildgans; Brief an A. Trebitsch, April 1917





*140508*

Samstag, 10. Mai 2008

Und bin doch schon so alt


Und bin doch schon so alt - zwar nicht an Jahren,
Doch wenn ich manchmal andre reden höre,
Wie jener fürchtet, daß er dies verlöre,
Und dieser klagt um Dinge, welche waren -

Da weiß ich erst, wie viel ich schon erfahren,
Wie nichts mehr so ist, daß es mich betöre
Und meines Grames stumme Kreise störe -
Ist dies nicht eines Alternden Gebaren?

Und dann mein Herz - es schlägt nicht mehr so laut
Wenn andre, Jüngre, von den Zielen sprechen,
Die man aus Wünschen in die Wolken baut,

Und die, vom trunknen Auge kaum geschaut,
Beim ersten rauhen Windstoß niederbrechen -
Es altert schon - es schlägt nicht mehr so laut.


Anton Wildgans; das Zwölfte aus den Sonetten an Ead; 1912





*100508*

Was ist ... Laie - Amateur - Profi

Die Frage, ob ein Mensch, zumal ein künstlerisch Tätiger, Laie, Amateur oder Profi ist, mag für den Außenstehenden akademischer Natur sein, ist es für den in der "Kunstbranche" Tätigen jedoch keineswegs. Ihre Beantwortung hat einerseits Folgen auf die jeweilige Selbstfindung, auf das Selbstbewußtsein, mit dem jemand sich an seine Berufung hingibt (Künstler sind aus Natur für Begegnendes sehr empfänglich, und dies vor dem Hintergrund, daß der Satz "Das Amt macht den Minister" viel tiefere Bedeutung hat als heute, im Zeitalter der mechanistisch-teleonomischen Verzerrung, irrtümlich angenommen wird), anderseits konkrete Auswirkungen in Hinblick auf Broterwerb.

Wer gerade den Künstler kennt, um seine Archetyplosigkeit weiß, weiß auch wie wichtig ihm Fragen der Identität sind. Ein Bereich, in dem ihm tiefe Verletzungen leicht zugefügt werden können.

Aber es ist auch wichtig für die Einschätzung künstlerischer Leistung, was die Erwartung betrifft, die in sie gesetzt werden kann oder soll. Aus diesem Grund soll hier eine Begriffsbestimmung stattfinden, unabhängig davon, um welchen Kunstbereich es sich handelt.


Was also ist ein Laie?

Einer, der einem Berufs- und Tätigkeitsfeld außerhalb steht, es als Gegenüberstehender, Kunde, Konsument betrachtet, das an ihm eine Aufgabe erfüllt. Im Gegensatz zum

Amateur

übt der Laie nicht diese Tätigkeit auch aus. Der Amateur übt diese Tätigkeit siehe oben aus, ohne je den Anspruch zu erheben, sie zur selben Meisterschaft wie ein Könner zu erheben. Der Amateur also behauptet, kein Talent zu haben, noch mehr aber: daß diese Frage unwesentlich ist, denn die Ausübung der Tätigkeit macht ihm schlichtweg Freude, er "liebt" sie: "amare" ... Dessen ungeachtet kann der Amateur vom Niveau seines Könnens her betrachtet sehr weit stehen, zumal die Unverkrampftheit seiner Selbsteinschätzung viele Fesseln löst, die solches Können oft in der Entfaltung behindern.

Der Professionalist (Profi) wiederum übt eine Tätigkeit aus, indem er sich ihr ganz zuwendet. Das heißt mit allen Konsequenzen von ihr abhängt. Erst, wenn jemand seine Existenz und Identität auf eine bestimmte Tätigkeit ausrichtet, kann man von Profi sprechen.

Das heißt wiederum nicht, daß er durch sie ausschließlich oder überhaupt sein Brot verdienen muß! Deshalb gibt es tatsächlich oft "bessere" Amateure" als Profis - weil diese Amateure dann gar keine Amateure, sondern in Wahrheit Profis sind, die nur nicht von ihrer Tätigkeit leben können. Ja zum Gegenteil, hat der Amateur oft mehr Talent, aber nicht bestimmte charakterliche Eigenschaften, während es wahre Profis gibt, die kein oder nur wenig Talent haben, aber bestimmte Seiten eines Berufs schätzen.

Ich denke hier vor allem an Schauspieler, unter denen ein nicht geringer Prozentsatz sich befindet, der eher durch Eitelkeit, Geltungssucht und Selbstüberschätzung glänzt als durch künstlerisches Talent, welche Bedürfnisse das Rampenlicht aufs Vorzüglichste fördert und befriedigt. Niemand wird umgekehrt einem Anton Wildgans oder Franz Grillparzer absprechen, professionell Gedichte gemacht zu haben - auch wenn er noch lange Zeit von seiner Juristentätigkeit zu leben hatte, oder gar (ihm zuwider) von seiner Frau.

Und der Schriftsteller (er hat von allen diesen Personengruppen künstlerischer Neigung wahrscheinlich die schwierigste Einkommenslage) ist ja lange nicht alleine mit solcher Lage: Schauspieler, die Kellner statt Hamlet und Desdemona spielen, Literaten, die für Zeitungen schreiben und dabei eher Microsoft kennenlernen als Paradiesesgärten, Sänger, die bei Beerdigungen Grabreden halten, Geigenvirtuosen, die Kindern Unterricht geben, usw. usf.

Die Grenzen sind jedenfalls fließend. In keinem Fall sagen sie etwas aus über das wirkliche Niveau, über die Kunstfertigkeit des Ausübenden. Dies trifft ebenfalls nicht zu, was eine allfällige vorzuweisende "Ausbildung" anbelangt. Deren Wert gerade im künstlerischen Bereich meist völlig (wenn schon nicht: über-, so doch meist) fehlgeschätzt wird. Die wesentliche Ausbildung eines Künstlers ist nie erlernbar. Sie hat mit seiner Persönlichkeit zu tun, und das ist eine Aufgabe, die das Leben in welcher Form auch immer (und: sie muß geradezu individuell sein, hat soviele Gesichter wie es Künstler gibt) sie gestellt wird.

Natürlich ist die "Wahrscheinlichkeit", daß jemand, der eine künstlerische Tätigkeit ausübt, und der sie noch dazu gut ausübt, auch künstlerische Berufung wie Begabung hat, groß. Das gleiche betrifft das, was man als Kunstfertigkeit bezeichnen könnte. Aber sie alleine ist nicht das Kriterium! Gerade der Nicht-Künstler ist zuzeiten mit geschickter Imitation, mit ausgebuffter Bedienung von Konventionen in hohem Ansehen "als Künstler" - dabei "tut er nur so wie der tut, der Künstler IST". Schon gar trifft dies zu, wenn man noch berücksichtigt, daß der Künstler aus seiner Zeit heraustritt - ihr im Zurücksein voraus ist ... also oft gerade in seinem Besonderssein, DEM Kriterium des Künstlers, den es nur in Alleinstellung gibt, verkannt wird. Hier wäre noch ein ganzes Spektrum an Wirkweisen und Gestalten anzuführen, wie künstlerische Begabung und künstlerische Tätigkeit, aber auch das Fehlen des Künstlertums IN AUSÜBUNG künstlerischer Tätigkeit verquickt sein können. Was bis zur Ununterscheidbarkeit (für den Laien auf jeden Fall) geht. Fast.

Es ist aber gerade heute ein weitverbreiteter und fast möchte man sagen: verhängnisvoller Fehler, Künstlertum mit Ausbildungsdiplomen zu verquicken - was ja erst eine junge Entwicklung ist, deren Bedeutung von Gewerkschaften nicht unbeträchtlich gefördert wurde und wird, weil solche Klassifizierung Grundbedingung ihrer Existenz (und vor allem der ihrer Funktionäre) darstellt. Weil es den "Ausgebildeten" ist er Künstler in eine dem Künstlertum gefährliche Lage der Identitätsarchetype bringt, und ist er keiner, dessen Hochmut gefährdet, im Insgesamt aber die rein existentiellen Aspekte einer künstlerischen Tätigkeit beeinträchtigt.

Als Hinweis: Es gibt alleine in Wien mittlerweile TAUSENDE - und Hunderte weitere kommen jedes Jahr dazu - arbeitslose "Schauspieler", die sämtlich Diplome vorweisen können, ohne daß man von auffallenden Leistungswettbewerben auf den Bühnen sprechen könnte ... natürlich verknappen sie die Existenzmöglichkeiten für jene, die wirkliche Künstler sind bzw. im Grunde: für alle, weil der Arbeitsmarkt für alle zu klein wird.

Die Fertigkeit selbst wiederum, die an einer Schule vermittelbar ist, beschränkt sich auf zwei Bereiche: Das Feedback, wenn die Lehrer gut sind (was aus vorgenannten Gründen - Lehrtätigkeit als Brotjob bei mangelnder künstlerischer Tätigkeitsmöglichkeit - gleichfalls immer fraglicher wird) sowie gewisse technische Fähigkeiten, soweit solche benötigt werden. Beim Geigenspieler also die Forderung bestimmter Fingerfertigkeiten, beim Schauspieler bestimmte Kulturtechniken, die für das Spielen bestimmter Stücke bestimmter Epochen von Bedeutung sind (nur so ist das "Fechten" z. B. als Ausbildungsgegenstand zu rechtfertigen).

Die Rückmeldung ist wertvoll, denn die 'Entwicklung jedes Künstlers geschieht in Stufen, auf deren Absatz immer Ausübung, Tätigkeit in diesem Bereich steht, um dann wieder in Setzung, Sammlung für das Gewahrwerden des nächsten Schrittes, überzugehen. Das bedeutet aber auch, daß sie ersetzbar ist.

Schon gar aber gilt Gleiches für das Erlernen von Kulturtechniken bzw. Techniken. Es ist schauspielerisches Handwerk zu wissen, wie man Spaghetti in Italien ißt, oder wie man die Hummerschere - oder die Bierflasche am Bau handhabt oder wohin der Schneider die Nadel steckt, wenn er zwischendurch Maß nimmt. Dafür braucht es keine Schule. Nur in gewissem Rahmen, meist aber mit gewisser Berechtigung, betrifft dies auch eine Sprechausbildung, wenn es um Hilfestellung geht, bestimmte Idiome durch Rückmeldung aus dem Sprachgehabe auszuschleifen, oder durch bestimmte Kniffe zu lernen, der Sprache mit wenigen Tricks mehr oder rascher Schliff zu verleihen. Denn ein Ziel des guten Sprechens ist ja, der Sprache mehr Flüssigkeit, ja Leichtigkeit zu geben. Darum kann es viel helfen, die Endung -ig (um ein Beispiel zu nennen) auf "ich" gesprochen "gelehrt" zu bekommen. Das Wesentliche aber, auch am Sprechen - die Persönlichkeit, die sich durch die Sprache ausdrückt - ist aber auch hier nicht zu lernen.

Was heute Mode ist, ist glattweg und ausschließlich abzulehnen: mangels wirklicher Daseinsberechtigung nämlich wird Ausbildung auf Bereiche erstreckt, die nicht anders als Dummenfang bezeichnet werden können. Wer wirklich glaubt, Persönlichkeit sei schulisch-methodisch auszubauen, wird nur jenen Persönlichkeitszuwachs erlangen, der ihm aus dem Begreifen erwächst, daß ihm viel unnötige Zeit und noch mehr Geld aus der Tasche gezogen wurde.

Dies betrifft ausnahmslos auch alle sogenannten "Schauspielschulen", ob sie nach "Stanislawski", "Grotowski", "Strasberg", "method acting" oder (wie meist) einer Mixtur aus Erwähntem und noch viel mehr arbeiten.

Zusammenfassung

Die Unterscheidung in Laie - Amateur - Profi ist oft nur sehr schwer möglich, und die Grenzen sind in vielen Kriterien fließend. In jedem Fall ist der Entwicklung entgegenzuschreiten, die diese Klassifizierungen - der menschlich-kulturellen Natur folgend den anderen zu einem Stand zu zählen, zu dem die Stellung institutionalisiert ist - von Zuerkennungsmechanismen abhängig macht, die den eine Kunst Ausübenden "standardisiert" anerkennen oder ablehnen. Und weil Kunst mit Staunen, Staunen aber unbedingt mit Autorität zusammenhängt, hat dies gerade für einen Künstler oft dramatische Auswirkungen.

In jedem Fall kann gesagt werden, daß sich beim Künstler selbst, beim Profi also, denn Künstler gibt es nur als solchen, die Frage dadurch beantwortet, als mit den Jahren ihm zumindest das "Dazugehören" selbstverständlich wird. Dies mag als Trost gelten. Während der Laie - und nur er ist der eigentliche Widerpart zum Profi, insofern wird auch in der Bezeichnung "Amateur" oft genug falsch gewertet - eine Darbietung, vor allem aber sich - und hier verrät er sich unzweifelhaft - als Außenstehender betrachten wird. Als ihm fremden Bereich, den er dennoch irgendwie berühren darf, der ansonsten aber völlig außerhalb seiner Identität steht. Er wird deshalb auch jede künstlerische Leistung nach Kriterien bewerten, die dem Publikum anstehen, und "dabeizusein" wird ihm wichtiger sein als die innere Qualität des Tuns.

Weshalb jedem Künstler - dies noch als Abschluß - dringend anzuraten ist, seine Familie, den Ort, wo er das Haupt hinlegt, unter Künstlern zu suchen, und seien es Amateure, aber sicher nicht unter Laien, oder (noch gefährlicher, weil heimtückischer) unter Ausübenden, die Laien sind und es deshalb noch leichter schaffen, ein der wirklichen Kunstwelt nahezu deckungsgleiches Surrogat der Identität aufzurichten.





*100508* 

Freitag, 9. Mai 2008

Ein heilig Buch

DIE MUTTER

Sie ging mit ihrem Knaben an der Hand,
Der, schwer und schleppend an der Last
Des Krüppelseins, ihr ohne Rast
Sein Elend an die junge Hüfte band.

Da ward ihr schlankes Schreiten müd und zag,
Und ihre Augen schienen wie ein Buch
Von Bitternis und einem Fluch,
Der über ihm und ihrem Leben lag.

So gingen sie und gingen durch Alleen
Des frühlingsjungen Parkes bis dahin,
Wo Kinder spielten unter frischem Grün:
Dort hielt er sie, dort blieb sie zögernd stehn.

Und stand, bis in den kühlen Taugeruch
Des Abends letzter Kinderjubel scholl.
Da sah sie auf ihn nieder liebevoll,
Und ihre Augen waren wie ein  h e i l i g  Buch.


Anton Wildgans; 1908





*090508*

Armut als Schiene zur Heiligkeit

Ich habe an dieser Stelle bereits einmal von den eigentümlichen und historischen Beispielen widersprechender Art geschrieben, mit der auch kirchliche Stellen heute von der Armut sprechen bzw. mit ihr umgehen.

Da fiel mir - erst gestern, bei "Der Bischof" von B. Marshall - ein, daß der dritte evangelische Rat ... ARMUT ... ist. Das dritte Gelübde der Ordensleute. Neben Keuschheit und Gehorsam. Als Leitplanke des Weges zur Heiligkeit.

Zwar schreibt auch A. Wildgans über die Armut in einem Sinn, wie wir es heute kennen, aber das ist genau auf der heutigen Linie, wenn man versteht, daß sittliches Leben für Wildgans ausschließlich eine Frage des bewußten Wollens ist. Eine Einschätzung, die aus seinem Leben heraus erschlossen wird.

Wildgans schreibt in einem Brief an seinen Freund Arthur Trebitsch (1905):

"... erzeugt die Armut Angewiesenheit auf die zufällige Erwerbsart der Güter... (dies) erzeugt den Mangel an freier Selbstbestimmung über sich und seine Zukunft, schadet dem Kontinuitätsgefühl des Individuums und hindert die harmonische Entfaltung des Charakters, der, unter zu vielen ungewissen Bedingungen stehend, in seiner Entwicklung bald vorwärts getrieben durch den Anfall eines Gutes und das damit verbundene Gelingen eines Planes, bald durch lange Widerwärtigkeiten ins Stocken gebracht wird. Die Konstanz der Willensbildung leidet also unter der Armut. Und da gerade der Wille die ethische Kraft in uns ist, leidet die Ethik unseres Handelns ebenfalls durch die Armut ..."

Im Grunde ist genau diese Argumentation Wildgans' über die Folgen der Armut - er beschreibt aber Elend, nicht Armut - die heute vorzufindende, in ihrem Kern genau die heutige protestantische Sicht.

Denn derselbe Grund - diese Angewiesenheit etc. siehe oben, diese extreme Form der ohnmächtigen Ausgeliefertheit an den Augenblick - ist es, der die Überantwortung an den Willen Gottes an einen Punkt vorantreibt, der dem paradiesischen Menschen "nahe" kommt. Die von Wildgans beklagte mangelnde "Konstanz" des Willens wird anders, als er meint auf eine Metaebene gehoben und fordert ein Sterben, das hart, aber einem evangelischen Rat äußerst nahe kommt.

Das Problem der Armut ist somit "lediglich" die Verelendung durch moralische Überforderung. Armut VERLANGT Sinn, und fordert solchen - sonst führt sie zum Elend und zur Niedrigkeit.

Und erst damit wird deutlich, was der Hl. Laurentius gemeint haben mag, als er von den Armen als den "Schätzen" der Kirche sprach: nicht, weil sie eine Herausforderung an die Gebebereitschaft der Besitzenden darstellten (das wäre zynisch), sondern weil die Armen in besonderer Weise eine Schule der Heiligkeit und Gegenwart Gottes durchleben.





*090508*

1908 mit der Männlichkeit kokettieren.

"... Es ist leider heutzutage so weit, daß der Mann mütterlicher empfindet als die meisten Frauen. Nicht daß er weibischer geworden wäre - nein, aber die Frauen machen einen Entweiblichungsprozeß durch. Sie entfernen sich in jeder Beziehung immer mehr von der heiligen Mutter Erde, um eigensinnige, oberflächliche, scheingebildete Puppen zu werden. Denn die Bildung, die ihnen leichter zugänglich ist als ehedem, benutzen sie nicht, um ihre Weiblichkeit zu vertiefen, sondern um mit der Männlichkeit zu kokettieren. ..."


A. Wildgans, Brief an seine spätere Frau; 16. März 1908





*090508*

Nur die Besetzung wechselt

A. Wildgans - Brief an seine spätere Frau


"... Die Akteure werden wieder beim Seitenfenster auf die Bühne steigen wie damals - nur sie und das Publikum sind andere geworden. Es ändern sich nur die Besetzungen auf der Schaubühne des Lebens ..."









Anton Wildgans, Brief an seine Mutter vom 4. August 1907

Bildverlinkung: Villa Trebitsch, Sulz - Brief an seine spätere Frau, gelesen von Eberhard Wagner - mp3-Datei zum Hören.





*090508*

Blutige Nasen & An den Vätern liegt es

Immer wieder stelle ich fest, welch fatale Auswirkungen Entscheidungen hatten, die ich als junger Mensch in einer Unfreiheit, die ich niemals als solche erkannt hatte, getroffen habe. Und aus diesem Erleben heraus erkenne ich bei anderen so Ähnliches ... Daß es mir scheinen mag, als wäre das ganze Leben schon damit ausgefüllt, die Fehlentscheidungen der Jugend auszuglätten. Die anderer sowieso - und dann noch die eigenen, die einem aufgebürdet wurden, die man traf, sich selbst überlassen, weil dem jugendlichen Ungestüm niemand zu widerstehen wagte. Manchmal will es scheinen, daß einem die ganze verbliebene Lebensspanne nicht reichen wird, nur wegzuräumen, was an Folgen aus so viel Dummheit und Irrtum blieb. Daß man gar nicht mehr dazu kommen wird, das zu tun, was man im Leben doch eigentlich hätte tun sollen.

Nimmt man Wildgans her und so viele andere: welche frühe Reife und Vollendung schon in so jungen Jahren, dabei: welch strenges Vaterjoch, dem er sich untergeordnet sah wie unterordnete.

Der junge Mensch hat doch ein Recht darauf, daß ihm die wichtigsten Weichenstellungen von den Eltern abgenommen werden. Es ist nicht nur zynisch, es ist schlimmste Verwahrlosung, der Jugend immer mehr Entscheidungsgewalt über ihr Leben (und dazu noch über das anderer!) in die Hände zu drücken.

Ohne daß man ihnen sagt: Junge Leute, Ihr MÜSZT nicht alles entscheiden! Es ist Verführung, Euch einzureden, daß Ihr DÜRFT, weil es uns bequemer ist zu sagen, daß Ihr auch KÖNNT.

Es ist zynisch und niederträchtig, der Jugend die eigene Erfahrung und Reife vorzuenthalten mit dem brutalen (sic!) Verweis, sie sollten ihre eigenen Erfahrungen machen, sich ihre Nasen ruhig blutig stoßen.

Das werden sie, gewiß, das müssen sie, gewiß - aber zur rechten Zeit. Wann das ist? Das sagt schon das Leben, denn das ist auch nicht für jeden gleich.

Das aber ist der Grund für die tiefe Traurigkeit, die ich in den Augen der Jugend zu sehen meine. Und was einem nur noch Mitgefühl empfinden läßt, weil man sieht, wieviele falsche Weichenstellungen gesetzt, welche Lawinen an Folgen jeder freien Lebensentfaltung eines Tages, wenn sie aufgewacht, im Wege stehen werden.

Ich sage es noch einmal, und immer wieder: Die Jugend wird die Eltern hassen. Es wird nichts nützen, wenn sich einzelne, wenn ich mich, auf ihre Seite stelle. Es gibt sie, die Kollektivschuld, weil es die Folgen gibt, die eine abstrakte Kategorie ("Eltern") betreffen.

Dann müssen vor allem wir Väter sagen: Wir haben zu wenig geblutet. Wir haben uns nicht hinmetzeln lassen, sondern wollten feige Schmerz vermeiden, haben deshalb all den Dummheiten freien Lauf gelassen, wollten auch zu Lebzeiten "geliebt" und vor allem: belohnt werden.

Es läge an uns zu sagen: Schluß mit dem Zirkus! Schluß mit den höflichen (aber doch so feigen) Lügen vor allem, Dingen zuzustimmen, von denen wir doch wissen, daß sie falsch sind.

Es liegt an den Männern.




*090508*

Montag, 5. Mai 2008

Die Träume sind vorbei!

(Titelverlinkung: Baudelaire; mp3; "Der Albatros")

"Und wenn Du mir die Sehnsucht gabst,
Die meine Werke soll vollbringen,
Wenn du den Sinn mit Träumen labst,
Die ihn mit Zaubern leis umschlingen,
Warum reißt du mit schrillem Schrei
mich aus dem schöpferischen Schlummer
Und rufst: "Die Träume sind vorbei!
Nimm deinen Teil am Erdenkummer!
Dir ist kein ander Los beschert
Als jenen, die um dich sich scharen;
Denn, was du mehr als jene wert,
Ist nur ein flüchtig Offenbaren
Der Welte, die du träumend siehst,
Damit du später beim Erwachen
Dreimal so klein und elend bist
Bei deiner Neider Pöbellachen!"

Anton Wildgans; ca. 1900




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