Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Byzanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Byzanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 12. Juni 2022

Eine Kettenreaktion mit immenser Geschichte (2)

Das Jahr 535 als Schlüssel zur Gegenwart? - Aber die Schwächung der Awaren hatte eine weitere vielleicht noch folgenreichere Wirkung, denn diese obgenannten Völker waren zuerst einmal die Turkvölker in den die von den Awaren (dies allen übrigen Völkern in der Pferdezucht und -behandlung damals weit überlegen waren) bewohnten Ebenen umgebenden Gebirgen. Dermalen von den Awaren beherrscht, konnten sie diese nun selbst unterwerfen. Bis sie so stark wurden, sic so ausbreiteten. Die meisten der später auch in Europa anlandenden Völker sind eben Turkvölker, von der zentralasiatischen Steppe des chinseischen Ujguren-Landes über Kazachstans bis nach Ungarn. Also nicht nur die Koreaner (und damit die Japaner), die von den chinesischen Kulturen so enorm profitiert haben.

Was hatte es mit diesen Machtwechseln auf sich? Auch sie gründen in dieser Vulkankatastrophe des Jahres 536, so zumindest die These des Films (der auf dem Buch "Catastrophe" von David Keys beruht.) Im Gegensatz zu den Awaren, hatten diese Turkvölker nämlich eine gemischte Existenzweise, vor allem mehr Viehzucht. Vieh, Rinder zumalen, können aber mit weniger Futter auskommen, weil sie sorgfältiger verdauen als Pferde. Die Awaren hingegen konnten ihre Pferde, auf denen ihre gesamte Existenz wie auch militärisch-politische Macht beruhte, nicht mehr ernähren. 

Donnerstag, 14. April 2022

Man nannte sie "Rus" (4)

Apropos Existenz. Die bestritten die Wikinger durch den Handel mit Fellen (aus der Jagd, oder im Handel mit den Slawen nördlich und östlich des Ladogasee günstig eingetauscht, übrigens meist in dem sehr interessanten sogenannten "stillen Tausch". 

Und da waren vor allem noch die Sklaven. So ein Sammelbecken hat jede Mene identitätsloser Gesellen, die nru darum betteln, von einem Vikinger gefangengenommen und tausende Kilometer verschleppt zu werden. 

Und, natürlich, waren da noch die Beutezüge, zu denen sich vor allem die (schutzlosen) Klöster und Kirchen der Christen anboten, die nun überall im Westen des Kontinents entstanden waren. Gewissemaßen verdankendie Vikinger einemsolchen Raubzug, dem Überfall auf das Kloster Lindysfarne, ihren Eintritt in die Geschichtsschreibung. 

Denn des Vikinger (und vor allem seiner Frauen) Gier nach Silber und Pretiosen war bemerkenswert. Die Silberschätze, die man gefunden hat und noch heute findet, wenn man etwa in der Urkaine eine neue Autobahn anlegt und einen nicht korrupten und aufmerksamen Bauleiter hat, sind immens. 

Mittwoch, 13. April 2022

Man nannte sie "Rus" (3)

Das war den Wikingern eines der schlimmsten Schicksale, wenn auch nicht ganz selten. Kaum eine Ausgrabung, in der die Skelette keine (oft genug tödliche) Kampfeswunden haben. Denn auf ihren Reisen durch die Weiten der Steppen, die im Prinzip vom Baltikum aus über Ungarn, Kaukasus und den Pamir umgrenzt waren, also wirklich ein mit 5.000 Kilometern Durchmesser ein riesiges Becken, sozusagen, in dem sich alle möglichen Völker herumtrieben. Eines davon waren auch die Slawen, die bei den Wikingern besonders beliebt waren, weil sie recht dankbare Sklaven lieferten. Die waren wenig aufsässig, und höchst kooperativ.

Denn das mußten sie sein, wenn man sie mitführte, um sie dann vielleicht am Sonntagsmarkt auf Gotland zum Verkauf anzubieten. Viele Stromschnellen des Don oder Dnjepr galt es da zu überwinden, fünf mal mußte umgeladen und Kilometer lang das gegen die eigenen Felle eingetauschte Handelsgut samt der Streifzugsbeute getragen werden, Boot inklusive. Ging alles aber gut, so war die Reise von Byzanz nach Estland, wo es endlich wieder ins Meer ging, in dreißig, vierzig Tagen zu bewältigen.

Dienstag, 12. April 2022

Man nannte sie "Rus" (2)

Man lernt eben nie aus. - Wer das Christentum als "Lehre" auffaßte, als Lebensweisheit, Weg zu einem guten Leben und vor allem viel Gutmenschentum, der fühlte sich immer schon überlegen. Das war dann so "vernünftig", und die Verünftigen haben die Aufklärer beileibe nicht erfunden, sie waren sogar in dieser Attitüde des Vernunftbezuges (und der Freiheit des Individuums) ihrer Grundgeste gleichgeblieben: Unverstnadnes Christentum. 

Das in Wahrheit natürlich Katholizismus war, der ja das Christentum als Teilmenge enthält (und nicht umgekehrt, wie es fälschlicherweise heute meist verwendet wird.) Aber die "Vernünftigen" waren schon immer nicht nur die "verfolgte Mehrheit", sondern so voller Irrtümer und Widersprüche, daß man gar nicht fertig wird, wollte man sie aufzählen und gar ordnen.

Das ist schon oft, ja sehr oft versucht worden, und oft sogar richtig tauglich und gut, wie mit der "Summa contra gentiles - Summe gegen die Heiden" durch Thomas von Aquin. Die so frisch und modern daherkommt, daß es so manchem die Gehirnwindungen durchputzen könnte wie nach einer kräftigen Prise schärfsten Seemanns-Schnupftabak. Aber der Irrtum ist eben kein Verstehensproblem, nicht zuerst zumindest, sondern eines einer individieullen Entscheidung und Charakterdeformation, die sehr menschlich ist, sozusagen, und das macht ihn auch unausrottbar, weil er mit jedem, wirklich jedem Menschen auch neu auftritt. 

Der eine aber läßt sich nicht über den Tisch davon ziehen, der andere benutzt die Rationalisierung seiner feststehenden inneren Geste gerne, so unterscheiden sich die Menschen eben. Jeder, dem eine Laus über die Leber gelaufen ist, findet dann seine "Gründe", warum der Katholizismus, der von ihm etwas verlangt (auch das trifft man immer wieder und wieder an, und jeder glaubt dabei, er habe das erfunden) das er nicht geben will, das genaue die eine welche Mühe kostet, die er nicht leiste will, ein Haufen gequirltes Schietenpürree ist.

Montag, 11. April 2022

Man nannte sie "Rus" (1)

So wirklich viel wissen wir nach wie vor nicht von den Wikingern. Aber was wir wissen ist doch recht zuverlässigen Quellen entnommen. Da sind einmal die vielen archäologischen Spuren, die sich von England bis Baghdad durchziehen, und dann sind da einige Berichte. Einer aus Byzanz, wo der Kaiser seinen Bruder im Westen, der damalige Ludwig der Fromme, Sohn Kaiser Karls, ganz offensichtlich in diplomatischer "Schönwetter-Mission" ganz herzlich grüßen läßt, ihm viele Geschenke schickt, und so nebenbei eine Gruppe von blonden Hünen übergibt.
 
Die entstammen einem Volk "von weit weg", schreibt er, mit dem die Byzantiner seit geraumer Zeit Handel treiben. Und die ihn gefragt hätte, ob er ihnen nicht weitere GeschäftskKontakte vermitteln könne. Das täte er hiemit, und wenn Ludwig mit ihnen nichts anfangen kann, na dann soll er sich halt einsperren (oder töten, das meinte er wahrscheinlich), er sei ihm dafür dann nicht böse.

Ich schreibe das, weil von diesem Bericht ausgehend einer der beiden Hauptströme ausgeht, woher denn der Name "Rußland" stammen könnte. Denn Theodosius VII. nennt sie in seinem Schreiben "Ros". Geht man dem Wort weiter nach, dann zieht sich eine Verbindung zu "rus/roa (norw.)/rur", quasi "die Ruderer". Auch die Islandsagas, eine wichtige Quelle, berichten von den Austrvegr, den Ostfahrern. Denn der Osten ist in der Geschichte der Vikinger ihr (fas möchte man es so sagen) größerer, wichtigerer Lungenflügel. 

Montag, 9. August 2021

In wessen Schoß die Macht ruht (1)

In der Frage, wer das wahre Oberhaupt der österreichischen (als Teilmenge der deutschen) Völker ist, zeigt sich eine heiße Spur. (Denn die "demokratisch gewählten" sogenannten Volksvertreter sind es sicher nicht. Sie sind ein fragiles und sich dieser Fragilität bewußtes Scheintheater einer Machtusurpation, der jede absolute Legitimität einer Machtausübung fehlt. 

Allerbestenfalls kann in unvermeidbaren Fällen, die ein subsidiäres und föderalistisches, pseudo-staatliches Handeln (die Bundesländer Österreichs sind 1919 per Zwang zu einem Staat zusammengeschlossen worden) erfordern (etwa im Kriegsfall) von stellvertretender Handlung gesprochen werden, die aber keine dauernde Politikerkaste erforderte. Die österreichische und die deutsche Politik haben also keine Führung im eigentlichen Sinn, die aus sich heraus handeln, gestalten, schon gar verändern könnte.

Aber ein Volk kann sich keine Regierung selbst "geben". Das ist metaphysisch unmöglich. Es kann bestenfalls "so tun als ob", und dann eine groteske Komödie abziehen.

Sonntag, 18. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (2)

 Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt




Der Leser erinnere sich: Alle Reformen sollten im Namen einer Widerherstellung einer "unverfälschten, echten" Tradition stattfinden. Zwar gab es für diesen Anspruch nie den Funken eines Beleges, denn Forschungen haben gezeigt, daß die Liturgie von 1962 ganz exakt dieselbe war die im Jahre 62. Warum sollte sie das auch nicht sein? Immerhin hatten die zwölf Apostel drei Jahre im wohl besten Seminar gelebt, das denkbar ist - in der Gegenwart Jesu Christi. Warum also sollte ihre Liturgie infantil sein? Und wenn sie ihre höchste Aufgabe darin sahen, die Worte Jesu zu überliefern, und zwar ganz genau, warum sollte damit auch die Liturgie nicht auf diesem Stand einfrieren, den sie doch von Jesus direkt empfangen hatten? So wurde die Tradition geboren, und deshalb wurde auch Latein als universale Liturgiesprache eingeführt - eine tote Sprache. Denn eine solche war ganz sicher "rein", von keiner Alltagssprache jemals verunklart und verändert. 

Im Vaticanum 0 passierte exakt dasselbe. Auch hier forderten die Reformer im Namen der ursprünglichen Tradition eine Veränderung der gegenwärtigen Praxis. Ausgehend von Bestrebungen der russischen Zaren, zu den griechischen (byzantinischen) Wurzeln zurückzukehren. (Vermutlich hatte das einerseits Legitimationsgründe, denn die Romanows waren noch nicht lange an der Macht und hatten sich nach ihrer Machtergreifung mit einem aufmüpfigen Bojarentum herumzuschlagen, dann aber auch den Sinn des Beweises einer Tradition des Byzantinischen Reiches, das in Moskau weiterbestehen sollte; Anm.) Zwar bestehen Zweifel, ob der Anstifter zu den Reformen nicht doch der Patriarch Nikola gewesen ist, aber es spricht einfach mehr dafür, daß sie vom Zaren ausging. 

(Und die vom VdZ angedeuteten Gründe würden diese Variante ebenfalls bevorzugen, denn solche Motivgemengelage sind in der Kirchengeschichte häufig: Nicht zuletzt dürfte die Kirchenspaltung in Ost und West, Byzanz und Rom, auf Kaiser Karl zurückgehen, und zwar aus ganz ähnlichen Gründen wie hier bei den Romanows.) 

Auf jeden Fall kam die Idee zu einer Reform beiden entgegen. Zar Alexis wollte ganz sicher Moskau zum Dritten Rom machen, und der russische Patriarch nichts anderes. Beim 2. Vatikanum ist dass nur scheinbar genau umgekehrt, wenn Kardinal Bugnini, der spätere Initiator der Liturgiereform, Rom quasi "abschaffen" wollte - nur schuf er damit eben viele, nicht mehr faßbare weil unbekannte Roms, als Teil einer ökonomischen Kirche, in der auch die Anglikaner und deutschen Lutheraner ihren gleichberechtigten Platz fanden, weil nicht mehr "unter" einem Rom standen. Und natürlich auch Konstantinopel, natürlich. Moment, und wie sähe es mit sagen wir Salt Lake City und seinen Mormonen aus? Natürlich, auch die haben dann ihren Platz. Moment, hieß Mons. Bugnini mit Vornamen nicht Hannibal - "Gnade von Baal", dem berühmten Todfeind von Rom? Tschuldigung, das war nur ein Scherz.

Erstaunliche Parallelen, bis auf einen Punkt

Tja, die Geschichte mit Roms 2. Vaticanum und Moskaus 0. Vaticanum zeigte entsprechende Parallelen. Beide suchten (angeblich) eine Versöhnung mit der Welt, indem sie "an die Ursprünge" zurückgehen wollten und die jeweils gegenwärtige Gestalt veränderten. Beiden Konzilen folgte eine Zeit der fanatischen Verfolgung dieser Gestalt, sie wurde strikt verboten.

Sowohl der Zar als auch der Patriarch waren überzeugt, daß die liturgischen Bücher sowie die Liturgien voller Übersetzungs- und Übermittlungsfehler steckten. Die Kirche mußte wieder "gereinigt" werden. Der Zar beauftragte den Patriarchen Nikon, den Ursprüngen nachzugehen. Und der tat es, ging nach Athos, und studierte dort sämtliche Bücher. Und siehe da, er fand die "ältesten Formen". Drei Finger, nicht zwei. Drei Halleluja, nicht zwei. Und so weiter, und so fort.

Nur gab es da ein unscheinbares Problem. Nein, mehrere. Nicht nur, daß sich Zar und Patriarch zerstritten, und während der Patriarch darauf wartete, daß sich der Zar bei ihm offiziell entschuldigte, tat dieser etwas ganz anderes, denn er hatte ja die Macht: Er stieß den Patriarchen aus der Kirche aus, und setzte ohne lange die versammelten Patriarchen zu fragen, die auf der Seite von Nikon waren, die Reformen in Kraft. Und zwar aus dem offensichtlichen Grund, daß er eine Homogenisierung der russischen mit der griechischen (originalen) Kirche wollte, um der unbezweifelte Nachfolger des Kaiserstuhles von Konstantinopel zu sein, beide Glaubensgemeinschaften bzw. alle Orthodoxen zu vereinen. Und das stimmt mit zahlreichen weiteren historischen Analysen überein: Denn das war und ist seit tausend Jahren das große Ziel der Russen.

Für dieses Ziel waren die Russen bereit, auch etwas zu geben - eben ihre eigene Tradition aufzugeben zu Gunsten der vermeintlich originaleren griechischen Liturgie. Immerhin waren diese ja wohl getreuer als die russischen Bücher? Lustigerweise - nein. Die russischen Bücher waren, wie man heute weiß, allen Traditionen ganz exakt gefolgt, nicht aber die griechischen! 

Die Spaltung war die Folge

Die Katastrophe war perfekt. Denn nunmehr spaltete sich die russische Kirche, in Raskolniki (die Altgläubigen), und die Narodniki, die Volkstreuen, die in den Augen der Altgläubigen der Antichrist persönlich waren. Noch dazu wurden diese Reformen 1666 beschlossen - man sehe die Zahl! Nur hatten diese Narodniki auch die Macht, und schwere Verfolgungen setzten ein. Die in ihrer Härte nur noch von den nächsten Narodniki übertroffen wurden - den Bolschewiken.

Und hier haben wir wieder die Parallele zum 2. Vatikanum. Auch hier setzten schwere Verfolgungen der "Altgläubigen" ein. Freilich waren manche Mittel scheinbar umgekehrt. Aber nur zum Schein, denn das Ziel war dasselbe wie in der Orthodoxie: Sämtliche christlichen "Kirchen" in einer ökumenischen Gesamtkirche zu vereinen.

Wohin hat das alles geführt? 

Nun, im Grunde zum gleichen Ergebnis. Bei beiden Kirchen. Jähe Veränderungen führen zu Verwirrung. Verwirrung schafft Richtungsstreit. Streit untergräbt die Disziplin und die Fähigkeit, einen Organismus zu leiten. Und diese Unfähigkeit verhindert eine wirkungsvolle Verteidigung der Lehre. Und damit ist ein Sieg der wahren Lehre unmöglich gemacht. Es ist deshalb klar, daß solch ein Vorgehen einer Revolution direkt in die Hände spielt. Während es für die Tradition verheerend wirkt. 

Deshalb kann man eine Lehre ziehen: Wer ein System revolutionieren will, der tut das am wirkungsvollsten unter dem Banner der ... Wiederherstellung der echten, wahren Tradition, definiert als Rückgang zu einer weit zurückliegenden Rekonstruktion eines Anfangs, der den ganzen Weg dazwischen als Verfälschung entwertet. 

Und dieser sogenannte Reformwille ist das Herz der Entwicklung des Abendlandes seit der Aufklärung. Es war in Wahrheit das Einreißen einer Kultur, weil jeder Erfahrung entgegen, den Generationen dazwischen abgesprochen wird, sich immer wieder neu reformiert und an den Anfängen und Prinzipien orientiert zu haben. Als Schlag ins Gesicht der Eltern.


***



Hinweis: Der Streit um "zwei oder drei Finger" (etc.) scheint nur uns bereits völlig entgeisteten West-Barbaren lächerlich und völlig unwichtig. Er entfaltet seine Schwere aber, wenn man die Bedeutung und Rolle des Konkreten, Bildlichen, Dargestellten in der Orthodoxie bedenkt. Wo zwar das Zeichen selbst nicht angebetet werden kann oder darf (was den Altgläubigen ja vorgeworfen wurde, zu Unrecht, sieht man von einzelnen Mißständen ab), aber dieses Zeichen als Symbol verstanden wird, in dem geistig der transzendente Inhalt - damit der Himmel, bzw. ein Teil davon - gegenwärtig ist.




*270118*

Samstag, 17. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (1)

Einen weiteren sehr interessanten Artikel fand der VdZ am Blog von William M. Biggs. Er stammt aus der Feder von Ianto Watt, und stellt die These in den Raum, daß es vor dem 1. und 2. Vatikanum ein "Nulltes Vatikanum", also ein "Vaticanum 0" gegeben hat. Wie kommt er darauf? 

Zuerst einmal führt Watt an, daß sich das 1. und das 2. Vatikanum unterschieden haben wie Tag und Nacht. Im Vaticanum I  ging es (grosso modo) um Gewißheit ("Laßt uns einem Anführer zuhören"),  im Vaticanum II ums genaue Gegenteil, nämlich "laßt uns auf jeden hören, und am besten auf alle auf einmal.") Im eigentlichen Sinn meint also Watt einen Vorgänger zum 2. Vatikanum, wenn er von Vaticanum 0 spricht, und dieses ist der wirkliche Vorgänger zum Vatikanum II. Denn auf beiden Konzilen ging es um dasselbe, und beide gleichen sich auch frappierend.

Dieses Vaticanum 0 freilich ging in der Orthodoxen Kirche Rußlands vor sich. Um genau zu sein: Im Schisma das sich rund ums Jahr 1666 dort abspielte. Und das hier die Raskolniki (Die Altgläubigen) sah, und dort zur Entwicklung ihrer Opponenten, den Narodniki (Den ans Volk Glaubenden) führte. Das Schisma hatte profunde Auswirkungen auf die orthodoxe Welt Rußlands, und hat es bis zum heutigen Tag. Genau so, wie es das Vaticanum II auf die Welt hatte, wie sie von Petrus bis zu den Beatles bestanden hatte. 

"Was ist es, dass wir vom Vaticanum 0 lernen und auf unsere nach-jedermanns-Welt von heute anwenden können? Nun, nahezu alles. Aber speziell den Aufstieg der westlichen Narodniki und ihrer Herrschaft, und zwar sowohl in der Kirche wie auch im Staat. Beide werden nunmehr angetrieben von einem Neuen (wenn auch alten) Gott, den man "Demokratie" nennt. Und der der Demokratie der Toten gegenübersteht - der Tradition. Wo jeder mitreden kann, egal wie hoch einem auch der Puls dabei steigt."

"Was geschah im Vaticanum Null, das diese umfassenden Änderungen innerhalb der gesamten russischen Orthodoxie hervorrief? Es ist ganz einfach: Nur ganz kleine Änderungen. Aber sie waren wichtig. Sie kennen das ja: Laßt uns mit drei Fingern anstelle von zwei bekreuzigen. Laßt uns drei Halleluja anstatt zwei sagen. Laßt uns gegen den Uhrzeigersinn in der Liturgie schreiten, anstatt mit ihm (oder war es umgekehrt?) Verstehen Sie, was gemeint ist?

Es wurde nichts beschlossen, was man als Doktrine bezeichnen könnte. Es ging nur um kleine Änderungen "in der Praxis", in den Rubriken. Aber in einem Land, wo Schulbildung selten war, waren Gebetsvorschriften alles. Und weil die meisten orthodoxen Priester nie Theologie studiert hatten, waren Liturgie und Rubriken alles, was sie hatten. Um genau zu sein: Wenn man orthodoxer Priester war, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon der Vater gewesen. Und auch dessen Vater. Und so weiter. Man wuchs damit auf, die Liturgie einfach zu sehen, nicht sie zu analysieren. Und weil die meisten Gläubigen genau dasselbe gemacht haben, waren sie ziemlich wahrscheinlich Ihnen gleich in der Erinnerung der Bewegung. Sinn war bedeutungslos."

Und jetzt folgt etwas, das man verstehen wollen muß, sonst ist alles sinnlos, was nun folgt, schreibt Watt weiter. Wir werden aber nun nur zusammenfassen:

Beide Konzile beriefen sich bei diesen Änderungen in der Praxis auf ... "uralte Tradition", auf die Anfänge also. Die Fortschrittlichen des 2. Vatikanums deklamierten, daß es keinen Sinn habe, in der modernen Welt bestehen zu wollen, wenn man sich nicht auf die reinen Anfänge rückbesann. Und weil sie annahmen, daß diese alte Welt noch etwas weniger gescheit, vor allem kindlicher als die heutige war, reduzierten sie auch alles auf ein infantiles Niveau. Das Latein wurde abgeschafft, genau so wie der Kalender, der Rosenkranz, Heilige und Heiligenstatuen und vor allem alles, was nach Hierarchie roch. Denn, so erklärten die Reformer, die Urkirche kannte keine Hierarchie, sie war demokratisch. Das Ergebnis also war sie nun, die wirkliche Tradition. Denn die gegenwärtigen "Traditionen" waren Ergebnis von napoleonischen Revolutionen, und zwar seit Konstantin. (Hatten nicht auch die Proponenten der Französischen Revolution den Anspruch, die "alte griechische Tradition" der Demokratie als Urzustand wieder aufzugreifen?) 

Klingt das übrigens in den Ohren von Protestanten nicht besonders vertraut?

Dasselbe geschah in der Ostkirche

Im Namen des Volkes (russ.: Narod) wurde auf eine Rückkehr zu einer pureren, älteren Tradition, einer Tradition der Anfänge verlangt. Sieht man da nicht schon die Aufstecknadeln der Gegenwart leuchten, auf denen "Wir sind Kirche!" steht? Wie sollte das aber praktisch stattfinden? Zuerst einmal laßt uns so viele Menschen wie nur möglich ins Allerheiligste (den Zelebrationsraum also, das Presbyterium, den Chor) stopfen. Davon sollen so viele Frauen sein, wie nur möglich ist. Wenn sich dann einmal alle um den "Vorsteher der Liturgie" (wie der Priester nun genannt wird) drängen, wird es kein Problem mehr sein, ihn überhaupt wegzudrängen. Laßt uns ferner diesen ganzen Chor von hinten nach vorne holen, damit ihn auch alle sehen können, und dort soll er auch seine neuen Lieder singen. Am wichtigsten dabei: Laßt möglichst alle (und vielleicht gleich noch ihre Hunde) direkt mit dem Allerheiligsten in Berührung kommen.


Morgen Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt






*270118*

Samstag, 16. Mai 2015

Die Sache mit dem Islam geht weiter (3)

Ohne feste historische Verankerung der Ursprünge, ist aber der Koran eine reine Projektionsfläche von Phantasien und Wunschvorstellungen. Mit einem offenbarungspositivistischen Verständnis und wortwörtlichen Interpretationen kann immer wieder eine fragwürdige Theologiepolitik betrieben werden.

Die westliche Islamforschung ist zur Zeit ausschließlich arabisch-philologisch orientiert. Sie verzichtet auf die Anwendung von Methoden, die in den Historischen Wissenschaften zum Standard gehören, und berücksichtigt nicht die orientalischen Sprachen, die im Koran ihre Spuren hinterlassen haben, ebenso wenig die zahlreichen religionsgeschichtlichen Bezüge. Offensichtlich aber spricht der Koran Hörer an, die in diesen lebendigen Traditionen standen. und reagiert auf aktiv vertretene Positionen. Ihn ohne Rekurs auf diese Vorgaben auslegen und verstehen zu können, ist unmöglich. Wenn diese Mühsal des Nachforschens nicht geleistet wird, wird der Koran zur bloßen Projektionsfläche eigener Vorstellungen – seien sie muslimischer oder westlich-„wissenschaftlicher“ Art. Er selbst versinkt dann im Dunkel – das Gegenteil seiner postulierten kanonischen Geltung. 



 Wird fortgesetzt





***

Mittwoch, 13. Mai 2015

Die Sache mit dem Islam geht weiter (2)

Teil 2) Im Anfang war da nur Christentum





Die Nachfolge Maavis trat 681 der syrische arianische Christ Abd al-Malik, der gewiß eine gewisse Position in der Region haben mußte, aber das ist nicht nachweisbar. Malik selbst schon, es existieren Münzen. Er versuchte zuerst offenbar, das Reich zu konsolidieren, und Byzanz zu beruhigen, indem er die Tributzahlungen erhöhte. Vielleicht war er militärisch zu schwach, es ist anzunehmen, aber es kam zu einer gewissen Blüte unter ihm - dem sogenannten "mahamadismus": Der Zeit des Gepriesenen, des "muhamad", ein Titel. Und als solcher taucht der Begriff auch auf Münzen aus Südpersien aus jener Zeit auf.

Malik selbst versuchte dem Kaiser wenigstens religiös etwas Paroli zu bieten. Er ist es deshalb auch, der den Felsendom*** in Jerusalm errichtete, als Gedenkstätte, nicht als direktes Gebetshaus (das lag und liegt noch heute gegenüber). In der zweiten den Christen wichtigen Stadt dieser Region, neben Damaskus. Und zwar an jener Stelle, an der der Überlieferung gemäß Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Den noch die späteren Kreuzfahrer als christliche Kirche ansahen. 

Er war eine Art Gegenstück zur Hagia Sofia in Byzanz, ihr in der architektonischen Konzeption sehr ähnlich (wie viele andere Kirchenbauten aus dieser Zeit auch), die rund 100 Jahre zuvor erbaut worden war, und in deren Inneren sich eine berühmte Inschrift befand (die später entfernt wurde, weil eine Versöhnung der christlichen Richtungen erleichtert werden sollte). In ihr war die Dreifaltigkeit festgehalten. An die die Arianer nicht glaubten. So, wie sie auch an die Gottessohnschaft Jesu des Christus glaubten. Abd al-Malik setzte also in einer 280 Meter langen Umschrift ins Innere dieser Kirche eine Gegenschrift, ein arianisches Gegen-Glaubensbekenntnis, die noch heute dort steht. 

Das im Wesentlichen so lautet: "Es gibt nur einen Gott außer Gott allein, er hat keinen Teilhaber". Und: "Gelobt sei der Knecht Gottes [bewußt diminuierender Ehrentitel Maliks, wie damals üblich; Anm.] und sein Gesandter." "Jesus Christus, Sohn der Maria, ist der Gesandte Gottes." "So glaubt an Gott und seinen Gesandten, und sagt nicht Drei"

Abd al-Malik begann, eine eigene arabisch-christliche Kirche, mit dem Zentrum im syrisch-aramäischen Raum, zu gründen. Praktisch sämtliche, heute als "islamisch" bezeichnete Begriffe und Grund- bzw. Stehsätze ("Es gibt nur einen Gott" etc. etc.) sind auf christliche Glaubenssätze und Aussagen zurückzuführen, und später einfach übernommen und zu "islamisch" erklärt worden. Wie überhaupt aus dem Behauptungsbedürfnis gegenüber Byzanz mehr und mehr ein Abgrenzungsbedürfnis entstand, das sich in der Entwicklung der Schrift oder in religiösen Sätzen und Gebräuchen ausdrückte.

"Isa bin Maryam". Jesus, Sohn der Maria. Der Kaiser von Byzanz hatte seine Hagia Sofia, der Kaiser der arabischen Kirche hatte ab 694 sogar auch seinen Dom, den Felsendom. (Karl der Große hat in seiner berühmten Pfalzkapelle in Aachen sicher keinen islamischen Bau kopiert - das Oktogon des Felsendoms, Zeichen der Vollkommenheit "8", war vielmehr eine damalige Grundform für Sakralbauten.)

Für Abd al-Malik war Jesus Christus eben nicht Sohn Gottes, sondern "der gepriesene Prophet". Sein "Muhamadismus" war der Name, unter dem dieses arianische Glaubensbekenntnis subsummiert wurde, und so nannte man seine Untertanen "Muhamadaner". Die Kurzformel MHMD findet sich dann auch auf Münzen, auf denen auch eine eschatologische Figur aufgeprägt ist: Christus, der Gesandte Gottes, der Verkünder Gottes, der "kalif Allah", mit dem Flammenschwert des Richters bei der Wiederkehr. Ein Kreuz kommt selten vor, aber es spielte generell als Symbol in der arabisch-arianischen Kirche eine geringere Rolle, was sich schon theologisch aus dem Arianismus heraus begründen läßt.****

Dafür wimmelt es in der Gegend von Münzfunden eindeutig christlicher Prägung. Daß ein Herrscher einer untergebenen Gruppe - den "Muslimen" - eigenes Prägerecht zugestanden hätte, ist zudem eher unwahrscheinlich. Dafür gibt es in keinem einzigen Dokument und Fund aus dem 7. und 8. Jhd. aus dieser Gegend auch nur den leisesten Hinweis auf eine "neue Religion in Arabien", oder wird das Wort Islam oder Muslim verwendet. Als christliche Häretiker freilich wurden die Araber, die "Mohamedaner" (als die, die an Christus als den Gesandten, aber nicht als Gott glaubten) tatsächlich oft bezeichnet, was sie als Arianer auch waren.

Das Wort Muslim taucht erstmals überhaupt erst 753 auf, in Persien, führt sich aber auf das syrisch-aramäische Wort für "Rechtgläubige" (meshlem) zurück - und das waren für Arianer eben die Arianer.

Warum aber wird das alles so ganz anderes gesehen, auch von Erforschern des arabisch-islamischen Raumes, oder man denke an die regelrechte Islam-Romantik (Goethe!), die im 19. Jhd. in Deutschland, ja Europa ausbrach? Wir haben einfach bestimmte Interpretationen und Geschichten übernommen, das war es auch schon. Die Gründe dafür sind vielschichtig, wir werden darüber gewiß noch handeln. Ein Hinterfragen der Behauptungen des Islam selber (der jede fundamentale kritische Auseinandersetzung und Forschung ja als blasphemisch verbietet) hat einfach nie - bzw. nur in Randbereichen - stattgefunden.

Und die "goldenen Zeiten" des Islam? Sie sind eine Legende. Es hat sie überhaupt nie gegeben. Es wurde mit der Zeit einfach alles Historische und der Verklärung der eigenen Vergangenheit Nützliche "islamistisiert". Und unter Voraussetzungen, auch religiösem Licht betrachtet, wie wir Europäer es einfach gewöhnt sind und annehmen,weil wir so sind. Die hier aber gar nicht zutreffen. Nicht viel anders, als wir es bei anderen Religionen tun und getan haben, etwa dem Hinduismus, den es in der heute in Europa populären Form niemals und nirgendwo gab, der eine abendländisch-christliche Neudeutung, ja eine regelrechte Neuschöpfung ist.



(wird in Kürze fortgeführt - Von der christlichen Häresie 
zur eigenen Religion)





²Es fließt in diese sich immer weiter rundende Arbeit des VdZ über den Islam so viel Literatur aus so vielen "Ecken" ein, daß es jeden Rahmen sprengen würde, diese anzuführen. Und eine wissenschaftliche Arbeit soll es ja nicht werden, bewußt nicht. Der VdZ nimmt sich vielmehr die Freiheit, eine Art schwungvolle Erzählung "wie es wahrscheinlich gewesen ist" vorzutragen. Die bezüglichen Quellen und Arbeiten, die Belege liefern, sind aber hoch seriös und zum überwiegenden Teil (historisch, philologisch, religionswissenschaftlich) "state of the art of science". In einer hoch aktuellen wissenschaftlichen Debatte, die dabei oft wieder aufgreift, was bereits vor 100 Jahren bekannt, aber nicht bekannt gemacht war, arbeiten sich in den Augen des VdZ die hier vorgestellten Deutungsversuche als erste Konturen heraus. Die enorme Erhellungskraft spricht s. E. für deren weitgehende Zutreffendheit.

*Chosrau wurde ob seiner Machtherrlichkeit auch in alten Dokumenten als "pharao" bezeichnet, mit dem ägyptischen Herrscher also verglichen.

**An dieser Stelle wurde bereits vor einiger Zeit eingehend über die allen Völkern eigene mündliche, vor- und nebenschriftliche Überlieferung und deren (faszinierendes) Wesen berichtet. Durch die Tradition von Sängern, durch Volkslieder etc., wird aus immer wieder verwendeten Grundtopoi - Grundschemen - jeweils im Vortrag eine Geschichte geformt. Die dem Auditorium, der Verfaßtheit und Laune des Sängers, Ereignissen, etc. etc., jeweils angepaßt wird. Es geht also um die Topoi, historische "Beweise" lassen sich daraus niemals ziehen, selbst Geschichten, die sich auf historische Ereignisse beziehen, verändern sich im Laufe der Zeit erheblich. Übrigens ist auch die "Ilias" unseres geschätzten Homer eine solche, durch lebendige Tradition weitererzählte Geschichte, bis sie eben dieser Homer in eine Gesamtform brachte, und dadurch ein erstes Religionssystem aller Griechen fundierte. Die Teile der Ilias führen sich auf Topoi zurück, die sich in vielen Völkern und Traditionen nachweisen lassen, aber dort eben "dort" passiert sind. So wohl, wie die Hadithen, die dann von einem "Mohammed" erzählten, dem Idealsten aller Menschen.

***In der heutigen Form ist die vorgebliche Moschee Felsendom ein Produkt des 20. Jhds.

****Für den Islam sind diese Münzen mit dem "stehenden Kalifen" aber bis heute Beweise für die Existenz des Propheten Mohammed. 




***

Dienstag, 12. Mai 2015

Die Sache mit dem Islam geht weiter (1)

Treiben wir die Dinge um den Islam weiter, fassen wir nächste Bausteine zusammen²:

Im Jahre 622 besiegte der byzantinische Kaiser Herakleios den Persischen Kaiser Chosrau II.* in Armenien entscheidend. Dieses Jahr ist ein Schlüsseljahr für die nördliche arabische Halbinsel, in der in den Gebieten des heutigen Palästina, Syrien und Mesopotamien die "arabi" lebten, die "Westlichen". Denn mit einem mal endeten Jahrhunderte schwerer Bedrückung, eine Zeit der Weltuntergangsstimmung, in der alle diese Menschen lebten. Überwiegend Christen, aber in zahlreiche Richtungen zerfallen, darunter auch viele Arianer (die also nicht an die Gottessohnsschaft Jesu glaubten, sondern ihn als Propheten, als besonders begnadeten Menschen sahen). Sie erwarteten die Wiederkunft Christi, des Gesalbten, des Begnadeten, und das Endgericht, denn der persische Kaiser war der Antichrist, die Perser "Feueranbeter", und das Land wimmelte von Propheten und Heilskündern. 

Der byzantinische Kaiser zerschlug also 622 entscheidend die Perser (die Kriege dauerten freilich noch einige Jahre, endeten aber für Persien desaströs), 

Ins Jahr 622 wird auch die Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina datiert. Über ihn gibt es keinerlei historische Daten, sondern lediglich die Schriften des Hadith, die wesentliche Grundlage für das islamische Rechts- und Lebensordnungssystem, das im wesentlichen davon ausgeht, wie es Mohammed gemacht hat oder gemacht hätte. Von diesen Lehrsätzen, Erzählungen, Legenden etc. gibt es bis zu 1 Million, die bekanntesten Sammlungen, die seit dem 9. Jhd. existieren, haben aber auf 7-8000 Sätze reduziert und anerkennen den Rest nicht als original. Denn über Jahrhunderte wurden wahllos und nach Bedarf solche Lehrsätze zugefügt. Auf diese Sammlungen beruft sich die sogenannten "Sharia".

Und in diesem 9. Jhd. taucht, in diesen Hadithensammlungen, die im wesentlichen bis heute gelten, auch erstmals der Begriff "Mohammed" als Eigenname auf. Der vorher aber niemandem bekannt war, und den auch keine einzige historische - nicht also islamisch-dogmatisierte - Quelle nennt. Bis dorthin, so die muslimische Erklärung, gab es nur mündliche Überlieferungen, die schließlich aufgezeichnet wurden. Zwischen dem frühen 7. Jhd. und dem 9. Jhd. klafft also eine Lücke, die nur der Hinweis mündliche Überlieferung füllt.**

Was auch nicht weiter verwunderlich sein dürfte. Denn den Eigennamen Mohammed gab es in Arabien gar nicht. Es handelt sich dabei vielmehr um ein aramäisches Gerundiv, und das Wort heißt "der Gesegnete", der "Begnadete", der "Gesalbte". Es heißt dasselbe wie "Christus".

Byzanz gliederte dieses Reich nun in Vasallenreiche, denn es war relativ wenig an diesen Ländern interessiert. Zwar war das Volk also befreit, atmete auf, und ein neues optimistisches Lebensgefühl brach auf,  aber diese Reiche führten untereinander nun Kriege, um Macht, um Einfluß, um Rangordnung. Das sind die Kriege, auf die sich die Hadithen berufen, die angeblich der Prophet Mohammed geführt und gewonnen hat. Die aber seltsamerweise keinerlei Spuren hinterlassen haben. Genau so wenig wie eine Person "Mohammed, der Prophet und Religionsgründer" als historisches außerislamisch-glaubenssystematisches Zeugnis nachweisbar ist.

Islamische Kriege und Schlachten, wie in der Überlieferung berichtet, sind gleichfalls historisch nicht nachweisbar. Auch ist nirgendwo von einem Heerführer "Mohammed" die Rede. Aber es gab genau in dieser Zeit eine Reihie von Satrapenkriegen. Neue Fürsten tauchten in einem allmählichen Machtvakuum auf, wie es in Machtvakuen immer geschieht.

Die Vernachlässigung des Ostens durch die byzantinischen Kaiser ging nämlich schließlich so weit, daß der Kaiser Konstantin II.  seine Residenz 662 nach Sizilien verlegte. Zwischen Persien und Ägypten herrschte  nun dieses Machtvakuum. Und er erste, der dies erkannte, was ein Fürst namens "Maavia". Diese Gestalt, die im Islam eine große Rolle spielt, ist erstmals auch historisch faßbar. Als Vasall des byzantinischen Kaisers, der diesen aber verriet, weil er sonst die Unterstützung im persischen Teil des Reiches verloren hätte. Und dieser Maavia ließ in Damaskus Münzen prägen, die Christus mit dem Kreuzglobus in der Hand darstellen.

Er wurde in diesem Jahr 662 im Südiran zum Emir gewählt, zum Amir al-Miminin. Und residierte in eben diesem Damaskus, in der auch die wichtigste Basilika der Zeit stand, die Johannes-Basilika (mit dem Kopf von Johannes des Täufers als Reliquie). 

Ein Jahr später nahm er den Kampf mit Byzanz wieder auf. Ein berühmter Inschriftenstein ist vorhanden, der mit einem Kreuzzeichen beginnt, und mit seinem Namen endet. Dieser bedeutet in Persien "oberster Schutzbewahrer", die wesentlichste Eigenschaft und der Legimitätsausweis eines Fürsten schlechthin. Daraus machte die islamische Tradition "Führer der Gläubigen", und schnitzte dem Mann eine schöne arabische Herkunfts- und islamische Glaubensgeschichte aus Mekka zu.

Die historisch faßbaren Daten um Maavi sind freilich etwas pragmatischer: Persien hatte immer schon ein Problem mit der Seekriegsführung. Maavi ließ nun 672 eine Flottenbasis nicht weit von Byzanz errichten, rüstete auf, und erlitt aber gleich zwei Jahre später eine furchtbare Niederlage vor der Stadt am Bosporus, woraufhin er dem byzantinischen Kaiser tributpflichtig wurde. Daraufhin erhob sich Widerstand im Osten, und Maavi wurde abgesetzt. Seine Spur verliert sich dann. Aufgrund zahlreicher Indizien kann aber als recht sicher anzunehmen gelten: Maavi war arianisch-arabischer Christ. Und auch als sicher gilt, daß noch im 9. Jhd. christliche (und buddhistische) Mission entlang der Seidenstraße (Persien- Afghanistan) stattfand.

Die muslimische Geschichtserzählung sieht das freilich ganz anders. Und macht aus ihm den ersten islamischen Kalifen. Historisch sicher ist aber etwas ganz anderes.



Morgen Teil 2) Im Anfang war da nur Christentum





***

Montag, 28. Oktober 2013

Zum Wesen des Geldes (2)

Teil 2) Nur die Juden haben Geld




Nur Juden bleiben noch internationale Händler von Waren (und Sklaven), sie können sich auch in der islamischen Welt problemlos bewegen. (Sie  haben deshalb auch noch eher Gold.) Und fast alle der wenigen Kaufleute, "Berufsspezialisten", die noch geblieben sind, die vom Handel leben, sind tatsächlich Juden. In enorm vielen Aufzeichnungen und Urkunden ist "Jude" mit "mercator" (Kaufmann) verbunden. Sie genießen im Frankenreich bald zahlreiche Vorrechte, weil die Könige sie als notwendig erkennen. Wer sie erschlägt, muß eine hohe Bußabgabe leisten. Nicht selten leisten sie sogar diplomatische Dienste, sind Verbindungsglied zur islamischen Welt, zumalen über Spanien. Schon um 830 tauchen erste Niederschriften auf, in denen man ihren Reichtum und ihre Privilegien beklagt.

Aber der Spruch erhält seine Begründung: daß jene Städte aufblühen, die zwei Dinge in ihren Mauern haben - Klöster und Juden. Es ist auch eine Tatsache, daß sie die Kirchenschätze ausbeuten (Geld!), und neben dem Gewürz- auch den äußerst lukrativen Sklavenhandel mit dem Orient betreiben. So manche Legende führt sich darauf zurück - etwa "Kinderraub". Aber nur dort gibt es noch Großhändler. "Jude" und "Kaufmann" wird sinngleich verwendet.

Doch verglichen mit der Zeit VOR den Sarazenenangriffen ist das Handelsvolumen bescheiden. Auch das für landwirtschaftliche Produkte. Vorher hatten auch Großgrundbesitzer Geld, zahlten ihre Steuern damit - nun nicht mehr. Weihrauch und Öl verschwinden aus den Kirchen, werden durch Wachskerzen ersetzt. Gegenden, wo Wein wächst, sind heiß begehrt - kaufen kann man ihn nicht. Klöster werden zu autarken Selbstversorgern.

Etwas Gold kommt auch noch über die Nadelöhre, die geblieben sind: Venedig und Süditalien mit ihrer Anbindung an Byzanz (wo es nach wie vor Gold und Geld gibt), und die Niederlande, als Knotenpunkt zwischen Skandinavien und Britannien. Über die Flüsse gibt es auch noch geringen Warenstrom ins deutsch-gallische Binnenland, wenn auch zunehmend schwer bedrängt von den Normannen, die alles plündern und verwüsten. Zunehmend werden die Städte deshalb zu Festungen, das Umland ist ja ständig verwüstet und "Niemandsland". Bis Otto dem Großen (bis 955) fallen auch ständig die Magyaren vom Osten her ein und rauben und brandschatzen, was ihnen in die Finger fällt.

Wie kamen die Skandinavier zu ihrem Gold? Über den Handel mit Byzanz und den Arabern - über die Wolga und das Schwarze Meer. So kommen auch noch geringe Mengen Gewürze, oder Seide, oder kunstgewerbliche Gegenstände nach Europa. Und ägyptischer Papyrus. Der bis ins 7. Jhd. allgemein Schreibmaterial war. Das viel teurere, aufwendiger herzustellende Pergament, fein geplättetes Leder, kommt deshalb auf.

Es gelang Karl allerdings nicht, die Geldprägung zu zentralisieren, obwohl er sie wieder als Königsrecht reklamierte. Nach ihm fiel es überhaupt wieder an Grafen (als Landesherren) und auch an die Kirche. Die Zeit der reichen Könige in Europa ist vorerst zu Ende. Wobei - bei so geringem Warenaustausch, war auch ein überregionales Zahlungsmittel kaum notwendig. Jede Stadt prägte also ihr eigenes Zahlungsmittel, es wurde ja nur regional umgesetzt. Das ging so weit, daß die Alpenpässe, die in die Provence führten (eines der von den Sarazenen am meisten heimgesuchten Gebiete) verödeteten, weil nicht mehr gebraucht wurden.

Auch mit dieser Silberwährung spaltete sich Orient vom Okzident, wo es nach wie vor Gold als Zahlungsmittel gab.




***

Sonntag, 27. Oktober 2013

Zum Wesen des Geldes (1)

Interessante Einblicke in das Wesen des Geldes erhält man, wenn man die Geldreform unter Karl dem Großen an der Wende vom 8. zum 9. Jhd. betrachtet, wie sie Henri Pirenne - unter diesem Blickwinkel - überzeugend darstellt. Durch das Wegbrechen des Mittelmeeres als Wirtschaftsraum war kaum noch Gold (in Münzenform) im Umlauf. Nur über die Ostsee und Skandinavien kam noch etwas Geld ins Land.

Der internationale(re) Handel brach weg, der Stand der Kaufleute, und speziell der der Großhändler verschwand. Von ihm ist nirgendwo mehr die Rede. Die Wirtschaft ging auf einen Naturalientausch zurück, der überall auf eigene Art geregelt wurde. Damit aber brach auch das Steuerwesen weg - es gab sie nicht mehr, nur noch in Form von Fronarbeit, oder als Naturalienabgabe. Vor allem die Zölle waren es ja gewesen, die die Königshäuser finanziell ausgestattet hatten. Unter Karl gab es erstmals keinen Königsschatz mehr.

Wie waren diese Goldmünzen zuvor entstanden? Fast jede größere Stadt hat sie geprägt. Woraus? Aus Dingen, die die Leute zum Einschmelzen brachten - Klöster, Kirchen etwa zahlten oft mit umgeschmolzenen Kultgeräten, die oft bewußt als Geldreserve aufbewahrt worden waren. Goldfunde und -abbau natürlich nicht zu vergessen.

Warum war Geld (Münze) notwendig geworden? Wegen der Eintauschfähigkeit im Mittelmeeraum bzw. international. Damit konnte auch in Bagdad gekauft werden, was zu erwerben wiederum in Europa gleichfalls Geld brauchte. Ware wurde also gegen Gold getauscht - und so kam Gold als Zahlungsmittel auch in Europa in Umlauf und Gebrauch. Bis Karl.

Karl hat das Goldgeld abgeschafft. Es war ja ohnehin kaum welches noch in Umlauf. Und hat die Währung auf das viel leichter zu beschaffende Silber umgestellt. Ausgehend vom Silber, wurde es in Gewichtseinheiten unterteilt zu Münzen umgeprägt. (Das englische "Pound Sterling" - Pfund - hat diese Erinnerung bis zum heutigen Tag bewahrt.) 

Man brauchte ja keine so großen Werte mehr, es gab ja seit den arabischen Eroberungsfeldzügen keinen Großhandel mehr. Zuvor war es auch üblich gewesen, daß sich mehrere Kaufleute zusammentaten, um größere Warenmengen zu kaufen und zu handeln - mit geliehenem Geld. Oder ... Sklaven. Heidnische Friesen oder Sachsen waren besonders beliebt, denn wenigstens den Handel mit Getauften hatte die Kirche erfolgreich bekämpft. Die Städte hatten ihre patrizische Bürgerschaft verloren, also gab es auch keine Absatzmärkte mehr.

Wie kam die Kirche zu dem Geld, zu Gütern? Vor allem durch Schenkungen, auch seitens der Kaufleute. Das fiel nun gleichfalls weg. Auch die Kirche also hatte (in Westeuropa zumindest) kein Geld mehr. Es gab keine Kapitalisten mehr, die Steuererträge pachteten (und damit dem König Geld ablieferten), keine Bürger die den Armen stifteten, keine Geldverleiher, die Geld verliehen. Das sogenannte "Zinsverbot", das die Kirche für ihre Diener ausgesprochen hatte, wird vom Staat übernommen. Aber das ist nicht primär Zeichen hoher Moral, sondern bezeugt nur den völligen Niedergang des Großhandels. Wen sollte es berühren? Als es sich bei Wiedererstarken der Wirtschaft hemmend ausgewirkt hatte, wurde es ohnehin wieder fallengelassen.

Das Explodieren der Zahl kleiner Marktflecken und Märkte, die, wenn sie nicht auch Münzen prägen, ohne königliche Erlaubnis abgehalten werden können, ist kein Zeichen florierenden Handels, sondern eher Notbehelf einer auf Naturalientausch und Handel in kleinstem Umfang ausgerichteten Wirtschaft, wo Nähe für Produzenten wie Verbraucher noch bedeutender wurde. Es gibt an Fertigwaren fast nur solche der bäuerlichen Wirtschaft, wie Töpfe, Schmiedearbeiten, Bauernleinen, was eben der örtliche Bedarf war. Die Zunahme von Märkten besagt also hier Verfall, nicht Prosperität.  Schon gar bei den vielen Normanneneinfällen in Gallien, die auch das Wirtschaftsleben schwer treffen. Und viele haben kleine Münzschlagestätten, so viel eben der örtliche Bedarf war.

Denn königliches Geld, ja allgemeines Geld überhaupt war kaum im Umlauf. Die oft unausweichliche Notwendigkeit zum kaum aber möglichen Handel wird zur beklagten Last.

Nur wenige überregionale, vielfach fahrende Händler kommen gleichfalls dorthin, und weil darunter viele Juden sind, verlegt man sie ... auf den Sonntag, um ihnen den Besuch zu erleichtern. Auch. Nicht nur deshalb. Die Verbindung von Kirchenfesten mit Märkten, beides Anlaß zur gesellschaftlichen Versammlung, zum Austausch, ist damals generell und häufig. Von dort stammt die Bezeichnung "Messe" für "Markt". Richtige internationale Märkte, richtige Messen, gibt es nur noch eine einzige im 9. Jhd. - in St. Denis. Einzig der Königs- bzw. Kaiserhof unterhält ein überregionales Versorgungsnetz, zum Teil durch privilegierte Kaufleute unterhalten.



Morgen Teil 2) Nur die Juden haben Geld






***

Freitag, 25. Oktober 2013

Ursachenkette

Eine interessante Verschiebung war der Grund für das allmähliche Ausdünnen der Macht der Merowinger, bis sie 751 im Übergang der Krone auf die Karolinger endete, schreibt Henri Pirenne.

Der große Reichtum der Merowinger beruhte - auf Zöllen und Wegegeldern. Die durch den blühenden Handel mit dem gesamten Mittelmeerraum über das gesamte 5.-7. Jhd. den königlichen Schatz füllten. Der Einfall der Sarazenen, in dessen Folge der Wirtschaftsraum des westlichen Mittelmeeres zum Erliegen kam, brachte aber den völligen Zusammenbruch dieser Einnahmenquelle. Die Küsten waren damit verloren. Marseille etwa, das noch im 6. Jhd. über 300.000 Einwohner hatte, verödete, die Häfen waren überall leer. (Seine Rolle als Brücke Europas mit der Levante und Asien sollte ab dem 9. Jhd. Venedig einnehmen.) Der zuvor noch selbständige, zahlreiche Stand der Kaufleute verschwand fast völlig.

Damit versiegten die Einahmen, damit konnte das Königshaus seine Macht immer schwerer aufrecht halten.

Erst kam das Buhlen um die Kirche, die mit mehr und mehr Privilegien ausgestattet wurde, was ihr eine enorme Stellung im Staat einbrachte. Aber man mußte sie an der Seite haben, die Macht zu stärken. Damit aber fielen weitere Grundlagen für Einnahmen weg - etwa die Grundsteuern. Wobei die Klöster ohnehin nie die großen Handelsknotenpunkte gewesen waren. Geld überhaupt wurde bald zur seltenen Erscheinung, es wurden kaum noch Münzen geprägt. Die Zahlungen aus Byzanz, das sich damit zuvor einen starken Verbündeten gegen die Langobarden hielt, fallen aus.

In Folge des Zusammenbruchs des Wirtschaftsraums Mittelmeer (er erholte sich erst ab dem 9. Jhd., aber nur im östlichen Teil, eben durch Venedig bzw. Byzanz und Süditalien, die je starke Flotte unterhielten, etwas das den Franken nie gelungen ist) verlagerte sich in ganz Gallien und Germanien der Wirtschaftsschwerpunkt nach Norden, ins Binnen- und Festland - namentlich auf den Boden, auf die bäuerliche Wirtschaft, den (geldlosen) Naturalhandel. Das hieß nun eine Stärkung der Grundbesitzer, und damit der Bauern und vor allem des Adels. Um diesen bei der Stange zu halten, wurden auch ihm nach und nach mehr Konzessionen gemacht, damit aber die Macht des Königshauses, die natürlich auf Geld beruhte, immer weiter geschwächt, bis der König ganz in der Hand des Adels war.

Nachdem das Meer versperrt ist, zerfällt aber die Ordnung in den Städten, an sich Säulen königlicher Macht. Damit fehlen die Patrizier, die Bildungsschicht, aus der die Bischöfe, Geistlichen und Verwaltungsbeamten rekrutiert werden. Und so gerät mit ihnen die Kirche im Süden Galliens in heillose Unordnung. Für Jahrzehnte, ja Jahrhunderte verschwinden Bischofssitze, werden nicht mehr besetzt. Damit fällt die letzte Stütze des Königs.

Ende des 7. Jhds. versucht das Königshaus noch einmal, die Verwaltung durch Beamte (aus niedrigerem Stand) zu zentralisieren - Macht zurückzuholen. Aber ohne Erfolg, es kommt zum Widerstand, bereits unter dem Argument mangelnder Legitimität, dem Widerstandsrecht gegen die "Tyrannei", den das Königshaus 680/83 verlor und teuer bezahle. Sie werden zu bald lächerlichen Schattenkönigen, und die Frage um ihre Herrschaft zur Frage um ihre Fähigkeit dazu. Anarchie bricht aus, das Land wird zerstückelt, das Königshaus kann sich nicht mehr wehren. Die Vormacht des Nordens - Austrasiens - in Gallien beginnt, unterstützt von den dortigen Bischöfen. Mit den schwachen Königen, die dennoch ein bis zuletzt mächtiger mythischer Volksglaube an die göttliche Sendung der Merowinger trägt, brechen erstmals Spannungen zwischen dem antik-romanischen Süden und dem germanischen - anti-antiken, aber immer mächtigeren - Norden auf. 683 übernimmt bereits ein nordgallischer (austrasischer) Hausmeier, der den König regelrecht ignoriert, die faktische Macht über das ganze Frankenreich.

Und auf dieser faktischen Macht wird dann die Entscheidung des Papstes Zacharias Bezug nehmen, als man ihn 751 fragt, wer die Königskrone tragen solle - der "legale" Merowinger, oder der, der die Macht eines Königs habe. Der Papst entscheidet sich für den Karolinger Pipin. Und weil er in Folge der Eroberung des Mittelmeerraumes durch die Araber und einem damit geschwächten Byzanz von den Langobarden bedroht wird, also die Franken als Schutzmacht braucht, bricht der nächste Papst Stefan II. 754 erstmals mit dem Kaiser in Byzanz, unterstellt sich dem Schutz Pipins - dem abendländischen Kaisertum unter Pipins Sohn Karl wird in der Folge der Weg geebnet.

Ohne Mohamed, ohne die Zerstörung der Einheit des Mittelmeerraumes durch die Araber, wäre es nie zu einem abendländischen Kaiser gekommen, und hätte sich keine römisch-germanische Kultur entwickelt.





***

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Der Islam unterwirft (2)

Teil 2) Was die Germanen anders machten




Und diese Katastrophe war zuallererst ... der Angriff der Sarazenen, die Eroberungskriege des Islam. Die Byzanz, das römische Reich völlig unvorbereitet trafen. Niemand hätte damit gerechnet, Byzanz erwartete stets die große Gefahr im Norden und Westen. Sie kam aus dem Südosten. Und versetzte binnen weniger Jahrzehnte der zur Gänze die römische Antike weiterführende Kultur in Europa den Todesstoß. Aus Arabien, das Erschöpfungsphasen der Nachbarn - vorübergehend in Byzanz, definitiv in Persien - nutzt, um sich blitzartig und wie in einem Wunder kriegerisch auszubreiten. Verglichen mit diesem Angriff des Islam sind die Germaneneinbrüche Randereignisse gewesen.

Dazu kamen, aber nur in dieser Gemeinsamkeit und Gleichzeitigkeit so schwerwiegend, die Eroberungs- und Zerstörungsfeldzüge der Magyaren und Awaren, die Europa in Angst und Schrecken versetzten, und Handel und Wirtschaft, das gesamte Kulturleben nachhaltig auf niedrigstes Niveau zurückgehen ließen.

Was aber macht die Araber so erfolgreich? Warum assimilieren sie sich nicht auch, wie die Germanen, denn sie sind zahlenmäßig in etwas der Größenordnung wie die Germanen. Der Grund ist geistig. Die Germanen nahmen allesamt das Christentum an. Die Araber aber waren von einem neuen Glauben durchglüht. Und das, das allein hat sie unassimilierbar gemacht. Sie übernehmen genauso schnell die die Germanen die Zivilisationstechniken des römischen Reiches. Und sie sind erst auch keineswegs fanatisch darauf bedacht, daß die Unterworfenen ihre Religion annehmen. 

Aber ihre Religion ist ein nationaler Glaube. Alle müssen sich Allah unterwerfen. Die Araber verstehen sich als Diener Gottes. Sie wollen nicht Bekehrung, sie wollen Unterwerfung. Sie herrschen, wo sie einbrechen, und es gibt keine Verschmelzung mit den Unterworfenen, die sie als würdelose, niedrige Geschöpfe betrachten, die sie allerdings dulden. Wer in ihre Kategorie aufsteigen will, muß sich zu Allah bekehren, ihre Sprache annehmen, mit seinem Vaterland und Volk brechen, das Recht Allahs annehmen. Die Germanen romanisieren sich, assimilieren sich - der von den Arabern eroberte Römer aber muß zum Araber werden.

Als das römische Reich christlich wurde, hat es seine Seele verändert. Als es islamisch wurde, mußte es Seele und Leib verändern.

Mit einem male zerreißt die Einheit des Mittelmeeres, und zwei unvereinbare Kulturen stehen sich (feindlich) gegenüber. Das Meer, das die Mitte der Christenheit gebildet hat, einen Kulturraum, wird nun zur Grenze. Eine tausendjährige ganz reale und kriegerische Bedrohung bricht an, zu Land (Spanien, Südfrankreich, Italien/Sizilien hier, Byzanz, später Balkan dort) wie zur See. Die erst im 16. Jhd. zur See, im frühen 18. Jhd. durch die Siege der Österreicher gegen die Türken zu Land endgültig entschärft wird. Aber der Islam bringt einen seit urdenklichen Zeiten bis ins 7. Jhd. florierenden Kulturraum zum Erliegen.

Mit dem Einbruch der Araber also erst endet die Antike, die Germanen fast unverändert weiter bestehen haben lassen, ja übernommen haben. Das ist der große Kultureinschnitt, nicht die Völkerwanderung. In Europa beginnt erst jetzt eine neue Epoche, das Mittelalter. Und es muß ohne das gesamte westliche und südliche Mittelmeer beginnen, das für viele Jahrhunderte eine mohammedanische See bleibt. Aber fast könnte man sagen, daß es erst in dem Maß aufzublühen beginnt, in dem das Mittelmeer - und damit die Antike - wieder lebendiger Teil dieser Kultur wird.




***

Dienstag, 22. Oktober 2013

Der Islam unterwirft (1)

Der Bruch mit der Antike geschah NICHT mit der Völkerwanderung. Diese Sicht ist zwar weit verbreitet, schreibt Henri Pirenne in "Karl der Große und Mohammed", aber sie ist schlicht falsch. Und er belegt seine These durch unzählige Beispiele.

Ja, es stimmt, daß Westrom irgendwann im 5. Jhd. aufhörte, gegen die Eindringlinge aus dem Norden weiter zu kämpfen. Es stimmt, daß viel zerstört wurde. Aber der große Tenor war, daß die Germanen zahlenmäßig viel zu wenige waren, aber vor allem: sich mehr oder weniger sofort, aber immer restlos assimilierten. Selbst von den Vandalen, die sich noch einige Zeit in Nordafrika als germanischer Stamm hielten, ging schon mit Geyserich keinerlei germanischer Einfluß mehr aus. 

Es sind keine 40.000, die als Westgoten in Gallien "einfallen", erst allmählich werden es durch Nachzüglinge und Abenteurer mehr. Es sind kaum 50.000, die als Ostgoten in Norditalien "einfallen" - Italien hat damals geschätzte 5 Millionen Einwohner. Als die Vandalen bei Gibraltar übersetzen, sind das den Berichten über die Schiffe nach höchstens 90.000 Menschen. Die römische Provinz Nordafrika ist nicht nur 5-7 Millionen Einwohner groß, sondern diese sind auch sehr vermögend, das Land schwelgt im Luxus. Die Vandalen assimilieren sich mit Wonne, und bald gehen sie auch dort in der einheimischen Bevölkerung unter. 

Wie überall anders. Spanien. Gallien. Thrakien und Schwarzmeer.

Das römische Reich baute sich nur um, glich bald einem Staatenbund unter römischem Kaiser. Alle, wirklich alle anerkannten ihn als Oberhaupt, er war die Schlichtungsinstanz, den auch die germanischen Könige anriefen, und alle, ausnahmslos, übernahmen die römische Lebensart, die Verwaltung, die Sprache (!), die Gesetze ... Selbst die Merowinger in Gallien. Sämtliche germanischen Staaten und Gebilde, die sich formten, bezogen sich auf diesen Kaiser, anerkannten ihn als Mittel- und Zentralpunkt, und machten ihre eigene Souveränität sogar an der Verleihung durch Ostrom fest, die Könige schickten ihre Söhne zur Erziehung nach Konstantinopel. Selbst die Beamten und Schreiber und Rechtsgelehrten blieben die seit je ansässigen, aus antikem Strom gebildeten Römer, deren Dienste sich alle Germanen bedienten. Es veränderte sich im Grunde gar nichts - sieht man davon ab, daß sich die römisch-hellenistische Kultur überlebt hatte, kraftlos und zu einem Formalschatten geworden war. Der aber nach wie vor funktionierte.

Mit einer großen Ausnahme - den Angelsachsen in Britannien. Die Insel war nie so stark romanisiert wie Gallien bzw. Mittel- und Westeuropa. Sodaß sich dort, über die Angeln und Sachsen, nordgermanische Eigenart ausfalten konnte.

Und mit einer späteren Ausnahme, den erst nur einsickernden Langobarden im Norden Italiens, dem ersten Germanenstamm, der sich Ostrom NICHT unterstellte. Aber das geschah erst spät, damit etwa gleichzeitig mit ...

Das Mittelmeer blieb bis zur Mitte des 7. Jhds. Lebensquelle Europas, das durch einen überaus schwunghaften Handel, den die eigentlichen Völkerwanderungswirren nur wenige Jahre oder Jahrzehnte unterbrechen konnten, um dieses Meer herum verbunden war. Mit enormem Einfluß aus dem Orient. Wäre es so weitergegangen, hätte sich Europa zur Gänze byzantinisiert. Syrische und byzantinische Handelsflotten sorgten - zu großem Teil mit dem Gold der byzantinischen Kaiser bezahlt, mit dem diese die Germanenkönige ruhigstellten, Allianzen schmiedeten, Westeuropa schwamm förmlich in Geld - dafür, daß die Waren und Kunstgegenstände des Orients Europas Geschmäcker befriedigten, und daß selbst ein simpler Gastwirt in Nizza mit Pfeffer und Gewürzen aus Indien und China um sich werfen konnte.

Die "germanische Kunst" dieser Zeit war (auch über die Sklaven, die handwerkliche Arbeiten ausführten) zutiefst orientalisch geprägt, hat mehr Verwandtschaft etwa mit Armenien, Syrien, das "Gotische" atmet aus iranischem Einfluß. Die Goten in Italien haben niemanden verdrängt, im Gegenteil, sie haben alle vorhandenen Strukturen übernommen, alles Eigene fast restlos aufgegeben, und sich nur zusätzlich eingenistet. Sie wollten dort in Ruhe und Wohlstand leben und arbeiten, wie die bewunderten Römer.

Die "neue Welt" des frühen 7. Jhds. war immer noch die eine antike Welt des Mittelmeeres, noch immer der lateinische Sprachraum, mehr oder weniger sogar ein Währungsraum (die Münzen tragen fast ausnahmslos römische Kaiserbildnisse, auch die von Germanen geschlagenen), und auf sie richtet sich auch der politische Wille, der Bildungsbegriff, alles Abzielen der germanischen Könige und Völker. Die Wirtschaft blüht allerorten, man baut zahllose Kirchen und Klöster (auch das: orientalischer Einfluß) und neue Monumentalbauten. Nichts hätte das antike Rom als Kultur wirklich abgebrochen. Es wird mehr als geschätzt, es ist das Ideal, wird in den Klöstern gesammelt, an privaten und öffentlichen Schulen unterrichtet.

Hätte. Wäre. Wenn. Denn dann kam wirklich eine Katastrophe, und sie durchtrennte diese Schlagader Europas tatsächlich. Damit erst wurde wirklich Europa zivilisatorisch weit weit zurückgeworfen, ins "finsterste Mittelalter" gestoßen.



Morgen Teil 2) Was die Germanen anders machten




***

Sonntag, 25. Juli 2010

Heilige Weisheit

Als Sultan Mehmed der Eroberer, am späten Nachmittag des 29. Mai 1453 in das gefallene Konstantinopel einritt, langsam, durch die Hauptstraße, auf die Kirche der Heiligen Weisheit (Hagia Sophia) zu, stieg er, dort angekommen, vom Pferd, bückte sich, und nahm eine Handvoll Erde. Die streute er sich über den Turban. Eine uralte Demuts-Gebärde.

Alsdann betrat er die Kirche, und schwieg. Da sah er einen seiner Soldaten, der sich in dem großartigen Gotteshaus mit einer Axt zu schaffen machte, die Kirche plünderte. Da schritt der Sultan auf ihn zu und fragte ihn, warum er das tue!? Der Soldat antwortete: "Um der Rechtgläubigkeit willen!"

Da zog der Sultan seinen Säbel, und schlug auf den Soldaten ein, und vertrieb ihn. Jetzt erst bemerkte er angstvoll in Nischen verborgene Griechen. Er deutete ihnen hervorzukommen, beruhigte sie, und versicherte ihnen, daß ihnen kein Haar gekrümmt werde.

Dann trat er vor den Altar, und betete.


*250710*

Mittwoch, 12. Mai 2010

Dionysisches Wien

Es waren die byzantinischen Kaiserstöchter, welche die Babenberger Herzöge Heinrich II. "Jasomirgott", und gleich darauf Leopold VI. im 13. Jahrhundert geheiratet hatten, die bewirkten, daß die österreichische Hauptstadt Wien als Ort der Lebenskultur und -freude entstand. Denn die Töchter einer überlegenen Kultur bewegten ihre Gatten, von ihrer Feste am Kahlenberg herunterzusteigen, und Wien als Lebensort zu wählen.

Sohin verdankt sich Wien griechisch-antiker Kultur! Wie sich überhaupt der Raum des östlichen Mitteleuropas von der Antike her, durch Handel und Lebenskultur, mehr beeinflußt zeigt, als er es direkt durch römische Besiedelung und Herrschaft sein konnte.

Was sich sehr deutlich - an der Entwicklung der Dicht- und Liedkunst (anfänglich ohnehin untrennbar) zeigt. (Und es zeigt sich - im Tanz!) Hier in Wien traf die antik-griechische Liedkunst auf die Inhalte der hier ansässigen Völker. Und bot für die Entwicklung einer Literatur die Gefäße reifer Formen, die sich in diesem Erlebensfeld ständiger Todesnähe - Wien, Ostarrichi, war reine Grenz- und Festungsmark des Reiches gegen die Völker aus dem Osten - mit ihrem Gegenpol, ausgelassener Lebenslust, gefüllt haben.

Entsprechende Charaktere wanderten also auch hierher aus: die "auf verlorenem Posten" wenigstens mit zahlreichen Privilegien begünstigt ein Leben hoher Gefährdung auf sich nahmen.




*120510*

Samstag, 27. Juni 2009

Ein Satz wie eine Bombe

In seinem Essay über Toynbee, über die Lebensphasen von Kulturen, über Byzanz, das im osmanischen Reich seinen Körper aufgelöst hat und deshalb in unserem Bewußtsein so wenig präsent ist (sieht man von ihren Resten in der russischen Kultur und Orthodoxie ab), schreibt E. R. Curtius in einer Fußnote einen Satz, der wie eine Bombe erschüttert, weil er den wesentlichen Moment des Schöpferischen einfordert, dabei eigene Dekadenz bewußt macht: Daß Kultur den Willen zur positivistischen Tat braucht.

"Selbstausdruck ist nicht Schöpfertum!"

Selbstausdruck an sich ist statisch und unfruchtbar, bedeutet ferner den Verzicht auf Deutung, auf Einordnung in einen Sinnhorizont. Gerade in den Erzeugnissen der Kunst ist dies deutlich beobachtbar.

Curtius schreibt in diesem Essay übrigens weiter: In der letzten Phase einer Kultur, der Auflösung, die dem Niedergang folgt, hat der Einzelne im sozialen Verhalten nur noch die Wahl zwischen Mimesis (der Anpassung unter Selbstauflösung), und dem Martyrium.

(Nur in letzterem übrigens kann jene Klammer überleben, die Revolte mit Altem zur Zukunft verbindet.)

Unterscheidbar in je aktive und passive (persönliche) Tendenzen, zeigen sich in dieser Auflösungsphase Tendenzen von Archaismus (Beschwörung der Geister der Ahnen im "zurück zu"), und Futurismus (vergleiche die ständig neuen "Weltkatastrophen- und -rettungsideen"), in den Polen "Schuldbewußtsein" und beiden gemein ist die Flucht aus der Gegenwart, womit sie die Auflösung manifestieren, anstatt sie zu lösen. Während der Archaismus (der Begriff ist von Toynbee) einen Rückschritt zur Primitivität bringt, ergeht sich der Futurismus in Vermeidung der Passivität in die sinnlose Bewegung des Hamsters im Tretrad.

Im Sozialgefühl geht jedes "Stilgefühl" verloren, wie es einer wachsenden Kultur innewohnt. Die Seele überläßt sich der Formlosigkeit, und "im Schmelztiegel der Promiskuität" (cit. Toynbee) vermischen sich unvereinbare Traditionen und Werte. In Religion und Philosophie wirkt sich das als Synkretismus aus. Dem steht (im aktiven Part) das Streben nach einem Einheitsstil, einer Einheitsform entgegen, die das Chaos im Einzelnen durch eine kosmische (Zwangs-)Ordnung ersetzen will.

Dies alles auf der Grundlage eines "quälenden Gefühls des Versagens" als beherrschendem individuellem Empfinden.

[Was sich mit der hier schon mehrmals untermauerten Analyse trifft, daß das größte heutige Problem jenes der unbewältigten Schuld ist: Unser Leben besteht nahezu ausschließlich bereits aus Mechanismen der Schuldverdrängung statt -bewältigung (die nur durch Verzeihung möglich ist - ohne Religiosität ist Bewältigung also unmöglich)].

Im geistigen Bereich - um dieses Thema an dieser Stelle abzuschließen - findet Toynbee die Analogie in den beiden Polen "Apathie" (in Herstellung von "Unverwundbarkeit" - vom Mystizismus bis zur Stoa, buddhistische Auflösung etc., aber als Verzicht auf Selbstbestimmung auch durch die Betonung der Extreme "Zufall" und "Notwendigkeit") und "Verklärung."

Letztere, im Verbund mit der Loslösung eher dem futuristischen Aspekt (des Aktiven) entsprechend, ist ein Weg zu einem tatsächlichen geistigen Wandel, und sohin dem mythischen Schema "Rückzug und Wiederkehr" gleichzustellen - Rückzug in die Wüste, und Wiederkehr auf veränderter Basis.




*270609*