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Dienstag, 22. Januar 2019

Fanatischer Wüstenmensch vs. Schöpferischer Waldmensch

"Die trockene Trunkenheit des Orients kommt von der Wüste, wo heißer Wind und heißer Sand den Menschen berauschen, wo die Welt einfach und problemlos ist. Der Wald ist voller Fragen. Nur die Wüste fragt nichts, gibt nichts und verspricht nichts. Aber das Feuer der Seele kommt vom Wald. 

Der Wüstenmensch - ich sehe ihn -, er hat nur ein Gefühl und kennt nur eine Wahrheit. Der Waldmensch hat viele Gesichter. Der Fanatiker kommt von der Wüste, das Schöpferische vom Walde her."

Kurban Said (geboren als Lew Abrahamowitsch Nussimbaum in Tiflis, Georgien, +1942),
in seinem Roman "Ali und Nino"


Navid Kermani schreibt dazu in "Entlang den Gräben":

"Natürlich liegen zwischen Marokko, Jemen, Indien unterschiedliche Klimazonen, es gibt fruchtbare Ebenen, tiefgrüne Flußdeltas wie am Nil. Steppen, Meeresküsten und Seen, Gebirge mit Wiesen, blumenübersäten Hängen oder ewigem Schnee, im Norden Irans sogar Urwälder. 

Aber die Wüste ist doch, wenn mein innerer Atlas nicht ein weiteres Mal irrt, nirgends weiter als zwei, drei Tagesmärsche entfernt, und eben das macht den Orient aus, seine Teppiche wie Gärten, seine Kunst als Abbild einer tatsächlich gegenstandslosen Welt, seine Ornamentik als Formel für den unendlichen Horizont, seine Gastfreundschaft eine Notwendigkeit, Lebensversicherung für den Gastgeber selbst. 

Womöglich lassen sich sogar manche der Schwierigkeiten, die die Demokratie im Orient hat, mit der Wüste erklären, da sie den Kontrast zwischen Stadt und Land verschärft - keine größere Oase, die je vor Räubern, Eroberern, Vandalen sicher war. Die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft beschränkte sich schon aufgrund der Topographie auf wenige Zentren, deren Gefüge zudem permanent durch die Landflucht durcheinandergeriet.

So ist die Wüstengesellschaft bis in die Städte hinein nach Clans und Stämmen segregiert. Heute setzt sich der mythische Gegensatz zwischen Nomaden und Siedlern in den Elendskordons um die Metropolen fort. Alle Städte und selbst die Gärten - nein, gerade sie - sind als Zuflucht und paradiesische Gegenwelt vom Nichts ringsherum geprägt, das man als Möglichkeit in Europa allenfalls in unzugängigen Gletscherregionen kennt. 

Es wird schon kein Zufall sein, daß die Propheten biblischen Zuschnitts, diese Warner, Sonderlinge, Dichter, Visionäre, die ihren Zeitgenossen als Fanatiker galten, wenn nicht aus der Wüste selbst, dann doch aus ihrer Nähe kamen, in die Wüste auszogen, die Wüste überlebten, aus der Wüste heraus predigten, paradigmatisch die Wendung von Jesaja 40, "Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste ...", die auch in der Bibel selbst oft zitiert wird. 

Wohl nirgends sieht sich der Mensch so unmittelbar einer höheren Gewalt ausgesetzt, die er in Not, Bitte oder Klage anruft, als wo seine Bedürftigkeit mit jeder Tagesetappe, jedem Wetterumschwung, jeder Fata Morgana wächst. Und nirgends empfindet er das Leben stärker als Schöpfung, damit als Geschenk, als wo er vom Nichts umgeben ist. "Die Wüste ist wie die Pforte zu einer geheimnisvollen und unfaßbaren Welt."




*301118*

Sonntag, 20. Januar 2019

Ein hoher Begriff von Ehre

Zwar war es kein Problem für einen echten Tschetschenen, daß der Imam Schamil als Aware geboren war, aber sein späterer Verrat wog schwer. Dennoch, Hauptsache er war nicht aus Dagestan. Denn von dort kommen bis heute für einen echten Tschetschenen nur feige Verräter. Und dieses Urteil hat eine historische Wurzel. 

Denn immerhin hatte es der Imam im Kampf gegen die Russen 1845 in einer Entscheidungsschlacht geschafft, durch die vereinten Dagestaner und Tschetschenen ein beträchtliches Territorium am Kaukasus zu einem Emirat Nordkaukasus zu erstreiten, in dem freilich viele Völker lebten. Sein engster Mitstreiter war dabei der Tschetschene und Imam Beno Beisungur, von ihm wird in Grosni bis heute gesungen. Denn der war von anderem Holz, erzählt Navid Kermani in "Entlang den Gräben" an einer Stelle.

Doch dieser letzte Sieg war ein Pyrrhussieg. Den vereinten Kaukasiern fehlte fortan die Kraft, sich gegen das riesige Russenheer zu behaupten. Auch für Beisungur hatte der Kampf Folgen. Bei der Entscheidungsschlacht über die Russen verlor er sowohl seinen linken Arm als auch sein linkes Auge. Und bei einer weiteren Schlacht auch noch sein linkes Bein. Beisungur aber ließ sich, kaum waren die Wunden ausgeheilt, mit einem Lederriemen auf sein Pferd binden und führte seine Männer in die nächste Schlacht gegen den russischen General Woronzow.

Kaum waren die feindlichen Truppen einander am Feld begegnet, da preschte ein Hüne von Kosak vor und forderte mit höhnend-donnernder Stimme den Gegner zum Zweikampf heraus. Sofort preschte Beisungur vor und stürmte im Galopp dem Kosaken entgegen.  Das Gefecht lief blitzschnell ab, nur einige Schwerthiebe wurden gewechselt. Dann machte Beisungur kehrt.

Als er ins Lager zurückgekommen war, sah man, daß er eine klaffende Wunde auf der linken Schulter hatte. Der Oberbefehlshaber, Imam Schamil, reagierte aufgebracht: 

"Warum bringst Du Schande über uns? Du bist verwundet, der Kosake sitzt aber noch im Sattel!"
"Warte, bis er sein Pferd bewegt," raunte Beisungur. Und tatsächlich: Kaum machte das Pferd einen Schritt nach vorn, fiel der Kopf des Kosaken zu Boden.

Im weiteren Verlauf des Krieges drängten aber die Russen (die schließlich eine Armee von 240.000 Soldaten in den Kaukasus beordert hatten) die Aufständischen in die Provinz Dagestan. Immer mehr Scheichs und Fürsten, alle aus Dagestan, wandten sich von Imam Schamil ab. Bis der in der Festung Schamib belagert wurde, und aufgab, um das Leben seiner Tochter und seiner Frau zu schonen. Er wurde nach Moskau gebracht, wo er in ein feuchtes Kellerverlies gesteckt wurde, wo er auch starb. Von dort aus aber schrieb er noch einmal einen Brief an Beisungur, der solle den Kampf aufgeben, der so viele Opfer koste und doch nicht gewonnen werden könne.

Beisungur antwortete voller Verachtung, daß er nicht wie der Aware Schamib den ehrenhaften Tod in Freiheit dem schmachvollen Leben in Knechtschaft vorziehe. (Wenn auch das, was Schamib getan hatte, für die Tschetschenen den Verrat der Ehre noch wenigstens verstehbar machte, denn Familienbande sind ihnen selbst das Allerheiligste.) Und er hielt den Widerstand gegen die Fremdmächte aufrecht. Es gelang ihm tatsächlich, einen nächsten Aufstand zu organisieren. Doch am 17. Februar 1861 geriet er in einen Hinterhalt, wurde gefangengenommen und zum Tod durch Erhängen verurteilt. 

Um den, der ihnen so hohe Verluste beigebracht hatte, besonders zu erniedrigen, ließen sich die Russen etwas einfallen: Auf Befehl mußten sich Hunderte der besiegten Kaukasier am Kirchplatz in Kjasaw-Jurt versammeln, vorgeblich nur, um der Hinrichtung beizuwohnen. Die Trommeln rasselten, stoppten aber plötzlich. Ein Offizier trat vor und verlas ein Edikt des Zaren. Darin versprach dieser demjenigen der Kaukasier eine hohe Belohnung, der die Hinrichtung vollstrecken würde. Doch keiner der Kaukasier meldete sich, es war totenstill. 

Da trat ein Dagestaner vor. Er würde es tun. Als Beisungur dies sah, stieß er - mit dem einen Bein stehend, den Kopf in der Schlinge - selbst den Schemel zur Seite, auf dem er stand, und erhängte sich.  Es wäre zu ehrlos gewesen, sich ausgerechnet von einem Dagestaner erwürgen zu lassen. In der Ehre aber wurde er tatsächlich unsterblich.





*281118*


Dienstag, 15. Dezember 2015

Die Sorge gilt dem wahrscheinlichen Einzelfall

Selten genug gehörte, deshalb kaum bekannte, aber wichtige Gesichtspunkte zum Islam, die wesentliche Gesichtspunkte aufzeigen, die den Islam besser begreifen lassen, bringt dieser TV-Beitrag in der ersten Viertelstunde (dann wird's langweilig weil nur das Übliche breitgetreten wird). Sichtweisen, die innerhalb islamischer Gesellschaften schwere Probleme bewirken. Das Bild wird noch weiter, wenn man dazu Analysen wie jene von Hilaire Belloc, der die psychosozialen Wurzeln beleuchtet, kennt.

Diese Zusammenschau wird umso bedeutender, wenn man berücksichtigt, daß es keine belastbaren historischen Belege gibt, daß es einen "Propheten Mohammed" überhaupt je gegeben hat. Eine solche Figur als gegeben anzunehmen widerspricht sogar aller historisch-wissenschaftlichen Evidenzlogik. Es ist aber eine mit Todesstrafe für Kritik belegte Selbsterzählung des Islam. Ein spät erst aufgetauchter Gründungsmythos, den der Westen der Neuzeit gehorsamst und angsterfüllt übernommen hat.





*151215*

Sonntag, 29. November 2015

Daseinsgestalten

Man fragt sich, wann Jean Paul eigentlich die Landschaften betrachtete, die er so herrlich beschrieb, wann die großen und kleinen Dramen oder auch nur die Langeweile erlebte, denen er einen so präzisen Ausdruck gab. Seine Begegnungen mit Frauen gerieten bei weitem nicht so stürmisch wie die Affären Hölderlins, der weltfremd oder nicht als junger Mann ein Herz nach dem anderen brach. Selbst die Erzkiehung der eigenen Kinder, die ihm unter den wenigen Freuden des täglichen Lebens noch die größte bereitete, verwertete Jean Paul beruflich, indem er mit Levana sogleich ein monumentales Handbuch zur Pädagogik verfaßte. 

Ich selbst schreibe seit vier Jahren einen Roman, der nichts anderes tut, als meine Gegenwart gegen die Zeit zu imprägnieren und wenn schon nicht die, wenigstens eine untergesunkene Welt aus dem Meerboden der Vergessenheit heraufzuholen, um es mit dem Satz zu sagen, der auf der letzten Seite von Selina steht:

"Aber ist das Erinnern und Heraufholen untergesunkener Zeiten aus dem Meerboden der Vergessenheit nicht ein Beweis, daß es gleichsam noch ein ätherisches zweites Gehirn gibt, das vlo0ß vom schweren drückenden des Tags befreit zu sein braucht, damit es den feinern ätherischen Anregungen des Geistes folgsam sich bequeme?" [cit. J. Paul]

Mag sein, nur praktisch hat das ständige Erinnern und Heraufholen zur Folge, daß ich vom Dasein, das so wertvoll sei, nichts mehr habe außer Kindererziehung und Schreibtisch. [...] Manchmal frage ich mich, wenn ich so am Schreibtisch sitze: Was denken sie über mich, die mich vom Haus gegenüber immer am gleichen Platz sehen, wachen morgens auf und sehen mich, verbringen alle Tag zu hause und sehen mich, kommen nachmittags von der Arbeit und sehen mich, auch jetzt wieder [...] was macht der da bloß [der da nur am Schreibtisch sitzt; Anm.]?, was ist das für einer?, zumal sie nicht wissen kann, daß die Wohnung nur mein Büro ist und ich darin tatsächlich nichts anderes tue als am Schreibtisch zu sitzen.



Navid Kermani, in "Über den Zufall"




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Sonntag, 22. November 2015

Man muß das wissen

Es gibt das alles nicht mehr, was den Islam schön, ja zu einem der Höhepunkte der Poesie der Weltgeschichte machte. Das heutige Klima im islamischen Raum ist geprägt von einem Verlust von Freiheit und Kultur, einem Bruch mit der eigenen Tradition, daß man seine extremistischen Ausprägungen als Krieg der Islamisten gegen den Islam bezeichnen muß. Es ist der vorläufitge Höhepunkt einer Entwicklung, die schon seit mehr als hundert Jahren, spätestens im 19. Jhd. beginnend, die islamische Kultur und Tradition mittlerweile fast restlos zu zerstören begann. Die heutige Kultur in diesen Ländern hat mit dem Islam nichts mehr zu tun. "Was uns heute dort um die Ohren fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion." Es gibt die islamische Kultur nicht mehr. Während die muslimischen Menschen selbst ... den Westen als Modell sehen, unter dem sich im Gegensatz zu ihren eigenen Herkunftsländern frei und schöpferisch leben läßt.

Der Islam hat sich längst selber den Weg dazu verbaut, durch den politisierten Islam, wie er seit dem 19. Jhd. zunehmend herrscht, die Weite und Tiefe der islamischen Religion zu erfassen. Dabei wird der entscheidende Zugang zum Islam sogar verboten - der nämlich poetologisch ist, ja so weit gehen kann, daß man den Koran überhaupt als poetischen Text verstehen könnte. Wer das heute noch tut - eingebettet in das Begreifen der Poesie überhaupt, als Eintrittstor für die wirkliche Wirklichkeit, als Inkarnation des Heiligen, aus dem die Welt überhaupt erst ist und wird; Anm. - wird seines Lehramtes enthoben, mit Sprechverboten belegt und verfolgt.

Wer über den Zustand des Islam Kenntnis erlangen möchte, seine gesellschaftliche Stellung in sogenannten islamischen Ländern selbst, seinen Zustand in dieser gegenwärtigen Weltsituation, sollte die Rede von Navid Kermani anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015.  Ja, man MUSZ diese Einschätzung der iranischstämmigen, sich selbst aber als Deutschen bezeichnenden Muslim gehört haben, will man sich ein Bild machen. Denn er erzählt viele Dinge, die in Europa vermutlich bis dato einfach unbekannt waren. Wir erleben heute, so Kermani, die endgültige Auslöschung ganzer Kulturen und Ethnien - und der Westen nimmt es nicht wahr, reagiert nicht darauf, und sucht ausgerechnet mit jenen Allianzen, die diese Zerstörung vollenden.

"Vielleicht hätten wir weniger auf den Islam der Großdenker, sondern auf den Islam unserer Großmütter hören sollen."

Man ist mit Attributen in den Medien heute sehr schnell, und meist sind sie auch bloße Propaganda geworden. Aber diesmal stimmt, was es zu dieser Rede Navid Kermanis heißt: Es ist wahrlich eine bewegende Ansprache.

"Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Aber ich weise darauf hin, daß es ihn gibt. Und daß wir darauf angemessen reagieren müsssen."








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Dienstag, 17. November 2015

Das gilt auch für Paris

Natürlich ist es Unsinn zu behjaupten, Islamismus hätte nichts mit Islam zu tun, und die Penetranz, mit der diese Ausage auftauht, macht sie nicht klüger, nur noch verdächtiger. Mit Recht. Umso mehr verwundert sie, wenn sie aus katholischen Kreisen kommt. Denn gerade die Kirche ist das reale Mysterium der Einheit in einer Universalie, und ginge man davon aus, wieviele Christen das "Wahre Christentum" vertreten, käme man auf genau Null Prozent. Weil genau das gilt, was Kardinal Newman einmal so formulierte: Wo immer ich sündige, glaube ich nicht, bin ich häretisch. Und jeder sündigt des Tages sieben mal siebzigmal. 

Diese Einheit unter einer Universalie - Kirche - ist eine die nur schon durch Taufe gestiftet wird. Sie zu erfüllen ist dann Aufgabe jedes Einzelnen. Und sie ist eine Aufgabe, sich von der Wahrheit durchdringen zu lassen. Das nur in der Schrift zu verankern widerspricht dabei nicht nur der Anthropologie, es funktioniert einfach nicht. Denn jede Schrift braucht um überhaupt verstanden zu werden den geistigen Hintergrund, die (wenn man so will) real geformte Archetype der Gestalt, um eine Aussage überhaupt aufnehmen zu können. Nur in der Tradition einer ungebrochenen, weitgehend zumindest homogenen Überlieferung läßt sich ein Text verstehen, so wie sich eine Sprache nur verstehen läßt, wenn in ihr als Muttersprache der gesamte Kontext der Wirklichkeitsbezüge des mit den Worten Gemeinten, Symbolisierten übernommen wurde.

Der Islam zeigt genau diese fundamentale Schwäche, der auf die wesentlichste Quelle seiner Herkunft zugleich verweist - das arianische Christentum des syrisch-arabischen Raumes, das eben nicht an den inkarnierte Gott glaubte, sondern für die das Wort Gottes durch Propheten vermittelt alleiniger Anhaltspunkt bleibt. So sehr, daß sogar eine linguistische Analyse des Koran innerhalb des Islam kaum möglich ist, weil es diesen Anker prinzipiell gefährdet. Zwar hat man ihn immer wieder festzunageln versucht, sei es im Kalifat, sei es in der Stellung einer Schule, wie der Al Acqsa Moschee in Kairo, aber es hat nie gereicht, die Autorität für den gesamten islamischen Raum zu erlangen, und reicht heute schon gar nicht.

Aber damit bleibt der Islam tatsächlich Interpreationssache, und welche Interpretation richtiger ist, kann objektiv gar nicht festgestellt werden, bleibt eine Frage der Vorliebe. Nur aus dem Text alleine läßt sich alles und jedes behaupten wie widerlegen. Ähnlich wie bei der Bibel, wie die tausenden protestantischen Gemeinschaften und Splittergruppen beweisen, die deren "sola scriptura" bewirkt hat. 

Auf einen "friedlichen Islam" zu hoffen bleibt deshalb eine pure Frage des Zufalls. Das gilt auch für so wunderbare Interpreten wie Navid Kermani, in dessen Büchern sich so wunderbare Aussagen finden, daß das Christentum schon zum Greifen nahe liegt (ohne freilich einfach in dieses je übergehen zu können, es wird immer an einer Grenze, die einem Quantensprung und nicht einem Additivum gleichkommt, stehen bleiben wird müssen.

Aber das gilt gar nicht viel weniger und schon gar nicht anders (sieht man vom sakramentalen Charakter der Kirche ab) von jeder Vereinigung, der man zubehört. Ob das der Taubenzüchterverband ist, die EU oder NATO, das TTIP, der Zugehörigkeit zu einer Nation oder einer Volksgruppe oder der Weltvereinigung der Chorsänger - immer steht eines für alles, und alles wirkt in das eine. 

Das sollten Katholiken eigentlich wissen und so sehen. Den Einzelnen also in seinem identitären Rahmen dieser Zubehörigkeit anzusprechen ist keine ungerechte Diskriminierung, sondern schlicht Realismus. Jeder Katholik weiß, daß die Sünde des anderen ihn genauso affiziert, wie seine eigene diesen. Weshalb das eigentliche Wesen des Katholizismus - und das ist ja sein Geheimnis der Erlösung! - die SÜHNE auch, ja vor allem für die Schuld des anderen ist. Wo die Kirche nicht heil ist, heilig ist, nicht glaubwürdig ist, bin ICH es, auch wenn ich die Einzeltat des anderen nicht begangen habe. Das entspricht eben dem organismischen Charakter von (geistigen) Wesenheiten, von Universalien, die im Konkreten sehr real sind.

Auch das bildet im Weltlichen eine Analogie. Etwa in einem Unternehmen, zur Illustration. Wo ein Mitarbeiter Scheiße baut, leidet die gesamte Firma. Und wo einer Erfolg hat, kommt es dem Ganzen zugute. Und deshalb ist es sehr wohl berechtigt sich mitzufreuen, wenn ein Österreicher den Weltcup der Slalomfahrer gewinnt, so wie dort, wo eine Fußballmannschaft ein Spiel verliert - und die ganze Nation betrübt ist. Eines ihrer Organe hat versagt, oder gesiegt, das Ganze aber ist davon affiziert. Auf seiner Ebene, die auf eine Weise die letzte ist, auf andere aber sogar die erste, aus der sich ein Teil real definiert.

Und wenn Paris im Blut ersäuft, weil Islamisten es mit Bomben überziehen, ist es in diesem Rahmen durchaus auch eine Angelegenheit ganz Europas, dem DER ISLAM explizit gegenübersteht. Das nicht sehen zu wollen war immer schon naiv und gar dumm, vor allem aber ist es verantwortungslos.

Und man muß die Frage stellen, ob eine Interpretatoin des Islam als spirituelle, friedliche Kraft nicht bereits eine christlich inspirierte Sichtweise ist, die von den natürlichen Gegebenheiten der Muslime in vielen Fälle gar nicht mitgetragen werden kann. Denn es ist der Habitus, der eine Interpretation ergibt. Und der Habitus der islamischen Welt ist - eine soziale Bewegung der unteren Schichten (s. u. a. H. Belloc), die nach oben drängen, der Emporkömmlinge, der Konvertiten (!), der politischen Absicht. Der deshalb genau von jenen Schichten nicht mitgetragen wird - das entspricht auch der Erfahrung des VdZ mit Muslimen, und daraus hat er sehr intime Einsichten gewinnen können - die produktiv und aktiv ihr Leben gestalten, und nicht glauben, ihr Leben zusammenrauben zu können.³ Der VdZ hatte die Gelegenheit, in sehr engen Kontkat mit einer solchen jungen muslimischen Familie in Wien zu kommen, die ihr Leben im Grunde bereits aus dem - heidnischen, gewiß, aber damit in die Wahrheit verweisenden - Geheimnis des Kreuzes heraus lebten. Wo eine Religion wahr wird, in der Haltung der Offenheit gelebt wird, kommt sie eben unausbleiblich in die Gefielde des Christentums. Im genannten Fall: Weil sich aus dem schweren Los dieser Familie auf natürlichem Wege gewissermaßen das Kreuz als DER Weg. als der einzige Weg der Lebensbewältigung zeigte. (So nebenbei: Es hatte der Mann dieser jungen Familie, aus der Türkei nur der Frau wegen, die bereits in dritter Generation in Wien geboren und aufgewachsen war, zugezogen, keinerlei Probleme, binnen kurzem einen anständig dotierten Arbietsplatz zu finden, weil er ganz offensichtlich sehr wirklichkeitszugewandt und leistungswillig war.)

Sodaß hier aber der Punkt ist klar von Mitschuld bei jenen zu sprechen, die einer Zuwanderung durch Muslime nach Europa das große Wort geredet haben, ohne sich offenbar Gedanken gemacht zu haben, wie diese Konvertibilität überhaupt real erzielbar sei. Sei es bei dem bereits Geschehen, sei es bei dem daraus zukünftig zu Erwartendem weil keineswegs Undenkbarem, sei es durch das Risiko des gar nicht Abschätzbaren. Eine "Integration" ist nicht einfach per "Werte" erreibhar, sondern diese Werte müssen in der Lebenshaltung und damit in der Religon und damit in der Konversion zum Christentum (als eben die Erfüllung dieser eigentlichsten islamischen Wurzeln) als Wurzeln des volle(re)n Menschseins überhaupt verwurzelt sein.

Es ist deshalb auch und gerade nach Paris der GANZE Islam, der hier mit Recht einmal mehr im Feld der Kritik steht.* (Eine Scheu, die dem Christentum gegenüber faktisch ja auch nicht besteht.) Und keiner Splittergruppe, keiner frommen Friedensgemeinde egal wo steht es zu, sich davon pauschal zu distanzieren, mit dem Spruch "Jaaa, aber das ist ja nicht DER Islam."

Ein Islam, den selbst Navid Kermani nicht mehr findet, wie er bei seiner jüngst gehaltenen Ansprache in der Frankfurter Paulskirche traurig vortrug, weil er durch diese Festmachungen s.o. seit über hundert Jahren nahezu totgeprügelt wurde. Und dessen eigentlichen Wert ohnehin nur der begreift, der das heilige Wesen der Poesie begreift.²

Es ist nicht unsere Aufgabe, dem Islam etwas zuzusprechen, das er nicht hat, das wir als Europäer, als Abendländer aber als unumgänglich wissen: ihn zu definieren, oder ihn als Ganzes (mit organismischer Struktur) zu sehen. Solange der Islam selbst es nicht schafft, von DEM Islam unisono zu sprechen, ist deshalb auch jedes Gerede von "Interreligiösem Dialog" nicht mehr als eine Absichtserklärung, deren Praxis (im übrigen schon prinzipiell) sich bestenfalls auf Einzelne (und in der Perspektive der Bekehrung, als reale Einfügung durch die Taufe in die EINE Wahrheit) beziehen kann. Denn niemand kann überhaupt im Namen des Islam sprechen, weil es einen solchen gar nicht ausdefiniert und verbindlich genug gibt. Bestenfalls kann man von einzelnen, sehr konkreten Gruppierungen sprechen. Immer aber behält er - so wie der Koran,. bei dem es 1/4 aller Suren betrifft - irrationale, dunkele, von gar niemandem verstandene Stellen.**

Und es ist eine Bringschuld aller Muslime der Welt eine Glaubwürdigkeit zu beweisen, die rechtfertigen würde, NICHT jedem Muslim mit größter Vorsicht zu begegnen. Aber es fehlt bis heute jedes Indiz für eine reale Selbstreinigung "der islamischen Welt". Denn aus seinem Bezugspunkt, dem Koran (oder schon gar den Hadithen) läßt sich solche Glaubwürdigkeit keinesfalls und schon gar nicht notwendig ableiten. Solange der Islam dieses Problem nicht gelöst hat, muß er als das genommen werden, als das er im einzelnen erscheint: Unberechenbar.




*Selbst wenn der VdZ das neuerliche allgemeine Betroffenheitstheater, das noch dazu von Frankreichs Politik geschickt inszeniert wie genützt wird, ablehnt. Es ist eine Erscheinung der Virtualität, der Pseudologie, dankbar von so vielen erfaßt, die damit die nächste Gelegenheit haben, den Blick von ihrem nächsten Umfeld, ja von ihren eigentlichen und realen Aufgaben abzuwenden. In solchen universalistischen Empörungen aber können alle beweisen, daß sie "auf der richtigen Seite" stehen, also gut sind. Dabei ist es hochrangig verdächtig, wenn jemand meint öffentlich demonstrieren zu müssen, daß er kein Mörder ist. (Diplomatische u. ä. abstrakte Ebenen sind da natürlich anders zu bewerten; solche Dinge sind eben deren Aufgabe; sie sprechen am richtigen Ort und im Namen eines Ganzen, das eben nur ein Ganzes ist, WEIL es sich in einer hierarchisch-organismischen Organisation befindet.)

²Was die Angelegenheit noch grotesker macht, weil sich unter den vielen, die "den Islam" (in dieser schönen Gestalt) angeblich schätzen und bewillkommnen allzu viele befinden, die genau diese Heiligkeit der Poesie als Fenster des Lebens und Quelle der Welt - und das ist Religion - in seiner ersten Rolle im Lebensvollzug gar nie angenommen haben und "Säkularisierung" fordern, und die Absolutheit der Religion (sonst ist sie nämlich gar keine) ablehnen. 

³Denn nicht bös sein, aber der berühmte Spruch "Ich würde ja die Muslime durch einen Warenboykott boykottieren, aber: sie produzieren nichts!" hat ein erschreckendes fundamentum in re.

**Die in den meisten Traditionen des Islam als "Sprache der Engel" in eine blackbox geschickt werden, sodaß sie von Menschen gar nicht verstanden werden KÖNNEN. Wie es sich damit aber am plausibelsten verhält, kann man bei sogar sehr islamaffinen Linguisten wie Ignaz Goldziher oder Christoph Luxenberg nachlesen.




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