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Mittwoch, 6. April 2022

Dem unsittlichen Sieger sein unsittlicher Journalismus

Ein Journalist meinte unlängst - war's in einem Radioessay, war's in einer Fernsehabschrift, ich hab's vergessen, mir scheint abgesehen davon, daß ich das zuletzt öfter gehört habe, und warum das gar recht wahrscheinlich sein sollte, erschließt sich späterhin, handelt es sich hier doch um eine Befindlichkeitsstörung einer ganzen Zunft* - der Journalismus habe es. wie der Ukrainekonflikt nun zeige, erstmals mit einer Sphäre eines kollektiven Journalismus zu tun, hinter der eigentliche Berufsberichterstatter nicht mehr hinterherkomme, weil die zahllosen Hobbyvideofilmer und -berichterstatter dank der unzähligen Aufnahme- und Sendegeräte ihm gegenüber in unaufholbarem Vorteil seien. Und die Zuhörer nickten, denn jeder hat doch so ein SmartPhone, seinen Youtube-Anschluß, sein WhatsApp-, Telegram- oder Twitter-Account.

Die Finesse dieser Feststellung wird erst beim zweiten Blick erkennbar. Denn dann zeigt sich das Elend des Journalismus, der VON BILDERN ausgeht, von DETAILS, von EINZELEINDRÜCKEN, um von dort aus dann das Ganze zu bewerten. Da ist ein totes Kind - also muß der Verursacher ein Kinderschlächter sein. Da ist eine klagende Menschengruppe - also muß der Verursacher dieser Klagen ein Verbrecher sein. Da ist eine zugerichtete Soldatenleiche - also muß der Verursacher dieses Todes ein Böser sein.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Ein Ganzes

Ein erfrischender logischer Schluß. Publikum und Bühne sind untrennbar verbunden - Teil eines Ganzen.


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Montag, 30. November 2009

Das Publikum selbst schafft die Wirkung

Keine Welt ist so geschlossen wirksam, so kräftig, so echt, so lebendig, wie jene, die ein Zuseher einer Darbietung in sich selbst formt. Deshalb liegt ein Trugschluß in einer ständig weitergehenden technischen Perfektion einer darstellenden Kunst (im Kino z. B. die längst unaufhaltsame Entwicklung des 3-D-Films, der optischen Technik der Dreidimensionalität; ja diese Diskussion wurde mit Recht bei jedem technischen Schritt neu geführt, am intensivsten sogar im Sprung vom Stumm- zum Tonfilm. Meist geht die technische Entwicklung der darstellenden Künstler nur noch in die exakt gegensätzliche Richtung - einer Verringerung des Erlebens, zugunsten einer simplen Herstellung von Erlebensfrüchten - in der Sentimentalität, die eine rationale Übereinkunft ist, kein Erleben, und deshalb mit Dämonie direkt zu tun hat. (Wie künstliche Aromen, die auf einen oberflächlichen Eindruck hin auch so schmecken wie echte Früchte ...) Damit wird aber auch die Fähigkeit des Publikums, überhaupt zu erleben, durch falsche Gewöhnung zur Faulheit reduziert, erschlafft das Rezeptionsvermögen.

Wirklich bedeutet eben nicht Realität jetzt, sondern Präsenz der wirksamen Kräfte. Und die sind in der darstellenden Kunst nie - nie! - im faktisch Gegenwärtigen einer Darbietung, die zugleich zum Erlebnis werden soll.

Das Erlebnis, das aus Wirkungen entsteht, ist immer jenes, das im Publikum geschaffen wird, weil dieses selbst es sich schafft. Es liegt nicht in einer 1:1-Nachahmung der faktischen Realität. Daraus ergibt sich ein zwingender Verweis auf das Material, dessen sich der Künstler bedienen muß!

Er kann ausschließlich aus Elementen schaffen, die im Publikum enthalten, die vorhanden sind. Aus so verschiedenen Herkunftsbezirken die auch stammen mögen - tiefen seelischen Gegebenheiten. Der Eindruck von etwas Neuem entsteht nur deshalb, weil etwas bisher Unbekanntes benannt, damit vom Künstler bewußt gestaltet wurde - und in dem Moment auch jede Herrschaft der Dämonie, ja eines solcherart fälschlich als "Schicksal" verstandenen numinosen Wirkens endet.

Hugo v. Hofmannsthal schreibt einmal über das Publikum (der Salzburger Festspiele): "Und wie der Erdboden zu gewisser Zeit gewissen Samen die größte Lebenskraft verleiht, andere gerade nur duldet, zu anderen Zeiten anbaumüde wird und des Wechsels bedarf, so verhält sich das Publikum zur theatralischen Darbietung."




*301109*

Donnerstag, 22. Mai 2008

Der Kunde biedert sich dem Lieferanten an

Was man meist völlig außer acht läßt ist der Umstand, daß sich das Publikum zum Theater und noch mehr zu den Proponenten als Figuren "verhält", was sich im Verhalten deren Werk gegenüber ausdrückt.

Das mag simpel klingen, bis zu dem Punkt wo man gewahr wird, daß in Zeiten der Hollywoodisierung des Erlebens das Publikum sich dem Theater (etc.) bzw. der Sphäre der Kunst und Öffentlichkeit (heute untrennbar ...) ANBIEDERT. Es möchte teilhaben an diesem Leben, diesen Menschen, diesem Lebensfluidum, das für eben dieses Publikum fast ausschließlich aus von den Medien gelieferter Möblage besteht.

Eigentlich grotesk, weil sämtliche vorformulierte Floskeln - zumal in einer Welt des Kapitalismus und des Konsumentenrechts ganz andere Mechanismen suggeriert werden. Aber dies ist Teil dieses Spieles - alle glauben zu machen, es sei so. Und der Beifall des Publikums sei die Reaktion von bedient werdenden Kunden.

Nachgerade umgekehrt nämlich sitzen nur wenige Kunden in den Stühlen der Theater. Deren Beifall Kauf oder Nichtkauf bedeutet, weil sie erst NACH dem Geschehen entscheiden, ob sie die Aussage kaufen. Während die meisten Theaterbesucher schon längst die Ware besitzen, sobald sie das Geld an der Kassa hinterlegt haben, weil das was sie gekauft haben durch Konvention längst geregelt ist.

Sie meinen, ich spräche hier vom bürgerlichen Publikum, wie es gemeiniglich bezeichnet wird, meist mit abfälligem Beiton? Weit gefehlt! Dieses Publikum weiß ja meist, daß sein Theaterbesuch Teil einer Lebenseinrichtung ist, und es ist auf diesem Ruhekissen sogar auch einmal bereit, sich aufbrechen zu lassen.

Das heute bei weitem konventionellste Publikum, die bei weitem konventionellste Szene ist genau jene Szene, die von sich am lautstärksten behauptet, Neues, Avantgarde und aktuelle Kunst zu liefern. Die stärkste und längst alles zu Tode lähmende Konvention des Kunstbetriebes ist die Konvention des Brechens aller Konventionen, weil es zum Selbstzweck, zum Marketingziel geworden ist, anstatt überrascht zur Kenntnis genommene immanente Wirkung der Konzentration auf eine Aussage im Gelingen einer Sache. Dieser ist der Großteil des Publikums längst beigetreten.

Umso eifriger bastelt die Kunstszene an der Unsinkbarkeit ihres Schiffes - das doch längst leckt. Und hat längst "sich" als Ware der Kunst etabliert - anstatt ihr Werk.



*220508*