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Montag, 19. Januar 2015

Newmans Häresie der Unfehlbarkeit (5)

Teil 5) Schluß - Wie aus einem unfehlbaren Papst viele 
Millionen unfehlbare Päpste wurden


Genauso, wie Heiligkeit Ergebnis einer Praxis ist - des Teilnehmens an den Sakramenten nämlich, um geformt zu werden vom Rhythmus des Heiligen, der dann die Welt nach dem Logos ordnend aufbaut. Was jemand denkt oder angeblich denkt (denn das zu betrachten ist ja eigentlich erst spannend) ist fast unwichtig, wenigstens eine ganz andere Frage. Der der murrt, und dann doch geht, erhält den Lohn. Nicht der, der eifrig zustimmt, aber nicht geht.

Aber wenn irgendjemand dem Papst bzw. der so betitelten Telephonnummer eine SMS schickt, um ihm Frohe Weihnachten zu wünschen, dann drückt er nicht sein inniges Verhältnis zum Stellvertreter Christi aus, sondern die Banalität, die bloß menschliche Figur, zu der dieses Amt für ihn bereits geworden ist, zu dem er selbst sich nämlich erhöht. Das ist ein logisches Faktum, keine "Möglichkeit für Böse". Und genau das ist das Sakrament der Priesterweihe nicht. (Der Papst ist ja nur bevorrangter Hohepriester; das Papstamt selbst ist ja kein Sakrament.) Angesichts der Größe der Würde MUSZ jeder Mensch darunter verschwinden.

Ein Papst, der sich anmaßt, das Amt "zu interpretieren" wie ein Sänger ein Lied, erniedrigt ohne jeden Zweifel und ausnahmslos das Amt. Jeder noch so schurkenhafte Papst der Kirchengeschichte, und es gab deren einige, tat gerade das Gegenteil: Denn gerade die Schurken wußten, daß sie ihre oft sogar kriminellen Vorhaben wesentlich erst umsetzen konnten, wenn das Papstamt in hohem Ansehen und in sakrosankter Positionierung blieb. Und so mehrten sie die Größe des Amtes, obwohl sie hurten und betrogen und mordeten. Oh nein, heutige Päpste morden nicht mehr. Aber sie machen das Amt klein, ja bringen es zum Verschwinden, um zu zeigen, daß sie "heilige" Menschen sind. Auf Kosten des Amtes also, und das ist ganz konkret gemeint, arbeiten sie an einer solcherart abstrahierten Heiligkeit.

Und locken jede Menge Hyänen an - ja, die SMS-Schreiber und Twitterer etc. sind gemeint - die mit Heimtücke und natürlich unter tausend Demutsgesten hoffen, den leeren Stuhl, die verlassene Idee an sich reißen zu können, die nun jedem Platz bietet. Es reicht, die Äußerlichkeiten aufzuweisen. Alles ganz konkret nachzusagen, alles ganz konkret nachzuäffen.

Ein Paradox, so wie der Glaube eines ist. Denn aus der "Personalisierung" des Amtes, das in den Menschen fließt, statt umgekehrt, wird seine Übertragung auf die Allgemeinheit. Luther hat nicht das Papstamt abgeschafft. Er hat Millionen von Päpsten geschaffen. 

Eine Nachäffung dessen, was in der Erlösung durch Jesus Christus passiert, die auf einer zutiefst anthropologischen, wenn man so will: psycho-sozial erfaßbaren Wahrheit aufruht. Und schon gibt es nur noch unfehlbare Heilige. Päpste - oder Apostaten. Mehr gibt es nicht mehr. Die sich alle natürlich anders im Worte nennen. Aber sie beziehen ihren Ort eben nicht aus dem Sein, sie beziehen ihn aus Selbstzuteilung. Auch wer sich selbst, in einer vermeinten "Übung der Demut", in die Hölle versetzt, der ist gerade dadurch Gott. Wurde jemals in der Kirche so viel und so perfide gelogen wie heute?

Hört nur der VdZ die Häme in den Stimmen so vieler, die nun mit dem Finger darauf zeigen und sagen: Ha, da seht ihr wohin es führt, wenn man "dem Papst untreu" wird? Oh ja, man sieht, man hört es am Jüngsten Gericht: wem dann Gericht gesprochen wird. Es könnte da so manche Überraschung geben.

Eine dogmatische, immer selbstverständliche, jedem Menschen bonae voluntatis selbstverständliche, nur nie explizit gemachte, in figurale Dimension, zum Wirkmechanismus erhobene Antwort - die Unfehlbarkeit des Papstes, die Unüberwindlichkeit der Kirche durch die Hölle - wurde plötzlich in genau diese pastorale Dimension gehoben, von der sie rückwirkend eine völlig neue dogmatische Problematik mitbrachte, die ... die Wahrheit, das Heil der Menschen beschädigte.

Wer es fassen kann, der fasse es.

Mein lieber Leser S! Für diese Anregung sei Ihnen noch einmal und überschwenglich gedankt. Beste Grüße an Ihre Frau und die Kinder! Und viel Glück, und Gottes Segen, für Ihre neue Firma!



Nachbemerkung: Zur Vertiefung einiger wesentlicher Aspekte dieser Ausführungen, namentlich Aspekte der social media, anläßlich der Ankündigung verfaßt, daß der Papst (damals noch Benedict XVI.) nunmehr twittern werde, entwickelt aus einem Bericht vom Blogger-Weltkongress im Vatikan, zu dem der VdZ seinerzeit eingeladen worden war, sei auf die Artikelreihe vom Mai 2011 verwiesen: "Ehe der Papst twittert, kommt das Ende" Ein wenig wurmt den VdZ dabei, daß er den ursprünglichen Titel nicht belassen hat. Er ist ihm denn doch zu vermessen erschienen. Aber was wäre nun hineinzudeuten, zu interpretieren gewesen, und nicht einmal zu Unrecht, wenn er es beim ursprünglichen Titel belassen hätte, der da lautete: "WENN der Papst twittert, kommt das Ende"


*190115*

Sonntag, 18. Januar 2015

Newmans Häresie der Unfehlbarkeit (4)

Teil 4) Hier lernen Sie sogar rechtgläubig Wäschewaschen 


Hat sich der geneigte Leser schon einmal Gedanken darüber gemacht, was für Auswirkungen es hat, wenn ein Papst, der ja nur Bischof von Rom ist (worauf ja auch Franziskus hingewiesen hat, wobei: worauf hat er nicht hingewiesen - Wahrheit ist keine Frage von dem einen oder anderen richtigen Formalwort; kein Papst JEMALS war derartig zentralistisch! Man lese doch "Evangelii gaudium"! Da wird ja schon die einzelne detaillierte Pfarrpastoral geregelt, und sie wird es - kraft "unfehlbarem Papstwort", kraft also einem tiefen Mißverständnis), sich jede Minute weltweit meldet und davon berichtet, was er gerade macht? Und alles ist - unbewußt, zumindest, mit der Zeit aber bewußt werdend, unausbleiblich! aus Eigendynamik der Unfehlbarkeitsdogmatik, die jede Kritik unterbindet! - per Dogma verankert UNFEHLBAR. 

Wie soll so ein Bischof überhaupt als Diözesanbischof pastoral wirken? UND NUR SO kann er es, der Rest ist dummes Gewäsch. Ein Papst, der einer wiederverheirateten Schneiderin in Buenos Aires Tips gibt, wie sie doch nicht oder doch zur Kommunion gehen könne, berührt dogmatische Fragen, die ihm offenbar gar nicht bewußt sind. Und wenn er nur Würstel am Hotdogs-Stand in der Via Revonciliacione bestellt - er setzt weltweit, absolute, normgebende, unfehlbare Akte. Weshalb Ferne, Diskretion, Verborgenheit für einen Papst (wie FÜR JEDE hochgestellte Person) UNABDINGBAR sind.

Aber man braucht nicht viel Phantasie, um sich die prinzipiellen Unvereinbarkeiten zwischen Pastoral - die NUR (!) lokal, persönlich sein kann - und Dogma vor Augen zu führen. Im intimen, zwischenmenschlichen Kontakt (meinetwegen, nehmen wir das aktuelle Beispiel) zwischen einem Muslimen und einem Katholiken sind ganz andere Dinge - auch Klugheiten - gefragt, als in einem in jedem Fall zum OFFIZIELLEN, NORMIERENDEN AKT werden Begegnung zwischen einem Papst und einem Imam (etc.). Hier begegnen sich eben nicht mehr zwei Menschen, hier begegnen sich zwei Ämter, zwei Lehren, zwei Systeme. Hier so zu tun, als sei das eine das andere, ja als könne oder gar müsse beides ineinander aufgehen, ist nicht nur naiv, es ist strohdumm. So können im übrigen nur Menschen denken, die in ihrem ganzen Leben noch nicht ein Pfund Verantwortung für etwas getragen haben, das weiter entfernt ist als ihr Bauchnabel, oder ihre Mutti, der sie folgen, die noch nie etwas aufgebaut haben, die nur Beamte waren.

Ein sehr großer Teil der Schwierigkeiten, die zwischen der Priesterbruderschaft Pius X und dem Vatikan entstanden sind, baut auf solchen Umschlägen von Pastoral ins Dogmatische auf.

Und wer vermag sich vorzustellen, wie viele Vernünftige (und das ist doch DER Boden für die Gnade!), ja gerade oft die Besten, sich von der Kirche aus aus diesem Blickwinkel RICHTIGEN Gründen abgewendet hatten. Mit Aspekten, die der sorgtreuende Katholik gar nicht mehr sieht, weil er - pastoral - bereits dogmatisch fortgespült worden ist.*

In diesem historischen Kontext WIRKT NOSTRA AETATE (zu diesem Konzilsdokument über das Verhältnis zu anderen Religionen bald mehr) geradezu als SELBSTBERUHIGUNG DER KIRCHE, als verzweifelter Reparaturversuch, ANGESICHTS vorangegangenen KATASTROPHALEN VERSAGENS.  Hier sieht der VdZ mögliche und furchtbare historische Linien.

Der VdZ meint deshalb heute, mit tiefer Reue im Herzen, daß er damals (und wer weiß wie heute) so manches an Kritik an der Katholischen Kirche nicht verstanden hatte. Das kann gar nicht der Fall gewesen sein. Selbst der Altkatholischen Kirche ist da womöglich tiefes Unrecht widerfahren. Wie sonst hätten Leute vom Format eines Ignaz Döllinger sich von Rom abgewandt? Da ging es doch nicht um die Unfehlbarkeit "an sich", bei einem Monarchisten, wie es der bayrische und zuvor hoch angesehene Dogmatiker war! Unrecht, dessen Wiedergutmachung heute in unabsehbar weite Ferne gerückt ist, weil sich aus diesem einen Punkt, wo ein pastoraler Punkt zu einer dogmatischen Gegenreaktion geführt hat, eine bereits weitreichende neue Lehre entwickelt hat. Denn die Art, wie etwas Figur nimmt, ist bereits vorentscheidend, wie es wirkt. Es könnte sehr lohnend sein, sämtliche kirchlichen Konflikte seit 1870 (Erstes Vatikanisches Konzil) unter diesem Gesichtspunkt neu zu untersuchen. Und das Zweite Vatikanum mit so mancher durchaus auch zu mißdeutenden Formulierung - als Reaktion, um wieder etwas zurechtzurücken - gleich mit.

Das Medium macht die Botschaft. Es macht auch ein Dogma, das weit mehr ist als sein formaler Inhalt. Noch vor fünfzig Jahren (ja, so alt ist der VdZ mittlerweile, daß er das so sagen kann) wäre niemandem eingefallen, hinter dem Papst etwas anderes als das Amt, weit entrückt, das es auch ist, zu sehen. Hier begegnete einem nicht "der Mensch", sondern das Papstamt. Und man fiel bei einer der seltenen Audienzen auf die Knie. Heute? Ersparen Sie dem VdZ Ausführungen ... 

Selbstverständlich geht diese Unfehlbarkeit - als Nimbus, als psychologische Tatsache - auf den Menschen über, es ist nur eine Frage der Praxis. Das geht gar nicht anders. Und sie zieht sie herab, auf eine menschliche Ebene, auf die sich das Papstamt gar nicht bezieht. Denn das ist Aufgabe der Pfarrer und Seelsorge vor Ort. Denn DORT ist sie, die REALE Kirche. Und dort ist er, der Weg zur Heiligkeit: in der Liturgie, im ins Ganze gehobenen, mit dem Übernatürlichen wieder verbundenen Jahreskreis als Kranz der Wunder, in den Heiligen Feiern.**


Morgen Teil 5) Schluß - Wie aus einem unfehlbaren Papst viele 
Millionen unfehlbare Päpste wurden


* Dem VdZ unvergeßlich ist ein Disput (es muß so um 1995 gewesen sein) mit einem Mitglied der charismatischen Erneuerung, der binnen fünf Minuten fünf Häresien explizit vertrat, die ihn theoretisch ipso facto exkommuniziert sein lassen würden. Zumindest ist das im Dogma so formuliert: "Anathema sit", wer das so sage, der sei ausgeschlossen. Der VdZ behielt dies natürlich für sich, so einfach ist da ja alles nicht. Aber der andere fühlte sich doch in die Enge getrieben. Und mit einem Schlag wischte er alles weg, und setzte nun seinerseits den VdZ ins Unrecht. Indem er meinte: Aber es gehe doch um die Liebe, ob der VdZ das bestreite? Wer liebe, wie er, habe Recht. Wer nicht, wie der VdZ, denn so kleinlich (vielen wird logisch ja rasch zu kleinlich) zu argumentieren sei Zeichen mangelnder Liebe, sei einfach nicht christlich. Er nämlich sei papsttreu, der VdZ möge doch nachlesen, er sage genau, was der Papst sage, und somit könne ihm nichts passieren.

**Als der VdZ einen mittlerweile verstorbenen Pater, der ihm viele Jahre Beichtvater gewesen war, zu Anfang fragte, was er tun müsse, um heilig zu werden, meinte der in aller Seelenruhe: "Geduld haben." 


*180115*

Samstag, 17. Januar 2015

Newmans Häresie der Unfehlbarkeit (3)

Teil 3) Wie eine unfehlbare Wahrheit zur Häresie wird


Damit wir uns, geneigter oder ungeneigter Leser, der so weit noch gefolgt ist, uns richtig verstehen: Wir reden hier nicht um das berühmte Kavaliersdelikt, um ein paar Kastanien, die wir aus dem Mantel des Weihnachtsmannes stehlen oder nicht. Und auch in der damaligen Kritik am Twitterdienst, dessen sich plötzlich der Papst bedienen wollte, an der Aufarbeitung der ontologischen Problematik der neuen Medien, der social media, dieses in Wechselwirkung befindlichen Ineinander von Pastoral und Dogmatik, von Tun und Sein. 

Und wir reden hier nicht von all den Schnapsnasen, die überlegen lächelnd gemeint hatten, wie sie ja immer meinen, das betreffe sie nicht, denn man müsse natürlich "aufpassen", jaja, aber das täten sie ja. Denn sie sind längst allesamt dieser Doppelmühle in die Falle gegangen. Allesamt. Und haben, ohne daß sie es gemerkt hätten, ihre dogmatische Position verändert. Natürlich so, daß man es nicht gleich merkt ... 

Da rennen aber sogar mittlerweile Leute herum, darunter Würdenträger, gerade auch im Internet, die jeden exkommunizieren, der es wagt, den Papst zu kritisieren! Bringen damit Menschen in unlösbare Konflikte, weil sie die natürliche Vernunft aufgeben müßten, um ihr Heil nicht zu verlieren! Solchen Würdenträgern sollten augenblicklich (Schriftgröße 24, nein, 36 ist noch besser) alle Würden von der hohlen Hühnerbrust gerupft werden, sie haben einen Spaten verdient, um wenigstens einmal in ihrem Leben wenigstens ein Stückchen Wirklichkeit zu erfahren.

Aber lassen wir auch das. Und stellen wir uns etwas ganz anderes vor. Nämlich: Wenn es sich also so verhält, wie Kardinal Newman sagt, und der VdZ sieht nichts, was dieser Logik widerstehen könnte, schon gar nicht empirisch, denn Newman hatte völlig recht, wenn es sich also so verhält, dann möge sich der Leser dieser Zeilen (der LdZ also, der Tanzpartner des VdZ also) vorstellen, WIEVIELE gutmeinende, vernünftige Menschen sich angesichts dieser Papolatrie - die nach Newman FALSCH und UNKATHOLISCH ist - von der Kirche abgewendet haben.

Herrschaften, der VdZ erinnert sich augenblicks an einige Gespräche, in denen er gar nicht verstand, was sein Gegenüber meinte, als es sich tief ablehnend, bei aller sonstigen logischen Übereinkunft, in seiner Ablehnung der Kirche auf den "Heiligen Vater" bezog - einer solchen Lehre könne er nicht zustimmen. Wie könne jemand heilig sein, wenn nicht einmal der Erlöser sich als heilig bezeichnete, ja dies strikt zurückwies? Et cetera, et cetera. 


Morgen Teil 4) Hier lernen Sie sogar rechtgläubig Wäschewaschen



*170115*

Freitag, 16. Januar 2015

Newmans Häresie der Unfehlbarkeit (2)

Teil 2) Wie aus einem Menschen plötzlich ein Heiliger wird


Und darauf weist auch Kardinal Newman hin. Der sogar darauf hinweist, daß eine explizite Formulierung ungenügend sein kann, und durchaus historisch wandelbaren Interpretationen unterliegt. Er zeigt es an zwei Beispielen. Etwa dem Zinsverbot, das nämlich ursprünglich dogmatisiert war. Um im 19. Jahrhundert eine bemerkenswerte Änderung zu erfahren: Wer es nämlich NICHT als unsittlich, sondern als gerechtfertigt sehe, Zinsen einzuheben, das sehr wohl dürfe. 

Ähnlich verhält es sich mit dem Satz "extra ecclesiam nulla salus" - außerhalb der Kirche kein Heil. Er zeigt eine andere historische Wandelbarkeit eines Dogmas, die von der Herangehensweise abhängt, in der sie gesehen wird. Dieser Satz wurde ursprünglich nämlich streng positivistisch gedeutet. Das heißt daß man damit ausdrückte, daß es UNBEDINGT notwendig sei, Mitglieder Kirche, also getauft zu sein, um in den Himmel zu kommen, um das Heil zu erlangen. Das hat selbst Zwangstaufen gerechtfertigt, wenn man deren Geschichte nachgeht. Denn sie waren ganz reale Instrumente der heilsvermittlung, wie auch immer die Reige der Ahnungslosen und Strohköpfe der Gegenwart sie sonst deuten möge, die sich guten Willen in seiner Abhängigkeit von Erkenntnis (die IMMER ein historisches Gesicht hat) eben gar nicht vorstellen können.

Diese Interpretation ist einem anderen Aspekt gewichen, bzw. wurde aufgeweicht. Ja, es stimmt, etwas anderes kann die Kirche nicht sagen als das, daß es außerhalb kein Heil gebe. Sie könne, sie dürfe, ja sie müsse aber vermuten, daß Gottes Wege der Barmherzigkeit von uns Menschen nicht erschöpfbar sind. Die Kirche MÜSSE zwar so sagen, und zar nicht aus Pragmatismus, sondern weil sie nichts anderes sagen KÖNNE, denn nur diesen Weg zum Heil kennt sie überhaupt, aber dennoch ist nicht ausschließbar, daß Gott auch Heiden sein Heil schenkt. Wie immer dies passieren möge. Dies freilich so zu deuten, daß deshalb auch Heiden jederzeit das Heil hätten, wenn sie es nur wollten, würde aber schon wieder falsch sein! 

Wer fassen kann, der fasse. An diesem Beispiel illustriert sich das Wesen des depositum fidei, das weit weit tiefer ist als alle menschlichen Worte es je zu fassen vermögen, und doch, und doch absoluter und konkretes Urteil möglich macht, und genauso eine positive Formulierung, ein absolutes Urteil NOTWENDIG macht, sonst kann sich erst gar kein Urteil bilden. Wer fassen kann, der fasse.

Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich dies etwa im Dekret "Nostra Aetate" zum Ausdruck gebracht. Das wie sämtliche Konzilsdokumente "nur für sich" keine Wahrheit ergeben. Sondern, wie in der Präambel zum Konzil festgehalten, nur ... aus dem depositum fidei heraus interpretier- und verstehbar ist. Wo sich also Einzelne auf Wortlaute kaprizieren, wollen sie in Wahrheit eine ihnen genehme Interpretation. Kein Text ist "aus sich heraus" verstehbar, kein menschliches Wort der Erkenntnis ist absolut, also auch sein Geist, sein Vollzug. Es hat nur Analogie zum Logos.

Ausschweifung? Notwendige Ergänzung des Farbenrings, um das Ganze zu sehen? Der Leser möge es selbst beurteilen. Fahren wir also fort.

Denn was Newman ganz sicher gesehen hätte, wäre die Auswirkung, die die Entwicklung der medialen Welt auf das Papstamt - unter dem Dogma der Unfehlbarkeit - ganz real hat. Vergessen wir nicht: Bis noch vor 50 Jahren war das einzige, was der durchschnittliche Gläubige vom Papst mitbekam, und zwar in seinem ganzen Leben, das eine oder andere Predigtwort durch den Pfarrer, wenn überhaupt, oder das eine oder andere blaßkolorierte Bildchen, das jemand von einem Rombesuch mitbrachte. Und schon nur noch wer sich wirklich und mit Eigeninitiative interessierte - das eine oder andere Buch mit Papstaussagen. Welcher Gläubige aber las Enzykliken? Die hatten doch mit ihm sowieso nichts zu tun, denn er glaubte ja. Und da sind wir wieder exakt bei Newman.

Führen wir also nur die beiden Aspekte zusammen - die "Sanktifizierung", "Dogmatisierung" von allem und jedem, was der Papst macht oder sagt, und das Schaufenster, in dem seit Jahrzehnten, und mittlerweile in kaum noch vorstellbar überbietbarer Weise jeder Papst steht, so erhellt sich sehr vieles, was in den letzten Jahren immer konzentrierter zu beobachten ist. Denn unter dem nunmehr explizit gemachten, und nicht zufällig immer wieder und noch mehr explizit gemachten Licht einer Unfehlbarkeit der Gestalten, der Personen, die Papst sind, wird der Gedanke fast unausbleiblich, daß auch jeder dieser Päpste HEILIG ist, und jeder dieser Päpste - weil Heiligkeit Vollkommenheit bedeutet, zumindest hochgradige - auch in allem was er tut und sagt UNFEHLBAR ist.

UND DAS IST EINE HÄRESIE.


Morgen Teil 3) Wie eine unfehlbare Wahrheit zur Häresie wird



*160115*

Donnerstag, 15. Januar 2015

Newmans Häresie der Unfehlbarkeit (1)

Dem serbischstämmigen Leser S verdankt der VdZ einen Hinweis auf ein Dokument aus der Feder von John Henry Kardinal Newmann. Der mittlerweile Seliggesprochene ist ja von ungebrochener Aktualität, auch wenn er nach wie vor wenig rezipiert wird. Denn er hat sich besonders um die Zusammenführung von Wissen und Glauben verdient gemacht, um diesen Scheinbruch zu kitten, der der Kirche so fatal zusetzt. Eine Problematik, die vielen hellen Köpfen des 19. Jahrhunderts in den katastrophalen Auswirkungen bewußt war, weshalb es wirklich herausragende Werke gibt - man denke an Ceslaus M. Schneider und sein "Wissen Gottes" - die in klarem Denken aufarbeiten, daß es Wissen überhaupt nur geben kann, wenn beziehungsweise WEIL es in Gott Wissen ist. Aber so fundamental dieses Thema ist - darüber soll ein anderes Mal gehandelt werden. 

Hier geht es nämlich um einen Brief, den Newman verfaßt hat, und in dem er etwas ausbreitet, das manchen in Erstaunen versetzen wird. Und einige seiner Gedanken wollen wir hier ausführen.

Newman meldet nämlich darin seine Skepsis der bevorstehenden Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes an! Und was er anführt, ist so einleuchtend, daß es im Grunde unbedeutend ist, welchen formellen Rang dieses Schriftstück hat. Denn selbst, wenn Leser S es verfaßt hätte (was wir ihm natürlich nicht unterstellen wollen, aber wer weiß ;-) so bliebe es doch wahr. Wollen wir einige Gedanken dazu ausbreiten.

Denn, um gleich ein Mißverständnis auszuräumen: Selbstverständlich zweifelt Newman nicht einen Augenblick an der Wahrheit, die sich in diesem Dogma ausspricht. Ja, die Logik dahinter zu erkennen, spielte ja in der Geschichte seiner Konversion eine entscheidende Rolle. Daß die Kirche in der konkreten Person des Papstes letztlich unfehlbar sein müsse, stand ihm nie außer Frage. Und dennoch spricht er sich DAGEGEN aus, dies als Dogma zu verkünden.

Denn Newman sagt etwas anderes: Er sagt, daß die praktischen Auswirkungen eines solchen Dogmas auf den normalen Katholiken verheerend sein könnten. Das ist schon deshalb interessant, weil dieses Dogma, so wie andere auch, einen sehr realen, historischen Kontext und Anlaß hat, auf den es hinzielt, indem sie eine implizite Wahrheit explizit machen, ihr damit eine stärkere politische, pastorale Dimension geben: den Kirchenkampf in ganz Europa. Das haben Dogmen überhaupt so an sich, denn ein richtiger Katholik bräuchte gar kein Dogma. ER hat ja das, was ein Dogma mühsam zusammenkratzt, und nur aus dem kann es schöpfen: das depositum fidei.

Das sieht gewiß auch Newman, auch wenn er sich darauf nicht bezieht. Aber genau der Grund ist es auch - die pastorale Seite - die ihn starke Bedenken anmelden lassen. Denn er sagt, daß sich nach dieser Dogmatisierung für die Weltkirche die Gestalt des Papstes ganz anders darstellen wird. Während sich nämlich diese Unfehlbarkeit lediglich auf den allerinnersten Kern des katholischen Glaubens, das despositum fidei, bezieht, wird die Verkündigung als Dogma hinkünftig jede faktische Äußerung des Papstes in den Geruch einer dogmatischen Äußerung stellen.

In Wahrheit aber ist der Anlaßfall für die explizite Bemühung der "Unfehlbarkeit" eine "minimalistische" (Zitat Newman) Angelegenheit, und sollte es auch bleiben. Denn der Glaube lebt aus dem inneren Bezug der Gläubigen auf dieses Herz der Kirche, auf den Heiligen Geist, der in ihr in Wahrheit herrscht. So daß man von Kirche als Vollgestalt ja nur sprechen kann, wo und soweit dieser Geist atmet. Ohne ihn wäre sie tot. Erlischt also dieser Geist in Gläubigen, so ist er auch durch kein Dogma wiederherstellbar. Denn auch das Erkennen der Wahrheit, die die Kirche darstellt, ist bereits eine Angelegenheit des lebendigen Geistes, ein Geschenk. 

Umgekehrt aber wird diese Dogmatisierung ganz neue Probleme aufwerfen. Denn wie die Kirchengeschichte lehrt, sind die praktischen, die pastoralen, ja sogar die moralischen Maßstäbe einzelner Päpste höchst unterschiedlicher Qualität, um es gelinde auszudrücken. Und nicht zuletzt die zweite große Kirchenspaltung - Luther ab dem Jahre 1517 (wobei er selbst erst ab 1519 von "Protest" spricht, denn eigentlich wollte er reformieren, Mißbräuche, "nützliche Mißdeutungen" auch durch Päpste abstellen, und gar nicht zu Unrecht) - führt sich keineswegs auf einen ursprünglich protestantischen Geist zurück, sondern auf reale (spirituelle!) Erfahrungen eines erst wohlmeinenden Reformers, der aber die Auswüchse des Papsttums, seinen Absolutismus, seinen Zentralismus, als Krebsschaden erkannte. 

Nunmehr aber wird - nicht gleich, aber allmählich - jeder Kritiker des Papstes und seiner Regierung zu einem tendenziellen SEDISVAKANTISTEN. Das ist ungefähr dieselbe Ebene wie jene, auf der sich die Kirchensteuer in Deutschland und Österreich abspielt: Selbst aus der Pflicht jedes Gläubigen, für den Erhalt der Kirche (wie jeder Bedürftigen) zu sorgen, läßt sich nicht ableiten, daß er bei deren Verweigerung NICHT MEHR KATHOLISCH, kein Mitglied der Kirche mehr sei. Durch die teuflische Kirchensteuer aber findet sich diese Problematik UNTRENNBAR verquickt. Denn wer nunmehr die Zahlung der Kirchensteuer verweigert, ist gezwungen, AUS DER KIRCHE AUSZUTRETEN. Und DAMIT setzt er einen Akt des Abfalls von der Kirche. Jedes noch so wohlmeinende Argument, daß das ja nicht so sei, weil es ja auf die innere Haltung etc. etc. ankomme, greift zu kurz. Die Sache ist NICHT MEHR ZU TRENNEN. Und ganz real setzt jeder, der aus der Kirche austritt, auch einen realen Akt der Apostasie, des Abfalls vom Glauben - mit Auswirkungen auf sein Seelenheil. An dieser Wahrheit führt kein Weg vorbei.

Und dieses Beispiel zeigt, wie sehr dogmatische Fragen mit ganz einfachen historischen Handlungen veränderbar sind. Man nehme nur Ungarn, in dem der VdZ ja seit etlichen Jahren lebt, und wo er auch den Jahreskreis in die Heiligen Zeitschöpfungen der Kirche eingebettet und zum Heil erhöht erfährt. Aber hier gibt es keine Kirchensteuer. Lediglich freiwilligen Obolus, mit einer Empfehlung der Kirche, ihn mit einem Prozent des Jahreseinkommens festzulegen, denn damit komme sie durch. Das war's.  Niemand hier tritt aus. Und wenn, dann ist es ein definitiver Akt des freiwilligen, bewußten Abfalls. Und niemand nimmt einen am Schlafittchen, weil man nur 0,5 Prozent oder gar nichts abliefert. Und man wird auch nicht heiliger, weil man mehr spendet. 

Entsprechend ist der im kirchlichen Alltag erfahrbare Bürokratismus (was das ist, weiß ein Kirchendiener in Österreich, Laie oder Kleriker, ja nicht einmal mehr, der VdZ hat es erst jüngst erlebt: die leben überhaupt schon in einer Separatwelt) nicht vorhanden. Es gibt ihn in Ungarn nicht. Und - es gibt auch nicht die Frage, die sich der VdZ in Österreich permanent gestellt hat: Ob man aus der Kirche austreten wolle, weil einem etwas an ihrer realen Politik nicht paßt. Dafür sind die Kirchen voll, tatsächlich, voll, immer, und die hohe Anzahl der Messen und kirchlichen Feiern in den vielen Kirchen in Sopron steigert sich immer noch, von Jahr zu Jahr. Aber wir werden schon wieder ausschweifend ... Zeigen wollten wir, daß ein dogmatischer Inhalt keineswegs von praktischen und historischen Fragen abzukoppeln ist.


Morgen Teil 2) Wie aus einem Menschen plötzlich ein Heiliger wird




*150115*