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Dienstag, 14. Juli 2020

Ich habe Herrliches gesehen


Unter den Artikeln älteren Datums erscheint auch die Relektüre dieser Erzählung über den Tod von Edmund Husserl aus den Erinnerungen von Edith Stein lohnenswert. 

Gebracht, weil es ein großes Problem der täglichen Seelenpflege ist, sich das wirkliche Ziel als aktives Element vor Augen zu halten. Das als abstrakter Gedanke erkannt und erfaßt viel Leben und Zeit und Muße des stillen Wachsens braucht, um auch so lebendig und präsent zu werden, daß es das alltägliche Denken und Sorgen durchdringt - und damit das Herandrängende völlig anders bewerten und ordnen läßt, als uns in der Flüchtigkeit und dem Druck des Nutzendenkens meist unterläuft.  

Und dazu braucht es jene Aktivität des Geistigen, die eigentlich falsch als "Erinnerung" bezeichnet wird. Sie ist da, sie ist somit bereits innerlich, wenn sie da ist. Und möge somit gegenwärtig sein - als Gedächtnis, wie es das Wissen Gottes ist: Actu. Eine Erinnerung ist also der Zugriff auf Vorhandenes, nie Weggewesenes. Uns wird sicher zu wenig gewahr, daß unser geistiges Gedächtnis nahezu unendlich, unerschöpflich ist.

Was sehen läßt, wie bedeutend es ist, uns im Lebensalltag von "Denk-Mälern" zu umstellen! Ja man könnte sogar sagen, daß Kultur überhaupt nur ein Aufstellen von Denkmälern ist, in denen sich jenes Ewige präsent hält, das einmal als innere Struktur unserer Welt erkannt worden ist. Der VdZ ist völlig sicher, daß es unsere Gegenwart, die manchem als "reich" erscheint, nur gibt, weil es noch immer genug Mauern, Steine, Bücher, (immer noch) verbale, zwischenmenschliche Erzählungen gibt, die uns buchstäblich in der Welt halten. Womit wir beim wahren Sinn der Kunst angelangt sind.

Das Problem des Lebensweges ist die Verbindung in unsere bewußtes, also vordergründig logisches und rationales Urteilen und Wollen, als Ordnen dessen, was als Inhalt da ist und auf die Zuordnung zu Sinn wartet. So wird deutlich, daß Erinnern ein Akt der Sittlichkeit, der Tugend ist. Es ist eine Leistung, sozusagen, und nicht einfach das Emporfördern von Bildern und Eindrücken. 

Darin irren die allermeisten heutigen psychologischen Ansätze oder gar "Therapien", die Ungeordnetes emporfördern und unbewußt urteilen und ordnen. Und plötzlich ganz neue, oft regelrecht falsche "Erinnerungen" zu Tage bringen, die mehr von momentanen Stimmungen, Urteilen und Gewolltem geprägt sind als von tatsächlichem Geschehen. Das nur aus Sinn (logos) ein Geschehen ist.

Dieser Artikel erschien zu Neujahr 2009 erstmals in diesem Blog. Das Aussagekräftigste ist dabei die Reaktion von Husserl, der das "Gesehene" nun plötzlich in einem Sinnhorizont sieht, der ihm bislang fern war. Wenn der Mensch dem Tode nahe kommt, zeigt es sich in der Regel durch das Zurückziehen des Körperlichen. 

Damit wird der Geist frei, oder freier, und kann mit einem Male auch Sinndeutungen zulassen, gegen die er sich sein übriges Leben lang gewehrt hat. Denn jeder Atheismus, jedes Wehren gegen Gott und die Kirche ist ein Wehren, eine aktive, wenn auch oft unbewußte und verdrängte Ablehnung. Gott ist in der Welt dermaßen evident, daß es enorm viel Kraft braucht, ihn zu verneinen.

Darin liegt der Sinn des Gebets um eine gute Sterbestunde, darin liegt die Erkenntnis, wie eng der Unsinn des oft geäußerten Wunsches nach einem "schnellen oder plötzlichen Tod" mit der Entscheidung für das Sein - oder das Nichtsein - zusammenhängt. Aber in einem guten, bewußten Sterben (womit auch einer überzogenen Palliativmedizin das Urteil gesprochen ist), das ein menschlicher Akt ist und deshalb auch so sein sollte, das künftige Schicksal in der Ewigkeit noch einmal entscheidend verändern.) 

(Jänner 2009) In einem Buch über Edith Stein eine Schilderung des Todes von Edmund Husserl, als dessen Assistentin sie jahrelang gearbeitet hatte, ehe sie vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und auch philosophisch, wie sie selbst es bezeichnete, "von vorn beginnen" mußte, und der sich zeitlebens selbst als Ungläubiger bezeichnete:

Gründonnerstag 1938 fragte er die Krankenschwester, die vereint mit seiner Frau und der Geistlichen Schwester A. pflegte:
"Ist es wirklich möglich, gut zu sterben?"
Sie antwortete: "Ja, in tiefem Frieden."
"Aber wie?"
"Durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus!"
Die Schwester begann den 22. Psalm: "Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln ..." An der Stelle "selbst wenn ich wandle mitten im Todesschatten, will ich nichts fürchten, weil du bei mir bist", unterbrach Husserl sie:
"Ja, so ist es, ich möchte, er wäre bei mir, aber ich fühle seine Nähe nicht." Dann flüsterte er: "Betet für mich!"
Am folgenden Tag sagte seine Frau: "Heute ist Karfreitag."
"Welch schöner Tag", erwiderte er, "Karfreitag! Ja, Christus hat uns alles verziehen."
Am Abend beklagte er sich, daß er immer noch lebe: Schwester A. sprach von dem Sterben Christi am Kreuze, um ihn zu ermutigen.
"Gott ist gut," schloß sie.
"Ja, Gott ist gut", fiel er ein, "aber er ist unbegreiflich, und das ist eine große Prüfung für mich ..." Er konnte den Satz nicht vollenden. Nach einer Weile begann er wieder "das ist wie zwei Kräfte, die sich ständig suchen, sich vereinen und von neuem suchen ..."
Schwester A. suchte seinen Gedankengang aufzunehmen: "Ja, in Jesus vereinen sich Himmel und Erde, in Christus steigt Gott zu den Menschen herab."
"Der Kranke stimmte zu: "Ja, so ist es" ... dann ruhte er ein wenig. Plötzlich machte er heftige Bewegungen, als wollte er erschreckende Bilder verjagen. Gefragt, was er sehe, sagte er: "Licht und Finsternis, große Finsternis und dann wieder Licht."

Er fiel in eine Art Bewußtlosigkeit, die mehrere Tage anhielt. Plötzlich wandte er sich zu seiner Pflegerin und rief: "Ich habe Herrliches gesehen! Schnell! Schreiben Sie!"
Als diese mit ihrem Notizblock herbeieilte, war Husserl tot.


*010109*



*070720*

Sonntag, 5. Oktober 2014

Der Staat als Sphäre für sich

Aus prinzipiellen Gründen, schreibt Edith Stein, kann der Staat selbst nicht Träger eigener religiöser Werte sein. Er kann oder muß sogar ihre Ausbildung ermöglichen, kann sie indirekt auch fördern, aber er selbst gehört keiner persönlichen Sphäre an, er selbst kann also kein ethisches Element selbst sein. Selbst die Hingabe an den Staat, eine hoch ethische Frage, ja unter gewissen Bedingungen Voraussetzung eines Staates, weil der Wille wie die Fähigkeit zum Eigenstand eines Volkes im bzw. als Staat wesensnotwendig gehört, ist eine rein persönliche Sache seiner Bewohner. 

Aber die Sphäre des Religiösen ist ihrer Natur nach persönlich. Ein Staat kann sie nicht "machen". Er kann sie begünstigen, er kann oder muß sie sogar ermöglichen, aber er kann sie nicht machen, ja nicht einmal (befehlend) fordern. Es gibt ihn also nicht, den "Heiligen Staat", es gibt nur mehr oder weniger heilige Menschen, ja mehr oder weniger heilige Volksgemeinschaften, die in ihm leben. Wenn diese die staatliche Autorität über Recht und Ordnung aber nicht anerkennen, so arbeiten sie an der Auflösung des Staates, und dieser muß sich dagegen zur Wehr setzen. Aber sein Maß kann nur die Tat sein, nicht die persönliche Haltung seiner Bewohner.

Nun ist es freilich notwendig, daß sich ein Staat auf das sittliche Verlangen seiner Bewohner stützt. Also ist es ein staatsfeindliches Verhalten der Staatenlenker selbst, wenn sie diese seelischen Kräfte der Individuen nicht zu Verbündeten, sondern zu Feinden machen. Weil das Individuum aber in jedem Fall in der Religion ansetzt, muß der Staat also die Religionsausübung unbehindert entfalten lassen.

Weil aber ein Staat nur auf der Grundlage eines geeinten Volkswillens bestehen kann, kann es sein, daß das Auseinanderfallen seiner Bewohner in unvereinbare, disparate seelische Dispositionen den Bestand eines Staates von innen heraus gefährdet. Denn in jedem Fall ist der Mensch - auch das hat der Staat zu respektieren - zuerst Gott und seinem Gewissen diesem gegenüber verantwortlich, und DANN erst dem Staat. Erläßt er also Gesetze, die der religiösen Welt seiner Bewohner widersprechen, so löst er sich auch hier auf. Denn nie kann sich ein Staat gegen diese Wirklichkeit auf Dauer halten. Er muß also seinen Bewohnern ermöglichen, Gott zu geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was diesem zubehört. Das ist aber nicht seine Religion.

Aus religiösem Empfinden und Sosein aber ergibt sich nicht zwingend eine "Form des Staates". Der Staat ist vielmehr einfach der Ort, und zwar egal in welcher Form, AN DEM sich Sittlichkeit (in ihrer Zubehörigkeit zu Religion) entfalten kann und muß. Der Staat ist also einerseits auf die Sittlichkeit seiner Bewohner angewiesen, anderseits aber gehört er dieser Sphäre nicht direkt an.

Gleichzeitig aber schließt das nicht aus, daß sich eine Volksgemeinschaft (die wiederum aus vielerlei Gemeinschaften und Gesellschaften besteht), die sich zum Staat bzw. als Staat zusammenschließt, sich einen Staat in Form einer Theokratie selbst gibt. Der also die Staatsakte als Einheit mit dem Willen Gottes auffaßt. Das verlangt aber freilich, daß sich die Staatsorgane selbst diesem göttlichen Willen unterstellen. Der aber keine inhaltliche Vorformung bedeutet, sondern nur in besonderer Weise Instrument der (religiösen) Sittlichkeit seiner Bewohner ist. Seine Gesetze aber müssen in Einklang mit göttlichen Geboten stehen, ohne diese freilich "befehlen" zu können. Er kann aber den Verstoß dagegen, als Verstoß gegen die Verfaßtheit und damit den Bestand eines Staatsvolkes, mit Strafe belegen. Staat bedeutet eben, daß sich ein Volk sein Schicksal selbst gibt, in allen Konsequenzen.

Gerade dieser Auffassung des Staates aber entspringt gleichermaßen die Freiheit der Form, in der solche Theokratie statthaben kann. Denn wenn jede weltliche Macht letztlich auf Gott zurückgeführt werden muß und kann, so ist es auch gleichgültig, welche Gestalt diese Macht hat. Jede empirische Staatsform kann dann Gottes Willen ausdrücken.

Das sagt noch alles nichts über die "weltliche Tauglichkeit" oder Klugheit solcher Staatsverfaßtheit vor allem im Umfeld anderer Staaten. Und es ist auch hier zu beachten, daß der Staat nur bestimmte Befugnisse hat. Jene, die eben seiner Ebene beigehören. In Rechtssprechung, in Rechtspflege wie -setzung, in der Kriegsführung. 

Auch in einer Theokratie also gibt es unzulässige Überschreitungen des Staates, man denke etwa an die Integrität der Familie. Er bleibt selbst in einer Theokratie eine Sphäre für sich, die lediglich von Personen konkretisiert, ausgeführt und repräsentiert wird. Und das kann praktisch auch gegen den Staatssinn verlaufen. Der bis ins Mittelalter heraufgehende Begriff des Königs als Stellvertreter Gottes hat nie ausgeschlossen bzw. eingeschlossen, daß dieser damit verpflichtet ist, sich dem Volkswillen gemäß nach Gottes Geboten zu halten. Verstieß er dagegen, verstieß er gegen die Verfaßtheit des Staates, und diese Person war untauglich. Das Widerstandsrecht war im germanischen Königsbegriff außerordentlich ausgeprägt. Nie ist er zu einer Identifikation der faktischen Person mit dem Staatsamt geschritten. Umgekehrt schreibt Gott nicht vor, welche Zölle zu erlassen oder welche Straßen zu errichten oder welche Butterbrote zu schmieren sind.

Umgekehrt verlangt das Begreifen dieser Differenziertheit nicht, daß ein Staatenlenker die Religion bzw. die sittliche Orientiertheit des Volkes ausklammern muß. Zwar darf er die Sphären nicht vermischen, aber prinzipiell ist nicht zu kritisieren, wenn wie in der Türkei die Frau des Präsidenten Kopftuch trägt. Das ist an sich noch lange keine Gefährdung des Staates, eher vermutlich sogar zum Gegenteil, ja es könnte Ausdruck großer politischer Klugheit sein.

Auch geschichtlich ist diese allmähliche Ausdifferenzierung nachvollziehbar. Es sind Schritte der voranschreitenden Erwachsenwerdung des Menschen, in einem Ausgreifen der Verantwortlichkeiten durch Steigerung der Durchdringung der Welt (in bzw. als Freiheit). Ähnlich, wie es das Kind erst noch erlebt, daß Gott und Eltern (zulaufend auf den Vater) - in einer (darüber dann hinausweisenden) Analogie - ineinander fallen, entwickelte sich historisch aus dieser ursprünglichen Erlebenseinheit eine allmähliche Differenziertheit, ein wachsendes Begreifen der verschiedlichen Sphären.

Es stehen sich also immer, so Edith Stein, religiöser Anspruch und Staat auf eine Weise gegenüber, und das ist ein prinzipiell unlösbares Problem. Es ist eine Zweiheit der Absolutheiten, die als solche nicht ineinander aufgehen können, weil der Staat menschlicher Freiheit unterliegt, ja diese erfordert, die gleichzeitig aber der absoluten Sphäre Gottes verpflichtet ist. Hier kann es nur faktische Lösungen geben. Auch die Theokratie ist nur eine Form dieses faktischen Ausgleichs, will sie nicht zum Götzendienst werden.



*051014*

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Abhängigkeitsstreben und Ausverkauf

Es berührt schon etwas seltsam zu beobachten, was Europa derzeit betreibt, um sich intern in ein fragwürdiges Ungleichgewicht zu schieben. Ausgehend von den Betrachtungen zum Staat der Edith Stein stellt diese den Punkt eindringlich dar, daß Staaten im wirschaftlichen Ausgleich miteinander darauf achten müssen, daß sie sich in einem Gleichgewicht des Bedürfens befinden. Das heißt, daß der Austausch der Staaten untereinander (wobei der Staat die nicht mehr weiter überbietbare menschliche, konkret gewordene Gemeinschaftsgestalt ist) nur dann die Existenz der Partner nicht gefährdet, wenn ein ungefähres Gleichgewicht an Bedarf vorhanden ist. Ist das nicht der Fall, benötigt der eine den anderen mehr, so entstehen unzweifelhaft Ungleichgewichtsverhältnisse, die an sich den Bestand des Bedürftigeren als Staat gefährden, langfristig sogar sicher aushebeln.

Grundsätzlich, dem Prinzip der Ergänzung folgend, können also Staaten, die unterschiedlich in ihren Leistungspotentialen sind, besser miteinander harmonieren, als Staaten, deren Wirtschaften sich gleichen, die also in Wahrheit Konkurrenten sind. Harmonie kann es hier nur in Über- und Unterordnungsverhältnissen geben.

Betrachtet man nun das, was mit den westeuropäischen Sanktionen gegen Rußland geschah und geschieht, so muß man feststellen, daß - als "Strafe" - Westeuropa Rußland Lieferungen dort edurfter Güter vorenthält, anderseits aber keine Alternative zum Eigenbedarf an Rohstoffen und Energielieferungen hat. Das führt zu dem seltsamen Schluß, daß Europa sich zunehmend (!) ABHÄNGIG von Rußland macht, denn dieses sucht natürlich weltweit Ersatzlieferanten, andere Staaten, die diese von Europa verweigerten Lieferungen ersetzen. Days wird zwar nie das Gleiche sein, aber Rußland wird sich damit eben etwas anders entwickeln. Und zwar von Europa weg.

Aber was macht - in fünf, in zehn Jahren - Europa, das aus der Harmonie des Bedarfs mit Rußland ausschert, indem es dessen Bedarf nicht mehr decken will, umgekehrt aber der Güter Rußlands bedarf? 

Nach Edith Stein: Es schafft sich ... Abhängigkeit, die in ihrer Einseitigkeit die eigene Souveränität gefährdet. 

Und damit werden ganz neue politische Notwendigkeiten und Schwerpunkte entstehen. Etwa die Bedeutung des Nahen Ostens (als Energielieferant) steigen. Dessen Probleme werden noch weit stärker als bisher in die Politik (ganz) Europas hineinspielen, und dort zumindest mit den vitalsten Interessen Chinas und Japans kollidieren (denn diese Länder sind energietechnisch sehr stark von dieser Region abhängig). Ob das der bessere Weg ist?

Amerika hätte damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Es hätte Europa zum Hüter seiner eigenen strategischen (nicht: energietechnischen!) Interessen im Nahen Osten gemacht. Den die USA als Gängelband für Asien braucht. Während sich zwischen China und Rußland eine neue wirtschaftliche Parität in der Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse und Fähigkeiten herausbilden wird, könnte sich bei weiterer Entwicklung derzeitiger Tendenzen nur noch eine EUSA herausbilden, die ein großer Ozean trennt. Wo Europa seine Produktionsstätten in die USA auslagert, denn die haben diese Leistungsharmonie am eigenen Kontinent. Ein Ausverkauf hin zu einem Europa des Konsums - und der militärischen Grenzposten, dessen zentrale Nervenschaltstelle aber in Washington liegt. Und das von einem Energielieferanten abhängt, der Europa nicht mehr braucht. Während sich das Problem des islamischen Kulturkreises in Europa noch stärker melden wird.




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Samstag, 13. September 2014

Was lange währt

Es hat ein wenig gedauert, aber nun kann die FAZ wohl auch nicht mehr darüberhinwegsehen. Denn es liegen nun Berichte von Amnesty International vor, die man nicht mehr so einfach umgehen kann. Und die werfen ein etwas anderes Bild auf die Kämpfe in der Ukraine. Dort stehen sich nämlich nicht eine offizielle ukrainische Armee und Separatisten gegenüber, welch letztere mit Mißhandlungen in die Listen der NGO kamen, sondern eine Privatarmee, ausgerüstet, aufgestellt und bezahlt von ukrainischen Oligarchen.

Erst hört sich der Bericht über die Freiwilligen, die alles stehen und liegen ließen, um an die Front zu eilen, um ihre Heimat zu verteidigen, freilich in der FAZ noch wie eine fromme Legende an:

Diese Männer und Frauen, die sich oft mitten aus dem Berufs- und Familienleben an die Front gemeldet haben, um die im Winter erkämpfte Demokratie gegen die Intervention aus Russland zu verteidigen, können mit Recht als eine Wiederkehr des Scharnhorstschen Bürgersoldaten, des „geborenen Verteidigers“ seines Staates, gelten.

Dann aber muß die Zeitung doch eingestehen, was jeder aufmerksame Medienstudierende seit Monaten ohnehin längst lesen konnte:

Allerdings zeigen die Vorwürfe von Amnesty International, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Weil das Freiwilligenheer der ukrainischen Revolution in rasender Eile während eines schon tobenden Krieges aufgestellt werden musste, weil man damals offenbar glaubte, jeden nehmen zu müssen, der sich meldete, haben sich unter die demokratischen Aktivisten des „Majdan“ auch zweifelhafte Elemente mischen können.
Oligarchen wie der Milliardär Ihor Kolomojskij haben als Großspender mehrerer Bataillone praktisch Privatarmeen aufgestellt. Die bisher bedeutungslose rechtsextremistische Organisation „Sozial Nationale Versammlung“ (SNA) hat die Gunst der Stunde genutzt und unter ihrem Führer Andrij Biletzkij das Bataillon „Asow“ gegründet.

Diese Verbände sind es in erster Linie, die die Last der Kämpfe um die "erst im Dezember errungene Demokratie" tragen. Und mit ihnen ist - eiderdautz - gar nicht zu spaßen. Und für die "mühsam errungene Demokratie" kämpfen sie auch nicht. Für die will in der Ukraine offenbar nämlich gar niemand kämpfen. Nicht die Armee, die kaum existent zu sein scheint, und auch nicht die Helden der Volkserhebung.

Jetzt spielt sie [die SNA; Anm.] eine Hauptrolle bei der Verteidigung der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Biletzkijs Stellvertreter Oleh Odnoroschenko hat dieser Zeitung die Verbindung des Bataillons zur SNA bestätigt und hinzugefügt, zu den Zielen seiner Organisation gehöre es, die „rassische Identität Europas“ zu bewahren. Die Demokratie sei die schlechteste aller Staatsformen. Andere Feldkommandanten, wie Dmito Jarosch vom sogenannten „Rechten Sektor“, haben schon gelegentlich gedroht, die Waffen gegen die eigene Führung zu richten, falls bestimmte innenpolitische Forderungen nicht erfüllt würden.

Freilich schwächt die FAZ gleich ab, ehe ein etwas anderer Blick auf den Konflikt in der Ukraine fallen könnte, und sich die Untauglichkeit des schönen Archetyps der um Freiheit ringenden Unterdrückten zu deutlich erweist: denn natürlich sind es nur einzelne Elemente, die so denken, so handeln. Die muß man halt dringend unter Kontrolle bringen, "ehe" das Streben der Ukraine in schiefes Licht geraten könnte. Nur: das war es ohnehin von letzten Dezember an. Nur nicht für die FAZ, die halt sah, was sie gerne sehen wollte, oder sehen zu müssen meinte.

Natürlich kann ein Staat seine Souveränititsbehauptung, die bis zur Selbstverteidigung gehen können muß, in letzterer Form auch delegieren. Dazu muß er sich noch nicht aufgeben. Schwächen freilich (man denke an Wallenstein) tut er sich allemal. Aber was ist das für ein Staat, der gar keine offizielle Verteidigung auf die Füße bringt, weil er von der Bevölkerung gar nicht getragen wird? Denn von der will ein offenbar großer Teil zwar wohl schon dringend bei amazon per neuem iPod bestellen und leben wie in New York oder Hamburg, aber ansonsten hätte er gerne seine Ruhe. 

Staaten, so schreibt immerhin die 1998 heiliggesprochene Edith Stein in ihrer philosophischen Analyse des Staates, können nur aus dem gemeinsamen Selbstbehauptungswillen einer Gemeinschaft entstehen. Dazu müssen sie nicht einmal explizit ausgerufen sein, denn dieser Wille ist entscheidend. Umgekehrt, wenn dieser Volkswille zu einem Staat, der wesentlich darin besteht, in einer institutionalisierten Staatsmacht Gewalt und Gesetz "selbstherrlich" in der Hand zu halten und selbst darüber zu bestimmen, was in einem Staatsvolk gelten soll und was nicht, gar nicht existiert, mag man einen Staat wohl behaupten, aber er ist nicht. Und er ist schon gar nicht, wenn seine Einrichtungen lediglich Einzelinteressen dienen  Dann wird er zur Beute.






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Samstag, 19. Januar 2013

In Drei Personen

Die deutsche Familienministerin Schröder, die unlängst tief in die Mottenkiste des Genderwahns griff und theologische Ratschläge erteilte, was denn Gott sei*, hat eine Debatte ausgelöst. Die wie so oft den eigentlichen Kern des Problems gar nicht anrührt, um nur ja innerhalb der political correctness zu verbleiben. Da bemühen sich dann Kirchenvertreter bestenfalls das auszusagen, was nicht direkt nicht möglich ist, anstatt positiv das zu formulieren, was gewiß ist. Um nur ja die Kanten sofort wieder abzuschleifen, die am Zeitgeist reiben könnten. Wir kennen das ja hinlänglich.

Die Polarität der Geschlechter ist aber nicht verzichtbar, abschleifbar. Sie ist Grundwesen des Menschen. Jesus hat nicht zufällig Gott Vater als Vater bezeichnet, und Gott ist nicht zufällig als Sohn inkarniert. Als Analogie Gottes ist aber seine Dreipersönlichkeit, die Trinität, Grundlage sogar aller Dinge der Schöpfung, von allem was es gibt. Und damit natürlich auch des Menschen. 

So sind die Geschlechter in ihrem Verhältnis zueinander gleichfalls eine Analog zu Gott. Der IM Geist den Sohn zeugt (deshalb die mehrfache Gleichsetzung von "Geist" mit "Frau", "ruach"). Als inkarnierte Wesentlichkeit, die aber den Stoff, die Hyle braucht, und er den Geist braucht, in dem er gezeugt wird. Die Trinität auseinanderzureißen, um ihr ihre Charakteristik zu rauben, den Vater auch zur Mutter zu machen, präzisiert nicht, macht den Zugang nicht leichter, sondern läßt das Wesen des Wirklichen im Nebel abtauchen.

Das Verhältnis der Geschlechter ist ein Insgesamt, das ist richtig, und es ist in diesem Insgesamt Abbild Gottes. Aber es ist es auch getrennt, in seinen Aspekten. Es wäre nicht derselbe Gott, von dem wir sprächen, ihn in seiner "Geschlechtlichkeit" (als Analogie von Wesenszügen) aufzuweichen. Sondern gerade im Gegenteil - ihn klar vor Augen zu halten. Die Diskussison feministischer Umdeutung geht also am Eigentlichen völlig vorbei. Die Geschlechtlichkeit des Menschen drückt diese Wesensaspekte und damit diese "Funktionalität" in einem unauflösbaren Zueinander aus. Es ist völlig und zur Bosheit verkommende, mißverstandene Liebenswürdigkeit, sie aufweichen zu wollen. Repräsentiert die Frau nicht mehr diese Wesenszüge - Liebe, Ruach, Geist, in dem das Gezeugte atmet - fehlt der Schöpfung und allem Seienden ihre Grundlage. Zwar ist natürlich jeder Mensch GANZ Mensch, aber er ist es nur DURCH seine Polarität. Es gibt kein verwischendes Geschlechterbild, das genauso oder gar besser Gott darstellte und wäre. Und ein Teil kann nicht die Wesensaspekte des anderen übernehmen, die vom Personalen nicht trennbar sind.

Aber es gibt doch das Hermaphroditentum, in allen Zwischenformen? Ja, aber es ist nachweisbar, daß jede scheinbare Zwischenstellung realer Menschen nur auf Fehlentwicklungen (dringender Hinweis: mit persönlicher Schuld hat das nichts zu tun!) einer einzigen Geschlechtlichkeit zurückzuführen ist. Jeder Hermaphrodit, jeder Transsexuelle (etwas völlig anderes als Transvestitentum, das auf Homosexualität zurückgeht) weiß selbst am allerbeste, daß er EINEM Geschlecht zugehört. Ja, gerade sie wissen es. Man rede mit (wirklichen) Transsexuellen, hinter deren Wunsch nach Geschlechtsumwandlung genau dieses Wissen steht, einem bestimmten Geschlecht zuzugehören, wozu ihnen die Natur einen furchtbaren Streich gespielt hat. (Denn nicht alles, was in der Natur vorkommt, ist auch natürlich. Und schon dieser Satz führt uns in das Geheimnis der Trinität, als "Bauplan" alles Seienden.**)

So, wie Jesus zwar auch der "ganze" Gott ist, Jesus in sich also wiederum die Dreieinigkeit darstellt, die einer "Selbstähnlichkeit" das Große wie das Kleinste durchdringt, aber in einer bestimmten und personal abgegrenzten, identitären Art (dazu u. a. die erhellenden Darstellungen bei Louis Boyer, "Das Wort ist der Sohn", oder Edith Stein, "Endliches und Ewiges Sein") die nicht "verzichtbare" Differenzierung ist. Sie ist eine Aussage über die Verfaßtheit (und damit das zuinnerste "Verhalten" und Streben, als "Entelechie" bezeichenbar) alles Seienden.

Das macht die Trinität - Pawel Florenski's "Säule und Grundfeste der Wahrheit" zeigen es sprachlich so beeindruckend klar - zu einem völlig unterschätzten, ja alles Denken grundlegenden Glaubensgeheimnis. Denn aus ihm erst wird die Welt überhaupt erfaßbar. Die heutige geistige Verwirrtheit geht zu einem großen Teil ausschließlich auf die Verkennung der Bedeutung der in Glaubenssätzen vermittelten Wahrheit über die Welt an sich aus.





*Was im übrigen zeigt, wie eng und tief verwurzelt Religion und Politik ist, und gar nicht anders sein kann: Auch heute hat jede Politik ihre tiefste Legitimation in der Religion, wie immer die aussieht.

**Wenn das Wort "Bauplan" (etc.) verwendet wird, so muß gleich eingeschränkt werden, um mechanistische Weltkonzepte auszuschließen. Denn dieses Grundschema von allem was ist - von der Idee zur Inkarnation im Geist - nur als personaler Akt der Wirklichung vorstellbar, im einzigen was wirklich IST, an dessen Wirklichkeit nur alles - in der "Ehe" - teilhat das seiend ist, Gott. Insofern stellt sich in der Trinität keine "Technik" der Weltwerdung, keine anonyme Kraft oder Energie dar, sondern die Art, wie dieser personale Akt, der letztlich alles ist, beschrieben werden kann.




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Sonntag, 25. November 2012

Am Weg zur Solidarität

Edith Stein schreibt an einer Stelle, daß der Einzelne sich erst einmal als Glied einer kleinen Kette - Familie, Sippe, Ort, Land - erfahren muß. Und zwar in aller Unterschiedlichkeit, in allem Eigensein. Nur so kann sich Solidarität bilden, im Erfahren des Gemeinsamen, das die sogar individuelle Besonderheit dennoch umgreift. 

Wird die Eigenart eingeebnet, verwischt, fehlt die Erfahrung des "anderen". Und damit fehlt die Möglichkeit, die Bereicherung durch das andere zu erfahren. Das Erfahren der Einheit des gesamten Menschengeschlechts ist somit die Frucht eines allmählichen, sich langsam erweiternden Aufbaus des Einzelnen, der mehr und mehr in der Unterscheidung die Strukturen des Gemeinsamen erfaßt. 

Übergreifende, übernationale Identität kann sich also nur aus dem klaren Erfassen und Bewahren der Eigenart ergeben. In der das Eigensein des Anderen gerade als Anderssein erfaßt, aber als Spielart des Menschseins gesehen wird, an dem auch ich teilhabe. Ohne engere Heimat gibt es keine Welt als Heimat. Der Weg kann aber nicht umgekehrt verlaufen - über ein "Weltbewußtsein" zur engeren Heimat. Wer die Heimat nicht achtet, kann auch die Welt nicht achten. Wer in seiner Heimat kein Glied eines Ganzen ist, kann es auch nicht der Welt sein.


*251112*

Sonntag, 7. Oktober 2012

Zwecklosigkeit des Glaubens

Edith Stein schreibt, daß die aufklärerisch-atheistische Erklärung der Religiosität als Selbsttäuschung, weil Erleichterung des Lebens, als "Opium", aus einem simplen Umstand heraus haltlos ist.

Weil der Glaube - als wirkliche Suche nach Gott - genau dort beginnt, wo der Gläubige NICHTS mehr spürt oder an Tröstung empfängt, wo er jede Gewißheit, jedes Festhalten in der Welt verliert. Je tiefer er glaubt, desto weniger ist er selbst es, der sich hält, desto mehr wird er von Gott gehalten. Und das geht auf jeden Fall durch die Nacht der Selbstdefinition, geht nur über das Kreuz der "Nichtung" allen irdischen Eigenwillens, den Verlust jeglicher Selbstbewertung, jeder bildhaften Vorstellung, bedeutet im Fortschreiten den Verlust jeder Gottesvorstellung, und konfrontiert das Selbst mit einem Abgrund, der das Ich in tiefe Nacht stößt, weil jede sinnliche Wahrnehmung verschwindet. Ja, der letztlich noch den Glauben selbst fordert. Glaube fordert die Aufgabe jeglicher irdischer Sicherheit, fordert im Ja zum Kreuz das Zerschlagen aller Glieder.

Wo wäre also die zweckhafte Selbsttäuschung, die doch das genaue Gegenteil bewirken soll: sich "angenehmen, sicheren Gefühles" im Leben zu halten? Jeder natürliche Mensch scheut das Leiden, warum also sollte er es hier suchen, wenn seine Wirklichkeit nicht außerhalb des bloß Irdischen liegt, und er nicht pervers ist?

Leiden hat keinen Zweck, man kann es deshalb nicht aussuchen, und der immer in der Gefahr der Verblendung stehende, sich jeder Methodik verweigernde Glaube entzieht sich, sobald er als Zweck mißbraucht werden soll. Leiden, individuelles Kreuz - und erst in dieser Bereitschaft beginnt das Leben jene Offenheit zu haben, in der Gottesnähe möglich wird - hat nur Sinn. Und den kennt man entweder gar nicht, oder nur mangelhaft.

Solange der Glaube aber nur das mittelbare, nicht das wirkliche - sich aber jeder Erwartung und Vorstellung entziehende - Angesicht Gottes kennt, steht er unter dem schweren Gesetz, "weitgehend leeres, erlebnismäßig unwirksames Erfassen des Wortsinnes zu sein." Nur psychogen - selbstevoziert, oder als Gruppendynamik - kann man dann noch "erleben". Nicht aber im Glauben.

Die atheistische Kritik richtet sich also bestenfalls an die verfehlte Praxis mancher, oder gar vieler - nicht gegen den Glauben selbst.




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Dienstag, 19. Januar 2010

Lackmustest des Seins

Weil der Mensch seiner selbst nur im Erkennen gewahr wird, diese wiederum nur einem Seienden - als Teilhabe am Sein - entwächst, über die Sinne "in den Menschen hineinwächst", ist die Grundstimmung des Menschen dem Nichts gegenüber - damit auch: der Täuschung, die versucht, dem Nichts das Mäntelchen eines Scheins, Sein zu beinhalten, überzuhängen - ist diese Grundhaltung dem Nichts gegenüber, die aufsteht, also: die Angst.

"Indem das Seiende entgleitet und wir selbst uns entgleiten, offenbart die Angst das Nichts," schreibt Martin Heidegger in "Was ist Metaphysik".  Es enthüllt sich in der Angst nicht als Seiendes und nicht neben dem Seienden.

Das Nichts "zielt nicht auf sich, sondern ist wesenhaft abweisend. Die Abweisung von sich ist aber als solche das entgleitenlassende Verweisen auf das versinkende Seiende im Ganzen. Diese im Ganzen abweisende Verweisung auf das entgleitende Seiende im Ganzen, als welche das Nichts in der Angst das Dasein umdrängt, ist das Wesen des Nichts: die Nichtung. Sie ist weder eine Vernichtung des Seienden noch entspringt sie einer Verneinung. Das Nichts selbst nichtet."

Ein Etwas, also ein "Nicht-Nichts", bedeutet Geformtheit, bedeutet geformte Stofflichkeit, und bedeutet "etwas und nicht alles".

Also ist Formlosigkeit - Signum des Nichts.




*190110*

Donnerstag, 1. Januar 2009

In testimonium fidei

Ich selbst habe verschiedentlich Zweifel an der Heiligsprechung von Edith Stein dahingehend vernommen, als das Sterben am Judentum unter den Nazis kein Sterben "in testimonium fidei" gewesen sei. Auch manche Äußerung Johannes Pauls II. konnte dahingehend gedeutet werden. Das wäre an sich stichhaltig, denn es wäre im strengen Sinn nicht möglich, an Umständen wie jenem, Jude zu sein, ein Martyrium im eigentlichen Sinne zu erleiden.

Wäre Edith Stein nicht aus ganz anderen Gründen verhaftet worden. Denn mit 26. Juli 1942 hatten sich die niederländischen katholischen Bischöfe in einem bewundernswert klaren Hirtenbrief gegen die (geplante) Ausschließung der Juden vom öffentlichen Leben, deren Verschleppung usw. ausgesprochen. Als Racheakt verhaftete daraufhin die Gestapo viele derjenigen Katholiken und Kleriker bzw. Ordensangehörigen, gegen die gesetzliche Handhabe vorlag - z. B. als konvertierte Juden.

Edith Stein selbst hat übrigens immer die Verfolgung der Juden in einem Zusammenhang mit deren historischer Schuld - der Kreuzigung und Leugnung Christi - und dem daraus erwachsenen Fluch gesehen. Was natürlich niemals dessen Rechtfertigung bedeutet. Einmal schreibt sie sinngemäß, daß es wohl richtig sei, daß Kain verfolgt würde. Wehe aber dem, DURCH den er zu Schaden komme (hier: die Nazis, das Deutsche Volk). Man fand in ihren Schriften ein Bildchen, auf dessen Rückseite eine Aufopferung ihres Lebens für die Bekehrung der Juden niedergeschrieben stand.

Aber weil ich es für wesentlich halte - und zwar als historischen Faktor, denn die wahren Kämpfe sind nicht die in großem Lärm - noch die Abschrift einer Bitte an ihre Priorin: Liebe Mutter, bitte erlauben Euer Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten, daß die Herrschaft des Antichrist wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist. Ich weiß, daß ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und er wird gewiß in diesen Tagen noch viele andre dazu rufen. (Passionssonntag, 26. III. 1939)



*010109*

Armut als Haltung

Man mißversteht das "Kreuz", wenn man es mit "Leiden" gleichsetzt. Edith Stein nennt deshalb in "Die Kreuzeswissenschaft" das Leiden lediglich "Hilfsmittel." Ja, Kreuz bedeutet die Bereitschaft zur Entfaltung des Seins zum Seienden hin, der eigentliche Auftrag des Menschen im Selbstdialog Gottes, den Schöpfung darstellt. Wo Gott sich in sich selbst liebt, weil herausstellt, und den Menschen daran teilhaben läßt, neben ihm, und doch nur aus ihm.

Wir töricht also fast alles, was man zum Thema Armut und Armutsbekämpfung hört! Fast ausnahmslos hat dieses Reden den Charakter der Kreuzesvermeidung - nicht einmal den der Hilfe, Kreuz zu tragen (das im Gegenteil eben wieder mit Leid und Leidvermeidung identifiziert wird.)

"Der Mensch stirbt nicht vom Gift, 
er stirbt auch nicht vom Tod,
er stirbt vor lauter Todesangst, 
er stirbt, wenn man ihm droht," 

singt Arik Brauer einmal. 

Und so ist es auch im Kreuz: Es bedeutet letztlich die bloße Bereitschaft - und hier muß und kann man vom eigentlichen Geheimnis und Fruchtbarkeit der Armut sprechen - alles aus der Hand und in die Hand Gottes zu geben. Alles dem Sein zu überantworten, ohne diese Deutung als simple Passivität ausgelegt zu erlauben.

Das ist nicht Fatalismus, sondern Armut als Weg zur Freiheit. Und es ist diese Armut der Kreuzesannahme.

Diese Armut als vollendete Haltung der Kreuzesannahme ist das Geheimnis Christi in dieser Welt. Sie bedeutet nicht einmal "Güterlosigkeit." Sie bedeutet lediglich das Ja zum Kreuz, zugleich die freie Annahme der Gesetzlichkeiten, die anerkannte bis zum Tode gehende (weltliche) Ernsthaftigkeit sohin, in Erfüllung des Standes, in welchem man steht.




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Frausein als erfüllte Hingabe

Edith Stein zum Wesentlichen des Frauseins: "Sich liebend einem anderen Wesen hinzugeben, ganz eines anderen Eigentum zu werden und diesen anderen ganz zu besitzen (im Sinne von: ganz von ihm im Erkennen durchwirkt sein; Anm.) ist tiefstes Verlangen des weiblichen Herzens. Darin faßt sich die Einstellung auf das Persönliche und auf das Ganze zusammen, die uns spezifisch weiblich erscheint."

"Wo diese Hingabe einem Menschen gegenüber erfolgt, ist sie eine verkehrte Selbstpreisgabe, eine Versklavung und zugleich ein unberechtigter Anspruch, den kein Mensch erfüllen kann. Nur Gott kann eines Menschen Hingabe ganz empfangen und so empfangen, daß der Mensch seine Seele nicht verliert, sondern gewinnt."

"Darum ist die restlose Hingabe, die Prinzip des Ordenslebens ist, zugleich die einzig mögliche, adäquate Erfüllung des weiblichen Sehnens."




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