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Freitag, 18. September 2026

Die Grundgrammatik jeder Existenz

  Die immer stärkere Betonung religiöser Fragestellungen an dieser Stelle ist nicht, wie mancher Leser meinte, subjektive Wahl und eigentlich Rückzug. Wie zu vermuten stünde: aus Resignation, an sich ja eine Feststellung für sich, und nicht unwahr, aber aus Gründen, die in den heutigen Aussagen enthalten sind. 

Vielmehr ist es ein Resultat der Empirie, insofern sogar wissenschaftlich, der Beobachtung, und Zusammenfluß aller Erfahrungen in dieser Welt, und der aus der bewegten Lebenslinie gewonnenen Menschenkenntnis. Die oft genug einem Prinzip gefolgt ist, das für viele Mitmenschen nicht nachvollziehbar war und ist. Die daraus sogar meinen, mir gewissen "Seltsamkeit" zuschreiben zu müssen. Dabei halte ich mich keineswegs dafür. Aber es hat mich mein ganzes Leben oft kaum das Ergebnis, der "Erfolg" interessiert, als die Erkenntnis, die sich wie in einem wissenschaftlichen Experiment durch Veränderung der Untersuchungssituation steigern lassen. 

Das ist gewiß nicht das, was von einem seriösen Menschen zu verlangen ist, aber diesen Anspruch habe ich nie gestellt. Was also für viele etwa wie eine Pathologie gewirkt haben könnte, erfolgversprechende Wege wieder zu verlassen, so gut wie immer Erfolge in dem Moment zu zerstören, in dem sie erreicht waren, schon gar zu vermeiden, daß sie meine Persönlichkeit als Spielfigur im Rahmen eines funktionierenden Gesellschaftsmodells prägen und festlegen. (Was nicht hindert, an solcherlei anhaltender Verlustsituation zu leiden, keine Frage.)

Darin freilich unterscheidet sich meine Art zu leben nicht von der jedes anderen Menschen: Das, was JEDER in den See, das Meer der Schöpfung hineinhält, um Welt daraus zu gewinnen, ist jeder selbst. Jeder ist selbst der Köder, an dem man Ertrag zu gewinnen versucht, versucht Beute zu machen. 
Worin ich mich aber ganz sicher unterschieden habe und unterscheide ist, daß ich jeden Fang, nachdem ich ihn untersucht habe, um ihn zu verstehen, um seine Formen als Lehren in meine Bibliothek zu sortieren, wieder ins Meer zurückwerfe. 
Und NICHT in die Beutetasche stecke, um damit dann fortzulaufen und zu rufen: Seht! Seht was ich gewonnen habe, seht, und kommt und verzehrt es mit mir. Oder seht, wie ich es verzehre, konsumiere. 

Was sich aus dieser permanenten Lebensversuchsanstalt aber schon seit langem und immer klarer an Aussage ergab und ergibt ist aber, daß sich alles auf die religiöse Grundsituation der Menschen zurückführen läßt. Sodaß ich ohne jeden Zweifel sagen kann, daß ALLES Denken und Verhalten des Einzelnen Ausfluß seiner Religiosität ist. Alles. Und zwar nicht an der Linie von moralischen Forderungen oder "Werten" bemessen, sondern weit, wirklich weit tiefer.

Die ausdrückliche oder ausgedrückte Moral eines Menschen ist also nicht seine Verhaltensbasis! Sondern das prägt das Verhalten, wie die Grundgrammatik eines Menschen IST. 

Auf eine Weise ist also auch das Verhalten eines Menschen Ausdrück eines hinter allem Aussagen und Forderung, noch unter allen Imperativen, in einem BILD erkennbar, das wie ein Schatten hinter allem Existieren sichtbar wird. Wenn man denn gelernt hat, es zu sehen. 

Und man lernt es, wenn man dem Leben genau zuhört. Wenn man sich wieder und noch einmal und noch schärfer zu sehen bemüht. Wenn man nie mit dem zufrieden ist, was einem gestatten würde, sich zufrieden zurückzulehnen, weil es den Standards der Umwelt genügt, die allgemeinen Anforderungen an ein "gutes Leben" erfüllt. 

Es gibt keine andere Herangehensweise an solch ein Urteil, als das Anpressen an das Sein. Das sich wie ein unendliches Prachtschloß mit jeder Tür, die man öffnet und auf der ein Urteil, eine Erkenntnis steht, als immer größeres, progressiv weiteres, und immer prächtigeres Gebäude offenbart, deren Ende in dem Maß ferner wirkt, als man voranschreitet. (Und nur so, und nur dann. Stillstand bedeutet nicht "erreichter Zwischenstand", sondern bedeutet ein Verdunsten des scheinbar Gewonnenen. Das Gold, das man in den Händen zu halten meint, löst sich in Nichts auf, bleibt man stehen und meint, eines Figur mit güldenen Girlanden geschmückt "fertig" machen zu können, um Ernte zu halten. 

Das wird einem klar, wenn man einen gewissen Zustand der Offenheit, ja Ehrlichkeit dem Sein gegenüber erreicht hat, "gestorben" ist - also wieder und wieder verlor, was man erreicht zu haben meinte. Bis zu dem Punkt, und anders kann es gar nicht sein, bis man bereit ist, tatsächlich, real sterben zu können. 

Bis man erkannt hat, daß es es einem selbst und allen (!) Menschen nur darauf ankam, exakt diese Beziehung zu gestalten. Bis man erkennt, daß alles Dasein nur dann Sinn ergibt - auch buststäblich, expressiv - wenn man begreift, daß alles nur insofern existiert als es sich im Dialog mit dem Sein befindet. Weil alles irdische, geschöpfliche Sein (und hier keineswegs nur dem Menschen, sondern alles Sein) nur existiert, INSOFERN es sich im Blick des Seins befindet. Und also am Sein selbst Anteil hat.

Sodaß alles Leben nur insoweit existiert und real wird, als es dieser "religiösen" Grammatik entspricht. Und zwar immanent, implizit, nicht als "Moral" oder "Werteerfüllung". 

Der Mensch existiert nur so, und jedes Steinchen, jedes noch so kleine Lebewesen mit ihm, als es dem Sein in Gott entspricht. Sodaß es letztlich auch nur zwei Weisen gibt, in denen Gott sichtbar wird. In der Geschichte, in der Erzählung, der voranlebenden Gestalt - und in der Liturgie, die letztlich alles geschöpfliche Selbstvollziehen, Beziehungsleben zu sein berufen ist. Beides wieder also ein "Reden von Gott". 

In dem Maß also, in dem ich hinter allem faktischen Theater der Welt, wie sie mir begegnet, ein religiöses Geschehen (ein Existieren vor und in Gott) sehe, wird alles Erkenen und Begreifen dieser Welt - ein religiöses Reden. Erst darin können wir von Geschichte sprechen.