Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Goerdeler (Carl) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Goerdeler (Carl) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. November 2017

Hatte Hitler in allem Recht? - Die Versuchung des Funktionierens (3)

Teil 3)



Bei den hier dargestellten Texten handelt es sich im Wesentlichen um eine freie Übertragung des Kommentars, der dem am Ende der Ausführungen folgenden Film unterlegt ist. Er ist eine Darstellung - oder eine angebliche Darstellung - der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches, wie sie ab 1933 implementiert wurde. Wir werden immer wieder im Text, aber vor allem am Ende einen Kommentar geben, der zeigt, daß es sich hier um eine verblüffende Vorwegnahme vieler auch heute üblicher oder für gut geheißener Maßnahmen ist, die aber als prinzipiell falsch gelten müssen. Warum? Eben NICHT, weil einzelne Maßnahmen falsch sind. Sondern weil sie von einem Staatsverständnis ausgehen, in dem der Staat sich seine Volkswirtschaft MACHT. Dieses Problem heutiger Politik ist also keineswegs neuesten Datums, es hat sich seit der Renaissance mehr und mehr aufgebaut. Wo die Sichtweise eines Volkes, eines Staates ALS MECHANISMUS, ALS MASCHINE entwickelt wurde. Und hier widerspricht auch die Politik radikal der katholischen Soziallehre, wird zur Äquivokation: Man verwendet (auch heute) oft deckungsgleiche inhaltliche Aussagen, sieht aber jedes Mittel als gerechtfertigt, um den Effekt zu erreichen. Es ist also eine totalitäre Utopie. Und die lehnt der Katholizismus radikal ab.




Um das liberale Ideal zu überwinden, das für viele bereits Inbegriff von Freiheit war, mußte eine alternative Form etabliert werden, die Möglichkeiten zur Selbstentwicklung bot, aber gleichzeitig die Deutschen treu zu ihrem Staat stehen ließen. Also mußte ein System etabliert werden, das die individuelle Freiheit nicht zur Parodie verkommen ließ, wie es durch eine lange Reihe deutscher Intellektueller im vorangehenden Jahrhundert demonstriert worden war.

Der Nationalsozialismus war dem Marxismus diametral entgegengesetzt. Er stärkte das Nationalbewußtsein einerseits, förderte aber auch den Individualismus anderseits. Eigentum als Menschenrecht und das Streben nach Selbstentfaltung auf der Grundlage individueller Fähigkeiten war sicher kein Teil der marxistischen Doktrin. Aber es war davon auszugehen, daß die Etablierung eines solchen Systems in Deutschland zu einem Krieg mit den globalen Finanzmärkten führen würde. Das zeigte sich darin, daß die beiden größten liberalen Demokratien des Westens, die USA und England, die Sowjetunion finanzierte. Das würde über kurz oder lang dazu führen, daß sich in Deutschlands Osten eine militärische Gefahr aufbaute.

Hitler hatte den 1. Weltkrieg miterlebt. Und zu dem muß man zurückgehen, wenn man seine Politik verstehen will. Mit dem ersten Tag des Krieges 1914 etablierten die internationalen Banken den Goldstandard. Zu dieser Zeit hatte Deutschland seine Goldbestände in vier Ländern deponiert, um seinen internationalen Handel damit zu finanzieren. Die Einführung des Goldstandards führte aber nun dazu, daß das deutsche Gold für Importe draufging, während die in Deutschland umlaufende Währung (mangels Goldbedeckung) nach und nach wertlos wurde, sodaß der Krieg 1918 verloren werden mußte.

1924 hatte der Westen die deutsche Nationalbank privatisiert, vom Staat unabhängig gemacht. Damit konnte die internationale Finanzwelt die Versorgung mit Geld in Deutschland kontrollieren. Das führte zur Finanzkrise von 1931. Als Hitler, Hjalmar Schacht und Walter Frank 1937 die Kontrolle der Reichsbank wieder einführten, wurde die ausländische Kontrolle über die deutsche Währung ausgeschaltet. Aber damit war der 2. Weltkrieg unausweichlich geworden.

Die totale Seeblockade Deutschlands 1918/19 mit hunderttausenden Hungertoten zwang Deutschland, das Diktat von Versailles anzunehmen. 60 % seiner Industrie wanderten unter ausländische Kontrolle. Ausländische Besitztümer und die Kolonien wurden internationalisiert und enteignet. Die Goldreserven verschwanden, und Deutschland mußte große Gebiete an umgebende Staaten abtreten. Das hatte Deutschland gelehrt, daß man ausländischen, fremden Mächten nicht vertrauen konnte. Als einziges Gegenmittel sah man die Kraft zur Selbstversorgung und wirtschaftliche Autarkie. Wo immer es möglich war, sollte Deutschland für sich selbst sorgen. Außenhandel sollte nur dort stattfinden, wo er wirkliche Vorteile brachte.

Bereits zwei Tage, nachdem er zum Kanzler ernannt worden war, kündigte Hitler in einer Radioansprache sein Wirtschaftsprogramm an. Binnen vier Jahren sollte die deutsche Landwirtschaft aus der Armut herausgeholt und die hohe Arbeitslosigkeit beseitigt werden.

Die Regierung implementierte Gesetze, die die Strategie verfolgten, die Fritz Reinhardt, Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, entwickelt hatte. Reinhardt ging davon aus, daß es sinnvoller ist, Menschen mit Arbeit als - arbeitslos - einfach mit sozialen Wohltaten zu versorgen. Das Arbeitsbeschaffungsgesetz von 1933 stellte deshalb 1 Milliarde Reichsmark zur Verfügung, um landesweit Bauprojekte zu verwirklichen. Schwerpunkt waren Infrastruktur, das Anlegen von Wasserstraßen, Gasleitungen und Einrichtungen der Elektrifizierung, Gebäude von öffentlichem Interesse und Geschäftshäuser, Bauernhäuser, sowie Gebäude von landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften.

Männer, die Familien hatten, wurden bei Einstellungen bevorzugt, während die Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden beschränkt wurde. Für die Wirtschaft galt, daß Materialien, die in Deutschland hergestellt wurden, bevorzugt werden mußten. 

Hier unterbrechen wir wieder einmal kurz, um den entscheidenden Unterschied aufzuzeigen. Denn nur weil etwas funktioniert bedeutet noch lange nicht, daß es auch richtig war!  

Gerade hier bei diesem Punkt, der einer christlichen Gesellschaft selbstverständlich sein müßte, und den der VdZ auch in aktuellen Vorschlägen zu einer alternativen, besseren Politik häufig fand. Weil es eines der Mittel wäre, um die riesigen Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die die heutigen demographischen Probleme mit verursacht haben. Jawohl, Männer mit Familien MÜSSEN bevorzugt eingestellt werden. Aber dieses müssen kann für die Politik nur ein sollen, ein moralisches Gebot sein. Der Staat kann das nicht BEFEHLEN. Es muß sich indirekt ergeben, etwa indem gewisse Bevorzugungen (z. B. bei Staats-Aufträgen) damit in Zusammenhang stehen. Das kann und darf, ja muß der Staat.  Wie so vieles kann Staatspolitik aber auch dieses reale soziale Problem nur indirekt "bekämpfen". Und gerade Sozial- und Familienpolitik ist fast immer nur durch INDIREKTE staatliche POLITIK zu machen, ja: darf gar nicht anders gemacht werden. Sonst wird sie zum Totalitarismus.

Auch hier würde sich das Problem wie so viele andere (!!!) nämlich bereits weitaus kleiner stellen, wenn ein voranzugehendes Prinzip, das der Subsidiarität, wieder zu seinem Recht käme. Soziale Probleme sind so gut wie immer lokale, regionale Probleme! Denn wenn Sozialmaßnahmen wieder auf Gemeindeebene (wobei wir hier nur anregend sein wollen, nicht glauben, mit simplen Konzepten alles regeln können zu wollen; umgekehrt IST vieles sehr sehr simpel, und nur deshalb falsch gelaufen, WEIL die vorgeblich bessere Lösung NICHT einfach war) rückverlagert werden, entsteht für Unternehmer ein sozialer Druck, der diese Bevorzugung zu einem sozialen Gebot macht. 

Außerdem muß hier wie für überall gesagt werden, daß sich ganz fatal die Ausschaltung der Kirche als moralischer (sozialer) Institution auswirkt! Was keine Politik machen kann, kann der Pfarrer bei der Beichte sehr wohl SAGEN, und zwar sogar fordern!  Denn unsoziales Handeln kann den Staat nur bekümmern, aber es ist in den Augen Gottes (wie auch vieler Menschen, die etwas begriffen haben) Sünde oder sogar Todsünde! Und Sünde hat immer auch eine gewisse soziale Ächtung zur Folge. Zur richtigen Folge. Wir haben dazu an anderer Stelle in diesem Blog schon viel geschrieben. Vieles an der heutigen Politik krankt aber schon nur deshalb, WEIL die Politik DIE KIRCHE ERSETZEN MÖCHTE weil aus realen Folgen "muß". Die allermeisten sozialen Probleme (zu denen auch demographische gehören) sind Folgen von Sünde, so - wie so.

Im Sommer desselben Jahres wurden über öffentliche Kredite 500 Millionen Reichsmark für kleinere, individuelle Projekte zur Verfügung gestellt. Dabei wurden 20 Prozent der Projektkosten durch staatliche Garantien abgesichert. Damit wurden auch Instandsetzungen und Erweiterungen finanziert. Besitzern von Realvermögen wurden ermuntert, Modernisierungsmaßnahmen durchzuführen, und sei es der Einbau von Aufzügen oder die Vergrößerung von Wohnungen. Wer ein Haus neu bauen wollte erhielt Kredite lokaler Hypothekenanstalten, die mit staatlicher Garantie abgesichert waren. Mit staatlichen Kupons wurden Zinszahlungen übernommen. Ebenfalls noch 1933 wurden Gesetze erlassen, die Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten steuerlich steuerabzugsfähig machten. Insgesamt finanzierte der Staat damit 40 Prozent des Bauvolumens in Deutschland. Gleichzeitig wurden kurzfristige Kredite für Bauvorhaben in langfristige - bei niedrigeren Zinsen, von zuvor 7 Prozent auf nun 3 Prozent - umgewandelt. Firmen- und Kapitalzusammenschlüsse wurden gefördert, die das Ziel hatten, rasch große Produktionskapazitäten aufzubauen, um damit Arbeitskräfte unter Arbeit zu bringen.

Es stand schon an anderer Stelle hier zu lesen, aber noch einmal: Die Sozial- und Wirtschaftspolitik Deutschlands war ein "deficit spending", dem aber kein Schuldenabbau folgte. Es war im kredittechnischen Sinn sogar "Wechselreiterei". Deutschlands Politik bezahlte nämlich die Unternehmen mit Wechseln, die bei Einlösung durch neue Wechsel abgelöst wurden. Das deutsche, das nationalsozialistische "Wirtschaftswunder" ab 1933 war ein Wunder, das auf (fast möchte man sagen: erpreßten) Schulden aufgebaut war. Mangels des Zugangs zu ausländischem Geld, verschuldete sich der deutsche Staat nämlich einfach im Inland. (Wie es Japan bis heute macht.)  Das so darzustellen, wie es der Text zum nämlichen Film macht, als "neues System des Wertabgleichs von Arbeit" nämlich, ist also eher als ein Anflug von Ironie zu werten. Neben manchen Stellen, die geschmackloser Zynismus sind.

Daß Hitlers Wirtschaftspolitik dabei die Kommunen, die Gemeinden also, oft entschuldete, weil von der zuvor rein lokal zu lösenden sozialen Unterstützung befreite, die Sozialleistungen also an sich zog und so zum Mittel der nationalsozialistischen zentralistischen Staats-Politik machte, wurde von diesen Kommunen selbst gar nicht immer begrüßt. Der geneigte Leser möge hier nachlesen, was schon vor etlichen Jahren zum damals äußerst populären Präsidenten des deutschen Gemeindetages, Carl Goerdeler, der noch 1945 von den Nazis wegen seiner Beteiligung am 20. Juli ermordet wurde, geschrieben worden war. Der die nationalsozialistische Schuldenpolitik, mit der "Wirtschaft künstlich gemacht" wurde, schwer kritisierte. Goerdelers Sichtweisen können das hier oft recht üppig idealisierte Vorgestellte ausgezeichnet ergänzen, sie zu lesen kann also nur empfohlen werden. Siehe der Leser dazu die Stichwortleiste am Rand dieses Blog.


Bei Schließung einer Ehe gab es einen Kredit von 1.000 Mark zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Das Geld wurde in Warengutscheinen ausbezahlt, mit dem das junge Paar Möbel und Dinge des Hausrats anschaffen konnte. Dabei mußten die Frauen nachweisen, daß sie in den letzten zwei Jahren für zumindest 6 Monate unter Arbeit gestanden hatten, um sich gleichzeitig zu verpflichten, ihre Arbeit aufzugeben und zukünftig zuhause zu bleiben. Damit stieg die Nachfrage nach arbeitslosen Männern. Für jedes Kind, das nunmehr geboren wurde, wurde der Hausstandsgründungskredit um 25 Prozent reduziert. Gleichzeitig gab es Kinderzuschüsse für die Dauer von einem Jahr. Ab dem vierten Kind wurde der Kredit vom Staat gestrichen. Für alleinstehende Frauen und Männer aber gab es Sondersteuern. 1936 waren bereits 700.000 Hausstandskredite vergeben.

Reinhardt bezeichnete die Rückführung der Frau in den Haushalt als "Neuordnung des Arbeitsmarktes und der Sozialpolitik." Innerhalb von 4 Jahren wurde tatsächlich die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigt. Gleichzeitig erlebte die deutsche Wirtschaft eine enorme Nachfragesteigerung, die einen regelrechten Boom auslöste. 

Auch hier: Ein insgesamt richtiges, ja dringend zu lösendes Problem wäre eben diese Rückführung der Frau in den Haushalt.  Die damit zusammenhängenden Probleme, von zu geringen Löhnen bis zu Arbeitslosigkeit, sind ENORM, und werden von der Politik aus ideologischer Verblendung heraus völlig ignoriert! 

ABER auch dies kann nicht vom Staat BEFOHLEN werden. Es würde sich aber schon alleine dadurch weitgehend beheben, wenn der Staat endlich (!) aufhören würde, die Frauen (und sei es durch eine wahnsinnig gewordene Pädagogik) in den Arbeitsprozeß der Wirtschaft zu drängen! Und noch etwas ist dringend zu fordern: Werden die "Dinge zwischen Mann und Frau" wieder diesen selbst überlassen, und zwar vollumfänglich, also alle Gesetze eliminiert, die dieses Verhältnis der Geschlechter und Menschen zu regeln, die Integrität der Familie zu sprengen sich anmaßen, würde die natürliche Hierarchie zwischen Mann und Frau auch durch Stärkung der Rechtsstellung der Ehe (also die existentiellen Abhängigkeiten dem natürlichen Sein angeglichen) wiederhergestellt werden, würde sich dieses Problem binnen weniger Jahre praktisch von selbst regeln.

Die Zahl der Eheschließungen stieg deutlich. Damit entstand eine gesteigerte Nachfrage nach Wohnraum. Auch die Möbelindustrie erlebte eine Umsatzsteigerung von 50 Prozent. Fabriken, die Haushaltswaren herstellten blühten auf und konnten die Nachfrage kaum noch befriedigen. Der Kauf von Immobilien wurde steuerfrei gestellt.



Morgen Teil 4)







*211017*

Sonntag, 30. November 2014

Nur das Militär kann helfen

Hier eine umfassendere Dokumentation der Umstände rund um den 20. Juli 1944 rund um die Lage im deutschen Heer. Die Kernfragen eines Putsches sind Fragen der Legimation von Macht, vor allem aber von Konzepten der Ordnung, und sie werden meist weit unterschätzt, die die Geschichte von Revolutionen lehrt. Nur das Militär kann ein entsprechende Form der Ordnung, die aber nicht von ihm selbst kommen kann, aufrechthalten, die einen Machtwechsel, eine Überführung in einen neuen Anbindepunkt des Rechts, praktisch durchführbar machen. Anders würde der Einzelne in seiner Suche nach Recht sich selbst überlassen, und damit dem Zufallsspiel der Propaganda, den Mechanismen der Meinung, oder/und den spezifischen Mechanismen des Militärapparats ausgeliefert.








***

Dienstag, 11. November 2014

Gezielter Völkermord als Kriegsmittel (2)

2. Teil) Es ging gezielt um Menschenvernichtung. 
Der Feind war nicht ein Staat, sondern ein Volk, das nur eines nicht konnte: Aufgeben.



Wobei man, wie gesagt, nicht auf Sprengwirkung setzte. Die war nur ein Mittel, um dem eigentlichen Wirkmittel, der Brandbombe, den Weg zu ebnen, und offen zu  halten. Eine bereits zerbombte Stadt war Sprengbomben - deren Einzelgewicht sich innerhalb dieser Jahre vervielfachte, so waren sie wenigstens noch als Bunkerknacker brauchbar - gegenüber überhaupt immun, da half nur Feuer. Man wollte Land, Fläche, Stadtfläche zu einem alles Leben verunmöglichenden Raum machen. Als militärisches Mittel gezielter Feindbekämpfung war die Sprengbombe unbrauchbar und viel zu zufällig. Man brauchte also "Dichte des Zieles".

Was die Zivilbevölkerung "einfach" erduldete, war unermeßlich. Die meisten Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub waren, waren froh, bald wieder an die Front zu können. Denn so schlimm wie in der Heimatstadt war es dort bei weitem nicht. Jeder Soldat, der seine Hände hebt und die Waffe wegwirft, wird schonend behandelt, wird nicht mehr bekämpft. Was hätten die Bewohner deutscher Städte machen sollen, wenn fünfhundert Lancaster mit 3 Millionen Stabbrandbomben anflogen?

Und Hitler? Der dachte bis zum Schluß nur an Vergeltung. Was die Engländer natürlich mit Schmatzhand aufgriffen, denn die Verhältniszahl war erdrückend. Sämtliche V-Waffen töteten weniger Engländer, als diese bei einem einzigen Angriff auf Pforzheim über die Klinge springen ließen. Für diese Genugtuung blieb der Bevölkerung oft nur noch Lynchjustiz an Abstürze überlebenden Bomberpiloten. Aber an die Möglichkeit eines Sieges im Krieg glaubte niemand mehr, nur sagte man es nicht. Goebbels beklagte das. Die deutsche Propaganda war ja bislang in Schritten mutiert: im 1. Kriegsjahr hieß es "wir haben gesieht", im 2. "wir werden siegen", im 3. "wie müssen siegen", und im 4. "wie können nicht besiegt werden". Passives Erdulden war die Devise geworden, "siegen zu können" glaubte niemand mehr der täglich erlebte, daß die deutsche Luftabwehr die Vernichtung des Landes nicht einmal ansatzweise verhindern konnte. Die Propagande konzentrierte sich auf den Umstand, daß man zwar mit Psychologie nicht siegen, aber verlieren konnte. Denn daß man Menschen in rauchenden Trümmerhaufen nicht zu Hurra-Schreien bewegen konnte, war Goebbels klar. Also mußte man ihre Haltung loben, mit der sie das alles durchstanden.

Am Schlachtfeld hatte England vorerst verloren - also verlegte es sich ab Mai/Juni 1940 auf das Vernichten des Zivilen. Vorsorgehalber bestellte England in den USA Millionen von Gasbomben. Die aber denn doch nicht zum Einsatz kamen. Man fand und perfektionierte weniger skandalöse Mittel - die Flächenzerstörung durch Brand. Zahlreiche englische und amerikanische Bischöfe protestierten gegen diese unmoralische Vernichtungsstratege, deren  militärischer Wert eine längere Abhandlung braucht um noch "gültig" zu bleiben, weil sämtliche Werte erst einmal umgewertet werden müssen, um am Schluß noch plausibel zu bleiben. Erst rechtfertigten bewußt nach oben korrigierte Opferzahlen aus dem Revanche-Bombardement Londons ab August 1940, "Deutschland hat so viel Elend über Europa gebracht ..." zog aber schließlich als ultimatives Argument, um aller Gewissen, selbst das Churchills, zu beruhigen. London wurde propagandistisch zum Mythos des Durchhaltens stilisiert, und zwar auf groteske Weise für beide Seiten und durch die selben Übertreibungen. Aber nach dem wirklichen Ausweiten der Katastrophe, etwa im Ruhrgebiet, breitet sich spätestens ab 1943 Resignation aus.

Der Satz "Der Führer hat uns belogen" wird allgemein, wenn auch heimlich. Wer solchen Terror wehrlos hinnehmen muß, wer seine Bevölkerung davor nicht zu schützen vermag, dem glaubt man nicht mehr, daß er das Los wenden könnte. Man beginnt zu ahnen, daß alle Opfer umsonst sein werden. Das Beben der Erde unter den Detonationen wird von vielen als Weltuntergangserlebnis beschrieben, das dem Menschen jeden Platz auf Erden entzieht.

Der Staat Deutschland sorgte sich freilich vorbildlich um die Opfer. Hitler hatte ja immer einen Arbeiteraufstand wie 1918 gefürchtet. Die Engländer hatten sogar etwas dieser Art erhofft. Mit Millionen Butterbroten nach Bombennächten etwa wurde aber bemerkenswert "feinfühlig" reagiert. Mit Getränken, mit Kaffee, mit Millionen ausgegebener Essensrationen, mit einer Sanitätsversorgung, die noch 1945 von 90 % der Bevölkerung mit "sehr gut" bewertet wurde. Nach den schweren Angriffen auf Köln speisten 80 % der Bevölkerung auf Staatskosten. Und der Staat "zahlte", bereitwillig. Entschädigungen für Eigentumszerstörungen, Häuser, Klaviere, Hausrat, und steuerte die Inflation dann durch Preisregelungen. Augenblicklich bildete sich ein riesiger Schwarzmarkt, Natürlcih illegal. Aber als Bingen Tauschware für dringenden sonstigen Bedarf benötigte, konfiszierte es einfach einen Salzkahn, der vor Anker lag.

Größter Wert wurde auf "persönliche Begräbnisse" gelegt. Der Aufwan den man betrieb, Tote zu bergen, zu bestatten, zu identifizieren, war beträchtlich. Wenn es auch manchmal nicht mehr ging, wie in Dresden, wo tausende Tote schließlich auf Rosten aus Eisenbahnschienen - manche kannten dieses Prozedere aus Auschwitz - verbrannt wurden, weil der Verwesungsgestank unerträglich, die Eingrabekapazität aber überfordert war.

Die Währung? Man möchte das den "Gold ist Geld"-Trotteln von heute gerne wieder und wieder ewrzählen, wären sie nicht unbelehrbar stumpf, wie die Bombenopfer - bezahlt wurde mit allem, was gebraucht wurde. Zigaretten, Strümpfe, Wäsche, natürlich auch Geld (zu eigenen Kursen), was eben "Wert" hatte wurde zur Währung. Gold wollte niemand. Dafür interessierten sich erst nach 1945 die tausenden von amerikanischen Spekulaten, die das Land durchkämmten. Denn in Amerika war Gold - für Schmuck, was auch immer - noch etwas wert, das hier so spottbillig gegen ein paar Zigaretten, Strümpfe, Butter oder Brot einzuhandeln war, wenn man es eben darauf stand. Bis Goldbesitz und -handel in Deutschland generell verboten wurden. Gold wurde hier erst etwas wert, als es allen wieder gut ging, man Raum für Kokolores hatte.

Mit 5-800.000 Toten (je nach Schätzung), also mit vielleicht einem Prozent der Bevölkerung, war der Erfolg der unglaublichen Vernichtungswellen, die in diesen vier Jahren Bombenkrieg über Deutschland rollten, aber außergewöhnlich bescheiden. England war tief enttäuscht. Man hatte mit vielen Millionen gerechnet. Und selbst davon waren noch ca. 40.000 Tote KZ-Häftlinge bzw. Zwangsarbeiter, die nämlich in ganz Deutschland Bunkerverbot hatten, sieht man von einzelnen "vorschriftswidrigen" Ausnahmen ab. Leipzig, im Erbe seines ehedemstigen Bürgermeisters Goerdeler (im April 1945 endgültig für seine Beteiligung am Putschversuch vom 20. Juli 1944 hingerichtet), war dabei herausragend mutig.

Und doch verließen die Menschen die Städte nicht. Nicht, wie von der Reichsführung gehofft oder geplant. 20 Millionen (!) Menschen, so Göbbels, hatte man in "sichere Gebiete" auszusiedeln geplant. Aber nur ein Bruchteil davon ging fort. Die Menschen wollten in ihren Städten bleiben, und lieber sterben. Aber sie waren meist apathisch, desinteressiert, nur auf primitive Lebensvorgänge fokussiert, depressiv weil hoffnungslos, und nur noch beschäftigt, ihre Verwandten und Kinder zu finden, oder zu besuchen. Alles, was ihr Leben ausgemacht hatte, was sie sich materiell geschaffen hatten, war zerstört.*

Die meisten Verantwortlichen in England konnten sich 1945 nicht vorstellen, daß sich ein derartig seiner materialen Grundlage und seiner Geschichte, seiner Kultur beraubtes Volk, ein derart ausradiertes, vernichtetes Land, jemals, oder bestenfalls nach Jahrhunderten, wieder aufrichten könne.




*Österreicher können sich das Ausmaß des Bombenkriegs gegen die deutsche Bevölkerung nicht vorstellen. sie können sich auch nicht vorstellen, derartig seiner materialen kulturellen Grundlage beraubt zu werden. Ja, auch Wien wurde schwer bombardiert, ja, Wiener Neustadt (Henkel-Flugzeugwerke) war 1945 schließlich eine der meistzerstörten Städte des Dritten Reiches, war ausradiert. Aber das alles fand erst ab 1944 statt, als Italien mehr und mehr nach Norden zu erobert wurde, die Reichweite der allliierten Bomber also nunmehr ausreichte. Und auch die Heimatstadt des VdZ, Amstetten, wurde mit 200 Toten - bei vielleicht 7- oder 8- oder 10.000 Einwohnern (wie viele Einwohner die Städte damals hatten, ist bei den damaligen Wanderungsbewegungen oft nicht erhebbar) gar nicht so wenig - im finalen Angriff, wenige Wochen vor Kriegsende, als alles nur noch auf der Flucht nach Westen - durch Amstetten - war, beträchtlich getroffen. Ausgelöst durch eine SS-Einheit im Amstettner Außenlager von Mauthausen (für Aufräumarbeiten im mehrmals schwer bombardierten Bahnhof, der wichtig wegen der Erzlieferungen aus der Steiermark war), die sinnlos die bereits abdrehenden US-Maschinen zu beschießen begann. 

Den wirklichen Terror wie Deutschland hat Österreich aber nicht, nicht in diesem Ausmaß erlebt. Viele Österreicher glauben ja heute noch, zu den Guten zu gehören, weil sie Salzstollen im Salzkammergut, in denen viele, ja unermeßliche Kunst- und Kulturschätze Deutschlands eingebunkert waren, an die Alliierten auslieferten. Österreicher können in Fragen des Krieges, der Geschichte, seit mindestens 100 Jahren nicht mehr ernst genommen werden. Der Großteil der Bewohner dieses Landes faselt sowieso generell nur noch, gibt wirres., vor allem aber böses Zeug von sich.



***


Montag, 1. März 2010

Von sich fälschlich ausgehend

Gerhard Ritter reagiert in seiner Biographie Carl Goerdelers (1884-1945, hinger.), das ein Buch über die deutsche bürgerliche, konservative Widerstandsbewegung gegen Hitler ist, auf Kritik an seiner Goerdeler (und seine Kreise) verteidigenden Grundhaltung. Darin wird nämlich das Dilemma bürgerlich-konservativer Grundhaltung deutlich: als Tragik, aufgrund eines in sich unlösbaren Widerspruchs zwischen Konstruktivität, Volksliebe und -treue, nobel-diskreter, ja gebotener, christlicher "bona fide", und einem ab einem gewissen Punkt dennoch erstehenden Gebot, einer also erst ab einer bestimmten Grenze erstehenden Verantwortung, zu handeln.

Goerdeler war ja im Plan des Putschversuches vom 20. Juli 1944 als Reichskanzler vorgesehen, hatte sich aber zuvor lange einem Umsturz verweigert, der eine Tötung Hitler's verlangt hätte.

"Nichts liegt mir in Wahrheit ferner als der Wunsch, sie möchten Revolutionäre gewesen sein, dämonische Naturen von der Art Hitlers, denen jedes Mittel recht war im Kampf um die Macht. Denn was hätte Deutschland und die Welt damit gewonnen, wenn das Hitlerregiment durch Kräfte gestürzt worden wäre, die ihm irgendwie wesensgleich waren? Es hätte nichts weiter bedeutet, als daß der Satan von Beelzebub verdrängt wurde. Ganz gewiß war es nicht die Aufgabe der deutschen Widerstandsbewegung, Revolution zu machen, sondern im Gegenteil:

einem revolutionären Treiben, das die ganze Welt ins Unheil stürzte, schleunigst ein Ende zu machen. Man kann auch sagen: streng gesetzliche, meinetwegen bürgerliche Ordnung an die Stelle von mörderischer Willkür und ewig gärendem Chaos zu setzen. Was Deutschland nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft brauchte, waren nicht neue Machtmenschen, sondern Männer, die allgemeines Vertrauen verdienten - Vertrauen im Inland wie im Ausland. Die Träger des Widerstandes durften also nicht Ehrgeizige sein, denen es primär auf die Erringung der Macht ankam, sondern Patrioten, in denen das sittliche Gewissen alle anderen Stimmen übertönte: gewissenhafte, rechtlich gesinnte Idealisten, die bewußt ihr Leben für Freiheit und Ordnung aufs Spiel setzten. Andernfalls hätten sie ihre historische Mission verfehlt.

[...] Noch einmal: nicht darin sehe ich den entscheidenden Einwand gegen die Politik Goerdelers, daß er nicht Revolutionär und hemmungsloser Machtpolitiker gewesen ist, sondern darin, daß er die Dämonie seiner Gegner und wahrscheinlich auch die politische Blindheit der Massen des deutschen Volkes unterschätzt, überdies die politische Weitsicht und Handlungsfreiheit ausländischer Staatsmänner erheblich überschätzt hat. Praktisch bedeutet dies vor allem: daß er nicht rechtzeitig die eiserne Notwendigkeit erkannt hat, den Tyrannen gewaltsam aus dem Wege zu räumen, sondern fast bis zum letzten Augenblick sich dagegen sträubte.

[...] Die deutsche Widerstandsbewegung ist niemals ein echter Machtkampf gewesen - einfach deshalb nicht, weil sie zwangsläufig machtlos war. [...] Sie war ein reiner Aufstand des Gewissens, und eben darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung."




Montag, 22. Februar 2010

Goerdeler contra Eurozone

Als ich den Artikel in der Neuen Züricher Zeitung las, mußte ich an Carl F. Goerdeler denken. Denn mindestens genauso interessant, wenn auch auf andere Weise, wie seine Geschichte im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 (er wurde am 2. Feber 1945 enthauptet, als einziger der Hauptangeklagten übrigens, nicht stranguliert), sind seine wirtschaftstheoretischen Ideen. Die, aufruhend auf seiner gewinnenden, klaren, offenen Persönlichkeit (und seinen Erfolgen als Oberbürgermeister unter anderem von Leipzig), in den Jahren bis zu seiner Kaltstellung 1936 jenen legendären Ruf in Deutschland begründeten, der ihn zum Staatsoberhaupt nach einem erfolgreichen Putsch sehr geeignet gemacht hätte.

Was die NZZ nämlich über Griechenland, Spanien, die gesamte Euro-Zone schreibt, dazu beziehungsweise dieser Problematik hatte Goerdeler Gegenrezepte, die die Schweizer vielleicht tatsächlich kennen ... denn so vieles gleicht sich!

Da steht also einleitend:

Jeder Tourist weiß: In Spanien, Griechenland oder Italien auswärts zu essen, ist schmackhaft, die Rechnung aber ist gesalzen. Das ist der Grund für die desolate Lage dieser Länder – und damit des Euro. Die Löhne und Preise sind zu hoch geworden. Die vielgescholtenen Staatsdefizite dagegen spiegeln nur im Nachhinein die dramatisch verlorene Konkurrenzfähigkeit dieser Länder, seit sie der Euro-Zone beitraten. Abwerten können sie aber nicht mehr, wie früher die einfache Lösung lautete.

Ich bringe den restlichen Artikel auf einen (der möglichen weiteren) Punkte: Griechenland, ja die gesamten südlichen Länder Europas, haben sich mit dem Euro einen Strick gedreht. Denn so verlockend höherer Wohlstand und Ausgleich in Europa auch sein mögen, sie wurden der Wirklichkeit auch in diesen Ländern nicht gerecht. Nun sind die Folgen da, und sie scheinen kaum bewältigbar, weil sie in der Natur der Sache liegen. Die Rezepte, mit denen in Europa nämlich Wirtschaftspolitik gemacht wird - sie haben in Griechenland (und Spanien und Portugal, also dem Süden, aber auch Irland) genau diese Krise verursacht.

Denn um die Wirtschaftskraft in diesen Ländern anzuheben, wurde Geld nach unten gepumpt - auch durch die niedrigen Zinsen (des Nordens, mit höherer Produktivitätssteigerung). Dieses Geld hat bewirkt, daß die Löhne und die Preise sowie die Importe stiegen - nicht aber die Produktivität. Diese war scheinbar ja gar nicht mehr nötig - die Regierungen konnten über Sozialausgaben und staatliche Investitionen alle Folgen ebenfalls lange kaschieren. Gleichzeitig stieg der Euro auf den Weltmärkten - Exporte außerhalb Europas wurden noch schwieriger, die Arbeitslosigkeit stieg, die Sozialkosten gleichfalls ...

Da haben wir den Salat, ich habe es vorhergesagt, würde Goerdeler da sagen. Der ein strikter Gegner jedes Keynesianismus war, und nur (und erst in späteren Jahren) in äußersten Grenzlagen eine Einmischung des Staates für gut hieß. (Er war dann sogar mehrere Jahre Kommissar zur Überwachung der Preise - ein Amt, für das er kein Gehalt nahm, und sogar sein Privatauto ohne Spesenrechnung einsetzte.) Vor allem war er vehement gegen eine "Ankurbelung" der Nachfrage durch staatliches Geld, durch eine Erhöhung der Geldmenge, die NICHT im Gleichschritt (und eher nachträglich) mit höherer Güterproduktion und Produktivitätssteigerung stand. (Weshalb Goerdeler in gleichem Maß vehement gegen jede parteipolitische Färbung öffentlicher Ämter und Regierungsträger war, und dies ebenso offen wie klug von Hitler einforderte.)

Ein staatlicher Eingriff dürfe nur unterstützend zur Gesundung in Krisenzeiten, und nie länger, geschehen. Und was der spätere, nach, wie er dann meinte, "als einzigem bedauernd zu langem" Zögern per 20. Juli 1944 zu allem bereite Goerdeler in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren dachte und soweit er konnte umsetzte (er sanierte zum Beispiel die Finanzen Leipzigs binnen kürzester Frist), klingt wie ein heute gültiges Rezept für Griechenland. Kein Wunder, denn seine Konzepte waren ja in Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise ab 1929 - die der heutigen in manchem gleicht.

(Unter anderem war er zu dem auch in aktueller analytischer Literatur vertretenen Schluß gekommen, daß die Währungskurse der Länder anders als damals geschehen zueinander akkordiert, aber nicht unveränderlich sein müßten - um nicht als Kampfmittel aller gegen alle zu dienen, eine der Hauptursachen für die Krise jener Jahre. Man lese dazu, was die NZZ über den Starrheits-Effekt des Euro folgert ...)

Goerdeler sah die Wirtschaftskrise 1929ff. als Ergebnis einer zu hohen Geldmenge bei zu niedrigen Geldkosten (bei gleichzeitigem Anstacheln der Anlegermärkte zu höherem Risiko für höhere Zinsen ... wie heute!) Gegenrezepte wären lediglich durch harte Arbeit und Sparkurse - ja: Deflation - wirksam: sie bestünden in einer Senkung der Löhne, in einer Senkung der Preise (notfalls durch staatliche Kontrolle - diese Aufgabe hatte dann Goerdeler für Jahre übernommen), in einschneidendem Sparen bei aller staatlicher Verwaltung, drastischer Reduktion des Beamtenapparates auf das Notwendigste und in einer Erhöhung der Güterproduktion durch höhere Stundenleistungen der Arbeitnehmer. Denn der Grund für mangelnde Nachfrage auch am Weltmarkt sei der zu hohe Preis der Güter. Und der Grund für die zu hohen Preise waren unter anderem die im "Boom" der Wirtschaft der 1920er Jahre leichtsinnig in den Markt gepumpten, vielfach auch öffentlichen Gelder.

Weil dies - ein Exkurs - in volksdemokratischen, parteipolitisch durchtränkten Ordnungen aber kaum durchsetzbar war, war Goerdeler, gewiß zur Überraschung mancher heute, ein Verfechter des Systems der Notverordnungen auf Zeit (wie eben vor Hitler, und diesem dann zum mißbrauchbaren Instrument).

Das klingt wie jenes Fazit, das der Schweizer Journalist Beat Kappeler in seinem Artikel zur Lage des Euro zieht. Der die gemeinsame Währung für gescheitert hält. Weil sie die realen Wirtschaftsverhältnisse in den südlichen europäischen Ländern bestenfalls "frohrechneten." Gleichzeitig hätten diese Länder keine Möglichkeit mehr, sich durch Währungsparitäten (Abwertung) am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Aber die Wirtschaft habe bereits viel Substanz verloren, weil durch die erhöhten Importe Arbeitsplätze, Unternehmensgewinne und Steuereinnahmen nur noch sanken. Zugunsten der Nordländer nämlich! Die zwar dafür "Geld schickten", aber die Folgen sind bereits dargelegt ... durch die Krise 2008/09 sind nun die südlichen Haushalte rettungslos ruiniert! Die Schulden Griechenlands, Spaniens, Portugals ... sind nicht mehr bezahlbar!

Zur Rettung des Euro aber legt sich nun - bumerangartig - den nördlichen europäischen Ländern eine Last auf, die diese kaum tragen können. Und der Euro geriet längst schon unter Abwertungsdruck, während die Energiekosten dadurch (Importe werden teurer) steigen und einen eventuellen Aufschwung bremsen. Wobei sich aus demselben Grund die Zinsen zur Regulierung nicht erhöhen lassen - der schwachen südlichen Länder wegen - um die Inflation in der ganzen Euro-Zone bei den hohen Geldmengen, die zusätzlich aufgebracht worden waren, im Griff zu halten. Kappeler meint sogar, daß, wenn die südlichen Länder nicht aus dem Euroverbund austräten, Deutschland diesen Schritt machen sollte. Denn die Last wird nicht zu tragen sein und ein Vielfaches der Wiedervereinigung ausmachen.

[...] Die noch einfachere Lösung ist völlig tabu – dass Deutschland austritt. Es gewänne tiefere Zinsen, und alle seine Euro-Schulden würden mit einer aufgewerteten Mark bezahlt. Der Konkurrenznachteil des Euro-Südens fiele weg, die Importe für die Deutschen würden billiger. Auch hier steht eine Ideologie im Wege – die vielgerühmte Europa-Solidarität. Die einfache, nutzenorientierte Frage der Schweizer oder der Engländer, die ohne Euro jetzt massiv abwerten konnten, stellen sich Deutschlands Politiker nicht: Was bringt's, was kostet es?

Gewiß originell, der Vorschlag. Schon gar, wenn man die Frage mancher anderer Kommentatoren weiterspinnt, die da lautet: Wo dieses ganze Geld, das der Europäische Währungsfonds allein voriges Jahr geschaffen habe, denn nun hingeflossen sei? Wo wieder Goerdeler ins Spiel käme: Denn zwar sei scheinbar die Krise 2009 abgefangen worden, weil weit weniger "schlimm" ausgefallen als befürchtet, aber sie habe die wirkliche Krise nur hinausgeschoben. Und die sei eine Überproduktion gewesen, die aber durch zu hohe Preise aufgrund zu hoher Stückkosten durch zu hohe Löhne und zu hoher Sozialausgaben nicht absetzbar gewesen war. Nimmt man die Autobranche als Beispiel und Symptom, so hat Goerdeler einfach recht.

Es gibt Meinungen die nüchtern schlußfolgern, daß diese riesigen Rettungs-Geldmengen (zum Beispiel vom Europäischen Währungsfonds) vom Markt nicht aufgesogen, verarbeitet wurden, denn es wurde ja nicht mehr produziert, weil nicht mehr verbraucht, und schon gar nicht aber: Mehr (und gar zusätzlich) investiert (denn welcher Unternehmer geht ohne realen Sinn höheres Risiko ein?), sondern stattdessen eine neue Welle Anlage suchender Investoren ausgelöst habe - bis zum nächsten Blasensprung ...

In Wirklichkeit war das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre (so wie vor 1929) und gar Jahrzehnte bereits zunehmend künstlich, zum einen, durch öffentliche Ausgaben über Verschuldung entstanden, und zum anderen durch "Leerlaufwirtschaft" - durch Erhöhung der (unproduktiven) Sozialkosten (die ja in unsere BIP-Rechnungen als "Wirtschaftsleistung" aufblasen) sowie (meist staatlich bezahlte) Tertiärkosten (Beispiel: Folgekosten, die der Realwirtschaft abgenommen werden und dort ein unwahres Kosten-/Nutzengefüge entstehen ließen - wie Umweltsanierungen, Kinderbetreuungskosten, Frühpensionierungen anstatt Arbeitslosigkeit etc.) In Krisenzeiten sind diese Ausgaben nicht mehr haltbar, will man keinen Staatsbankrott riskieren.

Goerdeler meinte übrigens, daß die Arbeitslosenfürsorge (er war ein Gegner einer Versicheurung) auf kommunaler Ebene zu bleiben habe. Der Verantwortungsgefühle aller wegen.

Irland (das - aus anderen, und doch sehr ähnlichen Gründen - vom selben Problem betroffen ist) hat als erstes Land nun begonnen, die Preise zu senken. Der NZZ-Journalist meint, daß aber die südlichen Länder wohl kaum nachziehen würden. Denn dort, so Kappeler, sei der ideologische Druck viel höher. Zitat NZZ:

Doch Spekulation war eher, dass die damals Europa dominierenden Sozialisten und Gewerkschaften den Maastrichter Vertrag nicht richtig gelesen hatten, daß die Politiker hofften, alles gehe schon noch auf. Doch das Grundlagenpapier der EU-Kommission von 1990 zur Währungsunion sah «insbesondere in der Lohnflexibilität das wichtigste Anpassungs-Instrument». Als Alternative müssten diese Länder die Leistung pro Kopf dramatisch steigern. Dazu müssten die Kündigungs-Hemmnisse abgeschafft, die Arbeitszeiten verlängert, die viel zu vielen Staatsangestellten in private Produktionen gesteckt werden. Solche Produktivitätsgewinne sind das Unwahrscheinlichste. Da bleiben nur lange Jahre Abbau und Deflation.

Tja - wer da nicht Goerdeler hört? Der war eben auch ein vehementer Gegner von Ideologien, sodaß er sogar mit seiner eigenen Partei brach. Doch seine Gedanken waren gewiß bemerkenswert. Für Ideologen freilich überraschend, und für Hitler bald "unmöglich" und "lächerlich", weil der alle Erfolge durch fröhliche Geldvermehrung erzielte. Später war seine (an sich lange Zeit hohe) Meinung über Goerdeler dann noch ganz anderer Qualität.

Wieviele Parallelen zur Gegenwart!