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Dienstag, 2. Februar 2021

Es hält zusammen, was zusammengehört (2)

Teil 2) Reich sein heißt gar nicht in erster Linie, viel Geld zu haben,
sondern in einer Gruppe gut integriert zu sein, die reich ist 
Das fulminante Fazit, das es in sich hat.

 

Es gibt Untersuchungen, die das eindeutig belegen. Die sogar zeigen, daß in den begüterten sozialen Schichten eine relativ lange "Pechsträhne" möglich ist, ohne daß der "Pechvogel" auch nur irgendwie an Prestige, Respekt, Vertrauen und sozialem Anschluß einbüßt. Die Bereitschaft zum Risiko ist aber für die Vitalität und Dynamik - und auch für den Wohlstand! - einer Gesellschaft unerläßlich. Wer der Geschichte von Ländern mit hohem Wohlstand nachgeht wird immer feststellen, daß an ihrem Anfang zum einen großer Mut, ja Abenteuerlust in Schichten mit hohem sozialem Zusammenhalt gestanden ist.

Schichten haben immer (sic!) eine geringe vertikale Durchlässigkeit. Das war immer so, das ist auch heute so, und das wird immer so sein. Jeder Versuch, diese Schichten aufzubrechen, muß am Wesen des Menschen selbst scheitern. Man kann also nicht mit Geld ausstatten und dann meinen, daß damit dem Aufstieg in höhere Schichten jedes Hindernis aus dem Weg geräumt ist. Zugehörigkeiten, soziale "Einheit" hat nicht mit technischen Güterausstattungen zu tun, sondern umgekehrt: Gewisse soziale Zugehörigkeit drückt sich in bestimmten Gütern aus. Das ist der Kern der Thesen von Douglas, die einer Änderungen der Paradigmen der Zielgruppenforschung im Marketing das Wort redet. 

Nur "Aufsteiger" legen deshalb den Wert auf die Güter oder das für ihren Erwerb nötige Geld, und sie sind genau dadurch sogar erkennbar - als Nicht-Zugehörige, denen eine Schichte bestenfalls einen sehr begrenzten Zugang gewähren wird. Ja, oft sogar Zulassung heuchelt, aber hinter vorgehaltener Hand bespricht, was im Handeln geschieht: Der innerste Kreis wird weiterhin verweigert, und eine wirkliche Zugehörigkeit nicht zugestanden, trotz äußerlicher Zeichen.

Wenn schon, dann ist vertikale Durchlässigkeit von der Eheschließung abhängig, und zwar ... über die Frauen. Nur ihnen ist dieser Weg offen. Sie können es schaffen, aufzusteigen, indem sie sich einen "überlegen positionierten Mann" krallen, um es salopp zu formulieren. 

Fassen wir das Gesagte ein wenig zusammen, dann kommen wir aber nicht nur zu dem Schluß, daß es nicht einfach die "Menge an Geld" ist, die den Wohlstand einer Gesellschaft anzeigt. Sondern wir werden gewahr, welche Bedeutung die soziale Strukturiertheit spielt. Diese wiederum - und jetzt kommt's! - kann nur gewachsen sein. Denn "Neueinsteiger" in soziale Schichten (man denke an die Verachtung, die schon in der Antike, aber heute nicht weniger, den "homo novae"), den Emporkömmlingen entgegengebracht wurde und wird. 

Soziale Gruppen sind nämlich deshalb sozial stark (und womöglich noch über Generationen, also auch schon durch die Väter und Vorväter) weil sich ihre Mitglieder je weiter "oben" sie angesiedelt sind umso stärker identitär abgrenzen. Was sich wiederum über Generationen (weil z. B. auf den Nachwuchs, weil aber auch auf das Heiratsverhalten) auswirkt.

Wohlstand und Güterspezifität gehen also zum einen nebeneinander her. Aber sie sind nur Ausweis - nicht Gründungsfaktor! - sozialen Zusammenhalts. Immer zeigt sich, daß wirklicher sozialer Zusammenhalt auf die Familie zurückgreift zum einen, diese stärkt (vor allem, weil er die Zugehörigen zu einer Familie identifiziert, "sich kennen läßt" etc.) zum anderen. 

Mit weiteren, anderen Worten: Die Charakteristik, in der sozialer Zusammenhalt wesentlich für Wohlstand, Lebenserfülltheit und -vielfalt ist, kann durch die vielge- und berühmte "Straßensolidarität" nicht wettgemacht werden. Damit kann sozialer "Aufstieg" nicht erreicht werden, der ohnehin und in jedem Fall (das ist durch sehr aktuelle Untersuchungen belegbar) sehr schwer ist. Auch das zeigen die Untersuchungen unter Verknüpfung mit wirtschaftlichen Eckdaten. Zwar ist es immer noch besser, wenn jemand diese "Solidarität der Straße" genießen darf, aber sie kann niemals die Vorteile auf den Familien basierenden Zusammenhalts wettmachen.

Die Folgerungen aus dem hier gewiß nur unzulänglich weil gerafft zusammengeführten Fazit sind somit viel weitreichender, als es manchem lieb sein mag. Es ist desillusionierend und ernüchternd, betrachtet man die sozialen Gegebenheiten in unseren Ländern in der Gegenwart. In der (man muß sich das einmal vorstellen!) fünf Jahrzehnte Sozialismus, Identitätsauflösung und Gleichmacherei die Illusion befeuert haben, wir lebten in einer egalitären Gesellschaft, in der es keine gläsernen Zwischendecken in der vertikalen Struktur gäbe. In der also jeder alles werden könne, es hänge alles nur von "seiner Tüchtigkeit" ab. 

Wie soziologische Untersuchungen belegen, sind es die Frauen, die "nach oben" wollen. Daraus kann man schließen, daß eine Gesellschaft mit hohem Drang "nach oben" von Frauen und von den Frauen zugehörigen Männern (vulgo "Muttersöhnchen", Narzißten, feminine Männer) dominiert wird. Gleichzeitig fehlt es dieser weil der femininen Charakterprägung an Bereitschaft, "nach unten" zu heiraten, also dauerhafte soziale Bindungen und damit Schichtenidentitäten einzugehen. 
Anders bei Männern bzw. dem Männlichen in seiner grundsätzlich stärker ausgeprägten Eigenschaft eines Willens zur Einordnung (also dem, was man erwachsene Resignation nennt) in eine bestehende Ordnung. Aber anders als Frauen gehen Männer auch viel bereitwilliger Bindungen mit Frauen ein, die "unter ihnen" stehen oder gestanden sind.

Auch wenn das bei uns nur wenige anerkennen wollen werden, so ist die Egalitarität, die wir angeblich erleben, nicht Merkmal eines Aufstiegs breiter gesellschaftlicher Schichten, wie verkündet und als Dogma zu glauben vorgeschrieben wird. Man denke nur an die kaum begreifbare Tatsache, daß fast sechzig Prozent der heutigen Jugendlichen Matura machen, daß der "Akademikeranteil", also der Anteil an Menschen mit universitärem Diplom, im kapitalistischen Westen bei zwanzig Prozent liegt. Sie alle aber fühlen sich mit einem Anspruch auf die oberste Schichte ausgestattet.  

Die Wahrheit ist für manche hart. Nicht diese Schichten sind aufgestiegen, sondern die Merkmale wurden billig, so könnte man es sagen. Nicht der Wohlstand ist gestiegen, sondern nur die verfügbare Menge an (unter vielerlei Hinsichten - man denke an Quoten, gar nicht nur an Umverteilungs- und Sozialleistungen - künstlich verteiltem) Geld. Entsprechend fielen auch die Produkte, welche man als Attribute (man denke an die Rolle der Filme dabei, die breiten Schichten davon erzählt haben, welche Güter in höchsten Schichten Standesmerkmale sind) der Zugehörigkeit zu den (gewünschten, das heißt erträumten) sozialen Schichten. 

Als weiteres Indiz ist festzustellen, daß wir heute in einer Güter- und Konsumationswelt leben, in der die Produkte nur noch so "wirken", aussehen müssen wie hochwertiger eingeschätzte, also einer höheren sozialen Schichtenidentität zugehörigen Güter. Ja, in der diese Güter von einer minderen, aus technischen Ersetzungsprozessen zusammengestoppelten Qualität bestehen, die vor allem ein Kriterium erfüllen müssen: Sie müssen billig sein.

Man könnte also zu einem weiteren abschließenden Urteil gelangen. Das die Gesellschaften in unseren Ländern als Gemeinschaft von Prahlhälsen und Defraudanten charakterisiert sind. Die nicht risikoaffin und schöpferisch sind, die nicht das eigentliche Merkmal von Reichtum - die dauerhaften Güter und Institutionen - anstreben, sondern einen Identitätsschwindel, eine Maskerade abführen. 

Der aber von der Politik und bestimmten Ideologiekreisen vorgemacht wird, daß die Quantität der Güter, mit denen sie sich umstellen, einer höheren Schichte zugehört. Damit niemandem auffällt, daß unsere Gesellschaften insgesamt, deutlich und gegen alle Versprechungen, mit denen sich eine bestimmte Elite den Zugang zur Macht erschlichen hat, nach unten gesunken sind.


*260121*

Montag, 1. Februar 2021

Es hält zusammen, was zusammengehört (1)

(Ein Versuch einer systemischen Gruppierung zum Behufe einer Aussage, die sich harmonisch in ein Insgesamt fügt.) Es trifft den Kern der Sache nicht, schreibt Mary Douglas in "The World of Goods", wenn man den Reichtum einer Gesellschaft an deren Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner mißt. Das sagt wenig aus. Vielmehr ist es eine Anzeige für soziale Strukturen, und Reichtum oder Armut entscheiden sich dort. Das setzt in der Tatsache an, daß sich Armut in erster Linie darin ausdrückt (ja, dort verankert ist!), daß der weniger Begüterte an hochfrequente Prozesse stärker gebunden ist. Er hat also weniger Zeit und Kapazität, soziale Kontakte zu pflegen. 

Diese sind es aber, die die Elastizität persönlicher Umstände bestimmt, welche wiederum einerseits dafür maßgeblich sind, ob jemand Rückschläge verkraftet oder nicht. Eine solidarische (also sozial gleiche!) soziale Schichte hängt davon ab, wie gut sie gepflegt werden kann, und das wiederum ist eine Frage der Reziprozität. Das heißt, daß sich Schuld und Schuldeinlösung in einem ständigen Ausgleich, bei gleichzeitigem Aufbau neuer Verbindlichkeiten im nächsten Schritt (einer ist immer "voraus") befinden.

Salopp gesagt bedeutet das, daß jemand dem anderen - dem Schichten-Kollegen sozusagen, etwas Gutes tut, ihm einen Gefallen leistet, bei der Berufslaufbahn hilft, was schon alleine, ja vor allem durch adäquate Information geschieht, hilft bei der Berufslaufbahn etc. Das ist bei wohlhabenderen Schichten nicht nur besser und auf vielerlei Weise möglich, sondern es ist geradezu Merkmal einer sozialen Gruppe. Damit ist erklärt, warum eine wohlhabende Gesellschaft immer auch eine Gesellschaft von großen Gruppen mit hoher Solidarität ist. 

Denn diese Wechselseitigkeit ist bei weniger wohlhabenderen oder gar bei armen Gruppen überproportional eingeschränkt. Und zwar AUCH, wenn sie scheinbar an keinen gravierenden Mängeln leidet. Und zwar NICHT nur an Gütern des eigentlichen Lebensbedarfs, wie man meinen könnte, sondern sogar, wenn sie mit Konsumgütern relativ gut versorgt ist. Weil - siehe oben - sie durch die Art der Produktivität (nicht durch deren Bedeutung am Markt), die die Notwendigkeit ständiger Anwesenheit bedeutet (und das ist mit hoch- oder niederfrequent gemeint).

Reich sein heißt, daß so viel Kredit seitens einer Gruppe zur Verfügung steht, daß Verluste weitgehend absorbiert werden können. Es setzt damit voraus, daß man auf fast verborgene Weise in ein Netz eingewoben ist, das nur schwer zerreißt. Arm sein heißt hingegen, isoliert zu sein.

Die Schichte der Wohlhabende(re)n weist sich in erster Linie dadurch aus, daß deren Mitglieder relativ frei über ihre Zeit verfügen können, wir haben das bereits angedeutet. Das darf man durchaus in weiterem Sinn auslegen, und zeigt, daß man Wohlstand häufig mit anderen Kriterien messen sollte. Es ist dann diese Vielfalt im sozialen Leben, die nicht nur dem Geld, sondern dem Prinzip der Reziprozität innerhalb einer Schichte geschuldet ist. In Gestalt einer Gruppe, die "so und so lebt", und die vor allem eine Gemeinsamkeit hat: In der Möglichkeit, mit ihrer Zeit zu verfahren. Die also nicht kurzfrequent, sondern mittel- oder langfrequent leben kann.

Diese Thesen haben übrigens auch gewisse Nützlichkeit. Denn so kann man dann das Kaufverhalten von Menschen viel besser als mit "Mikrozensusdaten", Zahlen zu Einkommenshöhen und so weiter abschätzen. Denn was Menschen kaufen, hängt nicht einfach mit Geld zusammen. Sondern in den erworbenen Gütern zeigt (nicht: erwirbt!) sich hier Zugehörigkeit, dort ein Willen zur Zugehörigkeit.

Diesem sozialen Standesverhalten (und um das handelt es sich) dienen die Güter, die die Menschen anschaffen. Mit denen aber nicht nur die Erfüllung der zwischenmenschlichen Reziprozität möglich ist, sondern die das Fundament einer ganz wesentlichen Eigenschaft von Identität selbst bedeuten, nämlich der Eigenschaft der Abgrenzung. Glieder einer sozialen Schichte kennzeichnen sich nämlich durch eine bestimmte Art der Güter, die sie kaufen, mit denen sie sozusagen "ihre Umwelt dekorieren." Dazu gehört auch ein bestimmtes "Überschußverhalten", denn im sozialen Umfeld muß immer wieder "in Vorleistung" gegangen werden (können).

Schön langsam wird damit vielleicht begreifbarer was Armut in Wahrheit bedeutet. Nämlich gar nicht in erster Linie die Abwesenheit von notwendigen (kurzfrequenten) Gütern. Sondern die mangelnde Möglichkeit, die Güter selbst das soziale Leben "tragen" zu lassen, und vor allem aber die Vielfalt der Lebensgestaltung durch Güter. Denn die ist es dann, die Differenziertheiten möglich macht. Und die sind wiederum unbedingt notwendig, weil es in keiner wohlhabenden Gesellschaft GROSZE Schichten, dafür aber VIELE Schichten gibt. 

[Beispiel: Ein Unternehmer trifft seinen Freund, der ebenfalls ein Unternehmer (mit ähnlicher Firmengröße, ähnlicher Lebensführungsmöglichkeit) ist. Beide unterhalten sich nun über ihre Leidenschaft für Zigarren aus Kuba und beschließen, einem Club der Zigarrenraucher beizutreten. Der Leser kann selbst weiterdenken, welche Vielfalt sozialer Verbindungen und Verbindlichkeiten sowie welche Folgemöglichkeiten sich aus diesen wenigen Merkmalen bereits ergeben. Denke sich der Leser alleine dieses Beispiel nun für vom Monatslohn (=hochfrequent) abhängige Arbeiter, die abends nach der Schichte im Dorfwirtshaus sitzen und Marlboro rauchen.]

Untersucht man die sozialen Strukturen wohlhabender Länder ist es also vor allem die Differenziertheit und Vielfalt des Sozialen, die auffällt. Die NICHT dem ersten Sektor eigen ist, also dem der Urproduktion (Landwirtschaft, Bergbau etc.)! Diese Vielfalt ist selbst schon dafür verantwortlich, daß sich auch jene differenzierteren Erwerbsmöglichkeiten ergeben, die bereits dem zweiten (Verarbeitung), vor allem aber dann dem dritten Sektor des Wirtschaftslebens (Verwaltung, Lehrerschaft, jedenfalls mit hohem Dienstleistungscharakter) zugehören.

Damit ist ferner nicht nur erfaßbar, woraus das Geistesleben einer Gesellschaft sich charakterisiert. Sondern es zeigt einen weiteren wichtigen Faktor, der für Wohlstand bedeutend ist, und das ist der der Risikoaffinität. Jemand, der einer wohlhabenden Schichte im oben versucht beschriebenen Sinn zugehört, weist nämlich auch eine bei weitem höhere Bereitschaft auf, RISIKO einzugehen. 

Denn der Arme, dem ein Risiko schlagend wird, weil er - sagen wir - einen Betrieb gegründet hat, der aber pleite ging, sodaß ihm sogar Schulden bleiben, kann sich kein zweites Risiko mehr leisten! Er überlegt es sich also dreimal (und das wörtlich) so gut wie der Wohlhabende(re), ob er ein Unternehmen gründet, weil er NUR EINE CHANCE hat. Geht die schief, ist er gewissermaßen für den Rest seines Lebens erledigt. Geht dem Wohlhabenden (mit einem entsprechenden sozialen Netz Gleichgestimmter) ein Unternehmensplan daneben, ist die Wahrscheinlichkeit, daß er sich fängt, ja daß er von seinem sozialen Umfeld aufgefangen wird, sehr hoch!

Morgen Teil 2) Reich sein heißt gar nicht in erster Linie, viel Geld zu haben, sondern in einer Gruppe gut integriert zu sein, die reich ist - Das fulminante Fazit, das es in sich hat.


*260121*

Montag, 30. November 2020

Eine unbekannte Motivlage

Praktisch jeder Konsument stimmt den Theorien der hochwohlgeborenen Weisen der Wirtschaftstheorien und Käuferpsychologien, die in Werbeagenturen, Psychologie-Trusts und Ökonomistenstuben, von Showmoderatoren und Kaffeetischphilosophen gedroschen werden, was der Tag lang ist, hellauf zu, schreibt Mary Douglas in "The World of Goods." Die ihn sämtlich als giergesteuertes Arschloch darstellen, der seine Kaufentscheidungen so gut wie immer falsch und unmoralisch trifft. 

Warum lassen sich aber diese Menschen, die mit meist sehr abfälligem Ton "Konsumenten" genannt werden, so gerne beschimpfen? Warum lassen sie sich so gerne in diese hanebüchenen Theorien hineinziehen, in denen die Kaufentscheidung selbst schon deshalb und eigentlich ausnahmslos sündebeladen ist, weil mit dem Kauf immer mehr Weltkatastrophen beschworen werden? Speziell heute ist es doch so, daß kaum noch ein Produkt kaufbar ist, ohne daß damit die Zukunft der gesamten Erde und menschlichen Welt mit entschieden wird. Und wenn nicht heute, so morgen oder in fünfzig Jahren. Immer mehr Produkte setzen auf diese bewußte Entscheidung in moralischen Kategorien, die die Menschheit in Böse und Gute teilen.

Mary Douglas' Antworten darauf knüpfen freilich an eine ganz andere Sichtweise des Menschen an. Die herkömmlichen Erklärungen speziell der Ökonomen, die die Kaufentscheidung auf angebliche sachliche Kategorien wie "Bedarf", "Eitelkeit", "Gier", Preisabwägung und die Vorhandenheit von Gütern (Stichwort "Knappheit") lassen zu viel unerklärt. Ja, sie erklären im Grunde gar nichts. Sodaß es auch kein Zufall ist, daß die Realitäten den Prognosen der Ökonomen regelmäßig davonlaufen.

Sämtliches Denken in der Ökonomie kreist um die Frage nach Angebot und Nachfrage, und was Nachfrage ist und bewirkt. Aber von nichts hat die Ökonomie weniger Ahnung. 

Die Wahrheit ist doch, daß in Erfolg wie Mißerfolg niemand die Gründe weiß, jede Erklärung ist nur eine posthoc-Rationalisierung. Und trifft einmal eine Prognose zu, dann ist es Zufall, hat einmal eine Beratung Erfolg, dann ist es nicht, weil die Theorien es zwingend vorhergesagt oder gar durch Maßnahmen erreicht haben - Ökonomie ist eben alles, nur keine Wissenschaft - sondern weil irgendwelche Gründe vorlagen, die zufällig zu den Theorien gepaßt haben.

Die eigene Erfahrung ebenso wie Befragungen von Käufern erzählen tatsächlich von ganz anderen Faktoren, die Nachfrage und Bedarf nach bestimmten Produkten ausgemacht haben. Die die Gründe dafür waren, daß der "Konsument" dieses oder jenes Produkt gekauft hat.* Aber es sind sämtlich Gründe, die in ganz anderen Bereichen liegen, als der Bürger in seinem Gedankenreservoir vorfindet. Sie liegen auf ontologischer Ebene, sind also unsichtbar und auf keinen Fall direkt "erfahrbar", sondern abstrakt. Und doch im Konkreten vorhanden.

Es sind, so Douglas, Kräfte, sogar so starke Kräfte, daß jedes Fragen nach moralischen Gründen nicht weniger als impertinent ist. Es sind Kräfte, die aber im bewußten Gedanken- und Entscheidungsportefeuille des Menschen begrifflich nicht vorkommen. Das soll heißen: So gut wie alle Kaufentscheidungen trifft der "Konsument" ohne überhaupt eine Kaufentscheidung an sich zu treffen. 

Sondern er entscheidet sich für eine ganz andere Komplettheit. In die dieses Ding, dieses Produkt da, dessen Wert und welche Schuldigkeit er über Geld ausgleicht (ohne daß Geld tatsächlich Schuld - das ist ein ganz wichtiger Punkt! - begleichen könnte; kein Mensch glaubt daran, sondern es handelt sich nur um ein Gesolltes, eine Konvention, die akzeptiert wird), nun eben hineingehört und damit hineinpaßt. 

Denn alle Dinge, die der Mensch um sich hat und als "Eigen-tum" (in welchem Begriff schon dessen Wesen, die "Eigen-tümlichkeit" vorbereitet ist) hat, sind Teil einer gesamtheitlichen Kommunikation mit der Welt und jenen Gesamtheiten (und das heißt sozialen Gebilden, Formen, Gesellschaftsformen, Beziehungsgestalten).

Aber das paßt nicht in eine Zeit der Aufklärung, die unter Bezug auf Descartes damit auf den Putz klopfte, daß der Mensch ein bewußtes, vertraglich-sprachliches Wesen sei, und nicht mehr. Seit mehr als zweihundert und mehr Jahren ist es somit Teil eines Gutmenschen-Ideals, eines Gesollten Menschseins, daß alle Entscheidungen bewußt und nach vordergründig rationalen Konstellationen getroffen werden. 

Da will doch keiner zurückstehen! Und wenn es denn doch so sein sollte, daß diese Entscheidung zu offensichtlich mit dem rationalen, eigenen "Denken" nicht übereinstimmt, so müssen es also Zwangsgründe, fremde und frech, böse einbrechende Mächte sein (man sehe sich doch Michel Foucault an, der sich zeitlebens nur mit dieser Erklärung herumgeschlagen hat) die eine Lebenssituation gebracht haben, die man nun nicht so gerne hat. Weil man gerne anders wäre. Warum auch immer.

Warum auch immer. 

Sodaß der Mensch, der gute, sich sogar lieber noch als Opfer perfider Werbung oder verführender Triggersignale der Marketingspezialisten deklariert als zuzugeben, daß er von ihm bewußt gar nicht zugängigen - einfach nur zu übernehmenden, zur Kenntnis zu nehmenden! - Kräften und Bewegungen des Beziehungsknotens, der er ist, erkennen zu müssen. Denn das widerspricht seinem Stolz, zu dem er seit der Aufklärung ja regelrecht verpflichtet ist. 

Denn geht es nicht überall und immer nur noch darum, durch stolz behauptete "Kritikfähigkeit", durch (angebliche) "eigene Meinungen" (die natürlich alle Dimensionen des Meinenden umfassen, das ist ja klar) seine "Mündigkeit" zu beweisen. Und das heißt seine Autonomie, seine (angebliche) Freiheit. 
Das ist doch die Majestätsbeleidigung der Gegenwart, die Beleidigung des Einzelnen, dieses Individuums, weil er nicht totaler Herrscher seiner (oder gar "der") Welt und Gegenwart ist. Gesteuert von diesem kleinen Hirnareal, das, wie es heißt, Sitz der Psycho-Konstellation ist, die man "Ich" nennt.

Wehe allen, die das in Frage stellen. Wehe jenen, die das Einstimmen des Menschen in eine ontologische Vorgegebenheit (man kann sie zu einem guten Teil sogar "Tradition" nennen, aber wie gesagt, nur zum Teil) auch noch als Ideal und Moment der Freiheit definieren. Wehe jenen, die der eigenen Willkür eine Absage erteilen. Wehe! 
Lieber haben wir erfrorene Hände, die dem Vater sagen, daß er den falschen Mantel gekauft hat, als daß wir sie am Feuer wärmen. Und lieber werten wir (angeleitet von den weisen Ökonomen und Plüschologen) unsere Bedürfnisse zu "luxuriös und unnötig", zu "eingeredet und falsch", und sogar als "unmoralisch" ab. 
Und anerkennen jede, wirklich bald jede Form der zugewiesenen Buße als auferlegte Steuer für unser ... Selbstsein.

Denn was wir kaufen und begehren, es ist doch eine einzige Geschichte der Todsünde Neid, des Kampfes alle gegen alle um die bessere Position, um im Evolutionsstrome weiter nach vorne zu gelangen. 

Wir müssen deshalb Herr unserer selbst bleiben, das darf niemals in Frage gestellt sein. Und sei es, daß wir uns in immer tieferen moralischen Versagensvorwürfen ein- und damit abfinden. Lieber lassen wir uns als unmoralische Konsumenten, die aus herzerfrischend doofen Gründen zu Weihnachten (angeblich) dem "Kaufrausch" verfallen, beschimpfen, als an die Wurzel des Zahnes zu fassen, der da zum Gotterbarmen zieht, welchen Schmerz wir aber tapfer wegdrücken. 

Weil falsche Vorwürfe gar nicht wehtun, weil wir damit den Schmerz (und damit eine angebliche Zutreffendheit) wunderbar vorspielen können. 

Man könnte es sogar so ausdrücken: Um moralisch zu sein - und das heißt mehr, als dem Leser klar sein mag, als moralisch zu gelten - verschenken wir lieber die Welt, überlassen sie anderen.

Das, werter Leser, das ist somit der wahre Grund, warum die Menschen diese Kräfte, von denen oben gesprochen wurde und die nur verstehbar, begreifbar sind, wenn man die Welt des Geistigen, des Wirklichen sohin, als objektive Welt von geistigen Kräften begreift, innerhalb deren Vektoren auch das Menschsein seinen Platz hat, so ungern zugeben oder zugeben würden. 

Selbst dann, würden sie davon wissen. Sie spüren, daß es so ist, aber sie wollen nicht Teil eines Größeren sein, das sie so bestimmt, daß von direkter (sic! es geht ums Direkte! im Einzelfall also um bewußtes Handeln innerhalb eines begrenzten Weltfalls, Kauf und Kaufentscheidung hier und jetzt und für dieses Produkt) Entscheidung gar nicht die Rede sein kann.**

Was wir kaufen ist die Antwort aus einem Seins- und Darstellungswillen, um von uns mitteilen zu können. 

Denn der Mensch ist von viel größeren Konstellationen geprägt und bestimmt. Denen er ebenso zustimmt, das ist zweifellos so, und die im Rang aber weit über solchen schnöden Einzelentscheidungen liegen wie den Kauf eines Brotlaibes, eines Autos oder eines Liegestuhles. Alle diese Dinge wurden auf ihre spezielle Weise eine Notwendigkeit. Sie sollen nämlich eine ontologische Leere, also eine Leere im Sein des Menschen füllen, die wie jedes Vakuum förmlich nach Besetzung schreien und einladen. Nichts bleibt ohne Beherrschung.

So wird - und wir wollen diese Sätze als erstes Nippen an einem übervollen Glase verstanden wissen - der "Kaufrausch der (westlichen) Konsumenten" in unserer Zeit in einem ganz anderen Zusammenhang begreifbar. Und zwar nicht als moralische Schuld der ohnehin schon so gepiesackten Bürger und Menschlein, sondern als völlig richtiges Reagieren und Agieren angesichts einer Daseinsleere, die aus der Verfaßtheit der Kulturgemeinschaft, also der Gesellschaften, des Staates, der Ordnungen unserer menschlichen Verbindungen und Standorte, zu einem ganz anderen Ding. 

Das NICHT mit den Kategorien und Dimensionen der Aufklärung verstehbar ist. Die greifen da um so viel zu kurz, daß man sie getrost als irrelevant entsorgen kann. Sondern die nach ganz anderen Ursachen und ganz anderen Ursachenkämpfen verlangen, als unsere Dispute ihnen zugestehen wollen. 

Ursachen und Wirkkomplexe, die freilich auch nach völlig anderen Reaktionen verlangen. Darum geht es. Und damit werden wir uns hier noch so manches Mal weiter befassen, um die Sache zu vertiefen. 

Einstweilen aber soll der Leser schon mit einer kleinen Portion naschen dürfen. Die vielleicht ausreicht, um von der zu dieser Jahreszeit, im Advent, wo in Vorbereitung des Weihnachtsfestes - dieses großen Festes des Gebens, des Schenkens ebenso wie des Empfangens, des Nehmens, und damit ... des wechselseitigen Verschuldens als dem eigentlichen Tragegrund des Sozialen - so gerne von allen Seiten übergestülpten Schulddecke angeblichen moralischen Fehlverhaltens wenigstens anfanghaft befreit zu werden. 


*Eine ökonomische Theorie muß von Prämissen und Rationalitäten ausgehen, die aber sämtlich hinterfragbar sind. Sie setzt aber etwa voraus, daß es eine Reaktion des Konsumenten auf Preis und Preisveränderungen gibt, daß sein Geschmack, seine Vorlieben fest angenommen werden dürfen, daß seine Wahl konsistent ist und das auch über Zeiträume bzw. -intervalle bleibt, daß er bei Nachlässen mit Bereitschaft zum Mehrkauf reagiert (und umgekehrt), und daß er auf Einkommensverluste mit Veränderungen seiner Kaufentscheidungen reagiert. 

**Konsum wird in den Augen der Ökonomie überhaupt und generell als Mittel zu einem definierten Zweck (definierbare Bedürfnisbefriedigung, in der der Mensch seine Arbeitskraft aufrechthält, im Letzten also "lebt um zu arbeiten") gesehen. Aber die Frage ist viel spannender und vermutlich entscheidender, daß die Erhaltung, durch das gekaufte Produkt, also dieser angegebene Zweck, nur immanenter, also fast zufälliger Effekt ist. Auf die Spitze gebracht: 

Man kauft nicht Brot, um satt zu sein. Man wird vielmehr beim Essen des Brotes AUCH satt. 

Versteht der Leser nun, worauf es hinaus soll (und was der Kern des Bibelwortes "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" ist? Es ist vielmehr eine Verkürzung des Denkens seit der Aufklärung geschehen, die das Kaufen des Brotes als Akt der Erwerbung eines Mittels sieht, mit dem der Blutkreislauf etc. aufrechterhalten werden soll. 

Wenn das aber nun so ist - was sind dann die Gründe, daß jemand (sagen wir) Brot oder einen Swimmingpool oder eine Ledertasche kauft? Diese Fragen sind keineswegs nebensächlich, sondern sie sind das Herz jeder Wirtschaftstheorie.


*281120*