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Donnerstag, 10. Februar 2022

Sieben weitere Jahre durchgekaut

Weil er zuletzt immer wieder in der Zugriffsstatistik aufgetaucht ist, habe ich den Artikel vom 29. Juni 2014 nun doch wieder vor die Augen genommen, und ihn überarbeitet. Erst wollte ich nur die Tippfehler korrigieren. Aber dann habe ich gesehen, daß da mehr zu tun, die Mosaiksteinchen neu zu arrangieren wären. Weil ich nach sieben Jahren Denkarbeit und Leben maches klarer auf einen Punkt bringen kann, was ich damals zu Alexander Dugin gesagt habe. So ist ein weitgehend neuer Artikel entstanden, den ich Ihnen nun zur Wiedervorlage präsentiere.

Sein Name taucht in letzter Zeit (2014, Anm.) immer wieder in unseren Medien auf - Alexander Dugin. Dessen Buch "Die vierte politische Theorie" bei amazon.de sogar einen vorderen Verkaufsrang in der Liste der politischen Sachbücher einnimmt. Man ist offenbar neugierig auf russisches Denken. Und auf Putin. Denn angeblich sei Dugin ein Putin-Vertrauter. 

Wobei: Wenn man rechnete, von wem aller behauptet wird daß er das sei, müßte man vermuten, daß Putin parallel zu seinen Amtsgeschäften, einem obligatorischen Angelausflug am Wochenende, bei dem er, nachdem er einen weithin duftenden zwei Meter Huchen aus dem Jenissej geholt hat, mit bloßen Händen einem dummerweise die Falle mit dem röchelnden Fisch nicht ahnenden Kolabären dessen eigene Zunge in den A... steckt, einen weiteren 48-Stunden-Tag nur mit Beratern verbringt.

Mittwoch, 14. April 2021

Mit einem Blick erkannt

Es sind nicht die Merkmale, von denen eine Wesenserkenntnis abhängt, sondern es ist umgekehrt. Und die Merkmale wiederum können nicht nur als Defizit (oder vollkommener Ausdruck) wahrgenommen werden, sondern sie werden wahrgenommen, weil die intuitive Erkenntnis, die auf das Personsganze geht, der Teilerkenntnis nicht nur quantitativ, sondern in der Dimension weit vorausgeht. Das schreibt Hans-Eduard Hengstenberg dazu in seinem Aufsatz "Erkenntnis als Urphänomen". Worin er zeigt, daß der Erkenntnis jene Unhinterfragbarkeit vorausgeht, die auch anderes kennzeichnet, wie - die Wahrheit. Sie ist "einfach da", und jeder bezieht sich darauf. Sie kann nicht einmal "weggefragt" werden, sondern sie umschließt das menschliche Sein von seiner Wurzel her. 

Aber mehr noch, fußt das Erkennen in einem Sinnganzen, das selbst wieder im intuitiven Akt vom Erkennenden erfaßt wird, und diesem in den Dingen der Welt begegnet. Jeder intellektuelle Akt wiederum wird von diesem Vorrationalen durchdrungen. 
Der zwar eine gewisse Analogie mit dem hat, was man als "Fühlen" bezeichnet, aber NICHT IDENTISCH damit ist. Vielmehr muß er dann durch den Intellekt geprüft, und braucht einem gereinigten Willen als Analogie zur Seinsstärke.

Dies sei auch zum leidigen Thema "Masken" gesagt. Die der VdZ auch lästig und oppressiv und ekelig und was weiß der Deibel noch alles findet. Aber sie mit dramatischen Worten zu einem "Tod der Kommunikation" hochzustilisieren, wie es hiesige Küchenpsychologie gerne macht, ist weit übers Ziel geschossen. Wir haben schon vor Monaten darüber gehandelt. 

Jetzt haben wir in Hengstenberg aber diesen Aufsatz gefunden, der wie die Faust aufs Auge zu diesem Thema paßt. Und die Ausführungen des VdZ bestätigt. Die Welt ist nicht deshalb zu einem anonymen Maskenetwas geworden, weil wir diese Dreckfetzen im Gesicht tragen, die eh nix bewirken.* 

Die wunderbare Passage über den intuitiven geistigen Akt als Laudatio aber wollen wir dem Leser auch im Original nicht vorenthalten, er wird selbst erkennen, warum.

Im intuitiven geistigen Akt wird das Seiende um seiner selbst willen bejaht. Im Vollzug dieses Aktes liegt Freude dafür, daß das Seiende ist, was es ist, und so ist, wie es ist - ohne alle Vorbehalte. 

Dem widerspricht nicht, daß der intuitive Akt vorrational vollzogen wird. Im Gegenteil, dieser vorrationale - nicht irrationale - Charakter verhindert von vorneherein alle Verzwecklichung und garantiert die Selbstlosigkeit des Schauens.

Das Seiende um seiner selbst willen zur Offenbarkeit bringen. Etwas davon hat Heidegger tief gesehen in seinem Begriff des "Seinlassens", nur hat er es wieder verdorben durch seinen Impersonalismus beziehungsweise Anipersonalismus.

Das Seiende zur Offenbarkeit bringen und ihm eine Laudatio spenden, beides ist das Zusammengehörige im intuitiven Akt. Darin liegt der tiefste Sinn der Erkenntnis und der intuitiven Erkenntnis im besonderen. Hier leuchtet die Zweckentbundenheit aller tieferen Erkenntnis auf. Insofern der Mensch im Vollzug intuitiver Akte steht, kann er nicht lügen, verdrehen oder hassen, auch nicht "verbergen" im Sinne Heideggers. 

Zugleich ist es eine Laudatio des Schöpfers durch die Laudatio der Geschöpfe hindurch. 

Der intuitive geistige Akt hat eine Nähe zu dem, was in der patristischen Philosophie das "innere Wort" (verbum mentis) genannt wurde. Zur Vollendung kommt diese Laudatio, wenn das innere Wort des Aktintuitus Ausdruck im Sprachwort gewinnt. 

Hier liegt die tiefste Wurzel der menschlichen Sprache, das Wort ist nicht primär "Zeichen" zum Zwecke der Bezeichnung von etwas, wie die zeitgenössische Sprachwissenschaftstheorie meint. 

Die Lehre vom intuitiven geistigen Akt ermöglicht eine Rehabilitation und Belebung der echten Meditation. Damit die alberne Nachäffung der östlichen Meditation, deren Eigenwert nicht verkannt werden soll, betreffend Nirwana, Re-inkarnation und dergleichen endlich aufhört.

Noch etwas. Von unserer Sicht aus erscheint der Gesang der Singvögel, der nicht auf biologische Zwecke wie Weibchenwerbung oder Warnung des Konkurrenten im Nachbarrevier einzuengen ist, als Analogie zum Aktintuitus und dessen Ausdruck im Wort. 

Und damit ergibt sich eine weitere Nähe, nämlich zum Heiligen Franziskus, der seine Mitgeschöpfe als seine Brüder und Schwestern ansprach. Hätte man mehr auf Franz von Assisi gehört, der in der Geschichte der Heiligen im Hinblick auf Naturmeditation eine Sonderstellung innehat, dann wäre in der Kirche manches anders verlaufen. [...]

Die Laudatio im intuitiven Akt ist schon Antwort auf den Anspruch, den die Seienden aufgrund ihres Seins, ihrer Wesenheit und ihres ontologischen Sinnes an den Menschen ergehen lassen. Nur als Angesprochener kann der Mensch antworten und überhaupt sprechen.

Es ist nicht so, als wäre der intuitive geistige Akt von Haus aus eine neutrale Kenntnisnahme, und als wenn sich daran erst eine Antwort anschlösse. Sondern der intuitive Akt ist Antwort und nur als solche existent. 

Der Mensch ist wesentlich ein die Dinge und den Schöpfer lobender. Unabhängig von allem "Nutzen für etwas". Das ist die Abundanz des Aktsinnes gegenüber dem ontologischen Sinn, den die nichtpersonalen Seienden in sich auf Grund ihres Seins- und Sinnentwurfs besitzen.


*Wieder gibt es eine (übrigens: leicht zu lesende) US-Studie zum

QR Maskenstudie

Tragen von Masken in Zeiten von Corona. Und diesmal ist es sogar eine Metastudie, die dutzende andere, weltweit verfaßte Studien ver- und auswertet. 

Und erneut zu dem Ergebnis kommt, daß Masken völlig wirkungslos beim Versuch sind, eine Seuche zu verhindern oder auch nur einzudämmen, weil eine interpersonale Übertragung verhindern. 
Das tun sie nicht nur nicht, sondern Masken sind in einem Punkt vor allem sogar SEHR wirkungsvoll: Dabei, eine ganze Menge weiterer und schwerer Krankheiten auszubrüten, zu begünstigen oder ganz gewaltig zu verschärfen.
Aber dieses Thema ist im Grunde so banal und häßlich, daß es dem VdZ wie eine Beleidigung dieses Blog als geistigen Raum erscheinen will, sich damit überhaupt noch zu befassen. So viel kann man diese Sache fast nicht überhöhen, damit sie wieder der Bearbeitung wert wird. Schon gar nicht, wenn man grantig deswegen ist. Grantig auch deswegen, weil niemanden interessiert, was die Wissenschaft sagt, und zwar gerade die nicht, die am meisten vorgeben, sich darauf zu beziehen. 

Der Unterschied? Der Unterschied ist wohl, daß sich gar so viele auf WissenschaftLER beziehen, also auf Personen, und dabei wiederum auf Wissenschaftler, die ihr Gebiet maßlos überschreiten, um persönlichen Gewinn, Ansehen, Macht, Autorität aus ihrem rein weltlichen, nicht-fachlichen Beziehungen zu schöpfen. Und sich in Aussagen versteigen, die sie kraft ihres Berufes in eine Aura von Wissenschaft tauchen, die aber lediglich persönliche Intentionen tragen. Und genau darin werden sie von der Politik sehr geschätzt, weil sie dieser sogar die Entscheidungen abnehmen, ohne dafür Verantwortung zu tragen. Denn dann, dann "war es die Wissenschaft."

QR Merkur und Masken

Nachtrag: Wir sind solche Anblicke schon gewöhnt. Aus einem Artikel im Münchner Merkur, der ursprünglich (lt. RPP) ebenfalls Masken (für Kinder) kritisch sah, wurde ... das. (Erkennbar bei Anklicken.) Ist natürlich ein Problem, wenn der journalistische Standard nicht erreicht wird. Naja, kann vorkommen.


*130421*

Sonntag, 31. Dezember 2017

Auch die Rechte hat keine Männer

Hier haben wir den Beweis. Im Interview von Martin Sellner mit der berückenden Vorstehenden der baden-württembergischen Frauenorganisation als Teil der Identitären Bewegung. Denn Sellner (und diese gesamte Bewegung) vermögen nicht, sich über die Ebene einer gefühlten Widernatürlichkeit zu erheben. Sie sind einfach zu Heideggerianisch, denn auch Heidegger kommt über den Pragmatismus (der zeitgleich mit ihm in den USA sämtliche Führungshände besetzte) zu erheben. Heidegger ist Pragmatismus, das heißt: ein reines Umgehen mit faktischen Zeitgegebenheiten. Wonach sich diese aber in ihrer Letztausrichtung richten sollen, ist bei Heidegger einfach nicht klar.

Sie sind damit aber, und das ist das eigentliche Problem, Teil der entscheidenden Geisteserkrankung der Gegenwart, dieser fatalen (in der Renaissance grundgelegten) "subjektivistischen Wende".

Und auch nicht bei Sellner ist es klar, dabei - sehr wohl klar. Obwohl ihm eine Frau gegenübersitzt, die genau auf diesen genuin männlichen Impuls wartet, das sieht man offensichtlich. Sellner aber vermeidet das Entscheidende anzusprechen. Weil er es nicht sieht. Daß nämlich die Frage nach der Absurdität des Feminismus weit über unangenehme Gefühle der Frauen selbst hinausgeht! Darauf sind sie nicht zu begründen! Sie sind auch nicht darauf zu begründen, daß es eine empirische Tatsache ist, daß sich heute die meisten Frauen Mitte dreißig zu fragen beginnen, was da falsch lief, weil sie eigentlich ihre wahres Lebensziel und -glück - das ihnen erst in diesem Alter bewußt wird, weil es eben verfehlt wurde - nicht erreicht haben.

Herr Sellner, das genau ist Ihr fundamentales Problem. Sie hätten mehr auf Ihren Vater hören, ihn nicht auf das verniedlichende, in Wahrheit verächtliche "Er ist halt Thomist!" reduzieren sollen, dem eine absolut (sic!) liebenswerte Mutter gegenüberstand. Weil sie aus dieser erfahrenen Personal-Dynamik heraus als Heideggerianer zu wissen meinen, wie es richtig läuft.

Also verweigern Sie sogar in Punkten Widerspruch, die nicht einen Moment Zurückweichen für einen Rechten oder einen Konservativen bedeuten dürfen. Dürfen! Wie dem der Abtreibung. Was für ein jämmerliches Bild, Herr Sellner, in diesem Moment des Interviews!

In dem Sie bekunden, klar bekunden, daß es nämlich kein absolutes Wesen der Dinge und der Schöpfung gibt. (Ja diese Frage ist den meisten Rechten sogar relativ gleichgültig; dabei kann nur diese Klärung überhaupt erst begründen, WARUM man recht denkt und recht ist!) Daß dieses Wesen nicht in Gott - dem Sein - begründet, sondern in sich selbst (hegelianisch also) begründet und damit relativ ist. Daß die von Heidegger kritisierte Seinsverweigerung ein Versuch ist, die Gott-/Seinsabhängigkeit des Seienden zu verschleiern, weil zu verbergen.

Deshalb haben Sie Angst, man merkt es in diesem Interview in jedem Moment. Und schleichen wie ein fußwunder Nasenbär um die - wartende, ja bittende! - Beute herum, die Sie nie als Beute anzusprechen wagen. Weil es am entscheidenden Schritt, am Mut zum Mann, und das heißt: am Mut zum Absoluten, einfach fehlt. Und deshalb glaubt der VdZ nicht an die Identitäre Bewegung als maßgebliche Kraft. Wenn sie mehr in den Medien auftauchen wird, zukünftig, dann ist das nur Erweis, daß sie die Zeit eben NICHT an ihren Eiern zu fassen kriegt. Sondern ihr hinterher kriecht, dieses nur besser verschleiert als die Linke.

Hegels "Ich möchte in einer Situation trotz aller Widersprüche geliebt werden, also relativiere ich die Widersprüche, lasse sie in jedem Fall gut ausgehen!" reicht nicht für die Welt, das sei klar gesagt. Vielmehr beginnt das Mannsein dort, wo man sagt: Nun werde ich nicht mehr geliebt. Weil Mannsein heißt, ja erst dort beginnt, wo man das weiß: sich der absoluten Wahrheit verpflichtet zu wissen.









*151117*

Sonntag, 22. Oktober 2017

Stellen wir die Sache einmal auf ihren paradoxen Kopf (2)

Teil 2) Und weiter führen wir die Beispiele.
Aber ist das mehr als ein Gedankenspiel?
Oder: Worum es wirklich geht!




Könnte man die immer bedrückendere Aufgabe der Freiheit, in die wir gleiten und längst geglitten sind, weil wir uns "alternativlos" Bedrohungen gegenübersehen, an die wir zwar gar nicht zuinnerst glauben, die wir aber nicht (auch weil medial so massiv behauptet, wie eine Mauer vor uns aufgebaut) "entkräften" können, weil wir die Kraft zur Vernunft (die eine Kraft zum Selbststand, zur "Einsamkeit" ist) nicht mehr finden?

Und die Methode funktioniert noch weiter, bis in Details hinein, der Leser möge es ausprobieren: Könnte nicht die Verweigerung der Ehe, die heute fast schon Generalerscheinung der Jugend ist, ein paradox intendiertes Vorgehen gegen die Schwäche der Ehe sein, die wir uns zwar alle nicht nur wünschen, sondern um deren ontologische Fundierung in unserem Selbstsein (nur in der Ehe wird der Mensch "ein Mensch", also eins, also zu sich selbst) wir wissen, doch sehen wir, daß sie im realen Leben nicht mehr "eingerichtet" ist? (Denn man mag sagen was man will: der Grund für das so vielfache Scheitern der Ehe, noch mehr für das Verweigern der Ehe liegt NICHT einfach in subjektiven Überzeugungen, sondern ZUERST in der Schwächung der Institution durch die heutigen Gesetze, die dem Wesen der Ehe spätestens seit den linken "Justizreformen" der 1970er Jahre gar nicht mehr gerecht werden.)

Der VdZ bricht an dieser Stelle ab, der Leser merkt nämlich schon: Betrachtet man die Sache SO, dann werden die Beispiele fast unendlich. So gut wie alles an diesem unserem Heute läßt sich auf diese Weise betrachten, die durchaus eine "ontologische" Betrachtungsweise ist, insofern schon seinen Sinn hat. Vieles wird damit wohl auch tatsächlich zu erklären sein, vielleicht sogar - alles? Das möge der Leser entscheiden, wenn er sich mit dieser Denkweise einmal angefreundet hat und den Sand der Welt einmal durch dieses Sieb laufen läßt. Er wird auf jeden Fall feststellen, daß sich enorm viele Argumente, gute Argumente finden lassen, die Angemessenheit dieser Denkweise anzuerkennen. Und er wird feststellen, daß sich damit viel erhellen läßt, ohne Frage.

Aber er wird vielleicht auch feststellen, daß sich neue und andere Fragen erheben. Einerseits nämlich wird man durch diese Denkweise tatsächlich einmal ruhiger, und kann manchen Katastrophengestus ablegen, und hat keine Angst mehr, die Realität zu jedem Wort kommen zu lassen, das sie uns flüstern will. Gleichzeitig stellt sich eine gewisse Genugtuung ein (spürt der Leser es?), weil auch alles Tun "der Bösen" sein Ablauflaufdatum bereits in sich trägt. Denn das Schlechte ist deshalb schlecht, weil es vor allem eines ist: Ein Mangel am Gut, also ein Mangel am Sein. Die Wut Satans ist eine Wut der Gewißheit, daß er über kurz oder lang - und das ist gewiß - verloren haben wird.

In einem nächsten Schritt aber stellt sich die Frage, ob es also reicht - und hier sind wir fast schon in hegelianischem Fatalismus! Ob es also reicht zu warten, zuzuwarten, bis sich die Dinge irgendwann schon von selbst regeln werden. Und hier kommen wir denn doch zu einer ernüchternden Erkenntnis: Diese Methode mag gut sein, Dinge wieder auf Abstand zu kriegen, sie damit sachgemäßer zu betrachten, angstfreier, ruhiger. Aber sie bleibt eine psychologische Methode! Sie ist ontologisch unzulänglich, und zwar zutiefst. 

Denn sie verkennt, worum es überhaupt im Leben geht! Sie verkennt, daß die Geglücktheit unseres Lebens NICHT davon abhängt, ob die Welt, unsere Kultur toll, stark, mächtig, vollkommen dasteht. Sondern daß es im Leben darum geht, daß WIR uns zur Freiheit und Persönlichkeit (= Heiligkeit, Heldenhaftigkeit) erheben. Daß wir uns also nicht des Handelns dadurch entschlagen, indem wir mit der Macht des Seins spekulieren, das hinter allem steht und schon dafür sorgen wird, daß letztlich "alles gut wird". Nein, nichts "wird von selber gut". Diese Hoffnung dürfen wir nur dahingehend haben als wir uns nicht dem Druck aussetzen müssen, daß es um die Welt, und nur um die Welt geht. Sondern daß es darum geht, sich in dieser Welt - "zur" Welt werdend, also - in Freiheit zu unserem Leben, zu den Sachverhalten unseres Lebens zu erheben. 

So, in der vollen Fähigkeit zur Sachgerechtkeit, dem eigentlichen Ziel des Heiligen, des Helden also, der sachgerecht handelt TROTZ aller persönlichen Schwächen und Hindernisse, so gut wir es eben vermögen, und sei es um den Preis unseres Blutes, erfüllen wir unseren Sinn als Lebensauftrag. Und dieser Sinn setzt beim ganz ganz Nächsten an, bei der Selbstwerdung durch Transzendierung (also: auf die Sache hin greifend) auf jenes Feld hin, in dem wir als Mensch stehen (und das erst durch diese Transzendierung "wird", also in die Welt kommt, zum Beispiel: DURCH die Eheschließung, in der sich erst das Verhältnis zur Frau konstituiert) auf den Sinn zu, in ihn damit hinein.** 

Ob die Welt "gelingt" oder nicht ist dabei sekundär. Denn der Sinn der Welt (denkt man sich den Menschen weg, was eigentlich aber unmöglich ist) liegt nicht in ihr selbst, sondern in ihrer Ausgerichtetheit auf den Menschen, und in ihm auf sein Urbild, auf Gott hin. Ihm ähnlich aber müssen wir werden. Und das werden wir durch unser Sterben, denn alles Hineinbegeben in den Sinn, in den logos der zahllosen Beziehungen, in denen wir stehen, und denen wir sachgerecht zu sein haben, ist ein Sterben.***

Und das heißt nichts anderes, als daß wir uns das treue Tun und Handeln, Tag für Tag, Situation für Situation, Beziehungsfeld um Beziehungsfeld, Sachgerechtheit um Sachgerechtheit nicht ersparen können. Erst DURCH dieses Hineinsterben in unsere jeweilige Aufgabe, Sekunde um Sekunde, wird der Welt nämlich jenes Fenster geöffnet, durch das das Sein gewissermaßen "inkarniert" wird, durch das die Gnade einströmen kann, die alles schafft, auf der alles basiert.**** 

Es ist der Akt des Sterbens, durch den der Himmel sich auftut, durch den Welt und Himmel - Seiendes und Sein - letztlich verbunden sind. Erst wenn wir so leben, wenn wir also leben als stürben wir, werden wir auch schöpferisch tätig sein. Und erst so können wir die Welt der "Alternativlosigkeit" buchstäblich entreißen. In der, wenn sie in diese wirklich gefallen wäre, dem Gesetz der Entropie analog, nur der Fall ins Nichts droht. So aber ist es das Sein selbst, Gott, der dem Seienden seine Anwesenheit gibt. Oder, mit anderen Worten: Eine Welt ohne Freiheit, eine Welt ohne menschliche Sachgerechtheit gibt es nicht. Sie würde ins Nichts fallen. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. 

Das Paradox der Schöpfung, des Seienden als Teilhaber am Sein, wenn auch nicht als Sein selbst (denn das wäre dann Materialismus), ist also mehr als ein Psychotrick, eine "paradoxe Intention". Es ist eben - ein Paradox. Es ist eine Schöpfung Gottes, die sich aus ihm im Lobpreis des Menschen in ihn zurückbiegt.







*Eine umso größere Rolle spielen Lichtfiguren, denen wir diesen Spielraum zu schöpferischem Handeln noch zuschreiben. Praktisch in allen Lebensgebieten klammern sich die Menschen an Einzelfiguren, die diesen Eindruck machen, und fast immer werden wir dabei enttäuscht, weil meist schon Zwerge zu Großriesen aufgeblasen werden. Man kann laufend beobachten, wie Menschen, die nur einen einzigen Satz sagen, der etwas Richtiges benennt, hochgejubelt werden, bis man feststellt, daß ihr Ganzes im Grunde ebenso defekt ist, das man nämlich gar nicht mitdachte. Was wiederum mit der oben erwähnten generellen Schwäche zu tun hat.

**Womit wir bei der Ebene des Sakraments wären. Aber das würde endgültig zu viel für diesen kleinen Ausflug.

***Und deshalb geht die Fragestellung Hegels am Kern vorbei und setzt etwas voraus, das der Freiheit des Menschen radikal widerspricht, damit dem Sinn der Welt widerspricht: Sie sieht ihren Zweck, den sie dialektisch zu erreichen meint, darin erfüllt, einen "abstrakten logis" (die Vernunft Gottes) zur Realität, ins Seiende zu bringen. Dazu aber muß man die Welt des Menschen jeder Freiheit begeben, weil alles mechanisch-materialistisch abläuft. Was Karl Marx völlig richtig erkannt hat, der meinte: In dieser Automatik braucht es eines sicher nicht - einen Gott. Der erfüllt höchstens eine Aufgabe als "Opium", um manches erträglicher zu machen. Und gut kann irgendwie alles geheißen werden, was nützt. Aber Sinn hat es oft keinen. 

****Das ist im Grunde der Irrtum Hegels, der - wie manche es formuliert haben - "Gott nicht mehr in die Welt hineinbringt". Weil er alles in weltimmanenten Automatismen erschöpft sieht. So seltsam es klingen mag: Aber Hegels System (das heute eine so große Rolle spielt, daß man von einem Hegelianischen Zeitalter sprechen müßte: unser Denken, unser Ableiten, unsere Logik, alles ist "seinslos", "gottlos" im philosophischen Sinn, ist materialistisch und weltimmanent, kann aus Gott bestenfalls eine "Moralinstanz" machen, die aber keine Realitätsrelevanz hat. Das ist eine der letzten Konsequenzen übrigens - aus dem Lutherschen Protestantismus. Und Hegel war ja auch Lutheraner.)  

Auch wenn Heidegger diese Konsequenz nie zog, also seinem Denken einen "Gott" verweigerte, findet sich in seinem Denken ("Sein und Zeit") dieses Denken ganz erstaunlich weit getrieben, und es läßt sich, wie der VdZ meint, wie ein Baustein der wahren Metaphysik einfügen.






*041017

Samstag, 21. Oktober 2017

Stellen wir die Sache einmal auf ihren paradoxen Kopf (1)

Ein Punkt, der vielleicht nicht immer leicht verstehbar ist, ist der zuletzt erwähnte Zusammenhang zwischen einem verstärkt, ja fanatisiert angestrebten Ziel der Zerstörung - das sich hinter einem positiven Ziel versteckt, als das sich "Weltrettung" (übrigens auch: "Kirchenrettung") natürlich bestens eignet - durch Nährung des Falschen. Das so zu einem Kulminationspunkt getrieben werden soll, in dem es von selbst zusammenbricht, sein Widerspruch zum Sein also endlich durch Nichtung zur Darstellung kommt. 

Vereinfacht, verbildlicht: Man hat nicht den Mut, mit dem Hausmeister zu streiten, daß die Linde vor dem Haus gefällt werden soll, weil sie langfristig die Mauern zerstört. Was der Hausmeister bestreitet. Also geht man her und düngt und gießt die Linde, hegt und pflegt sie, damit sie möglichst gut wachse - und sich die Folge daraus, das Zerstören der Mauern durch die Wurzeln, "von selber" zeigt. Der Leser möge dieses Handlungsschema abstrahieren, das auf psychischem Gebiet Viktor Frankl "paradoxe Intention" nennt. Und so eingesetzt wird, daß ein Mensch sich seine Ängste als möglichst real und in allen schlimmsten Auswirkungen vor Augen stellt. Woraufhin er etwas Seltsames erlebt: Er beginnt, diese Angst zu verlieren. 

Nicht, wie auch Frankl manchmal zu meinen scheint (dem das Seinsverständnis fehlt, ihm bleibt alles subjektiv, "psychisch", ja konstruktivistisch), weil er sich mit dem Übel anfreundet, sondern weil etwas ganz anders passiert: Es steigen korrigierende Stimmungen aus dem Seelengrund auf. Es wird im tiefsten Wahrnehmungs- und Gewissensgrund (als "Gewußtes") ein Bild aktiviert, das der Realität näher kommt als die (aus sich uferlose) Angst. Die paradoxe Intention spekuliert also mit einer "automatischen Reaktion" (Kraft), die aus dem Wirklichen aufsteigt, aus dem Sein sich erhebt - und DAMIT die subjektive Vorstellung, die psychische Störung der Wirklichkeitsrezeption, die man aus eigener Willenskraft nicht wieder korrigieren wagt oder kann, überwältigt. Diese Form der inneren Reaktion ist also meist eine Reaktion der Schwäche, des Unterlegenen, des Ohnmächtigen, oder einfach des Mutlosen. Und sie ist darin nicht einmal immer unklug, denn manches läßt sich tatsächlich nicht von einem selbst ändern, also muß man auf andere Kräfte bauen.

Machen wir es nun an einem anderen Beispiel aus der Gegenwart konkret, und von einem Gedankenexperiment aus nachvollziehbar. Wobei der VdZ an dieser Stelle ausdrücklich davor warnt, die Erkenntnis daraus zu simplifizieren und schlechthin zu konkretisieren und zu verallgemeinern. Die seelische Verfaßtheit eines Menschen ist immer sehr komplex, vieles kombiniert sich, wechselt sich ab (der Mensch "oszilliert" immer, pendelt immer zwischen Nichts und Sein, Tod und Leben, und es ist sogar erst dieses Oszillieren, das ihn als kontinuierlich erkennbar macht!), und im letzten immer originär und ein Geheimnis. Manches aber an der umgebenden Realität läßt sich dennoch daraus erkennen. Probieren wir also einmal aus, wie weit der Gedanke trägt und sich ausbaut.

Denn einerseits ist heute eine extreme Persönlichkeitsschwäche bemerkbar, die als Kulturphänomen gelten muß. Denn sie ankert in der Kultur ebenso, wie sie diese mitformt, und das heißt: die Kultur weiter abbaut. Anderseits streben die Menschen heute so gezielt einem Totalzusammenbruch zu, als würden sie ihn wollen, ja herbeisehnen. Gleichzeitig sind sie ratlos. Resignation ist vielleicht sogar DAS Zeitgefühl. Zumalen ihnen schon von der Politik erzählt wird, also von jenen, die es in der Hand hätten, "etwas zu ändern", daß so gut wie alles "alternativlos" ist. Schöpferisches Handeln ist also nicht mehr vorhanden, angeblich weil der Spielraum dazu durch zwingende Fakten fehlt. Jede schöpferische Handlung - in der Politik ebenso wie im Privatleben - stößt an unüberwindliche Grenzen unlösbarer Teilprobleme, die uns regelrecht umzingelt haben. Kurzum: Die Dinge laufen nicht mehr so, wie wir sie gerne hätten und uns wünschen, sondern haben sich zu gewaltigen Maschinen gesteigert, in die wir eingespannt sind.*

Handeln also heute die Menschen heute unbewußt/bewußt ganz gezielt falsch? Verweigern sie ganz gezielt die Vernunft? Der VdZ hat den Verdacht, daß dies sehr oft zutrifft. Und einer der Gründe, warum er das meint glauben zu können ist, daß er davon ausgehen muß, daß in jedem Menschen derselbe Vernunftgrund angelegt ist. Schon alleine aus der unlösbaren Verbindung mit der Wahrheit, in die alles, was ist (beziehungsweise wie es Heidegger so richtig und vieldeutig sagt, "sich anwesend gibt"), eingebettet ist. Das könnte den Eindruck stärken, daß die Menschen darauf warten, daß "die Wahrheit" sich von selbst durchsetzt! Daß sie bis zu einem Punkt zum Verschwinden gebracht wird, wo ihr Druck - der ja der Druck des Seins ist! - so groß wird, daß sie das Falsche, den Irrtum, den Schwindel, die Lüge von selbst überwindet. 

Die gigantische Täuschung, in der sich heutige Gesellschaften (als Kulturen, als Völker, in allen Formen von Gesellschaft) zeigen, sodaß der VdZ es als "riesige Blasen" bezeichnet, in denen wir uns bereits bewegen (also nicht nur am Immobilienmarkt ;-), die aber keinerlei direkte Wirklich-keitsrelevanz mehr haben. Was heute gedacht, geredet, vor allem aber getan wird ist so vollständig Unsinn und Widervernunft, daß der Druck der Wahrheit ja tatsächlich enorm sein muß. Könnte man daraus nicht schließen, daß die Menschheit so sehr wie nur auf den ersten Blick "noch nie", in Wahrheit aber wohl in jeder letzten Verfallsphase einer Kultur, auf die Emanation der Wahrheit selbst hofft und sie zum Eintritt reizen möchte? Lassen sich hier nicht die direktesten Parallelen mit dem Verschwinden der Kirche (das dem Verschwinden des Kultes, der Liturgie, den vorenthaltenen Sakramenten, ja der vorenthaltenen inkarnierten Wahrheit also zuzuschreiben ist) ziehen?

Ist nicht das immer vollkommenere Auslöschen der Kulturtraditionen, der kulturellen Institutionen, die Zustimmung vor allem die dazu zu herrschen scheint, auch als paradoxe Intention zu denken, die in Wahrheit nur eines wünscht: Daß die Väter, daß das Sein wieder aufsteht und mit Macht die Regierung in die Hände nimmt? Könnte man die schon ins Absurde gehende Umweltzerstörung der Linken und Umweltapostel (als "Weltretter"; siehe a.a.O. die Deutung dazu) nicht auch als verzweifelten Aufschrei deuten, der engstirnigen, irrationalen und seinslosen Denkweise der Ökologisten (die ja auch sämtlich in "Alternativlosigkeiten" stecken) dadurch zu entfliehen, weil man den Grund aller Vernunft aufstacheln will, sich endlich hinter allen Windrädern und Hochspannungsleitungen und Solarplätschen* zu erheben, indem man der Unvernunft offen vor Augen stellt, wie häßlich, wie unerträglich und falsch sie liegt, nur fehlt es an Geist, an Stärke, an Verstand, nur scheint es ein viel zu gigantisches, ein unbewältigbares Unterfangen, dies selbst zu widerlegen, weil auch die Kraft fehlt, selbst den Ahnen zu folgen? 



Teil 2) Und weiter führen wir die Beispiele.
Aber ist das mehr als ein Gedankenspiel?
Oder: Worum es wirklich geht!




*Eine "Plätsche" ist im Österreichischen ein großer, unförmiger Fleck, unter dem etwas aufprallt und zerschellt. 





*041017*

Dienstag, 10. Oktober 2017

Von der zeitlosen Zeit

Wenn es also so ist, daß erst mit dem Anwesen des Seins überhaupt Zeit entsteht, als Folge des Seins, dann ist die Transzendierung auf das Sein hin, auf den Sachverhalt, wie Heidegger es einmal ausdrückt, das Tor, durch das Zeit in die Schöpfung kommt. Damit wird die Zeit an den Menschen, an die Schöpfung gehängt, damit wird sie relativ zum Kreuz, zur Selbsttranszendenz, ja zur Wahrheit.

Es erklärt auch, warum man im Alter die Zeit als immer rascher vergehend erlebt. Heidegger hat Recht wenn er sagt, daß es ein Fehler ist, Zeit an das rein "psychische Erfahren von Dauer" zu verweisen. Der wahre Grund der Relativität der Zeit liegt tiefer, und es waren vor allem die Uhren (die ja auch nur ein Vergleichsmodus sind), die diese falscher Vorstellung einer linearen, gleichförmig voranschreitenden Zeit brachten, was sich zur Illusion verdichtete, daß "Zeit" etwas gleichförmig Voranschreitendes sei, ja DAS gleichförmig Voranschreitende sei.

Daß heute alle älter werden, wie es die Statistik sagt, ist dann der Barmherzigkeit Gottes geschuldet, der jedem Zeit läßt, mehr Zeit, doch noch zum Leben zu kommen. Nein, präziser: Es ist die Tatsache, daß es uns tatsächlich an Zeit mangelt, weil wir bestenfalls der "hereinbrechenden" (anwesenden) Zeit nicht-menschlicher oder gar unter-menschlicher (vegetativer) Vorgänge ausgeliefert sind.

Jeder von uns hat doch schon erlebt, wie in Augenblicken höchster geistiger Präsenz (wie bei Unfälle, in Todesgefahr etc.) die Zeit "langsam" zu werden scheint. Das scheint nicht nur so, das ist auch so. Es ist dann überhaupt erst Zeit, als gewissermaßen zeitlich-weltliche Zeit, die über die absolute Zeit im Transzendenten zur Zeit selbst wird. Denn alles ist in dem Maß anwesend, als es am Ewigen teilhat. Zeit ist damit (auch das sagt Heidegger, der in diesem Punkt mit seinem Denken sehr weit kam) eine Folge (sic!) des Anwesend-seins (als Gegenwart, die immer Vergangenes und Zukünftiges zusammenklammert, nur der unendlich kleine Teil ist, als Fenster, durch das Sein einströmt, um Seiendes zu zeitigen, also anwesend zu machen.)

Den Menschen, die Schöpfung umgibt also eine absolute, weltlich gesehen: zeitlose Zeit, die absolute Zeit,. die keine Vergangenheit und keine Zukunft kennt.

Das bedeutet, daß auch das Leben des Lebendigen, das nur aus dem absoluten Leben kommen kann, erst in der jeweiligen Transzendierung auf den Sachverhalt hin (auf den logos, wie der VdZ es hier immer nannte, der somit immer eine Beziehungsdynamik ist, auch darüber wurde hier schon viel geschrieben) in das strömt, was im Ganzen (als Großnetz der Beziehung, gewissermaßen) als Welt bezeichnet wird.

Das erklärt, warum im Zustand des Paradieses gar keine weltliche Zeit mehr existiert, weil es keinen menschlichen Tod mehr gibt, alles nur Leben ist. Zeit wie wir sie heute erfahren, als Vorüberstreichen von rein äußerlichen Vergleichsvorgängen, ist damit eine Folge der Ursünde, des Auseinanderbrechens von Leben und Geist im Menschen, dem es seither nur gelingt, "zeitweise" diesen Geist wieder anwesend zu machen - im besonderen im sakramentalen Kult, der diese Ewigkeit selbst bereits anwesend sein läßt und so alles ins Zeitlose, ins Ewige hebt - im Kreuz, in der Selbsttranszendenz, der einzigen Art, wie diese Dichotomie wieder geheilt werden kann. Daß die Anwesung Nährende ist immer das Ewige, Zeitlose (bzw. absolute Zeit seiende). Im Paradies ist alles ewig anwesend, gegenwärtig, gibt es kein vorher und nachher mehr.

Umgekehrt muß die Verfallenheit in (und an - auch wenn diese Begriffe hier versagen) die Welt (nennen wir ruhig einmal: Lasterhaftigkeit, Getriebenheit von Begierden, usw.) zu einer immer rascher verstreichenden (weil buchstäblich flüchtigen) Zeit führen. Denn dem Dargestellten, dem Anwesenden mangelt es an jener Zeit, die weltliche Zeit überhaupt erst konstatiert, läßt den Ort der Beziehung - den logos, den Sachverhalt (Heidegger) - immer weniger betreten, damit wirklich (anwesend; "gelichtet") sein. Sexuelle Begierde ist ja letztlich gar keine "Beziehung", sie ist ein Zurückfallen auf sich selbst, eine Reduktion auf Beziehungslosigkeit, und damit eine Nichtung. Der Mensch (als Vernunftwesen) fällt auf immer kleinere Lebensvorgänge zurück, die sich aneinander immer mehr beschleunigen*.

Das Gesagte verweist übrigens auch auf Jakob v. Uexküll, der vor 70, 80 Jahren eher abgelehnt wurde, als er das Konzept einer je subjektiven Zeit der Lebewesen vorstellte. Je nach Lebenswelt (die immer "rund" ist, also in seinen Vorgängen vollkommen auf jeweilige Teilwelten der Lebewesen abgeschlossen) hat damit alles Lebendige "seine" Zeit. Das rundet sich aber erst, wenn es mit der Verwiesenheit der Schöpfung auf den Menschen zusammengeschoben wird, wenn also diese Teilwelten der Lebewesen als offen auf den Menschen hingesehen werden. Der sie dann in "seine Zeit" (der zeitlosen, ablauflosen Zeit, gewissermaßen) hebt.



*Der Mensch des Lasters stirbt also früher; die Krankheit ist ein Symptom dafür. Wir haben an dieser Stelle bereits ausgeführt, wie Syphilis als "Ausfall der Führung" gesehen werden kann. Von Aids könnte man dasselbe behaupten. Umgekehrt muß ein Leben der Tugend mehr und mehr zu einer "rascher verstreichenden Zeit" führen. Aber nicht, weil diese tatsächlich rascher verstreicht, sondern weil sie immer mehr in die zeitlose Zeit drängt bzw. diese anwesend macht, und damit in Relation zur umgebenden Welt immer "kürzer" wird. Das trifft sich mit den seit jeher bekannten Vorstellungen von Heiligen und/als Helden, die um der geistigen Tat wegen sogar ihr Leben einsetzen. Hier hat "Dichte", was in der Verfallenheit, also Seinslosigkeit oder -trennung, im Auseinanderfallen "lange" wird, weil von vielen Ewigkeiten in umgebenden Lebensvorgängen "überholt" wird.





*021017*

Freitag, 6. Oktober 2017

Die Wissenschaft denkt nicht

Das ist aber kein Vorwurf, sondern eine Feststellung, sagt Martin Heidegger einmal. Was etwa die Physik ist, kann nicht die Physik klären, sondern ist eine Frage der Philosophie. Nur die Philosophie kann ihr sagen, was Zeit, Raum etc. sind, die sie begrifflich als Prämissen annimmt um von dieser Klärung her ihre Physik zu untersuchen. Das Tragische ist, daß die Wissenschaft das vergessen hat. Vielmehr hält man heute sogar die Wissenschaft für eine Art Religion, wie er an andere Stelle sagt. Gerade im Westen wird das Ganze nicht mehr gedacht, und was man dazu denkt ist vielfältig verworren. Man muß aber vom Sein herdenken.

Der Weg zum Sein hin ist jedoch immer schon ein Weg vom Sein her, sagt er hier weiter. Das deckt sich mit der metaphysischen Aussage, daß allen Dingen das Wort vorausgeht (das muß aus logischen Gründen so sein), im Denken also Teilhabe am Wort (in der Wahrheit) ist. Dieses Wort ist Dynamik und hat Dynamik. Vernunft heißt somit Teilhabe an der Vernunft des Seins, also der Vernunft Gottes, in der Dynamik des Wortes, der Sprache sohin - im logos. Aus dem logos heraus wird also erst das begreiflich, was Poesie im eigentlichen Sinn heißt. Die Welt ist ihrem Wesen nach poetisch. Erst so wird die auf das Seiende ausgerichtete Kraft und Dynamik des Seins (als seiend-sein-wollend) als Wort erfaßbar.










*300917*

Samstag, 19. März 2016

Ehe als Dreiecksbeziehung

So wie beim Schriftsteller (Graham Greene: "Es gibt keine katholischen Schriftsteller, sondern nur Schriftsteller, die katholisch sind.") gibt es also auch keine "katholische Ehe", sondern nur gültig geschlossene Ehen (wozu bei der Ehe auch die nicht verzichtbare Mit-Stiftungsfunktion der Öffentlichkeit gehört), die katholisch und damit sakramental sind. Und letzteres sind sie, sobald beide Ehepartner getauft sind.*

Nur insofern, als die Kirche die societas perfecta ist, kann sie Urbild jeder Ehe sein. Das zu sehen, zu finden, kann auch Inhalt einer "katholischen Ehevorbereitung" sein, samt einer katecheseähnlichen Anleitung zu einem konkret religiösen Leben, mit Riten und Zeitschaffungsmomenten durch entsprechende Tages- und Jahreskreiselemente. Um so aus dieser Anbindung an die Gnade diese je neu ins Leben einzulassen, denn Riten sind die Türen, durch die sie eintreten kann.

Aber aus diesem Bezug zur Übernatur ergibt sich noch etwas, das auf ein Konstellation in der Ehe hinweist, die gar nicht disponibel ist, sondern bei deren Verfehlen auch die Ehe diffundiert. Selbst wenn sie nominell - "Treue" als "moralische Hochleistung" ist gar nicht so selten, wie man glaubt, dabei kann sie sogar das genaue Gegenteil werden, gerade im Beisammenbleiben, das vor der eigentlichen Formwerdung zurückscheuen ließ, sonst wären die Konflikte unüberwindlich geworden - aufrecht bleibt.

Erst in dieser Transzendierung auf die Form "Ehe" hin (in ihrer hierarchischen, also funktionalen Konstellation) wird der reale Moment "in Christo" gestellt, auf Gott hin gelebt. Das ist auch bei jeder anderen gesellschaftlichen Form und Lebensgestalt nicht anders: sie muß immer ein Hinwegsteigen über sich auf die idea sein; erst so wird sie zum Schlüsselmoment der Freiheit, denn Freiheit entsteht erst durch Bindung, weil nur die reale Bindung ein freies Verhältnis zu sich selbst schafft.

Ein direktes Zueinander von Mann und Frau "als Ehe", wie es heute so oft "gesucht" wird, gibt es also eigentlich gar nicht. Darin überfordert man immer den anderen, weil die Erwartungshaltung gar nicht erfüllbar ist. (Fatal hat in diesem Zusammenhang das verquere Ideal der "Liebesehe" gewirkt.) Sondern es ist ein Dreiecksverhältnis, und zwar immer, auch bei der nicht-sakramentalen Ehe. Erst in dem (und in der Haltung dazu), was aus dieser Spitze des Dreiecks (der Form, der idea also) überfließt, in der Selbsttranszendenz auf die jeweilige Einzelperson  "herunterfließt", wird der andere erkennbar, und damit auch überhaupt erst liebbar.²

Sohin ergibt sich ein reales persönliches Miteinander aus einem gemeinsamen "Auf-die-Idee-zu-sein". Was der andere in mir weckt (hier hat durchaus der Eros seinen Platz) ist ein Hin-Gerichtetsein auf diese idea zu. In dem Fall: Ehe. Darin liegt der Grund für die Ehelichkeit des Sexuellen, die in sich ein Verweis auf die Natur des Verhältnisses von Mann und Frau zueinander sind. Deren Entstehungs- wie Erfüllungsort aber die Leiblichkeit selbst ist.**

Aus dieser idea heraus ergibt sich auch, was bzw. wie ich am anderen zu handeln habe - wieder: am konkreten Ort der Leiblichkeit, aber auch der alltäglichsten Realitäten (sie sind das, was man "Geschichte" nennen kann), die nicht unwichtig oder ersetzbar wäre, sondern in diesem Konnex in eine entscheidende Bedeutung und Würde gehoben ist. Aber auch das ist im Natürlichen nicht anders als beim Sakramentalen (der Ehe unter Getauften), es ist nur nicht mit der Übernatur verbunden, lebt nicht in dieser bzw. aus dieser Dimension.





*Die Einführung einer von der sakramentalen getrennten "Zivilehe" hat hier nur Verwirrung gestiftet. In Wahrheit sind diese beiden Dinge gar nicht trennbar, aber auch aufeinander bezogen. Sich eine Natur ohne Übernatur - ohne Bezug auf die Idee im Geist, also: das Seyn - zu denken ist gar nicht möglich, denn "ein Ding ist" überhaupt nur, soweit es an diesem Seyn (der Heidegger'sche Begriff scheint gut brauchbar, der VdZ übernimmt ihn vorerst einmal) überhaupt teil hat. Ohne es gäbe es nicht einmal Satan; und die Hölle ist nicht der Ort "des Nichts", sondern des "gewollten Nichts": wer in der Hölle landet leidet deshalb unendliche Qualen, weil er den Seinswillen seines Seienden (als Transzendenz auf das Seyn, aus dem alles Seiende sein Sein hat) nicht erfüllen kann weil als Mensch in der Zeitlichkeit nicht wollte.

²Vielfach wird im Ablehnen des "Gendering" der Sachverhalt gar nicht wirklich gesehen, sondern beschränkt sich auf bestimmte Symptome. Aber damit leistet man der Diskussion einen Bärendienst, ja widerlegt sich selbst, gerade im biologistischen Argument. Vielmehr setzt das Gendering dort an, wo jeder aber die Diskussion scheut, denn da würde es mühsam: In der konkreten Rolle, die die Geschlechter jeweils im Leben haben. Wenn eine Dr. Gerl-Falkowitz (die in kirchlichen Kreisen gerne "herumgereicht" wird, weil sie sich gegen "Gendering" ausspricht) also meint, es sei durchaus Männlichkeit, Kinder zu wickeln (natürlich soll hier nicht von jenen Ausnahmen gesprochen werden, die eher als "Unfall" zu werten sind, weil das Alltagskonzept einmal bricht), denn die Polarität sei auf anderen Gebieten maßgeblich und zu leben, so irrt sie, und gar nicht wenig. Gendering beginnt gerade sogar dort, wo man die Frau nicht mehr als "Hausfrau" (als Herrin des Hauses, in der Hinordnung auf das Haupt der Familie, den Mann bzw. seinen Namen) bezeichnet und prinzipiell sieht, weil Berufsbezogenheit nichts mit Geschlecht zu tun hätte. Das hat es sehr wohl! Und wir haben uns durch diese Verwirrung unglaubliche praktische Probleme eingehandelt, weil die "Frau im Beruf" ein ontologisches Problem ist. Hier wird mit dem Wort "Gleichberechtigung" gerade auch in kirchlichen Kreisen betrüblichster Unfug angerichtet, und ein ganz fatal technizistisches, funktionalistisches, ja in Wahrheit materialistisches Geschlechterkonzept eingemengt. Der VdZ behauptet: Weil man in Wahrheit das Kreuz scheut, das mit dieser Diskussion anhebte. Denn dann würde sich die Kirche wirklich "gegen die Zeit" weil gegen den Staat stellen. Solange das aber nicht "behoben" ist, braucht man über Maßnahmen, Ehe und Familie "zu stärken", indem man sie zum "Ding für sich" macht, herausgelöst aus dem gesellschaftlichen Rahmen, als wäre eine "gute Ehe auch so" lebbar, quasi: abgehoben, in einer Art "Eigenwelt", gar nicht nachdenken. Die Verwendung ihrer theologischen Konzeption wird darin zur schrecklichen Selbsttäuschung.

**Ein biologistischer Ansatz, wie er oft zu hören ist (Argument: Fortpflanzung), greift also viel zu kurz, ja liegt häufig nahezu falsch, soll damit die Unmöglichkeit einer Homosexuellen-Ehe argumentiert werden ohne daß der Hintergrund (Offenheit für das Seyn) der Fortpflanzungsfähigkeit ausreichend mitbedacht wird. Vielmehr liegt diese Unmöglichkeit im Wesen der Homosexualität begründet, die eine Verweigerung der Selbsttranszendenz auf die idea hin bedeutet. Da braucht man noch gar nicht mit Schuld oder einer eventuell ererbten Disposition (als Selbstschwäche! als in-sich-Verkrümmung!) kommen. Auffällig ist ja nicht zuletzt, daß auch Verbindungen unter Homosexuellen diese idea (als Mann und Frau ist der Mensch erst Mensch) nachzuahmen versuchen, in ihren Beziehungen je Männer und Frauen "sind". Homosexualität ist eine äußerst weitgehende Haltungsverfehlung, erst in zweiter Linie eine "Tatsünde". Der alte Begriff der Sodomie war hier weit treffender, und ist als vorübergehende Haltungsverfehlung (wie sie im Grunde jede Sünde weil Naturverfehlung ist) ganz anders zu bewerten als die bewußte Haltung "ich BIN homosexuell".




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Dienstag, 15. März 2016

Überwindung der Moderne

Zwar hält der VdZ seine Kritik an seinem Buch "Die vierte politische Theorie" aufrecht, aber im Vortrag scheint die Tangente von Alexander Dugin doch auf das Richtige angelegt zu sein: Als Überwindung der Moderne, wie sie seit der Renaissance Europa mehr und mehr vom Sein abgedrängt und zur Pseudologie (logos) konstruiert hat.

In dieser Moderne wird das Denken über die Welt vom Weltsein getrennt. Dabei wird vergessen ("Seinsvergessenheit"), daß dieses Denken aus seiner historischen Aktualität nicht ausbrechen kann. Niemals. Sondern in dieser geschichtlichen Situation ein Sein in sich offenbart, das im bloß nominellen Denkinhalt gar nicht gefaßt wird. Denken wurde damit zum Symptom, nicht zum Einbruch der Wahrheit als Seinerhellung.

Denn dieses ist der öffnende Moment des Ereignisses: Das Sein des Menschen - sein Da-sein - muß als Dasein wie Sein des Seins selbst (analog, also: als Gleichnis, als Abbild des Seins selbst, als Gottes) gesehen werden.

Natürlich kann das nicht in einem Rückgriff auf die Vormoderne geschehen. Denn (Heidegger) jeder Mensch ist in seine Epoche hineingeworfen, und somit ist geschichtliche Gegenwart immer neu, nie dagewesen, und immer neu zu lösen, und auf die Zukunft hin zu entwerfen.

Dieses Entwerfen aber kann nicht auf demselben seinslosen Rationalismus basieren, der Europa in die völlige (und fast verzweifelte) Unfruchtbarkeit geworfen hat. Es ist ein wirkliches und mutiges Neuwerfen einer künftigen Gestalt. Ob aber Europa das überhaupt noch denken kann? Der VdZ hat so seine Zweifel. Dann aber würde er Europa tatsächlich schon aufgegeben haben. Denn dieser Ansatz müßte heißen: Eine neue Offenheit für Poesie. Denn dieses Denken ist selbst Poesie. Denn in der Poesie ist eben das Sein das Seiende des Seienden. Die Frage ist ja auch, ob es überhaupt ein Seiendes geben kann, das nicht Poesie ist. Wo es das nicht ist, fällt es ins Nichts. Und kein modernes Denken vermag es davor zu retten. Und schon gar keine Weltrettung. Die aber darin auf seltsame Weise ihren Grundimpuls - als Wissen, ja als offenbarte Struktur (!) der eigenen Verworfenheit - offenbart.*

Das zweifellos Achtenswerte an Dugins Denken ist, daß er keinen Hehl daraus macht, daß er einen Weg gegangen ist und geht, der noch nicht fertig ist. Auch darin knüpft er an Heidegger an, der einmal sagt, daß er auf den wartet, der seinen ersten Ansatz in ein neues Denkgewand bringt.**

Der VdZ ist sich allerdings nicht sicher, ob das, was Dugin als "Multipolarität" bezeichnet, auch dem entspricht, was auf diesen Seiten mit neuen Notwendigkeiten der Staatsdefinition - der Volksstaat, der Kulturstaat hat sich bereits selbst ausgelöscht, er schlägt nur noch im Todeskampf um sich - anzudenken versucht. Immerhin, es könnte sein.

Übrigens: Auch eine interessante Erfahrung mit der Sprache. Dugin versucht, in Deutsch zu sprechen, und das gelingt erstaunlich gut, obwohl er eine ganz simple deutsche Sprache verwendet, weil er es halt nicht besser kann. Aber das ist gar nicht entscheidend - denn man hört immer das Dahinter!






*Denn es hat schon so seine Wahrheit daran, daß die Weltretter der Gegenwart - ob im Klimawahn, ob in der Zuwanderungskrankheit, im Weltberbesserungsirrsinn auch der Kirchen - mit der Menge der Moderne zusammenfallen, und sich zugleich in einem proklamierten Regress von dieser befreien wollen. Aber sie können es nur auf der Ebene, auf der sie selbst in die Hölle fahren.

**Das könnte nur im Christentum geschehen, das sieht Dugin völlig richtig, dessen Zentralgeheimnis und -botschaft genau diese Ereignishaftigkeit, diese Gegenwärtigkeit zum Inhatl hat. Und der VdZ sieht wie Dugin Heidegger - der dieses Denken angebrochen hat, ohne es zu vollenden - im Grunde offen für das Ereignis der Wahrheit in Jesus Christus. Aber in Europa ist das Chistentum im Grunde bereits tot. Auch die Konservativsten singen nur noch einen karikaturhaften Abgesang. Die momentanen Ereignisse in der Kirche sind ohnehin nicht einmal mehr die Atemluft wert, die sie absingt. Es ist vorbei, sie hat keine Wirklichkeitsrelevanz mehr. In Westeuropa. Mit diesen Eliten hat es keine Chance. Die verstehen gar nicht mehr, worum es geht. Und weil es ihnen verborgen ist - okkult ist - ist es für sie überhaupt "okkult". Aber es ist sehr rational. Auch die USA wird aus gleichen Gründen auf das Niveau eines Entwicklungslandes im Chaos zurückfallen. Alleine die wirtschaftlichen Daten zeigen es. Ex oriente lux - realpolitische Hoffnung liegt eher noch im Osten. Dort scheint noch das Potential für diese Existentialität zu bestehen. Selbst von den Ungarn hat der VdZ diesen Eindruck.





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Sonntag, 15. November 2015

Es geht um die Sprache. Den logos.

Eine recht gelungene Kurzeinführung in das Denken Heideggers fand sich dereinst auf 3sat. Dem Leser möge es darin weniger um die Person Martin Heideggers gehen, sondern um das Anliegen, das sein Denken repräsentiert.





Wie eminent "lebensorientiert-praktisch" ausgerichtet sein Denken ist, zeigen diese 15 Minuten.







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Montag, 8. Juni 2015

Sprache spricht sich selbst

Es ist ein und dasselbe Wort - logos - das für Sein und Sagen steht, schreibt Martin Heidegger. Mehr noch: für das Verhältnis des Sagens zum Sein, in dem das Wort das Ding überfällt. Keineswegs ist die Sprache aber eine willkürliche Erfindung des Menschen, sondern es ist das vom Ding Gehörte. Sprechen kommt deshalb vom Zuhören, vom Hören, in dem der Mensch dem Ding in seiner Landschaft nachgeht. 

In der Sprache spricht sich das Wesen aus, der Mensch öffnet sich dem nur. Insofern ist es nicht einmal er, der spricht. Im wahren Wort ist es die Sprache selbst, die spricht; das Maß der Wahrheit ergibt sich aus der Offenheit - einer Willensbewegung der Liebe - des werkzeuglichen Sprechers zum Ding, dessen Wesen sich ausspricht.

Über die Sinne nimmt der Mensch das Wesen der Gestalt (in der Gestalt) auf, und läßt sie in sich (erinnernd) frei schwingen, um seinen Schall zu hören. Diesen Ton, diese Tonfolge wieder läßt er als Wesensessenz Bewegendes sein, wenn er dann das tut, was man als selber Sprechen bezeichnet; mit Recht, weil sich sein Wille mit dem Willen des Wesens des Dings eint. Er ist also nicht "Medium", er ist Tuender, Teilnehmender, wenn die Sprache sich selbst spricht.

Weil aber Person nur in der gewirklichten Bezüglichkeit Welt (weil Persönlichkeit) wird, als aktive Darstellung von Bezügen, ist es das "Wort im Ding", das dem Menschen in der Welt Sein gibt. Über das Hören, über den Gehorsam des Herzens, und dem darauf folgenden Denken, in dem er das Wesen des Dings und damit sein Sein in sich geistig rein wirklicht, bis zum Einen das alles enthält - als Wort.

Es ist damit das Wort in der Welt, das ihm Sein gibt. Im Sagen zeigt es sich. Denn sagen kommt etymologisch von sagan, und das heißt zeigen, erscheinen-, sehen- und hören-lassen. Das Wesende der Sprache ist damit die Sage als die Zeige. "Die Sprache spricht, in dem sie sagt, d. h. zeigt."

Deshalb ist Sprechen von sich aus ein Hören. Wir sprechen nicht nur die Sprache, wir sprechen aus ihr.




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Sonntag, 3. Mai 2015

Enttäuschungen

Heidegger sah (wie andere) im Nationalsozialismus die richtige, schöpferische und damit dem Menschen aufgegebene Erhebung zu sich selbst, als Bewegung der Antimoderne, und diese Seite hatte er ja auch. Zumindest spielte er damit, immerhin lieferte sie einen theoretischen Unterbau, den der Nationalsozhialismus ja eigentlich gar nicht hatte. Und in seiner historischen Entwicklung entfaltete er sein wahres Gesicht, wurde zur ungeheuren, noch nie gesehenen (und von ihm übersehenen Motivik) technizistischen Umgestaltung Deutschlands.

Was Heidegger in Zorn und Ablehnung verfallen ließ, denn er hatte Hitler in einen Rahmen einer geistigen Umbruchszeit und Kontinuitätslinie (aus dem 19. Jhd. heraus) gestellt, wie sie sich damals auf allen Ebenen (bis zur Physik, die sich in der Quantenphysik als Erkenntniskritik wiederfand) vollzog, wo die überkommenen Weltbilder stürzten, weil vorgebliche Sicherheiten fielen - als Zuspitzung zum schöpferischen Menschen, der sich in der Actualitas in der Welt hält, und nur in dieser Aktivität, in diesem Willen, sonst fällt er ins Nichts. Dieser Aufbruch, der als Aufbruch des Denkens an einen Sprach- und damit Geistesraum fällt, der aber Weltbedeutung hat, spielte sich für ihn in Deutschland ab. Er selber deutet sich als in dieser geistigen Bewegung stehend.

Interessant, sehr interessant ist dabei, daß Heidegger offenbar mit Legitimationsproblemen kämpfte, ohne es zu wissen. In den Schwarzen Heften finden sich - für manche überraschend - fast esoterisch wirkende Hinweise auf Koinzidenzen, etwa um die Verortung seines Geburtsdatums in Verbindung mit Nietzsches Tod. (Volk, Soziales wird zu einem, ja zu dem geistigen Körper, in dem der Einzelne sich nur als Ausdruck bewegt.) Denn das ist das nur selten gesehene Problem eines solcherart in die Aktualität (bzw. Aktualisierung, in der auch die Welt-Zeit überwunden wird) hineingelegten Voluntarismus als einziges Initial von Welt als Seiendem. Vereinfacht: Wenn Gott nicht das Sein ist, aus dem das Seiende sein Sein bezieht, in der Teilhabe, bleibt die Verantwortung für Welt überhaupt nur dem Menschen bzw. dem Seienden selbst. Plötzlich aber taucht dann im Menschen die Frage auf, wie sich dieses Seins-Schaffen, dieser "Wille" (Nietzsche, auch Schopenhauer) ohne persönlichen Gott, ohne Auftrag, legitimieren, motivieren läßt.

Die Moderne sieht Heidegger als technizistischen Weg, in dem sich Pseudologik von der je aktualistisch herzustellenden Seinsverbundenheit abhebt, den Menschen vom Sein trennt.

Edith Stein beklagt später einmal an Heidegger, daß diesem nur das absolute Nichts blieb, in dem Hegel nachwirkt, weil er sich konsequent verwahrte, Gott anzunehmen, obwohl vieles an seinem Denken genau darauf hinlief und seine Erfüllung gefunden hätte. Hegel legt ja das Sein/Vernunft/Gott in die Actualitas der Zeit als Geschichte, und nur als Faktisches ist sie Geschichte, im dialektischen Prozeß, in dem sich die reine Vernunft nach und nach ihre reine Gestalt - als schicksalshaft zu nennende Entwicklung zum reinen Sein - sucht und schließlich zur Ruhe kommt. Die Welt entwickelt sich also zur Vollkommenheit. Das griff ja dann Karl Marx auf. Auch ihm wird Geschichte zur unausweichlichen Verhängtheit.

Heidegger folgt darin aber nicht Hegel. Er sieht das faktische Seiende, und nur als faktisches ist es Seiendes, als "verunreinigt". Es ist sehr wohl immer "seinsbedürftig" (zur Poesie, zur Kunst hin entfaltet) - existentialistisch. (In Kierkegard-Buber-Rosenzweig-Ebner, eigentlich in den Augen des VdZ auch über Y Gasset, Dilthey, Misch etc., bis zum Neukantianismus, damals eine breite geistige, sehr deutsche, aber durchaus auch europäische philosophische Bewegung, die sich etwa in der Quantenphysik, die den Abschied von statischen Zuständen des Seienden bedeutete, wie zu bestätigen schien.)

Heidegger trennte, enttäuscht vom damals Beobachteten, in "geistigen" Nationalsozialismus und Vulgär-Nationalsozialismus, den er als genau entgegengerichtet ablehnte. Und in eigentlich demselben Sinn das Judentum ablehnte, das dieser vollen Seinsteilhabe, die nur einem (geschlossenen, rassisch-charakterlich einen) Volk möglich war und an welcher Stufe er Deutschland sah, durch Aufsplitterung dieser Volks-/Geisteseinheit (durch eine Art technizistischer Rückdunkelung der Existenz, wie es ja auch der Vulgär-Nationalsozialismus tat) entgegengesetzt, damit zerstörerisch (und damit anti-deutsch) wirkte.*

Film (1 Stunde): Peter Trawny im Gespräch über die "Schwarzen Hefte" Martin Heideggers.








*Zum wiederholten male ein Hinweis: Der VdZ erlaubt sich, wie auch hier, Weltsichten und Philosophien anderer hier so zu interpretieren, wie er sie versteht, wie er die betreffenden Personen deutet und einordnet. Wer sich über die (wie hier:) Philosophien Einzelner tiefer, oder mit eigendeuterischer Absicht original informieren möchte bleibt angehalten, sie selbst zu lesen. An diesem Ort werden aber Deutungen und Originaltexte bewußt nicht getrennt, sodaß Originalzitate selten mehr sind als Bausteine, mit denen weiter gearbeitet wurde. Wenn doch, wird es je gekennzeichnet. Der VdZ nimmt gar nicht erst in Anspruch, wie hier: Philosophien über seinen subjektiven Rahmen hinaus zu deuten. Unter Bezug auf eine Sichtweise, die einen anderen lebendigen Umgang mit Fremdtexten für gar nicht möglich halten. Denn man sieht immer nur sich.





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Dienstag, 4. November 2014

Über den Sinn des Eigentums am Boden

Viel und immer wieder wird in Österreichs Medien die Behauptung aufgestellt, Ungarn würde österreichische Landwirte, die in Ungarn Boden bewirtschaften, enteignen. Sieht man davon ab, daß die Bereitschaft, Ungarn zu verleumden, nicht nur mit kommunistischen Politkampfmaßnahmen gegen die "rechte" Regierung, sondern auch mit einer Art Privatkrieg vor allem der österreichischen Raiffeisenbank zu tun hat, die über Beteiligungen maßgebliche Medien (Kurier, Presse, Profil, Kleine Zeitung ...) bestimmt und sie als taktisches Mittel einsetzt, weil ihr in Ungarn die Felle davonschwimmen, mit Profiten, deren Moralität man durchaus in Frage stellen könnte, ist an dieser Behauptung nichts wahr. Außer daß einem Rechtsmißbrauch ein Riegel vorgeschoben wurde, der den Sinn der Gesetze, die hier angerufen werden, umgangen hat.

Tatsache ist, daß nach der "Wende" in Ungarn wie in sämtlichen ehedem kommunistischen Staaten Kollektiveigentum zu äußerst niedrigen Preisen an die Bevölkerung "zurückgegeben" wurde. Die konnte aber mit Eigentums-Anteilsscheinen nichts anfangen, und hat sie verkauft. Gekauft haben jene, die Geld (und Kredit) hatten. Betriebe, Fabriken, Häuser, und eben - landwirtschaftliche Flächen. Auf diese Weise sind übrigens die berühmten "Oligarchen" entstanden, denn einige haben es besonders gut verstanden, Eigentum zu sammeln. Das binnen weniger Jahre - weil etwa als Fabriken wieder in Betrieb - wieder viel Geld wert war. 

Auf diese Weise haben bis 1995 auch österreichische Bauern große Flächen in Ungarn erworben. Denn nur ein geringer Prozentsatz der Eigentümer an landwirtschaftlicher Fläche hatte Interesse daran, sich wieder als (kleiner) Landwirt sein Leben zu gestalten. 

Aber dann hat Ungarn reagiert. Und per Gesetz den Verkauf ungarischer Äcker und Weiden an Ausländer untersagt. Das betraf nicht die bereits getätigten Käufe, die blieben gültig, und sind es bis zum heutigen Tag. (Sie sind also von den monierten "Enteignungen" nicht betroffen.)

Doch die findigen Burgenländer und Steirer ließen sich davon nicht beirren. Man fand einen Weg durch die Gründung von ungarischen Gesellschaften, mit einem Ungarn als Eigentümer, und österreichischer Beteiligung als Nutznießer. Der Kaufbetrag wurde nun als "Pacht für 99 Jahre" (die Ersitzungsgrenze, ab 100 Jahren geht ein Gut automatisch in das Eigentum des gewohnheitsmäßigen Nutzers über) auf einmal bezahlt, und in der Praxis änderte sich recht wenig. Investiert wurde nun halt in diese Gesellschaften, deren offizieller Eigentümer aber über Privatverträge entmachtet war. Und sie betrieben auch die Landwirtschaft.

Der Sinn des Gesetzes aber wurde damit unterlaufen. Ungarn hat das nun vor zwei Jahren repariert. Und sämtliche dieser Zivilverträge für null und nichtig erklärt. Da freilich begann den rund 200 österreichischen Bauern der Hut zu brennen. Denn eiderdautz - ihnen gehörte nun gar nichts mehr in Ungarn, und sie hatten auch keine Rechte mehr. Auch was investiert war, fiel an die formalen Eigentümer.

Was aber ist der Sinn eines Gesetzes, das sich auf "Ungarischer Boden den Ungarn" eindampfen läßt? Beginnen wir mit einem Gegenbeispiel: Vor Jahren hielt sich der VdZ längere Zeit im Oderbruch auf, jene Landschaft, die sich Bad Freienwalde nördlich bis an die Oder erstreckt und einst sumpfiges Marschland eines Oderarms war, mit dem Friedrich der Große durch Entwässerung schlagartig ein riesiges landwirtschaftlich nutzbares Gebiet gewann. Und an solchem hatte das damalige Preußen ja bekanntlich Mangel. Nach der Wende 1989/90 wurden auch die dortigen Kolchosen reprivatisiert, mit demselben Ablauf wie in Ungarn: die Bevölkerung der "Industrieproletarier" war kaum mehr interessiert, zu Landwirtschaft zurückzusteigen. Also verkaufte man. Billig. Und diese Gesellschaften wiederum - verpachteten die oft riesigen Flächen, die die Kolchosenwirtschaft hinterlassen hatten. Fährt man heute durch den Oderbruch fallen diese endlosen Felder auf, und auf ihnen - so man Glück hat - einige Traktoren. Mit niederländischen Kennzeichen. Denn was war geschehen? Vor allem kapitalstarke niederländische Gesellschaften haben diese Flächen gepachtet, und nützen sie auf Teufel komm raus, vor allem zur Ölfrucht-Produktion. Also mit Monokulturen. Weil aber die dort ansässige Bevölkerung ihre Arbeit in Berlin oder sonstwo hat, entvölkert sich so eine ganze einstige Kulturlandschaft. Sie wird ausgequetscht wie eine Zitrone, mit Monokulturen, und wenn nichts mehr zu holen ist, die Böden erschöpft sind ... bleiben vermutlich entvölkerte Halbwüsten zurück.

An diesem Beispiel zeigt sich was passiert, wenn ein Staat seine Kulturlandschaften vom Eigentum entkoppelt. Denn nur mit Eigentum, mit der Perspektive, das Land auch für die nächsten Generationen fruchtbar zu halten, und vor allem als Wohn- und Kulturumfeld zu lieben und zu gestalten, bleiben einem Volk auch seine Kulturlandschaften erhalten. Und damit seine Kultur vor der monistischen Verstädterung bewahrt. Zudem ist eine eigentumsbasierte Landwirtschaft noch immer der wahrscheinlichere Garant dafür, daß die Produktion vielfältiger und regional bedarfsorientierter eingerichtet wird. Zwar hat auch in Österreich der "ab Hof-"Verkauf statistisch eine eher geringe Bedeutung, die aber in der alltäglichen Praxis durch reale Auswirkungen äußerst vielfältiger Art (bis hin zur Gebrauchtheit der älteren Generationen - diesen Eindruch etwa hatte der VdZ bei Besuchen auf Bauernmärkten im Mostviertel immer wieder; viele der dortigen Produkte waren von den Omas und Opas hergestellt, oder von diesen dort verkauft), die kaum aufzuzählen einen Wert beweisen, den keine Statistik ausdrücken kann.

Das hat in einem Agrarland wie Ungarn noch verschärfte Auswirkung. Denn immerhin ist in den letzten Jahrzehnten die Agrarproduktion, die immer die eigentliche (und fast einzige) Stärke des Landes war, rasant geschrumpft. Sonstige Industrie gab und gibt es wenig. Die Agrar- und Bodenpolitik der letzten Jahrzehnte zeigt also nicht gerade an, daß sie erfolgreich war. Ungarn begäbe sich sehr hautnaher gestalterischer Möglichkeiten, würde es weiter in dieselbe Richtung gehen wie bisher, wie nach 1989. Und es kann schon ob der Bedeutung der Landwirtschaft im Gesamtgefüge des Landes nicht zulassen, daß nichtungarische Interessen die Verwendung seiner eigentlichsten Resource, des Bodens, bestimmen. Noch vor zwanzig Jahren haben in Ungarn über eine Million Menschen (bei 10 Mio Einwohnern) von und in der Landwirtschaft gelebt. Heute sind es knapp 300.000 - das zeigt die Dimension der Umbrüche.

Boden, der es immer noch ist, von dem jedes Land lebt, auch wenn das heute kaum noch jemand zu begreifen vermag (denn Brot und Käse gibt es in fünfzig Sorten im Supermarkt, dessen Regalinhalte oft tausende Kilometer von ihrem Herstellungsort entfernt hergestellt wurden), ist mehr als bloßer "Nutzen", welchen wiederum ein bestimmtes Bedarfsprofil - statistisch - definiert. Er selbst ist es nämlich, der über seine Form wie seine Gestaltung - als Kulturlandschaft - etwas vorgibt, das man erst als regionale Kultur, als regionalen Lebensstil bezeichnen kann. So, wie die Architektur die Rhythmik der Bewohner eines Gebäudes bestimmt, und über sie die Lebenskraft, die Art der Lebensgestaltung, den Stil sogar, tut dies auch eine Landschaft. Im großen, aber auch im allerkleinsten Bezugsfeld. Wird der Boden enträumlicht, aus seinem Raumgefüge herausgerissen, wird dieser Regionalbezug, diese regionale Position in einem Lebensraum, sogar zum Hindernis. Boden wird zum "Gestell" (Heidegger), zur bloßen technischen Größe.

Auf diese Weise wird ein Land umgeprägt und einseitig in moderne Lebensgeflechte eingebunden, die es ohne diese Lebensgeflechte gar nicht mehr bestehen lassen. Damit aber auch in Krisen abhängiger machen. Was das bedeutet haben wir ja bei der aktuellen Krise seit 2008 erfahren, die den Zentralismus auf eine Weise hypertrophiert hat, die sich vor zwanzig Jahren niemand hätte vorstellen können. Man denke nur an die EZB, die europäische Zentralbank, die sogar in rechtsfreien Raum gestellt wurde, weil sie sonst diese Zentralismusfunktion - ohne die Europa in zahllose Staatsbankrotte gerutscht wäre - gar nicht ausüben könnte.

Einem Staat Unmoralität vorzuwerfen, wenn er diese Rückbindung seines Bodens an seine Bevölkerung nicht auflösen möchte, wie das offensichtlich in Deutschland schon so weit gediehen ist, ist deshalb nur mit Zynismus zu erklären. Dem Wunsch, daß es dem anderen mindestens auch so schlecht gehen solle wie einem, denn Leben, Gemeinwohl ist weit mehr als Finanzwirtschaft und Bruttoinlandsprodukt. Und nur in dieser Geistigkeit kann sich meschliche Freiheit entfalten, zur Kultur. Wohl also jener Politik, die sich dagegen zur Wehr setzt, die Lebenskultur eines Volkes im selben Maß dem Nutzen aufzuopfern, wie es ohnehin bereits so viele getan haben und weiter tun. Die noch die Zusammenhänge zwischen Eigentum und Verantwortung kennt und hoch in Ehren hält.

Es wird gerne und viel vom "Europa der Regionen" geredet. Aber das können nur leere Phrasen sein. Denn wie sich auch an diesem jüngeren Beispiel in Ungarn zeigt, wird alles, was diesem Europa seine Regionen erhalten könnte, systematisch ausgehebelt und in ein politisches Eck gestellt, wo niemand, der sich nur über bestimmte öffentliche Anständigkeitsideologeme definiert, gerne hingreift. Aber dort gehört sie nicht hin. Und es ist mehr als verständlich, wenn ehemalige Ostblockstaaten ihre Bürger vor Dingen schützen, die diese selbst sich gar nie vorstellen konnten, die aber als Auswüchse westlicher Nutzenoptimierung Entwicklungen eingeleitet haben, die von einem Staat, der weiter sehen muß als mancher Bürger, der im täglichen kurzfristigen Nutzendenken feststeckt, teilweise zumindest per Verordnung eingeschränkt werden müssen. Um dem Staat auf lange Frist keine irreparablen Schäden zuzufügen.





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Freitag, 31. Oktober 2014

Staat als Auftrag Gottes

Robert Spaemann erzählt über die erste Predigt des "Löwen von Münster", Kardinal Clemens August von Galen, nach dem Ende der Herrschaft des Hitlerismus 1945. Eure Liebe, so von Galen, hat mich gerettet. Denn es war seine Beliebtheit, die die Nazis davor zurückhielt, ihn, der während der gesamten Nazizeit öffentlich gegen die Tyrannei aufgetreten war, verschwinden zu lassen. Nur aus Vorsicht hielten sie sich in den Schikanen ihm gegenüber also zurück, denn man fürchtete - wie jede Tyrannei - das Volk. 

Was wir aber jetzt erlebt und hinter uns gebracht haben, so Galen damals, die Unfreiheit, die Tyrannei, das Leid (etc.), ist die Strafe für das, was in Deutschland 1919 passiert ist. Als eine Verfassung installiert wurde die da festhielt, daß die Macht vom Volke ausginge.

Das ist aber ein Irrtum, sagt Spaemann, eine menschliche Überhebung. Denn es gehört zum Wesen des Menschen, ein Gemeinschaftswesen zu sein. Gemeinschaft aber kann nur funktionieren, wenn sie hierarchisch gegliedert ist und in einem Punkt, einer Leitung, anhebt wie endet. Wenn etwas aber zum Wesen eines Dings gehört, dann heißt das auch, daß es im Willen Gottes liegt, dieses Wesen zur Erfüllung zu bringen, ihm zu gehorchen. Und damit auch der staatlichen Obrigkeit - dort, wo diese selbst sich begreift als eine Obrigkeit, die göttliche Macht nur repräsentiert und verwaltet. So, wie sich früher die Könige verstanden haben. Dort liegt das Prinzip der Legitimität von Macht, in der Wesensverfaßtheit des Menschen, die damit göttlicher Auftrag wird, liegt der Grund für den Staat als höchster Form menschlicher Gesellschaft.

Was wir jetzt erlebt haben, so von Galen, ist das Resultat, ist, was herauskommt, wenn die Menschen sich selbst zum Urheber ihrer Welt setzen: es mündet unweigerlich in Tyrannei. In dieser Selbstherrlichkeit nämlich spaltet sich das Volk von sich selbst ab, und verliert seine Einheit: Staat und Volk stehen sich damit feindlich gegenüber. Einheit ist nur in Gott möglich, und nur dort liegt auch der Grund für das berechtigte Vertrauen, daß sich auch im Staatsleben letztlich alles zum Guten führt. Denn das Gute ist nur im Willen Gottes, der das Sein ist, verankerbar.

Alles nur menschliche Sinnen und Trachten, sagt Martin Heidegger* einmal in einem erst postum veröffentlichten Interview im Spiegel, führt zu nichts. Nur ein Gott kann uns retten.

Die Welt liegt letztlich nicht in der Hand des Menschen. Denn dessen entscheidende Erfahrung - die man sich so sehr weigert, zur Kenntnis zu nehmen, denn sie hat so weitreichende Konsequenzen - ist nicht Macht und Freiheit, sondern Ohnmacht und Gnade. Die tiefste Erfahrung des Menschen, sagt Carl von Weizsäcker einmal, ist nicht der Mensch, sondern Gott. Nur in Gott ist der Mensch und alles, was er tut und entscheidet, gehalten. Menschsein heißt zur Kenntnis zu nehmen, daß sich der Mensch - jeder einzelne - durch sein eigenes Tun nicht selbst im Sein halten kann. Nur wenn er über sich hinaussteigt, Gottes Willen erfüllt, und in dem Maß, hat er Anteil am Sein.

Insofern also der Staat als Element des Wesens des Menschen gesehen werden muß, das dieses Gemeinschaftswesen Mensch zu seiner höchsten irdischen Präsenz führt, kann und muß er als Wille Gottes aufgefaßt werden. Reißt sich der (institutionelle) Staat aber von Gott los, so fällt er über den Umweg der Hölle ins Nichts.

Gleichermaßen fällt ein Staat (und sein Volk) ins Nichts, wenn er aufhört, sich schöpferisch - in der erwähnten Insecuritas, Ungewißheit - immer neu in die Zukunft zu entwerfen. Je mehr er sich an seinen Bestand klammert, der ein Rückgriff auf das Vorhandene der Vergangenheit ist, desto mehr wird er sich verlieren. Wo aber ein Volk nicht die Kraft hat, sich schöpferisch in obigem Sinn zur Geschichte zu erheben, kann es auch keinen Staat gründen und erhalten, der über bloßen leeren Formalismus hinausgeht, aber zuinnerst gegen das Sein streitet.



*Heidegger hat sich in seinem gesamten Werk bemüht, jeden Gottesbegriff aus seinem Denken herauszuhalten.




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Dienstag, 30. April 2013

Zeit und Welt (2)

Teil 2) Zählbarkeit der Zeit - Quantelung der Zustände




Die technische Zeit - wie in der Uhr - ist die Zahl der Bewegung nach dem früher oder später. Nur insoweit also spricht Aristoteles sogar von der Zeit. Denn die Jetzte sind nicht teilbar, sie sind unendlich. Nur die Begrenzung der Jetzte machte Zeit "zählbar", das ist aber nicht möglich. Dennoch besteht in den Zahlen eine Analogie zur Zeit: Wenn wir 1, 2, 3, 4 ... betrachten, so bedeutet 3, daß 1 und 2 nicht mehr gültig sind. Und so fort. Ist also zwar die Zahl der Jetzte nicht begrenzbar, so bedeutet dennoch eine Zahl den Moment eines einzigen (unfaßbaren) Jetzt, das gültig ist, während alle vorhergehenden Jetzte nicht mehr gelten, weil nicht mehr sind.

Und so kann sehr wohl von einem für die gesamte Welt zutreffenden Gleichzeitigen Jetzt gesprochen werden (anders übrigens, als die Relativitätstheorie sagt.) Denn diese umfassende Jetztigkeit der Welt bezieht sich auf einen jeweils anderen Zustand der Fülle der Dinge. Es ist nur das verschieden, auf das sich diese Zahl bezieht: ihr Seinstand (Conrad-Martius) ist nur je anders. Insofern verhält sich die Zeit analog zur Zahl: auch mit jeder Zahl, die man weiterzählt, versinkt die vorhergehende ins Nichts.

Wenn aber den Dingen die existieren nur Gegenwärtigkeit anhaftet, dann kann es durchaus sein, schreibt Conrad-Martius, daß Anfang und Ende eines Prozesses sich gegenseitig beeinflussen.

Nun ergibt sich aus der Quantenphysik ein interessanter Tatbestand: Auf der Ebene der Elementarteilchen hört die Bestimmbarkeit von Nachher und Vorher, die "Kausalität", auf. Ergebnisse von Prozessen beeinflussen deren Ausgangspunkt, Abläufe drehen sich um.

Während eines letzten Zeitmoments also kann "empirische Zeit" nicht sein. Zeit braucht mindestens zwei solcher Momente. Das eigentlich Zeitliche an der empirischen Zeit muß also das Weiterrücken von Zeit- und Seinsquanten zum jeweils nächsten sein. Diese Momente aber können selbst wiederum nicht als "Zeit" aufgefaßt werden. Zeit konstituiert sich also als raumhafte Verschiedenheit jeweiliger (zeitloser) Jetzte. In dieser raumhaften Verschiedenheit werden diese Jetzte zu ... Zahlen, mittels deren Bewegung, Veränderung und Ruhe der empirischen Welt zeitlich "gezählt" werden.

Natürlich ist dieses "Fortrücken von Zeitquant zu Zeitquant" selber nicht mehr empirisch ausmeßbar, unser emprischer Zeitbegriff bezieht sich ja umgekehrt auf dieses Fortrücken. Diese Quanten selber durchmessen aber keine Zeitstrecke. In ihnen ist die Welt jeweils "neu" da, mit all ihrer Kausalsituation. Diese Quanten wirken also auch nicht direkt "hinüber" auf die nächsten. Wären sie aber "meßbar", so wären sie die "absolute Zeit".

Das beständige Vergehen und Entstehen betrifft die Welt mit allen ihren Kausalbeziehungen nur in Bezug auf ihr Da-sein, nicht in bezug auf irgendwelche inhaltliche Gestaltung. (Hedwig Conrad-Martius, "Die Zeit").

Reale Zeitbewegung begründet also die räumliche Bewegung. Eine empirische räumliche Bewegung durchmißt nur deshalb AUCH Zeit, weil der Bewegungsträger fortlaufend neu ex-istiert. Und nur weil und solange der Bewegungsträger zu je quantenhaft neuem Dasein gelangt, kann räumliche Bewegung sein. Wenn dem Bewegten der Seinsatem ausgeht und er zeitliche Herzschlag aufhört, fällt selbstverständliche auch seine empirische Bewegungsmöglichkeit dahin. Reale Zeitbewegung ist Seinsbewegung, das heißt Bewegung von einem Seinsquant zum anderen, jeweils aber neu geboren. Sie ermöglicht erst naturhafte Bewegung. Und damit auch das Dasein von etwas Ruhendem, das von Zustand zu Zustand seine Ruhendheit erhält. Es verändert nur nicht seine Zustände.

Bewegung aber ist das Wesentliche des Unvollendeten. Käme eine Bewegung wirklich zu ihrer Ruhe, so wäre das Wesen des bewegten Dinges transzendiert. Denn das Erdhafte zum Beispiel zieht zum Erdmittelpunkt. Wenn es das nicht mehr täte, wäre es nicht mehr es selbst - es hätte sein Wesen transzendiert.  






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Montag, 29. April 2013

Zeit und Welt (1)

Nur wenn man die Zeit als die Gegenwärtigkeit des zeitlosen "Jetzt" als jenen Punkt begreift, in dem die Welt aus der Lichtung heraus bzw. ALS Lichtung existiert, um im nächsten Moment in die Nichtung, also ins Nichtsein, überzugehen, kann man sich dem Zeitbegriff ontologisch nähern, schreibt Hedwig Conrad-Martius.

Die Auffassung der Zeit als "Kontinuum", vorgestellt in räumlicher Ausdehnung, ist lediglich transzendental-imaginativ. Vergangenheit, Zukunft sind nur Anschauungsweisen dieses unentwegten, aber an sich diskontinuierlichen, also nicht "notwendig" bleibenden, ontologisch sich auch nicht "aus sich selbst" hervortreibenden Erscheinens der Welt, die nur in dauernder Gegenwärtigkeit ("duré") vorstellbar ist.  Nicht aber als Kontinuum, einer Strecke vergleichbar - eine bloße räumliche Anschauungsweise, als "Verräumlichung" der Zeit also.

Weil dies aber jeweils heißt, daß ein Jetzt-Zustand "definitiv" ist, so muß man sich diese Aufeinanderfolge von Jetzten als "Hüpfen" - von Zustand zu Zustand - vorstellen, ohne hier aber Zeit "dazwischenpacken" zu können. Aber kein Jetzt ist nicht auch ein Etwas, ist nicht quasi "vorläufig einmal noch nichts".

Anders als Heidegger, sieht Conrad-Martius auch die Welt der Objekte nicht in einem solchen Kontinuum, sodaß Heidegger die nichtmenschliche Welt als bloße "Vorhandenheit" definiert, nur der Mensch zwischen diesen Polen Sein/Nichts schwebt. Während der Welt ein vorausgehendes Zeit-Raum-Kontinuum quasi untergelegt wäre. Die gesamte Welt muß vielmehr in dieser gar nie faßbaren Momenthaftigkeit gesehen werden.

Die Veränderung des existentiellen Moments ist es, die das Wesen des Zeitflusses ausmacht. Denn das "Jetzt" kann ja nicht vergehen. Nur seine Räumlichkeit kann sich verändern. Der Moment selbst kann aber an sich keine reale Existenz haben, er ist ein von der Vorstellung nicht faßbarer Einschnitt zwischen Sein und Nichtsein. Der kontinuierliche Zeitfluß ist nichts anderes als räumliche Kinesis. In ihm selber findet sich kein Punkt, an dem eine qualitative Zeitverwandlung (Vergangenheit - Zukunft) festzumachen wäre. Die realen Aktualitätsakte sind existentielle Akte, als Übergehen vom Nein ins Nichtsein, aus dem Sein ins Nichtsein, das aber selber nicht in der Zeit ist und sein kann.

Damit ist aber auch klar, daß diese existierende Welt ein Zeitdasein besitzt. Und damit wird auch ein Ende der Welt denkbar: Nicht IN der Zeit, sondern MIT ihr. Aus dem Ende jenes seinsfundierenden Aktes heraus, der diese Jetzte sein läßt, aus deren Aufeinanderfolge sich Zeit ergibt.





Teil 2 morgen) Zählbarkeit der Zeit - Quantelung der Zustände






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Mittwoch, 13. Februar 2013

Nicht Bildung brauchen wir

Im Geschichtsgang des Denkens hat das Denken das Sein des Seienden verloren, schreibt Gustav Siewerth einmal, und es ist einer seiner zentralen Gedanken. Das philosophische Denken eines gesamten Zeitalters ist damit erloschen oder hat sich verwirrt, weil die Systeme in ihrer logischen Entfaltung sich von der Erhellung des Wirklichen entfernen. Das skeptisch und kraftlos gewordene Denken erschöpft sich im Kommentieren, im Tradieren oder in seinslos gewordener Formalistik

Damit sind wir nicht mehr in der Lage, die Fragestellungen, die sich aus den exakten und empirischen Teilwissenschaften ergeben, philosophisch aufzuhellen.

Denn nicht Bildung tut unserer Zeit not, schreibt Heidegger, sondern denkende Besinnung.




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Montag, 14. März 2011

Das wirkliche Argument

Das wirkliche Argument gegen die Kernkraft liefern nicht die realen Störfälle, nicht Tschernobyl, nicht Harrysburg, und was sonst noch an Unfällen vorfiel, teils ohne daß wir davon wußten. Und auch nicht Japan. Alle diese Katastrophen und Unfälle sind kein Argument, und die Verantwortungslosigkeit bestand auch nicht darin, diese Kraftwerke auf seismisch bedenklichen Stellen zu bauen. Auch die niemals sichere Endlagerung, mit der wir bewußt Teile der Erde unzugängig auf Jahrtausende machen, sind es nicht. Das alles kommt bestenfalls dazu, ist nur eine weitere Seite ein und derselben Medaille.

Das wirkliche Argument gegen die Kernkraft findet sich nur im Rahmen der Stellung des Menschen zur Schöpfung, zur Natur. Das Wesen der Kernkraft ist frevelhaft, das ist der Punkt.

Abstruse Gedanken eines ausgeflippten Blogschreibers? Ich fand Unterstützung (endlich, möchte ich sagen, denn lange Jahre war ich mit diesen Gedanken vermeintlich wirklich allein) bei Martin Heidegger in "Die Technik und die Kehre", und zuvor schon bei G. F. Jünger, und nicht nur diese haben ähnliche Überlegungen angestellt.

Heidegger beschreibt, worum es geht, indem er vom Wesen moderner Technik aufgeht. Diese ist kein Entbergen mehr, sondern sie faßt die Natur als eine einzige Bereitstellung bestimmter Kräfte und Resourcen auf. Ganze Landstriche (bei Flüssen oder Staukraftwerken z. B., ich möchte erweitern: Wind- und Solarkraftwerken) werden ihrer selbst beraubt und zur "Bereitstellung" entwürdigt. Materie, in der Atomkraft, wird nicht als sie selbst, sondern in ihrer Zerstörung als Energiespeicher betrachtet.

Ackerbau wird motorisierte Ernährungsproduktion. Ganze Landschaften werden zu Rohstofflagerstätten. Uran wird zum Lieferanten von Atomenergie, der Frevel ist völlig unabhängig von der Verwendung in "friedlich" oder "zu Kriegszwecken" - es ist immer derselbe Frevel an der Schöpfung. Flüsse werden zu Energiespeichern, werden von der Maschine (Turbine) her definiert. Keine Fischleiter kann hier darüber hinwegtäuschen, daß sein Wesen zerstört bleibt, daß er verschwindet, daß aus dem Fluß ein Kanal wird. So wie Wälder zu Zellstoffreservoirs werden.

Was meine ich, was meinte Heidegger? Ein Beispiel macht es deutlich: "Das bäuerliche Tun fordert den Ackerboden nicht heraus. Im Säen des Korns gibt es die Saat den Wachstumskräften anheim und hütet ihr Gedeihen." Es ist eine Grundhaltung den Dingen gegenüber. Und aus dieser heraus verändert sich das Verhalten der Welt, mit der wir umgehen: wird vom "Untertanmachen der Erde" zum Herabwürdigen der Schöpfung zur "Bestelltheit", die alles umfaßt und auf bestimmte Eigenschaften reduziert.

Die ja nur momentan nützliche Eigenschaften sind, also die Erwartungen nicht einmal aus rein technizistischem Geist heraus erfüllen, weil sie uns mit weiteren und noch größeren ungelösten Problemen zurücklassen, die wir nur aufschieben, wegschieben können! Die Frage der Atommüllagerung ist ja nur eines der plakativsten, bewußtesten davon.

Die Dinge werden ihrer Ganzheiten und ihrer Eingebundenheiten in Ordnungen beraubt, die immer Geheimnis sind und bleiben. Dadurch wird die Natur als Ganzes vernichtet, weil wir die Dinge töten.

Bis wir nur noch von toten Landschaften umgeben sind - und das ist das sicherste Zeichen, wie richtig diese Gedanken liegen, die solche Entwicklung vorhergesagt haben und vorhersagen. Wir machen Teile der Welt zu möglichst ungesehenen Deponien, über die wir oft genug nicht einmal Teppiche breiten, unter die alles gekehrt wird.

Es ist eine Haltung, die allegorisch für ein heutiges Verhalten gesehen werden muß: die Folgen unseres Verhaltens (denn von Handeln will hier bei weitem nicht gesprochen sein) sollen einfach unsichtbar gehalten werden. Und immer mehr unseres Verhaltens überantworten wir fernen, ungesehenen, zukünftigen Landschaften und Perioden, ungelöste Fragen und Probleme die wir schaffen aber nicht lösen können - schieben wir fort, oder auf. Hoffen auf im wahrsten Sinn okkulte Mächte, die eines Tages aufstehen und diese Fragen beantworten. Das ist zum mindesten tiefer Aberglaube. Und betrifft die Ökologie-Bewegungen zum Teil sogar noch mehr als bloße Utilitaristen des Wirtschaftslebens, die dem Ganzen der Dinge gegenüber manchmal noch mehr aufgeschlossen sind, als von ihrer Mission überzeugte halbblinde, aber im schlimmsten Sinn technizistische "Umweltaktivisten".

Aber es ist dasselbe Verhalten, das uns eine Technik anwenden läßt, die keine menschengerechte Technik ist, weil sie nicht mit der Natur arbeitet, sondern die ihre wesentlichen Probleme verborgenen Mächten überantwortet.

Die sich dann und wann spürbarer melden, wie jetzt in Japan, noch geheimnisvoller, noch mächtiger, noch ungelöster und unlösbarer. Mit im wahrsten Sinn des Wortes unvorhersehbaren, aber dennoch: immer schon dunkel geahnten Folgen.

Atomkraft zu nutzen - und es ist höchst verräterisch, wie sehr in diesem Punkt der Materialismus des Kommunismus und der zum Kapitalismus pervertierte freie Markt in eins fallen! - ist keine Errungenschaft positiver menschlicher Forschungskraft, und ist keine "Nutzung" der Natur, die wir ja zerstören, um sie "nutzen" zu können. Sie ist an sich ein Übel - in der Art, wie die Welt betrachtet und benutzt wird. Daß es zu Katastrophen kommt liegt nicht mehr und nicht weniger als in der Natur dieser Sache: ist nur die andere Seite desselben Wesens.

P. S. Um jeden Zweifel zu beseitigen, mit welcher Form von Verantwortungslosigkeit wir els hier zu tun haben, ein Artikel der "Zeit" von Andreas Maier. Der in Form einer Reportage über Gorleben klar macht: es gibt derzeit nicht einmal ein, ja, nicht ein einziges Atomendlager in Deutschland! Alle derzeitigen Lagerstätten sind "Zwischenlager", sind Provisorien. Man weiß momentan nicht einmal, wie man - vorausgesetzt, Gorleben wird vom Gesetzgeber überhaupt genehmigt - die Behälter mit den Uranabfällen in den "Salzstock" (der sie dann für Jahrtausende udn Jahrzehntausende abschirmen soll) hinunterbringt. Was immer also behauptet wird, daß die "Castoren" unterirdisch gelagert werden - es stimmt nicht, es sind Mißverständnisse oder bereitwillig verbreitet Lügen. In Wahrheit lagern derzeit die Atomabfälle in schlichten (grünen) Lagerhallen. Ganz einfach. - Wir lösen (und beileibe nicht nur hier) technische Vorgänge aus, die wir vorgeblich (!) nutzen oder brauchen, die wir nicht einmal ansatzweise im Griff haben. Sondern die - auch also auf diesem Gebiet! - als Gesamthabitus unserer Form von Fortschritt und Wohlstand und Zivilisation in die Ferne, zeitlich oder örtlich, geschoben werden. Kindern gleich, die die Augen schließen, und nun meinen, sie seien verschwunden.

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