Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Münkler (Herfried) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Münkler (Herfried) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 18. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (3)

Teil 3)



Dem absehbaren und längst schon (durch Umvolkung und Verdunstung der kulturellen Hegemonie weil Identität) eingeleiteten Zerfall des "Staates Deutschland" in mehrere oder viele Kleingebiete, Regionen und Einzelidentitäten haftet, wenn man das einmal begreift, somit etwas "Natürliches" an. Etwas, das gar nicht anders kommen konnte, weil es ein ideologisches Konstrukt (wie es diese Staatsgründung 1871) war, das einem je spezifisch verwurzelten Volksgemenge aufgesetzt wurde. Daraus muß folgen, daß sich die Gesamtidentität, die nur durch "große Ereignisse" gefestigt und erhalten werden kann (man denke an die beiden Weltkriege; an die Kriegsführungsnotwendigkeit der USA, etc. etc.), die diesen "Staat" durch Begrenzung quasi je neu "schaffen" (weil er sonst gar nicht im Geist der Menschen bleibt als durch Bewußtheit, immer wieder neu zu errichtende Bewußtheit, und das ist eben die Eigenschaft von Positivismen),  daß sich diese "Staatsidentität" notwendig über gewisse Zeit hin wieder auflösen muß. *

Und genau da stehen wir ja heute! Was die politischen Lage der Gegenwart erst so richtig begreifen hilft. Wo die einen das Festhalten an dieser künstlichen Identität ("Deutschland!") fordern, und die anderen sich dieser Künstlichkeit entledigen wollen. Wenn sie auch kein brauchbares Gegenkonzept haben, zumindest nicht darum wissen. Aber unter dieser Perspektive, unter diesem Blickwinkel, löst sich doch etwas von der Verbitterung auf, die beide Lager angesichts ihrer Gegnerschaft zuweilen befällt.

Die historisch-strategische Entwicklung läuft wie das Werk einer Uhr aber genau darauf zu. Denn man muß tatsächlich von einem Ende der Westfälischen Ordnung sprechen. Die somit aus der Zeit heraus in die philosophischen Strömungen eingefügt erkennbar wird, die die europäische Kulturentwicklung seit dem 17. und 18. Jahrhundert zu bestimmen begann. Wo als Wirkung des Nominalismus des auslaufenden Mittelalters heraus die Weichen in Richtung Aufklärung gestellt waren. In der der Mensch nur noch als "animal raionale" begriffen wurde, als "Verstandes-Tier". Das sich ausschließlich durch sein bewußtes "Denken" (das nun nur noch als Rationalität, als mathematische Operation verstanden wurde) als Mensch definierte, und sich diesem Denken gemäß auch in seiner Verfaßtheit jederzeit und beliebig ändern könne.**

Das öffnete auch in der Politik dem Rationalismus Tür und Tor. Und es kam überall zu positiv postulierten Staaten. Denen aber die Verwurzelung in ethnisch-religiös verbundenen, erst so (bzw. aus der Familie heraus) entstandenen Völkern fehlte. Läßt die Kraft dieser positivistischen Behauptung nach - und das tut sie heute angesichts vielerlei Entwicklungen - dann steigen die Menschen wieder auf diese natürliche Basis zurück. Denn nur sie vermag wirklich durch die Geschichte zu tragen. 

Eine noch weitere, größere, umfassendere Sicht macht es also möglich, auch Münklers kleinen "Fehler" zu überwinden (der wohl in seiner Weltsicht per se angelegt ist). In dem er vielleicht zu sehr die Endpunkte der einzelnen Linien in pragmatische Auslösungen stellt. So wenn er sagt, daß es die fast einzige, auf jeden Fall klügste Lösung war, die marodierende Soldateska, die nichts sonst gelernt hatte als vom Kämpfen zu leben, der Kämpfen Beruf war, in stehende Heere zu verwandeln. Denn diese Heere selbst wiederum waren eine andere Konsequenz. Sie waren die Konsequenz des aufdämmernden Zentralismus, der Verwandlung des Staatsbegriffs überhaupt, wie er letztlich durch Frankreich (als erstem zentralistischem Staat Europas) eingeleitet wurde. 

Und dort war das seit hunderten von Jahren vorgezeichnet und hat mit der Herauslösung aus dem Reich - weltlich wie religiös - zu tun. Es war also bereits im 10. Jahrhundert grundgelegt, und nicht zuletzt als Reaktion auf das, was viele heute als Geburtsstunde Deutschlands bezeichnen - unter Heinrich dem Sachsen. Damit wurde die Reformierung als Römisches Reich, als "Weltreich" bzw. "Welt als Reich", in dem auch Frankreich seinen festen Platz hatte, verspielt. Wiewohl selbst noch Kardinal Richelieu von Paris aus eine Re-Integration versuchte, wenn auch von französisch-selbstischen Motiven begleitet.

Denkt man also Münklers Vortrag bzw. das Fazit, auf das er hinweist, wirklich weiter, dann kommt einem das heutige Geschehen (das bereits läuft oder sich wie vorgeschrieben vorhersagen läßt) auf den Weltbühnen gar nicht mehr so fremd und feindlich vor. Aus diesem Erkennen könnte sogar ein Neubesinnen einsetzen, in dem heraus tatsächlich eine Zukunft deutlich wird, die wir uns schaffen können weil müssen. Denn nur das Aktive, das Sinnbestimmte, das eine Richtung nimmt, lebt und ist. Alles andere zerfällt. Es geht also darum, ob wir sie aktiv gestalten wollen, und uns nicht von allem was da kommt einfachhin überraschen lassen wollen.

Ob Herfried Münkler diese Konsequenzen selbst vorhersieht, die Linien weiter verfolgt hat, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Eher bezweifelt es der VdZ. Aber er zeigt Zeichen an der Wand, die so deutlich sind und so viele weiterführende Schlüsse zulassen, daß wir sie ernst nehmen sollten. Denn nur darauf werden wir aufbauen können. Und nur darin werden wir manche Konflikte der Gegenwart überwinden können. Aber auch nur darin werden wir sie überhaupt als zu führende Konflikte begreifen.








*Als einer der stichhaltigsten Belege für die hier vorgestellte These kann die Tatsache herangezogen werden, daß sich weltweit die Regierungen, das Establishment, kurz alles, was sich als "Kopf" bezeichnen ließe, und das sie durch Schul- und Erziehungseinrichtungen mit Nachschub füllt, von den, was sich an geistigen Bewegungen im jeweiligen Volk abspielt, vom gesunden Menschenverstand also, fast vollständig getrennt ist. Ja, diesem diametral entgegensteht. So daß Politik immer mehr nur noch "verhängt", anordnet, sogar heimlich anordnet und die wahren Ziele verschleiert, um den Volkszorn nicht zu sehr aufkommen zu lassen.  Oder das Volk mit dem Schein von Anhörung täuscht (wie durch gelegentliche Anlaßgesetzgebung oder Volksabstimmungen). Während es seine Macht, die es immer natürlich hat, skrupellos benutzt, um den Volksgeist "im Namen des Guten", das nur sie erkennt, zu manipulieren. Nicht zuletzt über den Sprachgebrauch. 

Das zeigt am eindringlichsten, daß die institutionalisierten Staaten und ihre Institutionen nur noch der fiktiven Behauptung und dem Erhalt des nominellen Staatsgebildes dienen, nicht mehr seine eigentliche Gesundheit weil selbstverständliche Einheit aus Volk und Staat hat. Diese Eigenart der Politik ist besonders deutlich eben in Staaten zu erkennen, deren Bestand eine rein positivistische Behauptung ist. Deutschland etwa. Oder die USA. Österreich nicht weniger. In diesen Ländern ist auch der öffentliche Disput ganz besonders eingeschränkt, unfrei und Objekt von Steuerungsversuchen. 

Das ist nicht zu verwechseln (wenn auch nicht ganz leicht zu unterscheiden) mit dem legitimen Bedürfnis einer homogenen Volk-Staat-Einheit, in der die Mehrheitsanschauung im Sinne einer Kultureinheit bestimmte öffentliche und destruktive Meinungsdarstellungen (nicht Meinungen selbst! dafür braucht es immer einen Raum, wo alles, wirklich alles möglich ist, und sei es als Karneval) verhindern möchte. Deshalb ist in unseren seiner Grundlagen fremden Staaten die Forderung nach Meinungsfreiheit innerhalb eines gleichbleiben sollenden Gefüges ein zweischneidiges Schwert, das ist vielen gar nicht klar.

**Kurz gesagt: Unsere europäisch-abendländische Kultur fand im Mittelalter seinen Höhepunkt. Um dann, nach Rückzugsgefechten, Erhaltungskämpfen und Selbstbehauptungsversuchen im Spätmittelalter, ab der Renaissance einen sich mehr und mehr beschleunigenden Abwärtskurs einzuschlagen, in dem sie sich immer mehr zu verfehlen begann. Bis wir uns heute völlig verfehlen. Dann aber muß eine Kultur definitiv zerfallen. Der Westphälische Friede hat somit auf einer Lawine, die bereits talwärts rutscht, noch einmal eine Kulisse zu errichten versucht. Aber es war gar kein Gebäude mehr, denn auf rutschendem Fundament läßt sich nichts mehr errichten. Es war nur "Zeitgewinn".






*161018*

Samstag, 17. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (2)

Teil 2)



Zurück aber zu Münkler, zurück zu seinem Vortrag und seinem Zeigen von vier Grundlinien, die das Geschehen, das wir 30jährigen Krieg nennen, trugen und vielfach verstehen lassen. Da ist einmal die staatlich-konstitutionelle Ebene, in der das Kaiserreich seine Souveränität nicht angezweifelt lassen konnte, wie es die Böhmen (und die Niederländer) taten. Denn damals wie heute ist die Reputation eines Staates wichtigstes Instrument in der Außenpolitik, und damit im Eigensein eines Landes. Denn jedes Land findet sich ja in einem größeren geographischen Raum wieder, mit Ländern und Völkern und Interessen, mit denen er wechselwirkt. Zeigt ein Land Schwäche, kann es seine Interessen in diesem Raum nicht mehr ausreichend wahrnehmen, so daß die Entwicklung im Volksleben (kulturell, wirtschaftlich) leidet.

Dann ist da die logistisch-wirtschaftliche Ebene, die den Verlauf des Krieges so wesentlich bestimmte. Und in der die Eskalation der Kriegshandlungen davon getragen war, daß von überall her Geld und Soldaten kamen, die die Konflikte erst möglich machten, dann nährten, und immer wieder neu entfachten. Bis sich ausländische Mächte (Schweden, Frankreich) direkt weil militärisch einmischten. Vieles am Verhalten Wallensteins ist daraus erklärbar: Er steckte in einem Dilemma. Wirklich zu gewinnen war dieser Krieg nicht, er war ein Krieg der Erschöpfung, in dem er gar nicht gewinnen konnte. Er selbst wollte ihn zunehmend nicht, aber er mußte ihn (wie eine Pachtpflicht) führen, weil er sonst ins wirtschaftliche Nichts gefallen wäre.

Dann gibt es die konfessionelle Ebene. Aber die spielt in gewisser Weise nur eine untergeordnete Rolle, auch wenn viele den 30jährigen Krieg als "Religionskrieg" darstellen wollen, vornehmlich, um dem Christentum und noch mehr dem Katholizismus am Zeug zu flicken. Diese Frage war rein politisch gesehen aber eher Unterfutter als Motiv, wenn darin auch nicht unbedeutend. (Man sieht es am deutlichsten am Verhalten des Sachsenkönigs.)

Am ehesten trug diese Frage noch zur Schärfe jenes Konflikts bei, den Kaiser Ferdinand durch Verschiebung des Kurfürstentitels der Pfalz zum Bayrischen Herzog hin riskierte. Den er wiederum aus militärischen Gründen brauchte. Damit aber verschob sich das Gewicht unter den Kurfürsten, die ja den Kaiser wählten, zugunsten der Katholiken.

In diesen Fragen zeichnet sich bereits die Frage um die Natur der Herrschaft ab, die dann in den Absolutismus mündete. Wie er in Frankreich vorbildlich (gewissermaßen) für den Rest Europas wurde. (Schon aus diesem Grund ist das Studium von Ludwig XIV. - mit seinem Kanzler Richelieu ("Könige herrschen, Regierungen regieren") so interessant, der in vielem an den Stauferkaiser Friedrich II. anknüpft, ohne es zu wissen. Sie endete auch in Österreich im Absolutismus der Aufklärung, endgültig in Maria Theresia und ihrem Sohnes Josef II. Sie schufen ein künstliches Österreich. Was sonst hätte 1918 zerfallen können?

Es ist alles also viel grundsätzlicher, als es scheinen mag, die Fragen sind (bis heute) dieselben. Und kamen in der Geschichte Bayerns, als Beispiel, unter Ludwig II. zu tragischer neuer Bedeutung. Weil gerade an diesem entscheidenden Punkt eines neu entworfenen Bismarck'schen "Deutschen Reiches" als "Deutschland". Das aber nur nebenbei. Der Leser möge damit angeregt sein nur nicht glauben, daß diese Herren alle "auf der Nudelsuppe daher geschwommen" kamen. Die wußten schon, welche Bedeutung ihre Fragen hatten. Wissen wir das aber heute noch? Der VdZ meint - nein. Wir sind ein völlig ahnungsloses Zeitalter, ja - ein extrem dummes, vertrotteltes Zeitalter.)
Dann gibt es die europäische Ebene, wo es vielen Mitspielern um Position wie Selbstbehauptung in Europa ging. Den Franzosen, den Spaniern, den Habsburger Kaisern, den Schweden, den Engländern, den Niederländern ... Ja sogar die Türken spielten eine bedeutende Rolle, weil deren Kriege im Osten erst ein so intensives Engagement der Habsburger in Böhmen ermöglichten, weil Truppen im Südosten nicht mehr notwendig waren. Als sich das änderte, die Türken sich wieder dem Balkan zuwandten, hatte das die umgekehrte Wirkung - und trug 1648 zur Bereitschaft bei, Frieden zu schließen. Und die Russen, die Balten, die Polen, weil sie die Schweden in eine gefährliche Situation brachten, in diesem Raum ein Machtvakuum entstanden war, in das Kräfte drängten, mit demselben Effekt wie bei den Habsburgern.

Und dann ist da natürlich noch die rein militärisch-strategische und taktische Seite, die die übrigen Geschehen ebenso maßgeblich bestimmte. Die Art zu kämpfen, die Überlegungen der Feldherren und deren Bedeutung im Schlachtengeschehen, die Militärtechnik und ihre Konsequenzen, die Natur von Soldaten als Söldner, die den Großteil aller Heere ausmachten, was viele Konsequenzen nach sich zog, sich nicht zuletzt entscheidend auf die Länge des Krieges auswirkte, weil sie ihren Broterwerb nicht aufgeben wollten. Alles wieder mit seinen logistisch-wirtschaftlichen Seiten.*

Alle diese Ebenen wirken in- und nebeneinander, sind unaufflechtbar verwoben, eines bedingt das andere. Münklers Darstellung ist deshalb auch so erhellend. Weil er bereit ist, alle diese Bereiche zu überschreiten, und auf die Einflüsse der anderen hin aufzubrechen. So werden interessante Details, die er schildert - so wie Taktik konventioneller Heere, auf den Schlachtfeldern zu kämpfen - nicht zu Ablenkungen, sondern zu Illustrationen. Aus seinen Ansätzen heraus wird das Einzelgeschehen jeweils verständlich, oder viel verständlicher, und man hat am Ende des Vortrags das Gefühl, endlich das Gesamtgeschehen in seinen Dimensionen und seiner historischen Bedeutung hinlänglich zu erfassen.

Sogar die Problematik von "Deutschland" wird greifbar, um das heute so viel kreist. Wie es in der Reaktion des späten 18. Jahrhunderts begann (wo erst der 30jährige Krieg zum "deutschen Krieg" erklärt wurde). Als sich nach und nach diese "Nation" als Staat in Vorahnungen und spätromantischen Sehnsüchten abzeichnet. Obwohl es nie eine solche Identität real gab, nie ein solches "deutsches Volk" gab; sondern eben immer nur spezifische, regionale, kleinräumige Identitäten und damit staatsbildenden immanenten (!) Willen weil dessen immanente, natürliche Voraussetzung. (Erst dann wird ja Staat zur Kulturstufe, und nicht zum Diktat, notwendig zum nur noch zweitwirklich, propagandistisch zu stützenden Korpus eines Zentralismus.)

Wir gehen auf diesen Punkt, den wir hier schon öfter behandelt haben, deshalb näher ein, weil man aus dem Begreifen des 30jährigen Krieges sicher auch besser begreift, warum der VdZ immer davon spricht, daß die Ereignisse von 1871 (wo Deutschland als Staat - wenn man es auch Reich nannte, was aber eher nur noch Camouflage war, um Zustimmung bei allen Einzelstaaten formell zu rechtfertigen - entstand) eine Fehlgeburt war, die scheitern mußte. Und heute dabei ist, zu zerfallen.

Das Geschehen auch in der Gegenwart wird somit in vielerlei Hinsicht vielleicht auch dem Leser begreifbarer. Weil wir ständig mit politischem Geschehen konfrontiert sind, das man nur als "Auflösung des Staates und des Rechts" bezeichnen könnte. Eine solche Entwicklung läßt sich (der Leser sei an die vor kurzem hier beschriebenen Thesen des amerikanischen Militärhistorikers William S. Lind erinnert) somit historisch-zeitlich bestimmen: Sie begann 1648, und endet ... im Heute. Da endet ein aus Irrtümern, die in der Zeit lagen und uns bis heute bestimmen, fehlgeschlagenes Experiment. Es endet die Aufklärung als deren letzte weil mortale Phase.**


Morgen Teil 3)



*Ein Detail, an das man sonst kaum denkt: Es gab nämlich auch Profiteure, die in dieser Zeit aufblühten und reich wurden. Hamburg als logistisches Zentrum etwa. Oder Städte wie Nürnberg, Steyr, Waidhofen/Ybbs, die Waffenschmieden waren. Nicht zuletzt wurde Wallensteins Nordböhmen und -mähren reich, weil es Lebensmittel liefern konnte, was den Schweden freilich nicht verborgen blieb.

**Robert Spaemann zeigt in seinem großartigen Buch über Rousseau, wie der heutige Mensch in allen seinen Regungen, Denk- und Lebensweisen sich in diesem Gipfelpunkt der Aufklärung bereits vorfindet, daß man nur verblüfft sein kann. Auch das ist ein Hinweis darauf, daß wir heute nur die Vollendung der Aufklärung sind, diese also heute ihre Verwirklichung erlebt.





*161018*

Freitag, 16. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (1)

Die meisten Monographien zum 30jährigen Krieg 1618 bis 1648 machen den Fehler, daß sie der Versuchung unterliegen, sich den zahllosen Details und Einzelgeschehen zu sehr zu widmen. So daß es schwierig ist, sich daraus so etwas wie ein "Verstehen des Ganzen" zu bilden. Man sieht meist den Wald vor lauter Bäumen nicht, und kaum jemand vermag jene tiefsten Kräfte zu orten, die das Ganze dennoch bestimmen. 

Herfried Münkler macht diesen Fehler in diesem Vortrag nicht.* Stattdessen wählt er vier große Hintergrundlinien, aus welcher Beschränkung heraus vieles Einzelne verstehbar wird. Und darin verdient er Anerkennung - denn er schafft es durch seine Auswahl bis zu einer gewissen Tiefe der Gesamtgeschehnisse. Es geht freilich noch tiefer, Münklers Funde lassen sich in einen noch größeren Rahmen stellen, dazu später.

In einem Krieg, den Münkler in zwei Phasen teilt, wo die eine Strategie (die Suche nach Entscheidungsschlachten) versagte, woraufhin der maßlose und erst wirklich verheerende Krieg anschloß, wie er unser Bild davon bestimmt. In dem eine marodierende Soldateska, der Krieg einziger Erwerbszweig war, zu überleben suchte und aus einem politischen Krieg ein Krieg gegen die Bevölkerung wurde. Denn spätestens nach dem Tod von Wallenstein und Gustav Adolf 1634 löste sich die Ordnung der militärischen Operationen weil Heere weitgehend auf, und diese zerfielen. Größere Schlachten gab es dann kaum noch. Aber dazu trugen auch die taktischen Entwicklungen bei. Wie gesagt - die Ebenen hängen alle eng zusammen.

Genau in diesem Punkt zieht Münkler eine wirklich interessante Parallele. Denn darin zeigt er indirekt, daß die Entwicklung seither (um die sich der Wiener Kongress 1814/15 noch einmal so intensiv bemüht hatte, so daß er sie längere Zeit aufhalten konnte) ein grundsätzlicher Irrtum war. Denn genau das hat sich 1943 vollendet, das man deshalb als das Ende dieser Art von Kriegsauffassung bezeichnen kann, die 1648 formiert wurde. Da war Stalingrad einerseits als das Ende des Glaubens an Entscheidungsschlachten (in Kursk 1944 noch einmal versucht, aber das war nur noch ein verzweifelter Versuch), und mit dem Beginn des Bombenterrors der Alliierten anderseits. Seither herrscht so etwas wie Schockstarre.

Diese mittlerweile allen bewußte Tatsache - daß sich jeder Krieg unter Staaten zum Krieg einer marodierenden Soldateska gegen die Bevölkerungen ausweitet - bestimmte allmählich das politische Denken seither. Und in der Gegenwart werden bereits gar keine Kriege mehr gefochten. Stattdessen findet ein Kampf gegen bestimmte Personen und Gruppen statt. Siehe Cyberwar. Siehe Drohnen. Siehe die immer noch nicht ausreichend rezipierte psychologische Kriegsführung, die den "harten Krieg" weitgehend schon völlig ersetzt hat. Denn heute fallen Staaten und entscheiden sich Kriege durch gezielte Zersetzung ihrer inneren Ordnung, und werden durch den Selbstmord der Feinde gewonnen.



 Morgen Teil 2)




*Was umso erstaunlicher ist, als so mancher Herfried Münkler nicht so sehr unter die großen "Deuter", sondern eher unter die "Vielwisser" eingeordnet haben mag. Darin dem österreichischen Historiker Manfred Rauchensteiner recht ähnlich - und das scheint überhaupt eine Tendenz der gegenwärtigen Historischen Wissenschaft zu sein - der in seinem Monumentalwerk zum Ersten Weltkrieg Detail um Detail aneinanderreiht, 1300 Seiten lang, um nur in einem einzigen Kapitel - dem über den Ostkrieg mit Rußland - zu einem Punkt zu kommen, der ordnet. Sonst nur archivarisch tätig ist. 

Diese reine Aneinanderreihung von (immer damit willkürlich sein müssenden) Tatsachen hat zwar auch seinen Wert, aber sie ist in den Augen des VdZ für einen Historiker - und schon gar für einen Leser - nicht ausreichend und eine rationalistische Berufsverfehlung. Der VdZ kannte Münkler bisher nur unter dergestalten Herangehensweisen, und dessen Aussagen zum Ersten Weltkrieg, die der VdZ kennt, sind entsprechend aussagelos. Aussagelos wie die Bücher von Rauchensteiner. Aber gut, das ist ein Merkmal des heutigen Mißverständnisses von Wissenschaften: Viel - von nichts. Münkler hat diese Impotenz aber in diesem Vortrag durchbrochen. Wenn auch nicht zu Ende geführt.

Es zeigt sich hier wohl, was jedem einsichtig ist: WAS man tut, hängt direkt mit den Anforderungen zusammen, also mit dem Beziehungsfeld, dem Rahmen. Er erst gibt das Wesen vor, er erst (im Faktischen) bedingt seine Wirklichung und damit WELT. Eine derart lächerliche, kastrierte Gesellschaft, wie wir es in allen Bereichen sind, wird deshalb nur Kiki und Lulus zur Antwort bekommen. Der Spiegel wirft diesmal wirklich nur das Gespiegelte zurück. Münkler hatte hier offenbar Glück, der Vortrag ist in den Augen des VdZ seine bislang beste Leistung. Die vielen sonstigen seiner Äußerungen, wie sie in Buchform oder im Netz abzurufen sind, sind belanglos und irrelevant, sind nur Datumfülle, ohne je zum Faktum zu werden. Denn das wird ein Datum nur durch Sinn.





*161018*

Donnerstag, 15. November 2018

Die Schatten des Wirklichen in der deutschen Gegenwart (0)

Vorwort




Was wir heute erleben wird nicht ausreichend unterschieden und deshalb nicht richtig eingeordnet, somit nicht richtig beurteilt. Wir erleben nicht einen "Zerfall der Staaten", so daß sich eine supranationale Ebene als Quasi-Staat einrichten ließe. In Wahrheit zerfallen Staaten nicht - denn es zerfallen auch nicht die Völker, die immanent, also in sich den irgendwann irgendwie auch explizit gemachten Staat errichten und bedeuten.

Was wir heute erleben ist somit, daß jene Staaten als Staatsgebilde zerfallen, an Selbstschwäche und mangelndem Behauptungswillen sterben und sich fremden, feindlichen Einflüssen gegenüber nicht zu wehren vermögen, die gar kein Staatsvolk zur Grundlage haben. Die nur "Bevölkerungen", also "anwesende Menschen" haben. Die also gar keine natürlichen Emanationen sind. Sondern die rationalistisch behauptet und als Behauptung gegründet wurden. 

Staaten, die ein authentisches Volk zur Grundlage haben, zerfallen nämlich mitnichten. Und ihnen fehlt es auch nicht am Selbstbehauptungswillen. Man möge nur die Ungarn hernehmen, auch wenn das ein Beispiel mit Schatten ist (denn der Positivismus des Calvinismus hat in Ungarn viel Terrain). Somit werden manche europäische Staaten - und es sind vornehmlich jene, die die geistigen Fehlentwicklungen der Neuzeit am intensivsten mitgemacht haben - tatsächlich zerfallen. Und nur jene werden "bestehen" bleiben, zumindest auf gewisse Zeit und als formale Konstrukte, die sich zu Diktaturen und Totalitarismen entwickeln. 

Ihnen werden die "Natur-Staaten" gegenüberstehen, egal wie groß oder klein sie sein mögen. Nur in ihnen kann es noch Kultur und Freiheit und Menschenwürde und ein Recht geben, das nicht zu "Gesetzen" verdörrt ist. Und nur dort kann es auch Religion weil Kult und Ritus geben.

Wir erleben deshalb heute das Ende eines Positivismus, der da in geistiger Verirrung meinte, der Mensch wäre in der Lage, Substantielles durch bloßen eigenen, rationalistischen Willensentschluß zu schaffen. Der da meint, es gäbe ein Sein außerhalb des Seins, nur aus dem Menschen heraus. Das wird immer Schein bleiben. Und es zu behaupten ist alles, was der Mensch vermag. Aber irgendwann wird es ihm aus den Fingern gleiten. Irgendwann, weil er nie verstand, die Historie richtig zu lesen. Und verabsäumte, all die Kriege, Konflikte, Verwirrungen und Unbill als Krankheitssymptome eines Scheingebildes zu verstehen.

Was wir heute erleben, ist deshalb der Konflikt von Todesangst und Todessehnsucht, ist Sterbeschmerz und Flucht davor. Die Geburtsschmerzen, die sich da hinein mischen, und die wir freudig-bangend begrüßen sollten, die sehen wir aber nicht. Und deshalb sehen wir auch nicht, wo Furcht und Schmerz nur das Zerfallen und Loslassen eines Scheins bedeuten, in den hinein wir uns trotzig-angstvoll gegründet haben.


Morgen Teil 1)




*161018*