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Montag, 26. Dezember 2022

Transeamus usque Bethlehem! (2)

Die Zeit heilt keine Wunden. Sie läßt sie sogar erst aufbrechen weil sie jeden Versuch, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit zu schaffen, als das ausblühen läßt, was es ist. - Man sagt, daß die Zeit alle Wunden heile. Als wäre das so einfach wahr! Hier hat sich vieles sogar wieder gedreht, das meinte nicht nur die Glatzerin vom Hotel am alten Preußischen Tor. Das rund um die Brücke eine Bieleumbauung bietet, die mehr an echter Romantik hat, als sich Filmregisseure je vorstellen konnten. Da unten meint man jeden Augenblick die Heidelinde zu sehen, die die Wäsche im Fluß spült, und da drüben den ollen Heinmück, der mit zerfleddertem Hut und löchrigen, hochgekrempelten Hosen einen Weißfisch im Flachwasser zu fangen versucht. Heute jedenfalls hat man denn auch wirklich den Eindruck, daß man sich allmählich wagt, das Deutsche zu hassen, das mit den nun so freizügig möglichen Besuchern (wir kannten aber damals noch nicht Corona; dieser Seitenhieb muß sein) daherkommt, als wäre er hier mehr zu Hause als ... ja, als was, als wer? Das Dumme ist nämlich, daß das tatsächlich so sein könnte. Aber wer würde das noch je zugeben wollen, der nicht in Gefahr geraten wollte, zum Revisionisten und Neo-Nazi gestempelt zu werden?

Die jungen Polen wollen davon aber aus anderen Gründen nichts mehr wissen, ja die kennen es gar nicht mehr. Die sind also an Nazi-Etiketten und den alten Deutschen überhaupt nicht mehr interessiert.

Sonntag, 25. Dezember 2022

Transeamus usque Bethlehem! (1)

War ich ergriffen, als ich nach Eisersdorf an der Biele kam, das heute Zselezno (stimmhaft gesprochen, ist das "Schelesno") geheißen wird? Es liegt in einer unglaublich üppig wirkenden, tiefgrünen, aber nicht sehr gepflegten Senke nahe Glatz an der (kleinen, der Grafschafter) Neiße, das in selber Transponierung Klotzko (sprich hier "Gwotzko") genannt wird.

Ich war viel nüchterner, fast kalt im Inneren, als ich im Sommer 2016 vor der schlichten und in seinen Anfängen weil vom Baukorpus her erkennbar gotischen, nun in frischem Geld des Spätbarocks gehüllten Dorfkirche stand. Die ich von den Erzählungen der Mutter her inhaltlich, von alten kleinen Schwarz-Weiß-Photographien (mit diesem ausgefransten Rand, Sie kennen das) kennen sollte. Aber wie anders wirkte nun alles. 

Auf den Bildern hatte sie nie so wenig barockisiert gewirkt. Diese Neigung zum Kitsch, die auf die heutigen Menschen hatte warten müssen, war typisch. Und erst im späten 18. Jahrhundert über das Alte gelegt worden, als der olle Fritz den bekannt starrköpfigen Glatzern den Glauben lassen mußte.

Freitag, 21. Januar 2022

Als die Gottesmutter den 3. Weltkrieg verhinderte (2)

Das Leben ein Traum. Im Zwielicht der Welten bereitete sich die Apokalypse vor. - Aber selbst für Sonderformen der menschlichen Existenz wie der Form des Dichters, in der die welthaften Konsequenzen von Taten nicht ins existentielle Gewicht fallen (sollten), ist es nicht leicht, mit dieser Gesamtheit, in der das eigene Leben zum Traumgeschehen wird, umzugehen. Denn irgendwie muß man ja auch als Dichter seine Brötchen verdienen, seine Wäsche waschen, den Boden wischen, einkaufen (und dabei mit dem Geld auskommen), und sein tägliches Pörkölt bzw. Gulyas kochen, um zu essen. Und dabei nicht krank werden.

Selbst für diese Existenzformen ist es also nicht leicht, alles zuzulassen. Aber in diesem Sinne möchte ich für die Jahre ab er Matura 1980, speziell aber dann die intensiven Jahre von 1983 bis Frühsommer 1985 eine Stimmung erwähnen, die sich vor allem 1984 immer mehr verdichtete, um dann, bereits 1985, auf seltsame Weise wieder zu verwehen. Jenem Jahr, in dem ich, losgelassen von dieser Stimmung, auf eine Art ausgespuckt wurde. Und schließlich - auch, um die innere Spannung dieses Zwischenzsutands zu beenden - in einer Momentsentscheidung den Entschluß faßte, eine Baufirma zu gründen, den ich dann energisch umsetzte, all diesen erwähnten Unwägbarkeiten eines höchst fragilen Lebens also den Laufpaß gab, und "in Übernahme der Verantwortung" zum Weltmenschen wurde. 

Aber diese Gestimmtheit war ohnehin schwer durchzutragen. Denn sie war von einem ungemein dichten und immer dichter werdenden Gefühl einer nahenden Apokalypse geprägt. So bin ich einer religiösen Gemeinschaft beigetreten, die nicht zuletzt dafür den Rosenkranz betete, um die Gottesmutter zu bestürmen, sie möge auf Ihren Sohn, den Weltenrichter, einwirken, um den Schrecken der Apokalypse als Ende der Welt abzuwehren, den Menschen somit (allem Übel zum Trotz) noch Zeit zu geben.

Es ist aber etwas Seltsames mit solchen Gebetsanliegen.

Sonntag, 4. September 2016

Als Welt und Natur eins war

Der VdZ war einigermaßen überrascht, als er von Polen kommend in Usti nad Orlici den Anschlußzug nach Ceska Trebova suchte, und vom Schaffner (einer überaus charmanten, blonden Tschechin) auf ein Gleis hingewiesen wurde, wo eine ... schmauchende Dampflok samt angehängten alten Waggons stand. Offenbar als kleines Wochenendzuckerl, hatte die tschechische Bahn diese 8 oder 10 Kilometer auf ganz andere Art zurückzulegen "geschenkt", denn was oft viel Geld kostet, war hier kostenlos und einfach eine nette Überraschung. Denn bei dieser kurzen Strecke war auch der allfällige Zeitverlust für den Anschlußzug in Ceska Trobova kein Problem, der VdZ konnte sich also ganz dem Erlebnis dieser Art der Beförderung hingeben. Was ihm ja noch in der Kindheit in den 1960ern in Österreich recht normales Geschehen war, er erinnert sich gerne an die male, wo mit Plateauwaggons und Damplok die Kaiser Elisabeth-Bahn Richtung Selzthal dampfte, ja einmal weiß er sogar noch von einer Damplokfahrt nach St. Pölten, obwohl die Westbahn damals schon elektrifiziert war. 

Zwei Dinge aber sind ihm aufgefallen, und zwar wirklich auf- weil zu-gefallen, er hat sie an der Wirkung stark und überraschend erlebt. Das eine war, daß die Fahrt mit dieser Dampfbahn so ruhig und beherrscht (dabei gar nicht so viel langsamer) vor sich ging, daß er in Ceska Trebova fast entspannt aus dem Zug stieg, trotz der schwierigen Handhabung der Koffer, denn diese alten Waggons der Marke "Holzklasse" sind doch deutlich enger als heutiger Standard es kennt. Man reiste wohl früher nicht mit so monströsen Koffern wie man es heute tut, oder man hatte Gepäckträger (auch an die kann sich der VdZ noch erinnern), die die Koffer bis ins Abteil trugen (und holten) und solches Umsteigen für den Fahrgast selbst weitgehend streßfrei hielten. Das war auch nicht das Gefühl, etwas "besonderes" zu erleben, es hatte einfach mit der direkt erlebbaren Beförderung zu tun. Dem Beschleunigen, dem Bremsen, irgendetwas ließ einen nie den Kontakt mit dem Boden, dem Raum verlieren. Und das macht sehr sehr ruhig. 

Gleich anschließend im hochmodernen, ja hypermodernen RailJet, der mit 160 Stundenkilometern fast "schwebt", erlebte er den Unterschied: in diesen klimaanlagengeregelten, hydraulische-Türen-hermetisierten Zellen war er wie in einer "Blase", und sie war keineswegs "angenehm", sie war als hätte man mit der Welt nichts zu tun. So ungefähr muß das alles zusammenhängen, den der VdZ achtete nicht darauf, was er "erleben würde", dazu war er viel zu sehr mit den Anschlußterminen und Zeitkalkulationen beschäftigt, sondern das Erleben war so deutlich, daß es von selbst ins Bewußtsein stieg. 

Aber noch etwas erlebte er, genauso beeindruckend, genauso ungesucht: Die Fenster der Waggons waren offen, denn es war ein heißer, ja drückend schwüler Sommertag gewesen, und die Fahrgäste waren meist hinausgelehnt, auch um in Kurven einen Blick von der Dampflok zu erhaschen. Deshalb aber drang auch immer wieder der Rauch aus den Kesselfeuern ins Wageninnere. Und da war der VdZ überrascht. Nicht nur, daß er sich an diesen Rauch so gut erinnerte, der im Winter auch über der Siedlung hing, in der er aufwuchs - Rauch aus Kohlefeuern. Er war überraschte, weil dieser Rauch fast ... angenehm roch. Er war wie ein klar definiertes und definierbares Gegenüber, ein Ding, das man meiden oder suchen konnte. Der Geruch, die Art damit umzugehen, alles an diesem Verbrennungsprodukt war natürlich, normal, und man konnte es fast lieben. Nichts daran war aggressiv oder unsympathisch. Alles war Natur, natürlich, und Teil der Natur. Der VdZ, die Dampflok, der Rauch aus den Kesselfeuern, die Art der Bewegung.*

Und das, dachte er, soll also das sein, was die Welt zerstört? Nein, niemals konnte er das je glauben, und noch weniger nach diesem Samstag in der Tschechei, im Dampfzug von Usti nad Orlici nach Ceska Trebova, welches Fahrerlebnis die tschechische Bahn spendiert hatte. Aber um das zu begreifen muß man wohl noch so handfest und vernunftbereit wie die Tschechen sein, die noch wissen, was schön ist. Und die noch viel besser als wir wissen, daß schön auch gut ist. Und die wissen, wie es sich herstellen läßt, das Schöne. Natur, Welt, Kultur, Mensch, Technik - Welt, Natur, Kultur, Mensch Technik, es war eins an diesem Tag, und es war wohl immer so gemeint.

Tomas Halik mag schon recht haben, wenn er schreibt, daß der offiziell extrem weit verbreitete Atheismus der Tschechen in Wahrheit gar kein Atheismus ist. Er ist vielmehr die aus großer Ernüchterung erwachsene Skepsis als Suche nach dem Vernunftgrund der Welt, und dies ist der eigentliche Boden, auf dem auch Gott wandelt und west. Das ist auch der Grund, und es scheint sehr plausibel, daß Halik nicht glaubt, daß die Tschechei in ihrem Wesengrund atheistisch geworden ist - die Tschechen suchen nur Gott auf eine wahrere, richtigere, wahrhaftigere Art als der Westen, der mitten in Illusionen steckt und fatalerweise meint, er habe ihn bereits gefunden, wenn nicht mehr: er sei Gott.

Das ist auch der Grund, warum die Tschechen (ja, mehr oder weniger der gesamte ehemalige "Ostblock") den Weltrettungswahn des Westens viel weniger mitmachen, warum es dort gar nicht wenige so klare, vernünftige Stimmen gibt, auch aus dem Lager der "Atheisten".  Die Menschen im ehemaligen kommunistischen Osten sind gebrannt von Utopien, sie sind oft sehr sehr realistisch, und das heißt eben wirklich "vernunftbereit". Auch in Schlesien hat der VdZ das wieder erfahren, bei allen Einschränkungen, die nicht unbedingt für Polen sprechen.

Aber auf der ganzen Strecke von Österreich nach Polen (und auch dort im ganzen Südteil) war kein einziges Windrad, keine der unsäglich vertrottelten Solarpaneele zu sehen, nichts. Außer viele hunderte Kilometer unsäglich schöner, kleinstrukturierter Kulturlandschaft zwischen tiefen und üppigsten Wäldern, Feldern, Wegen und schmaler, baumgesäumter Straßen, Seen und Flüssen in Mähren und dann Schlesien. Erst, wenn man diese Landschaften verläßt, und dabei einen regelrechten Kulturbruch - als Sprung in eine rein technische Nicht-Kultur nämlich, eine Lebensweise bloßer Technik und Geschwindigkeit und Gelacktheit - tauchen diese Probleme wieder auf, die uns angeblich so bestimmen müssen weil sie angeblich die Welt bestimmen. Nein. Kaum wo hat der VdZ noch so gute Luft erlebt wie in Schlesiens Städten, mitten in Glatz, Luft von einer Schwere und einem Aroma, wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Obwohl die Menschen dort nach wie vor mit Kohle heizen und Fleisch essen bis zum Abwinken und käsegefüllte, süß-milde Teigtaschen in Butter schwenken, daß es von der Gabel tropft, und dazu Wodka Wyborowa trinken. 

Wer in diese Landschaften fährt erfährt buchstäblich, daß das nicht so ist, wie man hier sagt. Daß die Welt anders ist, wirklich anders. Und daß nicht wir sie haben. Sie ist auch WO-ANDERS. Daß in diesem Perspektivewechsel unsere sogenannten Probleme als widerliche und affektierte, ja anstößige, obszöne Plastikgirlanden erkennbar werden, denen alles Wahre, Natürliche und Vernünftige fehlt.

Während an das zu glauben, als im Westen verbreitet wird, schon eine gehörige Portion des wirklichen Atheismus braucht. Jener Haltung, die meint, es gäbe Heil auch durchaus mal ohne Vernunft, und der sich verlogen hinter oft so vielen frommgeschwungelten Unerträglichkeiten versteckt.

Oh ja, das Anfahren und Bremsen der neuen Railjets erlebt man kaum noch, alles geht in einem unterschiedslosen Gleiten unter. Aber wenn man dann, nach acht Stunden Zugfahrt, zuhause aussteigt, ist man ein oder zwei Tage wie in Watte gepackt, und alles dreht sich einem. Weil man erst wieder jenen Boden finden muß, den man gemeiniglich "Leben" nennt. Und auf einmal gefällt einem die gelackte, hygienisch penibelst saubere Stadtlandschaft gar nicht mehr, die man zuvor als normal erlebte, und die von Windrädern am Horizont endgültig zur eigenartigen Kunstlandschaft degradiert wird. Und man sehnt sich nach dem Geruch des Kohlefeuers, das aus dem Schlot der Dampflokomotiven und Häuser stieg. Damals, als man noch Kind war. Damals, als alles noch so normal war.

Der moderne Mensch muß das ja hassen. Denn es ist Ort und Natur und Leben.



*Ach, man komme dem VdZ nun nicht damit, daß man CO2 nicht riechen oder schmecken könne. Das Wesen eines Dings erschließt sich in der Begegnung als überkomplexer Gesamteindruck. Deshalb darf einem solcherart sehr gesamthaften, persönlichen Eindruck sehr wohl getraut werden. Man muß nicht auf die chemische Analyse eines Heidelbeerpuddings aus Omas Geheimküche warten, um zu urteilen, daß er einem hervorragend bekommt. Nicht das Subjektive ist das Problem, sondern der Freiheitsgrad des Menschen als Widerspiegelungsfähigkeit der Wahrheit. Es braucht eine völlig veränderte und materialistische Metaphysik und Anthropologie, um zu heutigen Ansichten zu kommen, die objektive Prozesse von menschlich-ganzheitlichem Urteilen abkoppeln und die Urteilsbasis gewissermaßen "mitwandern" lassen, sodaß nur "alles anders", aber eben nicht anders geworden sein soll. Würde man Menschen aus den unterschiedlichsten Epochen und Regionen der Erde aber nebeneinander stellen würde man staunen, wie gleichlautend die allermeisten Urteile über Eigenschaften von Weltdingen sind. Und - anders wäre auch Wissenschaft gar nicht möglich, die nämlich auch von subjektivem Urteil ausgeht, um überhaupt zu wissen, wonach sie forscht. Womit wir auch hier wieder bei der Wahrheits- und Freiheitsfrage sind.





*250716*

Montag, 22. September 2014

Grafschaft Glatz

In einem sich selbst "liberal" nennenden Blog las der VdZ vor einiger Zeit Kommentare, in denen Leser Unverständnis äußerten, daß die Palästinenser sich noch nach 40 Jahren nicht mit der veränderten politischen Lage abgefunden hätten. Und 1947 besetzte Gebiete immer noch als die ihren betrachteten, in die sie zurück wollten. Vermutlich haben die Autoren deshalb keine Ahnung von diesem Thema, weil sie gar keine Heimat kennen.

Die Mutter des VdZ, Gott hab sie selig, verstorben 2009, geboren in Eisersdorf bzw. Glatz (heute: poln. Klotzko), Schlesien, hat sich, obwohl sie 1945 (der beiden bereits geborenen Kinder wegen) nach Österreich geflohen war, nie damit abgefunden, nicht mehr Schlesierin sein zu sollen. Bis zu ihrem Tod hat sie sich geweigert, sich als Österreicherin zu begreifen, und diese Ambivalenz hat sie natürlich auch an ihre 12 Kinder weitergegeben. Solcherart geprägt, hat auch der VdZ nie Wurzeln geschlagen, trotz allen Bemühens das aus der Sehnsucht nach "einer" Heimat befeuert wurde. Nicht Österreicher, nicht Deutscher, nicht Schlesier blieb er was er war - mit einer Gefühlswelt aus Rübezahl, "schlesischer Weihnacht" und Streuselkuchen nirgendwo zugehörig, bis heute. Bad Reinerz und die Heuscheuer haben ihm mehr gesagt als Bad Aussee, in dem er später so manchen Kuraufenthalt absolvieren sollte. Irdische Heimat gibt es ihm nur als Analogie. Aber deshalb vielleicht umso klarer.

Die Mutter des Verfassers blieb heimatlos. Sie hat nie eine andere Heimat gewollt oder angenommen, als ihre schlesische. Auch nicht nach 60 Jahren. Man kann sich die Heimat nicht aussuchen. Erst ihre mittlerweile 60, 70 Enkel und Urenkel wachsen mit einer anderen Heimat als der ihren auf. Für sie ist Schlesien, sofern sie überhaupt noch davon wissen, nur noch ein fernes Motiv, eine Kante in ihrem Charakter, eine Neigung oder eine unbewußte, mehr oder weniger starke Sympathiepräferenz zu diesem, zu jenem. Denn doch - auch in ihnen lebt das Schlesische, ob sie davon wissen wollen oder nicht. Heimat aber kommt von der Mutter. Nur das Vaterland, als notwendige Idee, die erst Heimat irdische Gestalt werden läßt - das ist des Vaters. Aber sie kann nur formen, was an Gemüt vorhanden ist, und was das Material aufzunehmen bereit ist. Materie kommt von mater, Mutter. Bleibt die Materie ablehnend, fehlt es an Gestalt, kann sich (schöpferische) Identität nicht bilden. Einem Land fehlen die Bürger.

Aber es gibt auch kein Zurück. Man kann Zeit nicht wiederholen. Die Mutter zeigte dieselbe Scheu, ja Ablehnung, wenigstens auf Besuch nach Glatz zurückzukehren, wie so viele Schlesier. Entwurzelte bleiben immer zwischen allen Stühlen. Und zwar gerade dann, wenn sie überhaupt noch menschliche Substanz haben.







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Dienstag, 21. September 2010

Ein Grafschafter Seliger

Sel. John Henry Cardinal Newman
Am Sonntag, 19. September, wurde nicht nur John Henry Kardinal Newman (1801-1890) vom Papst höchstselbst seliggesprochen, jener Konvertit, der als Anglikaner nach langem Ringen um die Wahrheit zur Katholischen Kirche übertrat, und aus diesem geistigen Ringen heraus eine gewaltige und inhaltlich beeindruckende Fülle an Schriften hinterlassen hat. In denen sich viele Schlüssel zum Verständnis der geistigen Lage unserer Gegenwart finden. Denn Newman hat viele jener geistigen Probleme überwunden, die heute ein schier unentflechtbares, für viele verwirrendes Blütensammelsurium an weltanschaulichen Ansätzen liefern. Newman mußte sich selbst also Wege suchen, seine Zweifel und Fragen - als Bischof der Anglikanischen Kirche - rational zu durchdringen, damit seine Haltungen in einem Urteil, einer Entscheidung rational verantwortbar wurden. Dieser rationale Weg, indem Newman den Katholizismus durchdrungen hat, macht seine Schriften so besonders wertvoll und modern. Newman macht damit den Katholizismus verstehbar, auch und vor allem in seiner letztlich nicht mehr begreifbaren Verbindung von Glaube und Vernunft, von Gnade und Tugend. Bereits "heimlich", nun wohl bald aber offiziell, wird Newman, dem ein sehr britischer Sinn für Humor attestiert wurde, deshalb "Kirchenlehrer" betitelt.

O. p. n.

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Newman, zu dessen Begräbnis 1890 (dies zur Illustration seiner Beliebtheit und Stellung in England) fünfzehntausend Menschen kamen, war etwa um 1830 Mentor der "Oxford movement", einer Bewegung innerhalb der anglikanischen Kirche, die im Rahmen einer europaweit zu begreifenden romantischen Bewegung Erneuerung suchte. Und dazu die Wurzeln ausgrub - im Volkstum, das sehr klar als in seinen religiösen Wurzeln zusammengehalten, nur so zu einigen, begriffen wurde. Daraus erwuchsen ihm immer größere Probleme mit der Anglikanischen Kirche selbst, die er zunehmend aus ihren katholischen Ursprüngen heraus zu begreifen, aber genau deshalb zu kritisieren begann.

Es heißt, daß die vom unter den Nazis mit Publikationsverbot belegten Theodor Haecker 1940 übersetzten Schriften Newmans maßgebliche Inspirationsquelle für Hans und Sophie Scholl waren - die Proponenten der "Weißen Rose", die 1943 hingerichtet wurden.

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An eben diesem 19. September 2010 wurde in Münster aber auch der kleine schlesische Kaplan Gerhard Hirschfelder, vom dazu vom Papst ermächtigten Joachim Kardinal Meisner, ebenfalls ein Schlesier (so wie unter anderem die deutschen Bischöfe Lehmann und Mixa), seliggesprochen (1907-1942).

Sel. Kaplan Gerhard Hirschfelder
Und zu ihm hat der VdZ ja direkte Beziehung, weil Hirschfelder war nicht nur Grafschafter, Glatzer, sondern sein Martyrertod, den er 1942 im Konzentrationslager Dachau erlitt, bezog sich (natürlich: unter anderem) auf ein Bekenntnis, das auch des Verfassers (der sich damit einmal mehr als von der Mutterseite Glatz-stämmig bekanntgibt) Großvater Heinrich Fischer - möglicherweise hat also Hirschfelder den Boden für so manche Tat der Größe mit aufbereitet, es wäre nicht überraschend - erlitt.

Man dürfe den Kindern nicht den Glauben aus der Seele reißen, meinte Hirschfelder, als man die Kreuze aus den Schulen entfernte. Und er wurde unter dem Vorwand der Zersetzung und Verhetzung verhaftet. Schon lange hat man einen Anlaß gesucht, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, denn der Glatzer Kaplan, Dekanatsjugendseelsorger in der Grafschaft, war höchst beliebt und unbeugbar. Ein Hindernis für die Ideologie, Macht über die Jugend zu bekommen. Er soll wunderschön gesungen, dazu mit seiner Gitarre gespielt, durch seine frohe Haltung die Herzen der Jugend erobert haben.

O. p. n.

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Heinrich Fischer, geboren 1900, wurde denunziert, weil er denselben Ausspruch getätigt hatte. Als Vater von acht Kindern war er zwar militärdienstfrei gestellt, aber als Strafe wurde er nun doch noch eingezogen, in den Kampf an vorderster Linie gegen die längst aussichtslos überlegen heranrückenden Russen geschickt, im Herbst 1944. Nur einen Monat später, im Oktober 1944, war er tot. Kopfschuß, hieß es.

O. p. e.


*210910*

Donnerstag, 1. Juli 2010

Hoffnungslos (2)

Wenn man erkennt, welche Botschaft hinter den Kreuzen steht, die überall in unseren Ländern - noch - hängen, wenn man erkennt, was sie über alle Symbolhaftigkeit hinaus (auf die es in aller Diskussion nicht verkürzt werden darf, wir sind keine Protestanten!) als Zeichen (deshalb: Kreuz mit kunstvollem Korpus!) bedeuten, wird auch deutlich, was hinter ihrer überall angestrengten Entfernung an Absicht und Ziel steht - denn das Kreuz ist das Zeichen der Hoffnung.

Daß es über allen irdischen Jammer hinaus, der nie vermeidbar ist, ja der das Wesen dieser Welt geworden ist, ein unzerstörbares Leben, und eines Tages eine neue Welt, eine neue Schöpfung, und vor allem: eine ewige Gerechtigkeit gibt, an der der Getaufte, der Glaubende teilhat.

Gott selbst ist diesen Weg vorangegangen, und er hat somit auch mein Leid in die Erlösung hineingenommen. Im Maß meiner Verbundenheit und Gleichförmigkeit mit ihm, steht auch mein Leben, stehe auch ich im Gnadenstrom einer Gesetzlichkeit, die diese irdische bei weitem überragt. Die Welt siegt nur scheinbar!

Das ist gar nicht in erster Linie ein bewußtes oder kognitives Geschehen - das "erzählt sich" beim Anblick des Gekreuzigten. Und deshalb hat man damit die Welt gestaltet, mit Marterln oder Wegkreuzen, oder in öffentlichen und natürlich in privaten Gebäuden. Trost.

Man nimmt den Menschen in der Entfernung der Kreuze also die Hoffnung. Und weist sie auf die innerweltlichen Instanzen zurück. Gnade ihnen - denn bis sie entdecken, daß es kein innerweltliches wirkliches Glück gibt, ist ihr Leben sinnlos vergeudet. Und wenn sie diese Tatsache entdecken, fehlt ihnen jeder Trost, wird die Erde zur Hölle. Deren Schönheit nur aus der Hoffnung überhaupt lebt. Es war genau dieses "Trotzdem!", das die Kultur des Abendlandes, das Europa so groß und stark gemacht hat, daß es mit seinen Haltungen und Erkenntnissen die ganze Welt durchdrungen und gestaltet hat: das letzte Ziel des Lebens liegt nicht im Irdischen, nicht im Guten und Angenehmen, und schon gar nicht aber im Leid.

Das mag all den autistischen Banausen der Gegenwart wenig sagen, das mag von all' den Barbaren, zu denen die Menschen in Europa schon so geworden sind, genauso wenig sagen, wie überhaupt die großen Begriffe unseres Lebens, die allesamt so gefährdet sind - Freiheit, Hoffnung, Würde ... Es wird aber der Tag kommen, wo sie es schmerzlichst erfahren: Das Größte ist nicht immer das Lauteste, denn es ist uns viel zu nah.

Für dieses Zeichen in den Klassen ist noch vor fünfundsechzig Jahren mein Großvater, Heinrich Fischer, gefallen. Für das Kreuz - so kann man das schon bezeichnen. Denn er hatte in seinem privaten Umfeld (er war Garnisonsschuster in der Festungskaserne Glatz) Protest geäußert. Man solle den Kindern nicht den Glauben aus der Seele reißen!" soll er gesagt haben, so behauptet es die Familienüberlieferung, als man in Glatz (Schlesien) die Kreuze unter Hitler aus den Klassenzimmern entfernte. Dafür wurde er denunziert und gegen alle Gepflogenheit - einen achtfachen Familienvater steckte man nicht an die Front - noch im August 1944 eingezogen und an die Ostfront gesteckt. Im Januar 1945 fiel er.

Drei Jahre zuvor, am 1. August 1942, starb im Konzentrationslager Dachau der Kaplan Gerhard Hirschfelder, an Entkräftung. Der ebenfalls aus Glatz stammte und dort bis zur Verhaftung 1941 gewirkt hatte. Von ihm ist ein ähnlicher Spruch überliefert: Es sei ein Verbrechen, den Kindern den Glauben aus der Seele zu reißen. Auch er - in der ganzen Grafschaft beliebter und bekannter Jugendseelsorger - war wegen des Widerspruchs gegen das Entfernen der Kreuze aus den Klassenzimmern und öffentlichen Gebäuden, wohl aber auch nicht nur deshalb, verhaftet worden. Hirschfelder wird noch 2010 als Märtyrer seliggesprochen.

Nachsatz: In Österreich ist das Kreuz in vom Staat unterhaltenen Schulen per Konkordat anzubringen, wenn an dieser Schule eine christliche Mehrheit an Schülern besteht. Das Konkordat ist ein zwischenstaatlicher Vertrag mit dem Vatikan, unterliegt dem Völkerrecht und steht im Rang eines Verfassungsgesetzes. Private Schulerhalter, oder Länder, Behörden etc. unterliegen dieser Vereinbarung nicht.


*010710*