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Donnerstag, 9. Oktober 2014

Der Blick

Max Oppenheimer - "Thomas Mann" (1926)







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Samstag, 30. November 2013

Sonntag, 2. Juni 2013

Personen als Kulturträger

Es ist ein ganz aberwitziger Trugschluß zu meinen, Kultur wäre jemals über (technische) Medien weitergegeben worden. Misch zeigt in seiner grandiosen "Geschichte der Autobiographie", daß sich durch die ganze Antike bis in die Neuzeit Zweige und Linien, regelrechte Stammbäume persönlicher Lehrer aufweisen lassen, die sich über die Jahrhunderte ziehen. Wissen, Weisheit wurde immer nur persönlich weitergegeben, und steht auf dem Fundament, daß Erkenntnis eine Frage der persönlichen Sittlichkeit ist, nicht eines formalen "Wissens" oder Sprachspiels. 

Dabei zählte der nominale Inhalt immer eher wenig, manchmal war er überhaupt Nebensache. Die meisten Lehrer sind in ihren Lehren kaum wirklich einzuordnen, oder auch nur eindeutig. Sie haben aber erfolgreich gewirkt - als Erzieher zu einer sittlichen Lebenshaltung, IN DER Philosophie, Wissen, zu lebendigem Atem und Blut, und damit zur Religion wurde.

Träger der Weitergabe waren immer Personen, das persönliche Beispiel, die persönliche Wirkung. Plato, Aristoteles (... wer zählt die Namen ...) - sie alle haben durch persönliche Schulen (und Schüler) gelebt und gewirkt. 

Alfred N. Whitehead schreibt völlig richtig, daß das, was Plato wirklich gedacht hat (beziehungsweise gedacht haben muß), aus seinen überlieferten Dialogen direkt niemals hervorgeht. Es ist einer Geisteslähmung zu vergleichen, die schriftlichen Festlegungen zu direkt zu nehmen, sie gar zu einer "Lehre" einzudampfen. Sieht man Plato in der Lebendigkeit eines hinter seinen Schriften zu erfassenden Geistes, wird die Größe seines Denkens erst überhaupt bewußt, und seine Inhalte stehen in neuer, lebendiger Gestalt vor Augen. Und dann sieht man, wie organismisch Plato dachte, wie falsch es ist, seine Aussagen als abstrakt-mathematische Logikgebäude zu sehen.

Der Verfasser dieser Zeilen sieht den künstlerisch-dialogischen Charakter der Platonischen Texte übrigens genau in diesem Bezug: Als erstaunlicher Versuch Platos, über die lebendige Wirklichkeit von geschaffenen Figuren, Personen zu sprechen, im Personsganzen also, mit Schicksal, Charakter und Färbung, je auf ein Du gerichtet. Kein Sprechen (und kein Denken) ist anders möglich und zu sehen.

Verlagerte sich die Weitergabe auf technische Medien, geschah das immer zu einem Zeitpunkt, wo die Vermittlung von Kulturwissen und -inhalten schon gar nicht mehr funktionierte. Noch Plato wetterte deshalb (in seinen Schriften ...) gegen die Rolle der immer gebräuchlicher werdenden Schriftlichkeit. Denn in ihr kann Gewußtes gar nicht weitergegeben werden, sie hat bestenfalls hinweisenden Charakter, trägt aber die Gefahr in sich, daß sie für das Wissen selbst gehalten, also auf ihren Nominalwert reduziert wird.

Das läßt erneut begreifen, in welchen Wahn wir uns begeben zu meinen, über Internet "Wissen", über Algorithmen "Weisheit" weitergeben oder gar ausbauen zu können. Stattdessen wird Wissen zu bloßer Kenntnis, und bleibt kulturbezogen gesehen ohne Wirkung.

Der Verfasser dieser Zeilen weiß, daß man ihn als "Alarmisten" sehen könnte. Wie auch immer, aber er kann nicht anders als aufzuschreien, wenn er sieht, daß wir einer wahren Wissens- und Erkenntniskatastrophe mit Riesenschritten entgegeneilen, ja bereits mittendrin sind. Und sie ist vermutlich schon irreversibel.* So daß das eigentliche Kulturgut der Menschheit des Abendlandes gar nicht mehr vermittelbar ist - es kann gar nicht mehr aufgenommen werden, die Grundrezeption der Wirklichkeit ist bereits zu sehr deformiert. Wie die Jesuiten in Paraguay bleibt nur noch festzustellen, daß die Menschheit in tiefe, a-sittliche Kindheit gefallen ist.

Das, was wir täglich vor Augen haben, das uns vorgaukelt, daß doch noch alles stehen würde, sind nur noch die Fassaden und Museenwände, hinter denen bereits eine erschreckende Leere gähnt.** Spielzeug gleich, das ein Kind dem anderen staunend zeigt, mit dem es irgendetwas anzufangen versucht. Aber die Dinge sprechen nicht mehr, weil die Menschen nicht mehr sprechen. Nur das Sein-Denken hat überhaupt etwas zu sagen, und das verlangt "zu sein". Am Horizont ist sie längst aufgestiegen - die lange, dunkle Nacht. Der Tag ist erloschen. Unser nächster Blick wird der zu den Sternen am Nachthimmel sein (ja, ist er es nicht längst, wörtlich?), aus denen wir versuchen, wieder einen Gang und Sinn der Welt abzulesen.






*Wer sehen will, wie so ein Niedergang vor sich geht, der sollte zum Beispiel nur die Buddenbrooks von Thomas Mann aufmerksam lesen: Als Gesamtbewegung, in der kein Teilchen "großartig" oder "umwälzend" wirkt. Sondern als Zueinander fast unendlich vieler kleinster Faktoren zu sehen ist. Dazwischen mit einem größeren Geschehen politischer Natur, wo ZUM BEISPIEL eine Zollunion nicht laut schreit "seht her, was ich verändern werde!", sondern subtil das gesamte Geschäfts- und Privatleben der Menschen (mit) ändert. Und nach einiger Zeit, in der Rückschau, stellt man plötzlich fest, daß sich das Ganze verändert hat, daß das Ganze, in einer gewissen Unheimlichkeit fast, an vitaler Substanz verloren hat. Wenn die Buddenbrooks aussterben, so wird es zu einer großartigen Metapher einer Kultur als komplexer Gesamtbewegung, in ihrer Doppelgesichtigkeit - als Schicksal wie als Folge des Handelns Einzelner.

**Man erlaube in aller Beschränkung und Angreifbarkeit den Hinweis auf Platos "Theätet" (etc.), sowie auf sein berühmtes "Höhlengleichnis", die Wortwahl der Ausführungen oben ist nicht zufällig. Denn die sinnlichen Daten der Wahrnehmung können keine Gewißheiten liefern, das liegt in ihrer Natur als veränderliche Daten, und in der vielfachen Täuschbarkeit. Einzig die Umwendung "ins Licht", auf das, was die Erscheinungen erscheinen läßt, sie zum Schattensein beleuchtet, die gedankliche Abstraktion vermag das Wesen der Erscheinungen zu erfassen - das Unveränderliche ihrer Wesensidee, das nun allen Denkenden gleich erscheinen kann. Wer nur in den Sinnesdaten bleibt, kommt über subjektives und veränderliches Meinen nie hinaus, selbst wenn sein Meinen auch "richtig" sein kann, und Erkenntnis selbst nur subjektiven Charakter haben (weil im Subjekt stattfinden) kann. (Die "Generation Internet" hat auch deshalb viel Ähnlichkeit mit der antiken Epoche der "Sophisten".) Richtiges Meinen (das aber nie dem Wissen gleichkommen kann, weil ihm dazu die Sicherheit fehlt, also auch nicht durch die Festigkeit des Urteils dem Wissen gleichkommt) und noch mehr aber eben Wissen bedeutet immer deshalb ein Übereinstimmen des Erkennens mit dem Sein einer Sache - im Begriff. Je mehr Einzelnes (auch als Sinnesdatum) nun ein Sein (mit Vorsicht und lediglich als Analogie sei der Begriff hier verwendet: Seinsidee) in sich birgt, desto höherstehend ist es, bis zum höchsten Begriff, bis zum Sein an sich - Gott. Deshalb mündet jedes Wissen - in Gott, deshalb muß Gott allwissend (und sein Name allumfassend) sein. Während alles Wahre in einer Stufenfolge miteinander logisch verbunden ist, sich auf keiner Stufe widersprechen kann, wenn auch nicht im Aufbau nach oben quasi "additorisch" einfach ausrechenbar - wenngleich in der Mathematik, der reinsten Idee, darstellbar - wird.

Hier muß man freilich Plato ergänzen, denn die Wesenserkenntnis ist selbst empirisch verankert, die Erkenntnisarten (empirisch, mathematisch, philosophisch) vereinigen sich zu einer einzigen Erkenntnis. Im übrigen sei auf so manche Ausführung über das Wesen von Sprache hingewiesen (siehe unter anderem unter dem Stichwort Josef König), die sich hier findet oder noch finden wird. Denn auch der Begriff "Denken" müßte dazu weiter hier auseinandergelegt werden, als es vielfach geschieht. (König unterscheidet anhand eingehender Sprachanalyse zum Beispiel in "Sein-Denken" und "das Sein denken"; das genüge als Hinweis.) Der Verfasser dieser Zeilen hat den Verdacht, daß der Denk-Begriff Platos (bzw. sein Ideenbegriff) weiter zu fassen ist, als vielfach geschieht.

Dennoch - siehe die Ausführungen in dieser Zeit zu den Erkenntnissen von Melchior Palágyis Wahrnehmungsthesen - kann auch der Sensualismus (psychophysischer Parallelismus) nicht stimmen, wonach Erkennen mit Sinnesdaten parallel verläuft. Damit würde der Mensch nie zu Gewußtem kommen, was jeder Empirie widerspricht. Denn so beschränkt es auch immer sein mag: der Mensch KANN wissen. 





*020613*

Mittwoch, 29. Mai 2013

Wann denn Erfolg kommt

"Was ist der Erfolg," läßt Thomas Mann in den Buddenbrooks Tom fragen? "Eine geheime, unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft - das Bewußtsein, einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes Vorhandensein auszuüben. Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu meinen Gunsten ... Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei um uns herum, widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß. Dann ist man fertig."

Später fügt Thomas Buddenbrook hinzu: "Ich weiß, daß oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und Aufstieges erst erscheinen, wenn die Wahrheit und alles schon wieder abwärts geht. Die äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt."




*290513*

Freitag, 23. November 2012

Unerlöste Melodie

Es sind schwerwiegende Gedanken, die Rousseau in seinen Schriften über die Musik anspricht. Indem er die Entwicklung der Notenschrift (Notierung) analysiert. 

Ausgehend vom Generalbaß - wo also nur eine Stimme notiert, aufgezeichnet wurde, auf der aufruhend sich nach und nach das freie, aber immer improvisierte Spiel der übrigen Stimmen darum herum flocht. 

Notiert wurde eigentlich nur, so Rousseau, um jeweilige aus der geschichtlich-kulturellen Verfaßtheit auftretende Fehler zu verbessern, oder zu vermeiden. Das Spiel der Harmonie aber ergibt sich aus dem ästhetischen natürlichen Empfinden jedes Menschen von selber. Vorausgesetzt, er hat in sich die Tore zur dieser "Natur" geöffnet. Wozu zum einen viel Übung nötig ist, um zum anderen den individuellen Geschmack von Zufälligkeiten zu reinigen. Aber jeder Ton hat seine Harmonien insofern in sich, als sich jeder Akkord aus dem Melodieverlauf, aus der Zeiterstrecktheit einer Melodie ergibt. Denn Ton an sich gibt keine Aussage, keinen Sinn. 

Das Übereinstimmen aber von Sinn und Ton ist - Melodie, Entfaltung der Töne in der Zeit. Akkorde setzen in die Gleichzeitigkeit, was die Melodie nur über die Zeit entfaltet. Darin muß - über das Hören also - der Musiker geschult sein. Um so die Aussage seiner Zeit zu erfassen, und sie (wie anders?) in der Melodie wiederzufinden. Denn jede Melodie ist Ausdruck der Stimmung der Zeit, die immer neu ist. Der Künstler muß sich also aus dem "Bekannten", auf dem alleine er aber nur aufsetzen kann, der Tradition, allmählich lösen. Das ist sein Selbstfindungsprozeß, sein eigentlicher künstlerischer Prozeß: das Finden der zeitgemäßen Melodie. Die zugleich immer ein Überschreiten des konventionellen Geschmacks bedeutet.

Aus dieser Allgemeinheit der Stimmung heraus, hat sich im Laufe der Zeit die Aufgabe des Komponisten selbst herausgebildet. Der in einer immer detaillierteren Notierung Feinheiten herausarbeitete, von denen er meinte, daß sie in der Interpretation übersehen oder nicht bewußt präsent wären. So hat sich Musikkultur aufgebaut und in immer rascherem Tempo entwickelt.

Mit einer neuen Aufgabe allerdings, die sich je neu stellt: Aus der Notierung heraus muß die Freiheit der Historizität, des Schöpferischen, das ja nur originär und original sein kann, neu herausgeschält werden. Das Alte muß also immer auch gut bekannt sein, ehe Neues werden kann. 

In ihrer Geschichte hat sich die Musik freilich genau aus diesen Zusammenhängen - analog zu den Wissenschaften seit der Renaissance - zu einer Formallogik hin entwickelt. Die Technik gewann Oberhand. Wo neues Komponieren - man lese "Doktor Faustus" von Thomas Mann! - zunehmend zu einem logischen Ausfalten von technischen Formalprozessen wurde. So daß "Neues" nur noch hieß, noch nicht vorhandene technische Konstellationen zu finden, die Notierungstechnik auszureizen. Indem man die Logik der Tonschrift ausschöpfte, anstatt dem Hören der Zeitmelodie treu zu bleiben. Die wesenhafte künstlerische Hingabe wird aufgesogen von der Faszination technischer Konstruktion, der Technik selbst.

Mann spricht in seinem großartigen Dialog des Adrian Leverkühn mit dem Teufel die Konsequenz aus: Damit wird das Schöpferische, das dem Tonsetzer nun fehlt, zum dämonischen Akt. Denn das wirklich Neue kann sich der Mensch nicht geben. Es ist die demütige, stille Frucht eines geschenkhaften, hingebenden Hörens und Verarbeitens. Verfangen in der Logik, getrieben von einer bewußt gewordenen Sendung zum Schaffen aber fehlt dem Tonsetzer damit das Schöpferische. Und so wird es zum Willen zum "Neuen" - und hier bleibt nur noch die Dämonie. Denn auch und gerade der Teufel kann nichts "schaffen". Er kann nur Zwischenräume aufzeigen, die das bereits Geschaffene immer läßt. Tonschöpfung, Komponieren, wird somit zum Destruktionsakt der Melodie. Und darin wirklich zur Hervorbringung "des Künstlers selbst", der in dieser Dämonie gottgleich wird.

Die wirkliche Anbindung an das Schöpferische, das "Originäre", auf das sich Rousseau bezieht, ist aber eine nie machbare Frucht persönlicher Läuterung. Verliert eine Kultur ihr Leben, an dem sie ja nur teilhaben kann, verdämmern auch ihre Melodien. Sie verliert sie. Der Künstler "hört nichts" mehr. (Man beachte dabei: Beethovens Taubheit! Er stand an der Schwelle zum Tod der Musik. Ab nun herrschte zunehmend Blendwerk.) Während das Herausschälen aus den Tonschrift-Zwängen immer schwieriger wird, stürzt der Hörende ins Leere. Also klammert er sich an die Tontechnik, den Effekt, die kalkulierte Wirkung, ja es bleibt ihm nur noch Ironie, gar Zynismus, dem letzten Refugium, wo sich Schöpferisches noch (als Schatten, als Negativum wenigstens) aussagen, sich seiner selbst vergewissern, seinen Impuls am Leben halten kann. Sie soll ihn über dem Nichts halten - als aufrechte Sehnsucht an den Teufel, dem Fürsten des Nichts. Er hat Leverkühn nicht zufällig heimgesucht.* Die Person des Künstlers wird plötzlich entscheidend, nicht mehr sein Werk.

Zunehmend, folgt man den Analysen von Modris Eksteins, wurde deshalb im späten und schöpferisch bereits beachtlich unfruchtbaren 19. Jahrhundert (Goethe hatte sich ja auch längst von seiner Zeit abgewandt, zu wenig fand er noch die ursprünglichen schöpferischen Stimmen in ihr) die kalkulierte Publikumsreaktion, das Prozeßhafte, der Künstler selbst zum Bestandteil des künstlerischen Werks. Kunst wurde zum Event, zum gesellschaftlichen Ereignis, das Werk selber immer bedeutungsloser - Kunst wurde zur Virtualität des Erlebens, die Person des Künstlers, sein Sensationswert wurde entscheidend.

Und man besuchte Aufführungen "neuer" Komponisten, weil man mit dem Sensationswert des Künstlers rechnete, auf einen solchen regelrecht hoffte. Man besuchte die Darbietungen des Russischen Balletts von Diaghilev WEIL man einen Skandal erwarten durfte. Bei dem man dabei gewesen sein wollte. Paris als Herz Europas entschwand, in Wien und München kam es zur "Sezession", dem Auszug aus den traditionellen, in sich aber bereits abgestorbenen Gestalten, Kunst löste sich vom Werk. Die Zeit Berlins, Amerikas brach an. Das Kabarett, noch mehr aber die bloße Unterhaltung blühte auf, die doch nur Vorhandenes preßt und quetscht und aufzehrt, deshalb ihr Verglühen in immer höherer Anforderung ans Tempo selbst bewirkt.

Das 20. Jahrhundert begann in diesem Impuls, und er kennzeichnete es: aus dem Willen zum Neuen. Durch endgültige Zertrümmerung des Bekannten, stürzte man sich auf alles, was Bewegung verhieß, das Vorhandene ausquetschte, egal um welchen Preis, in Vorahnung des Endes.**

Die Frage bleibt, ob sich in einer Zeit wie heute künstlerisches Werk nicht bestenfalls noch als manieristisches, im Grunde sinnloses ästhetisches Konstrukt finden kann. Befreit von den dichten Schlingen der Zeit, gähnt eine schreckliche Leere. Als jene Melodie, die zum letzten Ton erstarrt seit hundert und mehr Jahren auf Weiterführung wartet, aber kein kulturelles Material mehr findet, mit dem sie sich im Werk vermählen könnte. Nur "Melodiehaftigkeit" alleine hieße ja nur wieder technisch umbrechen, was aber des inneren Gehalts bedürfte.

Wird damit Musik zum bloßen monotonen, gar nicht wirklich hörbaren Sphärenklang, der jeder Auflösung in der Welt - als Melodie, als Werk - entbehrt? Denn ohne Kultur kann es keine Musik geben.





*Man kann historisch plausibel nachvollziehbar die Komödie immer als Versuch sehen, einem Leichnam noch das letzte Leben abzugewinnen.

**Eksteins zeigt in "Solar Dance" anhand der in den 1920ern aufsehenerregenden Fälschergeschichte des Otto Wacker in Berlin die Veränderungen, die in der Kunstrezeption eingetreten waren: Der "Nichtskönner" (Hitler!) Wacker hatte zahlreiche so perfekt imitierte Bilder "von Van Gogh" verkauft, daß auch Experten kein qualitativer Unterschied aufgefallen wäre. Das einzige Kriterium der Unterscheidung von Fälscher und Künstler im Prozeß wurde - die Person. Man kaufte in der Weimarer Republik rauschhaft Van Gogh-Bilder als Symbole eines exzentrischen Malers, der zu Lebzeiten verworfen wurde und "gescheitert" war. Aber genau dieses sein Leben wurde nun in den Vordergrund gestellt, das "Starkonzept" geboren. Werk und Virtualität verschwammen bis zur Unkenntlichkeit. Das Bild als Kunstwerk, als Aussage an die Zeit, war bedeutungslos geworden. Van Goghs Rezeption hatte sich in dem Maß verändert, als seine Lebensgeschichte in den Vordergrund rückte - er wurde zum Helden seiner Zeit. Van Gogh hatte sich von der Religion zur Sprache der Kunst an sich gewandelt, in der nur noch (siehe: "der starre Ton", als letzte Erinnerung an die Quellen der Kunst) die "Sonne" (Hinweis: Swastika!) an die Quelle der Kunst erinnerte. Kunst selbst wurde zur neuen Religion, präsent in seinen Propheten, Vincent Van Gogh - Hitler. Seine Zerstörungswut wurde zur Identifikationsmarke des Zeitalters, Niederlage wurde zum Sieg erklärt. Der Inhalt der Welt wurde virtuell, eine Frage der "Information", abgelöst vom Ding an sich.

Man beachte, daß zeitgleich die "Liturgieexperimente" in Österreich (mit dem Zentrum Klosterneuburg) und Deutschland einsetzten, die in einer weitgehenden Auflösung der Liturgie nach 1970 ihre Verwirklichung fand - wo Inhalt, Heil, virtualisiert, das Werk selbst, die Liturgie, inhaltslos erklärt beziehungsweise gemacht wurde. Heute steht der Priester nur noch an einem Tisch, und deklamiert, was man angeblich erleben sollte, der Papst wird nur noch als "Star" rezipiert. Und "alle tun so" als würden sie das Virtuelle real erleben.





*231112*

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Kaum zu glaubendes Unwissen

"Erstaunlich, welchen Geistern damals [in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Anm.] die elementarsten Begriffe der biblischen Theologie fehlten, welche Ignoranz waltete - außer [Stefan] George nenne ich [Rudolf] Borchardt und Georg Simmel, außer Thomas Mann, Sigmund Freud und Rilke. Jedermann redete munter mit, aber keiner gab sich die Mühe, auch nur ein Konfirmanden-Wissen zu erwerben.

George begriff jenen Katholizismus, in dem er ja aufgewachsen war, nur als Brauchtum, als Angeborenheit, als eine Eigenschaft, die in der Sippe weitergegeben wird, und nun das Erstaunen darüber, daß diese Erbschaft ausblieb, Katholizismus nicht als Freiheit des Glaubenswagnisses, nicht als Entscheidung des Selbst, sondern als Äußerlichkeit."

"Gott weiß woher das kommt, daß ich vom Christentum, außer in seiner heidnischen Form, so gar nichts verstehe, ich bin doch, möchte man sagen, aus einer schon lange katholischen Familie ..." schreibt er.
 
Gerhard Nebel, in "Stefan George und die Entgötterung der Welt"
 
 
 *071010*

Dienstag, 11. Mai 2010

Dichterausweisung als Pflicht

Rolf Hochhuth weist in einem seiner Prosastückchen darauf hin, daß seltsamerweise gerade die berühmtesten Ehebrecherinnen von den Dichtern - Anna Karenina, Effie Briest, Lady Chatterley, Madame Bovary - am leidenschaftlichsten verteidigt werden. Ja, so liebevoll werden sie dargestellt, daß ihr Verhalten regelrecht gerechtfertigt wird.

Plato war es übrigens, der deshalb den Vorschlag macht, daß man Dichter grundsätzlich aufgrund ihres gesellschaftsschädigenden Verhaltens aus der Polis ausweisen muß.

"Welcher Leser hat für die Ehemänner an der Seite dieser Frauen auch nur eine Minute Mitleid verspürt," fragt also Hochhuth?

Eben weil "Dichtertum selbst die lebensmögliche Form der Inkorrektheit ist," wie es Thomas Mann über Theodor Storm aussagt.

Und Hochhuth erleichtert resümiert.





*110510*

Mittwoch, 3. September 2008

Zeugen, nicht schaffen

Eliezer zu Jaakob (aus: "Josef" von T. Mann): "... Da du ihn (Josef, Anm.) zeugtest, kanntest du ihn nicht. Denn der Mensch zeugt nur, was er nicht kennt. Wollte er aber zeugen, wissend und kennend, so wär's Schaffen, und er vermäße sich, Gott zu sein."





*030908*

Zweifel an der Herrschaft Gottes über die Welt

Es schaudert einen, angesichts einer Dimension der Folgen der Lüge, die sich auf den Angelogenen und sein gesamtes Lebensfundament bezieht:

Die Lüge untergräbt im Angelogenen (langfristig auch beim Lügner selbst, denn diesem fehlt zunehmend das Vertrauen in den anderen) auf zerstörerische Weise das Vertrauen in das Sein. Weil es das Wissen, die Vernunft in einen Zwiespalt mit dem Wahrgenommenen bringt.

Sohin beginnt der Angelogene, an seiner Wahrnehmung zu zweifeln, und stürzt fast unabänderlich in Wahn.

Gegenwehr gegen die Lüge - als Gegenwehr gegen den Lügner - ist nur möglich, indem dieser generell aus dem Wahrnehmungskreis ausgeschlossen, also ignoriert wird. (Was manchmal nicht einmal möglich ist - man denke an vom Lügner abhängigen Kinder, denen bestenfalls die Flucht in "Separatwelten" möglich ist.) Der Lügner verbreitet somit Wahn und Verzweiflung am Gut der Welt, der ein Gut nur noch mit Gewalt entrissen werden kann. Während - zugleich mit dem Verlust des Selbststandes, der Abhängigkeit also - die Angst vor dem eigenen Handeln wächst, weil dessen Folgen in keinem Zusammenhang mit der eigenen Vernunft stehen.

Verankert sich dieser Mensch nicht - gnadenhaft - in einer immer weitergehenden Hingabe an Gott selbst, die auf alles Gut der Welt verzichtet, zugunsten der späteren Welt. Dann ist die Lüge des anderen auch mit einer Prüfung zu vergleichen, in der Gott die Welt der Methode und Technik entreißt, um den personalen Charakter der Kommunikation (Welt IST Kommunikation Gottes mit den Menschen) auszuschmelzen. Wobei der einzige Rückzugspunkt noch ... A-Figuralität ist. Wie beim Künstler, beim Priester, beim Philosophen.

In Anklängen findet sich dieser Gedanke im "Josef", dem Alterswerk des Thomas Mann, von dem Golo Mann meint, es sei dessen Entscheidendes, dargestellt: als Jaakob vom (angeblichen) Tod des Josef (durch wilde Tiere) erfährt. Als Zweifel, ob Gott die Welt noch nach Vernunft und Weisheit lenkt, ja ob er sie überhaupt noch beherrscht. Indem das reale Geschehen alles, was Gott gesagt hat, widerlegt. Jaakob sieht es wider die Abmachung Abrahams, dessen Bund mit Gott. Im letzten bleibt ihm sohin nur noch der völlige Weltverzicht.





*030908*