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Sonntag, 9. Juni 2019

Ein Stück Ewigkeit

Wie viel der VdZ von Friedrich Gulda als Interpreten der Beethovenschen Klavierwerken hält, hat er wohl schon eindrücklich hier dargestellt. Nun hat er eines schönen, nicht zu vergangenen Tages versucht, ein Urteil zu finden, was denn mehr Einfluß auf das von ihm ohnehin so geliebte Gesamtwerk "Beethoven, 5. Klavierkonzert" hat - das bessere, namhaftere Orchester, der bessere, geschätztere Dirigent, oder der bessere Pianist. 

Das Urteil ist in dem Fall eindeutig ausgefallen. Indem ihn aus den aneinandergereihten Tonkonserven diese Konzertaufnahme auf Youtube regelrecht aus den Federn des Mittagsdösens riss, in dem er meinte, diesen Wettstreit vorbeidämmern zu lassen, und eine Interpreation nach der anderen vorbeiplätscherte. Alle schien er irgendwie schon zu kennen, wie auch anders, denn dieses Werk gehört zu den von Jugend an oft und oft gehörten Lieblingsmusiken des VdZ.

Aber da riß es ihn hoch. Gulda! schoß es ihm sofort durch den Kopf, das konnte nur er sein. Und so war es.

Beethoven ist in dieser Aufnahme (trotz Digitalisierung) derartig frisch, melodiös, tanzend, springend, neu, elektrisierend zu hören, so ohne jeden Anflug von Sentimentalität, und doch mit so viel Gefühl! Gerade in dieser provokanten Ton-für-Ton-Akkuratesse Friedrich Guldas ist es aber, als hörte man Beethoven jedesmal zum ersten Mal. Und das ist doch "Interpretation" als schöpferischer Akt, dieses Entstehen im Augenblick, weil es nur dann ein Fenster zur Ewigkeit und nicht kleinbürgerliche Konserve ist?!

Das kann halt bei Beethoven wirklich nur Gulda (Buchbinder möge verzeihen, bei Mozart ist er besser, versprochen) mit seiner verfluchten 68er-Beethoven-Auffassung. Und seiner ekeligen Rolex am Handgelenk ;-). Dabei haßt der VdZ sogar die Schlampigkeiten, die der Oberösterreicher zu Lebzeiten so provokant an den Tag legte. Diese T-Shirt-Verachtung, diese Jeans-Mentalität, dieser stinkende Fetzen um das Haupt. Aber bei Gulda und seinem Beethoven drückt er lange schon fünf Augen zu. Kaum einem Interpreten verdankt er so viel an Erkenntnistiefe und damit Genußweite aus Musik.

Vielleicht ist genau das es, was Beethoven braucht: Wurschtigkeit. Mit Rühmann: Gulda sagt (auch hier) einfach nur seinen Text. Weil er zu faul ist, sich viel um Interpretation zu scheißen (und woanders mag der VdZ das so gar nicht an Gulda), Note für Note haut er alles einfach runter. 

Aber welch Wunder: Als wäre Beethoven nur so zu spielen und auch nüchtern zu ertragen! Vielleicht, nein sicher sogar, ist unser ganzes Beethoven-Bild falsch, von Kitsch und Sentimentalität überladen und verzerrt. Zu viele unschöpferische Menschen haben sich an ihm versucht, ja ihn ideologisiert. Vielleicht versperrt uns das so oft sogar den Weg zu diesem Komponisten, der meist doch nur noch als Konventionalitätsmobiliar in unseren staubfreien Museumskulturstuben auftaucht.

Vielleicht war Beethoven, wie er sich in seinen Briefen etwa sonst noch darstellt, aber nur in der Welt unbeholfen genug, so daß er sich so schwülstig und (vermeintlich) sentimental darstellen läßt. Weil er einfach nicht wußte, wie er sonst aufrecht durch den Alltag gehen sollte, was man später so krank in romantischer Verblödung verfälschte. Während er doch in Wahrheit einfach Note um Note hinschmiß. Gulda scheint es so zu sehen, und Beethoven scheint ihm in den Fingern zu wohnen, die Werke erzählen genau das.

Gulda, der in seinem Narzißmus vermutlich auch nichts mehr von außen Kommendes gehört hat. Nur noch im Inneren. Denn da ist dann die ganze und vollkommene Welt. Dieses schale, banale, so brutal ungeistige Faktische, das die Sinne von der historischen Welt liefern, ist doch nur Schmerz und Hölle, seien wir ehrlich.

Auch, ja gerade vermutlich als Taube, als unbewußt-willentlich Ertaubte, der eine von ererbter Syphilis (angeblich, vermutlich), der andere durch immer vollkommenere Invertiertheit, spielten beide dann so weltenstürzend auf ihrem Klavier. Gulda in München, Ludwig van in Wien Heiligenstadt, von wo es hier auf Magnetband, dort von Zeugen überliefert wurde.

Weinen Sie, werter Leser, wenn Ihnen danach ist, schämen Sie sich nicht, nehmen sie Ihre Ergriffenheit als Adelspaß. Denn hier ist es gestattet, nein, Pflicht. Hier ist es sicher nicht selbstverliebte, narzißtische Sentimentalität, in der man sich nur an sich selbst besäuft, um sich anschließend zu erbrechen - hier ist es wahre Ergriffenheit, die dem von außen Kommenden, Erschütternden geschuldet ist. Hier kniet man aus Dankbarkeit vor der Schönheit und dem leichten Glück der Ewigkeit, die durchs Fenster hereinkommt. So daß man ruft: Maranatha!

Beethoven, Klavierkonzert Nr. 5 in E-Moll, op 73, Friedrich Gulda, der das Münchner Symphonieorchester auch dirigiert, Aufnahme vom Münchner Klaviersommer 1989.







*230319*

Samstag, 20. Januar 2018

Der Samstag-Nachmittag-Film

Wieder sind es Ewald Balser und Oscar Werner, die beide in "Eroica" (1949) im vielleicht besten Film über Beethoven spielen. Balser als Beethoven selbst. Wahr ist der Film dabei weniger wegen der historischen Fakten, hier nimmt er sich einige Freiheit. Wahr ist er durch seine Symbolische Ebene, in der eine Deutung Beethovens unternommen wird. Die ihn von seiner wirklichen Wirklichkeit her darzustellen versucht. Jener Wirklichkeit, die ihn als Beethoven in der Welt sein ließ.

Und das ist ja das Wesen der Kunst: Nicht am Faktischen hängenzubleiben, sondern dieses vielmehr vom Zufälligen zu reinigen, um so das immer unsichtbare Wirkliche (das Wirklicher ist als das bloße Faktische) in die Welt zu tragen. Dieses durch das Werk nicht nur zu repräsentieren, sondern auf diese Wirklichkeit hin ein Fenster zu sein. Sodaß das Wirkliche - hier: Beethovens - tatsächlich in der Welt durch das Kunstwerk gegenwärtig ist.

Deshalb ist die Kunst immer das gegenwärtige Ewige, Transzendente, das wirklich Wirkliche. Und wirklicher als die bloße "Realität". Deshalb ist die Kunst aus sich heraus ... heilig. Deshalb ist die Kunst als das gestaltete und in der Erzählung, im Nacheinander der Zeit erkennbar werdende Eigentliche der Geschichte wahrer als jede bloß faktische Geschichte. Die ein Wald- und Wiesen- und Gärtnerkunst-Strauß unendlich vieler, aus allen Zeiten und von allen Ebenen stammender Momente ist. Die Erzählung macht ihn (in der Dramaturgie) aber rein, und damit wird das Ewige dahinter sichtbar. Was aber ist, ist nur durch das Ewige des Geistes.

Die gewisse Romantisierung der Künstlerexistenz wollen wir hier einmal ausnahmsweise nachsehen, auch wenn der VdZ sie generell nicht liebt. Anderseits - wie soll man das Große darstellen, das im Gewande eines Menschen daherkommt, der scheinbar auch so schwitzt, stinkt, furzt und beim Essen schmatzt, wie jeder andere. Der ES und SICH SELBST als Natürliches erlebt?  Dem selbst das Große wie ein ganz Normales entgegenkommt, das aber nur scheinbar so ist wie alles was auch andere sehen - und das er aber darin sieht? Denn die Momente des Großen sind auch dem Großen nur höchst selten, wenn überhaupt, als solche apostrophiert und erlebbar. Ja der Künstler ist arm dran, weil er möglicherweise gar nicht zum Echten kommt, sich dabei regelrecht im Wege steht, der es auf dieses Erleben eines Außergewöhnlichen anlegt.

Freilich, und deshalb sei es im Film hier nicht weiter bemängelt: Mit der Zeit wird die Größe eines Menschen durchaus erkennbar, und zwar durch seine Lebensspuren, seine Werke. Die weit mehr, ja die alles über ihn sagen als alle noch so mit breiter Brust daherkommenden Bekenntnisse oder Erklärungen oder gar Selbstdeutungen. Und dann ist Verehrung durchaus angebracht. Ihm gegenüber, seinem Werk, seinem Tun gegenüber. Wie sie einem König eben ziemt. Denn bei beiden wird der Ort erkennbar, beim einen gleich, beim anderen später, an dem sie stehen: Die Vorhalle zum Himmel. Wenn sie nicht schon hinter der Himmelstür verschwunden sind.

Und wer weiß. Vielleicht sahen die Filmemacher mehr als wir. Als Sie, geneigter Leser, und schon gar als der VdZ. Die Riege an großen Namen, die hier versammelt sind, die allesamt diese Verehrung verdienen, sollte das sogar nahelegen. Also wollen wir staunen, und uns darin das Herz weiten lassen.










*130118*

Dienstag, 2. Januar 2018

Er spielte nur die Noten

Friedrich Guldas Beethoven-Interpretation hat sich nicht ohne Grund so entwickelt, wie sie es dann später tat. Schon hier beim 5. Klavierkonzert des späteren Heiligenstädters im Jahre 1966 (mit den Wiener Philharmonikern unter Georg Szell) sieht man, daß Gulda vor allem die Noten präzise spielen will. Seine Interpretation macht Raum für Beethoven. Wodurch? Weil er einfach die Noten gelten läßt. Gulda "spricht nur seinen Text", wie Rühmann es vom Schauspiel sagt. Er reduziert einerseits auf Melodie, drückt also keine sentimentalen Gefühle mit auf die Tasten, wenn er anschlägt, die vorwegnehmen, was der Zuschauer selbst empfinden muß, damit er überhaupt "hört" (denn hören ist ein schöpferisches Nach-, nein: Vorwegbilden).

Sein einziges Gestaltungsmittel bleibt der Rhythmus, das Tempo, die technische Anschlagstärke und hier gleicht er sogar Vladimir Horowitz, wie dem VdZ scheinen will. Dessen Spielkunst auch nur rhythmenbezogen war, der wie Gulda einfach "die Noten spielte" - und dadurch mit dem Zuhörer spielte. Mit ungeheurer Virtuosität. Die aber so ihren rechten Platz bekommt, weil sie der Kunst dient (und sie nicht ersetzt; im Grunde sind es die Virtuosen, die Beethoven-Interpretationen oft so sentimental machen, als läge ihr Gehalt darin).

Vor allem später hat es ein in diesem Zurücktreten immer weiter gereifter Gulda geschafft, Beethoven Seiten zu entlocken, die wie dessen ursprüngliche Seiten wirken und seinen Kompositionen eine Lied- und Tanzhaftigkeit entbergen, die man zuvor gar nicht bemerkt hat. Hier wirken selbst in "weichen" Passagen die Noten oft hart. Kein Wunder, daß Gulda sich oft dem Jazz zuwandte, der ja auch ein Spiel mit der Destruktion der Dinge durch Rhythmus ist, um sie so umso mehr zu umtänzeln und dadurch zu erfahren.

Es ist der Rhythmus, aus dem die Welt wird und ist. Es ist der Rhythmus, der aus der Materia Dinge macht, die aus der Empfängnis der Form ihre Gestalt und damit erst ihr Dasein beziehen.









*271117*

Mittwoch, 22. März 2017

Beethoven hätte auch geweint

Michael Klonovsky meint, daß man bei dieser Furtwängler-Interpretation von Beethovens Neunter vom 20./22. März 1942 nur andächtig betend durchweinen dürfe. Nun - wir haben es ausprobiert. Es stimmt. So etwas Bewegendes aus einem oft sogar schon totgeliebt-abgeschmalzten Meisterwerk zu machen, ist einzigartig. Ja, erst so interpretiert kann man diese Symphonie doch überhaupt erst verstehen. Auf eine ganz neue Weise nämlich, die nur aus einer bestimmten Entscheidung der Frage ihre Erkenntnisweite erhalten kann, wie Beethoven überhaupt zu interpretieren sei. Derartig wuchtig bewegend - März 1942! - haben Sie, geneigter Leser, die Neunte gewiß noch nie gehört. Auf den Tag genau 75 Jahre nach dem auf Tonband aufgenommenen Ereignis - Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker.

Und wenn Sie beim dritten Satz immer noch nicht niederbrechen und weinen, geneigter Leser, fast bangensvoll ist das gesagt, dann ... dann ... sind Sie doch kein Mensch? Das hat mit subjektivem Geschmack nichts zu tun, das ist die Begegnung eines immer gleichen Menschen mit einem ewigen Topos, der jede Zeit aufhebt, den Furtwängler da sichtbar machte. Der von sich sagte, er habe "zeitlebens nur als Komponist dirigiert". Der Künstler muß immer neuschaffen!

Furtwängler holt diese gewaltige Vergegenwärtigung, dieses historische Gewand aus denselben Noten, nach denen sich tausende Andere gerichtet haben, nur aus dem Spiel mit den Rhythmen und Tempi. Das was ausgesagt wird - und immer ein "in die Zeit hinein" ausgesagt ist - steht nicht in den Notenblättern, obwohl keine einzige Note dort geändert wurde. Plötzlich entschwindet alles Idealistische, das man so oft um Beethoven brämt, und zurück bleibt ein einziger Schrei nach Gott, und ein ebenso großer Schrei von Gott her, der im Vierten Satz - nur der Übergang vom Dritten schon! - mit Gigantenfaust einbricht und im durchringenden Licht endlich Trost bringt, Trost inmitten der Tragödie, die das Menschsein ist. Plötzlich dann Stille, unendlich lang, und da - beide eins, beide in einem Miteinander, Mensch und Gott. Freude, edler Götterfunke, bricht Rudolf Watzke ein (den der VdZ nur als großartigen Interpreten in Wagner-Tonaufnahmen kannte) - Erlösung! Und die Erde formiert sich.

Man hat Furtwängler vorgeworfen, daß er unter Hitler das Volk von der Dramatik der Zeit "abgelenkt", ja getröstet habe. Ja, was soll denn das Ewige, die Erlösung, die Kunst bitte schön sonst sein!? Was immer sich Menschen ausdenken - es gibt eine reale, nein, eine REALERE andere Welt. Das Schöne, das Wahre, das Gute, es steht über aller Geschichte.









*301216*

Samstag, 4. Februar 2017

Die Kraft in der versagenden Kraft des Menschen

Brahms hat in seinen vier Symphonien immer nur dasselbe probiert, ist von anderen Werken - darin liegt seine Stärke - je nur zurückgekehrt, erfahrungsgeschwängert, und hat noch einmal den Erstentwurf verbessert. Es war nicht seine Form, die dritte ist von der letzten seiner vier Symphonien kaum noch zu unterscheiden. 

Wie anders Beethoven und - Bruckner, der ewig Unterschätzte. Hier ist ein Weg, hier ist ein Ringen um alles, um wirklich alles. Und beide enden mit ihrer Neunten, die Schubert in seiner Achten schon fast vorwegnahm, er schaffte es nicht mehr. Dworak noch einmal seltsam in Utopie überdrehte, als wollte er neu beginnen. Denn seine ersten acht Symphonien sind noch solche Entwicklung. Aber ihm ist - wie slawisch - sozusagen der Geduldsfaden gerissen, er ist nach Amerika gegangen, und frustriert zurückgekommen. Aber er hat die Utopie benützt, um neu anzusetzen, die Eidnrücke haben ihm ungewälzt,. Er kam nicht zur Vollendung. Während Mahler, der auf die Oper gerichtet war, in allem was er machte, die Symphonie sowieso ganz anders sah, technischer, wagt der VdZ zu sagen. Beethoven zuvor war sie eigentliche Form, er endigte himmelsgeschwängert, ohne ihn zu erreichen. Es bleibt voluntaristisch "schillerisch".

Bruckner hingegen in der Demut des einfachen Bauernburschen, der sich nie für groß genug hielt und Wagner nicht einmal die Hand zu geben wagte, bei dem er doch so viel an technischen Parallelen - beide Teilhaber an derselben Zeit und Musikstufe - sah, er schaffte diesen Übergang.

Bruckners Neunte ist deshalb umso hörenswerter. Nicht, weil der VdZ gesteht, daß er seine Symphonien mehr schätzt als selbst die Beethovens, aus reiner subjektiver Vorliebe also. Er hört in Bruckner etwas anderes. Es ist das wirkliche, abschließende Ringen eines "Musikanten Gottes" um das Seelenheil, das Schicksal des Lebens, seine Tragik, seine Erfüllung im Hoffen. Hier pocht ein Mensch mit allem was er hat ans große Tor, ohne noch an seine Kraft zu glauben - nur zu bangen, daß es reiche. Mit allen seinen bisher bereits angedachten Formen, noch einmal, noch einmal entwickelt, transformiert. Das ist die Wagnersche Form in Bruckner, nur anders, ohne Selbstaufspielung. Großartig unter Furtwängler interpretiert.  Eine Seele kam zur Ruhe. Hier klingt wie bei seiner wahrlich vollendeten (und im Linkverweis meisterlich* vorgetragenen) Kantate Os iusti der Mensch im All aus, die der VdZ vor etlichen Jahren das Glück hatte, in einem kleinen aber feinen Chor singen zu dürfen, denn nicht viele Chöre wagen sich über dieses rhythmisch sehr komplex gebaute Stück. Parce nobis, Domine!








*Speziell in dieser Kantate zeigt sich in der Fähigkeit zur Getragenheit eine Könnerschaft, die jenes Tempo erlaubt, das diese Kantate erst leuchten macht. Wahrscheinlnich wäre sie erst bei einer Dauer von 12 Minuten vollendet vorgetragen. Fast immer wird es zu schnell gebracht. Das ist aber kein Stück der Virtuosität. Denn erst im Meditieren erschüttern diese letzten Takte bis ins Mark. "Et non suplantabuntur gressus eius ... " die im "Halleluja" ins All verklingen. Vielleicht gelingt das Stück deshalb so selten vollkommen", weil auch den Sänger mehr und mehr eine Bewegung zum Ewigen erfaßt, die ihn unwiderstehlich zum Schluß nur noch in Tränen der Sehnsucht singen läßt. Einen gelngenen Schluß hat der VdZ deshalb ... noch nie gehört. Gebe Gott, daß er selbst ihn seinerzeit näher an der Ewigkeit sang. Vieleicht übersteigt er das, was ein Mensch überhaupt noch kann. Bruckner aber so gerne gehabt hätte. Der Leser mag aus dieser Version ahnen, was der VdZ meint. Deren Abschluß ist schon nicht so schlecht. Und, wagt er zu sagen, dann hat man Bruckner begriffen. Wahrscheinlich kann man Bruckner bald überhaupt nicht mehr singen. Oder aufführen. WER wollte ihn interpretieren? Denn Bruckner verstehen heißt, unter der verzweifelten Last der eigenen Sünde zusammenbrechen und auf die Gnade zu hoffen. Dann klingt er gut. Bruckner war in den Augen des VdZ vermutlich ein Heiliger, ein Mystiker. Aber einer der echten Art. Niemad sonst hätte so ein Ave Maria schreiben können. Aber die Heiligen der Gegenwart erkennt man nicht mehr.





*020116*

Sonntag, 27. März 2016

Festtagstanz

Und immer wieder - Beethovens 7. Symphonie unter Karajan, unter niemandem sonst kommt das an des VdZ Ohr. Der zweite Satz, ein scheinbarer Klangteppich, erhält nur unter ihm jene überwältigende Klarheit, in der sich jede Meereswelle absetzt, mit Schärfe zeichnet, und als Ganzes aufleuchtet. Übrigens ist auch Karajans Beethoven immer ein Herausarbeiten des Ursprungs der Beethovenschen Musik - im Tanz als eigentliche Weltbewegung. Man sieht die Reihen der Männer und Frauen, wie sie sich grüßen, ablösen, ineinander verhängen, trennen, schreiten, stehen, warten, losgehen, hüpfen, sich drehen ...

Der Gang einer Kultur läßt sich an ihren Tänzen ablesen. Einst war Gesellschaftstanz, dann mehr und mehr die Betonung des Paares, darin des Einzelnen, bis zum Zweiertanz, ehe es im heutigen Alleingehüpfe endet. Damit endet Kultur, denn sie kann nur eine Gesamtbewegtheit sein.









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Mittwoch, 23. März 2016

Jugenderinnerung

Aber was wäre ein Jugenderinnerung der VdZ ohne das Violoinkonzert Beethovens. Hier mit Anne-Sophie Mutter als Solistin, die Herbert von Karajan früh in ihrer Potenz erkannt und gegen manche Widerstände als "seine" Violinsolistin durchgesetzt hatte. Dargebracht im Saal des Hauses des Wiener Musikvereins, ein "Gebäude am Ring", das man im späten 19. Jhd. dezidiert als einen einzigen Klangkörper gebaut hatte. Ein Haus als Resonanzraum der Musik, die in ihm dargeboten wird.

Oh ja, auch wenn manche das nicht gerne hören: Das Wien noch des 18., des 19. und bis zum frühen 20. Jhd. war das Herz und die Schlagader der deutschen Kultur, sofern  man überhaupt von seiner solchen sprechen will. Der unvergleichliche Heimito von Doderer sprach ein einmal so aus: Es gab in Europa des 20. Jhd. nur noch zwei Kulturen, die man als solche überhaupt bezeichnen kann. Das war die englische, und das war die ... Wiener Kultur.

Der VdZ muß heute noch schmunzeln, als seinen Begeisterungsausbrüchen dieser Darbietung gegenüber einmal jemand äußerte: Aber, die Mutter spielt doch völlig falsch?! Herrschaften, um so falsch spielen zu können, muß man sowas von richtig spielen können, wie es jemand, der nicht falsch spielen möchte, ganz sicher nie vermag. Weil man das Handwerk nur benutzt, nicht daran ausrichtet. Weil man einer innersten Linie folgt, wie sie auch den Komponisten bewegt hat. Die erst überhaupt Vereinzeltes hervorbringt. Das macht das Historische, immer Zeitgemäße an der Kunst aus. Nicht die "gleiche" Virtuosität, Hervorbringung. Sondern das "in die Zeit bringen" eines ewigen Impulses. Der in einer historischen Gegenwart immer nur von jenen empfunden werden kann, der nicht vom aufgeregt Vereinzelten der jeweiligen Zeit bewegt wird, sondern sie überwunden hat. Sodaß sie jetzt erst ihm gehört.


Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und Orchester in D-Dur




Sehr interessant deshalb der Vergleich: Dasselbe Konzert wieder mit Anne-Sophie Mutter als Solistin ... und Herbert von Karajan als Dirigenten, im ersten Teil des Videos in Proben (eigentliches Konzert ab ca. Min. 25). Eine ganz andere Kraft! Karajan bettet die Solistin ganz anders ein, definiert ihre Beziehung zum Orchester anders. Überliefert ist dazu folgende Anekdote: Als Mutter mit diesem Konzert bei Karajan vorspielte, soll er gesagt haben: "Gut, aber kommen sie nächstes Jahr wieder." Mutter tat das. Karajan akzeptierte (und förderte) sie. Kunst braucht mehr als jede Virtuosität persönliche Entwicklung.

Muß eine tief persönliche, klare Stellungnahme sein. Sonst bräuchte es keine Künstler. Mutter sagte später auch, daß es für sie keineswegs eine Zurückweisung gewesen war. Sondern eine Ermunterung. Karajan hatte sie als Künstlerin ernstgenommen, und Künstlertum heißt eben zuallererst: Reifung! Vergleiche dabei der Leser dieses Blog die Brillanz, die gesteigerte Reinheit und Klarheit der Gestalt, die die Violinstimme im Konzert unter Karajan annimmt. Welche Sanftheit des Orchsters, in dieser gigantischen Gesamtpräzision! Der Leser möge lächeln, aber ... es ist in einem Schauspiel, in Filmaufnahmen um nichts anders. Der Schauspieler spielt sich als Primgeige. Der Regisseur ist der Dirigent, der das Ganze im Blick hat.

Der subjektive Gestaltungswille ist es, der den phantastischen Virtuosen im Orchester vom Solisten (oder Führungsschauspieler) unterscheidet. Er ist im Chor, im Orchester unter Umständen sogar ein Versager. Weil er sich nicht in dem Maß einfügen kann, kann, wie der Solist. Es ist ein eigener Kampf jedes Solisten, jedes Führungsspielers, der deshalb zu fechten ist. Denn er führt über die Nicht-Anerkennung.

Und doch, und doch ... beginnt die Kunst erst dort, wo das Materiale hingebungsvoll beherrscht wird. Bis zu dem Punkt, wo Heinz Rühmann einmal so wunderbar sagt: "Ich habe sie damals alle gesehen, die Großen. Aber ich habe auch gesehen: Sie haben alle nur ihre Text gesprochen."









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Sonntag, 20. März 2016

Jugenderinnerung

Wie schon  mehrmals - Friedrich Gulda (mit den Wiener Philharmonikern), diesmal in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 unter Georg Szell. Gulda versteht es, die Fundierung aller Musik, und gerade der Beethoven'schen Klavierwerke, im Lied und im Tanz, in der Grundlage der Welt also, an die Weltoberfläche zu holen. (Die noch immer zu erwerbende Gesamteinspielung der von ihm interpretierten sämtlichen Beethoven-Klavierwerke sei zum Erwerb empfohlen!)

Das Gefühl bestätigt sich: mit dem 5. Klavierkonzert hat Beethoven eine ständige Weiterentwicklung seiner Klavierkonzerte abgeschlossen. Sie wirken wie Vorarbeiten auf dieses Werk. (Arbeitet nicht jeder Künstler nur an EINEM Werk, an der EINEN universalen Weltformel? Man sollte das nie vergessen!)

Obwohl der VdZ über wirklich viele Jahre dieses Werk wieder und wieder in der Interpretation des an sich virtuosen Claudio Arrau gehört hat,  hat ihm erst spät Friedrich Gulda den Blick darauf weit gemacht. Alles in diesem Werk schreitet, tanzt, singt ... und spricht und streitet mit dem Orchester.

Die Ursprache des Menschen ist - das Lied, der Gesang, seine Bewegung ist Tanz! Sie waren seine Ausgangssprache, und sie werden seine letzthinnige Sprache sein. In der Neuschöpfung, die uns erwartet. In die hinein uns der Erlösungstod Jesu Christi geholt hat, wenn wir ihm beitreten. Wir werden dann einst singen. In Reimen singen, im Reigen tanzen. Denn wir haben einst nur in Reimen gesungen. Und all unsere Bewegung war Tanz. Dorthin geht die Welt wieder. Soweit sie es annehmen will.

Kann jemand, der mit diesem Werk aufgewachsen ist, mit dieser heutigen Welt Freundschaft schließen? Der geneigte Leser möge dem VdZ also so manches ... verzeihen.


Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 5








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Montag, 25. Mai 2015

Meisterlich

Zum Vergleich hier die Aufführung der 9. Symphonie Beethovens mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein unter Christian Thielemann, im großen Saal des Wiener Musikvereins, diesem im 19. Jhd. bewußt als Resonanzkörper gebauten Hauses am Ring.

Vollkommenheit, in der sich jeder Teil ins Ganze zu einem neuen Ganzen fügt, und das vielleicht zu selten bei Beethoven Gesehene - seine Anbindung an Musik als Tanz, weil als Weltbewegung, sein Liedhaftes!* - so durchdringend erfahren läßt. Denn das gibt seiner Musik ihre heroische, tiefgeistige Heiterkeit als tragenden Grund, die man aber hören können muß.** (Die wahrzunehmen auch der VdZ lange Jahre brauchte.) Thielemann reißt dabei das Orchester zu einer Höchstleistung, das sonst gerne einmal etwas "ein-wienert", weil es um seine objektive Qualität ohnehin weiß. Die es hier aber wieder einmal zeigt, die sogar in der Digitalisierung noch erahnbar ist.

Hören Sie hier aber den Tanz der Menschheit? Spüren sie, wie die rhythmische Strenge zur Freiheit der Freude als wahre Heiterkeit wird? Sehen Sie im Schlußsatz die in der himmlischen Erlöstheit wirbelnden, im Tanz schreitenden Paare, Männer in ihren schwarzen Jacken mit goldenen Knöpfen, Frauen in ihren roten Röcken, die das Drehen zu Glocken formt, Völker, die sich vor dem großen Finale noch einmal in höchster Spannung im Gebet sammeln, um dann endgültig, vereint mit dem Chor der Engel, die man mitzuspüren meint, freigeworden von aller Erdenschwere loszustürmen ins Licht, in das sie die Schöpfung mitreißen.

Beethoven mußte es in Stufen aufbauen, in diesem fast 50minüten letzten Satz immer wieder zurückgreifen, um Luft zu holen, um eins ums andere nachzuziehen, was der Zuhörer je zurücklassen mußte, bis er ganz in seiner Spitze des Universalen versammelt ist, denn unerfaßbar wäre sonst die finale Wucht, die menschliche Schale wäre zu klein. Das Wesen des Dramas!






*Als Hörempfehlung erlaubt sich der VdZ die Beethoven-Klaviersonaten in der (schon etwas älteren) Interpretation von Friedrich Gulda zu nennen. Denn meist werden gerade diese Werke überfrachtet mit einer Sentimentalität, die dem Werk gar nicht gerecht, aber von vielen im Rahmen eines unerträglich romantisierten Geniebegriffs als "schön" mißverstanden wird. Das hat auch der VdZ erst bei Gulda begriffen. Denn der zeigt einen ganz anderen Beethoven, einen Tanz- und Liedermacher, an den man viel mehr glauben kann, wenn man das einmal herausgehört hat. Es verläßt einen nicht mehr. Plötzlich erhellt sich nämlich dieser Komponist, als würde er von diesem bedrückenden Gefühlsmuff befreit, und seine Musik wird damit erst wirkliches Gefühl und Geist.

**Der VdZ sieht Thielemann in einer Reihe mit Böhm, Furtwängler, vor allem aber Karajan bei Beethoven-Werken, auch wenn er an Beethoven wieder ganz Anderes sehen läßt. Man höre aber des letzteren (späte) Interpretation von Beethovens 7. Symphonie, v. a. im 2. Satz (ab min. 11,47) - die Symphonie als ein einziger volkstümlicher Tanz.  

Was die Völker (und ihre Musik) unterscheidet, was sie, was den Einzelnen, der immer Teil eines Volkes ist, kennzeichnet, ist im Tanz erkennbar und damit mitteilbar, anderen nachfühlbar geworden. Denn Menschsein heißt zuerst: Rhythmus, Bewegungsgestalt zu sein und daran wie darin zur Menschengestalt werden. Die Welt IST Rythmus.








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Sonntag, 24. Mai 2015

Heroische Lebenshaltung als Schale des Geistes

Es ist schon sehr aussagekräftig, wenn ausgerechnet das, was "die Menschen des Islam" mit dem Christentum vielleicht am meisten verbindet, von den Christen am meisten abgelehnt wird: Und das ist das, was Hemmingway mit  vollem Recht als jenen Ort nennt, an dem das Leben seine größte Kraft entfaltet. Es ist die heroische Lebenshaltung!

Und dort liegen in den Augen des VdZ auch jene Anknüpfungspunkte, wo der Muslim, der wirklich Geist, Spiritualität sucht, sich seiner Bruderschaft mit dem Christen bewußt werden könnte, ja wo ein In- und Miteinander möglich würde, das wirklich die Tore zur "einen Religion" öffnen könnte. Wo der Islam seine Wüsten aus den eigenen Wurzeln heraus wieder bewässert. Und die sind das Christentum. Ja, wo wir von den Menschen, die sich Muslime nennen, sogar etwas lernen können. 

Denn wenn auch manches pseudologisch unwirklich geworden ist, so erinnert selbst der Fanatismus der IS und der Islamisten generell an diese Grundhaltung des Lebendigen. Das nicht aufatmet, weil es keine Todesgefahr mehr zu fürchten braucht, und rund um sich Polsterlandschaften der Sicherheit aufgebaut hat. Sondern das sich bewußt dem Tod stellt, um ihn dadurch zur Furchtlosigkeit zu überwinden. Diese genuin christliche Grundhaltung - "non timete!" - des Gekreuzigten ist aus überaus nachvollziehbaren (geistig-seelischen) Gründen "im Islam" in dieser Überzogenheit aufzufinden. Als Problem der Überführung des Geistes ins Fleisch, wie es beim Durchdenken der Konsequenzen des Arianismus (Jesus ist nicht Gott, nur Mensch, "mit Sendung", muhamad also) gar nicht anders kommen kann. 

Aus exakt demselben Grund hat sich Europa poseudologisch, "virtuell" entwickelt; auch hier hat sich die Tugend in den Voluntarismus und Positivismus verlagert - man beachte die heutigen führenden Moralgebote, die sich in zahllosen Lebensführungsregeln niederschlägt, von der political correctness über die Mülltrennung bis zum Klimawandelwahn

Ihre wirklichen Wurzeln liegen aber in der durch Jesus Christus offenbarten Grundhaltung des Menschen zu Gott hin: der heroischen Lebenshaltung, die sich ohne Furcht der Wirklichkeit stellt, den Kopf jederzeit zum Empfang eines Hiebes geneigt.

Die Entstehung wie Ausbreitung des Islam ist keineswegs geographisch belanglos universal. Sie setzt auf einer natürlichen heroischen Mentalität auf, wie sie sich in weiten Teilen der Welt tatsächlich noch erhalten hat. Eine Haltung, wie sie auch das Griechentum so großartig herausgestellt hat, bei allen spirituellen Verkürzungen, die mangels Offenbarung im Christentum kaum anders hätten eintreten können.

Das ist nicht die Wohlstandsmentalität, in der Europas Christentum zur verweichlichten, trägen Wohlstandsgrinsefigur verkommen ist, die ohne das Waten in Versorgtheit und Versorgungshaltung gar nicht denkbar wäre. Und aus demselben Grund die christliche Botschaft zur friedensverschwafelten Luschenbrühe verdünnt, die die Simulation von Liebe, die in Wahrheit gar niemanden berührt und bewegt, am allerwenigsten die die dauernd davon reden, zum Gebot erhebt. Weil man so dem Schmerz der Begnung mit dem Wirklichen, dem Sein, am elegantesten vermeidet, weil man DEM ANDEREN das Schwert des Muts zur Welt und zur Gestalt aus der Hand nimmt. Wo alles eingeebnet ist, ist nichts mehr gefährlich. Weil nichts mehr da ist, nur ausgekaltete Herzen.

Da tut es richtig gut, in den Muslimen - auch - diesen richtigen Impuls der Anti-Moderne zu sehen, aus dem sich so etwas wie "Anti-Amerikanismus" herausdestilliert hat. Denn dazu braucht es heute Heldentum. Man fürchtet im offiziösen Europa aber regelrecht diesen Impuls, diesen Geistesfunken, dessen Gebet ironischerweise die sogenannte "Europahymne" ist - dieses Ineinander von Schillers Ode an die Freude und Beethovens Lebenswerk im Enthusiasmus schloß, in der Erfülltheit mit Gott, im Chor der Schöpfung, in der der Mensch zum wahren Abbild Gottes in der Liebesumschlungenheit von Geist und Fleisch wird. Als Kraft, die wahrlich zu bewegen vermag.

Die Fahne, unter der sich dieser Kontinent angeblich sammelt, und die man in Wahrheit längst fürchtet, genau deshalb weil sie ihre Botschaft sendet. Weil sie da und dort auch europäische junge Menschen erfassen könnte.

Aber es ist diese Haltung des Heroischen, in der sich der Mensch zum Geist der Heiligkeit öffnet, auf daß er darin bade, von diesem übergossen werde, und sich zum wahren Leben im Geist erhebe. Hemmingway hatte völlig recht. Der Mensch ist nur, wenn er liebt. Er ist nur, wenn er heroisch lebt und sich in den Geist übersteigt. Und dort sind wir den Menschen jenes geographischen Raumes, der als islamisch bezeichnet wird, wirklich Brüder. In diesem Funken träfen wir uns wirklich. In jener Männlichkeit, die Hemmingway mit jeder Zeile meint.*

Denen freilich eines fehlt: Jenes Licht, das die Welt erleuchtet hat und erleuchtet, in carnatio, im Fleisch, als Gestalt, und den Menschen der sich zu dieser Gestalt öffnet, zum wahren Heldentum führt. Nicht als tragische Karikatur nach einer Erfülltheit hechelt oder auf eine Erfülltheit wartet (nach wie vor gibt es Strömungen im Islam, vor allem bei den Shiiten, die auf einen Mahdi, einen Erlöser warten), die sie umso mehr verliert, als sie sich danach willentlich explizit streckt.

Das ist dann der wahre Enthosiasmus, die wahre Freude, kein billiges Surrogat der Selbstmanipulation, zu der europäische, christliche Lebenshaltung verkommen ist. Es ist der Geist des Heldentums, der uns erst zu Christen macht, aus dem die Welt überhaupt nur lebt. Das erfassen Heiden, wie Hemmingway, zumindest als das, was dem Menschen wirklich fehlt. Weil sie sich einfach nicht von der Sattheitsmentalität, aus der diese Brühe kommt, die wir als angebliches Christentum durch die Welt spritzeln, einlullen haben lassen können. Zeigen wir allen doch, wo jenes Heldentum liegt, das die gottferne Fleischlichkeit so ersehnt, daß sie nicht auf den Erlöser warten will, den sie nicht sieht, weil wir, geschmackloses Salz, ihn verbergen.









*Oh, er habe sie nicht "gelebt", sondern nur in der Kunst herbeiimaginiert? Wer so redet, weiß nicht, was das Wesen des Künstlers und der Kunst überhaupt ist. Denn des Künstlers Werk ist, und darin unterscheidet er sich in nichts (außer der materia, dem Material) von den Menschen des weltlichen Alltags, des Nutzengeflechts, jenes Medium, in der er sein Leben wirklich lebt und vollzieht. Wie oft wird hier auch von Künstlern ein tragischer Fehler begangen, weil sie dem Druck des Menschseins wie alle anderen es leben erliegen. Und ihren Lebensacker verlassen, und sich auf fremdem Territorium lächerlich machen.



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Donnerstag, 7. November 2013

Dichte durch Sinn

Vielleicht wirklich die beste Interpretation Beethoven's 9. Symphonie aller Zeiten - durch Wilihelm Furtwängler, am Luzern Festival 1954. Mit dem London Philharmonic Orchestra, und der unvergleichlichen Elisabeth Schwarzkopf.

Er sieht Bögen, Zusammenhänge, Sinn, Interpretationsbögen, die anderen entgehen, die verbinden, überspannen, was andere nur als einen Parcours von Zielpunkt zu Zielpunkt hintereinandersetzen können. Und erreicht damit eine Intensität, in jedem Augenblick, die immer von einem überspannenden Gesamtsinn ausgeht, die vermutlich nicht mehr zu übertreffen ist. Oh nein, hier kommt keiner daher und tut so, als käme die "Ode an die Freude" ach wie wichtig daher. Hier KOMMT sie, als erfahrbarer Urgrund der Welt, aus dem Dunkel, und lichtet alle Welttragik. Wie gerne wäre der Verfasser dieser Zeilen damals, 1954 in Luzern, dabeigewesen.

Müder Abklatsch, rekonstruiert, was heute davon - auf diesem Wege, dem Netz - nur noch in der Hysterie in der Form der Digitaltransposition zu erfassen ist. So gut können die Lautsprecher des geneigten Lesers gar nicht sein. Es kann nicht mehr sein aus Aufforderung, wenigstens die Rille, die Schallplatte zu hören, in der noch die reale Wirkung selbst, die Welle leiblich leiblich, konkret, wirklich erfaßbar ist.

Heute sitzt da einer, der mit (wenigen, ach wie wenigen!) Lautstärke- und Tonaussteuerungen per Programmierung, die selbst bereits Interpretation ist, zu simulieren versucht, was diese Musik wirklich ist. Und als was sie damals Fleisch wurde. Sodaß das Weinen, das der Freude entquillt, heute ein Weinen der Trauer über mögliches Mögliches ist, nicht über Wirkliches. Man "kann es sich (nur noch) vorstellen." Zwischen "best of" Bach oder Tschaikowskij oder ... Beethoven.*










*Es gab Zeiten, da verwendeten HiFi-Enthusiasten - noch wirkliche Musikliebhaber - Golddraht von den rein mechanischen Tonabnahmesystemen und Verstärkeranlagen zu den Boxen, um den letzen Weg des direkten Schalls, der Bewegung selbst, die das Musikereignis bei der Produktion ausgelöst hatte, zu übertragen, nicht in den letzten Metern noch mehr als nötig zu verlieren. Um an Ereignissen wie diesem über die Zeit hinaus wenigstens etwas teilzuhaben. Was wir heute über digitale Musikanlagen erfahren, ist prinzipiell etwas völlig anderes.


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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Nur er schafft das

Es gibt nur eine Interpretation der 7. Symphonie Beethovens, die der Verfasser dieser Zeilen anerkennen kann - die von Karajan, das Orchester ist dabei egal. Nur er schafft es, den 2. Satz, das Kriterium dieser Symphonie, so präzise, so "gnadenlos klar" zu leiten, daß dessen Kraft erfahrbar wird. Die schon bei nur wenig sentimentaler Auslegung unerträglich verschwimmt.





Vergleiche der geneigte Leser dazu die Interpretation unter dem Juden (Zitat Wikipedia*) Fritz Reiner. An sich könnte man meinen: gut. Aber eine andere Welt. Reiner's Version, die dem Motiv einer österreichischen Volksmusik möglicherweise auf den ersten Eindruck "nahekommt" - kommt ihm nahe, indem er genau das sentimentalisiert. Also einer Vorstellung der Wirkung entspricht, und diese "produziert". Damit kommt er in gewisser Weise dem Geschmack - nein, der Erwartungs- und (dem Vergangenen entnommenen) Vorstellungswelt - des Publikums näher. Aber das verweigert Karajan. Merkmal des Künstlers - gegenüber dem unkünstlerischen Virtuosen.

Vergleichen Sie einfach. 2. Satz etwa ab Minute 14:40







*Gerade in diesen Tagen läuft in Wien das Festival des Jüdischen Films. Und einer der Beiträge dazu - Sraia, unter der Regie von Marcel Demner - zeigt ihn ... in der Rolle eines jüdischen Patriarchen. Übrigens: In der Sprechweise des jiddisch-english.





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