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Mittwoch, 27. Februar 2013

Auf den Punkt (8)

"Der Sinn des ganzen menschlichen Seelenlebens läßt sich kurz in folgender Weise bestimmen: 

Er besteht darin, durch zweckmäßige Verwendung und Verbesserung der eigenen leiblich-seelischen Ausstattung und der gegebenen Lebenslage, in angemessener Auseinandersetzung mit der jeweiligen, vermeintlich realen, Umgebung und mit dem vermeintlich realen Geschehen und Tun in der umgebenden Natur, in den umgebenden Menschen, den sozialen und kulturellen Verhältnissen trotz aller ungünstigen Schicksale und subjektiven Zustände eine bestimmte persönliche menschliche Seele stufenweise und mit zunehmender Beihilfe der eigenen Freitätigkeit so auszuzeugen und zu erweisen, daß diese Seele zugleich in eine bestimmte Lebensgemeinschaft mit anderen Wesen auf der Erde und mit den letzten Wesens- und Seinsgrund aller Wesen eingegliedert ist. 

Damit hat auch die angemessene Zuwendung zum Äußeren, die Erwerbung einer bestimmten äußeren Macht, die Ausübung bestimmter äußerer Tätigkeiten und Wirkungen, die Ausführung bestimmter äußerer Leistungen, die Erwerbung bestimmter äußerer Güter und die Vermeidung bestimmter äußerer Übel ihren verständlichen Sinn.

Als gegebene Faktoren [...] sind daher hinzunehmen die Tatsache, daß die einzelne Seele gerade diese leiblich-seelische Ausstattung mitbringt; daß sie gerade in diese besondere Umgebung auf der Erde eintritt, in der während ihres Lebens grade dieses Geschehen stattfindet; daß ihr Leib und sie selbst grade diese Schicksale erleiden und schließlich daß ihr Ich nacheinander grade diese Reihe von freitätigen Akten ausführt."


Alexander Pfänder, "Die Seele"









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Dienstag, 26. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (7)

7. Teil) Der selbstverständliche Urtrieb der menschlichen Seele - 
Der Trieb zur Selbstauszeugung




Entgegen häufiger Behauptungen, daß der Mensch, so wie alles Lebendige (das ja alles auch eine Seele, wenn auch unterschiedicher Art hat), sich im bloßem "Überlebenstrieb" erklären ließe, zeigt Alexander Pfänder in "die Seele", daß dies keineswegs ausreicht, um das tatsächlich beobachtbare Verhalten der Seele aus einer Wurzel heraus zu erklären. Ja im Gegenteil. Das bloße Überleben selbst ist lediglich eines der Mittel, deren sich die Seele in ihrem Bestreben, sich zur Fülle auszuzeugen, bedient. Und es ist keineswegs das einzige oder hauptsächlichste Ziel des Menschen.

In ihm finden alle anderen Triebe ihr Maß und ihren Sinn, hier schließen sich erst und endlich die Kreise. Er befeuert das Seelenleben zu seiner Vielfältigkeit und Komplexität. Sämtliche übrigen Triebe lassen sich aus ihm heraus als Partialtriebe verstehen, die einem einzigen Gesamtziel dienen. Dem Ziel der Seele, sich ihrem Wesen gemäß in die Welt hinein zu entfalten, ins Fleisch hinein genauso, wie im Weg zu sich selbst, in der Reflexivität. Umgekehrt verlieren alle Partialtriebe - die dann als Mittel zu sehen sind - ihr Maß und ihr Ziel, wenn sie aus diesem aus sich heraus alles einenden Urtrieb heraustreten.

Geht man noch einen Schritt weiter, so läßt sich alles Lebendige in einem Stufenaufbau erfassen, wo das Physische im Psychischen integriert ist, und dieses wiederum im Geistigen, wie beim Menschen konkret, sodaß das je Höhere (als Übergeordnetes Prinzip) das je untere in sich einschließt und nach ihren Prinzipien prägt. Was heißt: Zur Vollauszeugung in gewisser Hinsicht prägen sollte, weil unausbleiblich ohnehin prägt. (S. u. a. der Entelechiegedanke bei Hans André, "Die Einheit der Natur") Es gibt den Menschen also nicht, der keine geistige Weltanschauung hätte. Es gibt aber den, der sie nicht kennt oder kennen will.

Und hier, aber auch genau hier, schließen sich somit die Kreise des Konkreten, Dinghaften, zur Metaphysik des Seins überhaupt. Denn selbstverständich fällt das menschliche Dasein, die menschliche Seele, in ihrem Wesen und in ihrem Sinn nicht aus dem Wesen und Sinn des Daseins der Welt überhaupt heraus.  Erst wenn - und in dem Maß und in der Art, wie man es tut - man das Wesen des Seins überhaupt, das Wesen aller Dinge begreift, erschließt sich auch das Wesen des menschlichen Seelenlebens, wird es verstehbar. Denn das Wesen der Welt IST Selbstauszeugung. Dieser Grundzug läßt sich allem Seienden, allen Dingen, allen Sachen letzterklärend, aber letzterhellend, beimessen. Erst wenn man weiß, versteht, was die Welt überhaupt ist und soll, versteht man auch den Menschen.

Alle, und gerade die heute geläufigsten, Erklärungsversuche und Sinnmodelle des Menschen gründen deshalb in einer Art und Weise, die Welt - das Seiende als Sein - überhaupt zu sehen. Ob sie das explizit wissen und ausdrücken, oder nicht (was am häufigsten der Fall ist). Wird hier schlampig, fehlerhaft gedacht, zerfällt alle übrige Erklärungsmöglichkeit, wird bruchstückhaft und ungenügend. Gustav Siewerth schreibt deshalb völlig zurecht, daß wenn die Ontologie der Philosophie versagt, einerseits die tiefsten Rätsel des Seins unverständlich werden (ausgehend ganz konkret vom Wesen der Dreifaltigkeit, das ohne Chance auf Verstehen bleibt), so wie sich in diesem unauflöslichem Zusammenhang aller Stufen des Denkens - wo die Erstprinzipien alle übrigen Gedanken formieren und bedingen, ja in einer gewissen Zwangsläufigkeit, Logik zueinander stehen - auch die konkreten Dinge der Welt verschließen.*

Darein reihen sich dann auch weitere Beobachtungstatsachen - wie die, daß alles was ist, auch und vor allem ein Sein für die anderen ist. Und erst in diesem "Sein für" ein "Sein für sich". Womit auch jene Grenzen berührt werden, wo der Mensch, seine Seele, selbst zum Geheimnis wird. Ohne in Irrationalität oder "Unverständlichkeit" zu versinken. 

Und damit schließt sich diese kleine Artikelserie, die natürlich nicht beansprucht, in jeder Hin- und Rücksicht ausgeführt zu sein. Sie konnte und wollte nur anreißen, zu einem kleinen Überblick zusammenfassen. Zeigen, daß hier, und genau hier, Sinn und Wesen von Kultur beginnt. Als Ausfluß wie Kontur menschlicher Gestalt, der Frucht der Selbstauszeugung der Ideen Gottes, der diese Ideen auch ist. Und in deren ohnendlicher Realität unser Personsein als Geschöpf gründet. Das im Zueinander von für-sich-Stehenden Entelechien das immer je aktuelle und darin geschichtliche Gesicht einer Kultur darstellt. Entfernt sich also eine Kultur vom Sein selbst, so fällt sie in sich zusammen. Umgekehrt lebt sie erst und nur aus der Selbstauszeugung der Menschen. Denn es gibt keine inhumane oder "andere" Kultur, so viele Scheinformen von Kultur es geben mag. Es gibt nur eine Kultur, die sich in dieser Grundwesenheit des Lebendigen verfehlt, und damit zum Tode zerfällt.

Völlig zum Gegenteil also von Freud ist Kultur kein Produkt eines Staus von Trieben "niedrigerer" Qualität zugunsten höherer Tätigkeit, sondern überhaupt nicht aus Triebstau erklärbar. Vielmehr kommt es auf das vom Ich, der zentralen Mitte her definierte Zueinander und auf die richtige, dem jeweiligen Individuum gemäße, also von Mensch zu Mensch verschieden gewichtete Entfaltung und Bewahrung vor Entartung (Maßverlust durch Loslösung vom zentralen Ich) aller Strebungen im Dienste einer zentralen Aufgabe: Der Selbstauszeugung, der Entelechie.

Kultur ist also kein Ersatzprodukt beengter quasi untermenschlicher Natur. Sie ist die Vollendung der Zielung aller Natur, auf all ihren Ebenen. Die in ihrer Entfaltung sohin graduell mehr oder weniger, je  nach Seinsstufe ausdifferenzierte, vollkommenere Abbildhaftigkeit Gottes wird. In dessen Einem, dem Sein, das alles umfängt und als Akt erhält, sie ihre Einheit findet, Ecclesia wird.






*Es gibt deshalb keine, und zwar wirklich keine Psychologie, die nicht eine Weltanschauung und eine religiöse Haltung wie Entscheidung zu ihrer Grundlage haben. Es gibt deshalb auch keine psychologische oder psychoanalytische Methode, die NICHT metaphysische Modelle und Vorentscheidungen zur ihrer Grundlage hat, und in ihrem Sinne auf eine "Lösung" hinarbeitet und ausgerichtet ist. Das zeigt das ganze Elend der heutigen praktischen Psychologie auf. Die diese Tatsache noch dazu häufig verweigert, und damit ihre eigenen Grundlagen - aus den unterschiedlichsten, selbst psychologisch untersuch- und verstehbaren Gründen - unbewußt und ununtersucht läßt. Sodaß die Psychologie in den allermeisten Fällen der Gegenwart (es gibt nur ganz wenige in dieser Hinsicht verdachtsfreie "Methoden", sofern das überhaupt Methoden sind) subjektives Mittel zu subjektiven Zwecken der Psychologen selber wird.






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Mittwoch, 20. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (6)

6. Teil) Der Trieb nach reflexiver Macht




Die reflexive Macht bezieht sich auf die Macht über die eigene Seele, das eigene Seelenleben, anders als das transitive Machtstreben (s.o.), das auf Macht über das Außen aus ist, als Macht über den Leib, die Natur, die Pflanzen, Tiere, andere Menschen, soziale Gemeinschaften und über die verschiedenen Kulturgebiete.

Geht diese Macht auf die Erhöhung von Selbstwert, Vermeidung von Selbstunwert aus, zielt sie auf die Mögichkeit auf sich einzuwirken, ist sie mit den anderen reflexiven Trieben verbunden. Das würde das Vorhandensein eines reinen reflexiven Machttriebes nicht schließen lassen. Genauso wenig, wenn diese reflexive Macht auf transitive Triebe abgezielt ist, auf Güter, auf die Macht andere zu beeinflussen, deren Achtung zu erzielen, oder gewisse Leistungen technischer oder kultureller Art zu erzielen. Hier überall ist dieser Trieb nicht Selbstzweck.

Aber schon im bloßen Streben nach Selbstbeherrschung zeigt sich ein reflexiver Machttrieb, der keine außerhalb seiner liegenden Dienstbeziehungen braucht. Er kann um seiner selbst willen auftreten, und er tritt auf. Und er will sich bloß in seiner Mächtigkeit erproben. Noch deutlicher wird es, wenn man sich vor Augen führt, wie sehr der Mensch (die Seele) versucht, Situationen der Ohnmacht, des völligen Verlustes der Selbstbeherrschung zu vermeiden. Vieles am menschlichen Verhalten erklärt sich bloß aus der Tatsache, daß der Mensch viel tut, nur um solche Situationen der Ohnmächtigkeit, des Verlustes oder der Einengung der Macht über sich, zu vermeiden.

Aber auch dieser reflexive Machttrieb ist sich nicht selbst Maß, und alle bisherigen Triebe lassen sich nicht einfachhin auf ihn zurückführen. Sie sind auch keineswegs immer auf diese Selbstmächtigkeit ausgerichtet. Es wäre eine Verdrehung, sie (einschränkend) in solcher Selbstmächtigkeit begründen zu wollen. Manche dieser genannten Triebe sind sogar zuweilen in ihrer Zielung darauf ausgerichtet, auf diese Selbstmächtigkeit (oder deren Erweiterung) zu verzichten.

Umgekehrt kann er ebenfalls entarten. Denn es gibt auch die Sucht nach grenzenloser, willkürlicher Beherrschung des eigenen Seelenlebens, die den entsprechenden Menschen nie zufrieden sein läßt, egal wieweit seine Selbstmächtigkeit auch reicht. Das "wozu das alles?", das er sich dann oft stellt, zeigt, daß es dieser Selbstmächtigkeit noch an Sinn mangelt. Sie kann also gleichfalls nicht in sich ihre Begründung haben. 

Und hier kommt nun ein letzter festzustellender Trieb ins Spiel - der Trieb nach reflexivem seelischem Leben. Den über die Tauglichkeitsmachung hinaus, sei es um gewisse Selbstmacht zu gewinnen, sei es anderer Zwecke wegen, hat die Seele das Streben, aus all ihren praktischen Strebungen zu sich selbst zurück-, heimzukommen. Und nur darin liegt die Befriedigung dieses Strebens, in keinem äußeren Zweck. In dem einen stärker, in dem anderen schwächer, und manchmal ist er sogar verschüttet. Aber vieles am Menschen läßt sich erst unter dieser Hinsicht verstehen.

Dennoch weist Pfänder darauf hin, daß es ein gewisser Irrtum ist, der der Philosophie entspringt, daß das generelle Ziel des Menschen die Entfaltung solchen reflexiven Lebens sei. Er müsse zu sich zurückkommen. Viele praktische Zielungen sind nämlich keineswegs durchseelt von dem Antrieb, zu sich zurückzukommen. Z. B. wenn es darum geht, einem anderen Menschen Freude zu bereiten.

Es ist daher auch nicht für jede beliebige Seele selbstverständlich, von einem Trieb nach reflexivem Seelenleben erfüllt zu sein. Allerdings zeichnet sich speziell die menschliche Seele durch das Vorhandensein von reflexiven Regungen in ihr aus. Es wird also wohl im spezifischen Wesen der menschlichen Seele begründet liegen, daß sie nach reflexiven Seelenregungen strebt.

Um aber einsichtig zu erkennen, daß es so ist, daß also der Trieb nach reflexivem leben der menschlichen Seele selbstverständlich ist, wird erst das spezifische Wesen der menschlichen Seele zu klären sein. Und damit ist der entscheidende Punkt erreicht. An dem es zu sagen gilt, daß aus ihren Regungen und Trieben und Strebungen und Zielungen heraus die menschliche Seele alleine nicht verständlich wird. Und damit auch nicht das, was als menschliche Kultur bezeichnet werden kann. Es braucht einen diesem der Beobachtung zugängigen Seelenleben übersteigenden Sinn, der nicht alleine aus den Strebungen heraus erklärbar sein KANN, wie oben gezeigt wurde. Diesen Sinn kann man auch nicht erfinden, sich ausdenken, kreieren. Er muß schlichtweg gefunden werden.

Erst aus diesem heraus läßt sich dann der Mensch wirklich verstehen. Die fünf transitiven und fünf reflexiven Triebe, die oben vorgestellt wurden, dienen alle auf irgendeine Weise der Macht über äußere und innere Umstände. Sie drängen danach, sich außen und innen als tätig und wirkend zu erweisen. Sie verlangen die Vollbringung gewisser äußerer und innerer Leistungen. Sie streben danach, im Äußeren und im Inneren allerlei vermeintlich Wertvolles zu haben, und von allerlei vermeintlich Unwertvollem frei zu sein. Alle diese Triebe können nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig wirken, sich unterstützen, aber auch widersprechen. Und sie müssen keineswegs bewußt werden. Im Gegenteil, hierin unterliegen sie in ihren Verhältnissen der Möglichkeit zur Täuschung.  Gewisse Triebe, wie der Selbstwerttrieb, sind sogar besonders geeignet, solche Täuschungen zu effektuieren oder dazu zu verführen. Es ist also töricht zu sagen, man wisse schon selber am besten, aus welchen Trieben man dies oder jenes getan habe. Die Ausdeutung der Antriebe ist meist eine höchst schwierige Aufgabe.

Aber nicht einmal die Einwirkung des freitätigen Ich ist dazu nötig. Alle diese Triebe wirken auch ohne diese Mithilfe, sie sind Bestandteile des seelischen Selbstgetriebes, das unwillkürlich von selbst, oder in Reaktion auf äußere Einwirkungen entsteht und verläuft.

Doch kommen diese Einwirkungen des freitätigen Ich zu diesen Antrieben modifizierend DAZU. Dieses freie Einwirken ist aus den genannten Trieben selbst nicht mehr verständlich. Eine verstehen wollende Psychologie, die alles aus diesen Trieben also verstehen will, stößt hier an unübersteigbare Grenzen. 

Dabei zeigen die Triebe, die wie gezeigt in sich maßlos sind, daß sie in der Praxis sehr wohl ein Maß haben. Das auch nicht aus den äußeren Einwirkungen (der anderen Triebe zum Beispiel) erklärbar wird, selbst wenn es sich oft so erklären lassen würde. Darüber hinaus zeigt sich, daß ein Trieb oft sein Maß "in sich" zu haben scheint. Mit "Lust/Unlust" ist es nicht zu erklären, denn die Triebe streben keineswegs "direkt" Lust an, sondern ihre Ziele enthalten "vielleicht" Lust, bestehen um ihrer selbst willen. Sodaß immerhin die Möglichkeit besteht zu behaupten, daß nicht die Triebe der Lust wegen, sondern die Lust der Triebe wegen vorhanden ist. Eine hedonistische Erklärung ist also gar nicht wirklich möglich, nichts läßt sich aus ihr verstehen.

Auch einen "Werttrieb" anzunehmen führt nicht weiter. Denn selbstverständlich streben alle Triebe nur nach etwas, das ihnen "wertvoll" erscheint, all ihr Streben ist nur daraus zu verstehen. Der Wert der Ziele muß also der Strebung weniger vorausgehen, als alles wertvoll eben darin ist, WEIL und soweit es Strebungen überhaupt gibt. Güter haben ihren Wert in sich, als erstrebte, 8und durchaus sehr individuell verschieden, und nicht nur, weil sie Werte realisieren können. Es fehlt also das Warum solcher angenommener Werte.

Es fehlt, wie bereits angedeutet, ein letzter Sinn der seelischen Strebungen. Und der kann sich, wenn er selbstverständlich sein will und alle anderen Strebungen und Triebe im Maß beschränkt, in ihrem Wesen begründet liegt. Also daraus selbstverständlich ist, und alle anderen Triebe begründet. Sodaß alle Teiltriebe - transitiv oder reflexiv - davon durchwirkt sind, und erst wenn sie von diesem Sinn losgerissen sind, ihr Maß verlieren.

Es geht also um das Urziel der Seele bzw. des Seelenlebens. Erst aus einem solchen heraus können sich ihre Strebungen erklären und verstehen lassen. Nicht aber aus ihren Trieben selbst. Es muß einen Quell-, einen Urtrieb geben, der alle anderen zu einem Sinn zusammenfaßt.

Und der läßt sich tatsächlich finden. Im Urtrieb zur Selbstauszeugung.



7. Teil  nächste Woche) Der selbstverständliche Urtrieb der 
menschlichen Seele - Der Trieb zur Selbstauszeugung






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Dienstag, 19. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (5)

Teil 5) Der reflexive Leistungstrieb



Nun gibt es über das reine Streben nach Selbstwert ein Streben, das mit der Suche nach Anerkennung in den Augen anderer nicht erklärbar ist - es ist das Streben, aus eigener Leistung Unwerte an sich zu vermeiden, sich mit Werten zu bereichern, schreibt Alexander Pfänder in "Die Seele". Die menschliche Seele will sich nicht einfach bloß wertvoll oder unwertvoll werden lassen, sie will sich auch nicht bloß durch vorschwebende mögliche Selbstwerte und Selbstunwerte bestimmen lassen, sie will auch reflexive, d. h. auf sich selbst zurückbezogene weretvolle Leistungen von sich aus vollbringen. Es gibt also in ihr einen revlexiven Leistungstrieb.

Aus ihm gehen zunächst alle die praktischen Zielungen hervor, die vermeintlich ihn befriedigen können; und von diesen Zielungen wird dann ein gewisser Umkreis des Seelenlebens im Sinne des reflexiven Leistungstriebes bestimmt.

Darin gründet das so häufig zu beobachtende Verhalten, daß Menschen darauf wert legen, als Urheber bestimmter Werte, und als Nicht-Urhaber von Unwerten zu gelten. Selbst, wenn sie keine reflexiven Tätigkeiten dafür aufgewendet haben bzw. sehr wohl an Unwerten mitgewirkt haben.

Aber auch dieser Trieb ist in sich maßlos, er kann also nicht als selbstverständlicher, alles umfassende Trieb angesehen werden. Über die Anmaßung "fremder" Verdienste hinaus, kann er maßlos werden, indem er weit mehr zu erleisten versucht, als seiner Gestalt zuträglich ist. Um so zum buchstäblichen Schöpfer der eigenen Seele und des ganzen Seelenlebens zu werden.

In jedem Fall zeigt er - und der nächste, der reflexive Tätigkeits- und Wirkungstrieb - an, daß sich die Seele erstaunlicherweise nicht damit begnügt, sich von Einflüssen einfachhin gestalten, formen zu lassen. Vielmehr greift die Seele lenkend, hemmend, fördernd, verändernd ein. Das betrifft auch die Wahnehmung, die keineswegs einfach passiv abläuft, sondern gefaßt, angehalten, verändert, angetrieben, gelenkt wird. Meist wacht eine gespannte Zielung, schreibt Pfänder, über dem eigenen seelischen leben, jederzeit bereit, darin einzugreifen und sich wirkend daran zu betätigen. Oft mag das aus anderen Trieben entstammen, aber durchaus geht es dem Seelenleben auch darum, sich überhaupt in der Einwirkung auf ihr Eigenleben zu betätigen. Selbst dann, wenn die Seele eigentlich zur Ruhe gekommen wäre.

Auch das kann entarten, zur Sucht werden. Indem dieser Trieb dazu anhält, ständig zu drücken, zu hemmen, anzufeuern, unabhängig vom wirklichen Zustand der Seele. Als wollte sich dieser Trieb rein selbst genügen, sich seiner Mächtigkeit vergewissern.

Diese Eigenschaftlichkeit ist in besonderer Weise, übrigens, mit häufig zu beobachtendem Verhalten im Internet verknüpft. Und hängt nicht zuletzt mit der Illusion zusammen, das reale Verhalten der Menschen würde real mit dem Internet zusammenhängen. Einer schon mit dem Technikgebrauch verbundenen unausbleiblichen Frustration  folgt die Selbstvergewisserung der Wirkfähigkeit, nicht selten durch Vortäuschung von Aktivität durch virtuelle Aktivität. Ähnliches gilt vom nachfolgend vorgestellten Trieb.

Denn weil er in sich kein Maß findet, braucht auch dieser Wirkungstrieb seine tiefere Gründung, aus der er sein Maß erhält.




6. Teil morgen) Der Trieb nach reflexiver Macht





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Mittwoch, 13. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (4)

Teil 4 ) Reflexive Zielungen der Seele - der Selbstwerttrieb



Sie menschliche Seele ist auf sich nicht nur wahrnehmend, vorstellend, denkend und erkennend bezogen, sondern das, was ihr von ihrem Eigenleben bewußt ist, erscheint ihr auch mehr oder weniger wertvoll. In Akten der Gegenwart oder Vergangenheit, in Regungen, findet sie sich weniger oder mehr gut oder schlecht. Gerade um diese Wertbefindungen konzentriert sich das Seelenleben besonders dicht. Und sie drängt in ihren praktischen Zielsetzungen darauf hin, besonders viel Gutes, und möglichst wenig Schlechtes zu finden. Somit kann man sagen, schreibt Pfänder, daß das Seelenleben besonders darauf abzielt, viel von Selbstwerten zu haben, und sich möglichst wenig von Selbstunwerten bestimmt zu sehen, bzw. bestimmen zu lassen.

Darin zielt die Seele besonders auf das Außen ab. Sie sucht vor allem Werte, die auch bei anderen wertgeschätzt werden, während sie Unwerte, die anderen verborgen bleiben, leicht toleriert. Insofern könnte man das reflexive Innenleben der Seele als Folge transitiver Triebe bezeichnen.

Aber das reicht nicht. Denn die Seele sucht durchaus auch Werte, die für sich gelten. Sie will nciht dumm, unehrlich, neidisch, mißgünstig, schadenfroh oder bösartig sein, wenn sie dies für unwertvoll hält. Und will dies nicht nur, um äußere, transitive Ziele zu erreichen. 

Unwillkürlich strebt sie auf der anderen Seite nach Prädikaten, die ihr vermeintlich einen Selbstwert geben. Sie will gescheit, regsam, vornehm, zurückhaltend, wahrhaftig, ehrlich oder wohlwollend und gütig sein, auch wenn sie dadurch nicht irgendwelche transitiven Ziele erreichen will. Das weist auf einen reflexiven Selbstwerttrieb hin, der die dauernde Grundlage für diese Zielungen ist.

Selbst wenn die Menschen von diesen Vorgängen in ihrer Seele oft nichts wissen, so wird ein großer Teil des menschlichen Seelenlebens von diesem Trieb bestimmt. Vor allem die geheime Geschichte vieler Seelen läßt sich daraus erklären. Und daraus gehen auch viele reflexive Zielungen hervor. Die Seele sucht sich nach positiven Werten ab, versucht sie zu vergrößern, ob in Gegenwart oder Vergangenheit, und versucht dabei zu bleiben, während sie negative zu verkleinern und zum Verschwinden zu bringen versucht, ja sie ablehnt oder gar haßt, und zu vermeiden sucht. Auch transitiv wird sie tätig, sucht Tätigkeiten, die in diese und jene Richtung des Selbstwerts zielen.

Mit allen Täuschungsmöglichkeiten: ein positiver Wert erscheint kleiner als er ist, wird er mit höheren Werten verglichen, größer, geschieht dies mit negativen. Dies zeigt sich vor allem im Vergleich mit anderen Menschen, als Überhebung, oder als Niederschätzung anderer, indem sie sich mit deren negativen Seiten vergleicht. Oder solche Vergleiche überhaupt vermeidet, und sich aus sich selbst heraus "schätzt", und darin gar kein Maß mehr findet.

Oder sie täuscht sich durch Gleichsetzung mit äußeren Werten, mit Besitz, anderseits durch Gleichsetzung mit äußeren Übeln. So gehen viele Strebungen nach Äußerem gar nicht aus dem Hab- und Abwehrtrieb hervor, sondern aus dem Selbstwerttrieb.

Was sich auch auf die eigene Körperlichkeit bezieht. Leicht schätzt sich der Gesunde, Starke, auch als "besserer Mensch", und umgekehrt. Oder er schätzt sich besser, weil er nach feineren sinnlichen Genüssen strebt, als andere. Und wie oft versucht der Mensch, durch Kontakt mit Wertvollem (oder Bildungsgütern) in der Welt sich selbst diesem höheren Selbstwert zuzuordnen. Oder er versucht durch Teilhabe an bestimmten Leistungen die darin enthaltenen Wertzuerkennungen auf sich übergehen zu lassen.

Wie leicht täuscht sich der Mensch darin, seinen Selbstwert dadurch steigern zu können zu meinen, indem andere über ihn hohe Meinung haben, so wie umgekehrt, niedrige Meinung ihn selbst als unwert erscheinen läßt. Und richten ihr Streben darauf, diese Meinung anderer zu beeinflussen. Ihre Wertigkeiten zu zeigen und anerkannt zu finden, ihre Unwerte zu entkräften oder verschwinden zu lassen, oder jene zu entwerten, die über sie schlechte Meinung haben. In der irrtümlichen Meinung, dadurch Selbstunwerte zu vermeiden, oder Selbstwert zu steigern.

All das bestimmt oft in hohem Maß das Seelenleben. Aber es befriedet nicht den Selbstwerttrieb. Nicht in der Leistung, nicht in der Fülle der Macht, ja in keinem noch so umfangreichen äußeren Tun findet er seine Ruhe. Auch nicht darin, den Wert der äußeren Umtriebigkeiten möglichst aufzubauschen, überall dabei zu sein, überall seine Meinungen zu äußern und über alles Bescheid zu wissen. 

Alle diese praktischen Strebungen können sogar maßlos werden ... ohne den Selbstwerttrieb zu beruhigen.

Und dennoch, so ausgefaltet dieser Trieb sein mag, so weitreichend er sich auswirken kann - er reicht nicht, um alles Seelenleben, alle Zielungen der Seele zu erklären, verstehen zu können. Der Mensch hat Zielungen, die nicht auf die Vermehrung des Selbstwerts, die Vermeidung des Unwerts abzielen. Umgekehrt bleiben die transitorischen Triebe tätig und erhalten, wenn sie nicht auf den Selbstwert abzielen. Er kann also nicht als der EINZIGE Trieb gesehen werden.

Der erwachsene, gesunde Mensch verzichtet durchaus oft auf Dinge, die seinen Selbstwert erhöhen könnten - und zwar nicht einfach aus Ohnmacht, sondern weil sie zu seinem besonderen Wesen nicht paßt. Er verzichtet also. Und genauso vermag er mit Unwerten zu leben, weil sie die Konsequenz aus diesem Wesen sind, die er erträgt. Je reifer die Seele ist, desto mehr kann sie sich zu solchen Werten und Unwerten verhalten. Versucht nicht, wie der Jugendliche, egal welche Werte auch in sich zu sammeln, egal welche Unwerte (bei anderen) zu vermeiden.

Ein Gedächtnis, das zwar das Wesentliche behält, aber die Details vergißt, mag mangelhaft sein, aber es kann zu einem Wesen gehören, das genau solch ein Gedächtnis zurecht als Wert schätzt und in seiner Aufgabe braucht, obwohl es auch ihm möglich wäre, diese Art zu verändern. Aber diese Seele erduldet eben diesen Mangel.

Versucht anders eine Seele, ALLE Werte zu vereinen, sich anzueignen, wird sie maßlos und ausgewuchert. Eine solche Seele, die alles in sich zu vereinen sucht, wirkt nicht vollkommen, sondern monströs und wirr, und gerade diese Seele wäre im Ganzen von großem Unwert. Die bloße Anhäufung aller möglichen Werthaltigkeiten macht noch kein wertvolles Ganzes.

Jede Seele hat also eine ihr eigentümliche Art, die bestimmt, welche selbstwertgebenden Eigentümlichkeiten zu ihr passen, und welche nicht. Vielmehr bedeutet also ein solches maßloses Streben ein Verlassen der Eigenart, also eine wirkliche Entartung, eine Selbstwertsucht. Diese kann durchaus dadurch entstehen, als man z. B. die an sich wertvollere feinsinnige Seele neben die grobkörnige stellt, dabei aber übersieht, daß jede für sich ihren Selbstwert im Eigenwert erst findet. Nicht, indem die grobe Seele zur feineren strebt. Das belgische Brauereipferd kann aber niemals der elegante arabische Renner werden. Es würde nur sich selbst in seinem Eigenwert verfehlen.

Es muß also ein noch tieferer, reflexiver Trieb vorhanden sein, der dem Selbstwerttrieb sein Maß und seinen verständlichen Sinn gibt. Denn die menschliche Seele erfährt keineswegs bei JEDEM Wert, der ihr begegnet, die Aufforderung, ihn zu verwirklichen, und jenes Streben ist ihr durchaus nicht selbstverständlich. Vielmehr strebt die Seele nach Erhöhung ihres Wertes IM GANZEN, als Ganze. Nicht nach beliebiger Vermehrung ihrer Werthaltigkeiten. Und erst aus solchem Totalwert ist der Selbstwerttrieb heraus verständlich - es muß also noch einen Trieb geben.



Teil 5 nächste Woche) Der reflexive Leistungstrieb



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Dienstag, 12. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (3)

Teil 3) Wie wäre es mit dem Machttrieb?




Vielleicht aber sind der Haben- und Abwehrtrieb, der Leistungs- und der Betätigungstrieb allesamt als Aspekte eines Machttriebes der Seele zu verstehen? Immerhin läßt sich feststellen, daß auch die Zerstörung eines Objekts im Wesen der Seele liegt. Immerhin hat Nietzsche es so verkündet. 

Gleichzeitig steht ein solcher Machttrieb aber auch im Dienste der anderen genannten seelischen Triebe, schreibt Alexander Pfänder in "Die Seele" weiter. Damit wäre Machtstreben den anderen Trieben untergeordnet, hat keinen Selbstzweck. 

Genauso aber kann es umgekehrt betrachtet werden - dient die Beseitigung von Übeln, das Aneignen von Gütern, dem Machtstreben, das es sehr wohl in der Praxis um ihrer selbst willen zu geben scheint. 

Es scheint also einen ursprünglichen transitiven Trieb im Machttrieb zu geben. Zumindest neben den bisher angeführten Trieben. Immerhin kann er mit ihnen auch in Konflikt geraten. Und wir sprechen in allen diesen Fällen nicht davon, daß diese Triebe bewußt sein müssen. Denn im Gegensatz zu heute häufig anzutreffenden Ansichten, meint Pfänder, daß das Seelenleben keineswegs mit Bewußtheit auch nur annähernd beschreibbar oder eingrenzbar wäre. Und alle diese Triebe, so auch der Machttrieb, sind nicht nur ineinander eng verwoben und mehrdeutig, sondern in ihren Zielungen täuschbar.

Ihn als alleinigen Antrieb der Seele sehen zu wollen, ist aussichtslos. Vieles an der menschlichen Seele läßt sich tatsächlich aus diesem Streben verstehen, vieles in ihm zusammenfassen. Aber eben nicht alles am Menschen wird daraus verstehbar. So wie z. B. die Zielung auf transitives Leben überhaupt, oder die Zielung auf Selbstwert oder auf Macht über sich selbst. Er ist nicht der einzige, quasi grundlegende Trieb im Menschen, es muß noch andere geben.

Es genügt auch nicht einfach zu konstatieren, daß er vorhanden ist. Er muß auch selbstverständlich sein, er muß mehr sein als ein unverständliches Verhängnis, so sehr man in ihn (wie in die anderen Triebe) versunken sein kann. Gerade das beobachtbare Streben nach Macht um ihrer selbst willen zeigt an, daß er nicht aus sich selbst heraus erklärlich ist. Worin sollte ein solche "Machtgeschwollenheit" über etwas Äußeres ein verständliches Ziel sein, worin läge ihre eigentliche Befriedigung? Der Machttrieb ist also eine Tatsache, aber er ist doch noch keine verständliche Tatsache, er muß wiederum etwas haben, dem er dient, er hat in sich kein Maß.

Noch dazu, wo es auch gegenteilige Triebe gibt - so den, sich der Macht anderer Wesen unterzuordnen. Ohne in wäre überhaupt nicht verständlich, worin die macht des Machttriebes läge, dann fände er gar kein Pendant, das sich ihm unterordnete, worin er diese Macht ausüben wollte. Und dann: beide Triebe kommen zusammen (!) in der menschlichen Seele vor, wenn auch in unterschiedlichen Proportionen.

Auch der "Wille zum Leben" (Schopenhauer) kann es nicht sein, denn er ist in den anderen Trieben als "Wille zum leiblichen Leben" eingeschlossen. Er ist auch nicht reflexiv (als letztlich auf das Leben der Seele bezogen) zu sehen, denn er zielt auf etwas Außerhalb ab, gehört also zu den transitiven Trieben. Allerdings kann ein solcher transitiver Trieb nicht nur konstatiert werden, sondern er dient sehr wohl der Präzisierung und Erweiterung des Verständnisses der übrigen Triebe. 

Aber er ist nicht alleine verständlich, er muß mit den anderen Trieben zusammen gesehen werden.  Denn man kann durchaus fragen, warum nicht die menschliche Seele damit zufrieden ist, mit sich selbst, in sich selbst versunken, zufrieden zu sein. Warum sie also nach Äußerem und nach Kontakt mit Äußerem, nach "Anderem" strebt.

Und das ist der Zentralpunkt, warum sich diese fünf Triebe, die bisher angeführt wurden, nicht aus sich selbst - selbstverständlich - erklären: Warum strebt der Mensch in seiner Seele überhaupt nach außen?

Da die menschliche Seele letztlich aber immer nur als Ganze, als Eine auftritt, muß die Lösung dafür also in dem Teil des Seelenlebens liegen, das man als reflexives Seelenleben bezeichnen kann. So sehr transitorische Triebe dem Reflexiven dienen, dieses auch aus ihnen hervorgehen - erschöpfend erklären kann es diesen Bereich der Seele nicht wenn man behauptet, reflexives Seelenleben würde nur dem transitorischen dienen. Denn es gibt reflexive Ziele, die keinen transitorischen Zielen dienen. So z. B. die Gewinnung der Seelenruhe, die durchaus mit dem Verzicht auf die Befriedung der transitorischen Triebe verbunden sein kann. 

Es gibt also Seelenziele, die nur aus der Seele selbst hervorgehen, in der Selbstzuwendung ihre Ruhe finden. Und in diesen reflexiven Seelentrieben  muß auch eine übergeordnete Kraft liegen, denn sie können die transitorischen Triebe definitiv bestimmen, und ihnen ein Maß geben. Ohne daß sie notwendig bewußt sein müssen, und ohne ihnen das Täuschungspotential zu nehmen, dem auch sie unterliegen.



Teil 4 morgen) Reflexive Zielungen der Seele - der Selbstwerttrieb
 
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Dienstag, 5. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (2)

Teil 2) Liegt alles im Tätigkeits- und Wirkungstrieb?



So verflochten die Tätigkeiten des Menschen auch sein können, so gibt es über die bloße Hab- und Wehrtriebigkeit des Menschen hinaus noch einen Wirktrieb, der aufs erste sinnlos wirkt. Man kennt das: der eine trommelt auf den Tisch, der andere geht auf und ab, der dritte singt oder tanzt, der vierte schlägt Blumenköpfe ab, oder stochert in der Erde. Hier ist ein Tun im Gange, das offensichtlich keine Zielung hat, die darauf abzielt, gewisse Güter zu gewinnen, oder Übel abzuwehren. Das auch nach Befriedung bestimmter Hab- und Abwehrtätitkeiten und Leistungsstrebungen erhalten bleibt.

Dieses Tätigseinwollen ist bei verschiedenen Menschen auch verschieden ausgeprägt. Nie aber unabhängig vom Charakter des Menschen. Sie ist immer konkret gefärbt, und während der eine immer Tätigkeiten sucht, die mit seinem Körper zu tun haben, sucht der andere die unbelegte Natur, oder Pflanzen, oder Kleidung oder soziale Gemeinschaften oder Kulturgebilde, bloß, um sich an ihnen zu betätigen. Es ist als Bereitschaft zu verstehen, auf bestimmte Gegenstandsarten in aller subjektiven Eigentümlichkeit einzuwirken. Nicht jede Tätigkeit vermag diesen Trieb zu befrieden, sondern nur bestimmte, dieses Streben nach Tätigsein ist beim normalen Menschen nicht blind oder abstrakt mit allen Inhalten füllbar.

Auch das Evangelium der Arbeit - egal welche - erfüllt sich damit also nicht, schreibt Pfänder. Vielmehr kann vermutet werden, daß seine Verkündigung von jenen stammt, die tief unbefriedigt sind, und sich mit Arbeit betäuben und berauschen.

Diese Eigenart wirkt sich also darauf aus, auf welche Tätigkeiten die übrigen Triebe - der Hab- und Wehrtrieb zumal -  sich richtet. Sind einem Menschen bestimmte Tätigkeitsarten zuwider, wird er diese auch bei der Befriedung der anderen Triebe meiden, ja er wird sogar auf Ziele verzichten. In jedem Fall ist der Tätigkeitstrieb nicht aus den übrigen bisher angeführten Trieben allein verständlich. Er braucht also noch eine weitere Zurückführung.



Teil 3 nächste Woche) Wie wäre es mit dem Machttrieb?






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Montag, 4. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (1)

Gemeiniglich wird davon ausgegangen, daß das seelische Leben und das Handeln des Menschen aus zwei Grundtrieben heraus verständlich wäre: dem Habentrieb, und dem Trieb, Übel abzuwehren. Staut sich eine praktische Zielung im Bereich dieser beiden Triebe, sucht sich die Triebenergie Ersatzwege. So erklärt Siegmund Freud auch die Entstehung der Kulturleistungen - als Sublimation niederer Triebe. Das bedeutet konkret, daß z. B. der Verzicht auf Kleidung, Ansehen, Wohnung usw. zugunsten "höhergewichteter" (oder: feinerer) Tätigkeiten erfolgt. Wie beim Philosophen, der sein Äußeres vernachlässigt, um sich nur dem Denken, wie der Dichter, der auch hungert, um seinen Gedichten zu leben. Oder dem Geistlichen, der auf weltlichen Besitz verzichtet.

Aber das, so schreibt Alexander Pfänder in "Die Seele", kann so nicht stimmen.

Denn es bleibt ein Tatsache zum einen, daß der Mensch immer und überall nicht "irgendeine" Tätigkeit ausführt, um diese Grundtriebe zu befriedigen, sondern daß immer zu beobachten ist, daß er sie auf eine besondere Weise ausführen möchte. Er versucht Ordnungen, Sauberkeit, Schönheite, bestimmte Formansprüche in sein Tun einzubringen, die nicht mit bloßer Zweckbestimmtheit erklärbar sind. Und zwar immer, sodaß die bloß funktionale Tätigkeit aus sich heraus nicht ausreicht, um den Menschen verständlich zu machen. Diese bloßen Leistungsbestrebungen, die immer darüber hinausgehen, wären sinnlos.

Zum anderen aber und vor allem würde das heißen, daß die Befriedigung dieser "niederen" Triebe das Erlöschen der Antriebe zur höheren Leistung bedeuten würde. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Der Antrieb, über die bloß funktionale Triebbefriedigung hinauszugehen, bleibt sonderbarerweise erhalten. Er ist nur bei unterschiedlichen Individuen unterschiedlich stark ausgeprägt. Aber jeder Mensch strebt - mehr oder weniger - danach, Leistungen über diese bloßen Hab- und Abwehrleistungen hinaus zu erbringen, und sei es noch so bescheidenen Umfangs. Dieser Leistungstrieb zielt darauf ab, das angestrebte zu Habende in sich im Wert zu erhöhen, und das bekämpfte Übel kleiner zu halten, als rein funktional notwendig wäre.

Aber nicht nur das. Dieses Leistungsstreben bleibt immer unbefriedigt, es findet keine Ruhe, geht immer weiter. Es meint zwar, in dieser oder jener Leistung seine Befriedigung zu finden, solange es dahin unterwegs ist, im Nachhinein aber reicht es nicht - der Mensch will weiter. Erst wenn er aber begreift, daß diese Unbefriedigkeit immer bleiben wird, wird er aufhören, auch dieses Streben maßlos werden zu lassen. Gleichzeitig zeigt dieses Verhalten, daß es auch nicht um bloßen Lustgewinn geht, denn dann würde dieser Trieb auch von selbst zur Ruhe kommen, und vor allem: er würde beliebig sein.

Dieser "Verbesserungsdrang" hat aber nun die spezifische Eigenschaft, sich immer auf bestimmte Gegenstände zu beziehen, er ist also nicht einfach blind und anonym, er ist immer konkret, bezogen, mit den Objekten verbunden, die den vermeintlich niederen Triebbefriedungen dienen. Jeder Seele bereiten nur bestimmte Leistungen Lust, nicht generell.

Nun könnte man meinen, daß dieser Leistungstrieb dem reflexiven Trieb des Selbstwertstrebens beigeordnet ist, diesem entspringt. Aber auch das, so Pfänder, ist ein Trugschluß, so weit verbreitet er auch sein mag. Kein Produkt hat nämlich in sich Wert, sondern sein Wert ergibt sich aus dem Nutzwert, nicht aus dem Eigenwert. Außerdem sucht die menschliche Seele auch Leistungen zu vollziehen, durch die sie nicht ihren Selbstwert erhöhen, oder bestimmte Güter erlangen, oder von bestimmten Übeln freiwerden will. Dieser Leistungstrieb ist also nicht nur dem Hab- und Wehrtrieb, sondern auch dem Selbstwerttrieb gegenüber selbständig. Man muß ihm eigenes Dasein bescheinigen.

Es ist also anzunehmen, daß es weitere Antriebe im Menschen gibt, aus denen heraus diese Partialtriebe nur als solche erscheinen, in dem sie aber als Gesamtbewegung zusammenzufassen und zu erklären sind.



Teil 2 morgen) Liegt alles im Tätigkeits- und Wirkungstrieb?




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