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Montag, 16. November 2015

Bedeutung muß begriffen werden (2)

Teil 2) Wie Psychologie auch den Konflikt Abendland-Orient entschied - 
Und: Ausufernde Anmerkungen





Interessant auch die Auswirkungen der griechischen Siege bei den Persern, wie Fuller sie beschreibt. Dareios, der gerade sein Reich halbwegs gefestigt hatte, wußte um die psychologische Wirkung von Siegen oder Niederlagen auf das Volk. Und so sind seine taktischen Überlegungen in seinen Griechenland-Expeditionen manchmal bis in Einzelentscheidungen hinein gekennzeichnet von je aus aktuellen Wendungen und deren Folgen folgende Überlegungen der Auswirkungen eines Gesamtausgangs auf den Zustand des Gesamtreiches. Den Entscheidungen der Perser in den Schlachten ist, wie der britische General² sie vor rund 70 Jahren so schön herausgearbeitet hat, deutlich ihr Zusammenhang mit Überlegungen zu solchen psychologischen Auswirkungen im Inneren des Perserreiches anzumerken. 

Dareios wollte schließlich auf jeden Fall ein Desaster vermeiden, es hätte ihn sein Reich kosten können. Und so verschob sich eine Grenze nach unten, ab der er Rückzug oder Vorsicht oder auch zu hohes Risiko wählte, weil er mit einzelnen Schlachtenwendungen das ganze Reich in Gefahr bringen konnte. Daß er schließlich nach Persien zurückeilte, Ionien - das im Sog der Wirkungen der Siege Athens bereits mutig geworden war - und den ganzen Hellespont aufgab, um sein Reich im Inneren wieder zu festigen, war Folge einer Kette von Ereignissen,  in denen er Schritt für Schritt zurückwich, um Niederlagen zu vermeiden, die aber erst recht nächste Niederlagen brachten.





*Wiewohl die Schlacht ein großartiges Lehrstück der Taktik ist. Die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Griechen hatten von einer Anhöhe herab ihr Zentrum schwächer gemacht, um die Flügel zu stärken. Denn es mußte vermieden werden, daß die Perser sie umfaßten. Als die Phalanxen nun aufeinander losmarschierten, begann so eine Art Automatismus zu wirken, in dem die Perser mit jedem Vordringen in der immer konvex-konkaver werdenden Frontlinie in der Mitte die Gefahr erhöhten, daß sie von den griechischen Flanken umfaßt und schließlich vom Strand und den Schiffen abgesperrt würden. Außerdem verlor die wirkungsvollste Waffe der Perser, die Bogenschützen, seine Einsatzmöglichkeit. Panik machte sich breit, und die Perser flohen unter extremen Verlusten auf die Schiffe. 

Fullers Ausführungen darüber, was der eigentlich nicht verständliche Verzicht der Griechen auf Bogenschützen über den Geist sagte, den Mut, mit dem sie kämpften, sind lesenswert; denn der Bogen ist die Waffe der Mutlosen und Einfachen, während den Griechen individuelle Tapferkeit wichtiger war als technische Effizienz. Sie haben freilich mit der Zeit ihre Kampftaktik doch auch mehr angepaßt. Speziell bei Plateia machte sich diese Tatsache aber auch anders bemerkbar. Nämlich darin, daß mit dem sieben-, achtstündigen Kampf den "Nicht-Adeligen" Massenkämpfern der Perser (zentralistische Mächte brauchen Volksheere, denn ihnen fehlt der Adel und dessen Ethos) schlicht die Kraft ausging.

Übrigens betraf diese Umfassung den persischen rechten Flügel - über dessen aus simplen menschlichen Gegebenheiten erwachsene Schwäche (die meisten Männer sind Rechtshänder, können sich also nach rechts nur schützen, indem sie zur Hauptkette hin aufmachen) noch Napoleon wußte, der fast prinzipiell über den rechten Flügel angriff.

**Wir wollen hier nicht die Diskussion aufgreifen, ob Homer eine historische Person war oder nicht. Dem VdZ scheint aber das Argument Goethes, der mit Schiller meinte, daß das Werk so im Ganzen gerundet, so als Ganzes komponiert sei, daß es nur einen realen Letztschöpfer haben kann, am überzeugendsten. In dieser Zusammenhangkette also - Homer - Salamis - Athen etc. - kann man den Satz mit vollem Recht sagen: Daß Homer ganz real als Schöpfer des Abendlandes anzusehen ist.

²Übrigens schreibt Fuller, daß er im Zuge seiner Studien zunehmend auf älter und alte Autoren zurückgegriffen hat. Denn er mußte erkennen, daß je jünger die Schriftsteller waren, sie desto weniger das Wesen des Krieges zu begreifen begannen. Die Alten hatten den Krieg noch als natürlichen Prozeß verstanden, während der in den neuesten Zeiten Krieg immer mehr nur noch zu einer katastrophischen Eskapade wird, die (weil im Status des "immer vermeidbaren und vermieden werden sollenden") für die Geschichte selber von zweitrangiger und gar nur hinderlicher Bedeutung ist.

Bücher zum Zweiten Weltkrieg - Fuller quittierte 1933 seinen Dienst, weil er sich in seinen Warnungen, daß ein nächster Krieg ein Bewegungskrieg sein würde, heillos unverstanden, ja nicht ernstgenommen fühlte, und schrieb fortan nur noch vorwiegend militärhistorische Bücher - lehnte er bis zu seinem Tod 1966 weitgehend ab. Sie seien, so der Brite, zum einen viel zu sehr Apologetik der jeweiligen eingenommenen Seite, während Originalquellen unzugänglich blieben, und zum anderen befände sich die Welt in einem Dauerkrieg (dem Kalten Krieg), sodaß die Veröffentlichungen gar nicht objektiv sein könnten sondern bewußt oder unbewußt nie ausgesetzte oder neue Kampfmittel seien.




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Sonntag, 15. November 2015

Bedeutung muß begriffen werden (1)

Man kann, schreibt Major-General J. F. C. Fuller in seinem Monumentalwerk "The Decisive Battles of the Western World", mit Fug und Recht den Beginn des Abendlandes datieren - und zwar mit den beiden Schlachten von Salamis 480 und Plataia 479. Marathon* im Jahre 491 war dazu nur das Vorspiel. 

Aus diesen beiden Siegen der Griechen gegen die Perser und den ihnen assoziierten Völkern erwuchs den Athenern und Spartanern ein Selbstgefühl, das sie in jene Zeit beflügelte, die als "Goldenes Zeitalter'" Anfangspunkt der abendländischen Kultur genannt werden muß. Gleichzeitig teilte sich - erstmals - Orient und Okzident. Denn nun war es der Individualismus, der sich am Gegenteil herauskristallisierte, dem Massenmenschen der Steppe und Wüste bzw. des Orients, dessen Wohlstand alleine schon nur durch Kollektivierung möglich war (man denke nur an Bewässerungsanlagen!)

Der überwiegende Teil der großen Namen, die uns überliefert sind, und deren Werke, zu allererst in der Kunst, entstammt den Jahrzehnten zwischen 480/479 und 430 v. Chr. Allesamt Männer, die in diese Zeiten hineingeboren waren, und die von diesem Hochgefühl, das alle erfaßt hatte, den Mut, das Selbstvertrauen zu ihren Werken gefunden hatten, in der Sonne der Bedeutung, die das historische Geschehen, das Siegesgefühl auf alles warf.

In der Athen - aus einer einzigen folgenschweren richtigen Entscheidung heraus, der, eine Flotte zu bauen, während Sparta sich ans Land klammerte - sogar ein Imperium errichtete, das den gesamten ägäischen Raum umfaßte, sich über Kolonien und Handel übers ganze Mittelmeer erstreckte, und selbst die ionischen Völker mitriß. Weil es vor allem mit seiner Flotte den Grundstein zu einem wirtschaftlichen Aufschwung besaß, der in dem Reichtum, den er brachte, der Kunst und der Lebensführung so viele Möglichkeiten eröffnete. Dieses Licht hob die gesamte Vergangenheit wie auch die weitere Zukunft in den Horizont von Bedeutung. Und zeigt exemplarisch, was Kunst für ein Volk bedeuten kann. 

Die Griechen insgesamt begriffen erstmals, daß sie etwas getan hatten, das Bedeutung hatte - SIE hatten Bedeutung! Und das erfuhren sie aus ihrer nunmehr offenbaren, selbst errungenen Stellung innerhalb der Völker, die ihnen begegneten.

Und es war wiederum das Selbstverständnis aus der Sprache, der Literatur (!) heraus. Denn es war das Selbstverständnis aus der Erzählung ihres Soseins, wie es die homerischen Werke - ein viele Jahrhunderte alter Epos, der vor Homer selbst, der es dann redigiert hat*, im ganzen ägäischen Raum mündlich tradiert (und laufend verändert und angereichert und gereinigt) wurde - festhielten. Ein Selbstbegreifen, das den Initialschub zu jenem Mut brachte, der die Griechen angesichts einer so deutlichen Überlegenheit der Perser den Kampf aufnehmen und es jedem Angebot, sich durch Verlust der Freiheit ein friedliches Leben zu erkaufen, widerstehen ließ.

Aber es ist der Mensch, so Fuller, es ist seine nachvollziehbare Psychologie, die jedem Imperium ein zwar nicht schicksalhaftes, aber so wahrscheinliches Ende einschreibt, daß man an Unabwendbarkeit glauben könnte. Denn jedes Imperium scheitert eines Tages an seiner Überdehnung. Die in zwei Richtungen zu sehen ist. Einmal die, daß mit der Größe auch die Aufgaben wachsen, die Berührungspunkte mit der umgebenden Welt vielfältiger und größer werden, auch durch Entwicklungen angrenzender Völker. 

Dem steht anderseits aber ein inneres Schwinden, zumindest ein Innehalten gegenüber, ein Verlust des Schwungs also, der sich nach außen richtet. Mehr und mehr Kraft muß aber nun dafür verwendet werden, um den status quo zu erhalten. Und selbst Expansionen werden mehr und mehr zu Notwendigkeiten des Selbsterhalts. So steuert ein Imperium wie zwangsläufig auf seine Sollbruchstelle zu.

Der Reichtum Athens hatte den Neid der Spartaner, die in ihrer Landbeschränktheit deutlich zurückblieben, erregt. Und Athen wäre den daraus folgenden Auseinandersetzungen gewachsen gewesen, hätte es nicht 430 eine folgenschwere Fehlentscheidung getroffen. In der es aus der Verteidigung in die Offensive gegangen war.

Denn um Sparta ein für allemal als Konkurrenten zu besiegen, wählte man den offensiven Weg und faßte den Plan, es von seinen Nachschubquellen abzuschneiden - den Kolonien, allen voran Sizilien, Syrakus. Ohne Nachschub wäre Sparta binnen kurzem ein für allemal besiegt gewesen. Aber indem man für dieses Ziel alles riskierte, setzte man auch alles aufs Spiel. Und so kam es auch. Die Expedition endete in einem unfaßbaren Desaster, das Athen nicht nur seine Flotte, sondern auch seine Verteidigungskraft mit einem Schlag raubte. Damit brach auch sein Imperium zusammen, Athens Kraft als Ordnungsmacht war verspielt, und seine Schwäche endete definitiv mit dem Einmarsch der Makedonier keine 100 Jahre später.



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Und: Ausufernde Anmerkungen
 





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