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Montag, 23. März 2020

Nichts kann ohne Beziehung begriffen werden

Der kürzlich verstorbene, weltweit bekannte Physiker Freeman Dyson - Gott hab ihn selig - formuliert in diesem Gespräch einen bedeutenden Satz: Man kann die Atmosphäre nicht verstehen ohne daß man sie in Zusammenhang mit der Vegetation begreift. Denn die Interaktion ist für den Zustand beider ausschlaggebend.

Dieses Prinzip läßt sich auf sämtliche Gegenstände der Naturwissenschaft erweitern. Es außer acht gelassen zu haben ist der wohl schwerste Fehler, den die Entwicklung der Wissenschaft begangen hat. Die es sich heute mehr denn je zum Grundsatz gemacht hat, die Dinge FÜR SICH zu stellen, und unabhängig von ihrem Ort, ihren Beziehungen zu allem, das sie umgibt und in ein Ganzes einbettet, zu sehen.

Alles "das etwas ist", alles, das Sein hat, also am Sein teilhat, fällt unter dieses Prinzip. Daß es in ein Beziehungsfeld gestellt ist, und erst zu sich selbst wird, weil und inwieweit es auf alles reagiert und mit diesem interagiert, das es betrifft. Naturwissenschaft muß deshalb von diesen Gesamtfeldern ausgehen, die durch alle Schichten der Schöpfung hindurch bis hinein in die Welt des Geistes reicht. Ja, von dort ausgeht, weil von einer Idee ausgeht. Und nur insoweit überhaupt ist, als es sich auf diese Idee als sein Fundament transzendiert, das heißt, nicht introspektiv "auf sich" glotzt, sondern auf das, was es wahrnimmt, reagiert und entfaltet. 

Das stimmt umso mehr, als jedes Seiende, alles was etwas ist, nur auf das reagiert, das heißt bei sinnlichen Lebewesen nur das sinnlich aufnimmt, das seinem Wesen entspricht. Insofern hat also jedes Wesen, ob lebendig oder nicht lebendig, "seine Welt". Die sich beim Menschen als dem Ebenbild Gottes eben auf die gesamte Schöpfung bezieht. Das ist es, was diese Schöpfung tatsächlich zu "seiner Welt" macht, weil sie seinem Maß angepaßt ist. Nichts also in der Natur, nichts in der Schöpfung, das sich nicht im Menschen befindet.* Deshalb kann der Mensch die Welt erkennen, weil er an der Grammatik Gottes teilhaben kann.







*Goethe bringt das in dem bekannten Satz zum Ausdruck: "Wäre das Auge nicht sonnenhaft, so würde es die Sonne nicht sehen."




*090320*

Samstag, 9. März 2019

Ein Lob dem Klimawandel (2)

Teil 2)


Befragt, was er dazu meine, daß oft behauptet wird, daß die Sonne keinen Einfluß auf die Erdtemperaturen habe, weil sich auch die Temperatur der Sonne ja nicht ändere, meint Dyson, daß das zwar richtig sei. Die Sonnentemperatur ändere sich nicht. Aber ihre Aktivität ändere sich sehr wohl. Sonnenflecken oder magnetische Stürme variieren innerhalb eines 11-Jahres-Zyklus ganz beträchtlich. Und das wirkt sich beobachtbar auf das Klima auf der Erde aus. Der Israeli Shaviv etwa hat das erforscht, und er hat direkte Auswirkungen der Sonnenaktivität auf das Weltklima herausgefunden. Das läßt sich auch in der Geschichte nachweisen - die kleine Eiszeit des 17. Jahrhunderts koinzidiert mit dem Maunder-Minimum, also einer damals 70jährigen Phase geringer Sonnenaktivität. Die Sonne ist also wichtig. Das hat aber nichts mit der Temperatur der Sonne, sondern mit der kosmischen Strahlung zu tun, der die Erde ausgesetzt ist. Und dafür gibt es auch aktuelle Evidenz, aus Beobachtungen. Es ist nur noch nicht ganz klar, wie das funktioniert. Wahrscheinlich, weil es sich auf die Wolkenbildung auswirkt.  

Eine fast humoristische Wendung nimmt das Gespräch, als der Interviewer Dyson davon erzählt, daß Al Gore den Vergleich gemacht hat, daß wenn man den Wasserdampf aus der Atmosphäre nähme, das CO2 40 Prozent der Atmosphärengase ausmache. Denn natürlich stimmt das. Was Al Gore aber nicht dazu gesagt hat ist, daß der Wasserdampf 90 Prozent der Atmosphäre ausmacht, aber wie will man ihn aus der Atmosphäre nehmen - denn das sind ja die Wolken! Den Wasserdampf aus der Atmosphäre zu nehmen, geht höchstens am Mars, weil es ihn dort nicht gibt. 

Warum schiebt man dennoch alles aufs CO2? Dyson meint, daß das damit zu tun hat, daß es mit menschlichem Tun zusammenhängt, nur da kann man also ansetzen. Auf alles andere in der Atmosphäre haben wir sowieso keinen Einfluß. Aber es wäre verrückt zu versuchen, es zu reduzieren, denn seine Auswirkungen sind nachweislich extrem positiv.

Während man aber den CO2-Gehalt der Atmosphäre recht verläßlich messen kann, sieht das bei Temepraturmessungen schon ganz anders aus. Diese Daten sind, meint Dyson, immer recht fraglich. Denn Temperaturmessungen unterliegen immer sehr lokalen Bedingungen. Die man dann durch Datenkorrekturen herauszurechnen versucht. Aber das ergibt recht unsichere Daten. 

Zu langfristigen Vorhersagen - sagen wir: über 100 Jahre - meint Dyson, daß man manche Dinge eben tatsächlich vorhersagen kann. Etwa, daß wir auch in 100 Jahren noch Kohle und Öl verbrennen werden. Aber wahrscheinlich ist auch, daß das für die Erde gut ist. Sie wird weiter grüner werden. Er sieht die Zukunft also recht optimistisch, sieht keine Klimakatastrophe am Horizont. Und das, meint er, teilt er mit den vielen Menschen in Indien oder China oder Ostasien. Dort findet sich auch kein Pessimismus, egal mit wem man spricht. Dort haben sich viele Dinge in den letzten 50 Jahren verbessert,  und man sieht dort diese Aufwärtsentwicklung auch für die Zukunft. 

Die Weltuntergangsstimmung bei uns ist seiner Meinung nach vor allem für akademische Kreise signifikant. Und darin werden sie von den Medien unterstützt. Aber wir sollten nicht glauben, daß diese Stimmung weltumspannend ist. Sie beschränkt sich auf den Westen. Und sogar hier hat die Allgemeinheit weit mehr gesunden Hausverstand.

Und auch er sieht die Effekte des Klimawandels überwiegend positiv. Er hat eben (aufgewachsen in den 1930er Jahren) auch viel viel schlechtere Zeiten erlebt*. Das stimmt ihn optimistisch, daß die Menschheit überleben wird.






*Und das scheint dem VdZ auch ein ganz wichtiger Punkt in der gesamten Debatte. Die eine typische Debatte einer Generationenschichte ist, die wirkliche Krisen, wirkliche Not, wirkliche Katastrophen nie kennengelernt hat. Der Bruch zwischen "Klimaalarmisten" und "Klimaleugnern" scheint auch genau diese Scheidegrenze entlang zu laufen: Hier sind Menschen, die wirkliche Not gar nie kannten und kennen, und deshalb die Welt gar nicht kennen, und dort solche, die bereits gegen alle mögliche Unbill kämpfen mußten und deshalb die Welt ganz anders kennen, realistisch und damit vernünftig wurden. Deshalb geht es überhaupt nicht um diese oder jene "wissenschaftlichen Details", das ist lächerlich. Gerade die Klimaalarmisten interessieren sich keinen Funken für Wissenschaft, es sei denn, sie kann von ihr für ganz andere Zwecke benutzt werden. Hier stoßen deshalb diametral entgegensetzte Welthaltungen aufeinander. Und das gibt der Debatte tatsächlich einen sehr grundsätzlichen Charakter.


*201218*

Freitag, 8. März 2019

Ein Lob dem Klimawandel (1)

Es lohnt immer, alten Menschen zuzuhören. Schon gar wenn sie, wie hier Friedman Dyson, einer der renommiertesten Physiker der USA erhebt, der auf eine lange und beeindruckende Laufbahn als Wissenschaftler zurückblicken kann. Und der 91jährige Dyson von der Universität Princeton (jenem Institut, sogar konkret in jenem Gebäude, wo etwa Einstein forschte) spricht hier zum Thema "Klimawandel". Er bestreitet dabei gar nicht, daß es eine Temperaturerhöhung im 20. Jahrhundert gegeben hat. 

Aber er meint, daß es eine furchtbare Tragödie ist, daß wir unser Augenmerk und enorme Ressourcen wie hypnotisiert und in einer wahren Hysterie auf ein Gebiet - Klima - richten, von dem wir viel zu wenig wissen, um etwas Verläßliches über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sagen zu können. Während wir so viele ernsthafte Probleme der Welt und der Menschheit links liegen lassen, von denen wir aber genug wüßten, um sie auch lösen zu können.

Die Frage ist nicht, sagt er, ob es Klimawandel gibt, und ob er vom Menschen beeinflußt wird. Natürlich gibt es menschlichen Einfluß auf das Klima. Die Frage ist aber nicht ob, sondern wie weit geht dieser menschliche Einfluß, und ist er gut oder schlecht. Dazu wissen wir aber nichts. Wahrscheinlich ist menschlicher Einfluß viel geringer, als heute behauptet wird. Und viel bedeutender ist, daß es gewaltige Nicht-Klima-Effekte von CO2 gibt, die in überwältigendem Ausmaß von Vorteil sind. Die Erde wird derzeit grüner, das zeigen die Satellitendaten, und das ist dem Kohlendioxyd zuzuschreiben.  Davon profitiert die Landwirtschaft, die Wälder nehmen zu, ja die gesamte biologische Welt profitiert davon. Das ist viel wichtiger und vor allem gewisser als Aussagen darüber, welche Wirkungen es aufs Klima hat. 

Diese beobachteten positiven Aspekte eines höheren CO2-Gehalts der Atmosphäre übertreffen nämlich alle Erwartungen, die er seit er sich damit befaßt (und das sind 35 Jahre) hatte. Damals ging er (bzw. gingen sie, er war wohl nicht alleine) von zehn Prozent Zuwachs aus. Heute stellt sich heraus, daß es wahrscheinlich 25 Prozent sind. In derselben Zeit ist der CO2-Gehalt um 40 Prozent auf heute rund 400 ppm gestiegen. Etwa die Hälfte davon geht direkt in das Wachstum der Vegetation, und die hat beobachtet um mittlerweile 20 Prozent zugenommen. 

Das vermehrte CO2 wirkt sich direkt auf die Erntemengen und die Biodervisität der Arten aus. Ein eindeutig positiver Effekt, der nichts mit Klima zu tun hat. Auch wenn man das nur als Durchschnittswert sagen kann, denn natürlich trifft das nicht auf jeden Punkt der Erde zu. An manchen Orten funktioniert es so, an anderen wieder nicht. Das hängt auch davon ab, welche anderen Pflanzennährstoffe vorhanden sind. Wenn zu wenig Stickstoff (N=Nitrogen) vorhanden ist, kann auch CO2 nicht wirken. Meist ist aber genug Stickstoff da. Dann wirkt ein erhöhter CO2-Gehalt positiv.

Der Gehalt an CO2 ist aber wesentlich einfacher zu messen und wissenschaftlich viel gesicherter, als seine Auswirkungen aufs Klima. In Glashäusern, wo man industriell Lebensmittel herstellt, wird der Gehalt sogar auf 1200 ppm erhöht, um die Produktivität zu verbessern.  

Dyson setzt sehr auf die genetische Veränderung von Bäumen. Findet man das spezifische Gen, das CO2 bindet, kann man deren CO2-Aufnahme erhöhen. Auf kurze oder mittlere Frist ist aber nicht zu erwarten, daß es zu einem gefährlichen CO2-Gehalt in der Atmosphäre kommt. Man muß unbedingt unterscheiden, ob solche Effekte in 100 oder in 500 Jahren zu erwarten sind. Auf sehr lange Frist kann freilich eine solcherart genetisch veränderte Vegetation wichtig werden. 

Von der derzeitigen Hysterie, daß erhöhter CO2-Gehalt auch die Erdtemperaturen erhöht, hält Dyson nichts. Das hat religiöse Dimension, meint er. Er kann auch nicht nachvollziehen, warum Klimawandel unbedingt "böse" sein soll. Worauf berufen sich solche Einschätzungen? Wenn die beobachtbaren Effekte doch so positiv sind? Es ist ein Glaubenssystem, meint er, zu behaupten, daß wir sofort drastische Maßnahmen vornehmen müssen, um eine angeblich drohende Katastrophe zu verhindern. Er als Wissenschaftler versteht das nicht, und er weigert sich auch verstehen zu sollen, warum man das macht. 

Sie berufen sich auf ihre Computermodelle? Dyson hat sich immer dagegen gewandt, wenn behauptet wurde, daß solche Modelle zutreffende Vorhersagen ermöglichen würden. Solche Modelle wurden ja schon erstmals in den 1960er Jahren konstruiert, und er kennt sie. Sie haben ihren Wert, um das Klima verstehen zu lernen, aber sie sind ungeeignet, Klima vorherzusagen. Denn man kann nur eine begrenzte Anzahl von Faktoren darin berücksichtigen, viel muß weggelassen werden. Also kann man zwar darüber lernen, welche Faktoren sich wie auswirken. Aber das Klima, die reale Welt ist dann immer noch weit komplexer und komplizierter als solche Modelle. Sie werden deshalb prinzipiell nie dazu in der Lage sein, Vorhersagen zu treffen.  Man kann nicht so komplexe Zusammenhänge in Modellen nachbilden. 

Man darf dennoch nicht übersehen, daß die Tatsache, daß die Meteorologie heute oft so präzise Wettervorhersagen bis zu einer Woche machen kann, ist diesen Computermodellen geschuldet. Da hat eine enorme Entwicklung stattgefunden. Einzelfaktoren lassen sich oft recht genau einschätzen, wenn es um lokales Wettergeschehen innerhalb kurzer Fristen geht. Für zehn Jahre im Voraus wird man das nie machen können. Die Wettervorhersage ist aber genau so viel eine Kunst wie eine Wissenschaft, das heißt daß sie auch mit dem Menschen zu tun hat, der sie anstellt. Aber sie verbessert sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft.

Morgen Teil 2)


*201218*

Freitag, 17. April 2015

Aber wir wissen wenig (2)

Teil 2) Die häretischen Ansichten eines Wissenschaftlers





Die Aussagen dazu seien seiner Ansicht nach hoffnungslos überzogen. Sodaß man nicht einmal berücksichtige, so Dyson an anderer Stelle, daß mit dem Anstieg des CO2 auch die Erde immer grüner geworden wäre. Er kennt nicht nur die Klimamodelle, mit denen gearbeitet wird, er kennt auch deren Macher. Aber diese Modelle sind nicht in der Lage die Realität abzubilden, in der wir leben, selbst wenn sie manche Teilvorgänge brauchbar abzubilden in der Lage sind. Dazu müßten aber Klimamodellexperten ihre Schreibtische verlassen, um festzustellen, wie wenig wir von den Vorgängen auf der Erde wirklich wissen. So aber enden sie als Gläubige ihrer eigenen Modelle. Ja, in Teilen der Welt ist es wärmer geworden, aber das kann man keineswegs von der gesamten Erde aussagen. Um das Kohlendioxid in der Atmosphäre wirkungsvoll zu reduzieren, wäre im Umkehrschluß ausreichend, die Biomasse der Erde (etwa durch landwirtschaftliche Maßnahmen der Verbesserung der Organizität des Bodens) um EIN INCH pro Jahrhundert zu erhöhen.*

Das Problem des Anstiegs des CO2 in der Atmosphäre ist in seinen Augen ein Problem der Bodenbewirtschaftung, und keines der Meteorologie. Zusammenhänge mit einem sehr wahrscheinlichen Rückgang der oberen Erdschichten, durch Erosion in entwaldeten Gegenden etwa, sind höchst wahrscheinlich, wenn auch kaum je meßbar.

Und er ist der Ansicht, daß das Erdöl nichts mit Biologie zu tun habe, sondern daß es weit plausibler sei, chemo-physikalische Prozesse im Erdmantel, also: anorganischen Ursprung anzunehmen. (Der VdZ erlaubt sich den Hinweis auf die Forschungen des in den USA be- wie anerkannten Thomas Gold, einem Flucht-Österreicher von 1938 übrigens, die schon vor fünf Jahrzehnten diese revolutionäre Sichtweise zum Inhalt hatten.)

Gleichermaßen sieht er in der Entwicklung Amerikas Anzeichen für eine Überdehnung, und das ist im historischen Vergleich der Anfang vom Ende einer Weltmacht. Die so lange wächst, bis ihre Strukturen zu groß werden, woraufhin sie kollabiert. Die kommenden Mächte sind seiner Ansicht nach China, Indien, oder Brasilien. Man sollte sich weniger den Kopf darüber zerbrechen, wie man in einer von Amerika dominierten Welt lebe, sondern wie man sich darauf vorbereiten könne, in einer Welt zu leben, die NICHT von Amerika dominiert wird.

Der Videovortrag von Freeman Dyson ist auch in seiner Länge (1 Stunde) durch seine freie Art, manche heutiger "Gewißheiten" auf den Kopf zu stellen, empfehlenswert. Umso erfrischender sind seine "Häresien", als Dyson als Rationalist Denkvoraussetzungen hat, denen man nicht unbedingt beitreten muß.

Was er also auch etwa über Darwin zu sagen hat, ist damit Zeugnis einer beachtlichen wissenschaftlichen Redlichkeit. Es ist, sagt er, davon auszugehen, daß der Beginn des Lebens außerhalb der Darwin'schen Postulate gesehen werden muß. Denn es muß so etwas wie einen horizontalen Gentransfer gegeben haben, noch ehe Arten entstanden. Evolution von Leben auf der Erde ist also eher als kollektiver, zusammenhängender Prozeß zu sehen. Von Spezies ist damit erst ab dem Moment zu sprechen, in dem dieser Gentransfer durch Individualisierung aufhörte, und hier erst setzt das "Darwinistische Zwischenspiel" ein, das vor 10.000 Jahren endete, als die menschliche Kulturentwicklung einsetzte, in der es um Ideen geht, die sich viel rasanter entwickeln als biologische Evolutionsprozesse es vermögen. Sie wird nicht von darwin'schen Gesetzen geprägt, sondern mündet in einer Renaissance des horizontalen Transfers - der Globalisierung, der Einmündung in eine "open source community".

Interessant auch seine Sichtweisen der Armut. Die, so Dyson, sei in den Dörfern begründet, würde aber in der Verstädterung in den Städten sichtbar. Das hat seiner Ansicht nach mit einer je unterschiedlichen Technologie zu tun - "green" und "grey". Anpacken müsse man das Problem also in den Dörfern, nicht in den Städten. Daß Dyson also die Zukunft der Menschheit in der Verlagerung auf "green technology" - dem "Erfinden" neuer Pflanzen- und Tierarten, grob gesprochen - sieht, liegt in dieser Sichtweise. Spätestens hier zeigt sich die problematische, nihilistische Anthropologie, auf der Dyson aufbaut. Es ist der Optimismus der Renaissance.

Aber ein wenig kann man von seinem Fazit durchaus mitnehmen: Daß nämlich die Entwicklung der Zukunft nicht einfach ein unveränderbarer Ablauf von schicksalhaften, über uns verhängten Komponenten ist, sondern in unserer Hand liegt. Alles, wovon wir heute so fest überzeugt sind, wird seiner Ansicht nach in 35 Jahren Schnee von gestern sein. Uns muß klar sein, daß wir (im rationalen Sinn) nur Ungewißheiten haben. Neue Wege zu finden braucht aber den Mut zur Häresie.










*Es gibt Schätzungen, daß die Organismen der oberen Erdschichten so zahlreich sind, daß ihre Masse, extrahiert, die Erde 3 Meter bedecken würde. Das würde übrigens auch erklären, warum über Wüsten, über warmen Meeresregionen, aber auch über der Arktis die CO2-Konzentration in der Atmosphäre besonders hoch ist, nicht aber über dicht besiedeltem Festland, wo sie doch besonders hoch sein müßte, wäre sie einfach menschlicher Ausstoß. In jedem Fall aber ist es, so Dyson, irreführend, CO2 über globalen Durchschnitt zu behandeln. Es hängt sehr nachvollziehbar mit den verschiedenen Klimazonen zusammen, und macht - als Treibhausgas verstanden - zwar kalte Gegenden wärmer, nicht aber warme, wo die Luft über der Landfläche weit mehr Wasserdampf enthält.

Alle Elemente aber, die relevant für den Kohlenstoff sind - fossile Brennstoffe, die Atmosphäre, die Pflanzen, die obere Erdschichte, die oberen Schichten der Meere - können nicht für sich betrachtet werden. Denn sie interagieren alle engstens, und hängen zusammen. Man muß sie deshalb als Gesamtsystem verstehen. Erhöht sich etwa das CO2 in der Luft, wachsen Pflanzen vermehrt über Wurzelbildung, um die vermehrte Aufnahme über die Blätter zu kompensieren. Damit erhöht automatisch höherer CO2-Gehalt die Biomasse in der oberen Erdeschichte. . .




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Donnerstag, 16. April 2015

Aber wir wissen wenig (1)

Er liebe mehr die Details, nicht die großen Einheitsformeln. Die "theory of everything" würde die Wissenschaft nie finden, meinte 2012 eine der großen Stimmen in der amerikanischen Wissenschaft, Freeman Dyson. Wissenschaft könne sich nur auf Details konzentrieren, und diese zu verstehen suchen. Aber hinter jedem verstandenen Detail offenbarten sich immer zwei weitere große Fragen. Man könne immer nur neu staunen, wie komplex und im Verstehen unerschöpflich das Universum sei. Das, was wir nicht verstehen, übersteigt immer das Gewußte um Dimensionen.

Befragt nach den Ursprüngen des Lebens, äußert er bestenfalls Vermutungen, aber er - der seit vielen Jahrzehnten an biologischen Fragen arbeitet - hat keine Theorie darüber. Zwischen den bekannten chemisch-physikalischen Vorgängen und dem Moment, wo Leben auftaucht, klaffe nach wie vor eine riesige Lücke der Nicht-Verstehens. Und man ist in dieser Frage seit er sie beobachte nicht viel weitergekommen. Von RNA oder Proteinen als erste Stufen zum Leben auszugehen halte er nicht für richtig. Sie spielen eine wichtige Rolle, gewiß, sind aber äußerst komplexe Geschehen. Es gebe noch viel mehr, das davor dagewesen sein müsse.

Und selbst, wenn es gelinge, stimmmige Theorien zu formulieren, hieße das noch immer nicht, daß sie auch wahr seien. Gödel, so Dyson, habe bewiesen, daß selbst die Mathematik kein geschlossenes System darstelle. Es blieben immer Fragen, die nicht aus ihr heraus beantwortet werden könnten: als Regeln, die von außen kommen und sie eigentlich bestimmen. Dasselbe gelte für Computer, wie Thuring bewiesen hat. Auch sie könnten zwar viele Aufgaben lösen, aber vieles werden sie aus prinzipiellen Gründen nie können.

Vorhersagen könnten nicht davon ausgehen, zu stimmen. Sie sind dazu geeignet, die Vorstellungskraft zu befeuern, aber sicher könne man sich ihrer nie sein. Normalerweise seien Vorhersagen falsch, auch seine. Und selbst wenn er etwa glaube, daß die Neurologie, das Verstehen des menschlichen Gehirns (mit allen Auswirkungen auf die Computertechnologie) das 21. Jhd. bestimmen werde, so glaube er, daß die Zukunft ANALOG und NICHT DIGITAL aussehen werde. Thuring hat zwar schon 1936 sein berühmtes Theorem aufgestellt, daß digitale Computer in der Lage wären, alles zu imitieren.

Aber etwa 1980, vor 30 Jahren wurde von zwei Amerikanern ein Theorem aufgestellt und veröffentlicht, das noch völlig unbekannt ist, dem er eine höhere Bedeutung beimesse: Es hat bewiesen, daß es Zeichen gibt, die man analog, nicht aber digital abbilden könne. Langfristig wird deshalb seiner Meinung nach die analoge Technik zurückkehren. Denn Dyson glaubt, daß auch Gehirne weit eher analog als digital arbeiten. Das Gehirn ist jedem Computer enorm überlegen, etwa wenn es darum geht, Gesichter zu erkennen, oder Sprache zu benützen.

Es hat die erstaunliche Eigenschaft, äußerst rasch Bilder zu vergleichen, oder Tonsequenzen zu erkennen, und das funktioniert nicht über digitale Prozesse, sondern auf geheimnisvolle Weise und in Lichtgeschwindigkeit. Das alles sieht für ihn weit eher nach einem analogen Prozeß aus. Er sieht es als Ursache dafür, daß es immer noch nicht gelingen will, künstliche Intelligenz herzustellen: Man setzt auf digitale Technik, die aber menschlichen Denkprozessen nicht gerecht wird, weil es sie nicht adäquat abbilde. Will man hier weiterkommen muß man sich von der digitalen Computertechnik verabschieden, und beginnen, analog zu denken. Aber das Gegenteil ist der Fall, man konzentriert sich nach wie vor auf diese (falsche) Technik. Facebook geht für Dyson in diese Richtung: die Welt der Informationen entwickelt sich von Symbolen (Zahlen) hin zu Bildern.

Die Bedeutung von Quantencomputern, die für Dyson ein dritter Weg wären, könne er aber nicht einschätzen, denn man verstehe sie eigentlich überhaupt nicht.

Eine weitere Zukunft sieht er - neben der Genforschung - in der Expansion des menschlichen Lebens ins Weltall, auch wenn er das eher für das nächste Jahrhundert erwartet. Übrigens vertritt Dyson die Ansicht, daß Poesie und Wissenschaft sich decken. Seine Thesen sieht er immer wieder als "erzählte Geschichten", in denen er sich als "Häretiker" heutiger Weltsichten begreift. Unnötig zu erwähnen, daß er in einem allfälligen Klimawandel weit mehr Chancen sieht, als eine drohende Katastrophe.








Morgen Teil 2) Die häretischen Ansichten eines Wissenschaftlers




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