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Mittwoch, 10. März 2021

Auf der Rechnung der tumben Preußenkönige

Allfälligen Feierlichkeiten rund um das 150-Jahr-Jubiläum der "Gründung des Deutschen Reiches" etwas abzugewinnen braucht schon ein eigen Gemüt. Das in den Augen des VdZ mit darauf aufbauen sollendem "Patriotismus" nicht sehr viel anfangen kann. Doch während wir darauf nicht weiter eingehen wollen, sollen zwei der zahlreichen fragwürdigen Meilensteine auf dem Weg zu diesem (nie legitim gewordenen) "Deutschen Reich", auf dem immerhin das heutige "Deutschland" beruht, mag man es drehen und wenden wie man will, aufgegriffen werden. Deren Auswirkungen auf das europäische Gefüge katastrophal waren. Und nicht nur darauf, sondern auch auf das Schicksal der deutschen Völker, vor allem derer in heute nicht mehr zu diesem Staat gehörenden ehemaligen "Ostgebieten". Allen voran ... Schlesien.

Schlesien war zu einer Zeit, in der nicht mit der Blechmünze von Nationalstaaten gehandelt wurde, stets Teil der böhmischen oder der mit dieser (wie mit der ungarischen) stets eng verbundenen polnischen Krone verbunden. Mal gehörte es dieser an, mal jener. Was insofern unbedeutend war, als der geographisch viel größere mitteleuropäische Raum kulturell einheitlich war. Über Sprache als Kriterium hatte da niemand nachgedacht. Und das Schlesisch verschmolz an den Rändern mit seinen Nachbarvölkern. Wie den Polen, wie den Tschechen, wie den Sudetendeutschen, wie den Westpreußen, wie den Sachsen.

Eine "nationelle Zugehörigkeit", wie sie im 19., vor allem aber im 20. Jahrhundert als angebliche politische Angelegenheit aufkam, wurde, wie sollte es anders sein, aus verlogenen Gründen des Machtpragmatismus von Kardinal Richelieu eingeführt, als es darum ging, die Okkupation von Lothringen mit der Tatsache zu rechtfertigen, daß das dortige Volk mehrheitlich "französisch spreche". In einem 17. Jahrhundert gesagt, wo sich nirgendwo jemand Gedanken darüber gemacht hatte, daß angeblich Sprache, nicht Geist und Lebensweise, daß "leibliche Abstammung", nicht das Prinzip geistiger Vaterschaft über Volk und Kulturraum bestimmt hatten.

Das gilt auch für Schlesien. Denn dieses "deutsche Volk" war seit je entweder unter polnischer, oder unter böhmischer Krone oder (wie später und in gewisser Hinsicht) "Staatszugehörigkeit" gestanden. Nach nationalem Begriff war Schlesien wunderbarerweise also gar nie "deutsch" gewesen! Und das sagt ein Halbschlesier ... ausgerechnet.

Naja, ab 1526 war es ja "österreichisch". Oder? Nein, eben nicht, sondern "habsburgisch". Der Herrscher war der Vater, das Volk seine Kinder. Vor allem in Oberschlesien war deshalb die "ethnische" Struktur des Schlesiervolkes recht gemischt. 

Wobei: Gemischt war eher die Sprachigkeit, die sich in Oberschlesien zum (leider) von den Niederschlesiern oft recht verachteten "wasserpolackisch" verschmolzen hatte. 

Einer Sprache, die im wesentlichen einer deutschen Grammatik folgte, aber von polnischen Begriffen und Eigenheiten durchzogen war. (Wäre alles so geblieben, wer weiß, ob wir es heute nicht mit einer eigenen Sprache zu tun hätten, wie beim Niederländischen, oder wie es beim Hoanzischen, dem "Deutsch" der ost-mitteleuropäischen Deutschen, die ehedem im Bereich der Habsburgermonarchie gelebt hatten, wohl gekommen wäre.) Dies eingefügt, um die Fragwürdigkeit und Komplexität eines "Spracharguments" beim Bestimmen eines "Volkes" ein wenig anzuleuchten.

Ein Jahrhundert nach Richelieu hatte sich freilich der Preußenkönig, der aus dem Hause der Hohenzollern stammende Friedrich II., den Kreisen wie die oben genannten Reichsbewunderer, gerne als "Der Große" bezeichnen, ebenfalls über all das noch keine Gedanken gemacht. Auch hier wurden solche Sichtweisen erst einiges später eingeführt um zu rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen war. Daß es sich hier (wie zuvor schon bei der Besetzung Sachsens) um reine Beutezüge handelte. Denn wie Sachsen, war auch Schlesien ein reiches Land, mit Bodenschätzen, und einer zahlreichen, sehr arbeitsamen und wachen Bevölkerung. 

In insgesamt drei Kriegen hatte Kaiserin Maria Theresia (und bei ihr war der Titel legitim, weil er sich auf den Kaiser, ihren Ehegatten, bezog, dessen Geschäft sie gewissermaßen stellvertretend, "von seinem Stuhle aus" erledigte) versucht, diese ihre "Perle in der Krone" zurückzuerobern. Und fast wäre es gelungen, hätte nicht buchstäblich in der letzten Sekunde eine neue Zarin den Regentenstuhl in St. Petersburg besetzt. Die Friedrich und seinen aufgeklärten (das heißt: prinzipienlosen, technischen) Sinn bewunderte, und ihm den Rücken stärkte. Sodaß Schlesien 1763, nach dem dritten Schlesischen Krieg, wirklich und definitiv an Preußen fiel. An dieses Königreich ohne Volk, denn "Preußen" (als gewissermaßen ethnisches Volk) gab es damals schon gar nicht mehr in "Deutschland", sondern nur noch "preußische Könige." Aber das ist ein anderes Thema.

Aber wer da meint, es wäre dem Wiener Kaiserhaus nur um Reichtum und Einfluß gegangen, oder um ein paar schöne Städtchen, der irrt gewaltig. Denn anders als die Preußen, die es nie lernten, war das Haus Habsburg gewohnt in gesamteuropäischen Dimensionen zu denken. Und so gesehen, hatte das Herausreißen Schlesiens aus der böhmischen Krone (und nur darum ging es, denn die Habsburger waren auch seit 1526, nach dem Schlachtentode des Ungarnkönigs bei Mohacs gegen die Türken, die Könige Böhmens) verheerende Auswirkungen auf das Gleichgewicht in Mitteleuropa. Unter dessen Verlust Europa - GESAMT-Europa - bis zum heutigen Tage schwer leidet.

Gleichgewicht heißt, daß eine gewisse Stabilität gewahrt bleibt, die darauf aufbaut, daß die Interessen einzelner Völker nicht unter die Räder geraten. Das geschah aber nun mit dem sogenannten Frieden von Hubertusburg. Denn mit dem Verlust von Schlesien als Teil der böhmischen Königskrone begann ein nächster Stein zu wackeln. Und er tat dies im nächsten Jahrhundert, bis es zur nächsten Katastrophe kam. Die Rede ist hier vom Sudetenland. 

Die Rede ist davon, daß mit dem Wegfall von Schlesien im Prager Hradschin, der "Reichs- und Ständeversammlung", die Deutschen plötzlich in die Minderheit gerieten. Zum ersten Mal wurden die slawischen Tschechen die bestimmende Mehrheit! Damit wurde nicht nur der ethnische Nationalismus sogar initiiert - denn sein Aufkommen hat mit dem Zerfallen des Volksbegriffs als Familie zu tun, die mit leiblicher Abstammung nicht primär zu tun hat - sondern er wurde den nunmehr (auch territorial ausgedrückt) zu Randexistenzen zurückgedrängten Sudetendeutschen zum tragischen Schicksal. 

Nicht nur, daß er sich selbst wiederum auf Schlesiens Situation ausgewirkt hat - auch dort war im 20. Jahrhundert die historische und angestammte Rolle der deutschsprachigen Menschen in ihrem größeren geographischen Raum (Böhmen) geschwächt (sodaß sie heute in der Tschechei wie in Polen wie historische Fremdkörper, wie "fremde Okkupanten" dargestellt werden) - hat es diesen ganzen Raum in ein labiles Ungleichgewicht gestürzt, das sich bis heute durch besondere Empfindlichkeiten auszeichnet.

Ein weiteres Mal hat Preußen eine ähnliche Katastrophe über die deutschen Völker gebracht. Und das geschah 1866 mit Königgrätz, das geschah 1871 mit der "kleindeutschen" Lösung, also einer Reichslösung ohne die Habsburgervölker. Nicht nur hat damit dem "Kleindeutschland" die Legitimation des Kaiserhauses gefehlt, sondern ein gutes Drittel der Menschen in deutschen Volkschaften kam im Habsburgerreich unter die Räder, und wurde nicht nur (außen-)politisch geschwächt, sondern führte zum letzthinnigen Zerfall der Ordnung im gesamten Mittel- und Osteuropäischen Raum, mit zahllosen Tragödien der Vertreibung speziell nach 1945 und 1946. Dem nicht nur seit 1918 ein Prinzip der Ordnung fehlt, sondern in dem Millionen Menschen getötet, drangsaliert und vertrieben wurden. 

Auch das, werte Herrschaften, wird der Herr und Gott einmal auf der Rechnung der Preußenherrscher finden. Ob die da noch als "groß" gelten werden bleibt freilich zu bezweifeln.


*070321*

Samstag, 11. April 2015

Was Kriege uferlos machte (3)

Teil 3) Weitere Beispiele aus der Kriegsgeschichte, 
die den limitierenden, kriegsentscheidenden Faktor der Logistik belegen 
- Erstes Fazit




Die Versorgung verlief deshalb noch besser, so lange eine Armee bewegt wurde und Landstrich um landstrich ausplündern konnte. Mußte sie sich aber längere Zeit am selben Ort aufhalten, war das Problem immer schwerer lösbar. Belagerungen von Städten - der Hauptkampf fand so statt - waren damit ein logistisches Problem weit eher, denn ein militärisches, schon gar wenn der Herbst nahte. Denn ihr Umland war bald erschöpft, während die Verteidiger oft sogar beträchtliche Lager angelegt und weniger Pferde zu versorgen hatten. Als die Niederländer die Deiche öffneten und weite Gebiete fluteten, hatte das genau diesen Zweck: Man unterband die Versorgung der Angreifer aus dem Land.

Je länger eine Belagerung dauerte, desto geringer wurden die Chancen der Angreifer (!), sie erfolgreich zu Ende führen zu können. Daran änderte auch nichts, daß die Versorgung mit Pferdewagen immer weiter ausgebaut wurde. Als Friedrich II. im ersten Schlesischen Krieg 1757 die Belagerung von Olmütz abbrechen mußte hatte das nur einen Grund: Die Österreichern hatte nicht Olmütz entsetzt, sondern den Versorgungstroß der Preußen angegriffen. Friedrich lernte daraus, und wandte späterhin enorme Truppenmengen auf, um die Versorgung seiner eigentlichen Feldarmeen zu sichern. 

Die Beweglichkeit der Armeen in dieser Zeit hing, wenn man von gesicherter Versorgung ausgehen wollte, mehr von der Distanz zu den rückwärtigen Feldbäckereien und Magazinen ab, als von allfälligen Kämpfen an der Front. Denn die verbrauchten Munitionsmengen waren bis ins späte 19. Jhd. gering, Nachschub also kein Problem. Eine Lebensmittelversorgung aus dem Hinterland paßte Friedrich aber gar nicht ins militärische Konzept. Und bis in den zweiten Weltkrieg setzte seither die preußisch-deutsche Armeeführung auf das Vertrauen in die Improvisationsgabe der Versorgungsoffiziere, auf die Versorgung aus dem Land, das es durch seine Doktrine der Strategie der Beweglichkeit, die Deutschland zum Angriffskrieg verurteilte, durchmaß. Denn ab einer Bevölkerungsdichte von rund 45 läßt sich eine in Bewegung befindliche Armee aus dem Land versorgen. Ein allfälliges zweites mal kann ein so ausgeplünderter Landstrich freilich kaum noch durchquert werden, was sich im Fall des Rückzugs im verwüsteten und dünn besiedelten Rußland ab 1944 verheerend auswirkte.

Wenn in einem anderen Fall, bei der Belagerung Wiens 1683, der eigentliche Schrecken der Türken der war, den sie im Umland erzeugten, so hatte das ebenfalls reine Versorgungsgründe. Denn in immer weiteren Kreisen mußte geplündert werden, um die Armee vor Wien versorgen (und besolden) zu können, die mit allem Troß und Hofstaat bis auf eine Million Personen geschätzt wird. Und der nahende Herbst erzeugte enormen Zeitdruck. Immerhin war bereits die erste Belagerung 1529 am einbrechenden Winter gescheitert. Den Türken war es nicht zu kalt geworden, wie es oft treuherzig heißt - sie konnten sich nicht weiter mit Nahrung versorgen.

Und der Sieg Herzog Marlboroughs 1704 gegen die Bayern war keineswegs nur seinem Schlachtenglück zu verdanken, sondern zuerst der Strategie, das Umfeld des bayrischen Herzogs zu plündern und Versorgungszentren zu brandschatzen, sodaß der Bayer seine zahlenmäßig überlegene Armee immer schwieriger versorgen konnte. Auf die selbe Weise verhinderte er vorerst, daß die Bayern den Lech überschritten, um gegen ihn vorzugehen: Er legte selbst Magazine an, wies seine Truppen dann an, alles was nicht niet- und nagelfest war zu plündern, und das Land niederzubrennen. Die Politik der "verbrannten Erde" war keine Erbindung des 20. Jhds. Ein Gegner durfte sich nciht einfach versorgen können, also mußte man das Land auslöschen. Erst als Marlborough keine andere Möglichkeit mehr sah, weil ihm selbst Versorgungsprobleme drohten, stellte er sich den Bayern bei Blendheim - und gewann.



Fazit


Bis zu den Napoleonischen Kriegen trug der Krieg sein enges Limit in sich. Große Heere waren auf Dauer nicht zu versorgen, und die fehlenden (geldtechnischen) Möglichkeiten für einen Staat, einen Krieg, schon gar einen längeren Krieg zu finanzieren, sorgten für Zwang, möglichst rasch zu einem Ende zu kommen. Vor allem konnte ein Krieg nicht "aus eigenem" heraus von einem Land wirtschaftlich getragen werden. Wollte sich ein Land, das einen Krieg begann, nicht selbst ökonomisch ruinieren, indem es seine Truppen aus eigener Kraft versorgte - was auch strategisch durch den schwierigen Transport engste Grenzen zog - brauchte es die Resourcen des Feindes, um sich aus denen zu nähren, so wie sich die Kriege der gesamten Vergangenheit genährt hatten. Bis auch diese Resourcen erschöpft waren, eine Kriegführung nicht weiter möglich oder sinnvoll war, weil nur noch Verlierer kannte.

Was dem Krieg jede Schranke nahm war deshalb auch nicht die Entwicklung der Waffentechnik, wie man oft glaubt. Es war die Möglichkeit, ihn zum einen logistisch zu tragen, durch Versorgung mit Waffen, Munition, Lebensmitteln und Soldaten, und zum anderen, ihn - aus denselben Gründen: einer kapitalistisch voll entwickelten modernen Industriewirtschaft - auch aus eigener "Kraft", mit von den Regierungen selbst aufgestellten Mitteln, in denen sie ein ganzes Volk in Geiselhaft nahmen, zu finanzieren. Was die Kriegführung maßgeblich verändert hat waren nicht neue Waffen - es war zuerst die Geschwindigkeit.

Gleichzeitig wurde durch die modernen technischen Mittel, die einziehende Geschwindigkeit, die Politik auf ganz neue Weise unter Druck gesetzt. Und wenn der erste Weltkrieg eines beweist - dann genau das: Wie die Technik, auf die alle setzen, auf alle entscheidend und verändernd rückwirkt. Denn mit der Geschwindigkeit zogen ganz neue Notwendigkeiten, Zwänge und Denkweisen in die Politik ein.

Es ist naives Kindergartengequatsche etwa zu sagen, daß Technik eben für Gutes wie für Schlechtes verwendet werden könne. Der entscheidende Faktor der Technik ist ganz anders gelagert: Die Maschine (ob als gedankliche Maschine oder als Apparat mit Tasten und Zeigern) verändert prinzipiell Denklandschaften qualitativ, nicht einfach nur quantitativ, und verschiebt Prioritäten in der Urteils- und Entscheidungsfindung. Die Entwicklung der Kriegsführung ist nur ein Exempel, an dem das klar wird: Die Maschine verändert uns, nicht wir die Maschine. 

Sie hat uns zu Barbaren gemacht, denn der Krieg wurde von der Kunst, von einer kultivierten Form der Auseinandersetzung, zu einem bloßen, industriegestützten Gemetzel mit Vernichtungsnotwendigkeit bei Gegnern, die nicht einmal mehr die Würde von Feinden haben. Kein frommer Spruch, den wir dieser Maschinerie umhängen, keine partielle Einschränkung, die das Gute angeblich wahren, das Schlechte hindern soll, kein "universaler Wert" den wir als Motiv heuchlerisch bemühen, kann das ändern.




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Freitag, 10. April 2015

Was Kriege uferlos machte (2)

Teil 2) Wie sich Armeen ernähren




Galt zu allen Zeiten das Gesetz, daß jeder Angreifer - der sich ja in einem Rechts dazu sah - vom Land des Angegriffenen lebte, wurde mit der zunehmenden Grüße der Armeen in der Neuzeit das Problem immer schwieriger zu lösen. Schon im 30jährigen Krieg kam es deshalb selten zu Armeenkonzentrationen, die 15.000 Mann Stärke überstiegen. Bis dorthin hatten noch dazu Soldaten meist ihre Familien bei sich, und Kommandanten hielten nicht selten einen regelrechten Hofstaat aus 100 und mehr Personen. Sodaß der gesamte Troß ein Mehrfaches an Menschen gemessen an den reinen Soldatenzahlen aufwies.

Aber war ein Land erschöpft - woher sollte die benötigte Nahrung kommen? Und was tun, wenn man einen Landstrich eigentlich erobern wollte, sodaß einem das Problem später auf den Kopf fiel, wenn es so ausgelaugt war, daß eine wirtschaftliche Erholung nur auf lange Sicht und unter hohen Rücksichtnahmen (wie Steuererleichterungen) erreicht werden konnte? Dann schuf man sich selber Probleme.

Die Frage war nicht unbedingt leichter lösbar geworden, als man auf stehende Armeen überging, sich Kabinettskriege mit wenigen hundert oder tausend Mann, wie noch im späten Mittelalter, in Volkskriege mit immer größeren Heeren umwandelten. Zwar mußten viele Städte für diese Zwecke Lager unterhalten, aber die Transporte waren zu langsam, und für Armee, die in Nachbarländer einfielen, immer schwieriger zu organisieren.

Eine Armee, die rein aus Soldaten bestand, wie jene der Franzosen, die mit bereits 60.000 Mann Ende des 17. Jhds. in die Niederlande einmarschierten, hatte zudem noch 40.000 Pferde zu versorgen - im Troß, für die Kavallerie, für die Kanonengespanne. Das hieß 100 Tonnen Nahrung, vor allem Brot, das ja auch gebacken werden mußte, für die Soldaten und 400 Tonnen für die Tiere (10 Kilo pro Pferd). Pro Tag. Dabei waren die Niederlande ein sehr armes Land. So große Landflächen, wie man gebraucht hätte, waren auch unmöglich zu besetzen und zu kontrollieren.

Also ging man historisch erstmals auf ein System über, in dem stützpunktweise im Feindesland Magazine angelegt und immer wieder aufgefrischt wurden. Die konnten immerhin die Mobilität der Armee erhöhen, wenn sie auch nicht in der Lage waren, sie für längere Zeit zu versorgen. Wichtig war eben, daß die Transportwege von der Armee zu den Magazinen kurz waren. Weil das Truppen band, die Magazine wie Wege schützen mußten.


Morgen Teil 3) Weitere Beispiele aus der Kriegsgeschichte, die den limitierenden, kriegsentscheidenden Faktor der Logistik belegen





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Donnerstag, 9. April 2015

Was Kriege uferlos machte (1)

Wer die Geschichte der Kriege näher betrachtet kommt zu dem Schluß, daß der Verlauf von Kriegen weit weniger vom Genie der Feldherren abhing, als von Krankheiten zum einen, vor allem aber von der Logistik zum anderen. Viele militärisch aussehende Entscheidungen sind in Wahrheit nur aus Gründen der notwendigen Versorgung zu verstehen.

So folgen noch im 17. und 18. Jhd. die meisten Feldzüge den Läufen schiffbarer Flüsse. Denn auf einem Schiff konnte ein Vielfaches von dem transportiert werden, was ein Pferdewagen bewegen konnte. Und Pferdewagen waren nicht nur langsam, sie brauchten samt Besatzung und Begleittruppen selbst wieder einen Teil des mitgeführten Nachschubs.

Daß Kriege in diesen Zeiten verglichen mit denen ab Napoleon noch in zahlenmäßig kleinerem Rahmen stattfanden, war aber nicht der Humanität zuzuschreiben. Mit der sah es trotz oder gerade wegen der Aufklärung nicht gut aus. Im Gegenteil, ein Menschenleben zählte damals  noch weit weniger als heute, und die Kampftaktiken waren längst reines Mengenkalkül. Was Kriege zu allen Zeiten und auch damals zu allererst limitierte war die Unmöglichkeit, größere Heere über längere Zeit zu versorgen! Es war auch nicht die Entwickung neuer Waffen, wie im 19. und 20. Jhd., die Kriege jedes Maß überschreiten ließen. Denn was nützten Waffen, die so viel Munition verbrauchten, daß diese gar nicht ausreichend heranzuschaffen war?

Was den Kriegen jedes Maß genommen hat war die Entwicklung des Transportwesens! War die Verdoppelung und Verdreifachung des landwirtschaftlichen Ertrages, sodaß die Versorgung aus dem Land, und mit der gesteigerten Produktivität zugleich die Ertragskraft der Staaten, die Steuerfähigkeit, sodaß die Finanzierung eines solchen immer materialreicheren Krieges immer einfacher möglich wurde. Es war vor allem aber damit, und in jedem Fall: die Entwicklung der Geschwindigkeit. In der Entwicklung der Eisenbahn, der Flugzeuge, der Benzinfahrzeuge.


Morgen Teil 2) Wie sich Armeen ernährten






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Donnerstag, 25. Juli 2013

Symbolik

Gibt es eine schönere Symbolik für Berlin? Das Stadtschloß der Hohenzollern soll wieder aufgebaut werden. Die Fassade. An drei Seiten. Innen wird es ein Einkaufszentrum und viel Platz für Events geben.

Auflösung der Gestalt, Gestalt nur noch als optische Reminiszenz, man kann mit ihr nichts mehr anfangen, der tragende Kern ist gestaltlose Funktion.



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Freitag, 17. September 2010

Viel einfacher

Das meiste an Argumenten und Gründen, die man in der Geschichte als Motive für Ereignisse und Handlungen findet, sind nichts als simpelste Rechtfertigungen, und nicht selten solche der damaligen Gegner.

Hekatomben an Literatur wurden geschrieben, die vom Preußen Friedrich II. als Rumpfland berichten, das nicht anders konnte, als durch aggressive Eroberungspolitik jene Landsubstanz an sich zu reißen, die es zum Überleben benötigte.

Die Wahrheit ist schlicht und bescheiden, und Friedrich II. gesteht sie selbst einmal ein: es war Eitelkeit und Ruhmsucht, die ihn dazu trieb, in Schlesien einzufallen.

Und so ist es wohl bei vielen, ja wahrscheinlich den meisten Handlungen. Heute, wie damals. Es sind ganz einfache Motive und Schwächen, die das Handeln der Menschen bestimmen. Und die Geschichte ist häufig nichts weiter als die Auseinandersetzung mit den Lügen der Rechtfertigung, speziell wenn sie zu sehr von offiziellen Dokumenten oder persönlichen Aussagen der Subjekte ausgeht, die Auseinandersetzung damit, wie es "auch" gewesen sein könnte - wäre es wirklich aus einer Logik heraus motiviert gewesen, die Wirkungen des Ergebnisses als Ziel erfordert hätte.

 
*170910*

Sonntag, 28. März 2010

Vielleicht war alles ganz anders

Eine interessante, und bei näherem Nachdenken vieles beleuchtende These, die Joachim Fernau in "Deutschland, Deutschland, über alles ..." vertritt - auf der Feststellung aufbauen, daß jeder Glanz des Kaisertums in Deutschland im 17. Jahrhundert längst erloschen, Maria Theresia (deren Erbberechtigung - Karl VI. hatte keine männlichen Nachkommen - und damit Legitimität in einem Teil Deutschlands nie anerkannt wurde) nur noch "Fürstin in ihrem Stammland" war:

"In blinder Gier hatten die Habsburger unter Vernachlässigung aller Reichsgeschäfte und Kaiserpflichten ihren persönlichen Besitz mit allen Mitteln der Verträge, der Tauschgeschäfte und der Heirat vergrößert. Aus jener Zeit stammt das Wort: Tu felix Austria nube, Du glückliches Österreich, heirate!

Man kam sich sehr schlau vor. Das Schicksal präsentierte jedoch jetzt (im 18. Jahrhundert; Anm.) die Rechnung: Die Habsburger Untertanen bestanden aus Böhmen, Mähren, Österreichern, Krainern, Tirolern, Siebenbürgern, Ungarn, Oberitalienern, Flamen, Wallonen und Serben, ein sinnwidriges Völkergemisch, das uns die Welt später schwer übel genommen hat. Es zwang den Kaiser damals, undeutsch zu denken. Die Ungarn haßten ihn, die Böhmen haßten ihn, die Wallonen haßten ihn, die Italiener haßten ihn. Es war ihm egal. Verzweifelt klammerte er sich an seinen erheirateten und erschacherten Besitz, ständig jonglierend."

Tja, was soll man da noch sagen ... außer: Wo wollte man ihm widersprechen? Außer daß die Geschehnisse der letzten paar hundert Jahre ihre auffällig stimmige Logik erhielten, die den gelernten Österreicher zwingen würde, sein Selbstbild, das er ohnehin nie auf die Reihe bekommt (und das vielleicht dann, wenn er sich dieser Wahrheit gegenüber öffnet, endlich, endlich ihr Gleichgewicht fände), neu zu überdenken? Ein Ende hätte es dann mit falscher Habsburg-Romantik, ja eben diese wäre dann falsch.

Wer hat denn wirklich je die Habsburger gemocht? Die Österreicher, das heißt und hieß: Oberösterreicher? Niederösterreicher? Steirer? Schon unter Rudolf, dem ersten Habsburger auf Deutschem Königsthron, waren sie gegen ihn, er mußte das Land brechen, und er tat es gegen Premysl Ottokar, dem die Menschen in Wahrheit anhingen.

Ist sohin die Geschichte dieses Landes nicht die Geschichte einer jahrhundertelangen, unausgesetzten usurpatorischen Anmaßung? Ist sohin die Geschichte des Adels, der Eliten in diesem Lande, die eines unausgesetzten Verrats? Einer Spaltung der Bevölkerung, in dem man ihm Eliten vorsetzt, die zu ihm in Widerspruch stehen?

Ist das heute anders? Ist also heute nur die Fortsetzung dieses historischen Zuges, in dem ein Volk, Völker, in Geiselhaft stehen?










*280310*

Freitag, 4. Dezember 2009

Nicht Wahrheiten - geistreiche Voraussetzungen

König Friedrich II., der Preußenkönig, in seiner Grabrede für seinen geliebten Neffen Prinz Heinrich: 

"Mit achtzehn Jahren wußte er die Systeme von Leibniz, Malebranche, Descartes und Locke darzustellen. Ja sein Gedächtnis hatte nicht nur diese abstrakten Dinge erfaßt; seine Urteilskraft hatte sie auch geläutert. Er war erstaunt, in den Forschungen dieser großen Geister weniger Wahrheiten als geistreiche Voraussetzungen zu finden, und er war mit Aristoteles zu der Ansicht gelangt, daß der Zweifel der Vater der Weisheit ist."




*041209*

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Hauptgegner des Kommunismus

Man kann darüber diskutieren - aber die These hat etwas für sich: daß nämlich der wirkliche, erste Überwinder des Kommunismus das Nationalgefühl der einzelnen Völker war. Das zu allererst eine Identität festhielt wie verhieß, das auf die jeweilige Eigenart, nicht aber auf eine funktionale, mechanistische Idee, eines bloßen Utilitarismus menschlichen Zueinanders, gegründet war.

Sowohl die Aufstände in Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei, Polens, auf andere Weise auch in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien - sie waren Aufstände, die sich auf ein praktisches Menschenbild bezogen, das die Fremdheit der Funktionärsdiktatur - der künstlichen Meta-Nation und -Identität der "sozialistischen Menschen" - begründete, und die künstlichen Staatsgebilde nie wirklich Wurzeln treiben ließ. Und die Quelle der Lebenskraft aller dieser Staaten war. Selbst Afghanistan 1980-90 belegt diese These.

Während sogar die DDR ein Musterbeispiel einer Staatsidee, einer "Staatsnation" war, die aber nie identitätsstiftende Kraft (gegenüber der der "deutschen Nation" beider Deutschland) gewann, weil am realen Widerspruch scheiterte. Nicht zufällig hat die DDR in z. B. militärischen Traditionen sogar versucht, an die Teilnation "Preußen" - in ihrer historischen Gegnerschaft zu Westdeutschland - anzuschließen! Vielleicht hat sogar gerade die für die Linke so brauchbare Keule der Kriegs- und Judenvernichtungsschuld dieses Nationalgefühl, "Deutscher" zu sein, auf eine Weise erhalten, die nur bei einem "Rückfall" in die früheren Identitätsbecken der Länder (Stämme) auflösbar gewesen wäre. Rückschlüsse auf Österreich (und die Funktion der "Mitschuld") sind zulässig.

Sogar noch weiter ist anzusetzen: der Nationalismus war es nämlich, der auch den Widerstand gegen Hitler zuwege brachte! Ein Nationalismus, der sich eben nicht auf Meta-Ideen bezog, sondern die Heiligkeit der Nation, ihre Ehre und Sittlichkeit, immer im Vordergrund behielt. Das machte zwar für die Nazi-Rhetorik täuschungsanfällig, die beliebig Begriffe mißbrauchte und umdeutete, aber die Frage des Erwachens war nur eine Frage der Zeit. Hitler hatte immer der Wehrmacht genau deshalb mißtraut! Und mit Recht.

Wird, wie in der DDR passiert, der Nationsbegriff der Gründungslegende (hier: Weltkriegsschuld) eliminiert, dann passiert genau das Gegenteil, und auf völlig unerwünschte, weil politisch erst schlagkräftige Weise: der Nationsbegriff "rutscht" nach unten, wird singulär und wird dort sogar zum positivistischen, ja: ideologisierten Bezugspunkt und Wert! Und dieses "Nationalgefühl", das sich nun gegen den Zerstörer des Nation richtet, nährt sich aus Traditionen, die unmöglich auszurotten sind ... geschichtliche Bezüge, Kunst, Musik, Architektur. (Worin man den inneren Grund für Maos "Kulturrevolution" in den 1960ern sieht.) Und vor allem sittliche Hochwerte der (sogar: phantasierten, in jedem Fall: unkontrolliert idealisierten) Nation ("Rittertum") beinhalten.

Damit haben sich die Ostblockstaaten selbst - von unten heraus - destabilisiert. Der Mauerfall 1989 war deshalb nur noch Kulminationspunkt einer nicht mehr länger hintanzuhaltenden Identitätskrise, der die äußeren Anlässe (Staatsbankrott) nur den Anlaß weil die Schwächung des herrschenden Regimes boten. Eine Identifikation mit der Ideologie der Staatsführung in der DDR hat nie in breitem Maß stattgefunden, im Gegenteil, die Glaubwürdigkeit der DDR-Führung und staatstragenden Idee war dem Nullpunkt nahe. (Es gibt Untersuchungen aus jener Zeit, die von nur 5 Prozent Regimevertrauen sprechen.) Entsprechend erfolgte keine Gewöhnung im Sinne einer Haltung, sondern Gleichgültig bei reduziertem Leben.

Erst hierein fällt auch die Religion als begreifbarer und für einen Teil der Bevölkerungen (Polen, Ungarn) entscheidender Faktor, weil die Religion die Legitimation dieses Nationalgefühls bedeutet, ja sogar die Pflicht auferlegte, es als Gottes Auftrag zum Selbstsein in der Welt nicht untergehen zu lassen.

In dem Moment, wo die Sowjetunion an ihren inneren Widersprüchen zerbrach - DAS ist die "historische Funktion" Gorbatschows, über den man streiten kann: ob er überhaupt wußte, was er tat - zerbrach auch das imperialistische Reich, das die kommunistische Sowjetunion in Wahrheit gewesen ist. Für die die Metaidentität "Kommunismus" als haltendes Band realer Machtpolitik, als moralisch scheinbar übernational legitimierender Bezugspunkt dieser Machtpolitik, fungieren sollte. Und es blieben die Nationen.

Als Bündnis freier Nationen, genauso haben auch die Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft diese gesehen. Ja, Schumacher z. B. war völlig klar, daß die Stellung und Kraft Europas im globalen Selbstbehaupten nur auf dem Boden starker Nationen wachsen konnte. Nur in einer Nation, so Schumacher (laut den Memoiren von Carlo Schmid), habe die Demokratie Fundament und Quelle. "Demokratie ist keine Sache des Kapitulierens vor fremden Egoismen, sondern Ausdruck der Achtung des Volkes vor sich selbst."

Und der Preußenkönig Friedrich II. sagte in der berühmten Grabrede für seinen Neffen Prinz Heinrich: "Es ist nicht die Aufgabe der Philosophie, die natürlichen Gefühle zu ersticken." Recht hat er.




*021209*