Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Proletariat werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Proletariat werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 4. März 2021

Die pervertierte Revolution (3)

Teil 3) Dieser Scheinkampf ist nicht unser Kampf.
Der ein Kampf um die Ordnung des Seins ist.
Und deshalb nur auf der Liebe und damit Wahrheit beruhen kann


Wir beobachten in all diesem weltweiten Oberflächengetöse, das uns Tag für Tag die Ohren volljammert, den Kampf der einen Gewalttäter gegen die anderen Gewalttäter. Wir haben das scheinbare Ringen zweier nur scheinbar entgegengesetzter Kräfte vor Augen, denen es jeweils nur um die Vormacht über den anderen geht. Deren Ziel aber vollkommen identisch ist: Die Vernichtung der Welt. 

Gruppen stehen sich da gegenüber, die beide auf nur je andere Art die Okkupation der ontischen Strukturen einer Gesellschaft anstreben. Um dann ... dieselben Ziele zu verfolgen.

QR Tucker Carlson

In diesem Scheinkampf, der uns manchmal den Atem raubt und den im erreichbaren Video auch Tucker Carlson auf Fox News so "brillant" vorexerziert, kommt der wirkliche, der eigentliche Kampf des Menschen völlig unter die Räder. Der ein Kampf des Seins, Gottes also, gegen jene Mächte ist, die das Sein, Gott also, verdunkeln und aus der Welt hinausdrängen wollen. Mit der unausweichlichen Folge, daß alles ins Nichts fällt, also der Zerstörung anheimfällt. Was immer sich gegen Gott wendet (wie immer man das nennen will: Laster, Sünde, Irrtum, Bösartigkeit, Schwäche ...), wendet sich in die eigene Nichtung. 

Es geht um alles oder nichts, buchstäblich. Hier gibt es deshalb auch keine Nützlichkeiten und strategischen Bündnisse, dies ist nur eine der (historisch leider so häufigen) fatalen Fehleinschätzungen der Katholiken. Und nur sie sind das Medikament, das den Zerfall der Welt verlangsamen mag. Einzig zu dem Zweck, den Kindern, den anderen den Zugang zum Heil wenigstens nicht noch weiter zu erschweren, wenn nicht gar zu erleichtern (wie es im hohen Mittelalter noch der Fall war.) 

Hier haben wir es mit dem Kampf Satans gegen Gott zu tun. Darum geht es Satan von Anfang an: Um die Nichtung der Schöpfung, die in Jesu Christus, noch mehr aber sogar in der sündelosen Frau, der Gottesmutter, die NUR Mensch ist, NICHT AUCH GOTT wie Jesus der Christus. Es ist diese Frau aber, in der die Welt ankert. Als Welt, deren Logos (als nur im Leben seiender Grund, als "auf das Wissen Gottes hin" bewegungshaftes Seiendsein) sich über den Heiligen Geist, den die Gottesmutter als in die innertrinitarische Wirklichkeit hineingenommen mitatmet, so sehr in die Gestalten jenes unendlich dichten Gewebes der Zueinandergefügtheit treibt, daß sogar Aristoteles mit dem Gedanken der Entelechie seine pure Freude hätte. Sie ist es sohin, die die Totalität des Weltseins (als die Schöpfung) mit Jesus dem Gottmenschen, den sie selbst geboren hat (und - wie jede Frau somit! womit wir bei der gewaltigen Stellung der Frau in der Schöpfung wären! nicht hierarchisch also, sondern ontisch! - gebären muß), erfüllt.

Worin liegt nun der Irrtum auch eines Tucker Carlson? Worin liegt der Irrtum so vieler "Rechter", die sich händeringend darum bemühen, als die "guteren Guten" gesehen zu werden? In der Empathie. Diese Linksheit dieser Rechten deckt die Gruppe der Menschen ab, die noch irgendwie irgendwo ein Herz haben. Aber zu wenig Verstand, zu wenig Mannsein, um denn doch den entscheidenden Schritt der Weltgebärung zu machen: Den zur Einsamkeit. Den zum Alleinsein, als dem eigentlichen Schritt ins innertrinitarische Leben, der wiederum ein Schritt des Sterbens ist. (Gewiß, komplex; aber nicht irrational, also prinzipiell der Vernunft nicht greifbar! Sondern nur noch im Staunen erfaßbar.)

Deshalb darf einem die Seite des Tucker Carlson meinetwegen sympathischer sein. Aber nie ohne sich dessen gewahr zu werden, daß uns auch von ihm eine riesige Kluft trennt. Die zu ignorieren nicht ein verbindendes Miteinandersein bedeuten würde, sondern die uns in den Abgrund fallen ließe, den zumindest einstweilen auch Carlson gewählt hat. Weil dort schon so viele liegen, daß man meinen könnte, man wäre nicht alleine, und könnte somit das Wesen des Menschseins - als soziales Wesen! - erfüllen. Wie verlockend es doch ist, diesen mit Zuckerwatte drapierten Irrtum einzunehmen. 

Aber unser Ich, werter Leser, er wird mir hier sicher zustimmen, nicht wahr?, dieses unser Ich wird in nur einem Du, und das ist das Du in Gott. Das Du des Mitmenschen, das Hineinsterben des Ich in dieses real und personal Begegnende, das in seinem Sein und Wesen Gottes Ebenbild ist, ist zwar der Pfad dorthin, aber auch nicht mehr. 

Das ist der Weg des Menschen. Es ist niemals der Weg der Revolte gegen die Ordnung, die im Sein liegt. Und ohne dieses Sein gibt es nur Schein, Lüge und Irrtum. Wenn man also als Katholik, als jemand, der "alles umfaßt", der sich also in keiner Ideologie jemals festlegt und instrumentalisiert, leben und ins ewige Leben hineinsterben will, kann es nur eine Revolte geben: Die gegen das Böse, den Irrtum, die Lüge. Als Begegnung mit Menschen kann es aber nur eingebettet in das erste und wichtigste Gebot - das der Liebe - sein. 

In der Liebe dann, in dieses Sein hineingeschweißt gewissermaßen, ist uns der letzthinnige Sieg sicher. Der aber erst in der nächsten Welt, der Neuschöpfung, Realität und Welt werden wird. So lange haben wir damit zu leben, daß der Nicht-Liebende uns innerweltlich betrachtet immer überlegen sein wird. Er hat die Gewalt, die wir uns verbieten, weil sie uns verboten ist, und er hat die List, die Tücke, die wir aus Liebe niemals über den Nächsten stülpen, auf daß er in die Irre gehe, und sich unseren Vorstellungsbildern füge. 

Weil jeder Mensch in seiner Freiheit dazu berufen ist, sich (in der Selbstüberschreitung, also im Paradox des Selbst-Todes, wie Jesus) den Bildern Gottes gemäß formen zulassen, die dieser in seinem unendlichen Wissen und Lieben aus seiner unendlichen Bibliothek hervorholt. Erst dann wird sie sichtbar, und erst dann zum Sinn der Welt - dem Lobpreis Gottes.


*270221*

Mittwoch, 3. März 2021

Die pervertierte Revolution (2)

Teil 2) Aber plötzlich halten wir inne. 
An dieser Kritik stimmt doch etwas nicht!


Und bei diesem Satz des streitbarsten amerikanischen Starmoderators im Stall von Fox-News wollen wir nun einem Herdentrieb zuneigenden Fluß der Worte innehalten. Denn mit dieser Aussage wird etwas definitiv: In welch hohem Ausmaß die "Rechte" selbst auf revolutionärem Anspruch aufruht. Wie sehr die altbekannten Forderungen der französischen Revolution Grundlage ihrer Kritik sind. Wie sehr die Rechte also zu weiten Teilen eine Camouflage ist, wie sehr die "Konservativen" bereits von Linken unterwandert sind. Wie sehr das kritische Potential ausgerechnet bei den "alternativen Medien" zwar "gegen die Mächtigen" steht, aber in Wirklichkeit die alte revolutionäre Kraft geblieben ist. Die eine Neuordnung der Gesellschaft fordert, die auf "Funktion", auf "Leistung" (=Nutzen nach bestimmten, einem Weltbild entsprechenden Kriterien) beruht. 

Nicht auf den zu heiligenden Ort, also auf Stand weil auf Sein, das nur Seiendes ist, soweit dieses sich auf das Sein selbst bezieht. Lebendig, aktiv, actu. 

Wie sehr sie stattdessen das Sein aus dem Aktuellen generieren will. Wie sehr deshalb die Forderungen der LGBT-Gruppen, sich die Identität selbst zu geben (was in sich eine Unmöglichkeit ist), in Wirklichkeit haargenau die Forderungen der wirklichen Linken aufgreifen, und doch nur eines: In Konsequenz die Forderung aus der Weltanschauung der Linken (die hier "rechts" auftreten) aufzunehmen und auf die Spitze zu treiben. Bis es halt dem besten Liberalen (=Linken) zu viel wird weil ihn stört. Dann ist Schluß mit Toleranz. Klar, die muß denn doch Grenzen haben, das leuchtet jedem ein. Obwohl sie doch (schreibt tatsächlich einer der Vorzeige-(weil Alibi)-Katholiken-Konservativen, Alexander Kissler) die Kultur des Abendlandes geradezu ausmacht, wenn nicht gegründet hat.

Wem die Evidenz nicht reicht, bitte. Dann nehmen wir es als strenges Indiz. Das müßte man also annehmen. Wenn man nicht - wie wir - wüßte, daß dieser Ansatz der Linken, und zwar der wirklichen Linken, und damit der der Liberalen sowieso eine glatte Lüge ist. Vor sich, vor der Welt. Die  nur den Zweck erfüllen soll, die bestehende, ontologisch begründete und begründbare Ordnung des Seins des Menschen (und hier erst kann man von "Gesellschaft" sprechen, weil sich darauf das Weltserin des Menschen als sozialem Wesen bezieht) auszuheben. Und deren Träger wehrlos zu machen. Durch ... Überraschung! ... wissenschaftlich autorisierten Anspruch. 

Und da hat ja der Sozialismus wirklich etwas vorzuweisen. Denn von allem Anfang an hat sich der Sozialismus, als den man diese Gedankengebäude pauschaliter bezeichnen kann, auf den lediglich durch die Aufklärung rationalistisch neu gedeuteten Begriff der "Wissenschaft" bezogen. Der sich seither auf die abstrakte Mathematik als ontologischem Vorrang des Denkens - siehe Descartes - bezieht.

Wir müssen aber, so gestrickt, die ganze Angelegenheit komplett neu denken. Denn wir erkennen plötzlich, daß die Sache viel komplizierter ist als behauptet. Wir erkennen mit einem Mal, daß sich mittlerweile auf der ganzen Welt NICHT hier die Guten und dort die Bösen, hier die Etablierten, die Eliten, dort die armen Unterdrückten gegenüberstehen. Das mag hier und dort zutreffen. Aber immer ist dieser einzige "echte" soziale Konflikt bereits okkupiert. Und zwar von ein- und derselben Destruktion. 

Die Wahl ist nicht Freiheit gegen Sozialismus. Die Wahl, die uns vorgemacht wird, ist ... immer nur Sozialismus. In diesem Echoraum kann der wirkliche Konflikt weggedrückt werden. Und, werter Leser, betrachte man doch die Sache nüchtern: Es gibt eine Grenze, die BEIDE vorgeblichen Kontrahenten absolut akzeptieren und sogar fordern. Die, das Transzendente als geschichtliche Größe draußen zu lassen. 

In Wahrheit streiten in den vorgeblichen Konflikten der Etablierten (Eliten) vs. Machtlosen also Kinder, die demselben Stall entstammen. Immer und in jedem Fall geht es somit darum, daß der, der den Köder schluckt (und das scheint die überwältigende Mehrheit der Menschen zu sein), und die Bedingungen dieser Auseinandersetzung glaubt, schon und sofort ein trojanisches Pferd verschluckt hat. An dem er krepiert. Weil aus dessen Bauch nachts die Krieger entschlüpfen, die seine Freiheit (=Offenheit für Wahrheit) erschlagen.  

Tucker Carlsons Forderungen sind deshalb nicht weniger radikal und wider das Wesen des Menschen als die von ihm kritisierte Seite, ja sie sind vielleicht sogar substantieller und damit gefährlicher, weil mehr in der Praxis verankert (und das Gesetz des Glaubens erwächst aus dem Gesetz des Betens, der Glaube wächst der Liturgie entsprechend, wie wir wissen): 

Carlson verlangt, daß augenblicks per Gesetz verordnet werden muß, daß die fünfzig anerkanntesten amerikanischen Universitäten keine Studenten mehr akzeptieren dürfen, die Eltern haben, welche selbst bereits akademische Titel tragen. Auf daß endlich und wirklich die "Besten" nach oben kommen. 

Herrschaften, geht es noch blöder, geht es noch (formt man das Urteil schonend) naiver?

Damit offenbart sich Carlsons Weltbild auf erschreckende Weise als anti-ständisch, als anti-identitär. Denn es ist das Elternhaus, das die Identität der Nachkommen bestimmt. Immer. Bei jedem. Tut es das nicht, haben die Deszendenten nicht eine Identität zur Auswahl, sondern einfach KEINE Identität. Die nur dem Haus, also dem Ort der Herkunft - Ursprung wie Ziel - entstammen kann. Was WÄRE denn sonst Identität? Wo ist dann auch der Unterschied zur LGBT-Gruppe, die Tucker Carlson zuvor so angewidert dekapitiert?

QR Tucker Carlson
Ist Carlsons Ruf nach Veränderung somit nicht der bloße Ruf nach den besseren Waffen im Kampf um die Vorherrschaft seiner Gruppe (wie immer die zusammengesetzt sein mag)? (Nebenbei: Wer soll ihm diesen Wunsch erfüllen? Eben. Die Gruppe, die seinen Worten nach stärker sein soll. Was sind wir nicht Demokraten!)
Als (der des Gegners idente!) Forderung, dem Gegner in diesem Ringen um Bestimmungskraft endlich die Waffen aus der Hand zu schlagen. 
Die in diesem Fall ganz eindeutig die selbstverständliche Stärke der wahren Seinsordnung ist.


Morgen Teil 3) Dieser Scheinkampf ist nicht unser Kampf. Der ein Kampf um die Ordnung des Seins ist. Und nur auf der Liebe und damit Wahrheit beruhen kann.


*270221*

Dienstag, 2. März 2021

Die pervertierte Revolution (1)

Die Revolution, die wir heute erleben, stellt eine absolute Innovation in der Reihe historischer Revolutionen dar. In allen diesen Erhebungen ging es stets um das Recht der Unterdrückten, der Arbeiter, der Sklaven, der Ausgebeuteten. Jede Revolution hat sich als Erhebung "von unten - gegen oben" verstanden.

HEUTE ist es genau umgekehrt. Heute haben wir es mit einer Revolution "von oben - gegen unten" zu tun. Heute haben wir es mit einer Revolution der Machthabenden gegen die Machtlosen zu tun! Es ist die Elite, die der Nicht-Elite die völlige Umwendung (per-vertere) ihres Lebens, ihrer Lebensvollzüge, ihrer Haltungen, ihrer Meinungen, ihrer Weltsichten und ihrer Lebensgestaltung vorschreiben will.

Die traditionelle, seit der französischen Revolution geltende Triade aus "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" wurde dabei durch eine neue Losung ersetzt. Die da nun heißt "Diversity - Equity - Inclusion". Wobei das Wort "equity" NICHT die traditionelle Auffassung meint, die da in aller Unterschiedlichkeit von gleichen Rechten für alle spricht. Sondern die tatsächliche Gleichheit als Verzicht auf die individuelle Identität meint. Diese neue Trinitas meint den Verlust der Rechte auf Identität zugunsten einer willkürlich gesetzten, der Welt zu respektieren auferlegten (Nicht-)Identität als Verzicht auf Definition und festen Bezugsrahmen.

Was im übrigen das exakte Gegenteil von Identität - also Nicht-Identität - ist. Und sich auf das Selbstsein der Menschen genauso auswirkt: Als generelle Selbstschwäche bei gleichzeitiger Forderung nach Abschließung jeder Verbindlichkeit der konkreten Mitwelt gegenüber (die durch Abstrakta ersetzt wird: "Die" Umwelt, "die" Erde, "die" Gesellschaft, "die" Pandemie, usw. usf.), als Immunschwäche in allen Formen.

Daß dabei sogar die unmittelbarste Identität, die des Geschlechtlichen, unter die Räder kommt, belegt eine aktuelle Untersuchung des Gallup-Instituts in den USA. Die zum Ergebnis hat, daß die LGBT-Gruppe, also die Gruppe der sich selbst (sic!) als sexuell indifferent oder nicht dem normalen Mann-Frau-Spektrum zugehörigen Menschen in den letzten Jahren explodiert ist. Während diese Gruppe noch bei den Geburtenjahrgänge der Babyboomer bei 0,3 Prozent und darunter lag, erklären sich von den Geburtsjahrgängen der Generation Z, das sind die Jahre 1997  bis 2002, schon ganze 5,6 Prozent der Menschen zu diesen Gruppen (homosexuell, lesbisch, transgender etc.) zugehörig. Das ist, bitte schön, das ACHTUNDDREISZIGFACHE, denn satte 11,6 Prozent dieser Jahrgänge befinden sich schon als "bisexuell". 2,1 Prozent fühlen sich (männlich-)homosexuell, 1,4 Prozent meinen, lesbisch zu sein.*

Und sie bedient sich verschiedenster Mechanismen, die das neue Impostament durch "logische Unausweichlichkeiten", durch "Alternativlosigkeit" im Rahmen sämtlicher logischer und alltäglicher, traditioneller, vernünftiger Gedankengebäude ("wissenschaftlich bewiesen") verordnet, und jede Erhebung dagegen als "unvernünftig", "unmoralisch" und deshalb zu verbieten (sic!) darstellt und institutionalisiert. 

Wenn es diesen Revolutionären um die Beseitigung und Aufdeckung von Unterdrückungsmechanismen geht, dann sprechen sie nie von sich selbst. Sondern sie sprechen von "denen da unten". Von jenen, die ohnehin keine Macht haben, und die von diesen Eliten ohnehin beherrscht werden, die die maßgeblichen Institutionen von Volk und Staat in der Hand haben, und zwar in Politik, Medien, Bildungseinrichtungen, Geldwesen und in der eigentlich systemrelevanten (also NICHT mittelständischen) Wirtschaft und Landwirtschaft.

Der auch heute noch überwältigenden Mehrheit der "Normalen" wird somit jedes Mittel aus der Hand genommen, sich selbst zu erhalten und nötigenfalls sogar zu verteidigen. Ja sie dürfen mit diesem Anspruch nicht einmal mehr auftreten, wollen sie sich nicht sogar strafbar (das Normale zu behaupten, zu leben, zu verteidigen ist heute vielfach bereits strafbar!) machen. Selbst für das Leben selbst werden (in Euthanasie, Gehirntod als Todeszeitpunkt, vor allem natürlich in der Abtreibung, dem eklatantesten Fall der Verweigerung der Rechte der Person, indem der Zeitpunkt des Persons-seins willkürlich definiert wird) neue Begriffe und neue Deutungen auferlegt.

QR Tucker Carlson

Der heute verlangte gesellschaftliche Wandel hat, so Tucker Carlson, nur den Sinn, die bereits Mächtigen weiter zu ermächtigen. 

Das Verrückteste dabei ist vielleicht, daß in sämtlichen Gesellschaften (und im Gleichschritt mit deren "Fortschrittlichkeit") der Welt soziologisch gesehen eine immer deutlichere Abgrenzung sozialer Gruppen vor sich geht. 

So deutlich, daß man von einem Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaften (als deren Institutionalisiertheiten, das heißt als Staaten, Völker, Familien, schlicht allen sozialen Verbänden, die durch zwischenmenschliche Verbindlichkeiten und in Geordnetheit, das heißt auf der Grundlage von "Gemeinsamkeit" bestehen, und zwar einfach bestehen, nicht beliebig oder willkürlich "konstruiert" werden, weshalb das Spektrum der ständig weiteren "entdeckten" Identitätsmerkmale gegen unendlich tendiert) sprechen muß. Von sozialen Klüften, die sich auftäten, und immer größer und schärfer würden. Wofür die "Schuldigen" natürlich stets rasch feststehen: Es sind jene Gruppen, die Identität haben, suchen, jedenfalls aber in ihren Merkmalen nicht aufgeben oder sogar auslöschen wollen.

Wie jede Revolution wird auch diese aber von einer Gruppe angetrieben, die die intellektuelle Rechtfertigung, also die Legitimität liefert. Und diese Rechtfertigungsquelle sind die Universitäten. Als Instrument, wohlgemerkt, nicht als die eigentliche Antriebskraft, die auch die Schichte der Intellektuellen als Bezug zur Autorität des "Transzendenten", des Geistes somit, stets nur instrumentalisiert. Von den Universitäten geht die Dekonstruktion des Normalen aus, auf der übrigens immer (und das heißt: auch heute! es wird nur nicht ausgesprochen, es bleibt klandestin weil verboten) die überwältigende Mehrheit sämtlicher Gesellschaften beruht. Alle sohin, die "Mensch" sind, und die zumindest irgendwann keine Kraft oder keine Lust mehr hat, auf ihr Selbstsein (das immer "normal" ist, weil das Wesen des Menschen immer unverändert und gleich ist) zu verzichten.  

Auch diese Gruppe der "universitär Gebildeten" hat ein klares Interesse, ihre Position der Privilegiertheit zu erhalten. Weshalb sich die Universitäten ganz klar unterscheiden. Ausgerechnet jene Studenten mit dem höchsten Autoritätsanspruch (wie Yale, oder Cambridge, Notre Dame, Penn, Stanford oder Harvard) haben auch das höchste Durchschnittseinkommen in ihren Herkunftsfamilien. Auf der Universität von Princeton stammen fünfundsiebzig Prozent der Studenten aus Familien, die zu den obersten zwanzig Prozent im Jahreseinkommen zählen.

Die Reichsten wollen also ihre privilegierte Stellung erhalten, auf diesen Satz muß man auch die intellektuelle Situation der Universitäten eindampfen. Die revolutionärsten, radikalsten, ja brutalsten Ansätze die neuen Wertgerüste als neue gesellschaftliche Normen durchzusetzen, kommen ausgerechnet von den elitärsten Universitäten mit den wohlhabendsten Studenten. "Universities," meint Carlson, "is for wage-earners, not for the people in charge." Eine höhere Ausbildung ist für jene, die bereits gut verdienen, nicht für die, die es bräuchten. 

Der einzige Sinn des Besuchs der Universitäten - je besser ihr (medial aufgekochter) Ruf, desto mehr - besteht darin, zu den herschenden Schichten gehören zu wollen. Und das nur über Devotheit zu erlangende Universitätsdekret ist die Eintrittskarfte dafür. Es sind Dekrete als Dekretionen der Subversion und Auflösung der innersten geistigen Fundamente.


Morgen Teil 2) Aber plötzlich halten wir inne. 
An dieser Kritik stimmt doch etwas nicht!?

 

*Die Absurdität dieser neuen angeblichen Identitätszustände behandelt William M. Briggs in einem lesenswerten Blogbeitrag. In dem er exakt auf diese Studie eingeht. Was ist denn das, "bisexuell", fragt er da? In Wahrheit - nichts. Allenfalls irgendein diffuses Wünschen, kein Wohlgefühl auszulassen. Die aber zu faul sind, sich konkret um einen Partner zu bemühen, und deshalb - mit einem Phantasielabel, wie Briggs es nennt - jede Festschreibung abzulehnen vorgeben. 


*270221*

Donnerstag, 12. Mai 2016

Klein bauen für das Dorf

Von der Kunst, klein zu bauen, handeln einige von Dieter Wieland produzierten Filme über bemerkenswerte Individualarchitektur im dörflichen Milieu Bayerns. Hier der erste dieser Serie, die die Kunst preisen, mit wenig Geld auf kleinem Raum ein Haus zu gestalten, das auch auf diesem Niveau der Architektur menschenwürdiges, lebensgerchtes Wohnen möglich machen kann. Das Dorf ist eben jene Lebensform, in der sich auch das "kleine Leben" entfalten kann, ohne ins Proletariat abzurutschen. Ein bißchen, freilich, muß sich Wieland den Vorwurf gefallen lassen, daß er dazu neigt, Dinge "schönzusprechen". Also Faktisches mit hohen Worten zu rechtfertigen. Der VdZ, der ja auch etwas vom Fach kommt, meint schon so manches reale Problem in dem hier Beschriebenen zu erkennen, das die Hochrückung der Wieland'schen Ansätze (bzw. deren Formulierungen in seinen Filmen) in die Kategorie "Kulturrettung" nicht ganz berechtigt macht.

Das soll ihm aber nichts von der Ehre abschneiden, die ihm gebührt, indem er viele Kriterien guten Bauens tatsächlich und kaleidoskopartig vorstellt, die jedem Architekten zumindest einmal durch den Verdauungsprozeß gelaufen sein sollten. Um Grundsätze ins Fleisch zu nehmen, die immer gleich gültig bleiben.








***

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Wie sich die Zeiten gleichen

Der ständige Zustrom von Geld aus der Beute der gewonnen Kriege - Waren, Gold, Schmuck, und natürlich Sklaven - veränderte das Rom der Kaiserzeit nachhaltig. Einerseits wurde körperliche Arbeit immer geringer im Ansehen, denn in Rom stieg mit der Ausdehung des Reichs auch das Heer an Beamten und Verwaltern und Politikern. Die allesamt viel Geld hatten. Vor allem also gab es in Rom ein immer weiter ausuferndes, unproduktives Gewerbe, das der Banken und Geldverleiher und "Investoren". Ein Kapitalismus entstand, der sich mit dem heutigen locker messen kann. Gegen den Reichtum des Kaisers Augustus alleine, so sagen manche Historiker, würde der Reichtum eines Bill Gates unserer Tagen erbärmlich aussehen.

So stieg der Bedarf nach Luxusgütern, während das Handwerk immer weiter zurückging. Die Kluft zwischen arm und reich ging immer weiter auseinander. Man bekam im Rom des 1. Jhds. so gut wie jede Ware, die es auf der damals bekannten Welt überhaupt gab. Sie trafen aus dem tiefste Afrika ebenso ein, wie aus Asien oder Gallien oder dem hintersten Spanien oder Germanien oder Arabien. Es gab nichts, was es in Rom nicht gab - als Importware. 

Die in anderen, weit entfernten Ländern produziert wurde. Wer die Welt kennenlernen wolle, schrieb Sueton, könne sich das Reisen ersparen. Er finde alles an einem Ort - den Märkten am Tiber. In Rom wurde hingeben bald so gut wie nichts mehr produziert, die Importe überstiegen die Exporte bei weitem. Das einzige was stieg waren Dienstleistungen der unproduktivsten Art. Von Gauklern angefangen über Dichter, Sänger, Kunstausübenden aller Art, oder einfach cleveren Tagedieben. Die kamen aus allen Winkeln des Reiches und wurden durch die römischen Sozialleistungen, die ein arbeitsloses Leben verhießen, regelrecht angelockt.

Mit den Reichen (deren Bildungsstand und damit auch Geschmack niedrig war*) stieg das Heer derjenigen, die wenig oder gerade so viel verdienten wie sie täglich brauchten, oder weniger als das. Also wurden die Volksmassen bald staatlich alimentiert, mit dem berühten Brot- und Getreidegaben, aber auch durchaus mit Weinspenden oder anderen Erfreuungen, um die Spiele nicht zu vergessen. Die Migrationsströme, die das auslöste, waren enorm.

Aber solch ein Leben macht nicht zufrieden. Die Stimmung war schlecht in der völlig überfüllten Stadt, in die täglich weitere Sklaven oder Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Teilen des Reiches zuzogen und offenbar unerträgliche Zustände bewirkten. Die Arbeitsmoral fiel immer tiefer, und solcherart motivierten Menschen kann man auch nur immer niedrigere Arbeiten geben. Innovationen gab es so gut wie gar nicht. Wenn die Praxis, Sklaven freizugeben, auch häufig war, so hatte sie einen klaren Hintergrund: Ein solcher Freigelassener blieb von seinem früheren Herren abhängig, meist erhielt der einen Anteil an seiner Arbeit. Mit der Freisetzung hoffte man jedoch, seine Moral zu heben (denn nun "arbeitete der ja für sich"), sodaß auch der Ertrag höher war als wäre er Sklave geblieben.

Wohnraum wurde knapp, und viele hausten unter erbärmlichsten Verhältnissen, auf engstem Raum, in fensterlosen Räumen, die nicht einmal hoch genug waren, um darin zu stehen, in baufälligen und hohen Häusern, die rasch aufgezogen worden waren, um leichtes Geld zu verdienen - denn solche "Sozialbauten" wurden vom Staat gefördert, der sich mit Bauvorschriften möglichst zurückhielt, um den Anreiz für den Wohnbau nicht zu dämpfen. Arbeit gab es nicht, nicht im produktiven Sektor, und einen Mittelstand, der von seinen Produkten leben hätte können gab es bald auch nicht mehr.**

Dafür billigste Kräfte für alle möglichen Dienstleistungen, auch in Wirtschaftsbereichen, deren sittlicher Wert nicht mehr tiefer möglich angesetzt werden könnte. Die Auswirkungen auf die Moral des normalen Bürgers waren verheerend. Die Ehe wurde immer weniger wert, und die Emanzipation war auch nach heutigem Maßstab ungemein weit fortgeschritten.

Mit diesem Klientel fiel die Nachfrage nach Handwerksprodukten einerseits, stieg aber die nach billiger Massenware, die, soweit sie nicht sowieso von weit her importiert wurde (billige Ziegenhaargewänder aus dem Kaukasus waren sehr gefragt), in industriellem Maßstab irgendwo in Italien von billigen Arbeitskräften hergestellt wurde, von denen es jederzeit genug gab. Denn eines hatte Rom: ein perfekt ausgebautes Transport- und damit Kommunikationssystem, über das jeder Winkel des Reichs an die Zentrale angebunden war. Die Stadt selber aber wurde zu einer Brutstätte von Verbrechen, Unmoral, und vor allem Krankheit.

Wie anders wird das Alexandria jener Zeit beschrieben, das an Einwohnern Rom kaum nachgestanden haben dürfte. Jeder, buchstäblich jeder, der kriechen konnte, selbst Krüppel oder Gichtkranke, jeder dort hatte Arbeit und wurde gebraucht. Denn vor allem wimmelte es in der Stadt von produzierendem Gewerbe, das untereinander in oft hoch arbeitsteiligen Verhälnissen stand. Der Wohlstand war allgemein, und der Bildungsstand hoch. Dazu kam eine blühende Industrie, alles zusammen in einem jeden Import bei weitem übersteigender exportierenden Handel gebündelt, mit dem u. a. Rom beliefert wurde. Rohstoffe buchstäblich aus der ganzen Welt wurden hier zu Produkten veredelt.




*Das gerne verklärte "antike Rom" ist, wenn man die durch Kitschromantik oder pure Faszination über eine ferne Zeit gefärbte Brille abnimmt, noch heute als Sammelsurium von Scheuslichkeiten und plattem Epigonentum gegenüber dem klassischen Griechenland erkennbar. Ihren künstlerischen Glanz hat die Stadt erst in Mittelalter und Renaissance bekommen.

** Ebenso wenig wie die für das frühe Rom, ja für sein traditionelles Selbstverständnis so typische Struktur der Kleinlandwirtschaften, denn auch diese Kleinbauern gab es bald nicht mehr; auch am Land war es zu diesen Konzentrationen gekommen.




***

Mittwoch, 19. November 2014

Bildung zum Proletentum

Zwar sind 10 % der Arbeitnehmer mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden, schreibt die NZZ, aber sie tun nichts dagegen. Knapp 60 % aber haben bereits etwas getan, in Form von Weiterbildung oder Wechseln, auch innerhalb des Unternehmens. Ein glattes Drittel beugt sich dabei den Anforderungen, auch wenn sie eigenen Wünschen entgegenstehen, reagiert dabei aber mit innerem Widerstand gegen ihren Arbeitgeber. Die NZZ meint, daraus "höhere Bereitschaft zum Opportunismus" ablesen zu können.

Die interessanteste Zahl der Studie aber betrifft die "Generation Y", die Jahrgänge 1980-1992. Hier besteht ein eindeutiger, aber umgekehrter Zusammenhang zwischen Ehrgeiz und Identifikation mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Je mehr sich Arbeitnehmer also auf ihre Karriere konzentrieren, desto weniger identifizieren sie sich mit ihrer Arbeitsstelle. Ein Viertel dieser Arbeitnehmer, die sämtlich gut ausgebildet sind, denkt nämlich vor allem an Karriere und monetäre Vorteile, und fällt durch häufigere Arbeitsstellenwechsel und geringere Identifikation auf. Je besser ausgebildet, desto egoistischer, desto karriereorientierter sind sie.

Das ist deshalb interessant, weil es im Widerspruch zur Anthropologie der Selbstwerdung, aber auch zur umfassenden Qualität von Wirtschaftsleistungen steht. Die Folgen hoher Identifikation und Selbstüberschreitung - also Verzicht auf eigene Wünsche im Dienste der Sachorientierung - sind. Das Herunterbrechen von Arbeit und Leistung auf technische, a-personale, von persönlichen Haltungen losgelöste Vorgänge ist aber das wesentliche Merkmal der Proletarisierung.




***

Sonntag, 3. November 2013

Dynamiken

Das Ziel der Oberen ist es, dort zu bleiben, wo sie sind. Das Ziel der Mittleren, mit den Oberen den Platz zu tauschen. Das Ziel der Unteren ist es, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft zu errichten, in der alle Menschen gleich sein sollen. 

Die Oberen werden von den Mittleren gestürzt, die die Unteren dadurch auf ihre Seite ziehen, daß sie ihnen vorspiegeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. 

Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, stoßen sie die Unteren wieder in die alte Knechtschaft zurück und werden selbst zu den Oberen. Kein Wohlstandswachstum, keine Lockerung der Sitten, keine Reform oder Revolution hat uns der Gleichheit der Menschen auch nur einen Millimeter näher gebracht.


George Orwell, 1949




***

Mittwoch, 8. Mai 2013

Veränderte Auffassungen

Als im Jahre 1349 das "große Sterben" gekommen war, die Pest halb Europa hinwegraffte, erfolgte der weltgeschichtliche Bußgang der Geißelfahrer.

Als in Italien in den 1830er Jahren die Cholera ausbrach, brachen Aufstände los, worin das Volk gegen die Obrigkeiten protestierte, weil diese die Not nicht mehr bekämpften.




***

Dienstag, 9. April 2013

Unveränderte Sitten

In der nassau-katzenelnbogischen Polizeiverfassung von 1616 findet sich ein langer Abschnitt über das fahrende Proletariat. Und das in einem Land, das über weite Abschnitte selber bettelarm war, und kaum größere Städte hatte. Um sich größerer, konzentrierter Einfälle zu erwehren wurde als Gegenmaßnahme das Läuten der Sturmglocken verfügt, auf daß sich die Bevölkerung sammele und gemeinsam der Einfälle wehre.

Von den Bettlern wird - im Jahre 1616! - als häufig Vorkommendes angeführt, daß sie ihre gesund geborenen Kinder verstümmelten und lähmten, damit dieselben nachgehends als Krüppel ihr Brot sich müheloser erbettelten, denn mit gesunden Gliedern erarbeiten könnten.




***

Sonntag, 7. April 2013

Ins Proletariat gefallen (3)

 Teil 3) Wer aber das heutige Proletariat wirklich geschaffen hat




Kaum je hat sich aber Bauernproletariat gebildet, und selbst die vielen fahrenden Berufe - Hausierer, Wanderhändler, Scherenschleifer, Korbflechter, Saisonarbeiter, etc. etc. - waren nie im eigentlichen Sinn Proletariat. Sie wurden es erst, als sich allgemein ein "Stand des Nichtstandes", ein Stand der nicht Dazugehörenden bildete. Der in sich keine Sitte, keinen Brauch hatte, keine Lebensform, sondern diese Identitätslosigkeit, diese bewußte Gruppenbewußtsein der Verneinung des Gesellschaftlichen, durch Funktionalität - durch Organisation als Masse - ersetzte. Erst ab diesem Moment wurden sie eine gesellschaftliche Größe und Kraft. Und erst dort setzte das eigentliche Elend der Proletarier ein, in ihrer Formlosigkeit, in ihrem Streben, gesellschaftliche Formen überhaupt aufzulösen.

Schon zur Zeit nach der französischen Revolution war die entsittlichende Kraft aufgefallen, als man "soziale Maßnahmen" setzte, und im Grunde sinnlose Arbeiten in Auftrag gab, nur damit Massen an Arbeitslosen Geld verdienen konnten. Der individuelle Lebensmut, die Initiativkraft dieser Arbeiter brach völlig ein, sie wurden wirklich Proletariat, amorphe Masse, reine Konsumenten, und lösten damit einen Rattenschwanz an weiteren Veränderungen (z. B. bei Kaufleuten) aus. Sie brach mit dem Verlust des Ehrbegriffs bei ihrer Arbeit, der untrennbar mit der Sinnfrage verknüpft ist, sie brach mit dem fragwürdigen Bewußtsein, eine "neue Klasse", ein "vierter Stand" zu sein.*

Wo immer aber sich solches Formbewußtsein, als Anruf zur Selbstgestaltung und -werdung, als Sinnerfüllung (die über bloße Erhaltung physischer Funktion hinausgeht), erhalten blieb, kann man nicht von Proletariat sprechen. Auch nicht dort, wo Armut herrscht. Wo die Arbeit ihre sittlichende Kraft nicht verloren hat. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wird deutlich, in welchem Ausmaß unsere geschichts- und gesichtslosen Gesellschaften von heute im schlimmsten Sinn proletarisiert sind. Sie sind als Zerfallsprodukte ständischer Auflösung zu sehen.




*Das heißt nicht mehr und nicht weniger, daß die sozialen Theoretiker, wie sie v. a. im 19. Jhd. auf die Bühne zu treten begannen, das Proletariat überhaupt erst schufen. Mit allen Folgen: denn fortan hatte keiner dieses vierten Standes mehr die Hoffnung, je Verwurzelung zu finden. Übrigens eine Beobachtung, die der Verfasser dieser Zeilen auch im Obdachlosenmilieu gemacht hat, wo sich die Sozialarbeit gerade der "Gutmeinenden" katastrophal auswirkt, und eine wirkliche Schichte der Obdachlosen selbst schafft. Nur jene schaffen es, aus diesem Milieu wieder herauszukommen, die sich weigern, ihren Zustand als soziologische Größe zu sehen; die nie aufhören, die Mangelhaftigkeit ihres Lebens zu sehen. Niemand von denen schafft es, der den Beschwörungsformeln glaubt, sich für seine Lage nicht mehr schämen zu müssen. Was im übrigen ohnehin niemand schafft - sie lernen häufig aber, diese Scham durch "Behauptungen", durch Loslösen ihres Schicksals aus persönlichen Bezügen, durch Verallgemeinerungen und Schuldzuweisungen zu "erschlagen". Daran glauben tut ohnehin kein Obdachloser. Leider eignen sie sich perfekt als Objekt "sozial denkender" Trottel. Man beachte das Stück (und daran seinerzeit angeschlossene Projekt) "Keiner hört auf Harvey" aus der Feder des Verfassers dieser Zeilen.


Samstag, 6. April 2013

Ins Proletariat gefallen (2)

 Teil 2) Das erste Proletariat entstammt dem Adel




Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich beim Hauspersonal, dessen Bezeichnung "Hausgesinde" noch anzeigt, daß sie schon aus Urzeiten her immer Bestandteil der Familie waren. Die deutliche Steigerung der Löhne, wie sie im 19. Jhd. stattfand, hatte keinerlei Auswirkung darauf, daß das Hauspersonal mehr und mehr proletarisierte - weil es zunehmend nicht mehr als Teil der Familie gesehen wurde. Überhaupt meint Riehl, daß die Zersetzung der Familie, die schon damals zu bemerken war, Wurzelübel der gesellschaftlichen Zersetzung war. Denn nun begannen sich aus allen Berufen und Kreisen ungebundene, entsittlichte, brauchtums- und traditionslose Menschenmassen herauszubilden. Die ihr Maß nur aus sich schöpfen mußten, sich nicht mehr von außen her definieren konnten.

Daß der Künstlerstand unter Proletariat im eigentlichsten Sinn fällt, ist für Riehl selbstverständlich. Denn die Kunst hat sich (da hat er recht) überall aus Zweckberufen, aus ehrbaren Zünften, heraus entwickelt. Der Bildhauer war lediglich ein besonders begabter Steinmetz, der Sänger und Dichter war nie ohne eine feste soziale Funktion und Stellung denkbar, der Maler fand vielfache soziale Einbindung in kirchlichen Aufgaben. Und wenn er von seinem Beruf nicht leben konnte, übernahm er andere Arbeiten, oder führte nebenher eine kleine Wirtschaft. Nach und nach aber lösten sich diese Ensembles auf, in allen Kunstbereichen. 

Das setzte vor allem mit der Verarmung und Defunktionalisierung des Adels ein, der sich seinen früheren Lebenswandel nicht mehr leisten konnte, und wurde im 30jährigen Krieg zur Allgemeinerscheinung, weil ganz Deutschland zu tun hatte, das Notwendigste zum Leben zu beschaffen. Musikanten konnten nicht mehr von einer Landschaft leben, Musikerensembles wurden aufgelöst, und Maler und Bildhauer waren in den protestantischen Ländern überhaupt nicht mehr gefragt, denn deren Kirchen waren schmucklos. Sich Theater zu halten hatte kaum noch eine Stadt genug Geld. Neu dazu kam spätestens nach 1648 das besonders gefährliche, auf Raub angewiesene Soldatenproletariat.

Der besoldete Soldat - auch er eine Erfindung der Politik der großen Fürsten. Als Friedrich III. den französischen König Karl um 5.000 solcher "Soldaten" bat, schickte ihm dieser 40.000 ... es dauerte Jahre, diese vagabundierenden "Armagnaken" wieder zu sammeln, und zurückzuschicken.

Und damit fielen diese Berufsgruppen tatsächlich ins Proletariat. Nur noch selten gelang es ihnen, festen Fuß zu fassen, an Familiengründung (als fundamentalsten Anker) war mangels Einkommenssicherheit kaum zu denken, nur wenige fanden soziale Eingliederung, eben auch aus sozial-familiärer Entwurzelung - sie gehörten nirgendwo mehr dazu. 

Die Entwicklung der Künste selbst nimmt unter diesem Gesichtspunkt ganz andere Färbung an, als man oft meint. Die Kunst verliert damit ihre Einbindung in die Gesellschaft, und nicht nur das, wendet sich mit einem male auch an ein ganz anderes Publikum: Kritisch, beurteilend, aus ähnlicher sozialer Konstellation überhaupt erst entstanden.

Während der Geniekult um die Künstler einsetzt, soziologisch schon in der Renaissance übrigens aufgetaucht. Dort beginnt auch der Preis eines Kunstwerks eine eigene Dimension zu werden, während er für einen breiteren Unterbau kaum noch Auskommen bietet. Noch ein Michelangelo hatte im wesentlichen um simples Bürgerleben gearbeitet, wie ein Handwerker und Bürger, und zudem Lehrlinge, Hilfspersonal und Gesellen beschäftigt, die aus derselben Schüssel aßen wie er. Niemals wäre es ihm eingefallen, das Leben seiner adeligen Auftraggeber führen, reich werden zu wollen.




Teil 3 morgen) Wer aber das heutige Proletariat wirklich geschaffen hat





***

Freitag, 5. April 2013

Ins Proletariat gefallen (1)

Das Bemerkenswerte an den Zigeunern ist, schreibt Riehl in seiner Soziologie (aus dem 19. Jhd.), daß sie ein merkwürdiger Sippen- und Familienzusammenhalt davor bewahrt, schlichtweg zum Proletariat abzusinken. Bietet man einem Zigeuner, so der Volkskundler, Unterschlupf, Unterkunft, nimmt man ihn auf, und sei es nur für eine Nacht, so hört die sprichwörtliche Diebesmentalität schlagartig auf. Er fühlt sich sofort als Teil der Familie, so entfernt das auch sein mag, und zeigt Solidarität. Weist man ihm aber die Tür, erfüllt er alle Vorurteile, die man ihm aus Erfahrung zuweist. Das zeigt, daß es nicht reicht, Proletariat einfach an bestimmten Tätigkeits- oder Seßhaftigkeitsmomenten festzumachen.

Vielmehr definiert Riehl den Prolatarier anders: Er beginnt nämlich erst dort, wo er ein Gruppenbewußtsein entwickelt, in dem er sich bewußt allen Ständen gegenüber und außerhalb sieht. Dann verliert auch die Familie ihre sittlichende Kraft, und wird bloß zu "Weib und Kindern", seine Religiosität verdunstet rasch.

Keine Tätigkeit an sich, auch nicht Armut vermag Proletariat zu schaffen. Der ärmste Bauer oder Bürger hat noch sittliches Bewußtsein, und trägt seine Armut, sieht sie als mit ihm in Zusammenhang stehen, und murrt nicht. Selbst sein Betteln wird zur notwendigen Tätigkeit, nicht zum Elend selbst, wie die wandernden Handwerksburschen beweisen, deren "Fechten" sprichwörtlich ist. Und auf die die Gesellschaft auch mit Verantwortungsbewußtsein (als Gebepflicht) reagiert.

Und Proletariat hat auch nichts mit dem "Arbeiter sein" zu tun. Ganze Branchen sind deshalb unter gewissen Merkmalen betrachtet zwar reine Lohnarbeit, aber sie sind patriarchalisch organisiert - wie der Bergbau - und jeder Arbeiter weiß sich als Teil eines Ganzen. Selbst der im 19. Jhd. häufige Bergbauarbeiter des Rheinlandes wurde nie zum Proletarier, noch früher zum Pietisten, weil die Gefahr der täglichen Arbeit hohe Religiosität hervorrief. Vielfach waren die Knappen Männer, die (wie sehr häufig bei Westfalen) bäuerlicher Herkunft waren, zuhause eine Frau und Kinder hatten, die sie aber nur einmal im Jahr, im Sommer, wenn die Hochöfen ruhten, sahen. Den elterlichen Hof hatte ihr älteres Geschwister geerbt, und sie hatten damit auch kein Brot. Aber diese Zugehörigkeit, die sich nur in wenigen Wochen im Jahr konkretisierte, genügte. Niemand ließ sich ins Bodenlose fallen, sie blieben verantwortungsbewußte Kollegen und Mitarbeiter, die einem Sozialgefüge zugehörten. Das nie verlorengegangene Standesbewußtsein der Bergbauarbeiter als Bürger oder Bauern zeigt sich auch darin, daß sie schon mit dem Ausgang des Mittelalters enorme Solidarität in Form von Renten- oder Sozialkassen an den Tag legten, oder reges Sozialleben, ja ein ausgeprägtes Kultur- und Festesleben pflegten - man denke nur an die Musikkapellen, oder die Prachtuniformen. Sie waren nie Proletarier.

Das Proletariat beginnt und begann erst dort, wo das Bewußtsein getragen ist, nirgendwo dazuzugehören, und darin ein "Selbstbewußtsein" als Notgriff und Gruppenbewußtsein aufzubauen. Dort, wo der Arbeiter fürchten muß, jeden Tag durch einen billigeren Arbeiter, oder durch eine Maschine ersetzt zu werden. Beginnt dort aber vor allem, wo er sich in Vergemeinschaftung begibt, und wirkliche Standeslosigkeit - und damit verbunden das Ablegen und Fehlen von Sitte, Brauch, Verantwortung für ein Gemeinwesen, ein Land, etc. - zu einer Art Gemeinschaftsethos macht. Dort erst beginnt auch das Bewußtsein, sich das zum Leben Benötigte "rauben" zu müssen, als Grundhaltung auch dem Betrieb gegenüber. 

Es ist deshalb schlichtweg falsch, schreibt Riehl, wenn man Proletariat als Fehlen von Produktionsmitteln oder Kapital beschreibt. Das zeigt sich besonders bei den frühesten Proletarierschichten - die aus dem Adel stammten! Defunktionalisiert, ohne Standesbewußtsein, begann von dort die allmähliche Vertiefung dieser Existenzform hinein ins Bürgertum.

Der Geistesproletarier ist eine weitaus frühere Erscheinung, und er hat sich auch auf die Gesamtgesellschaft weit dramatischer ausgewirkt. Von dort nämlich begann auch - durch die "Bildung", die diesen Leuten eignete - das Weitertragen eines Unzufriedenheitsgefühls, das aus jenen defunktionalisierten, entwurzelten Schichten erwachsen ist. Der "Stand" der Intellektuellen und Journalisten ist sämtlich dieser Schichte zuzurechnen, und ist zusammen mit vielen Gelehrten - wie sie häufig aus dem Adel stammten, dessen Aufgaben der Beamte übernahm - als "Geistesproletariat" als erster Erscheinung wirklichen Proletariats bezeichenbar.*




Teil 2 morgen) Das erste Proletariat entstammt dem Adel




*Jüngste Umfragen unter Studenten aller Richtungen haben das im Grunde erschütternde Ergebnis erbracht, daß kaum ein Viertel daran denkt, sich nach dem Studium selbständig zu machen, dafür mehr als die Hälfte eine verbeamtete Anstellung erhofft.



***