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Donnerstag, 24. Oktober 2013

Ich bin nicht der andere

Eine der allergrößten Verwirrungen herrscht bei jenen, die da gerne vom Ineinsfall von Sein und Nichts sprechen. Und dabei sich oft nur an den nackten Worten festmachen. Aber das Nichts kann kein Reales sein, sonst wäre es nämlich kein Nichts, sondern hätte am Sein teil. Wäre es also doch etwas, so wäre es nicht das Nichts. Also kann es auch nicht im Sein selbst sein.

Gustav Siewerth führt die Gedanken in "Der Thomismus als Identätätssystem" großartig aus, wenn er aufzeigt, daß dieses "Nichts" (auch bei Hegel) ein Begriff der Idealität ist, der (wenn man so will) Gedankenwelt, der Vernunft. Es hat aber keine Realität. Dort, freilich, hat es seine große Bedeutung, weil sich das Wesen der Dinge nur dann ideell als Sein erkennen läßt, wenn es zugleich mit dem identifiziert wird, was es NICHT ist. Insofern fällt also im Denken Sein und Nichts tatsächlich zusammen - aber nicht in der Realität, wie an dieser Stelle vor kurzem ausgeführt wurde. 

Denn wir erkennen die Dinge nur durch ihre Begrenzung, und diese Begrenzung ist das, was etwas nicht ist, das Nichts. Vor diesem Hintergrund erst wird ein Ding ideell erkennbar, weil begrenzbar.* Unsere Vernunft muß also in einem schöpferischen Akt die Identität der Dinge vor dem Hintergrund der Nichtidentität bilden, sie muß dieses "Nichts" bilden - ein menschlicher Akt. Das Nichts gehört in die modale Verfassung der Idealität selbst.

Das Nichtsein kann nur dem vereinzelt Seienden (ideell) zugesprochen werden, nicht dem Sein selbst. Dadurch wird das Sein erkennbar. Und es hat keine Möglichkeit zu positiver Erkenntnisbildung, weil ihm positive Bestimmung fehlt. Das Sein selbst bleibt positiv. Das bedeutet, daß die "positive Identität" eines Dings nicht ideell bestimmbar ist, dieses nur ausschließungsweise, sondern als personaler Akt der Zuwendung zur Realität und als Akt der Vernunft. (Der Verstand, die Idee kann "sich selbst" nicht sehen - so wie kein Mensch sein "ich" ideell sehen oder begreifen kann.)**

Denn ein Erkenntnisobjekt kann nicht von sich aus das vermitteln, was es nicht ist (also "ich"), sondern nur, was es ist. Reale (realistische) Identitätsbildung ist also ein zu leistender Akt des Ich, dem ein "wirkliches Ich" akthaft und real zugrundeliegt, dem das gebildete Selbst entsprechen muß, soll es zu keiner Spaltung des Selbst kommen.***

Vernunft und Vernünftigkeit definiert sich also auch (in ihrem akthaften zweiten Schritt) daraus, definieren zu können, was etwas - ein "Ich" - NICHT ist.****



*Darin liegt begründet, warum das Kind erst allmählich, ja relativ spät beginnt, einen Begriff von "ich" zu bilden. Denn es erfährt sich erst aus der realen Erfahrung, daß es das Andere NICHT ist, und muß dazu seine Vernunft (vorausgehend) ausbilden. Ein Vollbegriff von "Ich" bildet sich überhaupt erst mit der Vollgestalt der Vernunft - an der Schwelle zwischen Pubertät und Adoleszenz. Gleichzeitig weist diese reale Beobachtung darauf hin, daß die heute so häufig zu machende Beobachtung, daß auf die "Abgrenzung" zum anderen hin ("Diskriminierung" = Unterscheidung, Abgrenzung) als der, der ich NICHT bin, VERZICHTET wird, als pädagogischer Schritt, ein katastrophaler Fehlschluß ist, mit dem die gleichfalls heute zu beobachtenden Identitätsprobleme direkt zu tun haben. Es ist geradezu lächerlich und auf jeden Fall dumm zu meinen, es würde sich eine "positive Identität" bilden, OHNE den Heranwachsenden ZUERST als das definieren zu lassen bzw. zu definieren ("übernommene Familienidentität" als erste Grundlage), was er NICHT ist - der andere, der Fremde. Die Zunahme von Auto-Immunkrankheiten hat, übrigens, direkt damit zu tun. 

Das sogenannte positive "ich", also das, "was ich bin" (und nicht das was ich nicht bin), bleibt damit aus seinem Wesen heraus ein Geheimnis (und damit nicht ein "nur noch nicht Gedachtes.") Es ist überhaupt nie ideell/ideal ausdefinierbar, weil jede Idealität von der Negativität (dem Nicht-sein) ausgeht. Ihm kann sich der Mensch nur in der Haltung ... der Liebe zuwenden. Denn es geht allem als nicht-ideelle Realität voraus, die alles zusammehält. Aus der heraus erst das "was ich nicht bin" - als "das was ich bin ist nicht das, was ich nicht bin" - ideell zu diesem wird.

**Natürlich - das Problem des Narzißmus, in dem sich ein "Selbst" in Wirklichkeit auflöst, je mehr sich der Narziß selbst betrachtet, und sich (bzw. das, was er sieht) dabei nur selbst verobjektivieren, sich selbst entfremden kann.

Übrigens - das Problem der "Rückführung" (Rebirthing etc.) in vermeint "frühere Inkarnationen" ("Ich habe schon einmal gelebt" etc.) ist sehr sicher aus dieser Unmöglichkeit der Selbstergreifung heraus verstehbar: Denn die tieferen Seins-Strukturen des Selbst können sich auf Verstandes-/Sprachebene nur in Bildern (des Nicht-Ich) äußern, die aus einem wahren Gemengelage an Faktischem und Motiviken (und Anlagen, Geneigtheiten, die ja von jemandem geerbt sind - Vergangenheitsaspekt!) heraus gebildet werden. Unter der natürlich gegebenen Prämisse, sonst würde es ja niemand machen, und da gehört schon dazu, es für möglich zu halten, daß nur jemand "Rückführungen" vornimmt, der davon ausgeht, DASZ es solche weitere Selbste/Identitäten gibt. 

***Selbstverständlich berührt auch das die wahre Katastrophe des Gendering, der Verwischung weil Nicht-Konkretisierung von Geschlechtsidentitäten. Das soll aber hier nur angedeutet werden.

****Es ist eine ganz konkrete Beobachtung, daß Menschen, die sich nicht zum Nicht-Sein abgrenzen können - man denke an ein häufig zu beobachtendes Selbsteinschätzen, wonach Menschen sich "für alles fähig" halten, sich von allem angesprochen fühlen, nichts in seiner Relevanz scheiden und differenzieren und "diskriminieren" können -, zur Vernunft nicht fähig sind. Was mit einer bloßen Verstandestätigkeit nur am Rande zu tun hat.




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Sonntag, 8. September 2013

Erziehung zum Selbstverlust

Diese Entäußerung an das Trieb- und Gier-Bild, die Preisgabe des Herzens an die zerstreuende Entrückung lüsterner Augen und an die wesenlosen Gaukelschemen bedeutet nicht nur die Einübung in eine unaufhörliche Unzucht, sondern bezeichnet metaphysisch die äußerste Grenze der Entartung  und Entgeistung des Menschen. Das Leichte und Spielerisch-harmlose dieses Geschehens, d. h. das Leicht-sinnige, kennzeichnet zugleich die Hemmungs- und Substanzlosigkeit, in welcher der Gewissens- und Neigungsgrund des Menschen (des vielfältigen Medienkonsums, Anm.), das Vernehmend-Gesammelte unserer Vernunftnatur langsam die Herrschaft über den Lebensvollzug verliert und in dessen Wirrnis zum Schweigen gebracht wird.

Ein Unterrichten aber als Weise der Bildüberhäufung unserer Kinder ist die weltweit Methode gewordene Verführung ins Gedankenlose, die die Bewahrungskraft der Einbildung und des Gedächtnisses schwächt und die Vernehmungskraft des Geistes verstört und beirrt. Es ist buchstäblich eine methodische Ver-bildung in der Irrnis des Wahrheits- und Wesenlosen.


Gustav Siewerth, in "Philosophie der Sprache - Die Sinne und das Wort"



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Sprachzerstörung als Weltzerstörung

Solcherart kann sich in einer Sprache die Weisheit selbst als Verweiskraft auf das allem Seienden Zugrundeliegende der Wesensbilder, der einen Vernunft, mehr und mehr manifestieren. Die Sprache wird damit zur Anwesenheit, zur Inkarnation der Vernunft. Wird sie nicht in der Sprache konkret und verfestigt, verfließt diese Erkenntnis immer wieder, weil sie im Menschen, der sich über dem Nichts gehalten erfährt, keinen Halt fände. Sie wird selbst zu seiner Verfleischlichung als wesenhaft vom Geist Getragener.

Sprachen, die zu dieser Höhe gefunden haben, wie das Deutsche (oder das Griechische), sind damit die tragenden Fundamente einer hohen Kultur. Sie zu vernachlässigen, wegzuwerfen, zu entwerten, umzudeuten bedeutet die Auflösung dieser Kultur, und den Rückfall ins Zerfließende.*

Hinter dem Wort "Integration" steht etwas, das als Grundmangel bzw. -erfordernis zwar richtig empfunden wird. Aber auf kurzem Wege nicht bzw. nur zum Schein erreichbar ist. Ja, dem auf den derzeit beschrittenen Wegen klar die Eigenschaft eines trojanischen Pferdes beigemessen werden muß: mit dem wir uns selbst zerstören. Und zwar viel weitreichender, als es heutigem Denken präsent ist, weil bis in jede einzelne Persönlichkeitsstruktur hinein.

Nur als jemand, der als "anderer" begriffen wird, in aller Differenz und Distanz, aber auch in aller Unvereinbarkeit, die historisch und von Vielem bedingt gewachsen ist, kann das Fremde überhaupt integriert werden. Die Weichen dazu wurden schon vor Jahrzehnten politisch gestellt, sie sind irreversibel. Wir wollen es nur nicht zur Kenntnis nehmen, und jagen dem Scheinbild einer "Integration" nach, die es so gar nicht - nicht heute, nicht kurz-, nicht einmal mittelfristig - geben kann. Auch und schon gar nicht, indem man von Zuwanderern verlangt, rasch ihre Eigenarten abzulegen und sich im Mimikry-Verfahren "wie Heimische auszugeben".**




*Der willkürliche Umbau einer Sprache, das Aufgeben ihrer bereits vorgefundenen, gefestigten Strukturen, ist deshalb ein kulturzerstörerischer Akt allerersten Ranges. Denn damit zerfallen die Manifestationen des Menschen selbst, die Welt zerfällt. So wie im Gestus der scheinbar der Willkür ausgelieferten Sprache der Grundgestus lebt, die Welt selbst als wesenlos zu sehen. Alle Dinge beginnen folgerichtig zu zerfließen, die Manifestationsmöglichkeit des Einzelnen zerfällt damit, es bleibt der Selbstwerdung gleichfalls nur noch Willkür als verzweifelter Notgriff. Genau das beobachten wir heute.

**Es ist nur ein kleiner Hinweis auf das Gemeinte, aber doch auch aussagekräftig, wenn der Verfasser dieser Zeilen erzählt, daß er - in zweiter Generation mütterlicherseits vertrieben, "kunkelmagen"seits, wie es in einem uralten deutschen Wort heißt, denn "schwertmagen"seits ist er Österreicher, trat also ins neugegründete Haus des österreichischen Vaters ein, das schlesische verfiel, nach altem Recht - Schlesier nicht an ihrem Paß erkennt, sondern an der ihm gleichen Art, auf die Wirklichkeit zuzugehen. Und daran erkennt er sie regelmäßig und oft. In den Dingen, die sie mögen, ablehnen, wie sie denken und fühlen. Bewohner der Lausitz - sofern noch Alt-Schlesier - sind ihm auf (gar nicht so) geheimnisvolle Weise näher, als jeder Österreicher, er hat es mehrmals erlebt. Und das bei einer so "nahen" Kultur! Und das bei einem derartig hohen Integrationswillen, wie er den vertriebenen Schlesiern eigen war, sodaß das Schlesische als Dialekt, am Weg zu einer eigenen Sprache übrigens wie alle ostdeutschen bzw. ostländischen deutschen Dialekte ("Hoanzische Sprachgruppe"), dabei ist, völlig ins Vergessen abzurutschen. Auch die Mutter des Verfassers dieser Zeilen hat es nach der Vertreibung nie mehr gesprochen. Obwohl der Verfasser nie bereit war, sich in den Vertriebenenverbänden zu verankern - er spürt diese Wurzeln seiner Welthaltung, weiß um sie.
 




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Sonntag, 1. September 2013

Welt im Wort

Wird als Grundhaltung einer Kultur die Wesensschau abgelehnt, wird die Teilhabe des menschlichen Vernunft an der aller Welt zugrundeliegenden, sie konstituierenden Vernunft an sich nicht akzeptiert, wird zwangsläufig Sprache zufällig und inhaltsleer, weil weltleer. Sie bleibt oberflächliches Wellengekräusel, das sich seiner Darstellungsinhalte nicht bewußt ist, wird weltloser Rationalismus. Sprache wird, losgelöst vom Erscheinen des Wirklichen als Bild in ihrem Wort, zum Schein, zum technischen Terminus.

Nur, wenn Angesprochener wie Sprechender das AngesprochenE innerlichen, kann es verstehen geben. Es erkennt nur, wer bereits erkannt hat, sodaß er im Wort erinnert. Das Wesensbild des vom Wort Bezeichneten muß vor Augen stehen, dann kann es verstehen geben - das Verstehen geht dem Sprechen (Hören) voraus.* Sodaß das Wirkliche des Dings selbst im Wort selbst welthaft gegenwärtig ist. Das Wort kommt aus einem Gebilde, und geht auf ein Erscheinungsbild hin. So ist es im Ursprung selbst bildhaft vorgebildet. Zwar zerschellt es an der Möglichkeit der lautlichen Verbildlichung selbst, dennoch bleiben Ursprungsbezüge im Bildhaften in den Mit- und Selbstlauten. Sodaß in jeder Sprache Worte bleiben, in denen die "Seele" des Dings gewirklicht präsent ist. In dunkel oder hell, weiß und schwarz Rose und Lilie, blitz, Donner, Licht oder Nacht etwa wird das Bezeichnete lautbildlich mitbezeugt. Die Sache selbst scheint auf, und vermählt sich mit dem Wortgebilde. Das Licht lichtet selbst auf im Wort, und im Donner rollt und zittert das Wort, das ihn sagt. Das gesprochene Wort zumal schmiegt sich so der Sache in, und vergeht mit dem Sprechen selbst, die Sache bleibt.

Am deutlichsten wird diese Wirkmächtigkeit im Segen und im Fluch, im Ausdruck der Liebe oder des Hasses. Hier wird Wirklichkeit real zur Welt gebracht.
Im verstandenen und geschauten Ausdruck ist das Wort die Sache selbst, schreibt Gustav Siewerth dazu in seiner "Philosophie der Sprache - Wort und Bild". Nur deshalb kann sich in ihm Wirkliches versiegeln. Auch Gott kann in seinem "Namen" anwesen, weil er sich selbst in ihm ausgedrückt und bekundet hat. Sein Name ist ja kein verweisendes Zeichen aus menschlichem Logos, sonder Gottes Offenbarung. Darum blieb der name einst als unausprechbar durch heiliges Gebot versiegelt.

Immer aber ist echte Aussage nicht beim Wort, sondern im Offenen der Welt, bei den wirklichen oder einbildend verwahrten Dingen, ihren Erscheinungs- und Wesensbezügen.



*Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, daß die Neurophysiologie gezeigt hat, daß dem Hören ein Verstehensakt MESZBAR zeitlich vorausgeht. Das Sprechen FOLGT also dem Angesprochenen, das Verstehen geht dem Sprechen voraus. Man beachte in diesem Zusammenhang das hier bereits vorgestellte Video des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer.




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Freitag, 2. August 2013

Wir sehen nur Sinn

Wir sehen nichts, was nicht im Bereich unserer Welterfahrung liegt, die eine Ordnung des Raumes bedeutet. Das begründet Gustav Siewerth in "Die transzendentale Struktur des Raumes", und er nähert sich zwar auf ontologische Weise dem Thema, kommt aber zum selben Ergebnis wie Palágyi, der sich rein von der Wahrnehmungspsychologie (und -physiologie) her damit auseinandersetzt.

Was auch immer über unseren Sehsinn eintritt, wird sofort von unserem inneren Gemeinsinn, der auf der Welterfahrung des Tastsinnes aufbaut, in dieses Weltbild (im wahrste Sinne) eingeordnet. 

Deshalb steht auch bei Dingen, die wir sehen und nicht kennen, was nichts anderes heißt als "nicht einordnen können", die sofortige Frage nach dem "Sinn" auf. Unsere Welterfahrung sagt uns, daß es nichts geben kann, das keinen Sinn, keinen Ort im Raum, keinen Bezug auf etwas anderes HAT. Umgekehrt, berichtigen wir sofort Dinge, die es so "nicht geben kann", wie eine Kerze, die verkehrtherum brennt.

Was wir aber nicht als Welterfahrung in uns haben - oder: hätten - das ist unseren Sinnen gar nicht erfaßbar. Denn nicht "das Auge" sieht, sondern der "Blick" - von innen heraus sehen wir, gewissermaßen, nicht von außen hinein. Was sich als Objekt unserem Auge (und unseren Sinnen) darbietet, kann also nur etwas aktivieren bzw. die Aktivierung (Sehen ist ein AKT) dessen anregen, das in uns bereits vorhanden ist. Deshalb ist es die Wahrheit, die uns die objektive Welt (die in all ihren Teilen durch die eine selbe Vernunft und Güte strukturiert ist, die sich im Menschen universal wiederfindet*) sehen läßt. Nicht "das Auge".

Sehen muß deshalb gelernt werden. Es hat mit der Reife des Menschen zu tun, der sich nach und nach, vom Kind an, in die Welt hinein entfaltet. Und damit seinen Blick weitet, weil er sich in die Welt hinein ausbreitet, und sie sich damit als Erfahrungsgegenstand hereinholt, die objektive Erfahrung objektiver Weltqualitäten zu benennen und zu beurteilen lernt.

Wer deshalb glaubt, daß er über die Empirie, die sinnliche Wahrnehmung der Welt diese selbst durchschauen könne, irrt grundsätzlich. Er sieht nie mehr, als er an geistiger Klar- und Wahrheit bereits in sich trägt. Die vielfach zu beobachtende Sucht nach "übersinnlicher, das gewohnte Sehbild sprengender Erfahrung" zeigt deshalb etwas ganz anderes an, als deren Träger meinen.



*Es ist ein tragischer Fehlschluß des "kritischen Realismus", der meint, jeder Mensch könne aus sich heraus selbst ein vollständiges Weltbild konstruieren, in der er aus einer ihm eigenschaftslos begegnenden Welt Qualitätengefüge zusammenstellt. Siewerth zeigt, daß das unmöglich ist. Reine Quantenerlebnisse führen niemals zu Qualitäten. Kein Blinder kann eine Farbe erfinden oder "innerlich sehen". Solchem Denken wohnt eine unüberschaubare Fülle von Fehlschlüssen inne. Die Dinge HABEN objektive Qualitäten. Unsere Wahrnehmung muß sich in seinem Wahrheitsstreben danach ausstrecken, diese Qualitäten in sich aufzudecken, um an ihnen teilzuhaben, indem der Mensch geistig in dieser Welt ganz leben lernt. Die Welt ist ein Gefüge von Qualitäten.




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Mittwoch, 19. Juni 2013

Denken ist immer ethisch

Unser Denken ist durch den Hervorgang alles Seienden aus dem einen un deinigen Gott so in die Wahrhei verfügt, daß die ursprünglichste Erkenntnis des Seins des Seieneden kein Schein ist, der mit der Offenbarung des Grundes dahinschwindet, sondern der ursprünglichste, unübersteigbare und unverlierbare Grund der Möglichkeit des Denkens, der alle folgenden Erkenntnisse trägt. (G. Siewerth, in "Das Sein als Gleichnis Gottes")

Das Sein läßt sich sohin von einem lebendigen Logos, Gott, der das Wort IST, einem lebendigen Sein, das als eigentliche Wirklichkeit alles Seiende - die "Dingwelt", die Welt selbst - trägt und erhält, niemals trennen. Denken, das dieser "Abstraktion" verfällt, verliert seinen erhellenden Grund, es wird irrelevanter Selbstzweck.

Sprache, Denken baut sich sohin aus dem Lebendigen selbst auf. Das Sein selbst ist es, das sich in der menschlichen Sprache jene weltanaloge Struktur schafft, die Denken zur Welterhellung machen. Wo alle Logik Ausdruck der Vernunft des Seins selbst darstellt und bedeutet.

Das Maß des Logischen ist sohin auch Ausdruck jener Quelle, aus der sich ein Denken und bewußtes Dasein eines Menschen nährt. Logik zu fordern, anzuwenden heißt nicht, einem abstrakten Gesetz zu folgen, sondern im lebendigen Austausch mit dem Sein selbst zu stehen. 

Das verbürgt die Maßhaltigkeit der Logik, einerseits, das verrät aber auch die Anbindung eines Herzens. Wer in seinem Denken irrational verfährt, zeigt die Abkehr vom lebendigen Logos. Die Grundkondition des Denkens bleibt nämlich in jedem Fall dieselbe: Das Denken, das nur als Denken des Wahren denkbar ist, ist die Analogie jenes "Logos", der als dem Sein des Seienden zugrundeliegend erfaßt wird. Es ist die Analogie der Ersterfahrung des Menschen - der in allem einem in-sich-Wirklichen ALS in-sich-Wirkliches gegenübersteht, das ihm in seinem Werden und Reifen aber zugleich aufgegeben ist. Indem er im Namen zu sich und zum Weltsein gerufen wird.

Weil aber die Erstbegriffe allen Menschen gleich fundamental sind, weil sich die Sprache in ihrem ersten Grund aus dem Logos nährt, ist der Widerspruch und das Irrationale als ethische Dimension eine Abkehr von diesem Logos. Denken ist immer ein ethischer (kein primär "moralischer"!) Akt, gründet deshalb immer in der Religion, weil der Wirklichkeitserfahrung. In ihr können wir an der Wirklichkeit selbst teilhaben**, die aber vom Menschen selbst unüberbrückbar getrennt ist*, der das Denken des Seins nicht IST, das nie mit ihm in eins fallen, dessen Geist (ein personaler Akt) er sich nur in diesem Gleichklang öffnen, den er nur (als personalem Akt) atmen kann.***

Das erste Denken ist immer ein personaler Akt - des Urteilens, und jedes weiter komplex werdende denkende Selbstsein eine "Konzeption". (Das sich im "Ich" als akthaftem "Ich bin" zur Konzeption faßt.)

So ist auch das Allgemeine im Besonderen, gleichzeitig zum Einen aber gefaßt DURCH das Besondertsein, als wesentliche Eigenschaft des Seins selbst, das sie im Erkennen über das Besondere, im Besonderen, in das Eine fügt. Etwas muß als ein Besonderes (seiend-)SEIN, damit es in diesem Einen west.****

Erst so wird das Wirkliche selbst, das das konstituiert, was besonders wird, dem anderen mitgeteilt, sodaß es in der einen höchsten Wirklichkeit - als genuine Leistung des Selbstseins, und genau darin Gott ähnlich (aber nicht gleich, weil nur teilhabend, geschöpflich: alles erhält Sein, nichts gibt sich sein Sein selbst, das zeigt die Empirie; Selbstschenkung des Seiendseins ist also nur im Maß der Teilhabe möglich) - verbleiben kann. Denn kein Lebendiges IST sein Leben, es HAT es nur.*****



*Das nicht zu sehen, führt zum Pantheismus.

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***Nur deshalb ist ja Kommunikation, Gemeinschaft möglich - IM selben Geist. Nur deshalb ist es möglich, zu verstehen, was jemand anderer sagt, ja, sich selbst zu verstehen. Der Irrende versteht sich also auch selbst nicht.

**Weil aber alles Wirkliche sich selbst gemäß schafft, folgt daraus, daß das Seiende (die Schöpfung, die Welt) eine Analogie zum Sein selbst, ein Gleichnis Gottes darstellt. Und weil der Mensch darauf ausgerichtet ist, alles Seiende (bzw. in ihm das Sein) zu erkennen, folgt, daß er als Berufener zum Geist Abbild Gottes ist. Denn im Denkenden wird alles Seiende ins Sein transzendiert. Und zwar im Spezifizieren des Unterschieds aller Dinge, die ihm Halt sind.

****Denn nur im Allgemeinen verbleibend, würden die Dinge gar nicht zu sich selbst werden. Das Sein des Seienden würde also gar nicht (abbildhaft im Besonderen) in sich gründen. Das Sein selbst würde also (immer deshalb: nur indirekt) gar nicht erkennbar, die Einheit mit (bzw. in) ihm gar nicht herstellbar sein. Die Welt schließt sich deshalb und darin, im Besonderen, "wie in einem Kreis" mit dem Allgemeinen zusammen. Das Sein der Welt (als Seiendes) ist deshalb ein unausgesetzter Akt, kein starr zu denkener "Zustand". Und tatsächlich ist ja diese Welt, wie immer man sie betrachtet, ein ununterbrochener Akt (Bewegung) in einem unauflöslichen Zueinander, wo eins das andere im Sein hält.

Scheinbar zu abstrakt? Keineswegs. Diese Struktur, diese Gesetzlichkeit als deren Ausdruck zeigt sich selbst in den social media, läßt diese in ihrer Funktion erst begreifen: Von der Lebensenergeia (s. u. a. die Analogie von "elektrischer Strom" zum Leben selbst) gehaltene Zweitwelt scheinbaren Seinsbestands. In seinen reinsten und stärksten Ausprägungen fallen Menschen, denen man ihre social media nimmt, "ins Nichts". Weil die social media der wirklichen Erfahrung der Wirklichkeit "vorgreifen", diese umgehen, indem sie das Fazit solcher Wirklichkeit herzustellen versuchen. 

*****An diesem Punkt läßt sich bis zur Erbsünde weiterdenken, läßt sich diese von diesem Punkt heraus verstehen. Auch sie ist ja kein vernunftloses "Dogma", ist mehr als der Theorie zugefügter "Stimmigkeitskitt", damit diese nicht "in der Luft hängt", wie es bei Mythen der Fall ist. 




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Mittwoch, 13. Februar 2013

Nicht Bildung brauchen wir

Im Geschichtsgang des Denkens hat das Denken das Sein des Seienden verloren, schreibt Gustav Siewerth einmal, und es ist einer seiner zentralen Gedanken. Das philosophische Denken eines gesamten Zeitalters ist damit erloschen oder hat sich verwirrt, weil die Systeme in ihrer logischen Entfaltung sich von der Erhellung des Wirklichen entfernen. Das skeptisch und kraftlos gewordene Denken erschöpft sich im Kommentieren, im Tradieren oder in seinslos gewordener Formalistik

Damit sind wir nicht mehr in der Lage, die Fragestellungen, die sich aus den exakten und empirischen Teilwissenschaften ergeben, philosophisch aufzuhellen.

Denn nicht Bildung tut unserer Zeit not, schreibt Heidegger, sondern denkende Besinnung.




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Erkennbarkeit im Gestalteten

Sofern der gründende Akt (eines Seienden, das seiend ist, weil es Anteil am Sein hat, sonst wäre es nicht) und das Wesen als seine verselbigende Möglichkeit aufeinander bezogen werden, schreibt Gustav Siewerth in "Der Thomismus als Identitätssystem", sind sie irgendwie wirkend gegeneinander. Das, was sie erwirken, aber ist die Einheit beider. Dieser Einheit, das "eigentliche Sein", ist als "Zusammengesetztes später gegenüber seinen Zusammensetzenden" (Thomas v. A.) Die beiden Seinsgründe - Wesen und gründender Akt - sind als Möglichkeit zum ganzen Zusammengesetzten zu denken.

Dieses dritte "Ganze" oder "Zusammengesetzte" ist Sein in ausgezeichneter Weise, als Wirklichkeit. Weil der Akt als solcher in ihm selbst zu sich und damit irgendwie zu seiner früheren Einheit kommt. Denn "die Verschiedenen bedürfen eines Tätigen dazu, daß sie geeint werden" (T. v. A.)

Der Akt schlechthin ist also das Prinzip der Einigung (und damit des Seiendseins, als Grund, warum es überhaupt "etwas" Dingliches gibt) und er ist zugleich jener Akt, der das Sein an sich - Gott - in Mannigfaltigkeit  "auseinanderfallen" läßt.

Darum bestimmt sich die gesetzte Wirklichkeit als Sein nicht von der Form oder der Sobestimmtheit ihres Aktes, sondern "es ist das Sein selbst, woher die Substanz Seiendes (ens) genannt wird". "Die Bedeutung des Seins wird vom Akt des Seins (essendi) genommen, noch von jenem, welchem der Akt des Seins zukommt".

Gestalten braucht also das Erfassen, das Erahnen, das Erfühlen, das Übernehmen, das Nachahmen, das aktive Lebendigmachen dieses einigenden und erst wirklich gestaltenden Aktes der Wirklichung, damit eine Gestalt (in der Kunst) überhaupt wirklich wird. Aber aus diesem Akt alleine geht nicht die Form hervor, er ist unbestimmt. Es ist das was er eint, das in Form und Wesen bestimmt. Der Akt selbst setzt aber die "Individualität" eines Dings (Seienden), als schlechtin "Subsistierendes", als eigentliche Substantialität des Seins, in endlicher Wesenheit, und als zuerst "Vermeintes" (prinzipalis intentio), das "durch sich selbst ist". Als Gleichnis (analogia) und Ausstrom des Absoluten Seins, in seine Realität hinein.

Die Dinge sind nicht sie selbst, weil sie anders sind (als alle anderen Dinge), sondern sie sind anders, weil und insoweit sie sie selbst sind.

Form und Wesen vermitteln, begründen aber nicht diesen Akt, der als Aktualität in die Endlichkeit hinein vorzustellen ist. Das macht genau diese Dinglichkeit der Dinge zum Ort, aus dem heraus das Sein selbst erkennbar wird. Denn das Sein ist nicht akzidentiell, zugefügt, sondern ist durch die Wesenheit einer Sache konstituiert. Die Dinge sind also durch sich selbst bestimmt, nicht durch ihr "Anderssein": Der Akt scheidet sich nicht um der Essenz willen, also nicht, damit er sich unterscheide, sondern damit er selbst seine Einheit sein könne. Und die Dinge (als Realitäten) sind eins, untrennbar, aus Wesen und Form, im Akt des Seiendseins. In dieser Einheit als Selbstheit sind sie Gott, in dem alles Eines ist, ähnlich. Sie wurzeln im Akt, nicht in ihrer Realität.

Wobei nicht aus den Augen geraten darf, daß das Sein der Sachen nicht sie selbst SIND, sondern das, was den Dingen durch ihre Form zukommt. Die Dinge erhalten ihr Sein aus dem Seinsakt selbst, und zwar im Maß ihrer Fassungskraft der aufnehmenden Natur. Das partizipierte Sein wird auf die Fassungskraft des Anteilnehmenden hin (durch die Form) verendlicht, das Wesen (als Weise des Seins) beschränkt den Akt, beschreibt ihn abbildhaft, ja ist der Akt selbst.

Es ist also das Selbstsein der Dinge, das die Analogie zum Sein Gottes, dem ewigen Akt selbst darstellt.





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Dienstag, 5. Februar 2013

Anteil an Gott

Das Sein als absolut gedachte Vollkommenheit ist Gott und allen Geschöpfen gemeinsam, schreibt Thomas v. Aquin in seinen questiones de veritate. Es ist zugleich jener Ausdruck, der unter allen andern Wortewn im eigentlichen Sinn Gott bezeichnet. Darum ist notwendig die Vollendung einer Sache, sofern sie ist, ergänzt er in der summa theologica.

Das bedeutet, daß alles was ist an Gott insofern Anteil hat, ihn darstellt, analogia ist, als es es selbst ist. Dieses Sein aber läßt sich nicht gewinnen, indem es sich einfachhin "behauptet", sondern in Hingabe an das Begegnende IST, dadurch erst WIRD. So fügt es sich in die Ordnung des Seins, weil es kein Seiendes gibt, das nur in dieser Bezogenheit auf das Ganze des Seins, soweit es sich in der Schöpfung offenbart, soweit es hier präsent ist, gesehen werden kann.

Das heißt, daß alle Dinge umso mehr Anteil am Sein haben, je mehr sie sie selbst in ihrer Eigenart sind. Und zugleich ist dieses Sein nur in der Wahrheit möglich, denn die Wahrheit ist der Ordnung des Seins gleichzusetzen. Dieses Selbstsein ist als Akt jenem Akt am ähnlichsten und am meisten analog, als der Gott selbst zu denken ist. Aber es ist uns nicht absolut in "Besitz", sondern nur "insofern". Wir können es uns nicht geben, und wir haben es uns nicht gegeben. Wir können es nur ergreifen, repräsentieren, indem wir uns vervollkommnen. Im (eher als "abgeleitet", dem Grad unseres Daseins immanent zu denkenden) Selbstbesitz, im Akt des Selbstseins.

Jeder Irrtum, jede ungeordnete Neigung, ist sohin eine Verminderung dieses Seins. Und das Denken des Menschen strebt aus sich zu dieser Einheit in sich selbst, mit sich selbst, in der es erst vollkommen wird, und in der es Anteil an Gott hat, zum analogen Ebenbild seines Hervorbringers wird. In ihm versucht der Mensch sich zu dieser Einheit in sich selbst zu ordnen, in der er Gott am ähnlichsten ist. Und in der er am Leben, dem vollkommensten Aktsein Gottes, wie es in der Schöpfung sichtbar wird, am meisten Anteil hat.




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