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Dienstag, 14. Juli 2015

Ein vitales Archetyp

Ein interessanter Gedanke, der da in der Frankfurter Allgemeinen auftaucht. Der am Beispiel Tunesien dem Phänomen nachgeht, daß sich zunehmend Terroraktivitäten bemerkbar machen, die von Einzelpersonen ausgehen, die man gar nicht "der" IS als Organisation oder organisierte Bewegung zuschreiben kann, auch wenn das wechselseitig dann passiert. Der islamistiische Terrorismus scheint vielmehr in eine neue Phase zu treten - als psychosoziales Einzelphänomen. Denn die Zahl der Einzeltäter, die "Alahu akbar" rufend ein vorgeblich antiwestliches (=antiamerikanisches) Blutbad anrichten, aber keinerlei Organisation zugehören, mehrt sich auffällig.

Das ist deshalb interessant, weil der Islam von Anfang an von starkem sozialpsychologischem Impuls getragen war, wenn nicht überhaupt daraus entstanden ist. H. Belloc ist nicht der einzige, der das so sieht. Eine Bewegung der Unterprivilegierten, der Unterlegenen, der Arianischen Christen als schwache, unterlegene, unter Rechtfertigungsdruck stehende, weil minderheitlich* abweichlerische Brüder des orthodoxen katholischen Glaubens. Die sich aus ihrer geistigen Widersprüchlichkeit (die der Arianismus ist) durch willentliches, moralisch übersteigerndes Elitebewußtsein in ein Ich-Bewußtsein steigern, das allem sonst überlegen ist. Was zur Gründung einer eigenen, in seinem Rigorismus bislang ungesehenen Religion - dem Islam - führte. 

Ein Impuls, der im späteren Protestantismus (v. a. in Calvinismus bzw. Puritanismus) erneut zu studieren ist. Sodaß sich in der Gegnerschaft USA und Islamismus auf eine Weise zwei überaus ähnliche Archetypen seelischer Grundmotive, mit ähnlich gelagertem Sendungsbewußtsein, zeigen.




*Entscheidend für das Selbstgefühl von "Minderheit" ist nicht eine wirkliche quantifizierbare Angelegenheit, sondern ontologisch abhängig von der Position dem Sein gegenüber. Deshalb werden sich viele abweichlerische, reformatorische oder rebellische Bewegungen IMMER als Minderheit fühlen und sich so verhalten, und seien sie mengenmäßig tausendfach überlegen.




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Dienstag, 23. August 2011

Keine Armenaufstände

Was verbindet diese Aufstände, die die halbe Welt seit einem, zwei Jahren "erschüttern"? auf einen vereinfachenden Nenner gebracht: sinnloses Aufbegehren; der Impuls "gegen", ohne ein "dafür" zu haben. Jeweils mit regionalen Varianten, ist es sogar schwierig, von "legitimen" Gründen zu sprechen, denn auch diese sind zum einen relativ ("autoritäre Staatssysteme" sind kein Grund, tut mir leid, so einfach ist die Welt nicht gestrickt), und zum anderen bereits von einem verdrehten, sentimentalistischen oder ideologisch verfärbten Weltbild begrifflich verbogen.

Denn die Linke läuft ja von Aufstand zu Aufstand - wie jetzt in London bzw. England - um nachzuweisen, daß die Marx'sche These stimmt, daß auf das Zeitalter des Kapitalismus die Revolution des Proletariats, der Aufstand der unterdrückten Massen folgt. Aber diese stehen nicht auf, was sich historisch gut belegen läßt, Aufstände und Revolutionen haben immer ganz andere Gründe und Auslöser, so gut wie nie "unterdrückte Massen".

Chthonisch, könnte man es nenne, woher sich derzeit die unterschiedlichsten Motive nähren, aus dem Untergrund stammend, irrational und (von mir aus) dämonisch. Sie liegen auf einer Linie mit der Auflösung des Patriarchalen (als kulturschaffendem Element an sich), dem Rückgriff auf die "Urhöhle", die Auflösung des Ich ins Diffuse der Masse, der personalen Ungefaßtheit, dem Hineinschmelzen ins Alleine ... Sie sehen schon aus dieser kurzen Begriffskompilation, wieviele der heutigen Bewegungen sich seit vielen Jahren teilweise vorbereitet haben. Nun haben wir Zeit der Ernte, und das behaupte ich wohl: es ist erst der Anfang.

Und schon brechen so manche Welthaltungen wie Papierhüllen zusammen. Christian Ortner bringt ein amüsantes Beispiel - Jamie Oliver. Als die Jugendlichen bei den Krawallen auch sein Restaurant beschädigten, war es aus mit seinem Gutwillen, mit dem er Projekte förderte, die genau solchen Jugendlichen zu einem normalen Leben verhelfen sollten. Vielleicht weil er nicht begreifen wollte, daß all diese sozialistischen Theorien nicht stimmen? Daß sich als Folge der Auflösungen unserer Gesellschaften in Multi-Kulti und "Toleranz"-Geschwafel und was auch immer nun primitivste Kräfte äußern, die nur noch von Internet- und Medienbildern genährt sind, dem einzigen, was ihnen noch Form gibt? Und dann kann man durchaus von der Absicht der Jugendlichen sprechen, das Recht auf Designer-Jeans und Modejacken zum Menschenrecht zu deklarieren.*

Recht viel anders lief es auch in Tunesien, Libyen oder Ägypten, oder Wien (mit seinen grotesken Studentenprotesten 2009/10) nicht ... In solch einer kulturellen Lage (und nur aus dieser heraus ist alles das verständlich, erkennbar daran, daß es prognostizierbar war!) wird jede "Begründung" zur posthoc-Rechtfertigung, zur bloßen Makulatur. Wer so wie wir die Vernunft so nachhaltig beschädigt und zerstört hat, muß damit leben, daß künftige "Leitideen" und Handlungsmotive irrational sind.**


*Keineswegs auch sind die Aufstände auf Spannungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern zurückzuführen! Vielmehr haben Untersuchungen ergeben, daß die größten Spannungen zwischen den Migrationsgruppen untereinander bestehen! In London z. B. sind die Einheimischen teilweise den zugewanderten Türken sogar nun dankbar, weil diese - pardautz! - eine Art Miliz aufgestellt haben, die Supermärkte etc. vor Plünderungen durch randalierende Gruppen bewahren sollen.

**Was man durchaus als Treppenwitz der Geschichte auffassen könnte: die Linke hat durch ihre Destruktion der Vernunftgrundlagen erreicht, daß ihre "Logik" und "Rationalität", auf die sie sich ja als metaphysische Legitimation beruft, nicht mehr relevant ist.




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Freitag, 17. Juni 2011

Unlösbare Widersprüche

Die Grünen in Baden Württemberg befinden sich mitten in einem Dilemma, meint die FAZ. Denn einerseits, nun an die Regierung gekommen, stehen sie mit dem Gesetz im Bunde, und müssen möglicherweise auch den Stein des Anstoßes - den Mega-Bahnhof "Stuttart 21" - mitttragen. Ausgerechnet jenes Projekt, das zu verhindern sie vor der Wahl angetreten sind! Aber es lief nicht nur alles rechtens, sondern systemimmanente Logiken stellen die Grünen vor eine eigentlich unlösbare Situation: entscheiden sie sich für ihre Regierungsverantwortung, oder für ihre Wähler?

Denn sie geraten mit ihren eigenen Grundsätzen in Konflikt: während die Taktik der Grünen war und ist, daß das Gesetz schlecht, der Bürger immer gut ist, daß Gesetzes- und Systemkonformität eben in Situationen führen kann, die NICHT mehr gut sind, die abzulehnen sind (und im Grunde hat der Protest der Grünen ja den Charakter einer Systemrevolution), stehen Sie nun plötzlich in der Situation, gegen ihre eigene Regierungsverpflichtung den Rechtsstaat in Frage zu stellen oder: stellen zu sollen.

Die Schlichtungsprozesse dürften wenig fruchten - große Teile der Protestbewegung werden kein Ergebnis akzeptieren, das nicht lautet: KEIN neuer Bahnhof. Rechtsstaatlich würde selbst bei einem Baustop der Deutschen Bahn eine Milliardenbelastung auf das Land zukommen. Eine Demokratie kann aber nur funktionieren, wenn alle Beteiligten rechtliche bzw. verrechtete Prozesse akzeptieren, auch wenn sie gegen ihre Intention ausgehen! Schon läuft auch innerhalb der Grünen ein erster Spalt: ihr eigener Verkehrsminister in Baden Württemberg spricht gleichfalls von einer Unverbindlichkeit der derzeitigen Schlichtungsverfahren, wiewohl diese bereits bestehendes Recht "umgehen", oder: moderater gestalten sollen, kein offizielles Rechtsmittel darstellen. Die Bahn wäre dazu sowieso nicht verpflichtet!

Wobei der Bahn-Chef es sich nun nicht verkneifen konnte, den Grünen "Volksverdummung" und Täuschungsabsicht bei der Wahl vorzuwerfen: sie hätten gewußt, daß alles rund um den neu zu bauenden Stuttgarter Hauptbahnhof rechtens gewesen war, es also - rein rechtlich - gar keinen Ausstieg mehr gebe. Diese Hoffnung aber hätte man bei den Wählern geweckt!

Der Protest der Grünen in Stuttgart und anderswo ist aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. So wie fast alle übrigen Proteste in Europa, sind es Proteste GEGEN das System. Sie sind Anrufe an die Regierungen, generelle Richtungsänderungen vorzuschlagen, weil die bisherigen Wege in ein Leben geführt haben, das in seiner ihm eigenen Logik nicht mehr wünschenswerte Ergebnisse erzielt. In Europa will man also eine Zertrümmerung bestehender Systeme, ja es läuft auf eine Zertrümmerung des Rechtsstaates hinaus, dessen Kriterien als ungenügend empfunden. Nur: das läßt einen Staat auseinanderbrechen! Wenn sich die Bürger von seiner Systemlogik keine Gerechtigkeit (nach ihrer Facon) mehr erwarten.

Nahezu spiegelverkehrt - wenn auch in anderer Hinsicht die exakt gleiche Bewegung: das staatliche System erfüllt nicht mehr subjektive Rechtsvorstellungen - ist dagegen die Situation im arabischen Raum oder in Nordafrika. Und das wird gerne übersehen, wenn Romantiker hierzulande eine große Weltbewegung erblicken wollen. Dort WILL die protestierende Bevölkerung genau jenen Rechtsstaat, der hierzulande längst abgelehnt wird. Dort WILL die Bevölkerung jene Verrechtung des Lebens, ja dort WILL sie vor allem (!) auch jene Modernität, die in unseren Breiten zunehmend als Lebensbedrohung empfunden wird. Es wächst tatsächlich hierzulande der noch wenig artikulierte, aber immer deutlicher gefühlte Wunsch, ANDERS zu leben als bisher, sodaß sich die Natur unserer Staaten und Länder mehr und mehr in zwei unvereinbare Richtungen aufspaltet. Die einen, die das bestehende System weiter ausbauen wollen, die anderen, die genau das nicht wollen, die es sogar reduzieren oder gar zerstören wollen.

Vielleicht ... tauschen wir einfach die Länder bzw. die Bevölkerungen aus? Vielleicht ist die Migrationsproblematik, die Europa kaum noch bewältigen kann, genau das.

Es fehlt, höre ich dann manche, nur noch die Gegenbewegung - von Europa WEG. Wirklich? Daß wir uns da nicht täuschen: auch die gibt es! Ich kenne nur die Zahlen von Deutschland, aber dort ist es bereits signifikant, daß jährlich Zehn, ja Hunderttausende - und vor allem: bestens Ausgebildete! - das Land verlassen, während die Lücke, die sie hinterlassen, mit Zuwanderern aus mehr oder weniger obgenannten geographischen Zonen gefüllt werden. Ähnliche Vorgänge hört man längst aus vielen weiteren Ländern!

Der Grund, warum hierzulande noch keine größere Auswanderungsbewegung stattgefunden hat, hat v. a. bei jungen Menschen heute systemimmanente Gründe - sie sind, sagen wir es schlicht: verwöhnt, sie sind träge und feige geworden. Aber wer wenn nicht die Jugend sollte auswandern, die doch noch alles aufzubauen hat? Die doch ohnehin bereits so entwurzelt mit "globalisierten Wertevorstellungen" aufwuchs. Aber wenn auch noch nicht, so sind es nach und nach die Alten, die das Kribbeln verspüren, noch einmal etwas zu versuchen ...

Da findet also vermutlich bereits eine Bewegung statt, die von uns lediglich in seiner historischen und globalen Dimension noch nicht überblickt wird, und die noch nicht wirklich geboren werden will. Auch wenn die Wehen längst eingesetzt haben.

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Dienstag, 5. April 2011

Für Gerechtigkeit gesorgt

Eigentlich ist nicht überraschend, was zu lesen war: In einem Kairoer Fußballstadion kam es zu einer Hetzjagd tausender Zuschauer auf die Schiedsrichter. Die Kairoer Mannschaft war in Rückstand gegen eine Mannschaft aus Tunesien geraten, und weil das Publikum mit der Leistung der Unparteiischen überhaupt nicht zufrieden war, ließ es jede Zurückhaltung fahren, und stürmte aufs Spielfeld. Wer weiß was aus den tunesischen Fußballern geworden wäre, hätten sich nicht ihre ägyptischen Gegner schützend vor sie gestellt.

Ein Volk, dem man auf die Schultern geklopft hat, weil es sich seine Gerechtigkeit selbst verschafft hat, scheint diese Haltung zu verinnerlichen, daß auf dieser Welt Gerechtigkeit möglich, und nur eine Frage der Selbstbehauptung und des eigenen Urteils ist. Da baut sich also nur eine Tradition auf. In einem Volk der Gerechten.

Naja, höre ich jemanden sagen, der Schiedsrichter hat doch tatsächlich einen Stiefel zusammengepfiffen.

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Donnerstag, 10. März 2011

Fragen um Fragliches

Was also war das wirklich, was in Ägypten stattfand? Nun sitzen sie beisammen, die Gruppierungen, und diskutieren eine neue Verfassung, schreibt die Presse. Kostproben der ersten Vorschläge gefällig? Die Scharia soll Gesetzesgrundlage werden, der Islam wird Staatsreligion.

Die Kopten - immerhin 10 Prozent der Bevölkerung des Landes - haben versucht, auch ihre Vorstellungen anzumelden. U. a. daß Islam Staatsreligion würde. Als Christen fürchten sie, daß ihre unter Mubarak schon nicht einfache Stellung den Muslimen gegenüber noch schwieriger wird.

Ihre Eingaben wurden ignoriert.

Dafür steigern sich die Angriffe der Muslime auf koptisch-christliche Einrichtungen. Aus den "friedlichen Demosntranten" am Tahrir-Platz wird plötzlich in der Presse-Diktion ein aggressiver "Mob": Eine Kirche wurde angezündet, und als 1000 Kopten dagegen demonstrierten, kam es zu wilden Straßenschlachten mit attackierenden Muslimen, die die neutrale eingreifende Armee auch nach Stunden nicht in den Griff bekam.

Was also hat sich dort wirklich abgespielt? Was haben die Twitter- und Facebook-Revolutionen, als Schrei nach "mehr" - Wohlstand, Geld, Freiheit (und hier sei hinzugefügt: für wen? und wofür?) ... - tatsächlich ausgelöst? War alles nur ein lustiges Spiel von Leuten, die einfach mal ausprobiert haben, was passiert, wenn man aussteigt? Einer Generation, die medienverwirrt meint, es gäbe einen "Staat", der für alles verantwortlich ist, vor allem dafür, die eigene Lebenslast, die Notwendigkeit, das Leben zu gestalten, abzunehmen?

In Tunesien ist die Wirtschaft des Landes so weit zusammengebrochen, daß täglich mittlerweile 1000 junge Männer das Land Richtung Italien verlassen.  In Libyen weiß man nicht, ob nicht - sofern Gadhafi wirklich abgesetzt werden kann - das einzige Ergebnis ein Zerfall des Landes in Stämme und Stammeskriege sein wird. Und in Ägypten zeigen sich Früchte wie oben, die ganz anders aussehen, als sich das längst notorisch wirklichkeitsfremde Europa in romantischer Stimmung vorträumte.

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Montag, 21. Februar 2011

Da soll sich noch einer auskennen

Sat1 bringt Interviews mit einigen der 5.000 Flüchtlinge, die letzte Woche binnen 48 Stunden auf Lampedusa (Italien) gelandet sind: Sie wollen nach Europa, irgendwohin, um dort zu arbeiten, damit es ihnen einmal besser gehe. Das gehe in Tunesien nicht mehr. Denn dort sei nach der Revolution die öffentliche Ordnung völlig zusammengebrochen. Es gebe keine Polizei mehr, und jeder Verbrecher könne ungestört seine Geschäfte entwickeln.

Ja wollten sie nicht genau das? War nicht die Ordnung der Feind?

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Dienstag, 15. Februar 2011

Verwirrende Freiheit

War alles nur ein Mißverständnis? Zumindest in den Augen der Europäer dürfte etwas falsch verstanden worden sein, als sich in Tunesien "das Volk" erhob und das "Regime" (seit einigen Wochen wissen wir ja, welch schreckliche Regime Nordafrika beherrschten, was sämtliche Medien hierzulande ja aus taktischer Klugheit 30 Jahre lang verschwiegen hatten) per friedlichem Protest verjagte. Und wie die Forderungen nach mehr Teilhabe am Wohlstand gemeint war.

Denn derzeit landen pro Tag 1000 Flüchtlinge aus Tunesien auf Lamepdusa (das zu Italien gehört), um dort Asyl zu erhalten. Denen es offenbar in ihrem Heimatland nun noch mehr denn je an Perspektiven mangelt. Und die sich auch nicht solche dort aufbauen möchten.

Dabei sind sie doch endlich frei!? Oder ist ihnen die Freiheit der "Demokratie" nun doch zu mühsam, in der man sich ja alles selbst errichten muß, das einen später dann mit mehr Wohlstand versorgen soll? Oder sitzen nun die anderen - die Reichen, die Korrupten, die Banditen und die Unterdrücker des vorigen Regimes - in den überladenen Fischerbooten, die an Italiens Stränden anlanden, während die Befreiten wieder zurückströmen? Aber davon läse man doch?

Verwirrend das alles.

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Montag, 31. Januar 2011

Wo kommen nun die Bösen her?

Jahrzehntelang war in hiesigen Medien kein Sterbenswörtchen zu hören, daß es sich bei Ländern wie Tunesien oder Ägypten (oder Algerien) um Länder mit schweren Defekten hinsichtlich Menschenrechte handelte. Generationen sind aufgewachsen mti dem Gefühl, es handele sich bei Tunesien und Ägypten um Oasen des Lebensgefühls und Tourismus, und Hunderttausende Österreicher und Deutsche flogen hin und verbrachten unvergeßliche Urlaube. Gefährlichkeit bestand bestenfalls im Wassergenuß, das war häufiger Inhalt der Gespräche mit Bekannten und Verwandten, wenn sie von ihrer Nilkreuzfahrt erzählten, oder geheimnisvoll schwiegen, wenn es von Tunesien zu reden galt, das in manch delikater Hinsicht berühmt-berüchtigt war.

Chaos in Kairo (2011)
Sonst? Nichts. Stabilitätsfaktoren waren sie, beide Länder, zwischen dem seit Franzosenzeit immer noch ein wenig heiklen Algerien, dem wahnsinnigen Gadhaffi in Libyen, und beide Länder waren verläßliche Partner für die Welt, in der auch der islamistische Fundamentalismus im Griff war, so sehr er sich in Ägypten brutal zu Wort melden wollte.

Aber seit Nasser, der in seiner UdSSR-Nähe sowieso ein eigenes Kapitel war, seit Anwar as-Sadat, der sogar den Friedensnobelpreis erhalten hatte, und auch mit Mubarak war Ägypten ein stabiles Land, gerade im arabischen Block, in seiner Rolle in Afrika überhaupt, das schon an der Schwelle zum Standard des Westens gesehen wurde.

Und nun? Seit von den Unruhen in Kairo und Alexandria berichtet wird, lautet die Diktion plötzlich "Regime". Nicht anders verhält es sich bei Tunesien. Gerade die beiden bislang stabilsten, verläßlichsten Länder der Region, waren also von Unrechtsregimen regiert?!

Der ORF berichtet nur noch von "Aufständen gegen das Regime", als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, wir hatten es doch immer gewußt, und der KURIER, die neue Qualitätszeitung, sendet sogar eine eigene Berichterstatterin (sic!) nach Kairo, um zu beweisen, wie sehr er am Puls der Zeit hängt.

Noch immer aber keine Zeile, WARUM in diesen Ländern überhaupt demonstriert wird. Keine Zeile, was die Aufständischen überhaupt wollen? Außer: Wohlstand. Mehr Arbeitsplätze. Höhere Löhne. Teilhabe (sic!) am Wohlstand, der ja, wie wir alle wissen - so wurde es zumindest den jungen Menschen heute allesamt eingetrichtert, und den Frauen sowieso - vom Staat und seiner Umverteilungsmacht ausgeht und abhängt.

Traumurlaub in Ägypten (2010)
Keinen anderen Eindruck gewinnt man, wenn man Al Jazeera beobachtet, wo Ägypter - "activists" - ausreichend zu Wort kommen. Ja, der eine erzählt, daß sein Freund verhaftet worden war, ohne daß jemand wußte, warum und wo, und für 24 Stunden verschwand, sodaß sich alle Sorgen machten. Aber was erwartet man in einem Land, wo sich schon aufgrund der internen Spannungen - Islamismus vs. säkulares fortschrittliches Wohlstandsland - auch anderes? Im Gegenteil, das waren ja die Eigenschaften am "Regime" Mubaraks's, deretwegen er als so verläßlicher Partner galt?!

So groß die Sympathien mit dem "Prinzip Aufstand" auch sein mögen. Vorerst läßt sich der Eindruck nicht abschütteln, daß sich hier der Wahnsinn der Zeit inszeniert. Nicht mehr. Irgendein Geschwafele von "Demokratie" oder "democracy" - ein Wort, das wie der Schuß mit einer Schrotflinte auf eine Scheune daherkommt, irgendwie muß es ja richtig sein!? - läßt de Eindruck nicht geringer werden, daß sich hier einfach die Trägheit der Zeit (sic!) - "nicht mehr mitspielen" kann nämlich Seltsamstes bedeuten und zur Ursache haben! - mit unbewußten, dämonischen Kräften ihren Hochzeitstanz liefert. Wo einfach die Auflösung nach Luft ringt, von der die heutige Welt des Westens ja zunehmend zu glauben scheint, er wäre sie, die berühmte "Demokratie", die alles als undemokratisch abstempelt, was sie (eben: was? wissen wir nicht ... siehe: Vogelzug) behinderte - nicht der positive Gestaltungswille.

Und eine andere Frage erhebt sich, verfolgt man die Berichterstattung: Wo war sie zuvor gewesen, wenn sie jetzt so sicher weiß, daß es um Regime und berechtigte Volkserhebungen geht? Wo waren die Berichte über die Menschenrechtsverletzungen, wo waren die kritischen Reportagen, wo waren die Demonstranten vor ihren Botschaften? Oder will die Journaille, speziell in Österreich, einfach auf jeden Fall nur wieder bei den Siegern aufwachen?

Am nächsten Morgen, wenn die Polizei in Kairo endlich die lästigen Plünderer von den Straßen gefegt hat, die Kairo derzeit heimsuchen. Vielleicht jene tausende Kriminelle, die durch die Eroberung einiger Gefängnisse freigesetzt worden waren. (Auch dort: KEINE Regimegegner und Folterkeller, aber Kriminelle. Und Islamisten.) Oder sind es Demonstranten, die hier kurzfristig die Erfüllung ihrer Forderungen gefunden haben?

"Friedensnobelpreisträger" ElBaradei
P. S. Diese Groteske des Herumtastens heimischer Medien, welche Haltung denn opportun sein könnte, zelebriert der KURIER u. a. mit einem befreiten Aufschrei, daß sich nun eine "Stimme der Opposition" gefunden habe. Im Friedensnobelpreisträger ElBaradei. Wobei sie verschämt verschweigt, daß ElBaradei im Rahmen seiner Tägigkeit für die UN-Atombehörde diese fragliche Auszeichnung erhalten hatte. Nicht, wie man in diesem Zusammenhang meinen könnte, weil endlich ein Opfer des "Regimes" gefunden wäre. Im Gegenteil, hat ElBaradei nie mit auch nur einem Sterbenswörtchen verlauten lassen, daß die Lage in seinem Lande prekär oder menschenunwürdig sei. Und das ist doch seltsam?

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Sonntag, 23. Januar 2011

Überall: die reichen Spekulanten

Dhaka - Ein Protestierender hat die Hosen verloren
Die Unruhen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, hören nicht auf. Nachdem sich bereits vor Jahren der internationale Anlegerverkehr zurückgezogen hatte, war die Börse Spekulationsort von 3 Millionen Bangladeshi selbst geworden. Wie bei nahezu allen Börse-Zusammenbrüchen der Vergangenheit, hatten die Einheimischen selbst die Börse als Ort des raschen Gewinns entdeckt, und sich unter Anhäufung von Schulden ins Spekulationsgeschäft gestürzt. Mit demselben Ende.

Die Kurse waren im Fieber von Millionen unerfahrener, aber auch von der Gewinnchance blind gewordener Kleinanleger - deren Verhalten dem Vogelzug mehr ähnelt, als dem von vernünftigen Menschen - hochgepeitscht worden. Als es im November und Dezember zu Wertberichtigungen kam, brach die Panik aus: die Kurse gingen zurück, und unter diesem Eindruck wollten plötzlich alle verkaufen. Das Ergebnis ist bekannt: die Kurse stürzten ins Uferlose, und Millionen Bangladeshi drohten, auf ihren Schulden sitzenzubleiben.

Nun machen die Bürger "reiche Spekulanten" verantwortlich. Diese hätten die Kurse künstlich hoch- und tiefgeführt, um all die armen, nichtsahnenden, es doch nur gutmeinenden Männer und Frauen des Landes abzuzocken.

Wie 1989 aber im gesamten Ostblock Europas, wie erst jüngst in Tunesien, oder hier in Bangladesh, zeigt sich eine Linie: der Bürger beansprucht ein "Recht" auf Wohlstand. Und er geht dafür auf die Barrikaden, und droht, den Staat zu sprengen, wenn ihm nicht entsprochen wird.

Denn schließlich ist ja das Recht auf Wohlstand - und dieser Satz ist mittlerweile das Credo der gesamten Weltbevölkerung geworden, keine ideologische, politische Maxime hat sich so rasch verbreitet und festgesetzt - ein Menschenrecht. Das auch mit Gewalt zu fordern jedem ansteht.

Scham? Scham kennt niemand mehr. Der Bauch, der Schniedel, die Augen, der Mund hat sie verdrängt. Alles ist deshalb offen. Und noch nie war alles so okkult. Noch nie, und das kann man wohl sagen, waren so viele Verschwörungstheorien im Umlauf. Denn wenn die eigenen Forderungen unerfüllt bleiben, dann braucht es einen Schuldigen, der sich dagegenstellt, und der ist vom Bösen. Das kann gar nicht anders sein! Die Spekulanten vergessen, daß sie spekulieren, und wissen um einen reichen Spekulanten. Und die? Die wissen um einen noch reicheren. Und die? Die wissen um die ganz großen Mächte. Und die? Die tun doch nur, was das Volk will?

Das Volk - wie jetzt in Tunesien, und schon beginnen die Proteste in Algerien, hört man - will Demokratie, heißt es? So skandieren sie zumindest. Aber meinen sie nicht alle etwas ganz anderes? Wer von all diesen hat denn die geringste Ahnung oder gar geistige Reife, von Volk, Politik, Regierung, Staatsform, Demokratie zu reden? Sie wollen eben etwas ganz anderes.´Die Revolution in Tunesien brach aus, als 250 Jugendliche und Kinder in einem Provinznest demonstrierten, ganz "von alleine", wie Die Presse schreibt: sie verlangten vom Staat "bessere Ausbildung und Arbeitsplätze", in einer "Revolte der Unzufriedenen". Während sie live auf Facebook die Vorkommnisse kommentierten, die sie gerade im Begriff waren, auszulösen. 15jährige, 17jährige. Dafür werden heute also Revolutionen angezettelt. Für den Anteil am Kuchen, an dem andere - immer sind es die andren - ja viel zu viel kriegen.

In jedem Fall haben eben alle ihren Schuldigen, wem immer das Leben, sein Ziel vergeht, das Leben nicht gelingt, der "unzufrieden" ist, ob er weiß warum, oder nicht (wie die Studenten-Demonstrationen in Wien vom vorigen Jahr, die gar keine Anliegen nennen konnten, solche erst posthoc zu suchen begann!)  Verblieben in der ersten Trotzphase, ein Leben lang. Ich will, aber ich kriege nicht!? Dann sind andere daran schuld. Die Reichen. Die Mächtigen. Der Staat. Die Spekulanten. Die anderen, das ist sicher. Denn das Unglück kommt von den anderen, von wo sonst.

Nun hat das mit den Sündenböcken natürlich eine interessante und kultische Bewandtnis. Denn ein Sündenbock soll ja das Verhältnis mit dem Urgrund der Welt wieder herstellen. Der außerhalb von mir ist. Dem ich etwas verdanke. Dem gegenüber ich schuldig geworden bin, den ich gnädig stimmen möchte. Also opfere ich, zur Sühne.

Viele dieser Sündenböcke sind gleichgeblieben, über die Jahrtausende gar, manche haben sich verschleiert, sind mutiert, andere aber sind - mit den Gruppen der Unzufriedenen - neu dazugekommen. Die Männer gehören nicht zuletzt zu einer der neuen mythischen Schuldnergruppen, wo ihnen - wie grotesk! - Macht zugesprochen wird, die sie nie hatten, die Göttern zukommt, keinen Menschen. Der Staat wächst dabei zur mythischen Größe, die alles Glück herbeischaffen soll.

Das hier aber sind alles gar keine typischen Sündenböcke mehr, denn es ist ja keiner schuldig! Also ist es ein Reinigungsprozeß, ein nicht-transzendenter Prozeß, der eliminieren soll, was die Welt vor der Immanenz des Göttlichen abhält. Reinigendes Feuer, damit aus dem Erz Wohlstand geschmolzen werde.

In Bangladesh nicht anders als in Unterpremstätten bei Graz. Mit einem mal, oder allmählich, haben sich die Vergleichshorizonte verändert, anhand derer klar wird, was hindert. Mit einem mal genügt auch nicht mehr, was aus langen Generationen her lebbar und gut war. Der Tunesier vergleicht sich mit dem Jungen aus Arizone, der aus Peking mit dem in Paris. Er will nicht dessen Geschichte, er will nur seinen iPod und die Download-Musik auf Napster.

Mit einem mal beginnen sie alle, ihr Leben neu auszurichten, und alles was sie in der Erde verwurzelt hielt auszurotten. In Tunesien noch dazu verschärft durch die vielen Touristen, die ghettoartig dort leben, und dabei die "Unterlegenheit" des Landes auf schrecklichste Weise zelebrieren. Der Bangladeshi möchte rasch reich werden, denn er bildet sich nun auch ein, den neuen Audi besitzen zu sollen, und die Unterpremstättner Hausfrau will Karriere, aber dalli. Und der Bangladeshi landet im Schuldturm, und die geschiedene Hausfrau beim Billa an der Kassa. Und sie beide kennen nur einen: den Schuldigen.

So steht sie da, die Masse der Welt, zur Masse geworden, freiwillig, die nur eins kennt: Wohlstand westlichen Zuschnitts, als Funktion, als Sättigungsgefühl, als Zufriedenheitsgrinsen, als Glück, was immer das überhaupt sei, denn es hat keine Kontur und keine Grenzen. Der Anspruch ist einfach da, und zum Recht erklärt rechtfertigt er jede Reinigung. Und all das wird längst international und koordiniert - vom Internet, von ABC und CNN und Reuters und China daily. Oder einem NGO-gestützten Dschungel-Internet-Sender aus Nigeria.

Wir sind Zeuge, wie er sich entfaltet, der neue Aberglaube, dem alles auf geheimnisvolle Weise folgt, und der so viele Worte braucht, weil die Lüge so viele Worte braucht: um Vernunft und Autoritätsbezug in der Wahrheit vorzuschützen, wo nur dumpfes, irrationales Wollen ist.

Das Recht auf Vogelzug.

Gespenstisch.

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