Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
Nun, zum Ende des langen Theaterabends, wird das Vollkommenere, zu dem wir geworden sind, zur neuen Basis des weiteren Lebens. Zum Startpunkt zu einem nächsten, höher gereihten "gelungenen Tag."
Im Mahl. Im "Essengehen" nach dem Theaterbesuch. Der wohl sichtbarsten Analogie zum Mahl, an dem Gott selbst Speise wird. Wo das zuvor ausgebrannte Reine als Seinszustand durch das Essen zum Dauerzustand verfleischlicht wird.
Ein Essengehen, das der Leser bewußt nur nach einem Theater absolvieren sollte, das ihm zuvor durch eine wahrhaftige Katharsis gehen ließ. Sodaß der, der sich an den Tisch sitzt, ein "Besserer" ist als er vor der Theateraufführung war. Nicht als Moralist. Sondern in seinem Sein. In seinem Zustand, in dem er seinen ontologischen Gegebenheiten vollkommen entspricht. Geläutert. Gereinigt. Befreit.
"Agere sequitur esse." Das gute Handeln (dahingehend erst als solches bestehende: Als Seinsentsprechung! als Entsprechung der Idee Gottes, des Absoluten, im unendlichen Mosaik Gottes, der Vorsehung, nie statisch, aber immer wahr!) folgt dem "guten Sein."
Deshalb darf (!) nur nach einem vollkommenen Reinigen eine Verewigung des Zustands in der Speise erfolgen. Nur der, der der Ordnung der Wahrheit entspricht, darf somit am Mahl der Vollkommenheit teilnehmen.
So möge der Leser selbst entscheiden, nach welcher der Aufführungen zum "King Lear" er guten Gewissens essen gehen sollte. Und nach welchen das Essengehen lediglich Teil eines romantischen, ideologischen, lediglich der Gewohnheit entspringenden Rituals ist. Das ihn aber nicht in den Himmel, sondern in die Selbstvernichtung verdauen wird.
Teil 2, als nächster Theaterabend: Machen wir nun Folgendes: Wir bleiben beim Stück, wechseln aber erneut die Inszenierung. Und steigen weiter in der Perfektion. Dann sehen wir, was wir daraus folgern können.
Oder er macht gleich Folgendes, und das sei ihm sogar dringend empfohlen, selbst wenn er fürchtet, daß sein Englisch nicht reicht: Es wird reichen, vertraue der Leser. Denn er wird etwas Seltsames feststellen. Er wird hautnah erfahren, was der VdZ seit dreizehn Jahren in einem Land erfährt, dessen Sprache zu lernen er strikt verweigert hat. Um genau das zu sehen: Daß Sprache weit weit mehr ist als rationaler Inhalt. Alleine die Gestalten werden ihm erzählen, worum es geht. Sie sind nämlich Träger des Geistes.
Also stürze man sich frohen Mutes in die englische Version von "King Lear". Die sogar der Inszenierungskunst eines Laurence Olivier entstammt.
Der auch selbst den König spielt, der das Zerbrechen aller Lebensillusionen und Selbsttäuschungen und Eitelkeiten erfährt. Sodaß sich das Leben als das herausstellt, das der VdZ in seinem Roman "Helena" mit dem Konzept des Lebens selbst untertitelte: "Das Gute ist was bleibt" Spätestens an dieser großartigen Fassung, die aber schon ein Film ist, wird er verstehen, was der VdZ meint.
Wobei der Leser wieder einmal an eine Aussage Charly Chaplins erinnert werden soll. Der da meinte, daß Film eine "Photographie von Theater" sein muß, will er Kunst bleiben.
Und das wünschen wir uns doch vom Theater, ja von jeder Kultstätte. Daß sie dem Kult und seinen Inhalten gewidmet ist. Sodaß ein Theaterabend - wie der Besuch der Heiligen Liturgien zu den Festtagen - der Darreichung, der sichtbarmachenden Extrudierung des Wirklichen dient. Um uns in diese Wirklichkeit hineinzuheben.
An der wir uns dann dem Geschehen folgend - weil diesem immanente Folge und Wirkung - durch eine wahrhaftige Seinsveränderung, durch eine Öffnung der Tore hin zur Transzendenz stärken können.
Anstatt uns zwangsläufig (weil so serviert) mit dem Medium, dem Handwerk, den technischen Hilfsmitteln auseinandersetzen zu müssen. Weil es sich so in den Vordergrund drängt. So, wie wir bei einem Achsenschaden am Eisenbahnwaggon keinen Moment mehr die schöne Landschaft und das herrliche Ambiente des romantischen Schlafwagencoupés genießen können, weil der Waggon pausenlos rumpelt und so stößt, daß wir im Sekundentakt an die Hutablage gerempelt werden.
Das ist es auch, was durch das "Regietheater" passiert ist. In dem uns die Theatermacher mit Konflikten und Fragen konfrontieren, die sie selbst nicht klären können, und deshalb dem Publikum zuschieben.
Aber diese Zerstörung der Gestalthaftigkeit, die Kultur im Grunde ausmacht, ist metierübergreifend. Man kann nur über den ontologischen Vorrang, also das Ursache und Wirkungsproblem streiten.
Denn das ist es auch, was mit der Liturgiereform" vor fünfzig Jahren passiert ist. Die uns Laien so wenig angeht ... wie das Theater. Aus beiden Stätten wurden wir vertrieben. Aus beiden Stätten sind wir geflohen, weil wir ständig Theater "machen" sollen. Anstatt ihm (und damit dem Kult) einfach beizuwohnen.
Wir sind aber auch geflohen, weil das Gute, dem wir begegnet sind - trotz allem! denn nur dadurch gibt es, was wir vor Augen haben - unerträglich wurde. Weil es kein Kostüm, keine Figur mehr findet, in der wir den Widersprüchen zur faktischen Gegenwart (zum "Personspielen" in der Zeit), die durch das Gute in uns ausgelöst wurden, begegnen können. Weil wir doch dem Gut gehören, und uns dafür auch entschieden haben.
Mit vereinfachenden Worten gesagt: Wir werden in die Lumpen der Mechaniker gekleidet aus dem Theater und aus den Kirchen geschickt, anstatt mit Licht umhüllt die Welt in Schönheit und Galagarderobe zu erhellen.
Nächsten Samstag Teil 3) Die Erlösung durch den Einen
Wieder einmal mit Shakespeare, diesmal "King Lear", als Aufzeichnung einer Aufführung des Wiener Burgtheaters, unter der Regie von Luc Bondy, mit Gerd Voss in der Titelrolle. Aber anders als die Zeitungskritiken ist die Meinung des VdZ zu dieser Inszenierung (die er vor Ort gesehen hat) keineswegs so positiv, und die schauspielerische Leistung von Gerd Voss in seinen Augen recht fragwürdig. Oder, um es mit den Worten einer dem VdZ bekannten Regisseurin zu sagen: "Der schreit doch nur!"
Ja, leider ist auch das Schauspiel heute oft recht verkommen und methodisch (bzw. eigentlich "methodistisch") verkümmert. Aber es wäre ein Fehler, dafür die Schauspieler verantwortlich zu machen. Sie versuchen vielmehr oft, mit viel Expressionismus eine der Inszenierung und schon gar WEIL DAMIT (das Ganze ist es, das das Einzelne vorgibt, als Licht, das aufleuchten läßt, was in den Elementen auf der Bühne "da" ist) ihrer Figur fehlende Logik der Entwicklung und Seelensituation zu ersetzen.
Das ist umso tragischer, als genau dieses Insgesamt - bis hinein ins kleinste Detail der Figuren und Charaktere - bei wahrscheinlich keinem Schriftsteller der abendländischen Kultur dermaßen wahrhaftig (und bühnengerecht entfaltet) ist wie bei Shakespeare.
Vieles an dem Schreien - auch von Gerd Voss, der doch, das steht außer Frage, ein großartiger Schauspieler "an sich" ist - ist somit eine verzweifelte Suche nach Halt in einem großen, gähnenden Nichts, in das die Darsteller gezwungen werden. Das kann dann zur Manie, zum Habitus werden, dem auch ein Voss verfallen ist. Und zwar weil er in langen Jahrzehnten der "Zusammenarbeit" mit Klaus Peymann, dem großen "Meister" des Regietheaters, an solch eine Art des Schauspiels gewöhnt, durch viel falsches Lob verlockt worden ist. Was bleibt dann einem Mann wie Voss noch übrig als sein Handwerk so gut es geht zu betonen?
Jaja, das Regietheater ... in dem sich ein Regisseur (oder die Bühnenintendanz, oder beide) selbst zu verwirklichen sucht, anstatt das Stück, die Intention des Autors umzusetzen, die sie bei Klassikern noch dazu oft schon gar nicht mehr verstehen, weil es ihnen an Geist fehlt.
Ob Peymann, der das Desaster seiner Inszenierungen bis heute nicht mitbekommen hat, weil er die Kritikerszene mit seiner Eloquenz genauso eingewickelt und geblendet hat wie die Zuschauer, sodaß er die institutionalisierte Kritik (sieht man von wenigen Ausnahmen ab, der VdZ denkt da an Karl Löbl) verbildet und kastriert hat, noch einmal begreifen wird, worin er gefehlt hat, darf man hoffen, aber als unwahrscheinlich bezweifeln. Zu sehr hat er sich in seiner eigenen Wirklichkeitsangst bereits eingewickelt, in der sich sein Narzißmus (die leibhaftigste Reaktion auf Wirklichkeitsangst aus mutter-gebundenen Kuschel-Embryonalismus) einen bombenfesten Kokon gesponnen hat.
So wie es ein anderer großer Name des Regietheaters, Peter Zadek, in seinem letzten Lebensjahr, in der Katharsis seiner Krebserkrankung, noch geglückt ist, wie er in seinen dreibändigen Memoiren bereuend analysiert. Wo er bekennt, wie sehr er alle - und sich - getäuscht hat. Indem er kaltblütig auf dem Pferde des nachkriegs-verschüchterten Deutschland "als Jude" zur Entfaltung seiner kindischen Frechheiten förmlich ermuntert wurde.
Während er sich zuvor in England, das in seiner ungebrochenen, verbindlichen (sic!) Bindung ans Publikum - der Voraussetzung für die Liebe, die auch für das Theater unabdingbar, wiewohl gerade nicht Ohrenbläserei ist - all die lächerlichen Theatermoden des Festlands verabscheut hat, nicht nur nicht durchsetzen konnte, sondern wegen seiner Unbildung und Inkompetenz regelrecht verjagt wurde.
Wenn der Leser Zeit und Lust hat, kann er diese Inszenierung mit einer anderen vergleichen, die Dieter Dorn 1992 in den Münchner Kammerspielen auf die Bühne brachte. Mit Rolf Boysen in der Hauptrolle. Vielleicht findet er dann die Anmerkungen des VdZ bestätigt. Oder ... er sucht gleich diese Fassung auf. Mit der Gewissensruhe, sich dem Stück von Shakespeare einfach zu überlasssen. Wie es einem Theaterabend eben angemessener wäre. Dessen Katharsis vom Stück selbst - und nicht aus der Haltung der Auseinandersetzung mit der Zeit, in der wir leben, und in deren oft genug diabolischen Geist inszeniert wurde - erwartet wird.
Nächsten Samstag Teil 2, als nächster Theaterabend: Machen wir nun Folgendes: Wir bleiben beim Stück, wechseln aber erneut die Inszenierung. Und steigen weiter in der Perfektion. Dann sehen wir, was wir daraus folgern können.