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Samstag, 16. Januar 2021

Ein Theaterabend mit Folgen (3)

Teil 3) Die Erlösung durch den Einen 
wird im Mahl allgemein

 

Nun, zum Ende des langen Theaterabends, wird das Vollkommenere, zu dem wir geworden sind, zur neuen Basis des weiteren Lebens. Zum Startpunkt zu einem nächsten, höher gereihten "gelungenen Tag." 

Im Mahl. Im "Essengehen" nach dem Theaterbesuch. Der wohl sichtbarsten Analogie zum Mahl, an dem Gott selbst Speise wird. Wo das zuvor ausgebrannte Reine als Seinszustand durch das Essen zum Dauerzustand verfleischlicht wird.

Ein Essengehen, das der Leser bewußt nur nach einem Theater absolvieren sollte, das ihm zuvor durch eine wahrhaftige Katharsis gehen ließ. Sodaß der, der sich an den Tisch sitzt, ein "Besserer" ist als er vor der Theateraufführung war. Nicht als Moralist. Sondern in seinem Sein. In seinem Zustand, in dem er seinen ontologischen Gegebenheiten vollkommen entspricht. Geläutert. Gereinigt. Befreit. 

"Agere sequitur esse." Das gute Handeln (dahingehend erst als solches bestehende: Als Seinsentsprechung! als Entsprechung der Idee Gottes, des Absoluten, im unendlichen Mosaik Gottes, der Vorsehung, nie statisch, aber immer wahr!) folgt dem "guten Sein." 

Deshalb darf (!) nur nach einem vollkommenen Reinigen eine Verewigung des Zustands in der Speise erfolgen. Nur der, der der Ordnung der Wahrheit entspricht, darf somit am Mahl der Vollkommenheit teilnehmen.

So möge der Leser selbst entscheiden, nach welcher der Aufführungen zum "King Lear" er guten Gewissens essen gehen sollte. Und nach welchen das Essengehen lediglich Teil eines romantischen, ideologischen, lediglich der Gewohnheit entspringenden Rituals ist. Das ihn aber nicht in den Himmel, sondern in die Selbstvernichtung verdauen wird. 


*301220*

Samstag, 9. Januar 2021

Ein Theaterabend mit Folgen (2)

 Teil 2, als nächster Theaterabend: Machen wir nun Folgendes: Wir bleiben beim Stück, wechseln aber erneut die Inszenierung. Und steigen weiter in der Perfektion. Dann sehen wir, was wir daraus folgern können.


Oder er macht gleich Folgendes, und das sei ihm sogar dringend empfohlen, selbst wenn er fürchtet, daß sein Englisch nicht reicht: Es wird reichen, vertraue der Leser. Denn er wird etwas Seltsames feststellen. Er wird hautnah erfahren, was der VdZ seit dreizehn Jahren in einem Land erfährt, dessen Sprache zu lernen er strikt verweigert hat. Um genau das zu sehen: Daß Sprache weit weit mehr ist als rationaler Inhalt. Alleine die Gestalten werden ihm erzählen, worum es geht. Sie sind nämlich Träger des Geistes.

Also stürze man sich frohen Mutes in die englische Version von "King Lear". Die sogar der Inszenierungskunst eines Laurence Olivier entstammt. 
Der auch selbst den König spielt, der das Zerbrechen aller Lebensillusionen und Selbsttäuschungen und Eitelkeiten erfährt. Sodaß sich das Leben als das herausstellt, das der VdZ in seinem Roman "Helena" mit dem Konzept des Lebens selbst untertitelte: "Das Gute ist was bleibt" Spätestens an dieser großartigen Fassung, die aber schon ein Film ist, wird er verstehen, was der VdZ meint. 

Wobei der Leser wieder einmal an eine Aussage Charly Chaplins erinnert werden soll. Der da meinte, daß Film eine "Photographie von Theater" sein muß, will er Kunst bleiben.
Und das wünschen wir uns doch vom Theater, ja von jeder Kultstätte. Daß sie dem Kult und seinen Inhalten gewidmet ist. Sodaß ein Theaterabend - wie der Besuch der Heiligen Liturgien zu den Festtagen - der Darreichung, der sichtbarmachenden Extrudierung des Wirklichen dient. Um uns in diese Wirklichkeit hineinzuheben. 
An der wir uns dann dem Geschehen folgend - weil diesem immanente Folge und Wirkung - durch eine wahrhaftige Seinsveränderung, durch eine Öffnung der Tore hin zur Transzendenz stärken können. 
Anstatt uns zwangsläufig (weil so serviert) mit dem Medium, dem Handwerk, den technischen Hilfsmitteln auseinandersetzen zu müssen. Weil es sich so in den Vordergrund drängt. So, wie wir bei einem Achsenschaden am Eisenbahnwaggon keinen Moment mehr die schöne Landschaft und das herrliche Ambiente des romantischen Schlafwagencoupés genießen können, weil der Waggon pausenlos rumpelt und so stößt, daß wir im Sekundentakt an die Hutablage gerempelt werden.  
Das ist es auch, was durch das "Regietheater" passiert ist. In dem uns die Theatermacher mit Konflikten und Fragen konfrontieren, die sie selbst nicht klären können, und deshalb dem Publikum zuschieben. 
Aber diese Zerstörung der Gestalthaftigkeit, die Kultur im Grunde ausmacht, ist metierübergreifend. Man kann nur über den ontologischen Vorrang, also das Ursache und Wirkungsproblem streiten. 
Denn das ist es auch, was mit der Liturgiereform" vor fünfzig Jahren passiert ist. Die uns Laien so wenig angeht ... wie das Theater. Aus beiden Stätten wurden wir vertrieben. Aus beiden Stätten sind wir geflohen, weil wir ständig Theater "machen" sollen. Anstatt ihm (und damit dem Kult) einfach beizuwohnen.
Wir sind aber auch geflohen, weil das Gute, dem wir begegnet sind - trotz allem! denn nur dadurch gibt es, was wir vor Augen haben - unerträglich wurde. Weil es kein Kostüm, keine Figur mehr findet, in der wir den Widersprüchen zur faktischen Gegenwart (zum "Personspielen" in der Zeit), die durch das Gute in uns ausgelöst wurden, begegnen können. Weil wir doch dem Gut gehören, und uns dafür auch entschieden haben. 
Mit vereinfachenden Worten gesagt: Wir werden in die Lumpen der Mechaniker gekleidet aus dem Theater und aus den Kirchen geschickt, anstatt mit Licht umhüllt die Welt in Schönheit und Galagarderobe zu erhellen.


Nächsten Samstag Teil 3) Die Erlösung durch den Einen 
wird im Mahl allgemein

*291220*

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Volkstheater, nicht Proletenstadel

Eine der Perversitäten, an die wir uns längst gewöhnt zu haben scheinen, ist die Reklamation der Linken, daß das Theater im Ursprünglichsten "Ihnen" gehöre - also eine Veranstaltung der Proletarier wäre. Nichts aber wäre (und das ist penibel historisch belegbar) weiter verfehlt!

Das Theater als lebendige Volksäußerung ist zuallererst eine Sache der religiösen Äußerung, als Fokus und Herz der innersten Bewegung des Menschseins. Und von dort weg hat es sich auch - in der Ausbildung stets vorhandener Zweige, wie dem "Komiker" als Diabolos des Sakralen - profaniert, so problematisch diese Trennung in hier profan, dort sakral, ist.

Noch heute hat jede kirchenrechtliche Verhandlung mehr vom echten Theater als die Linken je zu Gesicht bekamen, geschweige denn schufen.  Wo es sogar den Kasperl, den Mephistopheles, den Hanswurst (und wie er sich sonstwed ausarbeitete) noch gibt: den advocatus diabolo - den die Linken ganz schnell in ihren KZs verschwinden haben lassen. Das unbändigbare Instrument der Selbsthinterfragung, ohne Tabu und Grenze.

Das "politische" Theater ist eine impotente Angelegenheit verkopfter Aufklärung, und da darf man schon mal Schiller am nicht vorhandenen Bart zupfen: denn ab der Spätaufklärung und Romantik begann dieser Zirkus, das Theater als Bildungs- und Volksverbildungsanstalt zu mißbrauchen. Nicht zufällig kam es zu einem regelrechten Einbruch der Dichtkunst, vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, von welchem Tiefschlag sie sich erst mühsam nach dem ersten Weltkrieg wieder aufrappelte, ob erholt ist eine andere Frage. Aber spätestens in dieser Zeit begann endgültig die völlige Solitärisierung der Dichtkunst, die ihre Höhe nur noch in einigen Ausnahmen halbwegs hielt, gegenüber einer zum Strom anschwellenden, immer breiteren Masse an Nieten und Bedarfsschriftstellern, einer der vielen abscheulichen Mißgeburten des Technizismus ...

Am lebendigsten blieb die Dichtung als lebendige Volkskunst dort, wo sie auch zuletzt lebendig war: im geistlichen Spiel (Jesuiten- und Klostertheater des Barock!), in den Passionsspielen, in den Pfarrtheatergruppen (ja, tatsächlich ...) Und in den ach so harmlos wirkenden, aber wie populären Hausbüchlein und Volkskalendern, inmitten eines Umfelds von Frömmigkeit und heiterer Beschaulichkeit. Dort findet sich noch, mit welch bescheidenem aber wie echtem Anspruch, die blutwarme Erzählkunst tradiert.

Und die Proletarierkunst? Ja guter Gott - schaue man sich doch Hauptmann an! Will jemand allen Ernstes behaupten, daß DAS, diese konstruierte Belehrungsveranstaltung, blutwarme Volkskunst war? Oder das Thesentheater, bis hin zu Brecht und weiter zu Sein, Peymann und Konsorten? DAS soll Volkskunst gewesen sein??? Bestenfalls, wie es sich hirnverödete Linke vorgeträumt haben, die nicht gemerkt haben, daß neben ihnen im Publikum nur dieselben strukturkonservativen, verbeamteten Pseudointellektuellen saßen wie sie selber waren. Und die - welch ein Frevel! - Volkstümlichkeit mit ihrer eigenen geilen Primitivität vertauschten.

Da schaue man doch lieber hin, wo die Pauren und Arbeiter ihre befreienden Vergnügungen fanden, ab den 1920er Jahren ... Kein Geringerer als Rudolf Borchardt, von klassischer Bildung und Tradition gesättigt bis unter den letzten Haarschopf, weist darauf hin, was dort geschah: sie wanderten ab in ... Kino und Varieté. Wo man sie aber leider untergehen läßt.

Und die letzten Zuckungen des Volkstheaters, manche Komiker, manche Kabarettisten, die von den Linken mit gerümpfter Nase und verächtlichem Ausspucken bedacht werden, solange sie nicht auch da und dort linke Thesen hervorwürgen, werden nicht in Österreich gesichtet ... wo sich noch seichteste, langweilig-konformistische Komödie dem sogenannten Theater überlegen fühlen darf. Jeder Musikantenstadel hat mehr von diesem ursprünglichen, echten Volkstheater, als das Volksstimmfest um drei Uhr früh je hatte. Und jede Hansi Hinterseer-Bergwanderung mehr von Poesie, als die Herren Peymann und Stein je zu Gesicht (nicht: zu Gehirnmatsch) bekamen. Die jedem Sepp Forcher dieser Zeit die Füße küssen müßten.

Anstatt in linken Gazetten ekelige Wichs-Ejakulate vorgeblicher Altersweisheit - "Na wir waren ja noch ...!" - nie fertig pubertierender Beamter von sich zu spotten. Jawohl, Herr Peymann, das Theater ist selber schuld, aus der Mitte in den Randbereich geschoben worden zu sein. Und Sie sind gleich voran mit Schuld. Denn VOR Ihnen gab es noch etwas zu zerstören und zu zertrümmern, NACH Ihnen (und all ihren Kollegen der Nachkriegszeit, auch Zadek muß man da nennen, auch wenn sein Weg nicht so dezidiert, sondern unbewußt, deshalb quasi zufällig und immanent politisch war) nicht mehr.

Und um Ihre Ausführungen zu einem hoffnungsvollen Ende zu bringen: wunschgemäß stelle ich Ihr Bild in der Graphikmaske auf "rechts" (einzuordnen) - vielleicht nützt es noch was, ehe Gevatter Hein an der Tür klopft.




*161209*

Samstag, 8. August 2009

Nur Zadeks Dämonen?

Nach dem Lesen der beiden Bände der Autobiographie von Peter Zadek bin ich mir nicht mehr sicher, ob man die Sache noch radikaler formulieren müßte:

Daß nämlich die zeitgenössische Theater-, Schauspiel-, Regie- und Literaturkunst plumpeste Konventionalität darstellt, in der im Grunde lächerliche Gestalten die Maßstäbe ausgetauscht, ja sich deren "Hervorbringung" vorgaukeln, weil sie sich die Ressentiments- und Manipulationshebel angeeignet haben, anstatt dem Wesen der Konventionalität auf den Grund zu gehen: wirklich Freiheit zu suchen.

Daß Freiheit nicht mehr Dreh- und Angelpunkt ist, sondern das Wort lediglich als Blendwerk mißbraucht wird, um dem Gegenüber die Waffen aus der Hand zu schlagen, der die Unfreiheit erkennen könnte - weshalb Sophistereien maßgeblichstes Handwerk werden.

Was zu grotesk unwesentlichen, häufig regelrecht unintelligenten Fragestellungen als vorgebliche gesellschaftspolitische Problemzonen führt. Oder zu Fragestellungen (Stichwort: "spannend") führt, die mit ganz einfach die Position des theaters ignorieren, nur noch vorgeben, sie zu diskutieren, sondern einfach unselektiert alles zulassen.

Tausend Seiten Zadek, und nächstes Jahr sollen es mehr werden (ein dritter Band soll posthum erscheinen) - interessant als Dokument darüber, was im Theater nach dem Kriege passiert ist; sehr interessant sogar. Aber wie entlarvend auch! Ein rein subjektiver Kosmos ... als: Regisseur?

Was produziert ein Regisseur?

Gewiß, Kunst kann nur in höchster, gar skrupelloser Subjektivität ausgeübt werden. Pars pro toto!

Hat Zadek, der Provokateur, das Volk, dem das Theater als neuralgische Spitze der Geister der Zeit gegenübersteht, aber freier gemacht, es von seinen Banden der Konvention gelöst, um den Blick auf die Wirklichkeit zuzulassen? Oder war nicht alles, was er gemacht hat, nur Vorarbeit für ein Werk, zu dem es dann nie mehr gekommen ist, weil er sich nur von seinen eigenen Dämonen - öffentlich - befreit hat, wir also nur Zeugen seiner subjektiven Befreiungsversuche geworden sind?


*080809*