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Freitag, 10. Dezember 2021

Gedankensplitter (1377c)

Gedankensplitter zum selben Anlaß. Aber weil noch mehr zu tun war. - Es geht bei der Existenz des Künstlers nicht darum, sich irgendwie "selbst zu verwirklichen", wie es so oft als Rezept zur Glücksmaximierung daher gelogen wird. Womit man in aller Regel meint, daß am Gängelband von Spaß und Freude ein Weg der (angeblich dann empfindbaren, oder zuerst als Maßstab für die Richtigkeit des Handelns empfindbaren) Lust gegangen werden solle. Im Gespräch mit A, einer Malerin, die gerade von einer Ausstellung in Budapest zurückkam, haben wir es auf einen seltsamen Punkt gebracht (der der Malerin nicht in Sprache zu formen war, wie denn auch: Sie lebt nur in Bildern).

***

Und wir betrachten hier nicht die Tatsache, daß jeder Mensch sein Leben zu diesem Punkt entwickeln sollte, das wäre sein Auftrag: Sein Handeln zur Kunst zu machen. Sondern wir gehen von unserer Existenz aus, die man regelrecht als "behindert", "verkrüppelt" bezeichnen muß. Weil sie keinen Nutzen hat! Jeder Bäcker, jeder Glaser, jeder Kaufmann ist uns da beneidenswert überlegen. Denn wir ertragen ein Leben nicht, wie er es führt! Auch wenn wir es eine Zeit lang spielen können (sie arbeitet nebenher noch als Kellnerin im Halbtagsjob, das gibt ihr die meiste Freiheit, meinte sie). Aber nach einem halben Jahr, so haben wir beide festgestellt, "geht es nicht mehr." 

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Gedankensplitter (1377b)

Gedankensplitter zum selben Anlaß. Der Orgasmus ist das große Schöpfungsgebet des Mannes. Und überhaupt einiges zu Tugend und Menschenbild. - Zurück zur Malerin und unserem Gespräch. Zurück zu der in diesem Moment so überwältigenden weil identitätsbestimmenden Erkenntnis, daß bei ihr genauso wie bei mir die seltsame Tatsache ausschlaggebend für unser Tun ist, daß wir - wir beide, die wir beide der Ansicht sind, daß das, was wir machen, sie ihre Bilder, ich meine Texte, einfach lächerlich und völlig ungenügend, ja einfach absurd unbedeutend für die Welt ist, sodaß wir beide nicht der Ansicht sind, daß es auch nur irgendeinen Wert  hätte, weder für sich gesehen, noch im Sinne von Marktwert oder -preis oder Nutzen - daß wir beide aber jeden Tag neu von der somit unerklärlichen, immer wieder und wieder wie aus dem Nichts auftauchenden Tatsache bewegt werden, daß wir das, was wir machen, meinen unbedingt noch gemacht haben zu müssen, ehe wir sterben.

Wir haben beide etwas zu sagen, das ist der Punkt. Noch einmal: Nicht, weil wir meinen, es hätte Wert für die Welt! Das können wir nur insofern glauben, als wir Gott um keinen Preis der Welt KLEIN machen wollen, sodaß das, was ein Mensch tut NIEMALS klein sein KANN, weil GOTT es für wichtig genug hielt, es über und in uns zu schaffen. Warum wissen wir nicht, er wird es schon wissen (Vorsehung). 

Und das ist es, was uns leben läßt: Daß wir Tag für Tag feststellen, daß das, was wir gemacht haben an diesem Tag, jedesmal meinten noch unbedingt gesagt haben zu sollen. Mehr noch, daß wir das Gefühl haben, es schon lange, es schon immer gesagt haben zu sollen.  

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Gedankensplitter (1377a)

Das ist der Fehler, das wird auf den Kopf gestellt: Nein, aus der Perspektive des Sinns der Existenz des Menschen* betrachtet, ist nicht ZUERST die Gesundheit (Corona) oder die Welt (Klima) zu retten. Diese sind im Grunde gleichgültig und sowieso nicht auf der Ebene seines Handelns. Oder meint der Leser, er könne "das Klima" oder "die Volksgesundheit" direkt adressieren? Na, dann schreibe er mal einen Brief dahin, oder rufe an. Tatsache ist, daß der Ausgang der Vorgänge in komplexen Systemen - und man kann es nicht oft genug wiederholen, so schwer scheint es nämlich verstehbar zu sein - für uns Menschen NICHT STEUERBAR ist. 
 
Und alles, was "Volks-" oder "Welt-" (etc.; schon mit "Familien-" wird es nicht einfach nur schwer, sondern leichter nachvollziehbar, was gemeint ist: Selbst Familien-... ist nicht direkt adressierbar, sodern hoffentlich erzielte Frucht aus vielem anderen; selbst die Familie ist nämlich schon ein komplexes System, vorausgesetzt es sind nicht Totschläger wie "Verhütung" oder "Mülltrennung" oder "Impfpflicht" oder "Veganismus" oder ... etabliert) betrifft, von -wirtschaft bis zu -gesundheit, sind lediglich zu erhoffende Realitäten. 

Sonntag, 13. September 2020

Nichts ist objektiver als Geschmack

Es kennzeichnet unsere Epoche, daß diese eigentümliche Mischung aus Herablassung gegenüber den Manieren und verstohlener Neugier, wie sie die Jahre nach der Französischen Revolution hervorbrachte, die öffentliche Atmosphäre wieder bestimmt. 

Die politischen Rupturen waren in Deutschland so stark, daß man sich als Deutscher offenbar nicht vorstellen konnte, es gebe Regionen in Europa, die von diesen Brüchen und Erschütterungen verschont geblieben sein könnten. Seitdem die Deutschen sich in wachsendem Maße vertraut in Europa bewegen, haben sie, zum Teil mit nicht geringem Erstaunen, feststellen dürfen, daß die Welt der Manieren, die in Deutschland so gründlich untergegangen zu sein schien, in den Nachbarländern keineswegs obsolet geworden ist. 

Sind diese Länder rückständiger als Deutschland? Mancher ist sich da sicher, daß die verschiedenen Umstürze in Deutschland neben großem Schaden auch großen Fortschritt gegenüber den anderen europäischen Ländern gebracht haben. 
Wer nun für die Einführung der Gleichheit in Deutschland ursächlich verantwortlich zu machen ist (Napoleon, die Weimarer Verfassung, Hitler, die Kommunisten, die amerikanische re-education stehen zur Auswahl): man kann sagen, daß er oder sie Erfolg mit ihrem Programm gehabt haben.
So gilt es zunächst festzustellen: 
Eine Instanz, die in Deutschland den berechtigten Anspruch erheben dürfte, eine Aussage über die Manieren zu machen, gibt es nicht mehr. Manieren haben autoritären Charakter. Sie entziehen sich der Diskussion.
"Über Geschmack läßt sich nicht streiten" gehört zu den vielen Zitaten aus der Antike, denen aus Unkenntnis ihres Zusammenhanges ein falscher Sinn unterlegt worden ist. 
Man kann über Geschmack nicht etwa nicht streiten, weil er Privatsache ist und im Belieben des Individuums liegt, sondern weil es nur einen einzigen guten Geschmack gibt, der aber ist Axiom. Wer ihn in Frage stellt, zeigt nur, daß er diesen axiomatischen Charakter nicht verstanden hat und sich auf der Ebene der Rationalität mit dem Geschmack beschäftigt, anstatt auf der einzig angemessenen, der des halb vegetativen, selbstverständlichen Vollzugs.
Die großen Lehrer der Manieren haben sich deshalb zu allen Zeiten niemals als Gesetzgeber verstanden, sondern als Deuter und Interpreten eines bereits vorliegenden, nach ihrer Vorstellung immer schon vorhanden gewesenen Korpus von Regeln, das mit anderen Grundsätzen aus der Kunst, der Philosophie und der Religion in Harmonie stand und noch in der kleinsten Geste mit dem Gesetz des ganzen Kosmos verbunden war. 
Die dem eigenen Stande angemessenen Manieren wiesen dem einzelnen seinen Platz in diesem Kosmos zu und machten ihn dadurch überhaupt erst zum Menschen. Erzogen werden, Manieren annehmen, das waren Menschwerdungsakte. 
An erster Stelle vermittelte die Familie die Manieren. In der Familie fand das Kind die ganze Welt beispielhaft abgebildet: Gottes Barmherzigkeit in der Mutter, Gottes Gerechtigkeit im Vater verkörpert, Vater und Mutter als König und Königin, Mann und Frau in beispielhafter Weise. Die Eltern waren durch ihren Stand geformt, eine kollektive Formung, die schon deswegen nicht bezweifelt werden konnte, weil niemand daran dachte, seinen Stand zu verlassen. 

Asserate Asfa-Wossen in "Manieren"



*010920*

Montag, 30. Dezember 2019

Wer nur glättet, rührt Explosivstoff an

Es gehört zur Aufmerksamkeitspflicht skeptisch zu werden, wenn irgendeine Entscheidung von Liberalen* hochgejubelt wird. So wie mit der Verleihung des Friedens-Nobelpreises 2019 an den äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed Ali. Und wenn der VdZ auch über die Situation in diesem ostafrikanischen Land nicht wirklich informiert ist, so lassen die Nachrichten darüber, die von angeblichen bedeutenden Fortschritten dort berichten, gehörige Bedenken aufsteigen. Hört man auf diese, wird außerdem klar, warum gerade Liberale so begeistert über die jüngere Geschichte dieses alten Landes sind, das von manchen gar als eine der Wiegen der Menschheit bezeichnet wird.

Denn was man hört, klingt verdächtig nach exakt dem liberalen Konzept der Weltverdunstung. Alle Konflikte aufzulösen, wie dem noch ziemlich jungen Ahmed Ali (hier hat auch das Alter seine Bedeutung) zugeschrieben wird, kann nämlich auch dadurch gelingen, daß man nicht die Konflikte löst, sondern die Kontrahenten "auflöst", indem man ihr Selbstsein auflöst. Ganz so, wie es die heutige "Psychotherapie" also tut. Eine Wirtschaft in die Prosperität zu bringen (wofür als Beleg die aktuellen Wirtschaftsdaten herangezogen werden, also Statistiken) kann auch etwas ganz anderes heißen, als das Aufstehen eines (einen Staat konstituierenden) Volkes zu Weltwirklichung und Lebensfülle. Es kann auch heißen, daß es dem liberalistischen, globalisierten Weltwirtschaftssystem rückhaltlos geöffnet wird. Es kann heißen, daß Lebenstiefe aufgegeben und durch Konsummentalität ersetzt wird.

Daß der VdZ mit seiner Einschätzung nicht ganz in der Luft hängt, zeigen Nachrichten, die belegen, daß es in breiten Teilen der äthiopischen Völker großen Widerstand gegen Abiy gibt. Erst 2018 mußte er einem Putsch durch Militärs zuvorkommen, und große Teile der Armeeführung auswechseln. Ist also da wirklich "Friede im Land"?

Es spricht auch das somit für die Befürchtung, daß Ahmed Ali sein Land lediglich auf den (von London nach Afrika transferierten) liberalistischen Kurs gebracht hat, der auch die europäische Kultur bereits so zersetzt hat, daß man von Kultur in Europa kaum noch sprechen kann (es sind nur noch die musealisierten Ruinenlandschaften, die diese Illusion aufrechthalten). Dafür spricht auch ein weiterer Beleg für die angeblich so wunderbaren Änderungen in Äthiopien, zu denen nicht nur die Ausweitung des "Zugangs zu Bildung" durch exorbitante Ausweitung universitärer Einrichtungen gehört, sondern auch die Nachrichten über die "Gleichstellung der Frau", die so sehr auf der Agenda dieses Absolventen einer Londoner Universität steht, daß er sogar die Hälfte seiner Regierungsmannschaft mit Frauen besetzt hat. Ein Mann, dessen gesamte Herkunft, dessen gesamter Werdegang somit im Zeichen von revolutionären Bewegungen und Gedanken steht, ja dessen Name selbst - Abiy - "Revolution" heißt. 

Ein Mann, dessen religiöse Positionierung von Asfa-Wossen Asserate (der einer Adeligenfamlie entstammt, die den engsten Kreisen um Kaiser Haile-Selassie angehört hatte, dem dennoch der VdZ bei aller Sympathie für dessen Liebe zur Form, nicht unbedingt klaren Blick in Hinsicht auf eine realistische Einschätzung der politischen Gegenwart beimißt) als "am ehesten pfingstlerisch-freikirchlich" bezeichnet, denn welcher Religion er genau angehört, wenn überhaupt, ist nicht klar festzustellen. Was nicht gerade für ihn spricht.

Es spricht also sehr viel dafür, daß wir es bei dem frischgebackenen Friedensnobelpreisträger mit einem nächsten Liberalisten und (rationalistischen) Relativisten zu tun haben, der die Welt glättet, indem er ihre Eigenart und Identität nimmt oder zumindest entwurzelt, und damit zwar kurzfristig Erfolg hat. Aber mittel- und langfristig das schönste Explosionsgemisch anrührt, das dann seine Nachfolger (die dann eigenartigerweise sein "Format" nicht mehr haben werden) und natürlich die Völker Äthiopiens durch Gewalt und Terror ausbaden werden müssen.

Und es steht noch mehr zu befürchten, daß er durch diese Nobelpreisverleihung zum Vorbild gestärkt ein übles Vorzeichen für ganz Afrika an die Wand malt. Dem eine große Zukunft dann vor Augen gestellt wird, wenn es den gleichen Weg der liberalistischen Selbstauslöschung und Anpassung an die rationalistischen, relativistischen Konzepte der Aufklärung geht. Der Konflikte nicht löst, sondern Identitäten auflöst und damit kurzfristig auslöscht. Bis die gottgegebene und -gewollte Lebenskraft der Menschen sich wieder meldet. Wo der Zweck alle Mittel heiligt.

Das ist aber kein Konzept. Das ist lediglich ein Trick aus der Zauberkiste, der für jede Kultur toxisch wirkt, weil er den Menschen durch Wohlstandsversprechung und Scheinpazifizierung zur Seinsschwäche verführt. Und Seinsstärke ist ja nicht gerade das, was Afrika im Übermaß hat. 

Wenn diese Bedenken also zurecht bestehen, ist Abiy Ahmed Ali kein Friedensbringer, sondern ein Agent eines Neokolonialismus, den der Liberalismus seit zweihundert Jahren verbreitet, um dem brutalen Gesetz des Stärkeren jede substantielle Gegenwehr aus dem Weg zu räumen. Und deshalb alle Identitäten, die in ihrem ontologischen Grund noch mehr verschüttet werden, verwischt, um die Oberfläche sauber zu halten. Aber den tiefen Grund ins Irrationale verweist, wo er seine Kräfte sammelt, bis es zum Ausbruch des Vulkans kommt.



*Und der verlinkte Andreas Unterberger ist ein relativistischer Liberaler. Der sich wie so viele Liberale zwar gerne als "konservativ", ja "rechts" ausgibt, aber das nur aus Bequemlichkeit und Denkschwäche tut. Und zum Beleg anführt, daß er "gegen" so viele Mißstände auftritt. Wir haben es schon oft gesagt: Liberale haben die Gesichter von Chamäleons. Sie jammern immer dann und darüber (und deshalb in regelmäßigen Abständen von ein paar Jahrzehnten, wo die Liberalen ihre Positionen neu konstituieren, weshalb liberale Konzepte alle zwanzig Jahre völlig wechseln), und dann treten sie als "konservativ" und "voll Menschenverstand" auf, wenn ihnen die Umstände, die sie selbst zu verantworten haben, auf die Zehen fallen.





Sonntag, 18. August 2013

Verlorene Ehre

Anmut und Demut, schreibt Prinz Asfa-Wossen Asserate in "Manieren", sind die beiden Grundkomponenten der europäischen Manieren. Sie sollten mit Beiläufigkeit, ohne Ostentation, ohen alles Aufplustern und Zelebrieren daherkommen. So wie zu jenen Zeiten des Mittelalters, als Demut noch kraftvolle Tugend war, die mit großer innerer Unabhängigkeit einherging, und nicht diese saft- und kraftlose Kriecherei, als die sie heute meist schon mißverstanden wird. 

Ausgefaltet in einer Aufmerksamkeit, die alleine schon mit Höflichkeit übersetzt werden kann. Als Grundhaltung des Menschen der Welt gegenüber, die sich jeden Moment gewahr wird, die Lage, in der er sich befindet, zu erkennen. Und so nicht sich selbst, sondern die umgebenden Phänomene betrachtet, sich selbst ausschließlich im Spiegel des anderen sieht.

Aber Manieren sind nur dem Ehrbewußten möglich. Der sich nicht "mit allen Fehlern und Schwächen annimmt", wie es heute heuchlerisch (weil in Wahrheit: die Nachlässigkeit in eine Tugend umfälschend) heißt. Sondern der sich dessen bewußt ist, daß ihm ein Schatten eines besseren Ich vorausgeht, dem er immer nachwachsen muß. Als Genius, gewissermaßen: man selbst noch einmal in Überlebensgröße, durchaus im Sinne des heidnischen Geburtsgottes, der jedem Menschen gegeben war oder ist.

Die Freiheit, die zu Zeiten, in denen die Ehre hoch stand, wie zu Zeiten des äthiopischen Kaisertums den einzelnen Menschen eigen war, und zwar dem einfachsten Bauern genauso wie dem König selbst, ist uns gar nicht mehr vorstellbar. Er war souveräne Instanz in allen Fragen seiner Person und seiner Familie.

Der Prinz aus dem äthiopischen Königsgeschlecht, das sich auf die Königin von Saba zurückführt, auf jeden Fall aber eines der ältesten Herrschergeschlechter der Erde ist, beklagt, daß sich die Frage der Ehre für den Europäer offenbar erledigt hat. Denn so muß, wer gekränkt und verletzt wird, seinen Ärger hinunterschlucken. Ja, Asfa-Wossen Asserate geht so weit zu sagen, daß die Unmöglichkeit, eine verletzte Ehre zu rächen, die Unmöglichkeit bedeutet, dem anderen zu verzeihen.

Vermutlich trennt uns das am meisten von unserer eigenen Vergangenheit - der Verlust des Begriffs von Ehre.




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