Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Bangladesh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bangladesh werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 9. Mai 2011

Was ein Friedensnobelpreis wert ist

Weltfrieden hat jedes Nummerngirl einer Miss-World-Ausscheidung im Mund, und es sind Zurufe nicht sehr anderer Art, die das Nobelpreiskommitee offenbar bewegen können, Menschen mit der weltweit renommierteste Auszeichnung zu versehen, die zu vergeben ist, dem Friedensnobelpreis.

Und zwei seiner jüngsten Träger hat es jüngst kalt erwischt. Der eine, Barack Obama, erhielt ihn als Vorschußlorbeeren, und gerade die Betulichkeits-Demokraten-Habteuchlieb-Menschlichkeit wurde von ihm erst dieser Tage ziemlich strapaziert. Da sitzt der Kerl da, und beobachtet, wie seine Jungs von der Marine den unbewaffneten Osama bin Laden eiskalt abknallen. Vor den Augen seiner Töchter, wie es in der "Zeit" heißt. Das verschärft die Lage. Aber davon wollen wir hier nicht weiter berichten, da produzieren andere genug Wortsalat.

Muhammad Yunus, 71
Die FAZ berichtet nämlich von einem anderen Friedensnobelpreisträger, dem von 2006, dem Bangladeshi Muhammad Yunus. Und er wurde gekürt, weil er eine scheint's geniale Idee hatte - er setzte Mikrokredite in die Welt. Damit sollten Millionen und Abermillionen Arme in die Lage versetzt werden, sich eine Kuh, eine Nähmaschine, einen Leiterwagen anzuschaffen, um ihr eigenes Kleingeschäft zu gründen. Und sich so, am eigenen Schopf, aus dem Sumpf zu ziehen.

Eine Idee, die so erfolgreich vermarktet wurde - und wir schränken die Replik darauf gleich ein, bringen sie auf Kurs, denn immer häufiger, so der Eindruck, sind es nicht mehr die Idee, sondern deren Vermarktung, die die Wertgefüge bestimmen - daß es mittlerweile 70.000 derartige Institutionen gibt, weltweit. Kaum noch ein Entwicklungshilfeprojekt, das nicht Elemente der Kleinkredite enthält. Und es sind vor allem Frauenprojekte, so schreibt es die FAZ, die gefördert werden. Mit deren Hilfe sich Frauen weltweit aus ihren Abhängigkeiten (von den Männern und "deren" Strukturen) befreien können. Ja, diese Mikrokredite haben die als im Grunde wirkungslos gebliebene reine Entwicklungshilfe - eine aberwitzige Geschichte, übrigens, über die noch zu berichten sein wird - fast abgelöst.

Aber die Sache hat einen gravierenden Haken, und sie entpuppt sich in jeder Hinsicht als eine der Fragwürdigkeiten die regelmäßig entstehen, wenn Menschen das Ganze verlassen, um einen Teil zurechtzubiegen. Etwas aufzubauen ist etwas anderes, als etwas niederzureißen, oder zu kritisieren. Das menschliche Tun und Handeln entpuppt sich deshalb zunehmend und wenig ermutigend in einer Charakteristik, wo ein Ding "repariert" wird, während fünf andere zuschanden werden dabei. Weil die Mitte der Welt, und nur aus ihr läßt sich aufbauen, ein ander Ding ist, als hochgefühlte Humanitätswürste. 

Und Eitelkeiten, gepaart mit Machtgelüsten. Denn wenn Yunus geschickt den mittlerweile laut gewordenen Konflikt mit der Regierung seines Landes nun als Kampagne gegen ihn und als Anschlag auf die Humanität verkauft - so dürfte es sich nicht ganz so verhalten. Yunus scheint sich nämlich nicht nur über die Gesetze zu stellen, die in Angelegenheiten seiner Bank nicht für ihn gelten sollen. Sondern die Idee selbst geriet und gerät ins Zwielicht.

Apropos - "seine " Bank. Der mittlerweile 71jährige Yunus war mitnichten Bankier. Er war staatlicher Angestellter, und "seine" Bank ist eine staatliche Einrichtung von Bangladesh.

Es mehren sich aber die Berichte, daß nur rund 3 Prozent der Mikrokredite ihren ursprünglichen Sinn erfüllen. Der Rest des Geldes wird schlichtweg konsumiert. Und auch die "guten" Erbsen im Töpfchen sind fragwürdig. Denn natürlich hat auch Yunus' Institut Grameen enorme Zinsen verlangt, das Risiko ist ja hoch, und die Inflation (auch durch gestiegene Kaufkraft der Massen, übrigens) gleichfalls. Kleinstunternehmer aber, die ihre Anfangsinvestitionen mit 20 oder 25 Prozent Zinsenbelastung abarbeiten müssen, geraten rasch an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Und so ist aus der "guten" Idee, alle Welt selbständig zu machen, mit Geld, eine fatale Sackgasse geworden, die Millionen (!) Menschen in den Ruin getrieben hat und treibt, mit nichts als Schulden. Was, wie man andernorts bereits gehört hat, besonders in Indien fatale spezielle Folgen nach sich zieht - in einer hohen Sebstmordrate. Aber das ist gewiß nicht das eigentliche Folgeproblem.

„Bisher existiert kein überzeugender empirischer Beleg, dass Mikrofinanz dazu beigetragen hat, die Armut zu vertreiben oder Wachstum zu stimulieren“, sagt der Ökonom Arvind Panagariya von der Columbia University in New York. Während die Websites aller Mikrofinanz-Institute voll sind mit Bildergeschichten von Frauengruppen, die kleine Geschäfte auf die Beine stellen, zeigen Daten des gut erforschten indischen Bezirks Andra Pradesh, dass weniger als drei Prozent der Kredite für den Aufbau eines Geschäftes genutzt werden. Der Ökonom Panagariya findet das naheliegend. Die Geschäftsideen der armen Frauen müssen Renditen von 25 Prozent abwerfen, um die hohen Kreditzinsen zurückzahlen zu können, die selbst anständige Mikrofinanzierungs-Institute wie Grameen fordern (20 Prozent und mehr).

Die Armut also konnte er nicht bekämpfen. Also hat (aus übrigens nachvollziehbaren,aber nichts weniger irrigen Gründen!) Yunus sein Geschäftsfeld erweitert, und betreibst längst Mobiltelephon-Unternehmen, Software und IT-Unternehmen, Unternehmen für erneuerbare Energien (überhaupt DER Ausweis mittlerweile für menschliche Klugheit und hohe Moral), oder Fabriken für Moskitonetze. Und immer wieder treten seine Firmen als "non profit"-Spieler auf, in denen die Nerven der Wirtschaft zusammenlaufen, und die Kleinunternehmens-Gründungen forcieren, mit erwähnten Folgen. Und sei es, daß er ein Joint-Venture mit Danone gegründet hat, und nun Joghurts "um die Ernährungssituation der Armen zu verbessern" verkauft. Die Unternehmensgruppe des Friedensnobelpreisträgers hat in Bangladesh bereits eine enorme Machtposition, aus der heraus sie aufgrund des weltweiten "Humanitätsbonus" völlig unkontrolliert als Staat im Staat agiert - mit ausländischem Geld, völlig unabhängig vom Inland. Mittlerweile haben norwegische Journalisten sogar schon Verdachtsmomente recherchiert, daß der gute Mann auch Entwicklungshilfegelder veruntreut hat.

Er habe es nicht verstanden, so die FAZ, die Idee von sich zu lösen. Und gehe nun, mit Eitelkeit und Machtrausch um den Hals, mitsamt seinem Imperium unter, so die Chiffre der Formulierung.

Und mitsamt dem Friedensnobelpreis. Aber da soll er nicht der einzige sein.


***

Sonntag, 23. Januar 2011

Überall: die reichen Spekulanten

Dhaka - Ein Protestierender hat die Hosen verloren
Die Unruhen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, hören nicht auf. Nachdem sich bereits vor Jahren der internationale Anlegerverkehr zurückgezogen hatte, war die Börse Spekulationsort von 3 Millionen Bangladeshi selbst geworden. Wie bei nahezu allen Börse-Zusammenbrüchen der Vergangenheit, hatten die Einheimischen selbst die Börse als Ort des raschen Gewinns entdeckt, und sich unter Anhäufung von Schulden ins Spekulationsgeschäft gestürzt. Mit demselben Ende.

Die Kurse waren im Fieber von Millionen unerfahrener, aber auch von der Gewinnchance blind gewordener Kleinanleger - deren Verhalten dem Vogelzug mehr ähnelt, als dem von vernünftigen Menschen - hochgepeitscht worden. Als es im November und Dezember zu Wertberichtigungen kam, brach die Panik aus: die Kurse gingen zurück, und unter diesem Eindruck wollten plötzlich alle verkaufen. Das Ergebnis ist bekannt: die Kurse stürzten ins Uferlose, und Millionen Bangladeshi drohten, auf ihren Schulden sitzenzubleiben.

Nun machen die Bürger "reiche Spekulanten" verantwortlich. Diese hätten die Kurse künstlich hoch- und tiefgeführt, um all die armen, nichtsahnenden, es doch nur gutmeinenden Männer und Frauen des Landes abzuzocken.

Wie 1989 aber im gesamten Ostblock Europas, wie erst jüngst in Tunesien, oder hier in Bangladesh, zeigt sich eine Linie: der Bürger beansprucht ein "Recht" auf Wohlstand. Und er geht dafür auf die Barrikaden, und droht, den Staat zu sprengen, wenn ihm nicht entsprochen wird.

Denn schließlich ist ja das Recht auf Wohlstand - und dieser Satz ist mittlerweile das Credo der gesamten Weltbevölkerung geworden, keine ideologische, politische Maxime hat sich so rasch verbreitet und festgesetzt - ein Menschenrecht. Das auch mit Gewalt zu fordern jedem ansteht.

Scham? Scham kennt niemand mehr. Der Bauch, der Schniedel, die Augen, der Mund hat sie verdrängt. Alles ist deshalb offen. Und noch nie war alles so okkult. Noch nie, und das kann man wohl sagen, waren so viele Verschwörungstheorien im Umlauf. Denn wenn die eigenen Forderungen unerfüllt bleiben, dann braucht es einen Schuldigen, der sich dagegenstellt, und der ist vom Bösen. Das kann gar nicht anders sein! Die Spekulanten vergessen, daß sie spekulieren, und wissen um einen reichen Spekulanten. Und die? Die wissen um einen noch reicheren. Und die? Die wissen um die ganz großen Mächte. Und die? Die tun doch nur, was das Volk will?

Das Volk - wie jetzt in Tunesien, und schon beginnen die Proteste in Algerien, hört man - will Demokratie, heißt es? So skandieren sie zumindest. Aber meinen sie nicht alle etwas ganz anderes? Wer von all diesen hat denn die geringste Ahnung oder gar geistige Reife, von Volk, Politik, Regierung, Staatsform, Demokratie zu reden? Sie wollen eben etwas ganz anderes.´Die Revolution in Tunesien brach aus, als 250 Jugendliche und Kinder in einem Provinznest demonstrierten, ganz "von alleine", wie Die Presse schreibt: sie verlangten vom Staat "bessere Ausbildung und Arbeitsplätze", in einer "Revolte der Unzufriedenen". Während sie live auf Facebook die Vorkommnisse kommentierten, die sie gerade im Begriff waren, auszulösen. 15jährige, 17jährige. Dafür werden heute also Revolutionen angezettelt. Für den Anteil am Kuchen, an dem andere - immer sind es die andren - ja viel zu viel kriegen.

In jedem Fall haben eben alle ihren Schuldigen, wem immer das Leben, sein Ziel vergeht, das Leben nicht gelingt, der "unzufrieden" ist, ob er weiß warum, oder nicht (wie die Studenten-Demonstrationen in Wien vom vorigen Jahr, die gar keine Anliegen nennen konnten, solche erst posthoc zu suchen begann!)  Verblieben in der ersten Trotzphase, ein Leben lang. Ich will, aber ich kriege nicht!? Dann sind andere daran schuld. Die Reichen. Die Mächtigen. Der Staat. Die Spekulanten. Die anderen, das ist sicher. Denn das Unglück kommt von den anderen, von wo sonst.

Nun hat das mit den Sündenböcken natürlich eine interessante und kultische Bewandtnis. Denn ein Sündenbock soll ja das Verhältnis mit dem Urgrund der Welt wieder herstellen. Der außerhalb von mir ist. Dem ich etwas verdanke. Dem gegenüber ich schuldig geworden bin, den ich gnädig stimmen möchte. Also opfere ich, zur Sühne.

Viele dieser Sündenböcke sind gleichgeblieben, über die Jahrtausende gar, manche haben sich verschleiert, sind mutiert, andere aber sind - mit den Gruppen der Unzufriedenen - neu dazugekommen. Die Männer gehören nicht zuletzt zu einer der neuen mythischen Schuldnergruppen, wo ihnen - wie grotesk! - Macht zugesprochen wird, die sie nie hatten, die Göttern zukommt, keinen Menschen. Der Staat wächst dabei zur mythischen Größe, die alles Glück herbeischaffen soll.

Das hier aber sind alles gar keine typischen Sündenböcke mehr, denn es ist ja keiner schuldig! Also ist es ein Reinigungsprozeß, ein nicht-transzendenter Prozeß, der eliminieren soll, was die Welt vor der Immanenz des Göttlichen abhält. Reinigendes Feuer, damit aus dem Erz Wohlstand geschmolzen werde.

In Bangladesh nicht anders als in Unterpremstätten bei Graz. Mit einem mal, oder allmählich, haben sich die Vergleichshorizonte verändert, anhand derer klar wird, was hindert. Mit einem mal genügt auch nicht mehr, was aus langen Generationen her lebbar und gut war. Der Tunesier vergleicht sich mit dem Jungen aus Arizone, der aus Peking mit dem in Paris. Er will nicht dessen Geschichte, er will nur seinen iPod und die Download-Musik auf Napster.

Mit einem mal beginnen sie alle, ihr Leben neu auszurichten, und alles was sie in der Erde verwurzelt hielt auszurotten. In Tunesien noch dazu verschärft durch die vielen Touristen, die ghettoartig dort leben, und dabei die "Unterlegenheit" des Landes auf schrecklichste Weise zelebrieren. Der Bangladeshi möchte rasch reich werden, denn er bildet sich nun auch ein, den neuen Audi besitzen zu sollen, und die Unterpremstättner Hausfrau will Karriere, aber dalli. Und der Bangladeshi landet im Schuldturm, und die geschiedene Hausfrau beim Billa an der Kassa. Und sie beide kennen nur einen: den Schuldigen.

So steht sie da, die Masse der Welt, zur Masse geworden, freiwillig, die nur eins kennt: Wohlstand westlichen Zuschnitts, als Funktion, als Sättigungsgefühl, als Zufriedenheitsgrinsen, als Glück, was immer das überhaupt sei, denn es hat keine Kontur und keine Grenzen. Der Anspruch ist einfach da, und zum Recht erklärt rechtfertigt er jede Reinigung. Und all das wird längst international und koordiniert - vom Internet, von ABC und CNN und Reuters und China daily. Oder einem NGO-gestützten Dschungel-Internet-Sender aus Nigeria.

Wir sind Zeuge, wie er sich entfaltet, der neue Aberglaube, dem alles auf geheimnisvolle Weise folgt, und der so viele Worte braucht, weil die Lüge so viele Worte braucht: um Vernunft und Autoritätsbezug in der Wahrheit vorzuschützen, wo nur dumpfes, irrationales Wollen ist.

Das Recht auf Vogelzug.

Gespenstisch.

***

Dienstag, 11. Januar 2011

Diskrete Indiskretionsbörse

Jon Stewart, amerikanischer Talk-Show-Moderator, macht sich über Zuckerberg und Facebook lustig (nachdem er alles mögliche noch durch den Kakao gezogen hat, der dreiminütige Facebook-Beitrag findet sich ab Minute 10.:40). Marc Zuckerberg, mokiert er sich, weigere sich (mittlerweile, wie üblich: bei Drohung der Medien, ihn ein wenig weniger zu mögen, schon etwas weniger), die Geschäftsdaten für Facebook offenzulegen. Die giengen niemanden etwas an. Und das sagt jemand, so Stewart, der ein Networking gegründet hatte mit dem Anspruch, daß niemand auf dieser Erde noch irgendetwas nicht öffentlich machen sollte. Wikileaks everywhere, sozusagen.

Wie habe ich in "Der Odysseus" den Maler Adrian sagen lassen? "Warte nie bis sie merken, daß auch ein Gott beim Scheißen stinkt."

Diese Zahlen nicht zu veröffentlichen hat natürlich sehr klare wirtschaftliche Hintergründe. Facebook macht derzeit 2 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, davon sind rund 200 Millionen Gewinn, was ja eh recht ordentlich sein könnte, wobei die amerikanischen "Gewinne" in Europa ordentlich abzuwerten sind und gerade mal dem entsprechen, was hierzulande "cash flow" heißt, also in etwa dem entspricht, was an Geld übrigblieb. Und das ist ja noch lange kein "Gewinn". Für Amerikaner sind nämlich nicht einmal Abschreibungen gewinnmindernd.

Der kolportierte Unternehmenswert von 50 Milliarden Dollar würde somit ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 250 bedeuten. Das heißt (grob): Facebook wird derzeit zu einem Wert gehandelt (1 % der Aktien wurden jüngst für 500 Mio Dollar verkauft), der rund 250 zukünftigen Jahres-Cash-Flows entspricht! Das ist ja recht ordentlich!

Zum Vergleich: Google- und andere seriöse Aktien bewegen sich bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen zwischen 10 (ab da ist eine Aktie ein heißer Anlegertip, weil unterbewertet), und 20 (ab da wird es heikel, ab da beginnt die Überbewertung, also die Blase). Etwa diese Größenordnung bezeichnet man generell als "gesund", und solide Anleger orientieren sich u. a. an solchen realen Zahlen, wie "Umsatz" oder "Unternehmensgewinn".

So etwas ist zu Ende der 1990er Jahre ja schon einmal kräftig in die Hose gegangen, damals, als die Internet-Blase erstmals platzte. Die man so verlockend "New Economy" nannte. Weil gegen alle Vernunft verkündet wurde, daß sich Geschäfte aus dem Nichts machen ließen. Ließen sich nicht. Ließen sich noch nie.

Aber jeder kann sich ausmalen, wer davon profitiert und an solchen Einschätzungen interessiert ist. Nämlich jene, die Unternehmensanteile besitzen (oder damit nur handeln wollen) und sie (angeblich) beim bevorstehenden Börsengang verkaufen werden. Wer immer diese Aktien dann kauft, erwartet zum einen etwas, weil er etwas weiß, das die anderen nicht wissen, und seine Aktien bald rentabel machen - oder er wird einfach abgezockt. Goldman & Sachs, die New Yorker Investmentfirma, ist ja bekannt für ihre seriöse Geschäftsgebahrung. So hat man vor zwei Jahren seinen Anlegern Immobilienzertifikate zu Höchstkursen verkauft, und selber ... auf fallende Kurse gesetzt. Im folgenden Börsencrash hat Goldman & Sachs kräftig verdient. Ganz im Gegensatz zu seinen Anlegern.

Die natürlich gewaltig Druck machen, daß sich ihre Investition auf rentiert! Die sind es dann, die in den Jahresversammlungen der Aktionäre verlangen, daß endlich verdient wird, und die operative Unternehmensführung wird - sonst darf sie gehen - ordentlich schwitzen, um diese Gewinne einzufahren. Was hat Facebook zu verkaufen? Äh ... ah so. Information. Information? Daten. Daten von und über ihre Anwender. Aber anders als bei Wikileaks steht hier ja nicht (zumindest: nicht nur) private Eitelkeit dahinter. Sondern der Makler der österreichischen Versicherung, hinter dem tausende Privatanleger stehen, die ihre Lebensversicherung zu ordentlichen Gewinnversprechen abgeschlossen haben, sonst würden sie zur Konkurrenz gehen, und der Konsumentenschutz eingeschaltet.

Daka: Die Börsenkurse fielen
Was enttäuschte Kleinanleger bedeuten können, hat sich in diesen Tagen in Bangladesh gezeigt. In der Hauptstadt Daka kam es zu regelrechten Straßenschlachten, weil 5000 Anleger sich geprellt fühlten und demonstrierten, nachdem die Börsenkurse 2010 noch um 80 Prozent gestiegen waren, und plötzlich, binnen weniger Stunden, ein Kursrutsch zu beginnen schien, der sämtliche Kurse gleich mal um 10 Prozent fallen ließ.

Aber derzeit geht ohnehin ein seltsames Gespenst um, weltweit. Schon beginnt sich Kritik zu rühren. Zum Beispiel an den USA. Die dortige Geldvermehrung der letzten beiden Jahre - und schon wieder sind die nächsten 700 Milliarden Dollar an die Druckmaschinen in Auftrag gegeben - hat nämlich bewirkt, daß schon die bisherigen gigantischen Geldmengen, mit denen amerikanische Wirtschaft auf teils groteske Weise (durch oft völlig sinnlose Investitionen) "belebt" wurde, wie eine hungrige Drachenflut die Welt umschleichen, ständig auf der Lauer nach lukrativen Anlagemöglichkeiten, und dann nationale Märkte mit ebendiesem Geld überschwemmen. Die Presse berichtet davon, denn (u. a.) Brasilien fürchtet die Auswirkungen solchen Kapitalzuflusses: als eines der wenigen Länder, die wirkliches Wirtschaftswachstum haben, und mit einer solcherart drohenden Inflation (und Verzerrung der gesunden Faktoren) aus den Angeln gehoben werden könnte.

Anderseits müssen die USA ihr Geld aber irgendwie aus dem Land bringen, und die Währung über Volkswirtschaften, die noch weniger ausgedünnt sind als die eigene, durch reale Investitionen wieder auffetten, sonst ersauft die US-Wirtschaft in jedem Fall. Das geht eben nicht mit Facebook-Blasen. Das braucht wirkliche und solide Werte und Produkte. Keinen Tratsch von Leuten, die nach etwas suchen, ohne zu wissen wonach, aber weil es alle tun weiterhin ihren Eintrittspreis bezahlen: sich so weit ausliefern, daß andere ihre Schwachstellen erkennen; andere, die auf ihre ganz realen Werte abzielen. Ihr Verhalten, mit dem sie ihr sauer und vor allem real verdientes Geld ausgeben.

Was das mit den weltweit weiter und klammheimlich gestiegenen Lebensmittelpreisen zu tun hat? Zumindest eben das: in Wahrheit sucht Geld immer sehr sehr reale und beständige Werte. Das Geld, in dem man nun die Welt überschwemmt hat, muß aber irgendwie - und wird irgendwo - auf diese Wertbasis zurücktrocknen!

***

Thomas Steinemann, Chefstratege der Vontobel-Gruppe in der Schweiz, meint deshalb im NZZ-Interview ebenfalls, daß die Schwellenländer - eben Länder in Lateinamerika, Asien und Osteuropa - still und heimlich eine regelrechte (gesunde) Gegenwelt aufgebaut haben. Lag 1990 ihr Anteil an der Weltwirtschaft noch bei 20 %, liegt er heute bei 30 %, und wird zweifellos weit4er steigen. Denn im Gegensatz zu den westlichen Ländern, die ausnahmslos mit dem Rücken zur Wand stehen, haben diese Länder sehr gesunde Staatshaushalte, was ihnen selbst im Krisenfall noch Handlungsspielraum gibt (den die westlichen Länder nach der letzten Krise nun endgültig nicht mehr haben). Außerdem fällt auf, daß der Kapitalzufluß in diese Länder sich auf Aktien und Realwerte konzentriert, und nicht auf reine Produkte des sogenannten Kapitalmarktes.

Nach und nach steigt auch deren Rating (als Parameter der Kreditwürdigkeit), und damit  sind sogar Staatsanleihen aus diesen Ländern fast Geheimtips, weil die Zinsen dort immer noch deutlich über jenen westlicher Länder liegen - allerdings: bei hoher Zukunftsphantasie. Man beachte dabei nur, daß manche dieser Länder ihre Währungen gegenüber dem Schweizer Franken um 70 Prozent aufgewertet haben! Die Risiken liegen allerdings in einer Überhitzung dieser Märkte, worauf die Kontrollbankendieser Länder ja (nun auch in China) reagiert, und die Zinsen erhöht haben. Die Frage ist lediglich, ob es nicht zu einer (allerdings: kurzfristigen) Rezession in diesen Ländern kommen könnte, in der die Immobilienpreise (Eckfuß aller Kredite) unter Korrekturdruck geraten würden.

Steineman meint aber, daß dieses Risiko eher von den Medien hochgeredet wird. Denn die Kapitalströme in diese Länder betragen nach wie vor nur rund 7 Prozent der weltweiten Kapitalflüsse (die letzten 10 Jahre zusammengenommen).





***