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Samstag, 3. Juli 2021

Veganismus als Schuld an der Erde (4)

Was aber, wenn es ganz anders ist? Oder: Von der Heimtücke der Schuld. - Bislang hat sich das alles wie von selbst geschrieben. Erklärung folgte auf Erklärung, und die Logik der Sprache zog acht Seiten Manuskript aus dem tiefen Bauch der Verarbeitungsmaschinerien. Aber ist es wirklich so? Sind Veganismiker und Vegetarier tatsächlich Vertreter der Wiedereinführung des Matriarchats? Oder sollten wir es nicht zumindest einmal versuchen, die Sache viel stärker von der Schuld her aufzuziehen. Denn das Matriarchat zu wählen ist ja identisch mit der Vermeidung von Schuld. 

Jetzt hat aber Schuld etwas Heimtückisches. Weil sie ein Widerspruch zum ontischen Gefüge dessen ist, was einerseits der Welt zugrunde liegt (also über die Idee durch die wollende Liebe Gottes "zum Weltwerden schiebt"), und anderseits den, der gegen diese Ordnung verstößt (weil allem Weltsein eine ideenhafte Ordnung zugrunde liegt, die jener Ort ist, an dem alleine sie bestehen kann), eine reale Spannung in sich verspürt. Die Abführung verlangt. Sei es, daß man sie in Alkohol und Drogen versenkt, sei es, daß man sie in Ersatzhandlungen abführt, WENN die Handlung, die diese Spannung auf natürliche Weise abführen würde, so tabuisiert und abgelehnt wird, daß sie nicht in Frage kommt.

Freitag, 2. Juli 2021

Veganismus als Schuld an der Erde (3)

Zurück von der Pinkelpause, erschrickt der Vergewaltiger der Mutter vor sich selbst. Es wird ernst. - Gott und Erde stehen also in einem Widerstreit, in dem Gott - natürlich ist er immer der Sieger! - die "Mutter Erde" zu vergewaltigen aufruft, als er den Ruf ausstößt: Macht Euch die Erde untertan! Was er nach dem Sündenfall im Fluch des Verstoßes aus dem Paradies noch einmal nachschärft. Als er der Frau das Schicksal zuspricht, daß sie vom Manne nicht nur beherrscht wird, sondern diese Herrschaft durch ein viel tiefer gehenderes Begehren herbeisehnen wird. 

Damit haben wir genug Material gesammelt, um die Aussage begreiflich zu machen, ja sie sogar zu unterstützen. Daß im Veganismus/Vegetarianismus** das Matriarchale als jener Lebensuntergrund wieder aufersteht, der ohne schöpferischen Eingriff auszukommen meint. Und dem Erlebnis des gottähnlichen Menschseins im Willen, der aus dem Vorhandenen "Neues" macht, der die Vorgänge der Natur düpiert und "ausnützt", eine Absage erteilt. Sodaß auch uns immer deutlicher wird, warum die bewußte Wahl von Pflanzen als Lebensmittel einen ganzen Kosmos an Weltanschauungen und Lebenshaltungen enthält.

Donnerstag, 1. Juli 2021

Veganismus als Schuld an der Erde (2)

Mutter, wo hast Du das Tabu hingelegt? - Unter diesem Gesichtspunkt wäre auch die biblische Erzählung der Schuld Kains durch die Tötung seines Bruders Abel neu zu durchdenken. Denn natürlich hatte dann Abel, der eine reiche Ernte eingefahren hat, durch seine Schuld nicht nur eine stringentere Notwendigkeit zum Sühn- und Dankesopfer als Kain erworben, der in einem neutralen Verhältnis zu Gott geblieben war. Sodaß sich auch der "Neid" Kains in die Kategorie jenes Neides eingliedert, den Jesus selbst in der Geschichte vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn darstellt. 

Als nämlich der Sohn, der all sein Erbe durchgebracht hat, der durch Ungehorsam der Welt Gewalt angetan hat, und in Dreck und jener Verlorenheit geendet ist, in der jede menschliche Eigenmächtigkeit endet, weil sie sich außerhalb der Ordnung der Natur (!) stellt - was ja die eigentliche Beschreibung des Wortes "Sünde" ist, als also dieser Nichtsnutz und Verräter angesichts seines Elends bereut (und wer würde da nicht seine Tat bereuen?) zurückkehrt, wozu es allein schon eine Menge "Chuzpe", also Frechheit braucht, sondern wo der Vater ihn sogar mit einem Fest bewillkommnet, das die besten Früchte der harten Arbeit des verbliebenen treuen, rechtgläubigen weil gehorsam gebliebenen Sohnes im Opfer verbrennt.

Mittwoch, 30. Juni 2021

Veganismus als Schuld an der Erde (1)

Oh, singe den Zorn, oh Göttin des Peleïden Achilleus (oder auch des Hans Zurngreiter, den Buben vom Bert), darüber, wie man sich täuschen kann. Oh, wie oft leben wir in Verhältnissen, deren wahrer Hintergrund oft im selben Verhältnis anders und sogar kontradiktisch ist, als seine Deckmäntel in Wortgebilden errichtet eine stille Gegebenheit und Selbstverständlichkeit nützen, also ins Leere stoßen. Wo dann ein wortreiches Gebilde darüber gesponnen wird, das nichts weniger als eine Lüge, als der berühmte Mündungsrauch, der verhindern soll zu sehen, woher das Geschoß wirklich kommt. Genau das läßt sich über den Vegetarismus, noch deutlicher aber über das Veganertum aussagen. 

Dessen Ideologie (und kein Veganer bestreitet, daß seine Einstellung eine solche ist) nicht nur dadurch ihre matriarchalisch, matrizentrische Gründung verrät, daß sie wie ein Heißluftballon über der Erde schwebt und kein Loch in seiner Außendecke erlaubt, weil er sonst aus dem Gleichgewicht gerät, den existenznotwendigen Auftrieb verliert und abstürzt, nein - er verrät diese Herkunft durch seine Wiederspiegelung in der Mythologie.

Freitag, 24. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (3)

Teil 3) Wie schon häufig: Die zu Exkursen ausgeuferten Anmerkungen





*Letztendlich beruht Kommunikation sogar auf der Nonverbalität des Gestalthaften. Und damit auf den Raum als Wirklichkeit des Beziehungshaften, der Aussage zum eigenen Wesen in der Begegnung, die sich nur in der Begegnung von Gestalten ans Licht hebt. Rituelles als Tanz der Gestalten, der sich selbst wiederum auf ein Dahinterstehendes, Geistiges, wirklich Wirkliches bezieht, in dem beide sich treffen, das beide umfaßt. (s. u. a. dazu Zubiri: Wesen als Ort! Ort als Wesen.)

²In einer historischen Entscheidung im 16. Jahrhundert haben sich England, Frankreich, Portugal und Spanien verbindlich sogar darauf verständigt, daß jenseits eines gewissen Breitengrades im Atlantik keine Rechtsordnung mehr bestand. In einer Zeit, wo in Europa Staaten ihre Beziehungen bereits zu verrechten begonnen hatten - im sogenannten "Völkerrecht", in dem nur noch der Papst zuständige Schiedsinstanz war. Deshalb mußte auch Rom die Streitigkeiten zwischen Portugal und Spanien im Fall des "Jesuiten-Staates" in Paraguay schiedsrichten. 

Aber das hat seine Ursprünge in diesen uralten Rechtsansichten, in denen sich natürlich noch jede Menge Heidentum mitschleppt, das man im Wesentlichen als "Angstverhältnis" unter Menschen begreifen muß. Vermutlich sogar alle Völker bezeichnen sich in ihrem Namen, den sie sich selbst geben, als "Menschen", alle anderen über einzelne Eigenschaften, oder gar als Nicht-Menschen. Eine Vorstellung, die übrigens Spanien am frühesten (christlich) weiterentwickelt hat, denn Menschen sind prinzipiell alle Völker, und müssen auch so behandelt werden (wenn auch nicht unmittelbar als der "Gemeinschaft zugehörig". In der Entscheidung die Indios betreffend zeigt sich das. Als der Franziskanerpater Las Casas vor Karl V. erwirkte, daß dieser den Indios alle Rechte als Menschen zustand, war das keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn es war nicht klar, ob ein Mensch ohne Kultur überhaupt Mensch war. 

Sie mögen lächeln, werter Leser, so einfach ist das gar nicht, und gerade heute gibt es fatale Tendenzen, diese Feststellung wieder gemäß dem Heidentum zu treffen: In der Abtreibung etwa, in der Euthanasie, oder in der Gehirntoddefinition, wo man überall den Status Mensch von gewisser Aktualisierungskraft abhängig macht. Und die anderen Länder ließen sich damit auch noch viel Zeit. Denn erst wollten sie ja einmal ihren Platz neben oder über Spanien im seit 1492 erst zu ordnenden Raumgefüge erobern, da war ihnen offizielle Anarchie lieber.

Gemeinschaft, damit Vertrauenswürdigkeit beruht auf gemeinsamen Riten, auf vor allem nonverbal selbstverständlich etablierter, kraft persönlicher Verhältnisse (zu denen auch Gesetze gehören) verbindlicher Art des Umgangs miteinander. Wer dieser Ritengemeinschaft nicht angehört wird zuerst einmal mit Vorsicht behandelt, nicht ins Innerste einer Gemeinschaft eingelassen, muß sich erst bewähren, und das ist ein Gebot der Klugheit.

**Im großen Rahmen gesehen ist - rudimentär, aber immerhin - noch die gesamte Millionenstadt auf den Stephansdom als Zentrum ausgerichtet, ja um ihn angeordnet.

³Wenn wir heute keine Stadtmauern mehr brauchen, dann deshalb, weil bereits das gesamte Land in unseren Ländern in die Ordnung der Städte hineinbezogen und damit Kulturland ist. Das Bemerkenswerte an Mitteleuropa bzw. unseren Ländern ist ja, daß es keinen Flecken mehr gibt, der NICHT in eine Ordnung gestellt ist. Selbst wenn (sagen wir) ein kleines Waldstückchen im Dorf Unterpfingelstätten als "verwildert" auf einem großen Acker steht, ist seine Wildnis ein Platz in einer Ordnung. 

Und ist streng zu unterscheiden von einer anderen Unordnung, die Zeichen von mangelnder, nicht vorhandener Kultur ist, wie sie im Süden Europas oder von der Türkei bis in den gesamten arabischen Raum und Afrika zu sehen sind. Wo Menschen sogar mitten in Müllhalden leben, die sie offiziell Orte oder Städte nennen. In einem von Menschen bewohnten chaotischen "Raum", die nicht in der Lage sind, Raum zu schaffen, weil begegnende Dinge ihren Beziehungen gemäß in eine Ordnung zu stellen. Menschen, die also bestenfalls Oasen (und sei es in den ummauerten Hinterhöfen) kennen. Denn erst Ordnung schafft überhaupt das, was wir als "Raum" bezeichnen. Das meist ein gründliches Mißverständnis ist: Weil wir seine meßbare Emanation für "Raum" erklären.  Meßbar sein heißt aber nur, ein Verhältnis zu anderen Dingen zu haben. Ein Raum-Maß als absolute Größe gibt es nicht. Es herrscht hier dasselbe Mißverständnis wie beim Begriff der (irdischen) Zeit.






Donnerstag, 23. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (2)

Teil 2)




Die Mauern der Städte waren deshalb auch mehr als bloße Verteidigungswerke. Sie waren die Grenze zwischen Kultur und Chaos, zwischen Leben und Unordnung, zwischen Gut und Böse, Gott und Satan. Die Welt außerhalb der Mauern war Tohuwabohu, Chaos, Unordnung, Feindesland, nicht in jene Gemeinschaft integriert, die der eine Gemeinschaft kennzeichnende Ritenfundus erst verläßlich macht. Alles innerhalb einer Stadt unterlag bereits der göttlichen Geordnetheit, war über den Altar, den Knoten- und Quellpunkt menschlichen, weltlichen Raumes, in Gott selbst hineingeborgen. Und der Mitbürger, der ebenfalls innerhalb der Mauern lebte, war ohngefragt Bruder und Nächster. Bei allen anderen war es nicht sicher und sogar eher unwahrscheinlich.³

Ganz anders in der Stadt also wie dem gegenüber, der vor den Mauern stand. Der nicht nur bei den Römern nicht einmal den Anspruch auf Menschenwürde hatte, weil er Barbaros, Wilder, Plapperer, Wirrkopf, Wilder, aber kein vollwertiger Mensch (also Kulturwesen) war. Dem deshalb auch keine Rechte zustanden, der in manchen Epochen und an manchen Orten sogar vogelfrei war und jederzeit bereit sein mußte, sich gegen Feinde zu wehren.²

Die Stadt hingegen, eine Erweiterung der Kirchen, die ja die vollkommene Welt und ihre Ordnung darstellten, nicht mehr, deshalb in deren Vorhalle, gewissermaßen, war diese dem göttlichen Plan folgende Unterwerfung der Welt. Sie war mit hineingenommen in das Himmlische Jerusalem, die Kirche, als Schöpfung, die zum Lobpreis Gottes erhoben wurde.  

Bemerkenswert ist, daß jede Kultur ab dem Moment ihren Zerfall anzeigt, in dem NICHT mehr jeder weiß, wo er hingehört, nicht mehr an diesem Platz aufwächst und sich so einzugliedern vermag und als Teil der Welt erfährt, der gebraucht wird. Wenn die sozialen Gebilde immer zufälliger und ungeordneter werden, und sich ihre Institutionalisierungen auflösen. Dieses Zueinander wiederum war durch Riten, Gebräuche, Grenzen und Tabus geregelt, die auf das Zentrum - Gott, Kirche, Ordnungsquelle - ausgerichtet waren. Deren Zueinander streng in Symbolik und Körpersprache formalisiert sein muß. 

Mary Douglas zeigt in "Ritual, Tabu und Körpersymbolik" sogar überzeugend, daß eine Kommunikation OHNE solche Rituale usw. gar nicht möglich ist.* Löst sich deshalb das Rituelle des Zueinander der Menschen auf, löst sich auch eine Gesellschaft auf und eine Kultur hört auf, zu bestehen, weil sich auch die Identitäten ihrer Menschen aufgelöst haben. Ohne Ort, ohne Platz in der Ordnung kann kein Mensch aber leben und bestehen. Nur aus Gott kann Segen erwachsen. Und nur aus einem Kampf um so einen Ort kann man die heutige Zeit verstehen.

Niemand bestreitet deshalb, daß seit dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, als überall die bisherigen Stadtgrenzen und Mauerringe zu eng wurden - noch im 15. Jahrhundert lebten ja nur etwa drei Prozent der Bevölkerung unserer Länder in Städten, welcher Anteil bis ins 18. Jahrhundert auf zehn und mehr Prozent stieg, ehe er im 19. Jahrhundert endgültig emporschnellte -  die Städte mehr und mehr in gewissen Wildwuchs übergingen, sowohl vor den Mauern (wo es kein Ordnungsgesetz gab), als auch innerhalb (wo Ordnungsgesetzte verboten oder im reinen Nutzendenken übertreten wurden). Was (etwa im Fall Salzburg) in einigen Fällen im 17. und 18. Jahrhundert noch einmal dem aber bereits konstruierten Ordnungsdenken der Renaissance weichen mußte, wo man die alte, antike Ordnung (in neuem Gewand) wiederherzustellen suchte.

In den meisten Fällen wich der nach dem Mittelalter entstandene Wildwuchs noch einmal einer geplanten Ordnung, zumindest teilweise, als man im 18. und 19. Jahrhundert die aus militärischen Gründen überflüssig gewordenen Festungsanlagen schliff und mit dem nunmehr offenen Glacis (dem Freiraum zu den Vorstädten hin) vielen Städten gleich neben ihrem bisherigen Zentrum plötzlich große Flächen zur Disposition standen. Paris verdankt seine heutige Charakteristik ebenso dieser Tatsache wie Wien mit seiner Ringstraße, in der sich die Städte gewissermaßen neu erfanden, indem sie noch einmal die Ausrichtung auf ein Zentrum - diesmal bereits die weltlichen Herrscher - versuchten. Die heutige Wiener Ringstraße ist wie eine große U-förmige Zange angelegt, die an der Donau mit zwei Kasernen (die Stubenringkaserne gibt es nicht mehr, nur noch die Roßauer Kaserne) ansetzt, und in einer Art Schelle vom (letztlich aber, Zeichen der Kraftlosigkeit und des Zerfalls der Monarchie, schon nur noch zur Hälfte gebauten) Kaiserforum (vulgo Äußere Hofburg) gehalten wird.**

Bis dieses Raumbewußtsein, dem wir unsere Städte verdanken, allmählich völlig der Zufälligkeit wich. Heutige Städte, heutige Großstädte, heute gebaute Stadtviertel und Häuserensembles haben keine Ordnung mehr, weil sie kein Zentrum mehr haben, auf das alles ausgerichtet ist. Damit könnten sie überall stehen. Sie geben keine Heimat und damit keine Identität mehr. Sie sind nur noch "da", und man wechselt gefühlslos von einer zur anderen. Wo man dennoch so etwas wie Heimat findet, geschieht das bestenfalls wie zur Zeit der Völkerwanderung, wo sich die neu angekommenen Völker in den vorhandenen Ruinen niederließen und die Menschen es sich so gut wie möglich einrichteten. Bis die Kirche kam, und nach und nach wieder ein Zentrum zur Ausrichtung, und damit Identität und Ordnung bot. Übrigens - nach antikem Vorbild.

Wie wenig technisch, ja wie wenig "ästhetizistisch", wie sehr mythologisch-religiös die Anlage der nun gebauten Städte aber war, wurde spätestens ab dem Moment klar, als es weltweit in den 1920er bis 1950er Jahren Versuche gab, völlig neu nach Nutzen und technischem Ablauf konzipierte Städte auf dem Reißbrett zu entwerfen und umzusetzen. Neben Brasilia (Brasilien) und Chandigarh (Indien), beides Großstädte, die eine von Oscar Niemeyer, die andere von LeCorbusier als Ganzes auf die grüne Wiese geplant und umgesetzt wurden, sind es Stadtviertel wie das Gropius-Viertel in Berlin und jede Menge weiterer Stadtviertel weltweit, die angeblich technisch perfekt dem Bedürfnis der Menschen entsprachen, aber heute nicht mehr weit von der "Slum-Klasse" liegen.

Im Fall Berlin zeigt es sich noch drastischer, weil diese "Stadt" erst recht spät als bloße Zusammenlegung von Fischerdörfern im Geist der Aufklärung "entstand", also nie einen Plan, sondern eben diese Zufälligkeit des Zentrumslosen und damit keine Ordnung hat. Man sieht es heute deutlich. Vom Zustand der Peripherien in den meisten Städten wollen wir da gar nicht anfangen - ein Nebeneinander bezugsloser Autismuszeugen, mit identitätslosen, schutzlosen Konsumenten, und weltblinden Ablaufsklaven (Arbeiter, Angestellte) ...

In einer nicht nach göttlichem Plan angelegten Welt verkommt auch der Mensch. Nicht Nutzen bestimmt den Menschen, sondern Beziehung und Schönheit, Ritus und Gestalt. Denn nicht nur ist er selbst nach einem göttlichen Plan, nach einer Geometrie geordnet, sondern die ganze Welt, ja der gesamte Kosmos, vom Größten bis zum Kleinsten, ist auf denselben (archetypischen) Ordnungsprinzipien und Größenverhältnissen weil Beziehungen (nur auf je anderen Ebenen) aufgebaut. So ist die Schöpfung ein einziger Klangkörper, in dem in jedem Teil derselbe Rhythmus, dasselbe, alles durchdringende, alles beherrschende, alles ordnende Loblied erklingt. Um wie viel mehr muß das dann auch in den Städten sein, die den Lebensraum des Menschen bedeuten?




 
Morgen Teil 3) Wie schon  häufig: Die zu Exkursen ausgeuferten Anmerkungen




Mittwoch, 22. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (1)

"Macht Euch die Erde untertan!" Diese Aufforderung stünde nicht in der Genesis der Bibel, wenn sie nicht einen Grundantrieb im Menschen aussagen würde: Den, sich die Erde zu unterwerfen, sie zu ordnen, sie zu gestalten, und so zum Teil menschlicher Kultur als Insgesamt seines Lebensvollzugs auf der Erde zu machen. Diese Gedanken werden neu bewußt, wenn man sich die interessanten Forschungen des Stadtplaners und Architekten Klaus Humpert ansieht.

Der beim Studium der Bebauungskarten seiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau auf Regelmäßigkeiten stieß, die ihn verblüfft haben. Immer mehr konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich unter dem heutigen Antlitz der Stadt, viel deutlicher in ihren mittelalterlichen Strukturen, soweit sie erhalten oder nachvollziehbar sind, ein Plan stehe.

Damit widerspricht er den gängigen Ansichten der meisten Historiker, wie sie in dem interessanten Film in der Gestalt des em. Universitätsprofessors und Kunsthistorikers Günther Binding auftreten. Die davon ausgehen, daß unsere Städte im Mittelalter rein zufällig und pragmatisch entstanden sind, ohne daß ihnen ein Gesamtplan zugrunde gelegen wäre. Auch gibt es keine überlieferten Pläne, die belegten, daß jene 300 Städte, die zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert im gesamten mitteleuropäischen Raum gegründet worden waren, geplant und nach einer vorgegebenen Ordnung aufgebaut worden wären.

Das mag sein, entgegnet dem Humpert, aber das kann ganz andere Gründe haben. Tatsache ist, daß er bei seiner insgesamt 15-jährigen Forschungsarbeit meint eindeutige Belege gefunden zu haben, daß nicht nur diese Städte zum allergrößten Teil nach einem Bebauungsplan errichtet wurden, sondern daß diese Pläne auch von Vorbildern ausgingen, die zum Teil in Italien lagen, die aber Freiburg im Breisgau vielleicht sogar als "Mutter aller deutschen Städte" sehen läßt. Denn hier zeigt sich das Grundschema am deutlichsten, und ist anhand heutiger Straßenverläufe und Häuserfronten so deutlich zu erkennen, daß es nicht verstehbar wäre, diese Indizien zu ignorieren.

Nun, ein wenig kann man Humpert da schon helfen. Denn abstrus ist sein Gedanke, daß das Mittelalter die Erde als göttliche Geometrie auffaßte, keineswegs, sondern im Gegenteil: Es ist das Grundverständnis von Welt überhaupt, das uns im speziellen über Griechen, Römer oder Ägypter (etc. etc.) längst bekannt ist. Man lese dazu etwa die maßstäblichen Klassiker von Fustel de Coulanges, oder Mircea Eliades "Das Heilige und das Profane". Niemandem wäre es bis ins späte Mittelalter - und in der Renaissance schon erst recht nicht, dort freilich beginnt sich das Ganze zu pervertieren, um schließlich ganz zusammenzubrechen - eingefallen, ein Haus und schon gar eine Stadt zu bauen, ohne sie auf göttlichen Willen hin auszurichten, ja in diesem zu fundieren.

Deshalb war eine geheiligte Urstätte sowohl bei den Römern das erste, was man tat, ebenso wie das spätere christliche Abendland, das anfänglich zu einem guten Teil ganz real aus den Ruinen römischer Städte entstand, es sich nehmen ließ, seine Städte und Siedlungen als Ensemble rund um eine zuerst bestimmte Kirche (Altar, Allerheiligstes etc.) zu gruppieren. Jeder Stadtteil, jedes Haus, jedes geplante Berufsviertel, jedes Verwaltungsgebäude hatte dabei seine Ordnung und Stellung in dieser Ordnung, die eine Stellung innerhalb des göttlichen Weltplanes war.

Was nicht in dieser Ordnung Platz hatte, hatte auch in der Stadt keinen Platz. Unreine Gewerbe (Färber, Schlachter) waren da ebenso gemeint wie Freuden- oder Krankenhäuser. Jede Himmelsrichtung hatte dabei ihre Bedeutung, und kein Tor war zufällig gesetzt, alle hatten eine mit ihnen metaphysisch verbundene Sinnstellung. Ebenso wie die Märkte und das, was auf ihnen gehandelt wurde. Erst in zweiter Linie war die Topographie von Bedeutung, oder entnahm man ihr Hinweise.

Auch die Distanzen zwischen diesen Bereichen waren nicht zufällig, sondern in Geometrie bzw. Zahlenverhältnisse gefaßte, darin erkennbare Beziehung. Freilich gelingt es Humpert nicht - und daß er diesen Gedanken nicht näher ausführt oder gar kennt verwundert einigermaßen - die Maßzahlen, auf die er immer wieder gestoßen ist, in der Metaphysik zu verankern, denn darin waren sie begründet. Er würde vermutlich noch viel mehr entdecken.

Und (man möge es nicht falsch verstehen, aber doch sollte es gesagt werden) er hat auch nicht überprüft, ob diese Kreise und Positionen, die er fand, nicht mit Planetenkonstellationen (also der damals noch untrennbar verbundenen Astronomie und Astrologie) zu tun haben. Denn nach aristotelischem Weltbild sind die Planeten die urstofflichsten, bis auf Gott schon äußersten, allem quasi zugrundeliegenden, gröbsten, aber alles gleichermaßen und in gleicher Art (fraktal, also ein Schema in allem, vom Kleinsten bis zum Größten) durchwirkend wie davon durchwirkt.²

Und das ist wohl auch die größte Schwäche seiner Argumentation, die sogar das, was er herausgefunden hat - die mittelalterliche Stadt, Fundament so gut wie aller unserer heutigen Städte, war allem Anschein nach streng durchgeplant, und keineswegs eine zufällig entstandenen Aneinanderreihung von zufällig hier anlandenden Menschen - ein bißchen doch wie zufällig aussehen läßt. Sodaß auch verstehbar ist, wenn Binding meint, daß man in jeder Anhäufung von Punkten und Orten, wenn man lange genug sucht, eine Systematik entdecken kann. Dieser Teil seiner Arbeit scheint unvollendet, dabei wäre es der Grundstein.

Aber prinzipiell hat er sicher recht. Nicht nur, daß zumindest bis zum Weißwurschtäquator und nach der Völkerwanderung, also nach dem Abzug der Römer über die Alpen, zumindest nach dem Verlust deren kultureller Vormachtstellung, viele Orte (als "noch nicht Städte") buchstäblich auf römischen Ruinen errichtet wurden. Dabei wurden die Straßenverläufe ebenso oft übernommen, wie Gebäude. Ja, viele heutige Altstadtkerne sind sogar direkt in römische Großbauten (wie Amphitheater) eingebaut worden, um diese zu nützen. So, wie man die Bauten abtrug, um deren Baumaterial zu verwenden.

Sopron (Ödenburg), ehedem Scarbantia, wo der VdZ wohnt, ist ein typisches Beispiel dafür: Das Stadtzentrum folgt noch heute mehr oder weniger präzise der römischen Stadtplanung. Obwohl der Wohlstand der späten Renaissance architektonisch gewaltig umgerührt hat, folgen die meisten Straßen und Ausgänge aus der Altstadt, die von dem ehedem weiten Glacis ("Graben") umgeben ist, ihrer römischen Erstanlage. Mit seinem Tor im Osten, Westen, Norden und Süden, mit denen jeweils auch Funktionen verbunden waren.*

Der aus der Antike herüberkommende Mensch hat sich bis ins späte Mittelalter kein Leben ohne festen, in Gottes Plan gegründeten Ort vorstellen können. (Und er hatte damit ja zutiefst recht! Wie gut wäre es, wenn wir uns dieser Wahrheit heute wieder bewußter würden.) Tief religiös, hat sich niemand, wirklich niemand ein willkürliches, zufälliges Leben vorstellen können, wie es mit dem Subjektivismus der Renaissance schließlich allgemein wurde. Ort, Platz gibt Legitimität. Gott hat in der Schöpfung prinzipiell ja eigentlich den Raum geordnet, und DAMIT (Raum = Welt = Beziehungsordnung) geschaffen. Und deshalb war der konkrete Raum Ausdruck und Schauplatz des göttlichen Weltenplanes, und damit des Menschen. Nur so war Segen zu erwarten: Wenn man an seinem Platz stand. Und das gilt natürlich bis in persönliche Verhältnisse hinein.**


 Morgen Teil 2)



²Diese Janusgesichtigkeit ist für den Verstand das größte Problem mit der Astrologie. Sie ist Spiegel wie selbst Gestalt, Gewirktes wie Wirkursache zugleich. Also kann sie von da her auch kein Orientierungspunkt sein, und sie zu betrachten gerät allzu leicht in die Todesfalle dessen, das in sich hineinsieht, weil das, WAS sieht auch das ist, WAS MAN sieht (=Invertiertheit). Siehe dazu Walter Hoeres "Reflexivität".

*Der überlieferte Streit von Romulus mit Remus, der den soeben von Romulus gezogenen Graben für die Stadtmauer übersprang, wird erst so verständlich. Remus hat die Ordnung aufgelöst. Auf der allein eine Stadt zu gründen war. Denn nur eine Ordnung ist ein "Etwas". Also mußte Remus erschlagen werden, denn er gefährdete die nur vom Menschen zu errichtende Welt. (Gott hat das Material gestellt, sozusagen, und seine Eigenart in Orten festgelegt, in die jeweilige Beziehungs-Typiken - "Dinge", "Etwasse" - treten.) Ohne Ordnung gibt es nur das Nichts amorpher, a-welthafter Potenz.

**Auch Ehe und alles was aus ihr folgt ist ein Ort, und damit erst Form von Beziehung.




Sonntag, 18. Oktober 2015

Wirklichkeit nur über das Heilige

"Die Erkenntnis einer wirklichen und sinnvollen Welt ist aufs innigste mit der Entdeckung des Heiligen verbunden. Denn durch die Erfahrung des Heiligen hat der menschliche Geist den Unterschied zwischen dem erkannt, was sich als wirklich, mächtig , bedeutsam und sinnvoll enthüllt, und dessen Gegenteil, dem chaotischen und gefahrvollen Fluß der Dinge, ihrem zufälligen und sinnlosen Aufgang und Untergang. [...] 

Das Heilige ist also ein Element der Struktur des Bewußtseins und nicht ein Stadium in der Geschichte dieses Bewußtseins."

Mircea Eliade in "Geschichte der religiösen Ideen" (1. Band)




***

Sonntag, 10. März 2013

Mensch werden

In wenigen Sätzen umreißt Mircea Eliade in "Die Sehnsucht nach dem Ursprung" das Wesen des Religiösen. Als Grundtatsache des Menschen, gleichgültig wo und wann er lebte und lebt. Denn die Welt aus sich heraus, das weltimmanente Denken mündet in Sinnlosigkeit. Dostojewkij hat es schon vor 150 Jahren in "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" so präzise dargestellt, und er hat Recht behalten. Das Gebäude des menschlichen Denkens, des Rationalen, führt in die Sinnlosigkeit. 

Nichts ist mehr begründbar, alles wird zum Gefängnis einer ausweglosen Logikmaschinerie. Zerfällt das Religiöse, zerfällt unausbleiblich alles Menschliche. Der Mensch fällt damit sogar unter das Tier. Um dieses Menschliche zu retten, um sich als Lebendiger noch zu erfahren, handelt der rational ausweglose Mensch wenigstens noch irrational, verrückt, willkürlich, wenigstens anarchisch. Um seine Freiheit - und nur in ihr erfährt er, daß er lebt - noch zu wirklichen.

"Es genügt zu sagen, daß das Heilige ein Element in der Struktur des Bewußtseins ist und keine Stufe in der Geschichte des Bewußtseins. Eine sinnvolle Welt - und der Mensch kann nicht im Chaos leben - ist das Resultat eines dialektischen Prozesses, den man die Manifestation des Heiligen nennen kann. Das menschliche Leben wird sinnvoll, indem es die paradigmatischen Modelle, wie sie von übernatürlichen Wesen dargestellt werden, nachahmt. Die Nachahmung übermenschlicher Beispiele stellt eines der Hauptcharakteristika des religiösen Lebens dar, ein strukturelles Charakteristikum, das unabhängig von Kultur und Sprache ist. 

Von den ältesten religiösen Dokumenten, die uns zugänglich sind, bis zum Christentum und Islam war die IMITATIO DEI als Norm und Leitlinie der menschlichen Existenz niemals unterbrochen. Als ein menschliches Wesen zu leben war an sich in den urältesten Kulturen schon ein religiöser Akt, denn Nahrung, Sexualität und Arbeit hatten einen sakramentalen Wert. Mit anderen Worten, ein Mensch sein - oder, besser, werden - heißt religiös sein."



*100313*

Sonntag, 27. Januar 2013

Das Heilige war zuerst

Am Anfang der menschlichen Erfahrung stellt die gesamte sich ihr bitende Wirklichkeit den Bereich des Heiligen dar. Das Heilige gehört zum ursprünglichen Verständnis der Welt, die der Mensch als Gesamtheit und zugleich als qualitative Einheit erfaßt. Später, schreibt Louis Bouyer in "Mensch und Ritus" (in Zusammenschau mit Eliade's Ausführungen in "Das Heilige und das Profane") gelangt der Mensch zum reflesen Selbstbewußtsein, er erfährt seine relative Unabhängigkeit, weil er inerhalb der Wirklichkeit einen Bereich als sein Eigentum für sich abgrenzt und Gott davon ausschließt.

Zu diesem Zeitpunkt taucht das Profane auf. Das Profane ist also nicht die Welt, der das Heilige "hinzugefügt", in das es "konsekriert" werden müßte, sondern dem ursprünglichen Menschen fallen Welt und Wirklichkeit, die eine Wirklichkeit des Göttlichen in seiner Hochzeit mit dem Irdischen ist, zusammen.

Erst mit der zunehmenden Zivilisation, die praktisch immer eine zunehmende Technisierung und damit scheinbare Weltbeherrschung bedeutet, taucht der Gedanke auf, daß die Welt sich in der Machbarkeit erschöpft. Und ab diesem Moment wird sie profan. Je mehr der Mensch die Welt planmäßig unterwirft und gestaltet, desto mehr weitet sich das Profane aus. Es ist eine typische neuzeltliche Illusion - und entspricht nicht der historischen Wahrheit - die Welt an sich als profan zu sehen. Das Profane ist das profanierte Heilige!

Zur gleichen Zeit, so Bouyer, da er die Grenzen seines Feldes immer weiter absteckt, verliert er das Interesse für die restliche Wirklichkeit. Es kommt dann ein Augenblick, da ihm das Profane praktisch mit dem Wirklichen identisch zu sein scheint. Das Heilige lebt nur noch an bestimmten Orten fort. Dann gewinnt der Mensch auch leicht den Eindruck, als würden die Riten das Heilige hervorbringen. 

Aber Riten bringen niemals das Heilige hervor, sie bringen überhaupt nichts hervor. Sie bewahren einfach das Heilige! Der Kult geht jeder Kultur voraus. und er liegt ihr in einem viel weiteren Maß zugrunde, als gemeiniglich angenommen wird - nämlich nicht als Sonderveranstaltung, sondern als Wirklichkeit, die alles durchdringt. Fällt der Kult, fällt die Kultur. Der Tanz bringt die Arbeit hervor. Im Ritus wird der Welt als Ort des Menschen ihr ursprünglicher Platz wieder zugewiesen, ihr belassen.

Das Heilige abzugrenzen, in Heilige Bezirke einzuschließen etc., ist lediglich bereits die schützende Reaktion auf die rundum erfolgende Profanierung, in der sich der zivilisierte Mensch immer mehr Bereiche aneignet und Gott daraus entfernt. Und hier setzt die Mythologisierung ein, die dieses an sich Heilige auch intellektuell abzusichern beginnt.

Die Magie selber folgt erst später, sie ist nicht die Wurzel des Religiösen, sondern bereits seine Entartung, als profanierende Aneignung des Göttlichen, also der Technik direkt verwandt, die sich nun dem Heiligen zuwendet. Sie ist aus dem Heiligen abgeleitet. Denn das Wesen des Sakralen ist seine Unverfügbarkeit, das die menschlichen Kräfte nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ übersteigt - Eigentum Gottes. Das Heilige ist ein an sich und durch sich Vorhandenes, kein Gemachtes.* Am selben Punkt wird in der Magie der Heilige Bezirk bzw. Ort zum Ort der Verfügbarmachung des Göttlichen umgedeutet.

In der Liturgie passiert aber etwas anderes: die konsekratorischen Riten sind eine Erkenntnis des Göttlichen und seiner ihm eigenen Wege. Dienst, in dem sich der Mensch dem Willen des Himmels unterwirft und sich ihm ausliefert, was auch immer für Hintergedanken dabei sein mögen. Auch in diesem Fall muß er aber die Unabhängigkeit und letzte Souveränität des göttlichen Willens anerkennen.

In der Heiligen Messe also begegnet der Mensch dem neuen (in gewisser Hinsicht: ersten, anfänglichsten) Adam, von dem alle Menschheit ausgeht, inmitten einer uranfänglichen Ordnung des Kosmos, die aber auch der Welt "draußen" zugrundeliegt, die ihr eigentliches entelechiales Bestreben ist, die unter der Unordnung, die durch den Menschen in sie hineingebracht wurde, ächzt und stöhnt. Im Ritus wird dieser ursprüngliche Mensch repräsentativ wiederhergestellt, er übt sich darin ein, nimmt dieses Heilige fleischlich wieder an, und das ist das Heiligende für den Menschen.





*Sehr typisch für diesen Schritt der Aneignung bzw. Profanierung ist die etymologische Umdeutung des "Sakralen", wie sie historisch als Bedeutungsverschiebung zu beobachten ist. Mit dem Beginn der Neuzeit wird "sacrificium - sacrum facere" - als "sakral MACHEN" transkribiert. Während es ursprünglich schlicht "das, was heilig ist, tun" bedeutet.




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Sonntag, 29. August 2010

Dichterische Haltungen

Zu dem, was den Menschen umgibt, gehören nicht nur die Wesen und Verhältnisse, mit denen er in seinem persönlichen Leben zu tun hat, sondern ebenso die Gestalten und Erscheinungen, die wir im eigentlichen Sinne Natur nennen, die Elemente, die Pflanzen, die Tiere, Luft, Licht, Himmel und Gestirne. Auch mit ihnen steht der reine, in seine Freiheit erhobene Mensch in einem höheren Zusammenhang. 

Keine bloß ästhetische Betrachtung läßt ihn ihren Anblick genießen. Ein wunderbares Leben, ein heiliges Geschick ist zwischen ihm und ihnen. Er drängt sich nicht in ihr Wesen ein, er zieht es nicht selbstherrlich in das eigene. Es bleibt das Andere und Gegensätzliche. 

Aber in der Harmonie der reinen Begegnung ist das Göttliche gegenwärtig. "Die Anorganische Natur, wenn sie rein gefühlt wird, vom rein organisierten, rein in seiner Art gebildeten Menschen, gibt ihm das Gefühl der Vollendung," sagt Hölderlin.

Walter F. Otto in "Der Dichter und die Alten Götter"

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Daraus, meint übrigens Hölderlin, erwachse die religiöse Haltung von selber. Die von ihrem Wesen her durch die Geschichte nur bestätigt werden könne, wo sie bereits Überzeugung wäre. Für die Bildung plastischer Vorstellungen braucht es Beweise, Gründe - nicht aber für dieses unmittelbare "heilige" Gefühl direkter Anschauung.
Da hört man sogar Schopenhauersche Sätze aus seiner Erkenntniskritik: der (passive, leidende) Verstand vermag nur zu bestätigen, was der Wille ihm aufträgt, den angeschauten Dingen zu unterlegen. Die wahre Erkenntnis aber gehe aus einer Anschauung hervor.

Und es bestärkt die alte, gerade auch aus Geschichtsbetrachtungen so erstaunlich deutliche Einsicht, daß der Mensch zu allererst mit religiösen Fragen beschäftigt war - und weil sich in jedem Menschenleben dem Sinne nach die Geschichte selbst wiederholen möchte: in jedem einzelnen Menschen auch heute noch. Was zu vergessen man neigen könnte.

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Mircea Eliade zeigt in "Das Heilige und das Profane", daß sich dies auch an der Siedlungsgeschichte, der Entwicklung menschlicher Ansiedlung belegen läßt: die sämtlich vom religiösen Zentrum ausgehen. Erst wo es ein solches gab, erst nachdem ein solches geschaffen wurde, ließ sich der Mensch nieder. Wo Gott in seiner Mitte war. Täuschen wir uns nicht: auch darin hat sich NICHTS verändert! Der Mensch sucht nach wie vor in allem, was er tut, ERST metaphysische Rücksicherung. Sein Suchen hat nur ein anderes Gesicht angenommen, sodaß das Zeitalter des aufgeklärten Menschen gar nicht viel anderes war und ist als das Zeitalter der Verschleierung und Umbenennung der wirklichen Zusammenhänge der Welt, auf daß seine Religion aufgelöst werde.

Es haben sich aber nur die Namen geändert. Nicht die Menschen und ihre wirklichen Lebensbezüge und Lebensvollzüge. Sie, freilich, wurden nun orientierungslos, unbestimmt, der Dämonie ausgeliefert. Sie waren und sind nicht gewöhnt, mit gefälschten Etiketten zu leben: mit jedem Menschen beginnt die Welt ja neu - an ihrer Wurzel.

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Ist im Anfang Religiosität und Alltag gar nicht unterschieden, weil Religiosität alles Tun und Leben durchwirkt, so bringt die Ausdifferenzierung und Bewußtwerdung allmählich eine Zweiteilung von Heilig und Profan, und so erst erwächst diese Widersprüchlichkeit der beiden. Damit verliert die Religion ihre ursprüngliche Überzeugungskraft, der Mensch beginnt nach ihrer Legitimität zu fragen. Und doch läßt sie sich nicht austreiben: Die Religiosität flüchtet "vor dem Verstande in die Träume," nimmt allerlei befremdliche Formen an, und stellt ihrerseits den Verstand in Frage, nicht durch Gegenargumente, sondern durch das Gefühl der Unseligkeit, das mit der Ausbreitung des profanen Lebens, trotz aller Lobreden auf den Fortschritt, immer verbunden ist. 

Zitate von Walter F. Otto


*290810*