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Samstag, 4. Juni 2022

Wieder ziehen die plündernden Horden über die Steppe (3)

Steppenreiter machen ihre Beuteräume menschenleer. Die Herrschaft, die sich ihr Volk erfindet - Genau das hat sich Franz von Vitoria in Spanien auch überlegt, und hat damals etwas gewagt, das uns unerhört erscheinen mag, damals aber offenbar gar nicht so gesehen wurde. Obwohl in Philip II. ein König (die Kaiserwürde hatte man da schon an die Familienlinie der Habsburger in Österreich zurückgehen lassen) am Thron saß, der nicht mit sich spaßen ließ, ging es um geistige Subversion, hielt der heute "Vater des Völkerrechts" genannnte Universitätslehrer mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. 

Daß er nämlich die Monarchie dieses (also König Philipp's) Zuschnitts NICHT als die ideale Verfaßtheit eines Staates sah. Zu leicht kann das in eine Absolutheit und Deifizierung kippen, wie es dann hundert Jahre später auch in ganz Europa begonnen hat zu geschehen. Aber dann? 

Was, wenn der König zum absoluten Tyrannen wird? Was, wenn er sein Reich für seine persönlichen und schändlichen Interessen mißbraucht, wie es die Habsburger ja auch nicht gerade selten praktiziert haben? Was hilft den beherrschten Menschen dann noch? Sie sind ihrem Monarchen total ausgeliefert, und die Kirche kann das nicht mehr korrigieren (wie Josef II. es in Wien dann auch bewiesen hat.) 

Samstag, 7. Januar 2017

Als Spanien durch Gold arm wurde

Als Karl V. die Schlacht von Pavia 1525 gewonnen hatte, fiel ihm auch der französische König Franz I. als Gefangener in die Hände. Das Lösegeld, das er von den Franzosen verlangte, war für damalige Verhältnisse gigantisch: 1,2 Millionen Goldkronen. Die französischen Noblen mußten das ganze Land regelrecht durchkämme, um diese Summe zusammenzubringen. Die Spanier brauchen 4 Monate, um diese Menge an Münzen nur zu zählen!

Die Folgen waren katastrophal, und zwar nicht für die Franzosen, sondern für ... die Spanier! Bei denen die Goldlieferungen aus Südamerika noch nicht wirklich begonnen hatten. Zuerst einmal stiegen in ganz Spanien gewaltig die Preise. Schon drei Jahre später erhielt man für die gleiche Summe Goldes nur noch die Hälfte Ware. Die Folge war, daß man überall begann, Waren aus Frankreich zu importieren. Damit (und in Zusammenhang mit dem Abfluß von jungen Männer, die nach Südamerika gingen, um ihr Glück zu suchen; man schätzt, daß 15 % der spanischen Bevölkerung von vielleicht 8 bis 9 Millionen Menschen - und gerade die produktivsten Teile davon - auswanderten) versiegte in Spanien die Produktion, während der Importsog immer stärker wurde.  Vom spanischen Gold wurden die andren reich. Die Niederlande, Frankreich, und bald die Engländer.

Dazu kamen die ständigen Kriege, die die wachsenden und bald riesigen Goldimporte (speziell nach den Funden in Peru) verschlangen, sodaß sich das Land trotz der enormen Geldzuflüsse immer mehr ver- und bald  nur noch überschuldete und alle 5-15 Jahre in Konkurs ging. Die Schuldzinsen (Niederlande!) überstiegen bald alles, was der Goldstrom ins Land schiffte, waren ein Faß ohne Boden. Nichts von dem Gold wurde nachhaltig in Produktion investiert, anders als in den genannten europäischen Ländern. Das Gold hatte dazu verführt, an sich als Vermögen angesehen zu werden. Ein schwerer Fehler. Denn niemand wollte noch arbeiten, und keiner sah, daß alles Gold ständig aus dem Land floß, keiner begriff, daß jede Form von Geld - auch Gold - nur Wert durch Arbeit hat. Die ersten diesbezüglichen Theorien entstanden in ... Frankreich.

Der Zustrom von Waren aus Europa und aus Südamerika deckte bald den gesamten Inlandsbedarf. Weite Teile Spaniens verödeten sogar, Wüsten entstanden oder wuchsen, weil das Land nicht mehr bebaut wurde. 10 % der Bevölkerung gingen überhaupt gleich ins Kloster, deren geistiges Niveau ständig fiel, sodaß sich Figuren wie Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz zu radikalen Reformen gezwungen sahen. Nur die Dichtung blühte, auch die niedrigsten Niveaus (gegen die sich ja Cervantes so spitzfindig wandte), weil der Bedarf nach Theater und (oberflächlicher) Vergnügung groß war.

Während des 16. Jhds. wurde die Wirtschaft Spaniens so nachhaltig ruiniert, daß dieser Scheingewinn von 1525 als Startschuß für eine Entwicklung gesehen werden muß, von der sich das Land jahrhundertelang, ja vielleicht bis heute nicht mehr erholte. Während die Wirtschaft Frankreichs vor allem durch die Exporte nach Spanien aufblühte und jene Basis schuf, auf der das Land in den kommenden 150 Jahren zur mächtigsten europäischen Großmacht aufsteigen konnte, dessen Kultur den Kontinent tief prägte.

***

Aber man muß historisch gerecht sagen, daß ganz Europa von der Mitte des 15. Jhds. an von einer bis heute nicht ganz erklärbaren Preissteigerung gezeichnet war. Die Bevölkerung wuchs stark, damit das Warenangebot weil die Arbeitsleistung, meinen die einen. Aber alles erklärt die Inflation nicht wirklich. Denn Geld war im Gegensatz dazu ein knappes Gut! Das würde also eher auf Deflation hinweisen. Warum aber stiegen dennoch ab 1460 überall die Preise? Weil die Münzverfälschung (durch Senkung des Edelmetallgehalts) immer häufiger wurde? Heinrich VIII. in England 100 Jahre später konnte sich phasenweise überhaupt nur durch diese Form der Enteignung der Bevölkerung über Wasser halten.

Häufig machte man die entstandenen Großkonzerne - Handelshäuser wie die Fugger, die Hochstetter, oder die Welser - dafür verantwortlich. Denn die Tauschwirtschaft, die zuvor wenigstens den regionalen Wirtschaftsbereich getragen hatte, wurde durch den über den Handeln Europa überschwemmenden Waren aus aller Welt in eine Geldwirtschaft umgewandelt. Der Tod des Feudalwesens, der Tod des alten Landadels war unausbleiblich, die ihre "Einkommen" aus den Lehen seit je in Arbeitstagen und Warenlieferungen bestritten hatten. Alle diese Importwaren konnten aber nur durch Geld erworben werden. Der Geldumlauf stieg überall rasant.

Diese Nachfrage nach Geld (das es nach wie vor nur in Form von Edelmetall gab) machte den Gold- und Silberbergbau enorm profitabel. Aber er war gleichermaßen in den Händen dieser Handelshäuser. Nur die hatten das Investitionskapital. Und die Beziehungen zum Kaiser. Die ersten Arbeiterstreiks brachen 1524 aus, als die Minenarbeiter in der Slowakei und in Tirol (Hall), die ihre Stunde gekommen sahen, höhere Löhne verlangten. Dazu muß man wissen, daß der Bergbau alleine im Reich Karls V. hunderttausend Menschen alleine in Deutschland beschäftigte, deren Familien ernährte. Damit stiegen die Preise weiter, auch für die Waren die die Minenarbeiter kauften. Zugleich kam es lokal zu Aufständen der einfachen Bevölkerung, wie in Südtirol, die ein Vorgehen der Obrigkeiten gegen die Monopolisten verlangten, damit auch sie an diesem Reichtum teilhaben konnten. Und zwar OHNE - wieder: bei Banken, die genau diesen Häusern gehörten! - Kredite aufnehmen zu müssen. 

Nur mit teilweisem Erfolg. 1525 bekräftigte Karl V. im Edikt von Madrid die Politik der Monopole, zumindest gegenüber den Fuggern, diesem Weltkonzern, und einigen anderen deutschen Häusern. Denn die Türken standen in Ungarn, der Papst brauchte ebenfalls Geld um die Ungarn im Abwehrkampf zu stützen, und dieser Bedarf nach Krediten machte die Argmentation der Fugger, daß nur Monopole die hohen und risikobehafteten Investitionen in Minen möglich weil in Summe rentabel machten, ziemlich überzeugend. Aber Karl schätzte überhaupt den Wert der Fuggerschen Bergbauaktivitäten (Gold, Silber, Blei, Quecksilber, Eisen, Kupfer, Zinn, etc.) als Rückgrat der gesamten deutschen Wirtschaft - und seiner Politik! - ein, und damit auch für seine Steuereinnahmen im Land. Die Stimmungslage unter der deutschen Bevölkerung aber wurde immer angespannter.




*151116*

Donnerstag, 16. Juni 2016

Kampf sehr starker Naturen

Papst Sixtus V. (1521-1590)
Die Abneigung, ja der Haß des Papstes Sixtus V. gegen den spanischen König Philipp II. generell, und gegen dessen Botschafter im Vatikan, Graf Don Enrigo speziell, war legendär und bekannt. Angeblich hat der Ärger über den spanischen Botschafter Don Enrige den Papst sogar ins Grab gebracht, aber das ist wohl übertrieben. Beigetragen hat er aber sicher.

Beide Männer des späten 16. Jhd. waren dabei sowieso höchst unduldsame, reizbare und unnachgiebige, herrische Charaktere. Deshalb schlug die Großmannssucht und Arroganz, die die Spanier an den Tag legten, dem Papst schwer aufs Gemüt, denn er konnte kaum etwas dagegen sagen. Immerhin war das Spanien des Philipps II., in dem er seinem Vater Karl V. als König gefolgt war, so groß und reich und mächtig, daß der Papst schon deshalb stets einen auskömmlichen Weg suchen mußte. Weil er von den Spaniern ja lebte. Aber es fiel ihm nicht leicht ...

In einer in Madrid aufbewahrten Handschrift finden sich etliche Anekdoten, die daraus erstanden und die der spätere Staatskanzler Olivares - eine der wichtigsten europäischen Figuren des 17. Jhd. -, niederschreiben hatte lassen. Und die den Anspruch der Spanier, den sie aus ihrer politischen Macht ableiteten, recht deutlich machen. 

So sei bei Banketten im Vatikan üblich gewesen, daß Botschafter Don Enrige ständig mit der Tischglocke nach Dienern läutete, wenn er etwas wünschte, und ihnen Aufträge erteilte. Das war nicht nur ein Affront gegen die Gastlichkeit, sondern dem offiziellen Protokoll nach war die Tischglocke überhaupt nur den Kardinälen und dem Papst vorbehalten.

Also schickte Sixtus V. einen Diener zu dem Spanier, der ihm die erst noch höfliche Bitte überbrachte, er möge doch fürderhin das Läuten der Glocke unterlassen, es sei Angelegenheit der Kardinäle und Gastgeber, sich um sein Wohl zu kümmern. Dieser höflichen Bitte entsprach der Spanier natürlich nicht. Also schloß sich der französische Botschafter mit einer Petition an (der den Spaniern sowieso nicht wohlgesonnen war). Als auch das nichts nutzte, und um noch eins draufzusetzen, gab der Papst schließlich ein Breve heraus, in dem er Don Enrigo kirchliche Strafen, im Extremfall sogar die Exkommunikation androhte - wenn dieser die Tischklingel nicht in Ruhe lasse.

Der Spanier war empört, und insgesamt dreimal lief er in höchstem Zorn zum Papst, um die Rücknahme dieser Ungehörigkeit zu verlangen. Immerhin sei er der Botschafter des größten Herrschers des Erdenrunds, und der spanische Anteil an den Einnahmen der Kurie betrage mehr als alle übrigen Einnahmen zusammen. Dabei hatte der wütende Spanier sogar noch die wenig charmante Art, sich ständig zu "versprechen", indem der den Papst nicht mit "Eure Heiligkeit" sondern "Eure Undankbarkeit" ansprach. Aber der Papst gab nicht nach, der Spanier durfte fürderhin die Tischglocke nicht mehr angreifen. 

Aber der gab sich keineswegs geschlagen. Denn nun gab er jedesmal, wenn er einen Wunsch an die Dienerschaft hatte, einen Pistolenschuß ab, was nicht nur die Tischgesellschaft in Schrecken und Verwirrung, sondern auch die Nachbarschaft in Rom regelmäßig in hellste Aufregung versetzte. 

Schließlich gab sich der Papst geschlagen. Er sandte neuerlich einen Diener zum Botschafter Phillips II., nachts. Um diesem mitzuteilen, daß der Papst bereit sei, das Privileg der Tischglocke wieder zu gewähren, wenn Don Enrige sich verpflichte, dieses Herumgeschieße mit der Pistole zu unterlassen. 

Seitdem besaßen die spanischen Botschafter beim Heiligen Stuhl das Privileg, die Tischglocke zu bedienen.




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Sonntag, 14. Dezember 2014

Ohne Glaube kein Staat, keine Bildung

Es ist ja gar nicht uninteressant, daß in der Politik so viel von "Bildungsreform" und der Notwendigkeit von Bildung die Rede ist. Denn hier wird der Finger tatsächlich auf eine Wunde gelegt, die - staatsgefährdend ist, und zwar ihn in dessen Wurzeln angreift. Denn Staat ist nur möglich, wenn ein Volk sich in einer (inneren!) Einheit zu einem Ganzen - in seiner schönsten, größten Form: dem Staat, als quasi personale Nachbildung der Ganzheit Gottes, des Seins - zusammenfindet bzw. -fand bzw. -finden will. 

Wenn aber, wie heute, Glaube und Wissen auseinanderfällt, wenn von einem angeblich möglichen "säkularen Staat" mit einer in die Privatkammern verbannten "Religion als Privatsache" als Beiwägelchen (oder nützliche Erscheinung, bestenfalls),  dann zersetzt das unweigerlich jeden Staat. Weil aber nicht mehr von der Bedeutung der Religion - und zwar: einer geeinten Religion - gewußt wird (gewußt, nicht geglaubt), versucht man Einheit des Wissens "durch Bildung" (die man auf Schule etc. reduziert) herzustellen. 

Ein unmögliches Unterfangen.

Und eine Anzeige des Unwissens, das längst in der "institutionalisierten Bildung" herrscht. Wir erleben derzeit also die letzten Todeskämpfe des aufklärerischen Irrtums, an dem wir ersticken. Während alles zerfällt, in religiösen Pluralismus, in Beliebigkeit, gar in Atheismus, was einen Staat und Bildung überhaupt ausmachen weil formieren KANN.

Man wirft Karl V. bzw. seinem Sohn Philipp II. gerne vor, daß sie in religiösem Wahn die Inquisition eingeführt, ja von staatlichen Obliegenheiten nicht getrennt hätten. Es wird Zeit, sie mit den rechten Lorbeerkränzen zu belobigen. Denn DIE wußten noch, wie die Dinge zusammenhängen, und was deshalb einen Staat erhält - oder zersetzt. Und wird er zersetzt, so offenbaren sich schreckliche und oft lange Zeiten des Übergangs, die von Gewalt und Terror und Totalitarismus gekennzeichnet sind.

Was man von heutigen Politikern und Bildungsquatschern nicht mehr sagen kann.




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Dienstag, 28. Mai 2013

Das Heilige Experiment (4)

 Teil 4) Das Ende des Experiments ist das Ende der Jesuiten. Fast.




Das Ende des Heiligen Experiments kam aber nicht nur durch Intrigen am spanischen Hof, durch staatliche Behörden, irrationalem Neid und die Gier weißer Siedler, sondern vor allem seitens der Kirche selbst. Dabei hatte der Borbone auf Spaniens Thron, Philipp V., 1743 nach eingehender Prüfung durch Ministerialen vor Ort und in Spanien die Reduktionen - die u. a. all die Legenden und Verleumdungen über die Profitgier der Jesuiten entkräfteten, darunter die von einem sagenhaften Goldschatz der Jesuiten in Paraguay" - vermeintlich ein- für allemal bestätigt. 

Doch da kam es im Vertrag von Madrid 1750 in Abtauschgeschäften zu neuen Grenzziehungen zwischen Portugal und Spanien in Südamerika, getragen bereits von tiefem Haß auf die Jesuiten, die auch das Jesuiten-Gebiet auseinanderreißen, dabei die blühendsten Reducciones an Portugal abtreten sollten. Erstmals kam es zu einem Versagen der Autorität der Jesuiten, die Guaranis folgten ihnen nicht mehr, sondern ein Selbstverteidigungsreflex machte sich breit. Und sie weigerten sich nicht nur, die Siedlungen zu verlassen, sondern erhoben sich gegen die Portugiesen.

Da bildete sich eine seltsame Allianz der Todfeinde - Spanien half Portugal, den Aufstand 1754 und 1756, wo er in Schlachten kulminiert war, brutal niederzuwerfen. Als die Portugiesen nach dem Ende des Gemetzels bemerkten, daß sich in den Reduktionen keineswegs die kolportierten Goldschätze häuften, wollten sie das Tauschgeschäft mit Spanien sofort rückgängig machen, was Spanien verweigerte, woraufhin Krieg ausbrach. An diesem wurden ... die Jesuiten für schuldig erklärt, selbst vom spanischen Jesuitengeneral. Plötzlich waren sie also Rebellen.

Was war passiert? In einer Art Massenpsychose waren die Jesuiten europaweit durch gezielte Verleumdungspropaganda zu wahren kollektiven Haßobjekten geworden. Das ging so weit, daß sich selbst der Papst dazu hinreißen ließ, die Vernichtung der Jesuiten zum Gebot der Stunde zu machen. 1764 wurden die Jesuiten aus Frankreich vertrieben, dasselbe für Spanien konnte gerade noch abgewendet werden. Da wurde 1766 ein Attentat auf Karl III. verübt, das man wieder nachweislich falsch den Jesuiten in die Schuhe schob. 1767 wurden alle Jesuiten Spaniens ausgewiesen, 2617 Missionare im gesamten überseeischen Reich, von Südamerika bis zu den Philippinen, verhaftet. Die Padres der Reduktionen wurden in Buenos Aires in den Kerker geworfen, und 1768 nach Spanien verfrachtet.

Weil aber der Kirchenstaat (!) sich weigerte, sie aufzunehmen, kreuzten sie monatelang bleibelos auf dem Mittelmeer, bis ihnen Korsika Zuflucht gewährte. 1773 hob Papst Klemens XIV. die Societas Jesu weltweit auf. Wäre nicht in Rußland und Preußen aus naheliegenden Gründen jeder päpstlicher Ukas ignoriert worden, gäbe es sie heute gar nicht mehr. Denn aus diesen Ländern heraus haben sich die Jesuiten später wieder restrukturiert. Mit ihrem Verschwinden aus Amerika aber zerfiel auch Spaniens Weltreich, und mit ihrer versuchten Auslöschung schwand die Liebe aus der Mission. Es blieben nur noch auszubeutende Kolonien, deren Besitzer das Heilige Experiment immer ein schmerzhafter Gewissensdorn gewesen war.

Die Guaranis waren verzweifelt, als die Jesuiten verhaftet wurden. Die Reducciones, soweit sie nicht ohnehin bereits verwüstet waren, verfielen schnell, und die Indios wurden versklavt. Damit schritt der wirtschaftliche, sittliche und biologische Niedergang unaufhaltsam voran. Es kam noch da und dort zu kleineren Revolten, aber ohne Erfolg. Teils flüchteten sie in die Wälder, oder verkamen in den Städten. Aber sie versanken insgesamt in jene Apathie, die Vorstufe und -bedingung zum Aussterben ist.

Als Steyler Missionare 1910 in diesen Gebieten wieder beginnen wollten, das Christentum zu verkünden, waren sie erschüttert: Sie sahen sich in der Stunde Null. Sie fanden nur noch leere Ruinen.






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Montag, 27. Mai 2013

Das Heilige Experiment (3)

 Teil 3) Ein Muster wirklicher Entwicklungshilfe, 
das aber an menschlicher Schwäche scheitert




Das ganze Leben in den Reducciones kreiste aber um Religion. Die Indios besuchten gerne und täglich die Messe, und kein Tag klang ohne Abendandacht aus. Ihr ganzes soziales Leben wurde umgemodelt: die Vielweiberei erlosch, die völlige Vernachlässigung der Kinder - von Familien konnte man gar nicht sprechen - wich einer Erziehung, und nach und nach wurden Ehen üblich, auf freier Partnerwahl. Mit einer Konzession an früher: es war die Frau, die wählte. Aber es erwies sich auch hier, daß die Polygamie eine Degeneration der Geschlechtsgemeinschaft in die beliebige Formlosigkeit ist, nicht eine "freiere Vorstufe".

Die Jesuiten wußten, daß es sinnlos war, einem Nomadenvolk eine "Demokratie" bzw. eine hochentwickelte Staatsform überzustülpen wie einen Konfektionsanzug. Die Guarani waren einfach maßlos faul und träge, wie es von den meisten (wilden) Indianerstämmen bekannt war, und wollten nur tun, was ihnen gerade Spaß machte. 

Die Menschen mußten erst höhergeführt werden, und das gelang: Binnen 80 Jahren wurde aus einer primitiven Kazinkenherrschaft (der alten Dorfhöchsten) und Hordensoziologie eine Selbstverwaltung nach spanischem Muster, die selbstverständlich auch Tribute und Steuern zahlten, ja in Kriegen (wie mit Portugal) sogar besonders zuverlässige und tapfere und freiwillige Truppenkontingente stellten, in denen sie von Laien aus ihren eigenen Reihen geführt wurden und keinen Sold verlangten.

Und obwohl die Guaranis das Privileg des Waffenbesitzes hatten, kam es nie es auch nur zur geringsten Insubordination. 7-12.000 Guaranis kämpften so in über 50 Auseinandersetzungen für die spanische Krone, bei einem Einwohnerstand, der sich von insgesamt rund 28.000 innerhalb der Reducciones auf bald 100.000, ja mit einem Höchststand von 130.000 sogar, entwickelte.  Übrigens mit interessanten Schwankungen, auch durch eingeschleppte Krankheiten.

Sie blieben damit übrigens auch der einzige Indianerstamm ganz Amerikas, der sich - bei erheblichen Schwankungen - über die Zeit damals vermehrte, nicht verminderte oder verschwand. BIS zur Auflösung der Reducciones 1768. Denn dann schwand auch ihre Bevölkerung rapide, bis 1801 nur noch 300 (!) gezählt wurden.

Eine Ordnung, in der sich die Befähigungen der Einzelnen aus ihrer Sittlichkeit allmählich heranbilden mußte - zu späteren Bürgermeistern und Schreibern, Richtern und Ratsherren und Polizisten.

In ihrer jeweiligen dörflichen, klar patriarchalischen Ordnung waren die Guaranis hingeordnet auf den Pfarrer, dem von allen geliebten und glaubwürdigen Hort der Gerechtigkeit und des geordneten Wohlergehens, dem Schutz auch gegenüber schlechten Regeln des eigenen Stammes. Dabei erwies sich das jesuitische interne Ordenssystem als besonders fruchtbar, weil es die Vielfalt und charakterliche Prägung der Einzelnen hervorragend nützte. Wobei sich herausstellte, daß deutsche Pater - die bald ein Viertel der Missionare stellten - bei den Indios ganz besonders beliebt waren. Die rund 80 Pater, die eingesetzt waren, wurden immer als eine erstaunliche Mannigfaltigkeit der Individualitäten gerühmt.*

Natürlich gab es auch Straftaten und Strafen. Sie orientierten sich an Strafsystemen für Kinder: Stockhiebe auf den Allerwertesten etwa, oder in schweren Fällen (begrenzt auf 10 Jahre) als Gefängnisstrafe, die VOR ORT, also im Dorf, in dem der Täter gelebt hatte, zu büßen hatte. Eine Todesstrafe gab es nicht, wohl aber eine Ausweisung aus dem Gebiet. Alle Berichte erzählen, daß die Indios das Strafsystem als gerecht empfanden, ja mit Genugtuung zur Kenntnis nahmen und sogar forderten.

Man verlangte von den Menschen also nicht, was sie gar nicht leisten konnten. Auf den Säulen patriarchaler Struktur aber bildete sich Wohlstand und friedliches Leben. Das immer mehr Neid und Mißgunst erweckte, auch in Europa, immer wieder als verschwörerisches Treiben verleumdet wurde, bei dem die Jesuiten der Machtlüsternheit und unersättlicher Geldgier bezichtigt wurden. Der Hintergrund war freilich ein anderer: Denn der immer drängender aufkommenden "modernen Zeit" des maßlosen und wurzellosen Individualismus, der Gier, ja auch des Protestantismus, denen allen die Welt auszubeutendes weil an sich wertloses ("gefallenes") Nutzgefäß war, standen die Jesuiten auf der Grundlage ihres strengen Gehorsamsgebots eindeutig entgegen.

Nie ist das quasi von selbst zusammengewachsene Reduktionsgebiet in Südamerika ein Staat gewesen. Die Jesuiten hatten keinerlei entsprechende Befugnis, und auch nie die Absicht. Der König war für die Indios ohnehin höchst willkommene, natürliche Verkörperung des Weltengesetzes der Dreifaltigkeit, des Höchsten Gottes. Nicht anders hatte man ja in Europa bis ins 18. Jhd. empfunden.

Alle zivilisatorische Entwicklung - die erste Entwicklungshilfe also, die diesen Namen wirklich verdient - aber sollte  nur einem dienen: der Höherentwicklung des religiösen Lebens. Das aber eine Grundlage bereits in der kulturellen als persönlichen Sittlichkeit haben muß. Man kann Religion nicht einfach überstülpen, sie kann nur auf natürlicher Religiosität anwurzeln.


*"In Geduld unüberwindlich, in ihrem Tun und Lassen starkmütig, in dem Umgang mit den Leuten freundlich, in Sitten ernsthaft und an Tugenden bewährt" mußten sie sein. Nicht aber "zarte, gleichsam aus Wachs possierte Männlein, denn die taugen auf die Missionen so wenig als der Haas zum Sturm-Lauffen," erzählen Berichte aus der Zeit. Im besonderen aber mußten die Missionare, die aus Europa hinübergeschickt wurden, Kenntnisse der Landwirtschaft, der wichtigsten Handwerke, Bewandertheit in Heil- und Arzneikunde, und die Beherrschung der Indianersprache aufweisen.



Teil 4 morgen) Das Ende des Experiments ist das Ende der Jesuiten. Fast.



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Sonntag, 26. Mai 2013

Das Heilige Experiment (2)

Teil 2) Keine kommunistische Utopie, sondern Höherführung




Aber für immerhin mehr als 150 Jahre konnten die Jesuiten ihr Bekehrungsprojekt entfalten, das vor allem einmal ein schwieriges Erziehungsprojekt war. Einem nomadisierenden Indianerstamm gegenüber, der in zahlreichen zuverlässigen Berichten als "Kinder" bezeichnet wird, die gedanken- und sorglos in den Tag hineinlebten, Arbeit in unserem Sinn nicht kannten und bewältigen konnten, und zu Recht als schwurunfähig galten, also mit Gesetzen bedacht waren, wie sie in Europa für Geistesschwache, Arme, Witwen und Waisen sowie dauernd Kranken galten.*

Die aber auffallend eines hatten: Eine große, allerdings nur (das dafür mit größter Begabung) interpretierende, nicht aber schöpferische Liebe zur Musik. Jedes Dorf hatte bald eine 40köpfige Kapelle und Chorgemeinschaft, die lateinische Choräle oder Tänze und Lieder darbrachte. Oder die Padres schrieben Stücke, inszenierten Theateraufführungen, oder kreierten wie in einem Fall 70 Ballettchoreographien, die von den Indios mit Begeisterung einstudiert wurden.

Nie nahmen die Jesuiten ab 1609, unter oft schweren Rückschlägen, mehrmaliger Notwendigkeit quasi neu zu beginnen, in ihren Reducciones die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch, sie wollten nur mit dem Evangelium siegen, selbst wenn es zu Anfang einige das Leben kostete. Nicht in den ersten 30 jahren zumindest, ehe sie die Erlaubnis erhielten, sich gegen die zahllosen Banditen und Räuber zu verteidigen, für die diese Reducciones Gier- und Beuteobjekt waren und fortlaufend plünderten und zerstörten, was aufgebaut worden war. Und sie in einer regelrechten Schlacht 1641 besiegten. Daraufhin war für über 100 Jahre Ruhe.

Sie begannen immer mit der behutsamen Einführung in eine andere, seßhafte Lebensform, mit vorsichtiger Gewöhnung an Arbeit, mit der Nachahmung an das vorgelebte Leben der Jesuiten selbst, die selbst, meist als hochgebildete Männer, zu Holzfällern, Zimmerleuten und Saatbauern wurden.

Die eigentliche Christianisierung begann erst ab diesem Zeitpunkt, und unter sorgfältiger Aufnahme alter Vorstellungen, deren religiöser Kern aufgegriffen und neu entfaltet wurde.

Dabei nützten die Padres die Musik- und Spielfreude, worin sich ein neues Band der Zusammengehörigkeit bildete. Und für das sich die Liturgie hervorragend eignete, für deren feierliche, ausgeschmückte Riten die Indios sehr empfänglich waren. Die geistige Abstraktion konnte so auf dem zuerst bereits Erfahrenen aufbauen. Soziales und religiöses Leben wurden so ein Ganzes. Und bald begannen die Indianer sich sogar schon untereinander zu missionieren.

Verfolgung und Zerstörung standen am Beginn - Vertreibung und Zerstörung am Schluß ihres Missionierungswerkes 1768. Mit dem sie aber zeigten, was Europa zu tun gehabt hätte. Dessen Menschen sich aber anders entschieden. Ein Experiment, das mit kommunistischen, aufklärerischen Utopien überhaupt nichts gemein hatte, sondern ein kluges Aufbauen auf dem vorgefundenen Kulturstand, mit behutsamer Weiterentwicklung zu höherer Kultur und damit Lebensentfaltung (größere Steinkirchen folgten erst nach etwa 100 Jahren) bedeutete. Kein Staatsvolk war der Krone mehr ergeben, als diese Reducciones. aber es wurde kein überlegenes Kultursystem einfach aufgepfropft, sondern eine sehr primitive Kulturstufe aufgegriffen, und behutsam weitergeführt.

Wo es Kommunaleigentum gab, war dies bereits eine alte Sitte der Indios selbst, und darin gar nicht unähnlich Europa, wo es auch Kommenden - Gemeindewiesen, -wälder etc. - gab. Diese wurde in bestimmtem Maß weitergeführt, ein Eigentums- weil Verantwortungsbegriff (und vor allem: der Pflicht zur Privatinitiative, die mit Eigentum verbunden ist, und die diese Menschen nicht aufbringen konnten!) mußte sich erst entwickeln. Die Jesuiten bauten also auch hier lediglich auf dem vorhandenen Fundament auf, führten keineswegs einen Kommunismus ein, wie oft dargestellt wird. Daß diese Gemeindegüter (bei zwei Tagen gemeinnütziger Arbeitspflicht pro Woche) freilich auch die eigentliche Versorgungsquelle war und meist blieb, die Privatäcker verkamen, lag eben an der Sittlichkeit der Guaranis selbst, nicht an der Ordnung.

Es gelang in diesen 170 Jahren nicht, die Indianer zu Vorratswirtschaft anzuregen, nur in ganz kleinem Maß zu Privatinitiative. Ein Erbrecht war deshalb obsolet. Sie blieben immer noch eine "Menschheits-Kindheit", wie es ein Pater niederschrieb. Ihre Arbeitsleistung über ein Jahr entsprach etwa dem, was ein europäischer Bauer in vier Wochen bewältigte.

Der Wohlstand der sich bald einstellte, und bald auch in Silber klang, war vor allem der Findigkeit der Padres - und der Geschicklichkeit und Fähigkeit zur Nachahmung der Guaranis - zu verdanken. Bald blühte vielfältigstes Handwerk, und die (kollektive) Rinder- und Schafzucht oder (die kollektiven) Anbauplantagen für Yerba-Tee, Tabak oder Mais brachten durch kluge Bewirtschaftung der Jesuiten höchste Erträge. Sogar eine Druckerei wurde installiert, wo 1705 das erste Buch Südamerikas** erschien.

Auch der Handel blühte. Aber auch der mußte von den Jesuiten durchgeführt werden, denn den Indios fehlte überall jede Eigeninitiative. Wo doch Kontakt mit (weißen) Siedlungen, z. B. durch unvermeidlichen Handel, stattfand, waren sofort die schädigenden, verrohenden Einflüsse durch Verführungen festzustellen, denen die Indianer nicht gewachsen waren. Weshalb er auf das Notwendigste eingeschränkt wurde.



*Natürlich soll diese Passage nicht verstreichen, ohne auf die Tumbheit jener hinzubeißen, die da meinen, welch überlegen Ethik sie selbst nicht verträten, verglichen mit den Vorvätern, und wie erst den Kirchenvätern, die die "Wilden" oft nicht als Menschen bezeichnet hätten. Auch unsere Gesetze kennen die eingeschränkte oder gar entzogene Mündigkeit und damit Handlungsfähigkeit - das "Menschsein" wird auch bei uns definiert und hat - Abtreibung! - eindeutige historische Definition. Nichts anderes war der Kern der damaligen Überlegungen, ohne zu berücksichtigen, daß die materielle Gier vieler sehr darnach verlangt hat, sich jeder menschlichen Gewissenspflicht zu entheben. Es waren die Könige und die Kirche, die diese Pflicht wieder und wieder eingefordert haben! Ohne sie würde es uns heute mit Sicherheit normal erscheinen, den Indianern nach wie vor Menschenqualität abzusprechen. So, wie wir es ja mit Föten oder in der Euthanasie (pardon, "Sterbehilfe" ...) tun. Nur aus dem Transzendenten, als Abbild Gottes, wird der Mensch unabhängig von seiner AKTUALISIERUNG, zu einem in jedem Fall zu Liebenden.

**"Temporal y Eterno" von Pater Nierenberg




Teil 3 morgen) Ein Muster wirklicher Entwicklungshilfe, 
das aber an menschlicher Schwäche scheitert






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Samstag, 25. Mai 2013

Das Heilige Experiment (1)

Durch zahllose Verbote und Gesetze hatten die spanischen (und portugiesischen) Könige versucht, die Landsleute in Südamerika dazu zu bringen, die vorgefundenen Bevölkerung menschlich zu behandeln. Aber Spanien war weit, und die Umsetzung der Gesetze scheiterte an der Gier und brutalen Ausbeitungsabsicht jener, die Europa nicht verlassen hatten, um die Welt zu christianisieren, der Erlösung zuzuführen, sondern die reich und mächtig werden wollten, ohne dafür zu arbeiten. Ausdrücklich waren Sklaverei und menschenunwürdige Behandlung verboten, und die Erlässe wurden sogar durch Todesurteile und Exkommunikation (durch den Papst) gestützt, aber ohne viel Erfolg.

Sämtliche Versuche, den riesigen neuen Kontinent, den dem Abendland entdeckt zu haben man sich im 16. Jhd. allmählich bewußt wurde, durch dem europäischen Lehenssystem (ein Gewährsmann des Königs übernimmt treuhänderisch Aufbau und Verwaltung eines Gebiets) ähnliche Gebilde zu organisieren mündeten in der nicht zu kontrollierenden Praxis neue Instrumente der brutalen Unterdrückung. Denn welche Europäer verließen den Kontinent? Die Abenteurer, die Gierigen, die Wurzellosen, denen das Leben in Europa zu mühsam war, die Nervenkitzel und Reichtum suchten. In einem Europa, in dem der Adel ja bereits sinnlos wurde, weil Beamtenmechanismen ihn verdrängten.

So wurde für die Indios Christianisierung zu einem Synonym für Unterdrückung und Sklaverei. Schon die Vorstellung eines Paradieses, in dem sie mit eben diesen Spaniern und Portugiesen neuerlich und auf ewig zusammengesperrt sein würden - Sklaverei für immer! -, war ihnen ein Greuel, welche Perspektive sie nicht selten den Freitod einer Taufe vorziehen ließ. Eine Christianisierung war so gut wie aussichtslos.

Den Orden, die den Kontinent (mit nur wenigen Priestern) christianisieren, den Menschen die Freiheit des Christen bringen wollten, war dies wohl bewußt. Ihre Bemühungen mußten scheitern. Was die Indios erfuhren, hatte mit Christentum nichts zu tun. Und die Erlässe der Könige, die immer wieder menschengerechte Behandlung der Einwohner der Neuen Länder verlangten, waren nicht durchzusetzen.

Also schlugen die Jesuiten einen Versuch vor: Man mußte die Identifikation von Christentum mit Europäern verhindern. Man mußte die Indios für sich lassen, und an der natürlichen Religiosität ansetzen, um von dort aus die Liebe Christi begreifbar zu machen. Als vollkommene räumliche Trennung von Kolonisten und Indianern hieß das auch für die zweifellos gut meinenden, verantwortungsbewußten Könige ein großes Wagnis eingehen: das Land konnte genau so gut erst recht in Chaos versinken. Schließlich stimmte aber die Krone zu.

Das "Heilige Experiment" der Jesuiten in der (als damalige Provinz flächenmäßig weit größer als der heutige Staat) Paraguay konnte beginnen. Nie als Staat konzipiert, sondern als Konzept des Kulturaufbaus, der Verbreitung der Liebe Christi. Der (spanische) Habsburger Philipp III. räumte das Gebiet vom Ober- und Mittellauf der Flüsse Paraná und Uruguay ein, dem Gebiet der Guarani-Stämme, streng separiert von der Welt der Weißen, ausschließlich dem missionarischen Einfluß der Jesuitenpatres ausgesetzt. Das sonst am Kontinent eingeführte Kommendensystem wurde dort für ungültig erklärt, in dem - ähnlich dem strukturellen Aufbau der europäischen Kultur seit je - eingesetzte Landherren ein gewisses Gebiet verwalten und ordnen sollten. Nominell und ausdrücklich mit Verbot von Sklaverei und unbezahlter, unfreiwilliger Arbeit. Das aber in der Praxis zu rücksichtsloser, brutaler Ausbeutung geführt hatte. 

Von 1607 an, in immer weiteren Erlässen und Ausführungen weiter ausgeführt und gestützt, wurden sämtliche Indianer dieser Gebiete von allen "servicio personals", von allen Tributen und Arbeitsleistungen* befreit, alle diese Pflichten reduziert. Mit diesen "Reducciones", diesen aus dem Allgemeinsystem herausgelösten Dörfern und Gebieten, wie mit allen Versuchen, die brutale Gier der Kolonialisten einzuschränken, zog sich die Krone aber auch jenen Haß der Siedler zu, der später den vielleicht entscheidenden Auslöser für die Unabhängigkeitsbestrebungen der südamerikanischen Länder liefern sollte. Die wie in den USA ja alles andere als "Volksbewegungen" waren, wie eben so gut wie alle "Revolutionen", sondern von so gut wie immer wirtschaftlichen Einzelinteressen getrieben werden. Aber das ist eine andere Geschichte.




*Es stellte sich sofort heraus, daß die Indianer Südamerikas für schwere Arbeit völlig ungeeignet waren. Ausdrücklich war deshalb z. B. Bergwerksarbeit für sie per königlichem Erlaß verboten, denn sie war ihnen wie der sichere Tod. Mit schweren Folgen, denn die "mehr an Sklaverei gewöhnten" Afrikaner ersetzten sie bald. An deren Handel die Niederländer und Engländer und wie erst die Araber bestens verdienten.



Teil 2 morgen) Keine kommunistische Utopie, sondern Höherführung




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