Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Brinton (Crane) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Brinton (Crane) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 9. Mai 2021

Neulich vor einem Jahr (3)

Teil 3) Kapitalismus wird oligarchisch wie der Kommunismus


Das ist jenes Prinzip, in dem der Stärkere, der nun nur noch ein Skrupelloserer ist (somit der von "christlich-ethischen Werten, die die Rücksicht auf den Schwächeren kraft des Hauptgebotes der Nächstenliebe verlangt, befreitere") sich nicht nur durchsetzt, sondern in einem ständigen Wettbewerb mit dem anderen in einem Prozeß der ständigen Akkumulierung von Geld und Kapital steht. Weil immer nur der Stärkere übrigbleibt, der zugleich dann auch der mit weiter konzentrierterer Kapitalmacht wird, die sich von selbst in politische Macht umsetzt.

Samstag, 8. Mai 2021

Neulich vor einem Jahr (2)

 Teil 2) Ein gemeinsamer Feind - die bürgerliche Ordnung


Eine Ordnung, in der sich nicht nur alles von selbst fügt, sondern dem Gesetz der Evolution nach, der Stärkere siegt und siegen muß. Denn nur so ist der Fortschritt im Sinne einer sinnvollen Evolution gewährleistet. Der niemals dulden kann, auch wenn er es vorgibt, daß das Schwache den Gesellschaftston maßgeblich bestimmend existiert. Dies alles sind keine Zuspitzungen, sondern es sind im liberalen Weltbild IMPLIZIERTE Resultanten. Und das heißt, daß er sich immer nicht nur dorthin entwickeln wird, sondern daß diese Ziele mit der Zeit immer wieder explizit werden.

Freitag, 7. Mai 2021

Neulich vor einem Jahr (1)

QR Schießt Reiche tot

Es war der März 2020, als sich bei einer Parteiveranstaltung der deutschen, im Parlament in erklecklicher Zahl vertretenen Partei "Die Linke" diese Szene abspielte: 

Sonntag, 3. Februar 2013

Ägyptische Phasen

Brinton Crane zur Phase, in die eine Revolution nach zwei Jahren eintritt: Als unmittelbaren Effekt des Umsturzes beginnen nach ersten Säuberungswellen die neuen Machthaber, die Lage zu beruhigen. Und schlagen bald einen pragmatisch-gemäßigten Kurs ein, um die Lebensabläufe wieder zu normalisieren, wobei sie auch frühere "Übeltäter" begnadigen.

Das aber bringt sie in Konflikt mit den Hardlinern der ursprünglichen Revolution. Die nachrevolutionäre, gemäßigte Regierung wird des Verrats an den Revolutionsidealen bezichtigt. Es folgt ein Phase der Machtkämpfe, das Land stürzt in tiefe Unruhen, das öffentliche Leben ist lahmgelegt.

Das Land spaltet sich, in die Mehrheit, die zunehmend nur noch Ruhe will, um ihr normales Leben zu führen, sich zunehmend sogar nach den alten Zuständen sehnt, und der radikalen Minderheit, die kompromißlos das Neue will.




***

Mittwoch, 23. Januar 2013

Araber wollen keine Wüste

Vielleicht also kann man dem "arabischen Frühling", den die bis zur Debilität vertrottelte westliche Medienlandschaft ausrief, doch noch eine gute Seite abgewinnen. Denn am Beispiel Ägypten zeigt sich etwas: Das Land wählte mit überwältigender Mehrheit eine religiöse Rechtsordnung zur Grundlage ihrer Lebensführung. 

Die Internetgesellschaft erwies sich also nun als das, was sie ist. Als inhaltsleeres nützliches Idiotentum. Insofern steckt hinter dem leeren Geplappere von "Basisdemokratie" (und wie immer man es nennt) eine gehörige Portion Wahrheit. Denn die völlige Devastierung der Gesellschaftsordnung, die die Technisierung der individuellen Willkür öffnet, bewirkt das breite Aufbrechen chthonischer Bedürfnisse. Und die sind Form und Gestaltwille.

Wenn auch nur ein Drittel der Ägypter zur Abstimmung ging, so spricht dies sogar für eine noch viel breitere Akzeptanz der Sharia als die 64 % Quote der Gewinner aussagt. Denn die Internetgesellschaft der Moderne, die sich hinter dem Nebelwort "Demokratie" einfand, und dabei eigentlich nur eines will, und das aggressiv: daß jede Lebensführung überhaupt aufhöre, weil alle Dinge Mühe bedeuten, ging sicher geschlossen zur Wahl, zum einen. Zum anderen ist genau deshalb Demokratie heutigen Zuschnitts auch bei uns zunehmend reiner Positivismus, Instrument der rationalistischen Veränderungskräfte des Volkswillens, nicht dessen Ausdruck. Die westliche Demokratie tendiert also aus sich heraus zur Selbstauflösung. 

Wie Brinton Crane es aus der Analyse der Revolutionen richtig für alle Revolutionen vorhersagt: Alle enden an ihrem verschärften Ausgangspunkt. Die überwältigende Mehrheit eines Volkes will nie eine Änderung. Bestenfalls die eine oder andere Korrektur, sonst aber einfach in Ruhe leben, arbeiten, heiraten, Kinder gebären, ihr Haus bauen, einen Baum pflanzen, feiern und trauern, lachen und weinen, und sterben.

Wer sein Leben solide und in Verwurzelung führt hat deshalb ohnehin immer nur sehr begrenzt Verständnis dafür, das Bestehende auch erkämpfen zu sollen. Er versteht nicht, warum er alle fünf Jahre wieder und wieder dasselbe zum Ausdruck bringen muß, das er doch bereits ausgedrückt hat. Sein Wort ändert sich nicht je nach Windrichtung und Sonderangebot. Er will tendentiell einfach Ruhe, weil er weiß, daß die Welt in sich ruht. Insofern können die islamistischen Kräfte in sämtlichen dieser Länder in aller Ruhe warte, bis ihnen die Früchte in den Schoß fallen. Die säkulare, technizistische Gesellschaft des Westens, die sich selbst verblendet hat und nicht mehr weiß, wovon sie in ihrer Logorrhoe überhaupt noch redet, führt sich selbst ad absurdum, räumt sich selbst aus dem Weg. Der Kreis, in dem sie geht, endet dort, von wo er ausging: im Nichts.

Mit einer kleinen, aber feinen Unterscheidung: es sind nur die ehemals christlichen Kulturen der Welt, die in ihrem blinden Wahn ihre Selbstzerstörung so konsequent betreiben. Und dabei elegant ihre christlichen Brüder in Ländern wie Ägypten ans Messer liefern. Denn denen ist ihre Lebensführung nicht gleichgültig. Sie wollen aus der Wüste heraus, nicht in sie hinein, wie der Westen. "Nur Engländer lieben die Wüste," sagt König Fejsal zu T. E. Lawrence. Die Araber hassen sie. Weil sie sie kennen.



***

Sonntag, 10. Juli 2011

Ägypten, Phase 3

Gestern traf sich der schon länger aufgeplante Bericht über die Phase 3 der ägyptischen Revolution mit einem aktuellen Filmbericht vom Tahrir-Platz des NDR. Kernaussage: Unzufriedenheit allerorten, alles geht zu wenig radikal, der moderate Kurs wird abgelehnt, auch wenn (Zitat) "keiner weiß, was er wirklich will." Aber man demonstriert. Es soll einfach anders werden.



***

Samstag, 9. Juli 2011

Am Beispiel Ägypten

Die Präzision, in der Crane Brinton den Ablauf einer Revolution analysiert hat, sodaß er zu einem Schema gekommen ist, in welchem Revolutionen ablaufen, ist immer wieder beeindruckend. Und an Studienobjekten in allen Phasen mangelt es ja derzeit nicht – wie zum Beispiel: Ägypten.

Nach einer ersten Phase, in der das alte Regime also gestürzt* ist, kommt die gemäßigte Schichte unter den Revolutionären an die Macht, bestehend aus den ersten Führern der Revolution** - im Militärrat. Sie will eine Normalisierung der Lage, eben unter neuen Vorzeichen. Zuerst wird freilich den alten Machthabern der Prozeß gemacht, das muß sein, denn sonst wäre die Revolution ja im Unrecht! Also muß es die alte Schichte gewesen sein.

Aber diese können in der zurückkehrenden Mäßigung mehr und mehr mit Milde und Vernunft rechnen.

Aber da melden sich nun zwei Parteien: die erste tut es in Ägypten schon sichtbar, wie die Zeitungen schreiben: Es sind die Revolutions-Hardliner. Ihnen geht alles zu langsam, ihnen ist die erste neue Führung zu lax, zu nachsichtig, vermutlich also auch korrupt. Sie verlangen deshalb schärfere Vorgangsweise, wollen rascher die neue Gesellschaft! „Man stiehlt uns unsere Revolution,“ schreien sie. Überall und immer war das so. Das ist also in Ägypten keineswegs neu.

Damit aber kommen die Hardliner in Konflikt mit den Gemäßigten unter den Revolutionären. Damit beginnt die erste Phase deren Rückzugs.

Wer die zweite Partei ist? Warten Sie’s ab … ein kleiner Tip: es hat mit dem alten Regime zu tun, und mit dem Zurückschlagen „konterrevolutionärer Kräfte“. Und dann … aber nun ist’s genug. Schaun sie selber, was passiert.





*Gestürzt von wem? Von den Intellektuellen, der Mittelschichte (als eigentlich Tragende, die zumeist nichts will als unbeschränktere wirtschaftliche Entfaltung, wenn nicht gar Raub), und Figuren aus dem alten Herrschaftskreis, die sich von diesem aber distanzierten, warum auch immer; wobei ein Initialfall als Auslöser diente, der erst die Massen mobilisierte

**In Ägypten kann man durchaus das Militär zur übergelaufenen, alten Führungselite rechnen – Brinton beschreibt es sehr schön: Aus ihr rekrutieren sich Menschen, die an die Sinnhaftigkeit eines Verteidigens der alten Führung nicht mehr glaubt. Genau das ist passiert. Im Grunde war es in Ägypten das Militär, das die Revolution ermöglicht hat.

***

Dienstag, 31. Mai 2011

Diese Biester

Crane Brinton erzählt eine Anekdote aus der Zeit der russischen Revolution: Der Anarchist Alexander Berkman, unter dem Zaren zum Tode verurteilt und deshalb ins Exil geflohen, kehrte in der Zeit der Verstaatlichung allen Besitzes unter Lenin (1922) begeistert nach Rußland zurück, um der edlen Idee endgültig zum Sieg zu verhelfen. Er landete per Schiff in Leningrad (St. Petersburg), wurde dort von einem Sekretär von Lenin empfangen, und reiste mit diesem per Eisenbahn durchs Land, wo alles nun allen gehörte. In Moskau angekommen, wollte er in die Straßenbahn - die damals noch von Pferden gezogen wurde - umsteigen. Aber zu seiner Überraschung verlangte der Kondukteur Fahrgeld. Berkman traute seinen Ohren nicht. Er wandte sich empört an seinen russischen Begleiter, was denn das solle! Ob er Mann nicht wisse, daß jeder Bürger das Recht habe, ...

Moskau 1920 - Puschkinplatz
Der zuckte mit den Achseln: die Straßenbahn sei privat geblieben, er müsse wohl oder übel zahlen.

Berkman war konsterniert. Aber warum?! Noch dazu ein so wichtiger Betrieb, der die Güterverteilung in der Hauptstadt sicherstelle (die Straßenbahn hatte damals auch Güterwaggons; Anm.)?

Der Sekretär kaufte die Tickets, setze sich zu ihm, und raunte: "Wissen Sie, wenn die Menschen von uns nichts zu essen bekommen, dann kommen sie trotzdem irgendwie durch, das haben wir gesehen. Aber wenn man die Pferde nicht füttert, dann krepieren diese Biester! Also konnten wir sie nicht verstaatlichen. Naja, was soll ich sagen ... wir brauchen die Straßenbahn!"

Deshalb, so Brinton, sollte man gut überlegen, wenn man eine Revolution plant, ob man zu den Menschen gehört, oder zu den Pferden. Wenn man genauso verrückt ist - oder so empfindlich - wie Pferde, sollte man es eher lassen. Nur Menschen können auch ohne Nahrung überleben.

***

Donnerstag, 26. Mai 2011

Alles ist ganz ganz anders - (Revolutionen II)

2. Teil) Revolutionen sind aber vielleicht eine notwendige Kraftabfuhr


Wichtig für Europa, und Österreich, ist es vor allem zu begreifen, daß wir uns nicht NACH einer Revolution befinden, sondern in einander überlappenden Phasen einer immer noch nicht abgeschlossenen Revolution. Ja man muß gerade vor dem Hintergrund der Brinton'schen Analyse der amerikanischen Revolution von 1776 (UND 1865, dem Bürgerkrieg, der eine Revolution war) die Rolle Amerikas in der Welt, und in Europa nach 1945, neu betrachten: als Exporteure (siehe auch Toynbee!) ihrer eigenen Revolution! Und diese Revolution ist wieder eine Nachfolgerevolution der englischen von 1640ff. unter Cromwell, bzw. der protestantischen Revolution!

Denn die Amerikaner glauben wirklich an ihre Form von Demokratie und subjektiver Freiheit, die sie der ganzen Welt überstülpen wollen. Die Pflege der Erinnerung an diese Revolution - sicherstes Zeichen! - macht deutlich, welchen Stellenwert ihre Auffassung von glücklichem Leben und glücklicher Gesellschaft für ihr Handeln hat. Nur: die Vorstellung von ihrer eigenen Revolution - die Gründe sollen hier nicht das Thema sein - sind völlig verdreht, überromantisiert und unwahr bis verklärt. Doch tradiert genau das der Kult, der für postrevolutionäre Gesellschaften so tyisch ist und wachhalten soll, wofür alle sich erhoben. Brinton sah sich deshalb die Aufgabe, diesen Mythos einmal aufzuhellen. Denn auch in Amerika war die Revolution nicht die Erhebung der armen unterdrückten Menschenmassen, nur edle Ziele verfolgten und nichts als ein Stück Brot und Freiheit wollten. Und eine ähnliche Lüge umflort den amerikansichen Bürgerkrieg.

Postrevolutionäre Wertetradierung: die Heroisierung der Erinnung
Aber so sehen die Amerikaner ihre Revolution als Gründungsmythos, und daraus motiviert sehen sie sich eine weltweite Mission. Wenn man die gegenwärtigen gesellschaftlichen Vorgänge und Bewegungen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, beginnen sich plötzlich sehr viele Dinge zu erhellen, sodaß man sieht, daß vieles völlig falsch eingeschätzt wird. Eine Gesellschaft wie die unsere ist nämlich schon bis in die tiefste Wurzel und offensichtlich ein Gemengelage aus bestimmten prärevolutionären und revolutionären Vorgängen.  

Man könnte es auf einen Punkt bringen indem man formuliert: Eine Gesellschaft tendiert aus ihrer ruhigen, normalen Lebensbewegung heraus immer - nach rechts, dem Bewahrenden, dem Überkommenen,dem Traditionellen. Die Bewegung nach links ist immer revolutionär, und sie ist nie dauerhaft (auch wenn sie lange andauert), sondern verlangt immer den Nachdruck von Gewalt und Kraft. Keine einzige revolutionäre Bewegung der Weltgeschichte hat je einen tragfähigen Gegenentwurf einer gesellschaftlichen Ordnung und Lebenswirklichkeit implementieren, ja auch nur entwerfen können, es blieb bestenfalls bei heißen Gedankenblasen, alles aber scheiterte an der Realität des Lebens der Menschen. Revolutionen, hat es ein englischer Lord einmal formuliert, reißen und brennen die Gesellschaftsgebäude zwar nieder, aber es gelingt ihnen nicht, etwas Neues aufzubauen. Übrig bleiben dann die Menschen, die nackt in den Himmel geschossen wurden. Gesellschaften lassen sich nie als ganzes ändern, denn sie sind ein ungemein komplexes, fein verwobenes Geflecht, wo alles mit allem, direkt oder indirekt, kommuniziert. Wer viele dieser Schaltstellen eliminiert, ändert nicht das System, sondern zerstört es einfach.

Dennoch zieht Crane Brinton eine Art "versönliches Fazit" aus seiner Befassung mit Revolutionen in "The Anatomy of Revolution": bei allen untersuchten Revolutionen war nach Abschluß aller Stadien, als also im großen Ganzen wieder alles war, wie es ehedem gewesen ist, ein deutlicher kultureller, künstlerischer Aufbruch zu bemerken. (Mir fällt da die völlig unterschätzte, großartige Zeit Österreichs in der Zwischenkriegszeit ein - wo sich in diesem kleinen Restland, an das keiner glaubte, weltverändernde Kulturimpulse regelrecht konzentrierten.)

Und wenn man überhaupt alles aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet, könnte man für weitere Studien sogar die Arbeitshypothese formulieren, daß Revolutionen keineswegs Anzeichen von Dekadenz und Verfall sind, also nicht in "alten, müden" Gesellschaften stattfinden (das betrifft nur, und zwar eben wirklich nur die alte Führungsschichte), sondern daß sie Zeichen einer jungen, kräftigen Gesellschaft sind.


Nachsatz: Crane Brinton schrieb seine Studie bis ca. 1965. Die kommunistische Revolution in Rußland blieb ihm immer ein wenig ausnahmenhaft, und er konnte manches nicht deuten, ging aber davon aus, daß sie etwas aus der Reihe fiel. Er wußte damals nicht, wie allgemein gültig seine Analysen waren, und wie sehr sie auch auch in diesem Fall zutrafen.

Schluß

***

Mittwoch, 25. Mai 2011

Alles ist ganz ganz anders - (Revolutionen I)

1. Teil) All das, was Revolutionen sein sollen, sind sie mit größter Sicherheit NICHT


Immer wieder wird man überrascht, welche schlichte Fakten Crane Brinton in seiner Untersuchung über historsiche Revolutionen ans Tageslicht bringt, wieviele Standardsätze unseres Alltag schlicht und ergreifend nicht stimmen, sondern lediglich aus politischer Nützlichkeit in die Welt gesetzt wurden und tradiert werden.

Dazu gehört die Mär, daß große soziale Gegensätze große soziale Spannungen hervorbrächten. Mitnichten, denn zum Gegenteil: die größten sozialen Spannungen, schreibt Brinton, die größten Haßgefühle, die dann auch zu Revolutionen führten, finden sich nachweislich dort, wo die sozialen Unterschiede gering, die soziale Stellung weitgehend angeglichen und eigentlich allen alles möglich ist.

Der Kaufmann, dessen Tochter auch einen Adeligen heiraten kann, weil es niemanden mehr stört, der entwickelt oft krankhaften Haß auf den Adel, bis er ihn als unter sich stehend ansieht, weil die Einschätzung seiner praktischen Tüchtigkeit im Rahmen eines gegliederten Gesellschaftsganzen zu verfehlten Parametern führte.

Die Ärmsten revoltieren? Nie, so gut wie nie in der Geschichte kam es jemals zu wirklichen Revolten der Ärmsten, mit wenigen Ausnahmen, wie Haiti (wobei das Land selbst ja nie zur Ruhe kam; genau weil ihm eine organische gesellschaftliche Gliederung fehlte, freilich aus problematischen Gründen).

Unterdrückerische Regime, die perfekt organisiert sind, sind Ursache von Revolutionen? Nein, nie. Eine der historisch feststellbaren Vorbedingungen für eine Revolution ist eine inkompetente, ineffiziente, erstarrte Verwaltung, und vor allem: eine Verwaltung, die den Expansions- und Neuerungswünschen der mittelständischen Wirtschaftstreibenden entgegenläuft! In dieselbe Kategorie fällt die falsche Vorstellung, Diktatoren würden gestürzt, weil sie selbstbewußte Tyrannen seien.

Im Gegenteil - Vorboten einer Revolution sind die Selbstzweifel einer ihre eigene Stellung als Elite selbst aufweichenden Führungsschichte, häufig schon in verzweifelter Dekadenz sittlich abgestiegen. Gerade der Verzicht auf die eigene, traditionelle Vorrangstellung, das Heruntersteigen auf das Niveau der "gemeinen Bürger" provoziert einen Aufstand - weil diese vermeintliche "Großmütigkeit" nämlich die gesellschaftliche Organisation auflöst, und umstürzlerische Gedanken weckt. Ja oft sind gerade ihrer Stellung unsichere Eliten maßgeblich Träger und Impulsgeber revolutionärer Umtriebe. Auslöser von Revolutionen sind auffällig oft aber einfach die finanziellen Probleme der Regierungen, die Zerrüttung der Staatsfinanzen. Mit einem Wort: die Selbstschwäche der Führenden.

Der nächste Irrtum betrifft die Menge der Revolutionäre - immer sind es nur kleine Minderheiten, und zwar überwiegend aus den mittleren bis gehobenen Schichten, die eine Revolution beginnen und führen. Die zwar für kurze Fristen auch die Massen bewegen können. Doch ausnahmslos immer verlangt die Masse nach relativ kurzer Zeit wieder ihre Ruhe, und will einfach ihr normales Leben von früher fortsetzen.

Und schließlich ist es frappierend (wenn auch nicht immer sofort) zu sehen, daß ausnahmslos jede Revolution nach Ablauf all ihrer Phasen zwar eine gewisse Durcheinanderwirbelung der Personengruppen brachte, manche Dinge v. a. der Staatsverwaltung auch wirklich nachhaltig geändert sind, aber nach gewissen Jahren sich weitgehend die Stände und Klassen und Institutionen unangetastet dort wiederfinden, wo sie vor Beginn der Revolution waren. NICHTS wurde durch eine Revolution jemals wirklich geändert: es blieben die Pferde, die Ställe, die Wege, nur die Reiter wechselten.



Morgen 2. Teil) Revolutionen sind aber vielleicht eine notwendige Kraftabfuhr


***

Freitag, 6. Mai 2011

Revolutionärer Puritanismus

Der Terror der dritten Phase einer Revolution wird stets getragen von einem immer religionsartigen oder direkt religiösen Tugendwahn, der sich ausbreitet. Ein Revolutionär aus Connecticut, Vorkämpfer gegen die Unterdrückung durch König George III., schreibt 1775:

"Wednesday evening last, a number of ladies and gentlemen collected at a place called East Farms, in Connecticut, where they had a needless entertainment, and made themselves extremely merry with a good glass of wine. Such entertainments and diversions can hardly be justified upon any occasion; but at such a day as this, when everything around us has a threatening aspect, they ought to be discountenanced, and every good man should use his influence to suppress them."

Jeder überwacht jeden, um alle konterrevolutionären Aktivitäten aufzudecken. Immerhin: es geht um alles. Was der Amerikaner hier schreibt, könnte man direkt auf sämtliche übrigen Revolutionen übertragen, wo der Spaß sich aufgehört hat - alles ernst wird.

***

Donnerstag, 5. Mai 2011

Die Logik der dritten Phase

In der ersten Phase einer Revolution geht es darum, das bestehende System zu kippen. In der zweiten kommen die maßvollen Idealisten zum Zug, die konsequent den eigentlichen Revolutionsidealen zum Durchbruch verhelfen wollen, dabei sich's aber mit allen verscherzen. Den Konservativen, weil sie das Alte konsequent ausschalten und mit Umsicht von der Macht entfernen, den Heißspornen in der eigenen Partei, den Revolutionären, denen alles zu langsam geht, die jede Mäßigung mehr und mehr zum Verrat an der Idee abstempeln.

Und sie scheinen recht zu bekommen - die Konservativen sammeln sich, und es beginnen gewaltvolle Auseinandersetzungen. Denen die Gemäßigten aber zu wenig energisch begegnen. Mit linken Ideen läßt sich kein Heer organisieren. Dazu braucht es "reaktionärere" Mechanismen. Deren sich die radikalen Elemente der Revolution bestens bedienen können. Und sie putschen auch, reißen angesichts der Bedrohung die Macht an sich, getragen vom Feuer der Notlage. Alles wird nun dem bloßen Überleben untergeordnet.

Einmal aber in diese Randlage alles Existierenden gebracht, wird alles über Bord geworfen, wo noch gesunder Menschenverstand, ausgewogenes Urteil zur Anwendung kam, ja: mäßiger Sinn wird zur Bedrohung. Die Diskurse verlagern sich gleichzeitig von öffentlichen Foren in die Intimität der Gerichtssäle. Die Revolutionswächter sind am Zug.

Die aber unweigerlich in Splittergruppen zerfallen, ja die Parteiung der Splittergruppen und Sonderlinge sind. Diese werden nun nach und nach ausgeschaltet, parteiinterne Machtkämpfe, auch brutalster Art, kennzeichnen die Szenerie. Ein Regime des Terrors wird nach und nach installiert.

Ihnen allen hilft eine sonderbare, aber erklärbare Erscheinung, die Revolutionen in dieser dritten Phase kennzeichnen. Denn die Bevölkerung wird revolutionsmüde, und die Gemäßigten verlieren das Feuer, ständig an der Front zu stehen. Die großen Revolutionen betrachtet, sind Revolutionen ohnehin nur eine Angelegenheit einer Minderheit. Wieweit diese aber als "Essenz" der Volksmasse betrachtet werden kann - darüber geht der Streit. Denn diese Minderheit betrachtet sich immer als Elite, als Haupt des Volkes, das es zu führen habe.

Man überläßt ihnen das Feld - das ist die Logik, das ist aber eigentlich auch die Schwäche jeder Revolution. Sind in der zweiten Phase die Philosophen am Ruder, kommen nun die "philosophischen Mörder" nach oben, wie Crane Brinton in seiner Studie über Revolutionen sie nennt. Je länger die eigentliche Revolution zurückliegt, desto abstrakter werden nun auch die Theorien. Teilerfolge zählen nicht mehr, alles spitzt sich nur noch aufs Ganze zu.

Gleichzeitig konzentriert sich die Macht mehr und mehr in Händen einiger, bis ein einziger Führer überbleibt. Und weil der nicht alles alleine machen kann, die Kontrolle aber gewahrt bleiben muß, werden in allen unteren Ebenen Kommitees eingerichtet - für das Volk also beginnt die Herrschaft der Kommitees. Und mit ihnen endgültig eine ineffiziente Verwaltung, und der Terror des Alltags. Alles, was bislang noch funktionierte, wird nun nach und nach ineffizient, träge, vielfach einfach absurd. Den Revolutionären - noch dazu legitimiert als Teil der allgemeinen (ersten) Revolution - steht nun endgültig das Volk gegenüber, das mit allen Mitteln zum "Besseren" geführt und erzogen werden soll.

Ermöglicht durch das "Verdunsten" jeden politischen Interesses aus der Bevölkerung. Noch nie, schreibt Trotzky, ist eine Revolution durch eine Masse bewerkstelligt worden, es ist immer eine oft verschwindende Minderheit, die ihre extreme Motivation sogar gerade aus diesem Minderheitendasein bezieht. Auch alle Theoretiker, alle wirklich philosophischen Köpfe, die zu Anfang oft noch in einer Revolution mitwirken, aber im Grunde zu den Gemäßigten, den Pragmatikern zählen, die Realitäten zur Kenntnis nehmen, verabschieden sich zunehmend aus der Politik, oft genug müssen sie froh sein, überhaupt zu überleben, wenn die dritte Phase eines Umsturzes, die Phase des Terrors, eintritt, wo endgültig mit den früheren Machthabern aufgeräumt wird, wo keine Sünde "gegen" das Überleben der Revolutionsidee mehr verziehen wird.


***

Dienstag, 3. Mai 2011

Neue Herren, alte Mittel

Einen grotesken Verlauf nimmt, so Crane Brinton, eine Revolution in ihrer zweiten Phase: wo, nach den anfänglichen Turbulenzen, die "moderates", die moderatere Gruppe das Heft in der Hand hat. Sie agiert milde, und zwar konsequent, aber mit hohem Ehrbegriff und Augenmaß. Dennoch verscherzt sie es sich genau mit ihrer sachlichen Unnachgiebigkeit mit der alten Führungsschichte bzw. den Konservativen. Ja, ihr "Realismus" in der Durchsetzung - denn sie will das Leben so rasch als möglich "normalisieren" - wird als Schwäche mißverstanden, und reizt zum Widerstand der Konservativen, ob im Inland, ob im Ausland. Es kommt also zu Kriegen, zu Kämpfen.

Konsequent auch hier, schickt die moderate, vielleicht sogar höchst ehrenwerte Führung die Männer in den Kampf - unter Wahrung aller hehren Ideale, die die Revolution als Fahne vor sich her trug. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ...

Aber damit kann man keine Armee führen, keinen Krieg gewinnen. Die Motivation sinkt sehr rasch, denn Rückschläge sind unausbleiblich, es fehlt die Entschlossenheit der Gegner, und der Krieg droht verlorenzugehen, was die Motivation noch weiter sinken läßt. Nun geht es ums nackte Überleben: der Revolution, des Staates. Gleichzeitig hat die moderate Führung der zweiten Phase keine Verbündeten mehr: die Linken drängen, die Konservativen sind vergrämt, die Bevölkerung ist unzufrieden und revolutionsmüde. Die Revolution hat ihre erste wirklich Krise.

Das ist das Signal für den Beginn der dritten Phase, der Phase des Terrors. Denn nun kommen jene, die sich wenig um Prinzipien kümmern, nun kommen die reinen Machtpragmatiker, vom Schlage eines Robespierre oder Lenin oder später (in einer ähnlichen Situation!) Stalin, die es ja immer schon gewußt hatten: die revolutionsinterne Opposition, die Fanatiker und Hardliner! Und binnen kürzester Frist haben sie die Zügel in der Hand, und wenden energisch und unter viel Blutvergießen das Blatt. Mit genau den Mitteln, denen sie dereinst die Unterdrückung zuschrieben, durch die Überlebensnot legitimiert, und von der Bevölkerung toleriert.

Diese ehrenwerten Herren aber - sofern sie nicht noch VOR den Kämpfen starben, ihr Ruf also unbefleckt blieb - werden vergessen und verleumdet. Sie waren vielleicht begnadete Redner, aber unfähige Politiker, heißt es dann. Sie waren alles in einem, Priester, Redner, Schauspieler, Lehrer, Verwalter, aber im entscheidenden Moment haben sie versagt, denn sie haben zu wenig gehaßt. Keine Revolution hat sie noch geehrt oder rehabilitiert, ja sie haben Glück, wenn sie nicht unter die Räder der dritten Phase kommen, denn ihre Gemäßigtheit ist ihren Nachfolgern Verrat.

***

Freitag, 22. April 2011

Typus des Revolutionärs

Brinton Crane schreibt, daß sich von der Charakterfärbung her betrachtet kein wirklicher "Typus" eines Revolutionärs - in der Führungsschichte - ausmachen läßt. Sie stammen eher aus gehobenen, gebildeten Schichten, so gut wie nie aus der Unterschicht, gar nicht selten aus der früheren Führungsschicht, derselben, die sie nun bekämpfen. In der sie sich häufig - ja, das kann man als Häufung betrachten - kaum oder nicht durchgesetzt haben. Auffallend ist der Praktiker, der gehäuft zu finden ist. Aber es sind nicht die Versager, die Nieten, die eine Revolution durchziehen. Auch nicht die brutalen Schlächter und Sadisten, die Verbrecher, auch wenn sie immer vorgekommen sind.

Durch die speziellen Anforderungen kommen immer auch zahlreiche Männer nach oben, von denen man sonst nichts gehört hätte - aber das läßt nicht auf ihr Versagen schließen, auch wenn gewisse Undurchlässigkeit der obersten Schichte als Zeichen des Verfalls zu den gestürzten Gesellschaften dazugehört. Es hat einfach mit den besonderen Anforderungen zu tun, mit denen sie wuchsen und Fähigkeiten bewiesen, die sonst vielleicht nie - auch von ihnen nicht - beachtet worden wären.

Ein Typus freilich, eine Charaktereigenschaft eher, ist häufig zu beobachten - es ist der Zug zum Idealisten, der den meisten Revolutionären anhaftet. Er ist derjenige, der um einer Idee willen alles fahren läßt, der für sie stirbt, der von einer besseren Welt träumt, und eine solche schaffen will. In gesunden, stabilen Gesellschaften ist er unerläßlich als ruhiger Grundfaktor, ja als Fundament und ruhender Pol. Mit der Revolution bricht für ihn aber die Zeit an, endlich seine Träume zu verwirklichen.

Mit bemerkenswerten Färbungen:

Robespierre zum Beispiel. Er war als Landrichter ein strikter Gegner der Todesstrafe. Eher hätte er sein Richteramt zurückgelegt, als ein Todesurteil zu verhängen. Das vertrug sich nicht mit seinem Humanitätsideal, für das er zweifellos gestorben wäre. Einer seiner berühmtesten Wahlsprüche war: "Lieber geben wir die Kolonien auf, als einen unserer Grundsätze!" Das meinte er ernst. Jahre später verhängte er ohne mit der Wimper zu zucken Todesstrafen, wenn sich dieser zukünftigen besseren Welt, die auf den diesen Humanitätsidealen aufgebaut war, jemand in den Weg stellte.

In der Form des Fanatikers ist er notwendig für die zweite Phase einer Revolution - der wo sie zum Sieg durchgezogen wird. Hier ist er unerläßlich. Bis er vom Pragmatiker abgelöst wird, der einen angepaßteren Weg einschlägt, mit meist tragischem Ausgang für seinen Vorgänger: Robespierre oder Trotzky sind Beispiele. Tragisch waren sie aber schon zuvor, auch das eine Gemeinsamkeit vieler Revolutionäre in Führungsposition: sie waren alle gescheiterte Intellektuelle. Philosophen, Maler oder Schriftsteller, Priester, Denker, die manchmal sehr unglücklicherweise in Machtpositionen kamen.

Dennoch, und zusammengefaßt: um eine Revolution zu schaffen, braucht es dieselbe Vielfalt an Menschen, wie es braucht, um die Welt zu schaffen. Ja, es kommen in manchen Phasen der Umbrüche die einen oder anderen Kräfte nach oben, die in ruhigen Zeiten nicht nach oben gekommen wären. Aber das ist vernachlässigenswert, und viele der Revolutionsführer hatten Fähigkeiten, mit denen sie sich auch zweifellos in stabilen Zeiten durchgesetzt hätten.

Tatsache ist - und das ist ein bemerkenswertes Fazit, das Brinton Crane in seiner Untersuchtung der Revolutionen zieht - daß nach einer Revolution im Prinzip DIESELBEN Menschen und Menschengruppen und sozialen Schichten oben sind, wie vorher. Sodaß man fast zu dem Schluß kommen könnte, daß es völlig gleichgültig ist, ob jemand in stabilen oder in revolutionären Gesellschaften lebt. Allerdings trifft das nicht auf die einzelnen Phasen einer Revolution zu, denn in ihnen ist eine Revolution ein einzigartiger Zustand, in den sich eine Gesellschaft, ein Staat begibt, und wo sich auch die Revolutionäre auf eine Art zeigen, die man von so manchem nie erwartet hätte. Das aber hat vor allem mit dem revolutionären Umfeld, den speziellen Lebensbedingungen zu tun, in denen sie sich bewegen.


***

Montag, 18. April 2011

Wer Regierungen stürzt

Der amerikanische Historiker und Soziologe Crinton Brane hat untersucht, wer denn bei den (bzw. vielen) Revolutionen der Geschichte dabei gewesen ist, wer die Regierungen gestürzt hat.

Fast ein Drittel der Revolutionäre kamen jeweils aus der sogenannten Mittelschicht: Bürger, Kaufleute, Beamte, Angestellte, Intellektuelle. Mit einer besonderen und markanten Rolle von Priestern, die sich ebenfalls am Umsturz beteiligt haben. Der Rest teilt sich auf Mitglieder der obersten Schichte, auf tüchtige Mitglieder der arbeitenden Schichte, und Gutsherren, Landwirte etc. auf. In der ersten Phase der französischen Revolution waren es z. B. sogar auffallend überdurchschnittliche Steuerzahler, also auf keinen Fall das, was man mit "Verlierer" oder "Versager" bezeichnen würde.

Aus den ganz untersten sozialen Schichten jedenfalls kamen so gut wie keine Revolutionäre. Im Gegenteil ist zu beobachten, daß sie sehr häufig auf der Seite der etablierten Regierung standen.

***

Samstag, 16. April 2011

Haß auf den verhinderten Aufstieg

Merkmal einer vorrevolutionären Gesellschaft ist der Haß der Mittelschicht auf die (ehemals) obersten Schichten. Diese wiederum haben längst aufgehört zu regieren, und liebäugeln mit egalitaristischen, "humanitaristischen" Ideen, lösen sich von innen heraus - aus der Moral heraus - auf. Einer Moral, die die Mittelschichten ertüchtigt zu meinen, sie könnten das, was die Oberen könnten, allemal. Die obersten Schichte habe moralisch abgewirtschaftet, versage, und habe deshalb kein Recht zu bestimmen, sie zu beseitigen, ihre Stelle einzunehmen sei sogar Pflicht im Interesse der Rettung der Gesellschaft. Dies wird bestärkt durch Imitation derer Lebensweise, die solcherart entzaubert wird.

Interessant ist ein Hinweis von Brinton, daß nämlich die mittlere Schichte solange zufrieden ist, solange sie eine Chance sieht, aufzusteigen, in erwähnte Führungselite aufgenommen zu werden. In dem Moment, wo diese von sich aus zerfällt, wirkt der Haß der Mittelschichte wie der Zorn auf ihre ehemaligen Vorbilder, den eigenen Aufstieg vereitelt zu haben.

Vorrevolutionäre Gesellschaften zeigen immer diese Tendenz der Elite: die sich nicht selten sogar als die führende intellektuelle Schichte späterer Revolutionen zeigt! Revolutionäre Ideen stammen (Rußland ist hier markantestes Beispiel) also häufig von den später Gestürzten selber.

***

Freitag, 15. April 2011

Die Revolte bricht los

Auch bei den von Crane Brinton untersuchten Revolutionen der Weltgeschichte ist der Befund eindeutig: es ist nicht so, daß besondere Armut eine Revolution auslöst. Dieses Faktum, an sich, ist fast bedeutungslos. Vielmehr ist es die relative Diskrepanz zwischen den Wünschen der Menschen, und dem was sie haben, das Faktum also, wie sehr sie unter diesem fiktiven Mangel leiden. Und das ist historisch gesehen durchaus sehr subjektiv und relativ.

Wie Eric Hoffer ja auch schreibt: historisch ist auffallend, daß Revolutionen eine Zeit des Aufschwungs vorausgeht, der nur (durch eine einzige Mißernte, zum Beispiel, einen einzigen extremen Winter) unterbrochen oder gefährdet zu werden braucht (Frankreich, England, Rußland, USA ...) - und plötzlich geht das Pulverfaß hoch. Die Menschen sahen sich schon im Besitz der nächsten Stufe, auf einmal schien diese verloren. Das ließ  sie explodieren. Die Argumente, die dann als Gründe in der Agitation herangezogen werden, sind meist überhaupt nicht relevant, und haben weit mehr mit gesellschaftlichen Akzeptanzen und Wünschen zu tun, als mit der Wirklichkeit.

Auf einmal aber wird die Regierung zum Verhinderer! Die Revolution in den USA ist in dieser Hinsicht erdrückend zu unterlegen: es waren die Besitzenden, die mit den massivsten wirtschaftlichen Interessen - darunter ... George Washington, der in Land spekuliert hatte, das von der Londoner Regierung Kanada zugeschlagen werden sollte -  die die Stimmung aufgeheizt hatten.

Im Grunde bestätigen die aktuellen Umstürze im arabischen Raum diese These. Und machen sogar verständlich, daß sich die betreffenden Regierungen unschuldig fühlen, denn es ging doch aufwärts?! Da braucht es kein "ungerechtes Regime", ein solches wird posthoc als Grund vorgeschoben, wobei jeder tatsächliche Fehler ein gefundenes Fressen darstellt. Denn jede Revolte braucht einen Gerechtigkeitsmythos, und an dem wird sofort gebastelt, wobei wesentlich ist, daß dieser Mythos zu Gefühl und Stimmung umgearbeitet wird. Kein Mensch, keine Masse kann "ungerecht" handeln, keine Masse wird ohne Gefühl bewegt. Tatsache aber ist - und eine ganze Reihe von Autoren kommt zu ähnlichem Befund - daß die eigentlichen Ursachen in der tatsächlichen oder befürchteten Einschränkung der Interessensentfaltung bestimmter (ökonomischer!) Gruppeninteressen zu suchen sind.

Der Mythos von den "verarmten, geknechteten Massen" jedenfalls, den die Marxisten später in die Welt gesetzt haben, läßt sich anhand so gut wie keiner Revolution der Geschichte bestätigen. Er war selbst ein solcher Gerechtigkeitsmythos.

Denn es waren nur bestimmte Wünsche, die schneller waren, und die Regierungen waren im Weg, oder müssen als im Weg befindlich gefühlt werden. Wobei (historisch) immer gewisse Mängel konstatiert werden müssen, keine Frage. Aber welche Regierung der Welt ist perfekt? In jedem Fall aber waren Revolutionen erfolgreich, wenn die Regierungen aufgrund einer ineffizienten Verwaltung schwerfällig oder inkompetent reagierten, häufig stand die Verwaltung schon absehbar vor dem Kollaps. Häufig waren es aber sogar die Reformversuche eben dieser Regierungen, die die Revolte begünstigten.

Hier setzt durchaus die Rolle des Internet ein, in der "Amerikanisierung" bzw. Globalisierung des Wunschhorizonts auf hohem zivilisatorischen, lebensstilzentriertem Niveau. Ein enormer Faktor der Unzufriedenheit! Und augenblicklich fällt einem ein: DDR, Ostblock, wirkten diese Revolutionen 1989 nicht fast ausnahmslos wie "Lebensstil-Revolutionen"?


*150411*

Mittwoch, 13. April 2011

Wenn Jupiter Blitze schleudert

Rein vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus, schreibt Crane Brinton in seinem berühmten Buch "The Anatomy of Revolution", ist die Anschauung, daß Jupiter Blitzstäbe zur Erde wirft und Thor mit seinem Hammer dazu den Donner schlägt, um NICHTS WENIGER ODER MEHR WAHR als die These, daß es sich um einen elektrostatischen Entladungsvorgang handelt. Der einzige Grund, warum Naturwissenschaftler letzerer These den Vorzug geben könnten oder sollten darf der sein, daß diese These MEHR ERKLÄRT.

Wo auch immer die Wissenschaft behauptet, sie wäre Fakten, und nichts als Fakten verpflichtet, sollte man sich bewußt machen, daß Fakten nichts als empirisch nachprüfbare Aussagen im Rahmen einer frei gewählten Gesamtanschauung - eine Arbeitshypothese - sind.

Jedes Reden über "Objektivität" in der Wissenschaft sollte deshalb unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, daß solche "faktenbildenden" Anschauungen außer "Fakten" IMMER einem menschlichen Verstand entstammen.

Dem Naturwissenschaftler aber muß es völlig gleichgültig sein, woher diese Arbeitshypothese ("conceptual scheme") stammt, und ob sie Fakten vorausging, oder ihnen folgte, ob "Fakten" objektiv oder subjektiv sind. Diese Fragen muß die Theologie und die Philosophie lösen.

"But the scientist does, by his recognition that a conceptual scheme is as essential to his activity as are observed facts, emancipate himself completely from self-styled "scientific" materialists, positivists, empiristics, who naively assert that our sense-perceptions filtered through a "mind" are somehow in themselves an orderly and sole reality, or a "reflection" of such a realty. For, note particularly, the facts with which the scientist deals are not phenomena, sense-perceptions, the "external world," those dear absolutes of innocent positivists, but merely statements about phenomena. A properly verifiable statement about Cromwell or Lenin ist then as much a fact as the reading of a thermometer in a laboratory."

***

Montag, 24. Januar 2011

In den Händen von Pubertierenden

Nun dürfte es soweit sein, und wenn nicht jetzt, dann in ein paar Wochen, oder Monaten. Keine Milliarden Europas können auf Sicht verhindern, daß Griechenland bankrott geht. Die FAZ, der Spiegel berichten längst offen darüber, daß das, was jetzt "Umschuldung" betitelt wird, nichts als eine Umschreibung für die endgültige Zahlungsunfähigkeit Athens ist. Der Sanierungsplan sei "gescheitert", schreiben sie, indem sie die Politiker zitieren.

Graphik: FAZ
Während man sich nur fragen kann: wer ernsthaft daran glaubte, daß Griechenland diesen Berg bewältigen kann, daß überhaupt ein Staat solche Sparprogramme einerseits, solche Wachstums-, Wohlstands- und Wirtschaftsprosperitätsvorgaben anderseits bewerkstelligen kann, muß auf jeden Fall aus allen Führungspositionen entfernt werden. Denn er handelt nicht einfach fahrlässig, sondern betrügerisch oder/und völlig inkompetent, dem fehlt jeder Bezug zur Wirklichkeit von Wirtschaften und Leben.

Die FAZ handelt das Thema bereits in Szenarien ab, was auf uns zukommen wird. Eines ist gewiß: es wird auch uns in Österreich bares Geld kosten. Am meisten sind freilich deutsche und französische Banken betroffen. Sie haben rund 60 Milliarden Euro an Griechenland verliehen, Geld, das abzuschreiben ist. Nach dem Motto, daß nun gutes Geld dem schlechten hinterherzuschmeißen sein wird, werden auch diese Gelder von den Staatshaushalten der noch solventen EU-Länder abzudecken sein, wollen sie nicht die bisherigen Maßnahmen entwerten, und nun doch Dominoeffekte für ihre Volkswirtschaften durch Bankenzusammenbrüche (die sofort enorme Rückgänge der Geldmengen, und damit unabschätzbare Folgen für das gesamte Wirtschaftsgeschehen - wegen Nachfrage- und Unternehmenszusammenbrüchen - nach sich zögen) riskieren.

Deshalb wird für Griechenland überhaupt die Cleverness auf die Spitze getrieben - in einer Umschuldungsidee, die völlig verschleiert, wer die Zeche zahlt (und das ist natürlich der Bürger, nur in sehr verdeckten Formen) und glatt als "perpetuum mobile" durchgeht, weil ohnehin der Geldzufluß durch die Bürger in deren Bewußtsein verschwunden ist, es "den Staat" als mythischen Nährquelle ja im Sozialstaat längst gibt, der  ohne Grenzen "allen alles zahlt".

Eine Umschuldung für Griechenland aber könnte durchaus weniger spektakulär daherkommen als jene Pleiten damals. Es könnte eine Umschuldung sein, die keiner Umschuldung nennt. So könnte man das Datum der Fälligkeit von Anleihen verschieben, statt den Wert der Anleihen herabzusetzen. Über so etwas ist in Brüssel schon diskutiert worden. „Bei gleichem Zins ist die Wirkung ähnlich wie bei einem Schuldenschnitt“, sagt Wirtschaftsprofessor Burghof. Wenn die Rückzahlung einer Anleihe von fünf auf 25 Jahre gestreckt wird, sinkt ihr Wert am Markt. So leistet der Gläubiger einen Beitrag zur Umschuldung.

Die neuste Idee für eine Umschuldung aber ist noch raffinierter. Der europäische Rettungsfonds könnte Griechenland Geld leihen, damit der Staat seine eigenen Anleihen mit einem Abschlag am Markt zurückkauft. Der Witz dabei: Griechische Staatsanleihen sind zurzeit billig zu haben. Sie notieren gegenwärtig etwa für zehnjährige Laufzeiten zum Teil nur noch bei 70 Prozent dessen, was Athen am Ende zurückzahlen müsste. „Auf diese Weise könnte Griechenland seine Staatsschulden um rund 20 Prozent verringern“, meint Bankvolkswirt Krämer.

Graphik: FAZ
***

In Portugal scheint sich ja längst der nächste Kandidat für dieses Endstadium anzuempfehlen. Die Wirtschaft dort liegt völlig darnieder, Industrieproduktion gibt es so gut wie keine mehr (ähnlich wir Ungarn vor zwei Jahren), die Sparprogramme haben radikales Zurückfahren der öffentlichen Ausgaben erforderlich gemacht (Portugal wollte ja bisher die Krise aus eigener Kraft bewältigen), Geld wird knapp, und die Steuern und Belastungen der Bevölkerung machen ihnen ein Überleben immer schwerer.

Wenn nun der "Schutzschild" der EU (dessen rd. 450 zum Einsatz verfügbare, rd. 500 für die Garanten schlagende Mrd. ja nur ein erster Schritt sind) aktiviert wird, womit ja schon lange gerechnet wird, d. h. 80 oder 90 Milliarden ins Land "fließen", ist in Wahrheit noch nichts gelöst. Dann befindet sich Portugal nur dort, wo Griechenland vor einem Jahr war. Es hat bislang nur versucht, glaubwürdig zu machen, daß es anders als Athen einen Umschwung schaffen wird. Wie? Das wissen nur die Götter.

In jedem Fall: Zeit für neue Demonstrationen der Linken in Athen gegen Sozialabbau, und für Proteste gegen die reichen Spekulanten. Oder wie wär's mit einer Revolution? Crane Brinton führt ja in seinem Klassiker "Die Anatomie der Revolution" die Faktoren an, die in der Geschichte unmittelbar vor Revolutionen zu beobachten waren:
  • Budgetdefizite
  • Begünstigung einer Gruppe auf Kosten anderer
  • Probleme in der Verwaltung
  • Bewusstseinsverlust der herrschenden Klasse
  • Verstärkung sozialer Gegensätze
  • Mangel an sozialen Aufstiegschancen
  • Trennung wirtschaftlicher von politischer Macht
Die Liste ließe sich ja bereits fast überall in Europa, und weiten Teilen der Welt, abhaken. Brinton schreibt übrigens auch, daß Revolutionen genau dann kommen, wenn die Bevölkerung glaubt, es dauere noch eine Generation bis dorthin - also: überraschend. Vor allem aber: eigentlicht irrational. Eigentlich ... gespenstisch wie der Vogelzug.

***