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Montag, 24. Mai 2021

Nun geht es ans Stabilisieren

Zu dem, was wir in den Beiträgen von vor zehn Jahren durch Leser R aufmerksam gemacht wurden, ist an Aktualitätsverweisen nichts hinzuzufügen. Gerade wenn man die Beiträge der letzten Wochen ansieht, die hier zu lesen standen, wird dem Leser vielleicht deutlich, wie sehr dieses Blog einer Enzyklopädie gleichkommt. In der Stück für Stück eines Gesamtpanoramas aufgedeckt wird, das der VdZ zwar selbst noch nicht in allen Einzelheiten kennt, das aber mit dem, was die Arbeit des Künstlers als Seher eigentlich ausmacht, exakt erklärt ist. 

Denn gefragt, was ein Werk ausmacht, läßt sich nur antworten "Der Termin", oder "Sich hinsetzen". Alles andere ist ein Entdeckungsprozeß, der den Künstler nicht weniger überrascht wie das Publikum. Beide entdecken etwas, das bereits da ist. Das Publikum, sonst könnte es gar nichts erkennen, der Künstler, sonst könnte er nichts schaffen.

Dienstag, 18. Mai 2021

Als wär's nie dagelegen

Von Leser R erreichte den VdZ dieser Tage ein herzerwärmendes Schreiben. Immer wieder einmal, so R, blättere er in diesem einer Enzyklopädie gleichkommenden Blog auch in alten Artikeln. Und während er so suche, so R, bleibe dann sein Auge irgendwo hängen. Er lese und lese ... und könne nicht mehr aufhören. Denn die Artikel seien dermaßen gut, daß es ihn umhaue. So wie dieser da, der vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlicht wurde. Und so schickte diese treue Leserseele auch noch eine Reihe weiterer Artikellinks mit, die seiner Meinung nach einer Relektüre immer wieder wert seien.

Naja, dachte der VdZ, warum also nicht auch Ihnen, werter Leser, erneut servieren? Ich meine, wer kann das schon alles lesen, hier liegen (immer noch) an die 10.000 Artikel bereit. Und auch der VdZ liest so manches Büchlein ja wieder und wieder, und gar nicht so selten kommt es ihm vor, daß er das, was er da sicher schon einmal gelesen hat, die Anstreichungen und Bemerkungen legen einen Eid dafür ab, zum ersten Mal vor Augen hat. 

Es ist ein schönes Zeugnis dafür, daß die Zeit jeden Menschen verändert. Einmal als Zeit alleine, nur durch die Dauer und das eigene Gewöse in der Seele, und dann durch die Verbindungen mit der Welt, dem also, was man Geschichte nennt. Und so manch eines Tages findet man also dann ein und dasselbe Ding unter völlig anderem, neuem Licht, als hätte man eine Neuentdeckung gemacht. Plötzlich liegt da etwas vor einem, das man noch nie - ich schwör's! - gesehen hat. Weil es sicher - und wie! - nicht "da" war. Und wie zeitgemäß es wirkt!

Jaja, Erinnerung und Zeitgemäßheit. Als hätte das etwas miteinander zu tun ...

Sonntag, 5. April 2020

Das Problem zu hoher Ausbildung von Staatsbürgern

Ein nächster Artikel von William M. Briggs, dem "Statistician to the stars", in der freien Übertragung durch den VdZ, mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Das Problem zu hoher Ausbildung von Staatsbürgern
von William M. Briggs, erstveröffentlicht am 14. Februar 2020

Leo K, einer unserer treuen Leser, übermittelte uns einen Link, der zu einer Arbeit von Lenore O'Boyle führt. “The Problem of an Excess of Educated Men in Western Europe, 1800 bis 1850 - Das Problem der Übersteigerung bei Ausgebildeten Bürgern in West Europa, 1800 bis 1850” Er tat dies in einem Kommentar zu unserem Artikel über überzogene Ausbildung.* Im Folgenden einige Auszüge aus dieser Arbeit. 
Der Zweck dieser Studie ist zu ermitteln, ob es tatsächlich so etwas wie eine Überproduktion von gut ausgebildeten Bürgern in England, Deutschland und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekommen ist. Die Annahme, daß es diese Überproduktion gab, ist auf den ersten Blick sehr stimmig und wurde auch weithin angenommen. Aber es hat nur wenige Anstrengungen gegeben, diese Behauptung auch durch Fakten zu untermauern.
Ausgebildete Bürger werden hier so verstanden, daß sie folgende Kriterien erfüllen. (a) Zugehörige zu allen Ausbildungsberufen, gleichgültig ob sie an einer Universität ausgebildet wurden oder nicht;  (b) alle übrigen Personen, die eine Universität besucht haben; (c) alle Personen, die eine höhere (älter als 14 Jahre) Schulausbildung im Rahmen der herkömmlichen, klassischen Schulwege genossen haben. 
Ich behaupte bekanntermaßen, daß es heute außer Zweifel steht, daß wir bei weitem zu viele ausgebildete bzw. "hoch gebildete" Menschen haben. 
Das Wort "Überproduktion" verlangt Erklärungen. Es ist vorerst nämlich ohne Sinn, wenn man sagt, daß es bezogen auf die Bedürfnisse der Gesellschaft zu viele ausgebildete Menschen gibt. Es könnte ja auch anders sein: Die Masse der Bevölkerung könnte ja auch - als Beispiel - weit mehr Ärzte und Lehrer gefordert haben, als von den Bildungssystemen geliefert worden sind. Das einzige, was sicher gesagt werden kann, ist, daß es zu viele Männer gab, die für eine begrenzte Zahl von Stellen, die hohes Prestige und Bedeutung haben, ausgebildet wurden. So daß einige dieser Männer sich entweder mit Unterbeschäftigung abfinden mußten, oder die mit Positionen zufrieden sein mußten, die man als weit unter ihren Fähigkeiten stehend ansehen muß. Es gibt bekanntlich eine Kluft zwischen der individuellen Einschätzung des eigenen Wertes und des damit verbundenen Verdienstes, und dem Stellenwert, den eine Gesellschaft diesen Personen zumißt.
Das war auch die These von Eric Hoffer's The Ordeal of Change - Die Angst vor dem Neuen,** die man mit der Eifersucht und der Rache der Schriftgelehrten zusammenfassen könnte. Es ist ein wenig wie die Reporteritis: Reporter berichten über wichtige Ereignisse und kommen dabei leicht in die Lage, sich selbst als bedeutend zu sehen, die für die wichtigen Ereignisse selbst wichtig sind. Nur verrückte Kulturen gestatten freilich, daß das passiert.
Es ging im Endeffekt darum, Bildung als Autobahn zu Wohlstand und Macht zu sehen. Das Ausbildungsdiplom sollte das liefern, was früher die Zugehörigkeit zum Adel garantierte. Gleichzeitig blieb höhere Bildung und Ausbildung mit den klassischen und literarischen Disziplinen verbunden, die man als die angemessene Vorbereitung für die klassischen Berufe ansah. Diese Bildungsberufe haben ihr traditionelles Prestige mehr oder weniger bewahrt. Im Gegenzug wurden dadurch kaufmännische Berufe und die ganze Reihe neuer Berufe abgelehnt und wenig geschätzt, so daß der Druck in Richtung Recht, Medizin, klerikaler und militärischer sowie verwaltungstechnischer Berufe gleichblieb oder sogar anstieg ... 
Diese Situation hat Deutsche in höheren Positionen beunruhigt. Schon im Jahre 1809 hatte Wilhelm von Humboldt den König davor gewarnt, zu viele Männer auszubilden, um dann feststellen zu müssen, daß der Staat unter dem moralischen Druck steht, diese auch in seine Dienste nehmen zu müssen ...
Viele Kritiker des bestehenden Gymnasial-Curriculums meinen, daß dessen Ausrichtung auf ein Studium der Klassischen Studien deshalb wenig klug ist, weil es Graduierte produziert, die jeder praktischen Tätigkeit eine Absage erteilen. Das behindert zum einen die Entwicklung der Wirtschaft des Landes, und steigert zum anderen die Zahl derer, die sich um Positionen beim Staat bewerben. 
Deshalb hat der liberale Reformer des Bildungswesens, Ignaz Heinrich von Wessenberg, schon 1835 geschrieben: "Die Konzentration auf klassische Studien gehört ohne jeden Zweifel zu den schwersten schädlichen Faktoren, die sozialen Zustände betreffend. Denn auf der einen Hand zieht es viele Mitglieder von den produktiven Klassen ab, füllt auf der anderen die Gesellschaft mit Leuten an, die Ansprüche auf Positionen im öffentlichen Dienst erheben, die nicht ohne Nachteile für die gesamte Gesellschaft erfüllbar sind. Denn einer großen Zahl dieser Aspiranten fehlt es an der wahren Eignung für das Beamtentum." 
Die Lage heute ist durch die Einführung von Quoten gemäß rassischer, geschlechterbezogener und auf sexuelle Neigungen bezogener Kriterien bei der Erwerbung von "Bildungsdekreten" noch deutlich schlechter geworden, wo die Fähigkeiten der Quotenleute im Durchschnitt schlechter sind. Bildungsdekrete sind kaum mehr als ein Stück Papier, wie die Erfahrung zeigt, das deren Besitzer aber zeigt, daß er besser ist als es der Wirklichkeit entspricht. Wenn die Anerkennung, die den Dekretbesitzern als Anspruch zugesprochen wird, sich aber dann nicht verwirklichen, entstehen schlechte Gefühle.

Hoffer schreibt, daß nachdem die Pest eine beträchtliche Zahl der Bevölkerung hinweggerafft hatte, einschließlich der Hälfte der europäischen Priester, "eine große Gruppe von nicht-klerikalen Lehrern, Studenten, Gelehrten und Schriftstellern entstand, die nicht mehr Mitglieder einer klar als solche gekennzeichneten privilegierten Klasse waren, und deren soziale Nützlichkeit keineswegs selbstevident war."

Nach wie vor blieb die Macht in den Händen der "handlungsfähigen Männer", und der "Intellektuelle wurde wie ein armer Verwandter behandelt, der die Krumen aufzulesen hatte, die vom Tisch fielen." Selbst "wenn seine Außergewöhnlichkeit anerkannt wird, fühlt er sich dennoch nicht der Elite zugehörig." 
Jeder Stich läßt aber das Pferd ausschlagen. 
Das ist der Grund, warum der Intellektuelle "auf jeden Hauch eines Reformationsvorhabens angesprungen ist, und zwar bis hin zur letzten nationalistischen oder sozialistischen Bewegung." Nach einem erfolgten Aufstand werden sie aber von anderen starken Männern wieder aus diesen Bewegungen entfernt und "in der Kälte stehen gelassen", denn Intellektuelle sind selten auch Führungspersönlichkeiten.
In Asien und Afrika führte das weitreichende Vordringen der Buchgelehrsamkeit nach westlichem Vorbild zum Aufstieg einer großen Zahl einzelgängerischer Männer des Wortes. Ihre Suche nach einem bedeutenden und nützlichen Leben führte sie - genau wie bei ihren Pendants in Europa - zur Propagierung sozialistischer und nationalistischer Bewegungen.
Hoffer zeigt, wie hebräische Schriftgelehrte und Lehrer, nachdem sie nach der Babylonischen Gefangenschaft in die oberen Schichten vorgestoßen waren, "ihre Vorliebe für die Massen schlagartig aufgaben. Sie schufen sogar ein Wort für den einfachen Bürger, "am-ha-aretz" [ungefähr "Bedauernswerter", "Elender"], ein Begriff, der Spott und Verachtung zum Ausdruck bringt. Soger der an sich sehr freundliche Hillel lehrte, daß "kein am-ha-aretz fromm sein kann." Das findet sich aber nicht nur in der hebräischen Kultur, wie aktuelle Erfahrungen belegen.

Intellektuelle sehen immer das Vordringen in ihr Territorium durch die Massen als "ein Unglück." Nur richtet sich diese Abneigung heute gegen den "Populismus". Der Haß der Intellektuellen auf einfache Leute ist dabei (und wie sollte es anders sein) eine Funktion der Größe der intellektuellen Kaste.

O'Boyle schreibt, daß die Überproduktion von Graduierten unausbleiblich ein großes Reservoir an Frustration und Voreingenommenheit schafft.
Der Literaturkritiker Hermann Marggraff beschrieb 1839 die jüngere Genration als sowohl besser ausgebildet als aber auch fordernder, und in der Folge unzufrieden, denn "bei aller Zusammenballung der Jungen in Bildungsinstitutionen werden nur einige wenige eine Anstellung finden, die ihren Forderungen und Ansprüchen genügt."
Die Ausbildung an einer Universität in Deutschland war kostengünstig. Diese "Kostengünstigkeit" bedeutete, daß selbst ein mittelloser, junger Mann mit halbwegs Verstand und Energie ohne große Probleme höhere Bildung erwerben konnte. Infolgedessen wurde die Universität das allgemeine Mittel zum Aufstieg in der Welt. Das Ergebnis war, daß zu viele junge Männer eine Universität besuchten, und zu viele von ihnen beim Staat eine Anstellung zu erlangen suchten.

Um glaubwürdig zu bleiben, mußte bei vielen eine niedrigere Anstellung ohne Prestige als schmerzhaft empfunden werden. "Edwin Chadwick merkte einmal an, daß zu viele Männer auf einmal eine Universitätsausbildung in Deutschland erhielten. Diese landeten im Endeffekt entweder im Ruin oder in der Unzufriedenheit, und waren zwar für private Dienste ungeeignet, aber auch nicht in der Lage, eine Stellung im öffentlichen Dienst zu finden."
Der Überschuß an gebildeten Männern ... zwingt zu dem Schluß, daß ihre Anwesenheit in einer Gesellschaft zu sozialer und politischer Instabilität sorgen wird ... 
Das Problem könnte sogar in jeder Gesellschaft mit großer Bevölkerung und einem relativ freien Markt chronisch werden. Das Streben nach Anerkennung und des Intellektuellen eigenes Desinteresse an manueller Arbeit ist automatisch die Ursache eines permanenten Überschusses an gebildeten, aber ungebrauchten Talenten. 
Technische Übungen können gewiß einen gewissen Abbau dieses Überschusses bewirken, und diesen Menschen zu guter Letzt doch noch zu gewisser Nützlichkeit verhelfen.  Wäre da nicht auch das Problem, daß heute zu viele junge Leute STEM-Dekrete erhalten, die aber nur sehr mangelhaft den Anforderungen des aktuellen STEM (Science-Technology-Engineering-Mathematics) entsprechen. Man denke an den "Ökologie-Studiengang", oder was auch immer zwar heute den Namen "Studiengang" in sich trägt, aber alles andere als eine akademische Qualifizierung bedeutet.


*Der Leser findet Auszüge sowie Bemerkungen dazu auf den Links in diesem Blog, in Teil 1 (Richelieu) und Teil 2 (Briggs)

**Das Buch von Eric Hoffer ist auf deutsch unter dem Titel "Die Angst vor dem Neuen" in den 1960er Jahren bei Rowohlt erschienen, und antiquarisch zuweilen noch erhältlich.




Samstag, 16. April 2011

Diskrepanzen und Notwendigkeiten

Eine Gesellschaft stagniert, schreibt Eric Hoffer in "Der Intellektuelle und die Masse", wenn die Intelligenzia im Dienst der Herrschenden steht, integriert und versorgt ist. Es widerspricht ihrem Wesen, zufrieden zu sein: der Intellektuelle muß ein unzufriedener Mensch sein. Gesellschaften, die auf breitem Boden Intellektueller stehen, mögen große Anfangserfolge haben, fallen aber bald in Stillstand. Es ist auffallend, daß dort, wo es den Intellektuellen gelingt, die Macht in Händen zu haben, es nie gelingt, ein schöpferisches Klima zu schaffen.

Kreativität und Schaffensimpuls braucht die existentielle Spannung, braucht den potenten Reizzustand, der den schöpferischen Fluß auslöst. Ein betriebsames, zweckgebundenes, erfülltes Leben entzieht den schöpferischen Kanälen alle Energien.

So sehr es verständlich sein mag, daß der Intellektuelle nach Anerkennung und Platz in der Gesellschaft sucht. "Dem schöpferischen Menschen," schreibt Hoffer sogar, "fehlt in der Regel die zur Ergreifung, Ausübung und vor allem zur Aufrechterhaltung der Macht erforderlichen Charakteranlage. Wenn Intellektuelle an die Macht gelangen, ist es deshalb meist der Pseudo-Intellektuelle, der den Ton angibt, und er hat dann auch die besseren Chancen, jeder Phase des kulturellen Geschehens den Stempel seiner Mediokrität und Ideenarmut aufzuprägen. Darüber hinaus braut sich in ihm wegen seiner schöpferischen Unfähigkeit ein mörderischer Haß auf jede Form von geistiger Brillanz zusammen, und er mag - wie etwa Stalin - versucht sein, eine grobe Nivellierung jeder Art von geistiger Tätigkeit zu erzwingen."

Der erste Schritt zur Wiederbelebung einer stagnierenden Gesellschaft kommt deshalb aus jenen Schichten, die den Herrschenden entfremdet sind, von den Rändern her, mit dem Auslöser des Fremden, Ungewohnten.

Es mag paradox erscheinen, aber weil die erste Wurzel des Schöpferischen in der Unzufriedenheit liegt, ist der Fortschritt einer Gesellschaft die Frucht der Unzufriedenheit und Ausgegrenztheit ihrer Eliten, "die den Mangel an Anerkennung durch die Verwirklichung und Entfaltung ihrer Anlagen und Talente kompensieren müssen."

Nachsatz 1: Es zählt wohl zu den bedrückendsten, zugleich unfruchtbarsten Mythen der Gegenwart, daß die Intelligenzia der Gegenwart - die Intellektuellen in obigem Sinn - sich als oppositionell versteht, obwohl sie Impulsgeber der herrschenden Moral und Handlungsimperative ist, und damit Herrschaft, nicht Opposition ist. Sogar für die Tatsache herrscht Blindheit, daß die (elitäre) Intellektualisierung des öffentlichen Diskurses auf der Ebene von Universität und Wissenschaft AN SICH eine Tradierung bestehender Sichtweisen bedeutet. Denn universitäre Wissenschaftlichkeit bedeutet ja an sich: den festgelegten, herrschenden Kriterien entsprechend.

Nachsatz 2: Man muß angesichts der Diskrepanz der Realitäten und obiger Analysen schmunzeln, denn Untersuchungen haben ergeben, daß über 90 Prozent (!) der Universitätsabsolventen einen "sicheren Beschäftigungshafen" suchen - also Integration, also Beteiligung an der Herrschaft der Elite, an deren Anerkennung, auch in Lohnschemata.


*160411*

Freitag, 15. April 2011

Hinaufbefördern, um wegzubefördern

Bleibt man auf rein phänomenologischer Ebene, so ist auf die Analysen von Eric Hoffer über den "Fanatiker" bezogen, festzustellen, daß keine Revolution, kein Umbruch je möglich war, der nicht auf der breiten Basis der Intellektuellen - Dichter, Priester, Philosophen, Lehrer, Wissenschaftler, etc. - ruhte. Ausnahmslos jede Revolution war zuvor von den kritischen Analysen der Intellektuellenschichte vorbereitet worden, und kein folgendes Regime hat sich gehalten, die es sich nicht mit diesen gutgestellt, diese integriert hat.

Es geht vereinfacht um die Stellung und Schaffung einer Elite. Wobei hier der Begriff nur auf die faktische gesellschaftliche Stellung, nicht auf absolute Inhalte und Qualitäten bezogen, also rein funktional eingesetzt ist.

Ein System, das sich also stabilisieren möchte, das stabil bleiben möchte, ist vor allem daran zu erkennen, daß es sich Eliten schafft. Und dies geschieht durch - die Streuung von Titeln. Und sei es, daß die Anforderungen (im Schulwesen deutlich zu bemerken) gesenkt, die Zugänge erleichtert werden. Es geht um die gesellschaftliche Stellung, die ja immer auf die Vergangenheit (und die Bewertung des Titels zu jener Zeit, auf den Ursprung des Titels also) bezogen ist.

Nur unter diesem Aspekt könnte die "Akademisierung" der Bevölkerung gesehen werden. Verankert ein Regime die Intellektuellen (rechtzeitig), entzieht es Veränderungen den Boden. Wer einmal verankert ist zeigt ohnzweifelhaft konservative, konservierende Tendenz. Nur nicht anerkannte "Männer des Wortes" bereiten den geistigen Boden, auf dem Machtumbrüche passieren - von "Männern der Tat," nie solchen des Wortes, das für diese Taten viel zu hinderlich wäre. Ein Mann der Tat, ein Regierender, oder ein Usurpator, kann nur Erfolg haben, wenn er das vertritt, was im Volk - geprägt von den Intellektuellen - gedacht wird.

Die "Hebung der Akademikerquote" in Österreich wie in der EU ist also eine Korrumpierung der Intellektuellenschichte, ist eine systematisierte Verweigerung der reflektierenden Grundanalyse einer Gesellschaft. Tiefergehende Erneuerung wird völlig unwahrscheinlich. Denn solche Analyse kann nur von Außenstehenden geleistet werden. Integriert ein System diese Analytiker, und sie tut es vor allem durch Anerkennung, werden sie zu Systemstützen. Dies betrifft auch und vor allem die Kunst, in einem ausgebauten Subventionsmechanismus zum Beispiel, die durch diese Integration blind wird.

"Umoveatur ut amoveatur" - Hinaufbefördern, um wegzubefördern.



*150411*

Die Revolte bricht los

Auch bei den von Crane Brinton untersuchten Revolutionen der Weltgeschichte ist der Befund eindeutig: es ist nicht so, daß besondere Armut eine Revolution auslöst. Dieses Faktum, an sich, ist fast bedeutungslos. Vielmehr ist es die relative Diskrepanz zwischen den Wünschen der Menschen, und dem was sie haben, das Faktum also, wie sehr sie unter diesem fiktiven Mangel leiden. Und das ist historisch gesehen durchaus sehr subjektiv und relativ.

Wie Eric Hoffer ja auch schreibt: historisch ist auffallend, daß Revolutionen eine Zeit des Aufschwungs vorausgeht, der nur (durch eine einzige Mißernte, zum Beispiel, einen einzigen extremen Winter) unterbrochen oder gefährdet zu werden braucht (Frankreich, England, Rußland, USA ...) - und plötzlich geht das Pulverfaß hoch. Die Menschen sahen sich schon im Besitz der nächsten Stufe, auf einmal schien diese verloren. Das ließ  sie explodieren. Die Argumente, die dann als Gründe in der Agitation herangezogen werden, sind meist überhaupt nicht relevant, und haben weit mehr mit gesellschaftlichen Akzeptanzen und Wünschen zu tun, als mit der Wirklichkeit.

Auf einmal aber wird die Regierung zum Verhinderer! Die Revolution in den USA ist in dieser Hinsicht erdrückend zu unterlegen: es waren die Besitzenden, die mit den massivsten wirtschaftlichen Interessen - darunter ... George Washington, der in Land spekuliert hatte, das von der Londoner Regierung Kanada zugeschlagen werden sollte -  die die Stimmung aufgeheizt hatten.

Im Grunde bestätigen die aktuellen Umstürze im arabischen Raum diese These. Und machen sogar verständlich, daß sich die betreffenden Regierungen unschuldig fühlen, denn es ging doch aufwärts?! Da braucht es kein "ungerechtes Regime", ein solches wird posthoc als Grund vorgeschoben, wobei jeder tatsächliche Fehler ein gefundenes Fressen darstellt. Denn jede Revolte braucht einen Gerechtigkeitsmythos, und an dem wird sofort gebastelt, wobei wesentlich ist, daß dieser Mythos zu Gefühl und Stimmung umgearbeitet wird. Kein Mensch, keine Masse kann "ungerecht" handeln, keine Masse wird ohne Gefühl bewegt. Tatsache aber ist - und eine ganze Reihe von Autoren kommt zu ähnlichem Befund - daß die eigentlichen Ursachen in der tatsächlichen oder befürchteten Einschränkung der Interessensentfaltung bestimmter (ökonomischer!) Gruppeninteressen zu suchen sind.

Der Mythos von den "verarmten, geknechteten Massen" jedenfalls, den die Marxisten später in die Welt gesetzt haben, läßt sich anhand so gut wie keiner Revolution der Geschichte bestätigen. Er war selbst ein solcher Gerechtigkeitsmythos.

Denn es waren nur bestimmte Wünsche, die schneller waren, und die Regierungen waren im Weg, oder müssen als im Weg befindlich gefühlt werden. Wobei (historisch) immer gewisse Mängel konstatiert werden müssen, keine Frage. Aber welche Regierung der Welt ist perfekt? In jedem Fall aber waren Revolutionen erfolgreich, wenn die Regierungen aufgrund einer ineffizienten Verwaltung schwerfällig oder inkompetent reagierten, häufig stand die Verwaltung schon absehbar vor dem Kollaps. Häufig waren es aber sogar die Reformversuche eben dieser Regierungen, die die Revolte begünstigten.

Hier setzt durchaus die Rolle des Internet ein, in der "Amerikanisierung" bzw. Globalisierung des Wunschhorizonts auf hohem zivilisatorischen, lebensstilzentriertem Niveau. Ein enormer Faktor der Unzufriedenheit! Und augenblicklich fällt einem ein: DDR, Ostblock, wirkten diese Revolutionen 1989 nicht fast ausnahmslos wie "Lebensstil-Revolutionen"?


*150411*

Montag, 11. April 2011

Symptome der Schwäche

Ohne Zweifel wirkt Gemeinschaftsbildung verstärkend auf den Nachahmungstrieb. Selbstwerdung aber ist wesentlich bedingt durch Überwindung der Imitation - und der Herausbildung eigener Gestalt und Form, nenne man es Erwachsenheit: Für-sich-sein.

Verhaftet einer Gemeinschaft, wird Identität zunehmend von ihr abhängig, und unfreie Kollektivform. Ohne klar herausdifferenziertes Ich aber bleibt der Einzelne unvollständig, unreif, unselbständig, und ist daher allen äußeren Einflüssen schutzlos ausgeliefert. Verführbar übrigens allem gegenüber, das in der Gruppenhierarchie über ihm steht - damit auch bei Richtungswechseln, und seien sie noch so dramatischer Art: blitzschnell verbreiten sich Moden und Neuerungen. Ein (sittlich) primitives Volk, in einem funktionierenden Massenskelett, ist deshalb viel leichter zu "modernisieren", als ein sittlich hochstehendes.

Umso mehr ist die Sprache der Masse voller Warnungen, schreibt Eric Hoffer, nur ja keine fremden Vorbilder zu kopieren, nur ja "innerhalb" des Soziotops zu bleiben. Die Nachahmung von Außenseitern gilt als verpönt, der Verkehr mit "Nichtgläubigen" wird zur Abscheulichkeit.

Mit einer Besonderheit - der Überschätzung der Propaganda. Propaganda wirkt nur bei dem, der ihren Inhalten ohnehin bereits zugehört. Der Volksverhetzer bringt immer nur "seine" Anhängerschaft zum Kochen, aber er überzeugt nicht seine Gegner. Während die Masse Bestätigung - das Allgemeine ist das Wahre, das Wahre das Allgemeine: der Mensch sucht im Sprechen letztlich Teilhabe an Gott! - sucht und braucht. Deshalb muß die Gemeinschaft, die Massenordnung, Mechanismen suchen, die ihre Mitglieder bei der Stange halten, alle zum Glauben zwingt. Durch ein scharfes Schwert, das droht.

So, wie die feste Überzeugung, daß die eigene Ansicht die einzig wahre ist. Je schuldhafter, je irrationaler diese ist, je weniger in der Vernunft gegründet, vor allem der Vernunft des Einzelnen (s.o.), desto heftiger, desto fanatischer wird die Propaganda, weil die Angst vor der Wahrheit. Je heftiger (auch: gewaltsamer) sie vorgehen, desto fanatischer wird ihr Zwang, an ihren Überzeugungen festzuhalten, desto mehr "müssen" diese wahr sein.



*110411*

Samstag, 9. April 2011

Gute und schlechte Weitsicht

"Eine angenehme Existenz macht uns blind gegenüber den Möglichkeiten drastischer Veränderung, wir klammern uns an unseren gesunden Menschenversand, an unseren Sinn fürs Praktische. Doch sind das im Grunde nur Namen für eine allumfassende Vertrautheit mit den Dingen, wie sie sind. Die Handgreiflichkeit einer angenehmen Existenz läßt alle anderen Realitäten, mögen sie auch noch so nah und bedrohlich sein, vage und visionär erscheinen. 

So kommt es, daß praktische Menschen besonders leicht überrascht werden und wie Phantasten dastehen, die sich an Nichtexistentes klammern, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. 

Die Anpassungsfähigen geben schlechte Propheten ab. Wer aber mit der Gegenwart hadert, hat ein Auge für die Saat der Veränderung und die Entwicklungsmöglichkeiten kleiner Anfänge."

Eric Hoffer, in "Der Fanatiker"


*190411*

Freitag, 8. April 2011

Wie man einen Fanatiker erzeugt

Eric Hoffer faßt einmal zusammen, wie ein Fanatiker, ein Massenmensch "erzeugt" wird, der sein wirkliches Ich nicht behalten darf, im Grunde auf einen primitiven Stand zurückfällt:

  • totale Assimilation des Individuums in einer geschlossenen kollektiven Körperschaft, sodaß er außerhalb des Kollektivs keinen Wert mehr hat, nur als indifferenter Teil des Ganzen
  • Einpflanzen eines neuen, imaginären Ich
  • man veranlasse ihn, die Gegenwart abzuwerten, und lenke sein Interesse auf Dinge, die noch nicht existieren
  • man schirme ihn sicher gegen die Realität ab durch eine Doktrine, die alles Begegnende entwertet, verleumdet und damit abwehrt
  • man verhindere die Entwicklung eines persönlichen stabilen Gleichgewichts, indem man in ihm Leidenschaften erweckt


*080411*

Mittwoch, 6. April 2011

Radikaler Reaktionär

Was unterscheidet den Radikalen vom Reaktionär? Der Radikale lehnt die Gegenwart ab, und glaubt an eine beliebig formbare Zukunft. Man müsse nur die Umgebungsbedingungen ändern, die Seelentechniken verbessern und lückenloser machen - dann komme eine neue, bessere Zukunft.

Der Reaktionär ist pessimistisch, was die Veränderbarkeit des Menschen anbelangt. Auch er lehnt die Gegenwart als Verirrung ab, doch ist für ihn eine bessere Zukunft immer eine mehr oder weniger vollkommene Restauration eines idealen Anfangszustandes, keine Neueinführung. Dabei ist sein Bild von der Vergangenheit nicht verklärt - wie beim Radikalen nämlich, auch er referiert auf einen "Urzustand", der historisch verbogen wurde - sondern kritisch. Sein Ziel ist deshalb ein Idealbild, auf das sich die Geschichte immer bezieht, aber immer wieder verfehlt, das aber auch für die Zukunft Referenzbild sein muß.

Beiden steht der Konservative gegenüber, der die Gegenwart erhalten (oder eine Vergangenheit wieder errichten) will, und eine Veränderung - also die Zukunft - ablehnt. Seine Zukunft ist eine Rekonstruktion. Mit einer interessanten Logik: Jene, die die Gegenwart (e.a.) bewahren wollen, der Konservative also, der Zufriedene, ist in der Regel am wenigsten bereit, sein Leben hinzugeben. Denn der Mensch opfert sich für das, was man nicht hat - nicht aber für das, was man hat, ja: eher stirbt man, ehe man von etwas läßt, das man noch nicht hat.

Hoffer weist übrigens auf die Nähe des Radikalen zum Reaktionär hin. Besonders, wo es um nationale Belange - Ausdruck und Ort des Schaffens einer neuen Welt - geht, überlagern sich beide beträchtlich. Jüngstes historisches Beispiel ist Israel, oder Indien, wo diese beiden Kräfte Hand in Hand gearbeitet haben.

***

Wenn die Kirche endlich weg ist

"Wenn die religiöse Geisteshaltung unterminiert ist," schreibt Eric Hoffer unter Bezug auf Tocqueville, "wird die aufkeimende Massenbewegung nationalistisch, sozialistisch oder rassisch geprägt. Die Französische Revolution entstand nicht als Reaktion gegen die harte Tyrannei der Katholischen Kirche und des Ancien Regime, sondern gegen deren Schwäche und Wirkungslosigkeit." 

Den nächsten Satz lassen wir weg, und bringen ihn an anderer Stelle, später einmal. Hoffer rechnet auch die Kirche zu den Totalitarismen, und da geht er prinzipiell zu weit, weil er die Mechanismen der Identitätsbildung an sich falsch sieht, ja da übersieht er sogar das prekärste Gefahrenmoment des Totalitarismus: das der wirklichen Identitätsstiftung. Nicht jede Großeinheit ist schon deshalb und prinzipiell totalitär, weil sich in ihr individuelle Ziele zusammenfassen und weil sie Identität stiftet. Aber das ist ein anderes Thema.

So sehr, keine Frage, dieselben Mechanismen auch in der Kirche zu beobachten waren, ja in so manchen Strömungen regelrecht Renaissance erfahren, und nicht selten in Bewegungen, die als "neu" tituliert - nichts sonst tun, als solche Vermassungsphänomene in die Kirche zu tragen, wo sie fröhliche Urstände feiern.

Doch darf nicht übersehen werden, daß der Fanatismus wie die Vermassung, als Aufgehen des Ich im Kollektiv, die Perversion eines an sich natürlichen Selbstüberschreitens in der Hingabe sowie Hingeordnetseins des Menschen auf die Einigung mit dem Allen, dem Sein, mit Gott darstellt. Das zu unterscheiden aber ist nicht wirklich schwer. Es verlangt allerdings präzise Differenzierung und dafür Kenntnis der Materien. Dann stellt sich sehr rasch heraus, daß der Mißbrauch bzw. das Mißverständnis des wirklichen Vorgangs des Glaubens (wie auch in der Mystik) nur aus mangelnder gedanklicher, geistiger Durchdringung, dem Herausgreifen von Schlagworten und aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen stammt. Ja, im letzten immer wieder an persönlichem Fehl und unredlichem Wollen scheitert: als simple Abkürzungen, um vor allem den Boden aller Gottesnähe, die Läuterung, die Reinigung, zu umgehen. Gerade die Selbstaufopferung kann eben NICHT Flucht vor sich selbst sein - und genau hier scheiden sich die Geister.

Wobei im Grunde auch hier gilt: Auf der Ebene der Phänomene macht Hoffer in "Der Fanatiker" - einer Materialsammlung, wie er immer wieder betont, kein "Lehrbuch" - in jedem Fall phänomenale Beobachtungen. Denn er erfaßt auch diesen Punkt, wenn er schreibt, daß "die Technik einer aktiven Massenbewegung im Wesentlichen darin besteht, daß sie Neigungen und Reaktionen einzupflanzen sucht, die dem Gescheiterten angeboren [natürlich] sind."

***

"Alles was ich sage, ist Gespräch, und nichts davon sei Rat! Ich spräche nicht so kühn, wenn man mir glauben müßte."

(Michel de Montaigne)

*060411*

Dienstag, 5. April 2011

Entwurzelte trägt der Wind fort (2)

Teil 2) Die Risikogruppen des Fanatismus

Was sind weitere Risikogruppen, die Hoffer anführt? Es sind die aufgrund irgendwelcher (auch körperlicher) Mängel oder Talentlosigkeit Zu-kurz-Gekommene, denen endlich auch ein Zugang eröffnet wird (und wer möchte da nicht sofort an den Feminismus denken), weil die bisherigen "natürlichen" Zugangsschranken fallen.

Es sind die Selbstsüchtigen (wird heute nicht zur Selbstsucht, im Hinerziehen zum Subjektivismus als Kriterium, regelrecht hinerzogen?), und des sind die Ehrgeizigen - vor unbegrenzten Möglichkeiten. Denn vor ihren Augen vollzieht sich ein Abwertungsprozeß der Gegenwart, der sie enttäuschen muß: weil soviel ungenützt bleiben muß. Neben den Minderheiten aufgrund ihrer Assimilationsbereitschaft - an den oberen Enden (den Erfolgreichen, die nun erleben, doch nicht ganz dazuzugehören) wie an den unteren (die ihre Assimilationsbereitschaft nicht belohnt finden).

Neben den Gelangweilten - wer in den Existenzkampf verstrickt ist, hat keine Langeweile; aber wer die Wertlosigkeit der eigenen Bemühungen erfährt (weil er ohnehin überlebt, sich selbst also nicht einmal benötigt), wer sich nicht schöpferisch sein Leben gestaltet, der empfindet Langeweile.

Übrigens, meint Hoffer, sei das der Grund, warum bei Massenbewegungen alte Jungfern oder Frauen in vorgerückten Jahren oft so entscheidende Hebammendienste leisten.

Ja, und schließlich bleiben noch die Sünder - nichts bietet dem schlechten Gewissen solche Entlastung und Entspannung wie das "sinnvolle Aufgehen" in der Massenbewegung! Deshalb lebt eine solche Bewegung auch davon, wie sie "reuige Sünder" integriert, wie sie ihre "Sühne" annimmt. Wer dächte da nicht sofort an die "Umweltsünde", die gutzumachen ist?  

Die Massenbewegung, schreibt Hoffer, infiziert die Masse mit jener Krankheit, von der sie sie dann heilt.

Eine wirkliche Massenbewegung des Fanatismus muß deshalb das Sündenbewußtsein aufrechthalten, von dem nur sie zu erlösen vermag: durch Aufgehen des "Ich" in der Gemeinschaft. Die heutigen Weltanschauungen und Moralismen sind ja über weite Strecken nicht mehr, als Versprechen, von den Sünden (und sei es simple Sittenlosigkeit) zu erlösen, an denen man leidet, ja zu denen man animiert wurde (wem fiele da nicht sofort der "Sexual-Aufklärungsunterricht" ein?) - wenn man ihnen beitritt.


Die Parallelen liegen so auf der Hand ... Es ist der Sozialstaat, genau jener in dem wir heute leben, er entspricht am perfektesten den Kriterien der Vermassungs-Totalitarismen, wie immer man es dreht und wie immer man es wendet. Punkt für Punkt findet sich somit in Europa verwirklicht, was Hoffer vor fünfzig, sechzig Jahren - aus den Beobachtungen an Deutschland und Rußland heraus, zumindest vordergründig - als Schreckgespenst an die Wand malte: als Massenphänomen wie als Phänomen der Vermassung namens Fanatismus.

 
*050411*

Montag, 4. April 2011

Entwurzelte trägt der Wind fort (1)

Nun gibt es natürlich keinen fruchtbareren Boden für Massenbewegungen als entwurzelte Gesellschaften, Gesellschaften, Staaten, die ihre ursprünglich tragfähigen lokalen Sozietäten verloren haben. Wie es bei der Verstädterung der Fall ist. Wie es der Fall ist in Gesellschaften, die "flexibel" sind, wo kaum jemand Bezug zu Boden und Heimat hat. Die die Scheidung begünstigt, die Autorität der Eltern untergräbt, die Solidargemeinschaft Familie auflöst, indem sie übergeordnete Verteilmechanismen und -abhängigkeiten schafft, die jede Ordnungseinheit, jeden früher intakten Organismus unter dem Staat bedeutungslos, ja gefährlich macht. Die die letzten Reste von Autarkie - in der Landwirtschaft - beseitigt. Wo alle "mobil" sind.

So schreibt es Eric Hoffer in "Der Fanatiker", und er führt die Historie zum Beweis an, die 1920er, 1930er Jahre. Und man darf es ruhig wagen, die Linie zu verlängern: in die 1990er, 2000er Jahre, hier, bei uns. Hoffer beschreibt, was wir heute beobachten können. In unseren Staaten, in der EU.

Solchen Menschen bleiben nur noch "immaterielle" Identifikationsebenen, ihnen bleiben nur noch Ideologien und Weltanschauungen. Die natürlich heute ein ganz anderes Gesicht haben. Sie heißen heute nicht mehr "NSDAP" oder "KP". Sie sind das, was man heute "political correctness" nennt, sie sind das, was Medien und Universitäten an Schwachsinn implantieren und vertreten - eine geschlossene Decke der Wirklichkeitsverweigerung, die immer aggressiver jeden Andersdenkenden ausgrenzt, weil er zur identitären Gefahr wird.

Und die Organisationen, die Hoffer als Wesensnotwendigkeit beschreibt, um all diese Enttäuschten zu integrieren? Die Menschen heute lehnen doch Parteien und Kirchen ab? Die normalerweise allen Schutz und Platz boten? Die Totalitarismen der Gegenwart haben nicht einfach Unterorganisationen gegründet, nein. Sie haben sich gleich die Staaten selbst gekrallt, und zu Futterautomaten umgebaut: wer brav ist, wird eingebaut in den staatlichen Versorgungsapparat. Mit einer auf ewig festzementierten Ordnung, die sogar Freiheit garantiert. Und Moral. Vorausgesetzt, sie gefährdet die Ordnung der Futterverteilung nicht.

Wie das geschieht? Indem der Staat mehr und mehr alle Bereiche des sozialen Lebens an sich zieht. Die Vorgänge in seinen Grenzen nicht einfach beobachtet, ja sich diesen widmet, sondern - gestaltet, sich anmaßt zu gestalten, sei es eher genannt. Dadurch wird jeder Aspekt der öffentlichen Ordnung und Hierarchien staatlich-politisch geprägt und prägbar. Wer den jeweiligen Machhabern nicht genehm ist, kann jederzeit aus dem System ausgeschieden werden, das seine Identitäten vergibt - oder entzieht.

Es braucht also ein geschlossenes, sehr festes System der Belohnung, das jedem verspricht, seine Anerkennung zu erhalten, wenn er sich nur fügt, wenn er mit dabei ist, in der Ideengemeinschaft. Mit freiem Zugang für alle zu allen Ebenen "oben", zu jedem Beruf, unabhängig von Talent und Begabung, im Namen der "Moral": wo das entscheidende Erfolgskriterium im Dienst an der Organisation liegt, nicht in der individuellen Leistung, nicht am persönlichen Schicksal.

Dazu ist auch ein ausgesprochener "Promi-Kult" notwendig - Anerkennung, losgelöst von Leistung, gekoppelt an reine Aufmerksamkeitsmechanismen (die ihrem Wesen nach so sind, daß sie dem echten Ruhm sogar widersprechen, dessen Anerkennung zufällig machen, wertlos weil gleichrangig bloßer Präsenz), als die Karotte, die allen vor der Nase hängt, der alle nachstürzen. Damit lassen sich sogar gewisse Unzufriedenheits-Randschichten leicht integrieren - wie Künstler, wie Einwanderer, wie Heranwachsende, wie Studenten, die nur "Kurzzeitunzufriedene" sind, solange sie eben ihren Platz nicht gefunden haben. (Also her mit den Vorzeigetürken im Fernsehen!)


Morgen 2. Teil) Die Risikogruppen des Fanatismus
 

*040411*

Samstag, 2. April 2011

Unscheinbarer Faden im Gewebe

Es ist völlig logisch, daß in einer Zeit, die keine "Schuld" mehr kennt - sei es, daß alles Mechanismus ist, sei es, daß Schuld (psychologistisch) weggeredet wird - auch die Vermassung sprunghaft zunimmt. Denn es ist auffallend, daß Massenbewegungen immer dann auftauchen, wenn Freiheit wenig zählt, dafür aber das Verlangen nach Gleichheit und Brüderlichkeit (wie in der "political correctness"). Dahinter steht das Bedürfnis des Einzelnen nach Anonymität: als Faden unter vielen im Gewebe der Gesellschaft unauffindbar werden.

Ihr heißester Wunsch ist der nach einem Ende der Freiheit, weshalb sie gegen freien Wettbewerb ebenso sind wie sie die rücksichtslose Prüfung, der das Individuum in einer freien Gesellschaft ausgesetzt ist, bedingungslos verbannen wollen.

Hoffer schreibt in "Der Fanatiker" deshalb, daß die Überraschung 1945 groß war, als plötzlich nach Einzeltätern gesucht wurde. Die "Ausrede" nur Befehlsempfänger gewesen zu sein war nämlich keineswegs "fadenscheinig", sondern sie war tatsächliches Motiv gewesen: in der Anonymität wird alle Verantwortung abgegeben.

"Wo Freiheit Wirklichkeit ist, da ist Gleichheit die leidenschaftliche Sehnsucht der Masse. Wo Gleichheit herrscht, ist Freiheit die leidenschaftliche Sehnsucht einer kleinen Minderheit. Gleichheit ohne Freiheit schafft eine dauerhaftere soziale Struktur als Freiheit ohne Gleichheit." (Eric Hoffer)

Wobei sich besonders dramatisch der Rückgang schöpferischer Berufe - vor allem wie es das (richtige) Handwerk ist - auswirkt. Ein schöpferischer Mensch lebt auch in Armut ruhigen Herzens, selbst wenn er nach außen hin erfolglos ist - solange er aber schöpferisch tätig sein kann. Wo dieser stille Rückfluß der täglichen Schaffensbefriedigung, der zu einem gesetzten Individuum aufbaut, aber fehlt, steigt automatisch die Neigung zum Fanatismus.

Wenig anfällig sind Menschen, die in eine geschlossene soziale Gruppe  - Familie, Stamm, religiöse Gruppe - (identitär) eingebunden sind. Auch wenn damit Armut verbunden ist. "Je weniger der Mensch sich als autonomes Einzelwesen betrachten kann, je weniger er fähig ist, seinen Weg selbst und ganz allein zu bestimmen und die Verantwortung für seinen Lebensstatus bei sich selbst zu suchen, desto unwahrscheinlicher ist wohl, daß er in seiner Armut den Beweis seiner Minderwertigkeit sieht." Deshalb ist die Familie der sicherste Garant gegen Massenbewegungen und Fanatismus. Eine missionierende Massenbewegung muß sich deshalb zuvorderst darum kümmern, bestehende Gruppenverbindungen (allen voran: die Familie) niederzureißen, um sich ausreichende Gefolgschaft zu suchen.

"Der ideale politische Konvertit ist der alleinstehende einzelne Mensch, der sich nicht in einer Gruppe verlieren und so die Bedeutungslosigkeit und Schäbigkeit seiner Einzelexistenz verdecken kann. Da, wo eine Massenbewegung die korporativen Schemata von Familie, Stamm, Land usw. im Zustande der Vernachlässigung und des Verfalls antrifft, kann sie einziehen und Ernte halten. Wo sie das korporative Schema in gutem Zustand antrifft, muß sie angreifen und einreißen."


*020411*

Freitag, 1. April 2011

Die üblichen Verdächtigen

Eric Hoffer, ein Hafenarbeiter aus San Franzisco, auf den Hannah Arendt erstmals aufmerksam wurde, weist in seiner legendären Untersuchung "Der Fanatiker" darauf hin, daß es nicht die ganz Armen sind, und auch nicht die einfachen Arbeiter, die das revolutionäre, umstürzlerische Potential einer Massenbewegung bilden. Im Gegenteil, diese Schichten empfinden Armut als normal, und gelten zu den konservativsten gesellschaftlichen Faktoren. Der wirklich Arme - und es klingt beinahe zynisch, ist es aber nicht - hat sehr konkreten Inhalt im täglichen Überlebenskampf, und deshalb "sinnerfüllt" (sic!) und immun gegen Massenbewegungen. Wirklicher Existenzkampf hat statische, nicht dynamisierende Wirkung. Die Geschichte Chinas ist beredtes Beispiel dafür.

Ganz anders aber ist es bei den kleinbürgerlichen Schichten der "Neo-Armen" - den Beamten, den mittelständischen Angestellten, den Akademikern, den höhergestellten Arbeitern! In Rezessionszeiten sind sie es, die den Verlust an Lebensstandard durch Arbeitslosigkeit oder Inflation am wenigsten verkraften und tief persönlich - als Degradierung - empfinden. Entsprechend beginnt die Unzufriedenheit der "Armen" auch erst dort, wo sie an der Schwelle zu dieser Zufriedenheit stehen (und man könnte meinen, daß die Situation im arabischen Raum diese Aussage unterstreicht) und ihr Existenzkampf ein sehr bescheidenes, aber leidliches Auskommen ermöglicht, ein "mehr" damit realistisch erreichbar scheint. Tocqueville schreibt einmal, daß er ganz überrascht gewesen sei zu entdecken, daß allen untersuchten Revolutionen - wie in Frankreich 1789 - eine 20jährige Periode steigenden Wohlstands vorangegangen war. Kummer ist dann am wenigsten erträglich, wenn er schon fast nicht mehr existiert! "Die Franzosen haben ihre Lage umso unerträglicher empfunden, je besser sie wurde."

(Es ist auch von Hitler überliefert, daß er 1933 als fast letzte Chance sah, seine Ziele umzusetzen: er wußte, daß sein Zenit überschritten war, und daß die Volkswirtschaft bereits wieder nach oben zeigte, die entscheidende Phase also.) Auch hier scheint der arabische Raum dieser Tage als Beleg gelten zu können.

Nicht das Leiden treibt zur Revolte, sondern der Vorgeschmack besserer Dinge! Hoffer schreibt 1933 (!), daß der gefährliche Moment für die kommunistischen Staaten dann gekommen sein wird, wenn eine beträchtliche Verbesserung der ökonomischen Situation der russischen Massen bereits erreicht ist und das eiserne totalitäre Regime nachgelassen hat. Wer dächte da nicht an Rußland und Gorbatschow 1989? Die Unzufriedenheit steigt, schreibt Hoffer, in dem Maß, wie die Nähe zum Ziel, zum Gelobten Land zunimmt (und umgekehrt.) Der Mensch setzt für das Unnotwendige, Überflüssige mehr aufs Spiel, als fürs Notwendige. Und oft, wenn er aufs Überflüssige verzichtet, hört er auf, am Notwendigen (das ihm nach wie vor fehlt) Mangel zu verspüren.

Die persönliche Disposition jener, die (gerade) etwas verloren haben (das sie wieder zu gewinnen hoffen), macht sie zur idealen Komponente jeder Massenbewegung, und es ist historisch zu zeigen, daß es die Charakterbilder, keineswegs die politische Ausrichtung sind, die das entscheidende Kriterium bilden. Ob links oder rechts ist nebensächlich - beide Richtungen wissen, daß ihr größtes Anhängerpotential jeweils im "Gegner" vorhanden ist.

In einer Sklavengesellschaft sind nicht die Sklaven die Gefährlichen, die Rebellen.  Es sind jene, die gerade erst in Sklaverei geraten sind, oder die bereits freigelassen wurden. Bei letzteren ist die Last der Freiheit (!) Ursache der Unzufriedenheit. Von der Freiheit frei zu werden, ist deshalb eines der stärksten Motive, einer Massenbewegung bzw. gesellschaftlichen Massenströmung beizutreten. Denn angesichts der Notwendigkeit, in Freiheit mit sich etwas anzufangen, wird das Empfinden des schwachen Ich unerträglich.


*010411*

Donnerstag, 31. März 2011

Träger der Zukunft

Die Hoffnungslosen und Ausgestoßenen bilden häufig das Rohmaterial für die Zukunft eines Volkes. Der Stein, den die Bauleute verwerfen, wird zum Eckstein einer neuen Welt. Ein Volk ohne Bodensatz und ohne die Unzufriedenen ist ordentlich, anständig, friedfertig und angenehm, aber möglicherweise auch ohne Samen für die Zukunft. 

Es war keine Ironie der Geschichte, daß gerade jene den Ozean überqueren und auf einem anderen Kontinent eine neue Welt aufbauen sollten, die in den europäischen Ländern unerwünscht waren. Nur sie waren zu diesen ungeheuren Leistungen fähig. 

Eric Hoffer, "Der Fanatiker"


*310311*