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Montag, 11. April 2011

Symptome der Schwäche

Ohne Zweifel wirkt Gemeinschaftsbildung verstärkend auf den Nachahmungstrieb. Selbstwerdung aber ist wesentlich bedingt durch Überwindung der Imitation - und der Herausbildung eigener Gestalt und Form, nenne man es Erwachsenheit: Für-sich-sein.

Verhaftet einer Gemeinschaft, wird Identität zunehmend von ihr abhängig, und unfreie Kollektivform. Ohne klar herausdifferenziertes Ich aber bleibt der Einzelne unvollständig, unreif, unselbständig, und ist daher allen äußeren Einflüssen schutzlos ausgeliefert. Verführbar übrigens allem gegenüber, das in der Gruppenhierarchie ober ihm steht - damit auch bei Richtungswechseln, und seien sie noch so dramatischer Art: blitzschnell verbreiten sich Moden und Neuerungen. Ein (sittlich) primitives Volk, in einem funktionierenden Massenskelett, ist deshalb viel leichter zu "modernisieren", als ein sittlich hochstehendes.

Umso mehr ist die Sprache der Masse voller Warnungen, schreibt Eric Hoffer, nur ja keine fremden Vorbilder zu kopieren, nur ja "innerhalb" des Soziotops zu bleiben. Die Nachahmung von Außenseitern gilt als verpönt, der Verkehr mit "Nichtgläubigen" wird zur Abscheulichkeit.

Mit einer Besonderheit - der Überschätzung der Propaganda. Propaganda wirkt nur bei dem, der ihren Inhalten ohnehin bereits zugehört. Der Volksverhetzer bringt immer nur "seine" Anhängerschaft zum Kochen, aber er überzeugt nicht seine Gegner. Während die Masse Bestätigung - das Allgemeine ist das Wahre, das Wahre das Allgemeine: der Mensch sucht im Sprechen letztlich Teilhabe an Gott! - sucht und braucht. Deshalb muß die Gemeinschaft, die Massenordnung, Mechanismen suchen, die ihre Mitglieder bei der Stange halten, alle zum Glauben zwingt. Durch ein scharfes Schwert, das droht.

So, wie die feste Überzeugung, daß die eigene Ansicht die einzig wahre ist. Je schuldhafter, je irrationaler diese ist, je weniger in der Vernunft gegründet, vor allem der Vernunft des Einzelnen (s.o.), desto heftiger, desto fanatischer wird die Propaganda, weil die Angst vor der Wahrheit. Je heftiger (auch: gewaltsamer) sie vorgehen, desto fanatischer wird ihr Zwang, an ihren Überzeugungen festzuhalten, desto mehr "müssen" diese wahr sein.

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