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Dienstag, 11. Dezember 2012

Gott mit hashtag (3)

Teil 3 - Gott ist nicht nur im Internet, er wird es. Durch den Papst.



Ein Papst auf Twitter - auch wenn man abwarten muß, was passiert - ist in jedem Fall beschämend. Die Wahrheit ist keine nützliche Information, die man abruft, wenn der Festtagsbraten zu mißlingen droht. Oder noch schlimmer: Die man durchklickt, mal sehen, was heute wieder an Interessantem durch den Tweedwald geistert. Sie muß lebendig sein. Und sie ist kein Blatt das man von der Rolle abreißt und dabei zufällig auf ein Heiliges Wort stößt. Ah, sieh da, John Fiedlmann hat einen neuen Weltrekord im Dauerhusten aufgestellt - der Babscht ruft zur Bekehrung und zum Gebet auf - der iPod kostet jetzt nur 59,90; jetzt in der Pontifikalausführung, in violettem Etui mit Goldborte, voll gottesdiensttauglich.

(Übrigens: angeblich tatsächlich bereits häufiger, als man denkt. Der Verfasser dieser Zeilen ist selbst sogar schon mehrmals Opfer solcher Ergüsse geworden, wo mitten aus dem Gottesdienst ein herzhaftes "Christus lebt, er ist wahrlich auferstanden, halleluja! Frohe Ostern wünscht Deine Sonja" am Display auftaucht, lebensecht fliegenden Fingers von dieser während ihres Kommuniongangs abgesetzt. Seltsam, es hat ihn eher nicht erbaut, sondern tief verärgert, weil er gerade nach einem Bratenrezept suchte. Daran hätte auch ein Absender "Dein Papst" nichts geändert. Denn der Verfasser dieser Zeilen wartet eher nicht auf 140-Zeichen-Nachrichten, die sein Weltbild umstützen könnten, á la "Jetzt bewiesen - Der #Mensch stammt vom #Zottelbären ab, sofort unter #evolution lesen!" Und auch nicht auf eine dieser Art: "In zehn Minuten #Weltende - noch rasch #beten - #Benedict XVI" Oder wird er gar bald auch Bratenrezepte anbieten? "Gerade #Weihnachtsgans verschmaust, hervorragend. Sauce wird ganz fein, wenn man ihr einen Schuß #Cointreau zufügt! #Papst" Die obligate Werbeeinschaltung, deren Kaufpreis enorm sein wird, die Twitter-Aktionäre reiben sich schon die Hände, schenken wir uns. Man stelle sich vor, wenn auch noch der amerikanische Präsident - Follower der ersten Stunde - antwortet: "merry christmas! #american_turkey is also fine ;-) #obama" - die Tarife werden in schwindelige Höhen steigen, in jedem Fall. Auch, wenn er vielleicht ja ernsthafter twittert: "Dear pope, you say nice people come to heaven. is it really your opinion that #homosexuals will come to #hell? they are nice! #obama")

Nicht weniger beschämend, wie diese vergammelten Schulbibeln, die zu retten der Verfasser dieser Zeilen sich jedesmal aufgerufen fühlt, wenn er solcher ansichtig wird, wozu ihm aber die Mittel fehlen, denn es sind zu viele Bibeln, die weggeworfen und verachtet werden. Macht nix, ist ja nur Papier?

Das erinnert viel mehr an das "Heil Hitler!" so mancher Bischöfe und Kardinäle, das sie dann bitter bereut haben, als sie bemerkt haben, daß man den Teufel nicht mit Beelzebub austreiben kann, nur weil es nützlich sein könnte.

Was wir sehen
Aber warum das alles? Das wagt der Verfasser dieser Zeilen zu sagen: Weil eine längst wahnsinnig gewordene Subkultur von Zombies genau darin die Bestätigung ihrer abstoßenden Kreuzesscheu und Acedia sieht, sich weiter - in bösartiger Schizoidität - vormachen kann, auch in ihrem Lotterbett der Wirklichkeitsflucht, in dem sie sich wälzt, "richtig zu liegen". Die meinen, in einer glattgeschmusten Welt der Nettigkeiten mit "likes", 50.000 "friends", und nun auch noch als "Papst-Follower" Charon den Preis bezahlt zu haben, mit dem er sie dereinst überschiffe.

Internet und social media sind Lotterbetten des Lasters. Und zwar nicht durch "Pornographie" oder was immer es sonst zeigt. Das wäre eine fatale Täuschung. Seine Wirkweisen sind viel tiefgründiger und umfassender, und ihr positiver Nutzen grenzwertig klein. Doch sind sie gefährliche Phantome, fern von jeder Verschwörungstheorie, sehr real, ihre Schatten sind sichtbar wenn man sich anstrengt: sie umgeben das Herz mit einem Vorhang der Finsternis und gespenstischen Stille, sodaß das Leben, Gott der das Leben ist, nicht mehr gehört, er im Du nicht mehr gesehen, sein Wille, der immer ein Wille im Kairos, im Realen ist, nicht mehr gehört wird. Verschüttet unter den Gebirgen der Sprache der Welt.

Teil einer kulturgeschichtlichen Gesamtbewegung der Entwirklichung unserer Lebenswelt, die sich uns damit mehr und mehr entzieht: Unser Leben wird zu einem Versuch, eine unwichtige Schwanzspitze zu bändigen, während die Eidechse längst über alle Berge ist, und das Antlitz der Erde verwüstet. Wenn wir dann entdecken, daß die Schwanzspitze tot ist, ist es zu spät. Im Internet als effektvolle Scheinwelt vollzieht sich, vor unseren Augen, diese Entwirklichung. Die in heutiger Form nicht eine Frage von "na seien wir eben etwas vorsichtig" ist, sondern prinzipieller Natur.

Aber möglicherweise findet ohnehin jemand bald den Stecker, mit dem man das Netz an die göttliche Energie anbinden kann, sodaß es die reine Wahrheit ausspuckt und wir künftig - also NACH der Einführung von Quantencomputern auf jeden Fall - alles vom Ursprung her wissen, aus Algorhythmen zusammengeflickt, die evolutiv-dialektisch einmal die reine Wahrheit auf Knopfdruck ergeben. Sie lachen? Weinen Sie lieber. Es gibt eine menge Leute, die das allen Ernstes glauben. Sodaß ihnen der Beitritt von Benedict XVI. zu Twitter die logische Anerkennung dieser Wahrheit ist: Es ist die tragende Idee des Internet und der social media, die diese Idee nur abbilden. Diese Leute hat also der Papst auf jeden Fall schon im Glauben gestärkt. 

Unter Hashtag gott oder so ähnlich sind dann auch Sie, geneigter Leser, dabei, wenn es soweit ist und ER zu uns spricht, ehe er aus angeschlossenem Laserlicht loslegt die Welt nach eingespeicherten Bauplänen - bibeltreu nach seinem Geist, dem Programm, das sich in grenzenloser Kompilation von Information selbst programmiert - neu zu schaffen. Wo nunmehr geniale Information sich mit der dreieckig-kristallinen Gestalt des Urstoffs vermählt. Dann wissen wir auch, wozu der Sozialstaat eigentlich gut war: Er sollte allen ermöglichen, ihr Handy zu betreiben, um in den Himmel zu kommen. (Sie sollten weniger lachen, werter Leser, sie sollten weniger lachen, das ist so gar nicht angebracht, wenn die Rede von den Fundamenten des Zeitgeists ist.)

Noch eine Wette, ganz zum Schluß: Es wird nicht an Nachrichten fehlen, wo jemand per Tweed verkündet, der habe sich durch päpstlichen Tweed bekehrt. Der Glückliche. Der Verfasser dieser Zeilen sieht sich immer noch nicht bekehrt. Vielleicht sollte er auch twittern.




Nachtrag: Damit keine Zweifel aufkommen: der Verfasser dieser Zeilen sieht sich mit dem Papst in Christo  tief verbunden. Wenn auch nicht als "Groupie", das sich von gewissen Dynamiken wegschwemmen läßt und seine gerade als jemand der Christus angehören möchte unverzichtbare Eigenverantwortung aufgibt. Gerade heute, umgeben von enormen (vor allem psychologischen) Wirkmechanismen, ist höchste Vorsicht angebracht, das Erleben und Wahrnehmen nicht durch Außenwirkungen sich selbst entfremden zu lassen. Denn Gott, das Wort, das Leben, ist als sich selbst Zeugender dem Hörenden nur im Maß der Lauterkeit der Affekte präsent, ja im lauteren Affekt - Florenski nennt an dieser Stelle den Geist - als (menschlichem Verstand letztlich nie vorhersehbares) gottgetragenes Handeln nach seinem Willen wird. Er als Wirkender, und damit der Mensch zum Individuum aus dem Geist in der Hingabe geboren. 

Insofern ist ja das Leben immer wahr, weil es immer aus Gott kommt, und jedes Wollen und Vollbringen das Gottes ist, nie des Menschen, so sehr er das heute glaubt. Die Frage ist nur, WAS aus den Gestalten der Zeit spricht, wo (könnte man sagen) das Leben und das eigentliche Ziel eines Handelns IST, als Logos, als Sinn. Nachdenken ist damit ein Ausschmelzen faktischer Gestalten zu reinen Gestalten, welch erstere an sich also sehr wohl "falsch", irrtümlich sein können, sodaß sich dann auch etwas anderes in ihnen zeigt, als weltliches Sprechen vorgibt.

Man möge dem Verfasser also manch sarkastischen Ton in obigen Ausführungen nicht fehldeuten, den er nämlich nicht ändern wollte, den er als sehr angebracht sieht. Sarkasmus oder Ironie sind ein Auf-die-Spitze-Treiben, und insofern kathartisch, als irgendwann die Enden der Tangenten, die man an Bewegungen legt, im Nichts landen, und sich damit offenbaren. Auch, wenn er vom Geist und der persönlichen Klugheit gerade dieses Papstes, dessen Äußerungen er stets mit großer Sorgfalt liest und hochschätzt, überzeugt ist. Weshalb er sogar mit gewisser Spannung beobachten wird, sofern das auch ohne Twitter-Account möglich ist, wie die Angelegenheit sich entwickelt. Denn sie wird aus neuem Blickwinkel auch über das Netz einiges aussagen. Das nun auch in dieser Weise zu nutzen, davon ist der Verfasser dieser Zeilen überzeugt, aber wohl eher der Modernitätsbegeisterung so mancher Mitarbeiter zu verdanken ist. Aber mit großen Bedenken, weil er diesen Schritt in einer Reihe mit so vielen sieht, die die Kirche in den letzten Jahrzehnten zu einer unsäglichen Profanierung und Verdunkelung des Heiligen trieb. Und vor allem auch zur Enträumlichung, Entkonkretisierung, damit Entgeschichtlichung, wo das Internet nur noch als Weiterentwicklung z. B. von Bewegungen wie Medjugorje deutlich wird.

Die Kirche ist leider schon geraume Zeit dafür bekannt, daß es in ihr Kräfte gibt, die nie schnell genug beweisen zu können meinen, wie zeitgemäß und weltoffen sie sei. Die dabei gar nicht merken, daß sie weit zurück sind. Kirchliche Innovationen in dieser Richtung tragen deshalb fast immer ein Merkmal: sie kommen zu spät, damit zu einem Zeitpunkt, wo in der (verglichen mit Kirchenbeamten) realitätsbestimmteren Gesellschaft bereits der Kater eingesetzt hat. Das Internet in dieser heutigen Form, davon ist der Verfasser dieser Zeilen (der doch einige Interneterfahrung hat) überzeugt, hat ein gar nicht fernes Ablaufdatum, wenn auch  nicht sein muß, daß sich der tief schwelende Konflikt direkt als Ablehnung des Internet erkennbar sein muß, er könnte auch ganz andere Formen annehmen. Doch der Mensch ist eben nicht beliebig form- und veränderbar. Immerhin lebt er aus der Selbsterprobung Gottes, sein Bewegungsspielraum ist begrenzt. Entfernt er sich von seinem Wesen, meldet sich der Schmerz, der historisch bedingte Gestalt der Gegenwehr annimmt

Eine Analyse des Internet - als Werkzeug, als Maschine, die wie jedes Werkzeug auch den Anwender verändert - kann nur von diesem Wesen des Menschen ausgehen und stichhaltig sein. Ja es muß auch einem kulturellen Untergrund entsprechen - aus dem es hervorgeht, woraus es in seinen Gestalten verändernd rückwirkt. Aber diese Veränderungen haben eine Grenze - eben dort, wo der Mensch sich widerspricht. Dort wird Zeitgestalt und Zeitgeist gar zur Todesspirale. Unter diesem Gesichtspunkt hat die Selbstentfremdung durch das Internet nicht nur nach Meinung des Verfassers dieser Zeilen eine Phase des Weltverlusts erreicht, wo Gegenbewegungen zu erwarten sind. Und diese zeichnen sich auch bereits ab - wenn auch noch untergründig, denn der Zug der Zeit nimmt gerade dann noch mehr Fahrt auf, wenn er seine Begrenztheit immer mehr ahnt, sodaß er immer aggressiver ums Überleben kämpft. An dieser Stelle war und wird vielfach davon die Rede.




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Montag, 10. Dezember 2012

Gott mit hashtag (2)

 2. Teil - Die Stimme Gottes im Netz



Man schämt sich als Katholik, wenn man auf Flohmärkten auf schmuddelige Paperbackausgaben des Neuen Testaments stößt, wie sie massenhaft aus Grastis-Schulbuchaktionen übrigblieben, in gräßlichem Grün oder Orange, als wäre es das Kursbuch der Bundesbahnen, später völlig logisch achtlos auf Altpapierniveau gedrückt, und niemandem auch nur mehr einen Euro wert. Ein Indiz, daß hier die Verkündigung gescheitert ist, nicht primär die Schulbuchaktion, die sozial Schwachen helfen sollte. Man darf sich ruhig fragen, ob nicht der Umstand, daß heutige Schulabgänger ein Religionswissen haben, das früher jeder Erstkommunionkandidat meilenweit überboten hätte, auch und gar nicht zuletzt damit zusammenhängt.

Das Aufnehmen der Heiligen Botschaft ist abhängig vom Herzen, das sich ihm zuwendet. Denn es ist letztlich Gott selbst, durch den wir erkennen. Sein Inhalt klebt nicht einfach an plumpen Buchstaben, gleichgültig auf welchem Papier, in welcher Situation, in welcher Lage sie einem begegnen. Daß wir dies glauben, ist selbst bereits eine Frucht der Entwicklung der Medien in unserer Kultur, das läßt sich überzeugend aufzeigen.

Das Medium ist die Botschaft. Und sie ist es nicht als einfach abzuziehendes Extra eines nominellen Wortinhaltes. Wort ist von seinem Träger nicht trennbar, Kommunikation ist nicht einfach das nominelle Wortgerüst. Was Johannes Paul II. vor etlichen Jahren einmal verkündet hat, daß Medien neutral seien, sich jedes Medium deshalb gleichermaßen für die Verkündigung und das Apostolat eigne, ist einfach nicht richtig.

Man könne den Papst nicht von Tür zu Tür schicken, ließ sich beim Bloggertreffen im Vatikan 2011 noch eine besonnene Stimme vernehmen. Was immer man sich nun verspricht davon, den Papst auf Twittertour zu schicken - es zeigt, daß diese Besonnenheit nicht gesiegt hat. 

Was heißt es, zu glauben? Annahme der Verkündigung heißt letztlich immer: Aufruf zur Bekehrung. Aber wie soll dieser Aufruf vonstatten gehen? Durch neutrale Botschaften, um nur ja das Wesentliche der Bekehrung - die Begegnung mit dem Anderen, mit Christus - aufzuheben? Um sich nur ja das Wesentliche der Evangelisierung zu ersparen: die Heiligkeit des Verkünders!? Oder hat Franz Xaver Zehntausende bekehrt, weil er eine neue Trommelform erfand, in der er noch mehr erreichte? Oder war es nicht immer, in der ganzen Missionsgeschichte, die Person der Missionare? Man zeige dem Verfasser dieser Zeilen doch die Missionserfolge aufgrund verteilter Bibeln, oder verbreiteter Internetbotschaften! Man vergleiche dieses Geschehen mit dem, was Berufenere zum Wesen der Verkündigung sagen. Es ist untrennbar mit der Heiligkeit Gottes verbunden, ein geheimnisvolles Geschehen der göttlichen Tätigkeit selbst, alles andere ist Vermessenheit.

Was ist die Stimme Gottes, das Säuseln des Windes, in dem der Geist ist? Der Tweed im Twitterwald? Die Sprache selbst, in ihrem Nominalwert?*

Stattdessen begibt man sich auf das Niveau und die Inhaltlichkeit der Überzeugungstiraden von Sekten. Die schwer zu tun haben, ihren Kopf verbal möglichst dicht argumentativ einzuweben, damit nur ja keine wirkliche Wirklichkeit durchdringt, und wenn dies doch der Fall ist, rasch mit ein paar Argumenten den Riß zu stopfen. Damit das Herz tief drinnen - die Berufung eines jeden zur Individualität, zum Selbststand, zu einer kaum zu fassenden Würde des Selbstbesitzes in Christo - das nur auf die wirkliche Wirklichkeit reagiert, nur diese anzeigt, nur ja nicht gehört werden möge. Um jene Gewißheit zu verkünden, die doch überhaupt erst die Wahrheit hören läßt. Und nur aus diesem Herzen heraus kann auch die Heilige Schrift verstanden werden.



Morgen Teil 3 - Gott ist nicht nur im Internet, er wird es. Durch den Papst.




*Die Sprache, schreibt Rolf Kühn einmal, ist nur der Raum der reinen Außenheit, in der jedes auf alles bezogen werden kann, sodaß prinzipiell mit ihr Lüge und Irrtum möglich sind. Es geht aber um die Onta, die sich in ihr zeigen, auf die sie Bezug nimmt, und die sie nicht "binden" kann. Dazu müßte das Wort auch die Wahrheit selbst sein. Der Inhalt der Sprache spricht also nicht aus sich selbst, sondern im Maß des Herzens (bzw. Bezugsrahmens) des Hörenden. Damit kommt es beim Inhalt des Gesagten auf die Bedingungen der Begegnung an. Und daraus folgt, daß der Zugang zu einem Gesprochenen, seine Art der Aufnahme, das entscheidende Momentum des Inhalts, des Gehörten ist. Damit beginnt das Problem der "Ortslosigkeit" des Teilnehmers an social media schlagend zu werden, mit der Kernfrage: wo ihr Moment der Selbstüberschreitung bei einem prinzipiell - als Daseinsbedingung - verorteten (!) Menschen liegt. Denn nur in diesem Herzensakt ist Wahrheit überhaupt hörbar - weil nur das in der Wahrheit sein die Wahrheit hört.





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Donnerstag, 1. November 2012

Zwang zu wollen

Von Alzheimer und Demenz bis zum Burn-out-Syndrom, und die Liste wäre kaum vollständig zu führen - Resultate der Entfremdung, in denen der Mensch sein größtes Gut von sich selbst abspalten muß: den subjektiven Lebensvollzug in die Wirklichkeit hinein. In der von der Ökonomie beherrschten Lebenswelt, in der selbst Arbeit und Wirtschaften zur Ideologie wird, herrscht der Zwang, unter (vermeinten) existentiellen Notwendigkeiten etwas wollen zu müssen, das vom innersten Wesen her nicht gewollt wird. Im Arbeits- und Alltagsgeschehen wird etwas gelebt, das nicht als die eigentliche Tätigkeit (sondern als Dienst am System) gelebt wird (R. Kühn).

Während in offener Sklaverei* dieser Zwang aber von außen auferlegt ist, ergreift er im Kapitalismus den Menschen von innen her: er muß ihn wollen, im Mißbrauch seiner Freiheit. Das macht sie so unangreifbar, dem Mißbrauchssymptom (in seinem schizoiden Ansatz) so ähnlich, das damit DAS Zeitsymptom wird. Über eine diffuse Klage über das "System" kommen deshalb die Menschen nicht hinaus, ihre permanente Unzufriedenheit findet kein Ziel, weil sie selbst es sind, die zu dieser Entfremdung "hin wollen". Ihre Gedankenwelten finden die Ursache nicht. 

Weshalb auch eine Lösung der Wirtschaftskrise, die eigentlich eine Gesellschaftskrise ist (und deshalb immer schamloser Wirtschaftslogik auf Gesellschaftspolitik überwälzt, in dem sie die einzelnen Lebensbereiche noch weiter fragmentiert, für sich stellt, "objektiviert"), innerhalb dieses Systems unmöglich ist, im Gegenteil, die Systemzwänge zum Mißbrauch noch weiter verstärkt.



*Die also paradoxerweise noch in sich "human" ist, weil Arbeitskraft gerade in der Sklaverei vom Menschen selbst nicht getrennt werden kann, als äußeres Joch zudem innere Distanzierung ermöglicht: der heutige Arbeitnehmer gehört nicht einem "Herrn", sondern seine ureigene Tätigkeit im nie enden könnenden Versuch des Lebensvollzugs gehört einem Dritten, dem Besitzer der Produktionsmittel. Speziell in den politisch verhängten Bildungssystemen wird - in der "objektivierten Wissenschaft" (die auch dem Wirtschaften zugrunde liegt) der Mensch sich selbst entzogen, weil sein Denken nicht aus seinem originären Lebensvollzug steigt, sondern ihm selbst entfremdet wird. Ein hermetischeres Gefängnis ist nicht vorstellbar: Änderungen der Denkweisen, von Meinungen, werden zu Fragen, die die gesamte Existentialität betreffen. Worin sich die Begründung findet, daß wirklich fundamental andere Denkweisen - Evolution/Schöpfung, Klimawandel, Gender, etcetera - zu lebensgefährlichen Bedrohungen werden, weil für die genuine Lebenserfahrung kein Instrumentarium mehr zur Verfügung steht, sich im Individuellen zu verankern. Aber selbst "religiöse Bewegungen", die auf "Bekenntnis" aufbauen, die Transformation der Religiosität zu Bekenntnisreligionen an sich, tragen exakt dieselben Merkmale.



*011112*

Dienstag, 16. Oktober 2012

Verfestigung, nicht Erweiterung

Das Herausbrechen der Sprache ALS Information in den Neuen Medien beraubt sie ihrer eigentlichen Kraft der pathischen Darstellung des Logos der Welt. Die Transformation von Sprache in Informationsbenützung durch technische Kodifizierung läßt zwar eine Fülle von Information entstehen, der aber die Verarmung und Verdunstung ihrer viel wesentlicheren Gehalte gegenübersteht. 

Wie sämtliche Untersuchungen über die Art, im Internet zu lesen, bestätigen, und wie aus seiner Natur hervorgeht, hat sie zur Folge, daß die informative Spracherweiterung nicht Welterweiterung sein muß, und in fast ausnahmslos allen Fällen - kraft ihrer aus der Technikbenützung erwachsenen ständig präsenten Versuchung - auch ist. Sie dient damit der Verfestigung eines Welttyps, schreibt Rolf Kühn in "Sprache und Pathos", der zur rein informativen Lebenswelt werden kann. Der das Leben selbst weitgehend abhanden gekommen ist. Der Internet- und Neue-Medien-Benutzer steht in der ständigen Gefahr, zum Fanatiker in seiner Grundhaltung zu werden.



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Montag, 15. Oktober 2012

Der ideale Nährboden

Es ist derselbe inhumane Technizismus, in dem über die Ideologie der "objektivierten Weltsicht" menschlicher Selbstvollzug in Arbeit und Leben, im Auseinanderreißen des naturgegebenen Besitzverhältnisses Mensch und Welt, der im Kapitalismus wie im Sozialismus gleichermaßen den Menschen das Eigentum an der Welt und sich selbst entreißt, den die ökologischen Bewegungen in ihrer Weltsicht und politischen Ambition anwenden. Mit den Ökologiebewegungen kriecht dieser Technizismus bis in die letzten Ecken des Menschseins. Grünbewegungen sind aber ohne die Wirkmechanismen eines hypertrophen Sozial- und Propagandastaates, der auch die letzten Orte der Mitmenschlichkeit in Geld und Ablaufmechanismen abstrahiert und damit jede menschliche Gemeinschaft an ihren Wurzeln auslöscht, undenkbar.

„Die Grünen sind heute eine Klientel-Partei für eine Minderheit wohlversorgter Postmaterialisten im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes (40 Prozent der Beamten im höheren Dienst sind Anhänger der Grünen). Das Haushaltsdurchschnittseinkommen der Grünen ist höher als das der FDP-Anhänger.“
 
Manfred Güllner (71) – Gründer und Geschäftsführer des ‘Forsa’-Meinungsforschungsinstitutes


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Mittwoch, 10. Oktober 2012

Individualismus als Mangel der Selbstwerdung

Der Individualismus der Gegenwart, wie er sich auch in impliziten wie expliziten pädagogischen Ansätzen wiederfindet, von Montessori bis zum plumpesten Antiautoritarismus, verkennt etwas Wesentliches: Wenn das Leben selbst sich in einem Einzelwesen selbst erfährt, dann ist das immer KONKRET und historisch, nie abstrakt. Sodaß dieses neue Individuum bereits in eine historische Situation eintritt, ja der Eintritt in diese Geschichte ist seine eigentliche Individuation.

Das heißt, daß dieses "Null",  von dem alle diese heutigen Ansätze ausgehen, gar nie existiert hat und existiert. Es gibt keine ahistorische Menschwerdung. Im Interagieren mit dem Vorgefundenen also, mit dem Vergangenen, in seinen Spannungen zur Zukunft hin, die aus dem hervorgeht, und nur dort vollzieht sich die Menschwerdung.

Ein Kind kann also nicht "aus sich heraus" die als "Kultur" bezeichneten Weisen des Lebensvollzugs entdecken, und sich so seine eigene originäre Lebensweise zusammenbasteln. Kein Invidiuum kann sich "aus sich selbst" hervorbringen, es kann "sich" bzw. dessen Inhalte (und nur darin ist es ein sich) immer nur empfangen. Das Kind wird - und das ist wahre Verwahrlosung, ja Mißbrauch, die Symptome sind sich erschreckend ähnlich, und nicht zufällig: die Erfahrensweise ist in ihrem Prinzip gleich: Erfahrung ohne Form - also einerseits auf sich zurückgeworfen, und anderseits wahllos aufnehmen, was ihm unter die Finger kommt, salopp formuliert. Dabei aber prinzipiell überfordert, auf eine Weise, fundamental unterfordert, auf eine andere, weil nicht in etwas hinein entwickelt, das ihm aus der historischen (Familien-, Orts. etc.)Umgebung konstitutiver Grund zur Existenz ALS BEZIEHUNG war.

Das betrifft nicht nur das legendäre "jedes Kind weiß, wann es satt wird und worauf es Gusto hat", sondern gleichermaßen das bloße Nachgeben auf jeweils gerade auftauchende "Wünsche". Erwachsenwerden heißt nämlich nicht, diese Wünsche zu verallgemeinern, sondern heißt, sie in die Ordnungskraft des Ich zur Perösönlichkeit zu integrieren - ALS Beziehung zur vorgefundenen Welt, auf der Grundlage des gerade in dieser Konkretwerdung empfangenen, zur Welt gesteigerten Lebens. Was heute als "Individualismus" verstanden wird ist also oft nichts anderes als Unfähigkeit zur Selbst-Seiung, die keineswegs

(Oder nur über zahllose Irrwege, mit viel Verzögerung, die ihn verändert hinterläßt, was nun ganz andere Probleme aufwirft - daß heute Menschen deutlich später erwachsen werden, Studienzeiten sich verlängern, etc. etc., ist ja nicht einfach eine folgenlose, meinetwegen teure - aber auch das - "Verzögerung", sondern kollidiert mit dem Faktor "Zeit und Adäquatheit des Lebensvollzugs" - alles hat seine Zeit - fundamental. Wer mit 28 noch kein eigenes Leben führt, wie heute längst üblich, zieht sich ganz neue Probleme an den Leib, dessen biologischer Rhythmus den Identitätsgegebenheiten, dem realen Platz in der Gesellschaft, voraus ist.)

Rolf Kühn spricht definitiv von einer Vortäuschung individualistischer Selbstschöpfung, die eine reine Illusion ist. Die radikale Passibilität des originären Lebensvollzuges wird vergessen. Und weist auf Kierkegaard hin, der schreibt, daß das Selbstsein einen "Bezug zum Absoluten impliziert. Ohne absolute Setzung einer Vor-Gegebenheit gibt es auch kein Selbstsein. Der Selbstvollzug des Individuums ist nur als Affizierung aus Konkretem möglich. Anders erstirbt regelrecht der Lebensimpuls. Das absolute Leben hat keine Vorstellungen und Bilder, nach denen es sich dann vollzöge, die Welt ist vielmehr die Konkretisierungen dieser Beziehungen aus jeweiliger Selbstübersteigung in sie hinein, in der daraus folgenden Formatierung zu Gestalten.

Über die Zusammenhänge zwischen Vaterhaß und -ablehnung, Ablehnung der Tradition als Geschichte, und dieser Gestaltwerdung als Akt der Selbstwerdung selbst (in der Identität, die in diesem Sinn gleichfalls ein passives Geschehen ist) wird gewiß noch die Rede sein. Hier bleibe es lediglich angedeutet. So wie über die Abgrenzung zum (hegelianischen) Allgemeinen als postularische Ideologie.



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Sonntag, 30. September 2012

Unvereinbarkeiten

Nur in der actualitas der Wirklichkeitsbegegnung vermag der Mensch überhaupt Geschichte hervorzubringen. Und in diesem Hervorbringen wird, in affektiver Praxis des Individuums, die Materialität der Geschichte entstehen - als kulturelle Bestimmung der Welt in Arbeit und Ästhetik.

Bei der Untersuchung der Genealogie der Individuen in ihrem transzendentalen Werden erweist sich dies als Aufdeckung jener Substitute, welche als ökonomische oder politische "Objektivität" den Realprozess lebendiger Geschichtlichkeit für sich vereinnahmen und die abstrakten Äquivalente eines vergessenen Lebens der Schau als Pseudo-Gehalt der Wirklichkeit darbieten.

[...] Daraus ergeben sich Stellungnahmen zu "ontologischen Subversionen" massivster Art, welche als Wissenschaft, Technik, Industrie, Kapitalismus, Sozialismus und Faschismus heute in der "Globalisierung" unsere Geschichte vor eine bisher nie dagewesene Veränderung stellen - vor eine rein automatische Weiterentwicklung ohne der Individuen noch zu bedürfen.


Aus Rolf Kühn, "Subjektive Praxis und Geschichte - Phänomenologie politischer Aktualität"



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Samstag, 22. September 2012

Wurzeln des Sinnproblems

Was im Fluß des wirklichen Lebens als Verlangen und Verwirklichung auftritt, ist daher diesseits aller ethischen Urteile zunächst die unmittelbarste, phänomenologische Erfahrung oder subjektive Erprobung und bildet, selbst wenn sie "zufällig" erscheint, den Boden für Geschick und Bestimmung des je individuellen Lebens. Hebt man diese Zufälligkeit aus der Sicht der Vorstellung und des Denkens auf, weil es sich bei diesen individuellen Modalisierungen um die innere Phänomenalisierungsweise des Lebens selbst handelt, dann wohnen wir hierin der Entfaltung der Potentialitäten solchen Lebens selbst bei. 

Diese Entfaltung leben zu können, macht das Leben als solches aus, und deshalb sind es letztlich nicht die sozialen Bedingungen, welche dieses Wesen vorgeben und damit eben auch nicht bestimmten, was das Individuum je ausmacht. Sobald daher der gesellschaftliche oder geschichtliche Anspruch auftritt, das Individuum von seinen "Zufälligkeiten" befreien zu wollen, um es allgemeinen Anforderungen zu unterwerfen, die "vernünftiger" erscheinen, tritt zwischen Individuum und solch ideologischer Struktur von Klasse, Nation oder Staat eine ontologische Wende ein, welche die gesamte Problematik hinsichtlich der eigentlichen Bestimmung des Individuums belastet. 

Wenn nämlich einmal der effektive Austausch zwischen den Produzierenden und konsumierenden Menschen verlassen ist, um diese Tätigkeiten in einem abstrakt objektiven Licht zu sehen, wie heute in den Wissenschaften oder in Ökonomie, Technik Verwaltung usw., dann verlagert sich der ontologische Zugang zum Individuum schlechthin - das heißt er wird unzugänglich. Denn was an sich in der reinen Immanenz des Lebens und dessen eigener Teleologie als subjektiver Praxis geboren wird, findet sich in einem ihm fremden Medium wieder - im Außen der Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit.

[Damit wird] der Einzelne eigentlich überflüssig, weil die Transzendenz solcher Hypostasen keinen einsichtigen Grund mehr in sich birgt zu sagen, warum es gerade dieses bestimmte Individuum jeweils gibt. [Es gibt im Leben aber] niemals ein Individuum zuviel.

Verstehen wir aber die dem Individuum eigentümliche Tätigkeit des Produzierens im Zusammenhang mit anderen Individuen nicht bloß als "Ausdruck" seines Wesens, sondern als Vollzug seiner Selbstimmanenz schlechthin, die keine Loslösung von solcher Phänomenaliserung in ein Außen hinein erlaubt, dann steht damit das Bewußtseins- und Ontologiemodell der Vorstellung selbst in Frage.



Rolf Kühn, in "Subjektive Praxis und Geschichte - Phänomenologie politischer Aktualität"


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Freitag, 21. September 2012

Von den subjektiven Produkten

Natürlich ist mit der instrumental vermittelten Arbeit (die Produktion eines Produkts über werkzeuglich-maschinelle Vorgänge, Anm.) auch eine Universalität gegeben, denn mein Bedürfen (mich - zum mich - in der Herstellung, Arbeit subjektiv zu vollziehen, Anm.) zielt auf das Bedürfen der Anderen, indem dann die entstandenen Produkte ausgetauscht werden können Aber eine solche Universalität erfaßt nur die Produktion solcher Objektivität, indem das subjektive Leben als Pro-duzieren seinerseits nur in seiner Bedingung als Objekt dann erfaßt wird. Aber irgendein Objekt - und besonders dasjenige der theoretischen Schau - produziert nie selbst etwas, weil es dazu stets einer subjektiven Kraft bedarf. (Das Produzieren über einen maschinellen Vorgang vollzieht also einen anderen Aspekt der Subjektivität, nicht eigentlich den des Selbstvollzugs im Produzieren; Anm.) 

Eine objektive Hervorbringung des Seins ist also ein Widerspruch in sich, sofern sich das "Sein als Produktion" nur als leben vollzieht, ohne jemals aus dieser Immanenz des Hervorbringens für sich in eine Objektivität als Universalität herauszutreten.

Wir finden daher auf dem Weg einer veräußerten Tätigkeit die Aporien jeder Bewußtseinsphilosophie wieder, wie sie das abendländische Denken kennzeichnen. Denn wenn die Praxis nur zur "Anschauung" des Gegenstandes oder Werkzeuges in seiner Bildung bzw. Funktion wird, dann ist eine solche Praxis mit diesem theoretischen Sehen selbst identisch - und eben keine wirkliche Tätigkeit mehr im Sinne der subjektiven Hervorbringung, welche alle Tätigkeit phänomenologisch konkret ermöglicht.

Rolf Kühn in "Subjektive Praxis und Geschichte - 
Phänomenologie politischer Aktualität"

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Das heißt: Eine (objektivierte) Wirtschaft, die also nicht mehr Abbild subjektiven Lebensvollzugs IM Produzieren ist, IM Austausch mit dem Konsumenten, die also Bedürfen selbst objektiviert hat, verliert ihre Qualität als Ort des Lebens selbst.

Natürlich entsteht durch solch einen Hervorbringungsprozesses - ALS subjektiver Lebensvollzug, der einem Bedürfen nach Bewegung als Selbsterprobung entspricht -  in "Objekt", das sich als Objekt dem Denken vorstellt. Aber das Denken kann innerhalb seiner Natur keine Bewertung vollziehen, weil subjektive Anstrengung, Pathos, Mühe, nicht vergleichbar IST. Es gibt also die vielzitierte "soziale Gerechtigkeit" nicht, nicht als objektiven Begriff. Es gibt nur Lohn, den man über die Zeit zu einem "Ungefähr" macht, das sich am subjektiven Bedarf des Arbeiters und am subjektiven Wert des Produkts für den Verbraucher zu bemessen hat. Keineswegs erschöpft sich aber der wirkliche Wert eines Produkts im Preis, dieser ist praktisch "zufälliges" (nicht "absolutes"), hinweisendes Ergebnis im Rahmen eines Gemeingefüges, das zum Anhaltepunkt aber die jeweiligen subjektiven Vollzüge hat.

Dieses Gemeingefüge wiederum hat seine Grenzen im Rahmen des Lebensvollzugs seiner Mitglieder. Weshalb es auch nicht "ungerecht" ist, sondern sehr gerecht sogar, wenn ein Produkt im einen Landkreis billig (also: weniger Geld benötigt), im anderen teuer, Lohn hier höher, dort niedriger ist: er kann sich nicht an der "Tätigkeit" oder gar an einem objektivierbaren "Produkt" bemessen, sondern nur an der sozialen Wertbemessung, und die ist lokal verankert. Ja, diese Differenzierung, wie überhaupt Differenzierung, macht das Wesen einer Volkswirtschaft ALS Gefüge überhaupt erst aus. Denn in der Bemessung des Lohnes in "Zeit" drückt sich genau der Charakter der Zeit aus - als Sozialfaktor.*

Politik kann dieses Gefüge deshalb nicht MACHEN und gestalten, sie muß es repräsentieren weil RESPEKTIEREN - weil nur die realen Gemeinsamkeiten "res publica" sind. Historisch aufweisbar, hat Politik sich deshalb in dem Maß gewandelt und ihre gebotenen Grenzen überschritten, als es diese "Schatten" des jeweiligen subjektiven Selbstvollzugs zur Sache an sich gemacht hat, nicht zuletzt um Staatspolitik zur Sache an sich zu machen. Der moderne interventionistische Sozialstaat ist also nicht zufällig am Grab der (subsidiären) Reichsidee entstanden, weil erst deren Ende die Lösung der Überlebensfrage der Staaten in sie selbst hinein - im sogenannten "Nationalismus" - verlegt hat. Und nur unter diesem Aspekt wäre eine Europäische Union - genau so hat sie Otto von Habsburg verstanden - sinnvoll. Sie ist ihr Gegenteil, wenn sie die Einzelorganismen ersetzen will.




*(Es ist dem Autor dieser Zeilen nicht selten begegnet, daß Bewohner des ehemaligen "Ostblocks" darüber klagten, daß ihre Löhne niedriger seien, als wenige Kilometer weiter westlich, namentlich in Österreich. Und sie taten das im deutlichen Pathos der Klage - immerhin würden sie für "dieselbe Tätigkeit" dort deutlich "besser" leben können, ja höher angesehen. Das ist natürlich völliger Unsinn! IHR Sozialgefüge hat für Ihren Lebensvollzug, der seine Belohnung ja wesentlich bereits in sich birgt, DIESEN Lohn vorgesehen. Keine Tätigkeit ist "objektivierbar", sie ist immer im allernächsten sozialen Umfeld zu betrachten weil auf es bezogen.)


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Donnerstag, 13. September 2012

Eine Hoffnungsgruppe

Das Ziel der deutschen Bundesregierung, die Zahl der jungen Menschen ohne abgeschlossene Berufs- und Schulausbildung bis 2015 zu halbieren, ist gescheitert. Sogar mehr junge Menschen denn je sind ohne Abschluß, so schreibt der Spiegel online

Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge haben 1,44 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keine Lehre abgeschlossen oder einen Beruf erlernt. Dies entsprach im Jahr 2010 17,2 Prozent der Altersgruppe. 2009 lag der Wert bei 16,4, im Jahr zuvor ebenfalls bei 17,2 Prozent. Die Zahl der Ungelernten bis 34 Jahre liegt sogar bei 2,2 Millionen. (cit.)

Die Zahlen für Österreich dürften ähnlich liegen.

Man kann das auch ganz anders lesen, als der Spiegel es tut, und wie es im öffentlichen Tenor getan wird, als Katastrophe. Man kann es als Hoffnungsschimmer lesen. 

Wenn es zu einer Erneuerung unserer Kultur kommen kann, dann nämlich ganz sicher nicht aus den Schichten der "Gebildeten" heraus. Denn das Schul- und Ausbildungsziel der Gegenwart ist Verbildung, ist eine Konditionierung auf Codes, die über pägadogische Begleitmaßnahmen fast ausweglos die jungen Menschen in Systemlogizismen verhängen, sodaß sie von ihrem kulturell geprägten Selbst aus kaum noch zur einzigen wirklichen Basis von Kultur durchzustoßen in der Lage sind und sein werden: dem genuinen eigenen Empfinden. An den Trägern akademischer Grade am deutlichsten abzulesen, bedeutet diese Form der Integration in das System heute so gut wie ausnahmslos das Ende vitaler Kultur. Die umfängliche wie qualitative Steigerung der technischen Möglichkeiten führen aus der Natur der Technik heraus zu einer immer mehr beschleunigten Metastasierung dieses Zustands.

Wo immer Erhebungen und Willenstrends publik gemacht werden, findet sich im Maß der "Bildungsnähe" der untersuchen soziologischen Gruppen eine erschütternde Affinität zu jenen Werten und Zielen, die unsere Kultur zum Erlöschen bringen. Das sagt alles über die Effekte, die heutige Ausbildung (von Bildung zu sprechen ist ja ohnehin grotesk) bewirkt.

Gewiß, (Aus-)Bildungsverweigerung alleine ist noch zuwenig. Gewiß, hier dräuen andere Gefahren. Und gewiß, hier zeigt sich nur die Kehrseite eines kulturellen Versagens, eine direkte Folge oft genau der fehlgeleiteten pädagogischen Kraft unserer Zivilisation - als Hinbildung zum Laster, als Absenz von Tugend, der Haltung zum Guten, der einzig natürlichen Kraft für eine geglückte Lebensführung.

Aber ein vielleicht sogar dramatischer Rückbau unseres "Wohlstands" wird schon aus dieser Logik heraus ohnehin unausweichlich kommen. Und diese Menschen haben einen Weg bereits beschritten, der den Ausgebildeten heute fast verschlossen ist, den sie aber zu gehen hätten (und haben werden), um zu Menschen zu werden. Als Massenbewegung, von der man hier sprechen muß, ist solche Ausbildungsverweigerung ein deutliches Zeichen, und ernstzunehmen. Das sind, um ein Blog-Thema der letzten Wochen wieder aufzugreifen, die "Jungen", die nicht in Alpbach sind und nie sein werden, aber da sind die, die wir brauchen.

Denn das Unbehagen an der Gegenwart macht sich Luft, wenn so viele Menschen die Vergewaltigung durch unsere "Bildungssysteme" ablehnen. Und darauf kann man aufbauen. Nicht auf den "Ausgebildeten". Denn zur Zeit heißt eine abgeschlossene Ausbildung zu haben fast ausnahmslos bereits Lebens- und Wirklichkeitsfremdheit, kaum noch reparable Entfremdung von der eigenen Wahrnehmung. Und selbst wo dieser Mangel erkannt wird, kommt die aktuelle Pägadogik (auch in den Reformbewegungen) über subversive Formauflösung nicht hinaus. Denn es fehlt ihr die Kategorie des Kulturaufbaus, es fehlt ihr die Anthropologie. So wirft oft genau der Reformansatz die jungen Menschen ins Nichts, um sie in Invertiertheit, im Chaos zu belassen, kennt den Weg zur Gestalt nicht. Weil sie die kulturelle Gestalt meist sogar ablehnt, die ihren Dogmen widersprechen.

Der Weg kann nur über Situationsverdichtung laufen, hin zur a-methodischen Existentialität, zur Selbstüberschreitung in das umgebende Sozialfeld hinein. "Ausbildungslosigkeit" heißt oft genau das, soweit präventive Sozialsysteme dies nicht wieder verhindern. Während "Bildung" heute zum genauen Gegenteil führt: zur technischen Fähigkeit, die Systemfunktionen so zu bedienen, daß persönliche Existentialität (letztlich: durch Vermassung, weshalb der Verfasser dieser Zeilen immer vom "Akademikerproletariat" spricht, mit dem wir es heute zu tun haben: durch hohen Ausbildungsstand auch gedanklich hoch funktionabel, aber völlig ungebildet) vermieden werden kann. Die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien deutet an, was hier gemeint ist: Menschen mit besten Ausbildungen, die aber mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen und auf die "anderen" warten.

Das aber erst wäre die Basis wirklicher Bildung. Die sich nicht an der Menge der Titel und Befähigungsnachweise richtet, sondern - in unterschiedlichen Ausformungen, aber mit derselben Wurzel - jedem zugängig ist. Ob er am Bauhof arbeitet, oder in der Studierstube. Hans-Hermann Hoppe schreibt einmal sogar - und in diesem Punkt stimmt dieser Artikel ich ihm völlig zu - daß das Glück enorm vieler Hochausgebildeten in einfachsten (nicht: primitiven!) Tätigkeiten läge, nur können sie es nicht mehr erkennen, und aus identitären Gründen nicht mehr verwirklichen. Und sei es als Bewirtschafter eines winzigen Weingartens, der eng eingebunden in ein dörfliches Sozialfeld zum Jahresausklang zufrieden auf seine paar Fässer selbstproduzierter Nordhangauslese blickt, die ihm ein bescheidenes Auskommen ermöglichen.

Erneuerungen, so läßt sich in der gesamten Geistesgeschichte Deutschlands (und gewiß nicht nur dort) kamen nie aus der Mitte einer Gesellschaft. Sie kamen immer von den Randlagen her: den Außenseitern, den Ausgestoßenen, den "Verlierern". Wenn es Sinn hat, sich zu investieren, dann nur, um zu solcher Erneuerung beizutragen. Die nur, wie Simone Weil schon 1943 schreibt, auf eine Weise passieren kann: durch wirkliche Umbrüche in den Denkansätzen.

Oder, wie einer der aktuellen Vertreter der Philosophie der Lebensphänomenologie, Rolf Kühn, sinngemäß schreibt: wir leben in einer globalen Gesellschaftssituation, wo die gesamten lebenspraktischen Ansätze in ihren geistigen Grundlagen als falsch, als historisch nachvollziehbar rettungslos irrtumsdurchdrungen, als lebensfeindlich, ja als todbringend zu verwerfen sind. IN diesem System, aus seiner derzeitigen Logik heraus, ist eine Rückbesinnung auf die einzigen wirklichen kulturtragenden Kräfte - die in den Individuen ansetzen - nicht mehr möglich. So bedeutet das Denken einer Erneuerung radikale Neuansätze zu denken.



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Sonntag, 9. September 2012

Mit der Wirklichkeit leben

In dem polnischen Film "Sommer auf dem Land" (Regie: Radek Wegrzyn) geht es um einen Pianisten, der viele glückliche Jahre mit seiner Frau verlebt hat, einer Sopranistin, mit ihr gemeinsam einen Auftrag, ein erfülltes Leben (samt einer Tochter) hatte. Als sie an Krebs verstirbt, wirft er alles hin, und zieht ins Dorf seiner Jugend zurück, auf den Hof seiner Mutter. Er will mit der früheren Welt nichts mehr zu tun haben, zerschlägt sogar sein Klavier. 

Und kauft sich eine Kuh, er will künftig als Bauer leben. Doch da passiert etwas Merkwürdiges: die Milch, die seine neue Kuh gibt, hat etwas Besonderes! Wer sie trinkt, hört die schönste Musik, hört  Mozart, Chopin, Beethoven, und ist wie neu belebt. 

Aus dieser Wirkung, aus dieser Wirklichkeit, schließt er, daß es sich nicht einfach um eine Kuh handelt, sondern - um seine wiedergekommene Frau! Und er lebt fortan, als wäre sie seine Frau; spricht mit ihr, macht Spaziergänge, veranstaltet Feste mit ihr.

Natürlich halten ihn alle für verrückt. Aber sie beginnen auch an sich zu zweifeln, denn die Wirklichkeit dieser Milch ist tatsächlich erfahrbar eine andere, als bei Milch üblich! Als ihn der Pfarrer einmal fragt, warum er plötzlich mit etwas lebe, das er doch gar nicht sehe, er sei doch früher immer ganz normal gewesen - er solle doch die Augen aufmachen: es SEI eine Kuh! - gibt er eine ganz bemerkenswerte Antwort. Indem er sagt: "Herr Pfarrer, ich habe angefangen, zu glauben!"

In dem Moment, wo er mit der Wirklichkeit der Dinge lebt (nicht mit ihrem Schein) hat sich sein Leben völlig verändert. Er ist nicht mehr im rein sinnlichen Schein gefangen.

Man überhört das fast, denn an sich ist der Film kein großes Werk und plätschert phasenweise dahin. Warum? Weil er zu bemüht eine Metapher - diese Metapher - bringen "will", und in sich zu kraftlos, phasenweise deshalb langweilig, und zuwenig aus sich heraus entwickelt ist, zuwenig lebt, sich zuwenig aus einem Kern heraus - dem entscheidenden schöpferisch wirklichen "Punkt", dem "Maximum im Minimum", wie Rolf Kühn das einmal formuliert - entfaltet. Entsprechend schwach ist auch der Schluß. Und Kunst will keine "Aussage" plazieren (so sehr das in ihr Platz hat), sondern wirklich werden lassen, was sie darstellt. Sonst wäre sie ja unnötig, ja, dann wäre die Schöpfung unsinnig.

Aber dieses Leise, das er auch hat, und sei es fragmentarisch, hat mich nicht bereuen lassen, ihn gesehen zu haben.



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Montag, 3. September 2012

Lebendigkeit ALS Ästhetik

Das Ankünftigwerden des Lebens im Lebendigen ist seinem Wesen nach ästhetisch, in sich formal. Nicht also ein getrennt zu sehendes "Ich", das sich ästhetische Qualitäten in Projektion in die Welt hinein denkt oder sieht, sondern als Struktur seines konkreten Hierseins bildet die subjektive Ästhetik die Struktur der wahrgenommenen Welt.

Im Maß seines Lebendigseins ist also der Mensch ästhetisch. Wie in seiner Art.

In der Kunst, in der Gestaltung steigert sich diese Lebendigkeit im Erleben seiner Selbst. Denn das Erleben des Lebendigseins IST das Leben selbst; und es ist ästhetisch, als subjektiver Vorbegriff von Erlebensqualitäten. 

Nicht aber im Festhalten an ästhetischen, formalen, vorgeformten Kriterien, sondern genau in der Offenheit der Selbsttranszendenz.

Deshalb KANN das Heilige, das Göttliche, das Erhabene nur schön sein.



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