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Dienstag, 31. Dezember 2013

Symbole der Welterwirkung

Indem die Gestalt die zum Symbol werdende/gewordene Darbringung des Grund- und Wesensbildes eines Dings, eines Menschen ist, ist sie es FÜR ANDERE. Und ist darin Doppelzeichen: in dem, was am anderen getan werden kann, die die Passivität des anderen herausfordert, so, wie sie den anderen herausfordert, im Erfassen des Mangels am sinnlich wahrgenommenen Ding, AN IHM zu handeln. Sich zu diesem also zu verhalten, in zweiseitiger Antwort.

Gestalt ist damit Selbstaussage wie Rezeptionsherausforderung, in einem Darstellungsakt, in einer Gestalt. Sie ist das, wo also die Weltdinge, die Schöpfung in allen ihren Einzeldingen über die Sinne "einander guten Tag sagen" und sich zum Ganzen der wirklichen Wirklichkeit der Schöpfung treiben wie halten.

Etwas, das sich nicht in Funktionalität auflösen läßt! Und doch das auf Sinn zielende Tätigsein der Welt bedeutet, wenn im ontologischen Bildsinn geantwortet wird. Und zwar in einem beiden gemeinsamen Bild (eines "Neuen"), dem sie beitreten, und das daraufhin seine Wirklichkeit (Wirkung) entfaltet, als Anwegung zum im jeweiligen Sein angelegten (am Bild erfüllenden, intentionalen) Tun.

Victor v. Weizsäcker weist (mit anderen; man beachte etwa die hier vorzufindenden Ausführungen über Arbeiten von M. Pálagyi) dabei darauf hin, daß wir in der Wahrnehmung die Eigenschaften - rot, weich, etc. etc. - des Sinnesobjekts nicht als solche wahrnehmen, sondern als "an diesem Ding haftend". Das Ding behält seine Identität, auch wenn es sich in den Akzidentien ändert. Man nimmt diese Akzidentien als etwas dar, das "diesen anderen" darstellt, und damit lediglich das Tätigkeitsbild im Rezipierenden anwegen und bestimmen soll. Während das Wesensbild, das sich im Wahrnehmenden abbildet, in diesem als "virtuelle Bewegung" anwegt, was in seiner Gestalt selbst, aus den Seinsschichten, darauf antwortet.

Sodaß die Sinnhaftigkeit selbst so scheinbar "banaler" Dinge, wie die Blaukleidung von männlichen, die rosa Farbe bei weiblichen Kleinkindern, eine zurecht Kultur gewordene Farbdifferenzierung, die wenn auch in anderen Farben auch die Erwachsenen kennzeichnet, dem Sehenden aufgeht. Als Komplementarität, in der das passive Blau - als Lichten über dem Nichts - DEM ANDEREN sichtbar wird, ihn sohin "kalmiert", während das rot (rosa) die Handlungspotenz DES ANDEREN in den Akt locken will. Im Rot sogar ("Rotlicht, Rotlicht-Milieu") besonders deutlich und ungebrochen in Verwendung.





*311213*

Montag, 5. August 2013

Vorgestellte Bewegungsabläufe

Ein Neugeborenes, schreibt Palágyi, ist zwar vom ersten Moment an empfindungsfähig, aber nicht wahrnehmungsfähig. Es ist unkoordiniert in seinen Bewegungen, und das hat einen klaren Grund: Es kann sich eine Bewegung noch nicht vorstellen, und deshalb nicht zielgerecht ausführen. Nur durch das allmähliche Erlernen von Lokalisierung am eigenen Körper, kann es (im Zusammenwirken mit den übrigen Sinnen, dabei vor allem mit dem Sehsinn) Dinge auch im Raum lokalisieren.

Und es lernt, zielgerecht zu greifen, zu handeln, weil es lernt, sich Bewegungen in der Phantasie lokalisiert VORzustellen, um sie dann auszuführen. Solche Vorstellungen, solche vorgestellte Bewegungen, gehen jeder zielgeführten Bewegung voraus.

Aber sie sind nicht einfach als vorgestellte Bewegungsabläufe zu sehen. Sondern sie sind Lokalisierungsimpulse, die Reaktion aus der passiven Empfindung, der in Doppelgesichtigkeit jeder Empfindung (wird man berührt, so bildet sich sofort ein Gegenimpuls) eine aktive entgegensteht.

Und sie bauen auf dem Tastsinn auf (der sich dann mit dem Sehen verquickt): Aus der Selbstberührung, die zugleich - in einem Doppelgesicht - die Objekthaftigkeit des Berührten erschließt, erschließt sich Ortshaftigkeit (man weiß allmählich, wo man berührt wird), und daraus - in Koordination mit dem Auge - ein immer weitergreifendes Bezugsverhältnis zu Dingen im Raum.

Auch der Blinde baut deshalb ein (bzw. dasselbe) Raumgefühl (sogar: ein Tastsehen, so wie jeder Mensch im übrigen) aus, auch er ist in der Lage, sich Dinge vorzustellen, allerdings eingeschränkt auf eine ertastete Gestalt, er bleibt auf den Tastsinn angewiesen (bzw. ihm fehlt das Sehen). Doch vermag auch der Blinde ein Dreieck zu formen, es wird bestenfalls ungenau sein, weil er die überblickende Hilfe des Sehsinns nicht hat. Aber auch er hat Phantasie, sie ist nur eingeschränkter, und auch er lernt zielgenau zu greifen, eine Bewegung gesteuert durchzuführen, weil er aus dem Tasten heraus lokalisieren kann.

Wenn wir einen Gegenstand im Raum wahrnehmen, so tun wir das nur deshalb, weil wir ihn zuerst erfühlt haben. Daraus baut sich das Wissen um den Gegenstand auf. Gegenstände, die wir nicht mit unseren Händen "zeichnen", die wir uns nicht in unserer Phantasie vorstellen können, nehmen wir auch nicht ausreichend wahr, nur dort eben und darin, wo wir sie uns vorstellen können.*

Wenn wir als Erwachsene diesen Aufbau des Sehens auf dem Tasten nicht mehr unterscheiden und erfassen, so liegt das lediglich an unserer Gewohnheit, auch an einer Vernachlässigung des Tastsinns, mit der wir aus dem Sehen bereits den Raum und Eigenschaften ableiten.

Eine reine "Ortsempfindung" aber gibt es nicht. Sie leitet sich ab - vom Tastsinn, und vor allem von der Fähigkeit unserer Phantasie.**

Machen wir das an einem einfachen Beispiel deutlich (was Palágyi natürlich weit ausführlicher und umfassender in Begründungszusammenhänge stellt): Wenn wir die Hand auf die Öffnung eines Glases legen, und sei es nur über einen Teil dieses Randes, so erfassen wir nur deshalb "Kreis", weil wir aus den Sinnesdaten heraus bewußt eine entsprechende Bewegung imaginieren, die puren Empfindungen (die uns nie sagen würden, daß es sich um einen Kreis handelt) zu einer Gestalt schließen.

Die ganze Wirklichkeitsrelevanz der Geometrie (als Bewegungsformen) läßt sich so ableiten: Die direkte Phantasie und die inverse Phantasie finden am selben geistigen Ort statt.

(Wenn wie heute meist mit "Assoziation" argumentiert ist, so übersieht diese irrige Ansicht, daß der Sinneseindruck selbst zu keiner "Assoziation" fähig wäre. Vielmehr ist er durch den Eindruck selbst "gefesselt", die Wahrnehmung braucht also einen geistigen Akt der Ablösung - von der direkten zur inversen Einbildung - zu einer imaginären Gestalt. "Ähnlichkeit" oder "Kontrast" kann keine wirkende Macht an sich sein, denn sie braucht zuvor einen vom aktuellen ablösenden Akt, der sie vergleichend feststellt, die Bilder nebeneinanderstellt. Triebe, Gefühle, Affekte müssen erst "sehend gemacht" werden.)

Wir werden uns an dieser Stelle noch eingehender mit dem Zusammenhang Bewegung und Wahrnehmung anhand der Thesen Viktor von Weizsäckers auseinandersetzen.



*Der VdZ erinnert sich dabei an einen seiner Söhne, der in hohem Maß manuell-praktisch veranlagt war (und heute einen entsprechenden Beruf ausübt). Der zugleich mit hoher Phantasiekraft ausgestattet war bzw. ist. Dieser Bub stand nicht nur von einem Tag auf den anderen, kaum war er neun Monate alt, auf, und ging, und stieg mit beeindruckender Sicherheit selbst Treppen auf und ab, sondern stand mit derselben Sicherheit vom ersten Moment an auf Skiern und Eislaufschuhen und beherrschte die Bewegungsabläufe - er hatte sie sich offenbar so gut vorstellen, und in sich virtuell formen können, daß er sie auch problemlos auszuführen in der Lage war. Unvergeßlich, wie der staunende VdZ, dem die Zusammenhänge damals nicht klar waren, ihn durch seine tumbe Ängstlichkeit, mit der er ihn zur Sicherheit faßte, verunsicherte, woraufhin der Bub plötzlich genauso unsicher war, wie jedes Kind, das gerade das erste Mal auf Schlittschuhen steht und die Bewegungsabläufe "lernen" muß. War er zuvor mit einer kaum glaublichen Sicherheit auf geraden Kufen gefahren, knickte er in den Schuhen plötzlich ein, und stolperte "wie ein Anfänger" an des Verfassers Hand übers Eis.

**Wenn vielfach tatsächlich beobachtet (und in Testreihen belegt) werden kann, daß Frauen ein deutlich geringer ausgeprägtes Orientierungsvermögen, Raum- und räumliches Vorstellungsgefühl besitzen, wie Männer, so liefert Otto Weininger aus einer ganz anderen Richtung die Erklärung dazu: Sie haben im Durchschnitt eine deutlich geringer ausgeprägte Gabe der Phantasie. Wobei Palágyi sie noch unterscheidet: In eine direkte Phantasie, die sich auf die Gegenwart (ins Hinaus) richtet, und die inverse Phantasie, die sich aus der Gegenwart zurückzieht. Aus der Grundrichtung der Geschlechter läßt sich damit also die Differenz in der Phantasie auf die Einbindung der Phantasie in den Gesamtgestus der Welt gegenüber näher bestimmen. Die dem Mann als "zeugend hinausgewandtes Wesen" eine andere Ausformung der Phantasie zuschreibt. Das "Träumen" als Rückzug aus der Welt ist dann wohl wieder die Domäne der Frauen bzw. eines entsprechend weiblichen Charakters. Was sich nur auf die Grundpolung bezieht. Weil sich aktive wie inverse Phantasie in jedem Fall in einer Wellenbewegung als Phasen abwechseln: Jeder Mensch befindet sich in einem ständigen Rhythmus "zur Welt hin" - "von der Welt weg".


*050813*

Sonntag, 4. August 2013

Bewußtlose Empfindungen

Geistige Akte und Empfindungen als vitale Prozesse ineinander verfließen zu lassen, nicht mehr zu unterscheiden, schreibt Melchior Palágyi in seiner "Wahrnehmungslehre", ist einer der Hauptgründe für die völlige Begriffsverwirrung, die in der gegenwärtigen Psychologie wie Philosophie, ja bis in die Kunst hinein, herrscht. Ausgehend von Descartes, über den als Gegen- wie Miteinanderreaktion entstandenen englischen Sensualismus (Hume, Locke, Berkeley), wurde den Materialisten das menschliche Empfinden zum geistigen Akt selbst, und damit ein bloß materiell-physiologisches Wirkgeschehen, während es die Idealisten zum Panpsychismus und Pantheismus treibt, wo die Materie selbst zur belanglosen Verfleischlichung des Geistes wird, es überhaupt keine Materie gibt, weil es nur gibt, was in unserem Bewußtsein vorhanden ist.

Dieser Impressionismus zeigt sich auch in der Kunst, die die konkrete Welt leugnet, und sie nur noch als innere Empfindensprozesse darstellt, die auf "irgendeine" (logisch gar nicht aufklärbare) Weise auch Geist "sein" sollen.

Besonders der Begriff des Bewußtseins - und Palágyi zeigt die Zusammenhänge - leidet unter völliger Verschwommenheit. Ihm werden Prozesse eingeschrieben, Vorgänge und Mechanismen, die auf einer Wörtlichnahme von Metaphorik beruhen. Einem beliebten Ausweg, Denkprozesse "ökonomischer" zu gestalten, heißt: sie zu ersparen. Wer sich aber einmal daran gewöhnt hat, von Prozessen innerhalb des Bewußtseins zu sprechen, dem wird es kaum noch gelingen, sich von dieser irrigen und verworrenen Ansicht freizumachen.

Empfindungen sind vitale Prozesse, und sie sind vorhanden, auch wenn sie uns nicht bewußt werden. Denn das Bewußte ist ein je geistiger Akt, aber diese Akte sind gesetzt, punktuell, und niemals kann uns alles bewußt sein, was an vitalen Prozessen, die kontinuierlich verlaufen, in unserer Physis abläuft. Ja, bewußte Akte sind wohl eng mit den vitalen Prozessen verbunden, aber sie können in ihrer Häufigkeit variieren, oder sogar ausfallen, wie der Schlaf zeigt.

Auch sind Empfindungen keineswegs "klar" und bestimmbar, sondern immer ein komplexes Miteinander unterschiedlichster Empfindungen. Zudem werden wir uns in geistigen Akten keineswegs aller Empfindungen bewußt, das ist gar nicht möglich, nur punktuell. Das einzig klare sind die geistigen Akte, die diese Empfindungen verbinden, und zwar aus ihren Bezügen auf unterschiedliche vitale und Bewegungsprozesse (Räumlichkeit). 

Empfindungsprozesse sind per se aber nicht bewußtseinsimmanent, und schon gar nicht "sind" sie unser Bewußtsein. Vielmehr wenden wir uns ihnen in geistigen Akten zu (oder nicht). Andernfalls wäre uns Trandzendenz - Verweis auf etwas, das außerhalb unseres Bewußtseins steht - gar nicht denkbar.

Es ist, schreibt Palágyi, regelrecht kindisch, sich das Bewußtsein wie einen Magen vorzustellen, in dem alle möglichen Ingredienzien aus Empfindungen (die sogar zu Vorstellungen, Ideen umbenannt werden) um dort allerhand chemische-geistigen Prozessen unterwofe zu werden. Das mag eine gelungene Metapher sein, aber es ist kein reales Geschehen.

Weder haben Empfindungen oder Empfindungsvorgänge "ideale Natur", noch sind sie bewußtseinsimmanent. Dies zu denken führt unweigerlich zu einer Auflösung der Wirklichkeit, weil Wirklichkeit  oder Realität nicht bewußtseinsimmanenten Charakter haben kann, sondern "außerhalb" liegt.




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Freitag, 2. August 2013

Wir sehen nur Sinn

Wir sehen nichts, was nicht im Bereich unserer Welterfahrung liegt, die eine Ordnung des Raumes bedeutet. Das begründet Gustav Siewerth in "Die transzendentale Struktur des Raumes", und er nähert sich zwar auf ontologische Weise dem Thema, kommt aber zum selben Ergebnis wie Palágyi, der sich rein von der Wahrnehmungspsychologie (und -physiologie) her damit auseinandersetzt.

Was auch immer über unseren Sehsinn eintritt, wird sofort von unserem inneren Gemeinsinn, der auf der Welterfahrung des Tastsinnes aufbaut, in dieses Weltbild (im wahrste Sinne) eingeordnet. 

Deshalb steht auch bei Dingen, die wir sehen und nicht kennen, was nichts anderes heißt als "nicht einordnen können", die sofortige Frage nach dem "Sinn" auf. Unsere Welterfahrung sagt uns, daß es nichts geben kann, das keinen Sinn, keinen Ort im Raum, keinen Bezug auf etwas anderes HAT. Umgekehrt, berichtigen wir sofort Dinge, die es so "nicht geben kann", wie eine Kerze, die verkehrtherum brennt.

Was wir aber nicht als Welterfahrung in uns haben - oder: hätten - das ist unseren Sinnen gar nicht erfaßbar. Denn nicht "das Auge" sieht, sondern der "Blick" - von innen heraus sehen wir, gewissermaßen, nicht von außen hinein. Was sich als Objekt unserem Auge (und unseren Sinnen) darbietet, kann also nur etwas aktivieren bzw. die Aktivierung (Sehen ist ein AKT) dessen anregen, das in uns bereits vorhanden ist. Deshalb ist es die Wahrheit, die uns die objektive Welt (die in all ihren Teilen durch die eine selbe Vernunft und Güte strukturiert ist, die sich im Menschen universal wiederfindet*) sehen läßt. Nicht "das Auge".

Sehen muß deshalb gelernt werden. Es hat mit der Reife des Menschen zu tun, der sich nach und nach, vom Kind an, in die Welt hinein entfaltet. Und damit seinen Blick weitet, weil er sich in die Welt hinein ausbreitet, und sie sich damit als Erfahrungsgegenstand hereinholt, die objektive Erfahrung objektiver Weltqualitäten zu benennen und zu beurteilen lernt.

Wer deshalb glaubt, daß er über die Empirie, die sinnliche Wahrnehmung der Welt diese selbst durchschauen könne, irrt grundsätzlich. Er sieht nie mehr, als er an geistiger Klar- und Wahrheit bereits in sich trägt. Die vielfach zu beobachtende Sucht nach "übersinnlicher, das gewohnte Sehbild sprengender Erfahrung" zeigt deshalb etwas ganz anderes an, als deren Träger meinen.



*Es ist ein tragischer Fehlschluß des "kritischen Realismus", der meint, jeder Mensch könne aus sich heraus selbst ein vollständiges Weltbild konstruieren, in der er aus einer ihm eigenschaftslos begegnenden Welt Qualitätengefüge zusammenstellt. Siewerth zeigt, daß das unmöglich ist. Reine Quantenerlebnisse führen niemals zu Qualitäten. Kein Blinder kann eine Farbe erfinden oder "innerlich sehen". Solchem Denken wohnt eine unüberschaubare Fülle von Fehlschlüssen inne. Die Dinge HABEN objektive Qualitäten. Unsere Wahrnehmung muß sich in seinem Wahrheitsstreben danach ausstrecken, diese Qualitäten in sich aufzudecken, um an ihnen teilzuhaben, indem der Mensch geistig in dieser Welt ganz leben lernt. Die Welt ist ein Gefüge von Qualitäten.




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Donnerstag, 1. August 2013

Grundcharaker Metaphysik

Wirklich oder reell nennen wir im gewöhnlichen Leben das, was soeben stattfindet, wobei wir das empirische Jetzt vom mathematischen Jetzt (eines unendlich kleinen Augenblicks, der gegen Null geht, Anm.) nicht zu unterscheiden pflegen. Ein entscheidender Irrtum, schreibt Melchios Palágyi in seiner "Wahrnehmungslehre". Die Wirklichkeit ist uns aber über unsere Sinne nicht erkennbar, die Sinne liefern nämlich einen permanenten, ununterscheidbaren Strom an Empfindungen. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit kann diesen Strom gar nicht durchdringen. Sie kann ihn nur pulsarisch, in je einzelnen Akten zusammenfassen und abstrahieren.

Die instantane Wirklichkeit oder Relaität zerfließt uns zu zeitlichen Empfindungen. Wir beziehen unsere zeitlichen Empfindungen auf eine nichtzeitliche Wirklichkeit, das sinnliche Weltbild auf eine nichtsinnliche Realität. Nur so können wir Wirklichkeit erkennen - in einem per se metaphysischen Grundcharakter des menschlichen Geistes.

Wir nehmen die Welt also wie einen Film wahr, als zeitliche Aneinanderreihung von vereinzelten Wahrnehmungsmomenten. Sinnesdaten, die wir in einem geistigen Akt deuten. Nicht die feurigste Phantasie vermag sich vorzustellen, was in diesem je einen zeitlosen Moment der sinnlichen Datenaufnahme passiert, den wir im Wahrnehmungsakt, der ein Heraustreten aus dem Sinnesstrom ist, sogar verpassen.

Damit engstens zusammenhängt das Zeitbewußtsein. Daß uns eine Sekunde oder eine Zehntelsekunde kurz erscheint, weist darauf hin, daß wir in einer Sekunde nur wenige Bewußtseinsakte setzen können. Würden sich wesentlich mehr solcher Akte abspielen, würde uns eine Sekunde lang erscheinen. So, wie die "Zeitlupe" im Film durch das schnellere Abspielen der einzelnen Bilder entsteht.

Als weiterführender Hinweis sei noch jener gestattet, wo einerseits die Bewegung als Aufeinanderfolge intermittierender Willensakte begriffen werden kann, die sich lediglich - als je einzelne Akte - automatisiert haben, sowie anderseits sich regelmäßig das unbewußte, reflexartige Reagieren als das schnellste erweist. Es ist Tendenz zur Verweigung, denn in diesen Akten des Geistes treten wir aus der Zeit heraus.

Reagieren, das also nicht erst die Wahrnehmungsphase des (zeitlosen) Bewußtseins durchläuft, weil es in diese Tiefe gar nicht vorgelassen wird, sondern aus der Erfahrung in je unterschiedlichen Höhen und Ebenen bereits gefaßte Antwortdynamik bereithält. Damit aber im Einzelfall auch irrtumsanfälliger ist, als das bewußte, im Einzelakt stillestehende Reagieren.




*010813*

Montag, 8. Juli 2013

Jemand - nicht das Gehirn - denkt

Auf ganz exakt dieselbe Weise wie der hier bereits vorgestellte Menyhért (Melchior) Palágyi kritisiert Alfred North Whitehead* in "Prozeß und Realität" den psychophysischen Parallelismus, der sich auf die Wahrnehmungslehren von Locke und Hume (aber bereits in Descartes angelegt) begründet und auf unheilvolle Weise bis zum heutigen Tag in Philosophie und Psychologie weiterwirkt. Selbst Kant hat sie auf einen Holzweg geführt.

Demgemäß baut dieser Sensualismus darauf auf, daß der sinnliche Eindruck direkt zu einer Wahrnehmung führt, als Teil eines physiologischen Geschehens in den Nervenbahnen. Es gibt keinen als solchen identifizierbaren geistigen Akt, geistige Akte sind physiologische Geschehen, die in direkter Verbindung zu Sinneswahrnehmung stehen. Daraus konstruiert sich im Menschen - so diese englische Schule - in einer Art Erinnerungs- aus Wiederholungsprozeß die Begrifflichkeit, die Abstraktion als sensualistisches Bild. Abstrakta sind dann jene Begriffe, die bei Wiederholung bzw. je nach Eindrucksstärke mit der als Gewohnheit empfundenen Einheit von Sinneseindruck und Reaktion erwachsen.

Daraus sieht man, wie aktuell diese Ansichten sind: Die aktuelle Gehirnforschung beruht im Wesentlichen genau darauf!

Nach Hume beruht unser Verhalten, das Kausalität voraussetzt, auf der Wiederholung miteinander verbundener vergegenwärtigender Erfahrungen. Daher sollte die lebhafte Vergegenwärtigung der vorausgegangenen Wahrnehmungsgegenstände das sensitive oder kognitive Verhalten nachdrücklich in die damit  verbundene Konsequenz treiben. Die klare, deutliche und überwältigende Wahrnehmung des einen bildet den Grund für den subjektiven Übergang zum andren. Denn das Verhalten, das man so interpretieren kann, als unterläge es der Kausalität, ist nach dieser Theorie die subjektive Reaktion auf vergegenwärtigende Unmittelbarkeit. Nach Hume ist diese subjektive Reaktion das A und O der Kausalität. In Humes Theorie handelt es sich um eine Reaktion auf vergegenwärtigende Unmittelbarkeit und nichts anderes. Auch ist die in der Reaktion zum Vorschein kommende Situation nichts anderes als eine unmittelbare Vergegenwärtigung oder eine Erinnerung an eine solche.

Das, schreibt Whitehead, mag auf einen puren Reflex zutreffen, etwa nach der Aussage, daß "uns der Blitz zum Blinzeln brachte", und trifft in gewisser Hinsicht auf das Tier- und Pflanzenreich zu. Aber es geht dabei in jedem Fall die "ergänzende" und "geistige" Dimension der Wirklichkeit - auch das eine Beobachtungstatsache - verloren, spielt wie im Anorganischen keine Rolle mehr.

Er zeigt genau wie Palágyi, in welche Widersprüche sich diese Lehre als Wahrnehmungs- und Bewußtseinstheorie für den Menschen aufgrund der allen zugänglichen Empirie verstrickt, und unmöglich stimmen kann. Sie setzt Aspekte voraus, über die sie aber gar nichts wissen kann. 

Aber das allgemeine Vorgehen des modernen philosophischen "Kritizismus" besteht darin, die Gegner strikt an der Eingangspforte der vergegenwärtigenden Unmittelbarkeit als der einzigen Informationsquelle festzuhalten, während die eigene Philosophie durch eine Hintertür entkommt, die vom gewöhnlichen Sprachgebrauch verschleiert wird. (/cit.)

Dieses Verhalten freilich ließe sich sehr häufig diagnostizieren. Wiederholung - Gewöhnung ... eine Kategorie? Hat Hume doch recht? ;-)



*Der Verfasser dieser Zeilen hat noch keinen Hinweis gefunden, daß beide voneinander überhaupt auch nur wußten. Insbesonders Palágyi - bei dem sich Einstein so schamlos, dabei aber mißverstehend bediente, daß Palágyi einen Plagiatsprozeß führen wollte - ist aufgrund seines Lebensschicksals, sieht man von einem ganz kleinen Kreis ab, nahezu unbekannt geblieben. Und das ist höchst bedauerlich. Es gibt aber Hinweise, daß er heute tatsächlich allmählich wieder auftaucht. Denn seine Wahrnehmungslehre, die auf der Selbstbewegung gründet, sie wird hier noch vorgestellt werden, taucht in aktuellen Publikationen (z. B. rund um den Themenkreis Theater und Rezeption stieß der Verfasser dieser Zeilen darauf, zu seiner großen Überraschung und in sehr fruchtbarem Ansatz) verschiedentlich wieder auf.




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Dienstag, 14. Mai 2013

Unpsychologische Psychologie

Jeder Versuch, die Psychologie von der Philosophie zu trennen, muß zwangsläufig zu einer Verflachung der Psychologie führen, schreibt Otto Weininger an einer Stelle. Diese Emanzipation von der Philosophie ist der wahre Grund für den Verfall der Psychologie. Sie setzt aus diesem Grunde (und in völliger Begriffsverwirrung, wie M. Pálagyi nachweist) Sinnesempfindungen mit Psychologie in eins, welche aber damit gar nichts zu tun haben. Sie sind ausschließlich das Gebiet der Physiologie und Biologie. Jeder Versuch, physiologische Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalt der Psychologie zu bringen, muß mißlingen.

Denn zwar setzt sich die äußere Welt, nicht aber die innere aus baren Empfindungen zusammen. Deshalb gelangt die Psychologie auch zu keinen brauchbaren Analysen wirklicher psychischer Probleme, wie Mord, Freundschaft, Einsamkeit, etc. Eine wirklich psychologische Psychologie müßte zuerst einmal die Empfindungslehre hinauswerfen, die von Hume ausgehend (psychophysischer Parallelismus) die moderne Psychologie fundiert, aber völlig in die Irre geführt hat.

Es ist dieser Begriffsverwirrung - Folge des Mangels an Philosophie, die die nahezu mythologische Annahme des psychophysischen Parallelismus zu jenem Treibsand gemacht hat, auf der die heutige Psychologie aufzubauen versucht, vergeblich - zu verdanken,  daß sich ein "Ich" als Träger des Charakterlichen ins Nichts eines Kettenschlusses aufgelöst hat.

Der Charakter aber (als Wesensgestalt des Ich) ist nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen Thronendes, sondern etwas, das sich in JEDEM Gedanken und JEDEM Gefühle desselben offenbart. "Alles was ein Mensch tut, ist physiognomisch für ihn."

So, wie jede Zelle die Eigenschaften des ganzen Individuums in sich birgt, so enthält jede psychische Regung eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige Charakterzüge, sein ganzes Wesen, von dem nur in einem Momente diese, im anderen jene Eigentümlichkeit sehr hervortritt.

So manche Streitfragen der Psychologie, ja gerade vielleicht ihre prinzipiellsten, vermag überhaupt aber nur eine charakterologische Betrachtungsweise zur Entscheidung zu binden. Indem sie zeigt, warum der eine diese, der andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn sie über dasselbe Thema sprechen; wenn sie über denselben Vorgang oder psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde anderer Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung, die Note seines Charakters zeigt. Erst auf dieser Grundlage könnte eine Allgemeinpsychologie aufbauen.

Anm.: Stattdessen wird die Existenz eines Charakters überhaupt geleugnet (oder beliebig umgedeutet, was nur möglich ist, indem die Begriffe im Nebulosen enden bzw. anheben). Aber das formale Ich wäre das letzte Problem einer dynamischen, das inhaltliche, material erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. So ist es begreiflich, warum die Psychologie zu keiner Charakterlehre mehr kommt. Nur darin ist das Sein des Ich haltbar, sein Erweis knüpft daran. 

Ohne "Ich" aber zerfließt jede Psychologie, und kann sich praktisch nur durch einen Kunstkniff halten, wie er sich praktisch auch zeigt: Durch Rückgriff auf rein "klinische" Symptombekämpfung, mit je Therapeuten wechselndem Hintergrund (Begriff des "Normalen"), oder/und durch Flucht in das weite Gebiet der Weltanschauungen, auffallend häufig heute: In das der Esoterik.

Wobei schon alleine ein Faktum der Realität nahezu alles erzählt: Während die Lehren der Psychologie (fast) zur Gänze von Männern ausgearbeitet wurden, sind die Mehrheit der anwendenden Psychologen zur Mehrheit, die Studenten als zukünftige Psychologen heute gar zu siebzig Prozent ... Frauen.

Mit der nächsten enthüllenden Besonderheit: Denn von einer "Psychologie" kann man gar nicht sprechen. Es gibt bestenfalls "PsychologiEN", Schulen (darunter freilich einige wenige, die sich dieser Problematik bewußt sind), an die sich Einzelne anschließen. Das alleine schon zeigt ihre Problematik als Wissenschaft, weil offenbar der sachliche Boden fehlt, auf dem sich einheitliche Substanz bilden könnte. Die Gründe liegen siehe oben auf der Hand. Oft aber noch schlimmer: Denn wenn man doch von gewisser Einheitlichkeit der Ansätze sprechen kann, so deshalb, weil sie in fast allen diesen Fällen auf einer dogmatisierten These aufruhen, die selber keine (philosophisch explizierte oder explizierbare) Theorie ist, sondern dieselbe diffuse Ansammlung von TheoriEN, namentlich dem Evolutionismus. Der geneigte Leser möge einmal die Probe aufs Exempel machen, und mit drei Psychologen über deren Gedanken zum Thema "Mensch" oder "Seele" sprechen, deren Anthropologie also. Er wird aus dem Staunen nicht herauskommen.


*140513*

Montag, 13. Mai 2013

Die Schwäche des linken Flügels

Wenn Melchior Pálagyi die gesamten Wahrnehmungsprozesse auf den ersten Empfindungen des Menschen als Kind aufbaut, so stellt er damit ja nicht einfach eine Behauptung auf. Sondern er beleuchtet, was jeder an seinen eigenen Kindern beobachten kann: Die ersten Sinnesempfindungen sind die Tastempfindungen. Die Wahrnehmungswelt des Kindes baut sich daraus auf. Aber nicht im aktiven "Zufügen", sondern das Erfassen von Eigenschaften muß als Zuordnen verstanden werden. Wie erfassen uns nicht anderes als die Außenwelt, bzw. auch umgekehrt: die Außenwelt wird erfaßt in der Qualität der Selbsterfahrung.

Damit ist klar, daß sich aus der Selbstberührung des Kindes erst die Möglichkeit ergibt, überhaupt (rückfolgernd) Empfindungen des "Zustoßens" mit denen des "Handelns" zu koordinieren. Schrittweise baut sich so das Raumempfinden des Menschen auf, und nach und nach koordiniert er dazu die Empfindungen der übrigen Sinne. Erst in diesem geschlossenen Kreis wird überhaupt Welt als Welt erfahrbar. Wäre der Kreis nicht geschlossen, würde keine einzige Weltwahrnehmung (als mehr oder weniger komplexe, zusammengesetzte Beurteilung der Sinnesempfindung) möglich sein.

Mit einer Ausnahme - dem Gehör. Das Gehör muß aus dieser Sinneslinie herausgehoben werden, denn es geht in gewisser Hinsicht seinen eigenen Weg, ist als innerer Sinn (der Schall geht wie kein anderer Sinn ins Innerste) passives Empfinden, und in dem Versetztwerden in Schwingung baut es das gesamte übrige Menschsein auf.

Die Sprache selbst hinwiederum ist bereits der Übergang des Fühlens in Symbolik. Nur wenn ein Mensch gelernt hat, Empfindungen und Gefühle mit Symbolen zu koordinieren, kann er überhaupt zu einem Selbstbewußtsein gelangen. Daraus ergibt sich, daß Denken immer als sozialer Vorgang begriffen werden muß: es bezieht sich auf das "Du", und von dort aus erst auf ein "ich".

Aber aus dem Angedeuteten kann noch weiterer Schluß gezogen werden. Denn aus dieser Selbstberührung als Basis der erfahrbaren Eigenschaften der Welt ergibt sich eine recht-links-Klassifizierung. Die linke Seite, passiver als die rechte, sodaß die rechte Seite die des ideehaften Gestaltens ist, wird als leidend empfunden, als schwächer.

Wilhelm Fliess zeigt in "Der Ablauf des Lebens" über die mit der Außenwelt akkordierten, ja dieser entnommenen, auf diese eingestimmten Rhythmie, der sämtliche Lebensprozesse unterliegen, noch etwas: aus zellbiologischen Befunden wie aus Charakterstudien schließt er, daß es jeweils die linke Seite ist, die gestaltet wird, während die rechte gestaltet. Und zwar nicht nach festen Bildern, sondern "was eben links vorhanden ist" (was in gewisser Hinsicht als Metapher aufzufassen ist). 

Ist die rechte Seite schwächer ausgeprägt, so zeigt sich in diesem Lebendigen eine generelle Artschwäche. Umgekehrt bringt die Stärke der rechten Seite auch die Prägung "als" (z. B. Mann oder Frau) stärker zum Vorschein. Eine Problematik, die sich bis hinein in das Homosexuellentum (das in dieser Hinsicht auf derselben Linie liegt wie z. B. Legasthenie, als Schwäche der Begriffsbestimmtheit) nachverfolgen läßt, und sogar Aussagepotential über die Gegenwart enthält.

Wie der Verfasser dieser Zeilen hier, an dieser Stelle, auf diese Gedanken kam? Anläßlich einer zufälligen Lektüre über die Schlacht bei Cannae, wo Hannibal 216 v. Chr. die an Zahl doppelt überlegenen Römer (80.000 Mann) in einem wahren Blutbad schlug. (Nur 14.500 sollen überlebt haben). Hannibal errang diesen Sieg, weil er die starre Schlachtordnung ignorierte, die damals als Kriegstaktik üblich war. 

Und die ein Wesensmerkmal hat, das sich durch die gesamte Kriegsgeschichte zieht: Die linke Seite einer Schlachtaufstellung (so auseinandergezogen sie auch sein mag) ist immer die schwächere. Wem es gelang, seinen eigenen rechten Flügel in die linke Flanke zu bringen, der hatte in der Regel die Schlacht gewonnen. Hannibal machte sein Zentrum "weich", nachgiebig, und verlockte so die Römer, ihre Flanke(n) zu öffnen. Das war ihr Ende.*

Nun kann man argumentieren, daß dies ja lediglich an der Bewaffnung lag: links trug der Kämpfer das Schild, rechts die Waffe, sodaß er wenn er sich links wandte, ungeschützt dem Feind im Zentrum gegenüberstand, anders nämlich als rechts. 

Die Römer haben zwar aus diesem Grund gezielt einen Teil ihrer Legionäre zu Linkshändern auszubilden versucht. Der Erfolg war aber nur teilweise gegeben. Die linke Seite war nur verhältnismäßig gestärkt, sie war der rechten immer noch unterlegen. Und das auch bei "natürlichen" Linkshändern: das gesamte Weltbefinden war das einer gewissen Schäche. Untersucht man die Kriegsführung des 20. Jhds. auf diesen Aspekt - der Verfasser dieser Zeilen ist überzeugt, daß sich auch darin ausreichend Belege für diese These finden.

Es ist keineswegs so, daß es gleichgültig wäre, mit welcher Seite ein Mensch schreiben, arbeiten, handeln "lernt". Es ist auch keineswegs so, daß das früher oft gewiß harte oder hart wirkende "Umerziehen" von Linkshändern ohne sinnvollen pädagogischen Effekt blieb. Wenn es auch eine gewisse Notmaßnahme blieb, so hat es doch das gesamte Selbstsein des Menschen gestärkt und geprägt. Nämlich: Als in die Welt Handelnden, auf der Grundlage seines Weltgefühls. Nur die rechte Seite kann das Selbstsein stärken und nach außen treiben.

Das Selbstgefühl des In-der-Welt-seins ist links - schwächer, passiver. Insofern also "flexibler", weil prägsamer. Was zum fatalen Kurzschluß führt, der heute sehr häufig ist: zu meinen, daß diese Prägsamkeit sui generis auch Merkmal von "Kreativität" sei. In Wahrheit ist sie für die meisten Menschen in den Auswirkungen zerstörerisch, sie finden noch schwerer einen Boden in ihrer Identität.

Natürlich kann man fragen, warum sich gerade bei Künstlern, den Heroen der Gestaltung, die linke Seite oft sogar als die schwächere präsentiert. Ja, warum dort gerade Homosexualität gewiß häufiger auftritt als bei Menschen des Alltags, die in den Zweckgefügen der Gesellschaft stecken. Wobei wir nicht berücksichtigen wollen, daß aus obigen Bemerkungen auch in der Zubedeutung des Künstlertums - "Du bist Künstler" - heute sehr viele Fehlurteile erfolgen. Denn der Umkehrschluß ist nicht zulässig: Rechtsschwäche IST nicht zugleich Künstlertum, letzteres neigt nur dazu, aus klar nachvollziehbaren Gründen.

Die Lösung liegt eben genau darin: Kunst hat mit Zwecklosigkeit zu tun, ja sie ist an sich zwecklos, auch wenn sie eine Aufgabe erfüllt. Sie ist Spiel, nicht ernst, und damit auch nicht dem Ernst der Zwecke unterworfen. Derjenige Mensch, der also nicht in das Eintreten in dieses Zweckgefüge geeignet ist - der Künstler, aber auch der Priester, den Fürsten bzw. König nicht zu vergessen - weil seine Sendung gerade in diesem Außenstehen liegt, sich nur daraus erfüllen kann, ist an diese gesellschaftliche Gestalt auch deutlich weniger bis gar nicht gebunden. Daraus ergibt sich (auch hier könnte man noch viele Querverbindungen aufweisen) daß er sich selbst "zum Ganzen" ergänzt, mehr und anders als der Alltagsmensch. Nur so kann er in seiner Phantasie die ganze Welt abbilden, in ihrer Polarität. Der Künstler ist auf eine Weise also ein "Hermaphrodit", er muß die geschlechtliche Polarität in gewissen Hinsichten sich austragen, um so die Weltphänomene in sich imaginieren zu können.** Seine Aufgabe ist auch nicht, sich als Figur in das Zweckgefüge der Gesellschaft einzuordnen. Und wenn man das in Erwägung zieht, schließt sich sogar der Mythos ganz anders auf, als vielfach gemeint wird. Aber wie erst die Wirklichkeit.

Denn der erste Mensch war gewiß Künstler, wie Jesus, der neue Adam, der Künstler katexochen war bzw. ist. Aus dem die ganze Welt erfließt. Erst im Auseinanderbrechen der Ganzheit (in der Ursünde durch "Adam und Eva") lag der Quellpunkt der "Entstaltung der Welt", im Unfrieden, die seither erfolgt ist. Die aber in dieser unserer Geschichte nicht behebbar ist, aus prinzipiellen Gründen. Im Künstler haben wir es also mit einer Wesensschau anderer Natur zu tun. Aber das, wie es so schön heißt, ist eine andere Geschichte.



*Übrigens läßt sich aus der Schlacht von Cannae noch eine Thematik herauslesen, die hier nur angedeutet werden soll. Sie hängt mit der Frage zusammen, warum Hannibal diesen gewaltigen Sieg nicht gleich dazu benützt hatte, Rom zu erobern und den Krieg insgesamt siegreich zu beenden. Zwei Antworten gibt es dafür, beide beleuchten einander: Zum einen war Hannibals Heer einfach nicht stark genug dazu, eine so direkte Auseinandersetzung auszuhalten. Bei Cannae hatte er schon höchstens 40.000 Mann, darunter viele Kelten, die deutlich schwächer bewaffnet waren als die Römer. VOR der Schlacht. Viel interessanter ist aber die zweite Antwort: Das griechische Denken Hannibals kannte den totalen Vernichtungskrieg nicht. Es faßte eine Schlacht ganz anders auf! Denn nach einer solchen setzten sich die Kontrahenden an den Tisch, und verhandelten, schlossen einen Frieden, der auf Vernunft beruhte. Das empfanden die mer aber völlig anders, sie kannten nur den letztendlichen totalen Krieg. Und DARIN waren sie den Helenen "überlegen": in der Maßlosigkeit, in der Kulturlosigkeit. Kein Helene wäre "aufs Ganze" gegangen, das die Existenz des ganzen Volkes in die Waagschale geworfen hätte. Die Römer kannten gar kein SPIEL, nur Zweck.

**Es ist deshalb nicht zufällig, daß sich heute eine "weibliche" und "männliche" Kunst (in der Logik des Feminismus) bilden soll. Sie zeigt in jedem Fall eine mehr als nur quantitative, sondern prinzipielle Verarmung des Schöpferischen an. Denn es gibt in diesem Belang keine "weibliche" oder "männliche" Kunst oder "Sicht der Dinge". Wenn der Kunstbetrieb in diese Einseitigkeit fällt, in diese Lähmung und Geistlosigkeit, dann wird er nur noch zweckbestimmt und politisch, hat aber mit Kunst nichts mehr zu tun.

Es gibt im übrigen tatsächlich, aus oben angedeuteten Gründen folgend, weniger weibliche als männliche Künstler.





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Samstag, 11. Mai 2013

Unexaktheit (2)

Teil 2) Warum wir keine "Materie an sich" wahrnehmen können 





Ein weiterer und entscheidender Beweis, so Pálagyi, daß geistige Akte und Empfindungsprozesse unterschiedliche Akte sind, die nicht ineinander gesehen werden können - als fließende psychophysische Akte, parallel zur bloß sinnlichen Empfindungsentstehung. In diesem Beispiel: Gesichts- und Gehörswahrnehmungen können nicht im selben Augenblick stattfinden, auch wenn (einfach formuliert) die entsprechenden Nerven gleichzeitig gereizt werden.

Das zeigt sich auch darin, daß wie in der Einschätzung, welcher der beiden - Seheindruck oder das Gehörte - Sinneseindrücke früher oder später war. Darin sind wie leicht täuschbar. Nicht aber, wenn die Sinneseindrücke im selben Sinneskreis stattfinden, als nur Sehen, nur Hören. Hier bleibt es ein geistiger Akt. (Was man vom Tastempfinden nicht sagen kann: Denn wenn ich gleichzeitig an den Zehen und am Ohr gezogen werde - es sind zwei geistige Wahrnehmungsakte. Tasten ist eben räumlich bezogen, wir tragen auf unserer Haut gewissermaßen die Landkarte der Welt. Zeitdifferenzen treten auch auf, wenn z. B. beide Ohren beteiligt sind, oder beide Augen.)

Das führt aber zu weiteren Schlüssen. Denn zwei Sinnesempfindungen unterschiedlicher Art - stören einander! Sie überlagern sich (Interferenz), bleiben aber sie selbst: der eine löscht den anderen aus, artunterschiedliche Sinnesempfindungen konkurrieren miteinander. Wäre das nicht so, gäbe es gar keine Sinneswahrnehmungen, denn wir hätten es mir einem indifferenzten Empfinden zu tun.

Im gleichen Sinn gibt es unterschiedliche "Geschwindigkeiten" in der Wahrnehmung, je nach Sinn. Vom Sehen zum Hören oder umgekehrt nimmt unterschiedliche Zeiten in Anspruch. Die Pulse, in denen diese Empfindungen aufeinander wirken sind nämlich Phantasieprozesse.

Daraus folgt, daß die Begegnung mit einem Gegenstand, an dem mehrere Sinne beteiligt sind - ein Stein nähert sich und trifft uns - nur durch geistige Koordination zu "einem" Urteilsakt werden. Wären Mischempfindungen (gleichzeitig unterschiedliche Sinne fallen in einen Empfindungsakt zusammen) möglich, so würde das außerdem bedeuten, daß die Materie unmittelbar wahrnehmbar ist. Aber sie ist es nicht - sie braucht das persönliche Urteil in der Zusammenführung der Sinneseindrücke.

Sodaß klar wird, warum wir keine "Materie an sich" sinnlich wahrnehmen können. Wir können seine disparaten Eigenschaften nicht auf einmal, sondern nur hintereinander wahrnehmen. Nur ein Wesen, daß dazu in der Lage wäre, könnte "Materie an sich" als geisten Akt erfassen. Wir Menschen aber können uns davon keinen Begriff bilden.

Das hat große Bedeutung - denn damit läßt sich nicht (wie z. B. Berkeley es tut, und mit ihm die ganze Empfindungspsychologie seither) sagen, daß wir es nicht mir Dingen "an sich" zu tun haben, weil ihre Eigenschaften auseinanderfallen. Sie fallen nur in unserer Wahrnehmung auseinander. Würden sie aber nicht "Dinge an sich" sein, hätten sie keine materielle Substanz, würden sie sich nur in Empfindungen auflösen, wären sie nur als Empfindungen vorhanden, gäbe es nämlich gar keine Welt.





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Freitag, 10. Mai 2013

Unexaktheit (1)

Es gibt keine Messung, die nicht auf einer Schätzung, also auf einem vitalen Prozeß, aufruht. Und Pálagyi illustriert es an einem Beispiel:

Wenn ein Ding abgemessen werden soll, sagen wir: auf Länge hin, wie ein Stock, so ist nicht nur zu berücksichtigen, daß der Stock je nach Situation und Zeit unterschiedlicher Länge ist, das wäre noch grosso modo zu vernachlässigen, es ist nur eine kleinere Differenz (kein materielles Ding ist konstant maßhaltig). Vielmehr ist der Prozeß des Anhaltens des Maßes zuerst einmal ein Schätzprozeß. Zwei Menschen werden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn sie bestimmen sollen, wann zwei Maße - das des Stocks, das des Bandes - übereinstimmen, und in welcher Hinsicht.

Wer egal welche Meßprozesse untersucht wird feststellen, daß jedem dieser Prozesse eine solche Schätzung bzw. eine quasi willkürliche bzw. vereinbarte Festlegung, vorausgeht und zugrundeliegt. Die Idealität mathematischer Prozesse ist in die Realität nicht übertragbar, sie ist eine Transzendierung realer Formen in ein real nie erreichbares Ideal. Man kann sich diesem Ideal bestenfalls nähern.

Die der Meßleistung vorausliegende Schätzleistung ist der sicherste Erweis für von geistigen Prozesen getrennt zu betrachtende vitale Prozesse. Selbst ein Zeitpunkt, ZU DEM gemessen werden soll, liegt - schon aufgrund seiner Reaktionszeit, in der eine Anzahl von geistigen Akten gesetzt werden muß, so klein die auch sein mag, oder in der Festlegung eines mechanischen Zustands, der auch bei elektronischer, mechanischer Messung der Zeit unterliegt - an seinem allerersten Grund im Rahmen einer Schätzung.

Damit erscheint dem Mechanisten natürlich das Leben selbst als störender Faktor seiner vermeintlich exakten Wissenschaft. Ein Grundimpuls, der nicht selten zur Haltung wird.

Es gibt sehr berühmte Fälle der Meßdifferenzen, die nur aus der persönlichen Disposition der Beobachter herstammen. So in dem des Astronomen Maskelyne, der jahrelang täglich die Planetenbewegungen durch das Mittagsfernrohr beobachtete, und sich dabei mit einem Assistenten absicherte. 1794 stimmten die Beobachtungen beider noch exakt überein. Aber im Laufe der Jahre bis 1796 stellte Maskelyne fest, daß sein Assistent bei jeder Messung um 0,5-0,8 Sekunden später dran war, als er. Er entließ ihn deshalb, denn er meinte, sein Assistent habe sich eine falsche Beobachtungsmethode angewöhnt. Erst Bessel gelang der Nachweis, daß zwischen ALLEN Beobachtern Meßunterschiede festegestellt werden konnten. Die Unterschiede waren umso größer, je kontinuierlicher das beobachtete Phänomen war. Trat es plötzlich oder unvorhersehbar ein, waren sie fast oder gar nicht vorhanden. Auch stellte er fest, daß sich die Beobachtungsdifferenz im Laufe der Zeit immer wieder änderte.

Ebenso wurde die Differenz größer, wenn mehr als ein Sinn beteiligt war, also das Ohr zum Beispiel. Unterschiedliche Personen hatten unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Koordination der Sinneseindrücke. Das kann aber nicht an der bloßen mechanischen Leitungsgeschwindigkeit der Nerven liegen. Sondern es gründet in der Natur der Wahrnehmungsprozesse als Kreisprozeß: in dem ein persönlicher Verarbeitungsprozeß dazwischengeschaltet wird, zum einen, und daran, daß zwei Wahrnehmungsprozesse unterschiedlicher Art (z. B. Sehen und Hören, also geistige Akte) nicht auf einmal stattfinden können. Jede Wahrnehmungsart braucht einen eigenen geistigen Akt, und den Akt des Zusammenführens. Es gibt aber keine Mischempfindungen aus sinnlichen Empfindungen unterschiedlicher (sic! - denn sehr wohl: gleicher) Art!


Teil 2 morgen) Warum wir keine "Materie an sich" wahrnehmen können






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Irrtum der Irrtümer

Es ist die Verbindungsweise geistiger Akte mit vitalen Prozessen, schreibt Melchior Pálagyi, die die Schuld daran trägt, daß wir irren können. Während vitale Prozesse konstant fließen, haben geistige Akte einen intermittierend-punktuellen Charakter, sie müssen jeweils gesetzt werden, und sind bestenfalls zählbar, aber nicht meßbar. Ein Wesen, das von einem geistigen Akte zu einem anderen nur vermittels eines die beiden Akte verbindenden Lebensvorganges zu kommen vermag, dessen geistige Akte also vermöge dieser Verbindungsweise zeitlich auseinanderfallen, kann vom Irrtum unmöglich frei sein. Denn da wir uns aus einen geistigen Akt immer nur vermittels eines anderen beziehen können, kann kein geistiger Akt sich selbst erfassen, so daß es möglich wird, die Existenz des geistigen Aktes zu leugnen und den Lebensvorgang, der die geistigen Akte miteinander verbindet, für eine geistige Tätigkeit zu halten. 

Die Verwechslung des vitalen Prozesses mit der geistigen Tätigkeit ist aber der Irrtum aller Irrtümer: der Irrtum katexochen. Die Quelle der Möglichkeit aller mennschlichen Verirrung ist darin zu suchen, daß wir für geistig halten können, was bloß lebendig ist oder für lebendig, was bloß geistig ist. Denn indem wir, was wir bloß denken, nicht richtig unterscheiden von dem, was wir erleben, fälschen wir notwendig sowohl das Erlebte, als auch das Gedachte; wir fälschen mit der erlebten Wirklichkeit zugleich auch den Gedanken. Die epochale Bedeutung des Psychologismus in seiner herkömmlich vorherrschenden Gestalt beruht darauf, daß er den Irrtum aller Irrtümer, die Verwechslung von Vitalität und Geistigkeit, zu einem philosophischen System auszuspinnen versucht.

Es ist der Charakter des modernen Denkens, daß es in der Kühnheit seiner logischen Verirrung alles überbietet, was jemals im Altertum an Irrtümern produziert wurde. Eine Zeit, die sich den Satz vorangestellt hat: Besser ein lebendiger Irrtum als eine tote Wahrheit. Darin wird auch große Verirrung gerne in Kauf genommen, wenn sie als Mittel zur Entdeckung einer Wahrheit betrachtet werden kann. 




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Mittwoch, 8. Mai 2013

Zeitlosigkeit des Geistes

Die Forschungen des Biologen F. C. Donders ergaben, daß sich in den Messungen physiologischer Nervenprozesse, aus dem gesamten Prozeß von Reizung und Reaktion, keine noch so kleien Lücke ergibt, die einem geistigen Akt - Wille, Gedanke etc. - in der Reaktion eines Menschen Raum (also: Zeitdauer) ließe. Das bestätigt, was Pálagyi sagt: Geistige Akte haben keine Dauer, sie sind bestenfalls zählbar.

Auch als Donders versuchte, zu untersuchen, ob geistige Akte nicht doch eine Zeitdauer beanspruchen, ergab sich kein Beleg dafür: Donders erhöhte die Anzahl der Bewußtseinsschritte, indem er bei Reizungen des rechten Beines Reaktionen mit der linken Hand, und umgekehrt, maß.

Die entscheidende Frage sind nicht geistigen Akte, sondern welche physisch-vitalen Prozesse von diesen begrenzt und gesetzt werden. Es sind also wieder vitale Prozesse, die die Verlängerung dieser Reaktionszeiten ergeben, Donders maß keine geistigen Prozesse. Das ergibt auch der Umstand, daß die Reaktionszeiten in einer Reihe von Messungen (s.o.) sehr unterschiedliche Längen ergaben. Außerdem ist der Umstand von entscheidender Bedeutung, daß Personen unterschiedliche Arten von Reaktion bevorzugen bzw. antrainiert haben, die sich zwischen den Polen "mehr sensorisch" und "mehr muskulär" bewegen, und deren Schwerpunkt verändert werden kann.





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Samstag, 4. Mai 2013

Wissenschaft ohne Gegenstand

"Die neuzeitliche Psychologie verwechselt den fließenden Strom der Erlebnisse mit den geistigen Akten, in welchen sie zusammenfließen, oder genauer gesprochen, sie kommt überhaupt nicht zu dem Begriffe eines geistigen Aktes; sie ist ihrem wesentlichen Inhalt nach eine Leugnung der Existenz von psychischen Tätigkeiten. 

In diesem Betracht ist sie eine einzigartige und beispiellose Wissenschaft, denn man wird kaum eine andere Wissenschaft finden, die direkt die Existenz ihres eigenen Gegenstandes in Abrede stellen würde. 

Sie gibt sich den Anschein, als ob sie bloß die "Seele" oder "Seelensubstanz" leugnen würde, aber in Wirklichkeit verneint sie ein jedes geistige Tun, und setzt an die Stelle desselben fließend vitale Vorgänge, die sie freilich notwendig fälscht, weil sie dieselben für geistige Vorgänge ausgeben muß."



Melchior Pálagyi, in "Naturphilosophische Vorlesungen"






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Donnerstag, 2. Mai 2013

Medien und Wirklichkeit

Im letzten, schreibt Ludwig Klages in "Vom Wesen des Bewußtseins", ist jede Sinnesempfindung eine Berührungsempfindung. Deshalb sind die Sinnesorgane bei übergroßer Eindrucksstärke auch selbst der Ort, an dem Schmerzempfindung (überschreiten Sinneseindrücke eine bestimmte Stärke, werden sie zu Schmerz) lokalisiert werden. NICHT also in der Wahrnehmung selbst, nicht im Geist.

Weil aber Berührungsempfindung immer mit dem Aufeinandertreffen der Widerständigkeit zweier Dinge zu tun hat, nur daraus Raumvorstellung möglich wird - als Bezug auf feste Örter, die selbst nur durch Widerstand erfahrbar werden - ersteht nur aus ihr die Erfahrung einer konkreten räumlich-zeitlichen Welt: Als abhängig von der Realität eines Hierseins der Dinge. Denn nur das Hierseiende ist empfindbar, reale Anwesenheit ist das Wesen des Empfindens. (Alles andere ist abgeleitet geschaut etc.) Und aus dem Fehlen dieses Hierseins/Empfindens ist das Dort/Abwesendsein ableitbar. Identifikation eines Dings überhaupt als Ding (und zwar eben: Als Ding/Sinnesobjekt ist es immer genau dieses Ding) ist nur mit einer Ortssetzung möglich.

"Was unterscheidet nun aber die Bilder im Spiegel und ebenso die Bilder des Traumes von den Wahrnehmungsdingen? Wir sagten es schon: Daß jene im Wahrnehmungsraum keine Stelle finden! (Im Traum spielt Raum und Zeit keine Rolle, wie jeder aus Erfahrung weiß; Anm.)

Auch der Raum des Landschaftsgemäldes mit seinen Wolken, Bäumen, Wiesen, Hütten, Figuren befindet sich nicht im Wahrnehmungsraum, worin sich das Gemälde selber (sic!) befindet; und wenn an der Wand zwei Landschaftsgemälde hängen, so ist der Bildraum eines jeden aus einem besonderen Weltall herausgeschnitten, und es gehören ebendarum die beiden Bilder zwei verschiedenen Wirklichkeiten an; woraus hervorgeht, daß die Gemeinsamkeit der Wirklichkeit auf der Gemeinsamkeit der Örter im Raum oder denn auf der Gemeinsamkeit eines Raumes beruht, den wir auf feste Punkte in ihm zu beziehen gewohnt sind.

Nehmen wir dem Bilde seinen bestimmten Ort, so haben wir es der Fähigkeit beraubt, Unterlage des Dinges zu werden, d. h. eines Sachverhalts, auf den die verschiedensten Geister zu den verschiedensten Zeiten als auf etwas für alle identisches zurückommen können."

Nur der Ort, und er allein, macht überhaupt ein Existentialurteil möglich. Unsere Erfahrung kennt es ja: Sind wir im Urteil über etwas nicht sicher oder unterschiedlicher Meinung, so greifen wir immer im letzten auf das Berührungserlebnis zurück. Vom Wort "begreifen" gar nicht erst angefangen.

Darin zeigt sich neuerlich, daß sich über Medien, je virtueller, je weniger haptisch bzw. räumlich-flüchtiger sie werden, wobei die Haptik selbst das tragende Erlebnis des Vermittelten, ja dieses selbst ist (!), existentielle Erfahrung gar nicht vermitteln läßt.*

Ist der Urgegenstand des sachlichen Denkens, nämlich das Ding, gar kein wirklicher, sondern ein bloß gedachter Gegenstand, so kann auch keine Gegenstandsforschung zu wirklicher Erkenntnis führen. Sie schafft nur "Kenntnisse" herbei, nicht Erkenntnisse. Erkenntnis aber ist eine Angelegenheit der Ereignisses der wirkenden Wirklichkeit.



*Das Wesen des Geistes ist es, Fleisch zu werden, um sich so im Erkennen AM DINGHAFTEN zurück zum Geist zu biegen, vereinfacht gesagt, den Kreis der Liebe, der die Schöpfung als Analogie Gottes ist, in sich zu schließen. Fleischlichkeit, Dinghaftigkeit ist also die eine Seite des reinen Geistes, und sie ist seine unabdingbare Seite - weil Sein im Seienden im Maß seines Selbstseins (als Anteilhaftigkeit) ist, und damit erkennbar ist. Das ist das Geheimnis der Inkarnation Gottes in Jesus Christus, in einer wechselseitigen Aushauchung des Heiligen Geistes, und das ist der Sinn der Schöpfung.






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Mittwoch, 1. Mai 2013

Geheimnis Empfindung

Betrachten wir einen Farbenkreisel, so können wir beobachten, daß unsere sinnliche Empfindung in Zusammenhang mit der Zeit steht, in der die Sinnesempfindungen gemacht werden.

Dreht sich der Kreisel langsam, so nehmen wir noch die einzelnen Farben wahr, wie sie aufgemalt sind. Dreht sich der Kreisel schneller, und schließlich sehr schnell, so verschwimmen die Einzelwahrnehmungen immer mehr eineinander, und formieren sich zu völlig neuen Farbempfindungen, bis zu violett oder purpur (eine Farbe, die im Spektrum des Sonnenlichts ja gar nicht enthalten ist.)

Dasselbe gilt ja für Stroboskopscheiben, und im Film wird gezielt damit gearbeitet, die Bewegtheit der Bilder ist ja eine Illusion, sie ist immer eine Leistung des Betrachters. Würde wir Wahrnehmung gleichfalls hochfrequenter stattfinden, wäre das das Ende des Films, er würde sich wieder in stehende Einzelbilder auflösen.

Innerhalb seiner Art, ist eine Sinnesempfindung (egal welcher Art) also sehr direkt von der Zeitfolge, den Intervallen abhängig, in der sie stattfinden.
Was zeigt sich darin (und Pálagyi führt solche Beispiele natürlich noch zahlreicher und detailreicher aus)? Daß wir zum einen davon ausgehen können, daß jede Empfindung nicht "einfach" ist, sondern zusammengesetzt. Und zwar auf aus Faktoren zusammengesetzt ... die wir, zweitens, gar nicht kennen, nicht durch sinnliche Wahrnehmung zumindest erkennen können.

Selbst wenn wir - wie im Weltall - unseren Augapfel mangels Schwerkraft noch rascher bewegen können als auf der Erde, also eine weit höhere Sehfrequenz errreichen, verändert sich bestenfalls der Sinneseindruck, aber die Sehempfindung selbst erweitert lediglich ihre Grenzen, kann sie aber nie ablegen. Ähnliches gilt von der Hochfrequenzphotographie. Fazit: Was immer wir sehen bleibt ein Geheimnis, es bleibt eine gemischte Sinnesempfindung aus pulsierenden, aber intermittierenden Wahrnehmungsprozessen.*

Gleiches gilt aber sogar von den Vorgängen selbst - Wärme, rot, gelb, kalt, usw. Sie entstehen in Wirklichkeit durch das Zusammenfließen grenzenlos vieler Teilvorgänge, die uns unbekannt bleiben, weil wir nicht in der Lage sind, grenzenlos viele einzelne Wahrnehmungsakte zu setzen.

Wir empfinden also ein Integral, als stufenweise Summation, nicht aber die Einzelstufen dazwischen, die bleiben uns immer unbekannt. Das Vorgehen "vor unseren Sinnen", das Empfindungsobjekt also, bleibt uns in seinen Vorgängen empirisch immer verschleiert, wir können uns ihm nur asymptotisch (in der Wissenschaft) bzw. geistig nähern.

Es ist zwar richtig, daß wir mittels Symbolen Rechenschaft geben, was wir erleben, und daß wir "rot" erlebt und mit einem Symbol in zusammengebracht haben müssen, um es als "rot" zu erkennen. Aber niemals kann ein Symbol absoluten Ersatz für eine Empfindung "rot" liefern. Der Empirismus drückt damit nicht aus, daß die Empfindung einfach ist, sondern daß sie so komplex zusammengesetzt ist, daß wir sie sprachlich bzw. durch Erklärung niemals erschöpfen. Wir müßten analog zur grenzenlosen Zusammensetzung der Empfindung grenzenlos viele sprachliche Sätze bilden. 

Sprache und logisches Denken sind unfähig, auch nur eine einzige Empfindung zu erschöpfen. Man kann den Empfindungen zwar Namen geben, und muß das auch tun, aber man tut es, um über sie ALS Komplexe überhaupt nachdenken zu können. 

Gleichzeitig kann von Zeit nicht abstrahiert werden, weil Zeit bzw. Zeitdauer zum Wesen der Empfindung untrennbar dazugehört. Empfindungen sind Ereignisse, die in der Zeit verlaufen, und sind deshalb keinen Moment die nämlichen, die sie im Moment davor waren, d. h. sie fließen aus grenzenlos vielen uns unbekannten Elementarvorgängen zusammen.




*Sind Wahrnehmungs- bzw. Empfindungsreizungen zu intensiv, und zwar zeitlich gesehen zu dicht, werden sie auch nicht mehr klassifizierbar bzw. verlassen das Klassifikationsschema, obwohl sie ihrer Natur nach, nur der Zeit nach nicht, gleichbleiben. Sie werden sogar schädlich oder unerträglich oder zumindest unangenehm.





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Samstag, 27. April 2013

Eingebildete Welt

Ausgehend vom Aufbau des Empfindungsapparates überhaupt, beginnend also beim Kleinstkind und seiner Selbstberührung, bilden sich, führt Melchior Pálagyi seine Theorie der Wahrnehmung weiter aus, nicht nur Bewegungsphantasma, sondern ganze Komplexe an Bewegungs-Empfindungs-Gefühlskreisläufen. Denn der eingebildeten Bewegung als Ansatzpunkt einer zielgeführten Bewegung steht die eingebildete Empfindung gegenüber. Wer sich mit der rechten Hand an der linken vorstellt, sich zu berühren, kann das nachvollziehen: die Stelle die berührt worden wäre "empfindet" - in der Einbildung.

Mit einer besonderen Zuordnung von rechts/links, also kreuzweise. Wer links berührt wird, reagiert mit einer Bewegung der rechten Hand, und umgekehrt, wenn auch schwächer, weil die linke Seite passiver ist.

Jede Tastempfindung ist also ein geschlossener Kreislauf der Erfahrung. Und daraus, in immer weiteren, umfassenderen Weltzonen, von der Reichweite, zu immer größeren Umkreisen, erfährt der Mensch die Welt, bildet einen Raumbegriff. 

Das geht bei alltäglichen bzw. grundlegenden Vorgängen mehr und mehr zu automatisierten Phantasmen über, die nicht mehr ins Bewußtsein kommen. (Nur bei Abweichungen, auch das kann man an sich erfahren, wird der Raum für eine "neue" Erfahrung geöffnet. Indem man nachfragt: Moment, das ist aber diesmal ...)

Stehen wir vor einem Graben, und bilden uns ein, hinüberzuspringen, sind dieselben Nerven aktiv, als würden wir wirklich springen. Indem wir die Bewegung in der Phantasie vor dem wirklichen Sprung ausführen. Wir erleben auch - je nach Phantasie - diesen Sprung, erleben den gefürchteten Absturz, etc.*

Sämtliche übrige Sinne, wie das Sehen, sind ein Kommentar zu diesem am Tasten aufgebauten Weltempfinden, und werden allmählich koordiniert. (Der Säugling hat ja zu Beginn entsprechend auch kein "Sehen", das bildet sich erst, in der Koordination, sodaß es sich mit Inhalten füllt.) Ja, werden mit einem solchen Empfindungs-/Bewegungsphantasma verbunden, und eröffnen schließlich immer weitere Kreise. Aber selbst hier muß sich das Sehen z. B. im Zweifelsfall am Tasten rückorientieren, das Gesehene aus den ursprünglichen Tasterfahrungen heraus räumlich einordnen.

Auf diese Weise erst erschließt sich, was die Kunst überhaupt vermag und tut. Denn schon eingebildete Bewegungen und Empfindungen bewegen denselben Nervenapparat, als wäre die Handlung wirklich gesetzt worden. Und auch das kann man nachprüfen, wie aus den Zuckungen des Bewegungsapparates, wenn man sich eine Handlung vorstellt, sei es im erinnernden Nacherleben, eben - in der Phantasie.

Pálagyi weist darauf hin, daß es grotesk falsch ist, die Phantasie als irrelevante "geistige" Vorgänge quasi aufzulösen. Sie ist ein sehr grundlegender vitaler, vom Leib untrennbarer Vorgang der Welt- und Erfahrungskonstruktion.

In einer solcherart vorgestellten, von der Kunst aufgerufenen "eingebildeten" Wirklichkeit also, geht das im Kunstwerk dargestellte Inhaltliche auf den Betrachter über.

Gleichermaßen wird damit klar, daß der Künstler - im Rahmen seiner ausgebildeten, aktiven Phantasie (denn bei den meisten Menschen bleibt sie passiv, Anm.) - in der Herstellung eines Werkes eine ganz reale Erfahrungswelt aufbaut und hat. Rein vom Erlebensapparat her unterscheidet sich nämlich die eingebildete Erfahrung in nichts von der "realen Handlung". Nur, wenn er die Dinge bewußt oder unbewußt willentlich beschränkt, wird seine Erfahrung von der realen Erfahrung unterschiedlich.




*Übrigens ist die Höhenangst eine sehr spezifische Angst des mangelnden Selbstvertrauens. Denn der davon Befallene hat Angst, er könnte ... springen, ohne es zu wollen. Er traut sich selbst  nicht.





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Freitag, 26. April 2013

Raum und Zeit (2)

 Teil 2) Erkenntnis kommt aus Bewegung



Jeder Schauspieler, so er einer ist, weiß davon zu berichten, wie sehr das bloße körperliche Bewegen, das Nachahmen, Ausgangspunkt zum Verstehen innerer, geistiger Prozesse ist. Und jeder Künstler generell weiß, daß die Phase des Eindringens in die geistige Welt eines Schaffens zuerst über die reine Nachahmung führt. Aus dieser (nachgeahmten) Bewegung heraus erschließt sich das dahinterstehende Geistige.

Sodaß allgemein gesagt werden kann:  Jede geistige Tätigkeit ist untrennbar mit solchen realen oder eingebildeten, mimischen oder symbolischen Bewegungen verknüpft.

Wenn die heute verbreitetste Psychologie aber versucht, diese Lebensvorgänge mit bloßen Empfindungen gleichzusetzen oder in ihnen zu gründen, Geistiges also in bloßes Empfinden aufzulösen, fehlt ihr jede Möglichkeit, den wirklichen vitalen Prozeß zu begreifen. Selbst da, wo sie in Assoziationstheorien* ausweicht, um diese Lücke zu schließen. Denn was mit "reproduzierten" oder "wiederbelebten" Empfindungen gemeint ist, kann wissenschaftliche niemals auseinandergesetzt werden. Weil diese ausdrücke bloße Metaphern eines mystisch naiven Denkens sind. Nur Bewegungen kann man nachmachen, reproduzieren. Empfindungen können nur empfangen, nicht aber gemacht werden. Im eigentlichen Sinne also können Empfindungen gar nicht nachgemacht werden.



*Die Assoziationstheorien führen in ihrem regressum ad infinitum zur Aussage, daß die Welt selbst eine Assoziation ist. Mit der Frage, was dann am Ende überhaupt noch assoziierbar sein soll. Wie unsinnig das ist, muß nicht weiter ausgeführt werden, und von Phantasie muß dann gar nicht mehr gesprochen werden, die löst sich dabei auf. Unabhängig von der Frage, was, wenn A mit B assoziiert wird, das die beiden verbinden müssende Element C sein soll. Denn z. B. eine Hörempfindung A hat mit einer Gesichtsempfindung B keinerlei Verbindendes - es braucht ein Tertium C.


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Aber noch mehr ergibt sich daraus: die Gleichzeitigkeit von Gegensätzen. Denn in dieser Tastempfindung wird uns ja auch die Welt als Objekt bewußt. Das heißt, daß Materie und Kraft, daß Wirkung und Gegenwirkung, rechts und links, Raum und Zeit, eben als begriffliche Mutualität (Wechselseitigkeit) zum Vorschein kommen.


Donnerstag, 25. April 2013

Raum und Zeit (1)

Aber auf noch eine Besonderheit der Empfindungen macht Pálagyi aufmerksam. Nehmen wir eine Hand, die über die (eigene) andere streicht. Der aktiven Empfindung in der tätigen Hand, nennen wir sie A, steht das Empfinden der passiven Hand, nennen wir sie B, gegenüber. Der Empfindungsreihe a steht damit Empfindungsreihe b gegenüber. 

Beide Empfinden aber sind unterschiedlich: a ist extensiv, b ist intensiv. Auf die Empfindungsreihe a führt sich der Begriff der Zeitdauer zurück, während auf der (passiven) Empfindungsreihe b die Ausdehnung begrifflich zurückgeführt wird.

Daraus ergibt sich, daß wir den Raumbegriff ohne Zeitbegriff nicht isoliert erfassen können, beide sind schon vegetativ untrennbar verbunden. Wir können die Ausdehnung von b nicht als zusammengehörig erfassen, wenn wir nicht gleichzeitig im Bewußtsein über die Zeit den Zusammenhang herstellen. Wir müssen das räumliche Nebeneinander in ein zeitliches Nacheinander auflösen, in den beiden Fällen - berührende wie berührte Hand - sogar in je unterschiedlicher Reihenfolge.

Weil aber die berührende Hand A sich bewegt, wir zugleich in uns diese Bewegung selbst fühlen, wir die Einheit ihrer Bewegung über die Zeit erfassen, führen wir im Bewußtsein Zeit und Bewegung zusammen. Diese Bewegungsgefühle fallen in uns mit dem Gefühl des Berührten, b, zusammen. Und auf sie beziehen wir den Lebensvorgang der Phantasma der eingebildeten Bewegung.

Auffassungen von Raum und Zeit sind also nur über den Bewegungsbegriff ausbildbar. Ja, sie sind in diesen Bewegungsphantasma verankert. Jede menschliche Phantasie ist nichts weiter als Bewegungsphantasie. Nichts weiter als die Fähigkeit, sich von dem einen Ort an den anderen zu versetzen, ohne die Wirklichkeit produzieren zu brauchen.

Sie, die Phantasma, regen in uns Imaginationen (Verbindungen mit Sehbildern) an, oder  umgekehrt, regen solche Bilder Imaginationen von bekannten Gefühlen und Empfindungen an.

Nehme man einen Geometer, der ein Dreieck, ein Viereck, einen Kreis etc. vorstellen will. Er erzeugt sie durch eingebildete Bewegung - die er selbst hervorbringt, als gewissermaßen Künstler dieser eingebildeten Bewegung. Und er kann dadurch zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit der Raumgebilde durchdringen.

Der Zeichner und Maler dasselbe: Er zeichnet in seinen Phantasmata vor, was er später zu Papier bringt. Und nichts anderes passiert in der Welt der Affekte, die an wirkliche oder eingebildete Bewegungen, in der Mimik, gebunden ist. Die ganze höhere Entwicklung unseres Gefühlslebens hängt davon ab, ob wir diese Mimik real ausführen, oder in die Einbildung verlegen können.

Und nichts anders passiert in der Sprache, die ja zuallererst eine physiologische Bewegung ist: in den Stimmbändern, den Muskelspannungen etc. Alle unsere geistige Tätigkeit ist von einem (unhörbaren, inneren) Sprechen begleitet und unterstützt. (Lesen ist überhaupt nur als "stilles Sprechen" zu betrachten.) Wenn ein Taubstummer nicht in die Lage kommt, real oder eingebildet mimische Bewegungen auszuführen, kann er kein Geistigkeit entwickeln.



Teil 2 morgen) Erkenntnis kommt aus Bewegung



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Montag, 22. April 2013

Der Tastsinn als Grundsinn

Es ist ein folgenreicher Irrtum (gewesen), zu meinen, die Außenwelt würde sich uns alleine durch passive Sinnesempfindungen erschließen. Tatsache ist vielmehr, schreibt Melchior Pálagyi, daß erst die Fähigkeit, sich zu bewegen und sich selbst zu berühren - als Grundlage des Objektempfindens überhaupt - uns als Objekt wie als Empfindenden definieren kann, und daraus zwischen dem "Anderen" und "Selbst" unterscheiden kann. Wir sind also nicht eine Statue, die nur berührt würde, sondern im selben Akt der Berührtheit ist auch Berührung (mit dem Zeitwort "rühren", bewegen) enthalten. Selbst, wenn ein Gegenstand auf uns auftritt, erfahren wie die eigene Bewegung (und damit das Vorhandensein eines Ich) aus dem Widerstand, den wir bzw. unsere Zellen bieten. Was nebenher erschließt, daß wir von einer Objektwelt alleine und zuerst aus der Tastempfindung kommen.

Aus diesem Erfahren, daß wir selbst uns auch Objekt der Erfahrung sind, nicht nur "Sammler", ergibt sich, daß Selbstbewußtsein ein Erfassen aus der Selbstentfremdung ist.

Bewegt jemand seine Hand, so kann dies ein Fremder ebenso wie er selbst zu empfinden und zu fühlen bekommen, und eben deshalb ist Bewegung ein mechanischer Vorgang. Daraus folgt auch, daß Empfindung niemals auf Bewegung zurückgeführt werden kann. Mechanische Vorgänge können nicht auf vitale Vorgänge zurückgeführt werden, ebenso wie umgekehrt. Empfindung ist ein vitaler Vorgang, weil sie bloß einen Zeugen haben kann: uns. 

Kein Embryologe käme auf die Idee, die Entwicklung von Muskeln auf die Tätigkeit der Nerven zurückzuführen. Motorik kann sich nicht aus der Sensorik entwickelt haben. Vielmehr bedingen beide einander, und können sich nicht auseinander entwickeln. Mechanisches und Lebendiges können nicht aufeinander zurückgeführt werden, sondern bedingen einander. Wahrnehmung, die sich nur auf Empfindung zurückführen wollte, wäre tot, sinnlos, Nonsens nennt Pálagyi es sogar. Sie muß sich auf Bewegung stützen. Die Wahrnehmung des Bewußtseins sind gleich bedeutsam. Es ist also gleichermaßen illegitim, das Vorhandensein von Materie, eine materielle Erscheinungswelt zu leugnen, die Materie auf rein vitale Vorgänge zurückführen zu wollen.

Denn es kann sich nur "etwas" bewegen. Gibt es nirgendwo ein Etwas, das sich bewegt, kann von Bewegung keine Rede sein. Wir nehmen wahr, daß sich ein Ding, ein "Bündel von Eigenschaften", bewegt, und weil es auch nachher noch diese Eigenschaften hat, dasselbe Bündel geblieben ist, sagen wir, daß ein materielles Ding sich bewegt hat. Würde es nirgends auf der Welt Bewegung geben, könnten wir von keinen materiellen Dingen sprechen. Bündel von sinnlichen Eigenschaften treten auf verschiedenen Orten auf, die einander kontinuierlich folgen - es bewegt sich also, es ist ein Ding, es bleibt dasselbe.

Ein Ding ist erst auf a, dann auf b und dann auf c, und es bleibt dasselbe. Wenn dem nicht so ist, dann kann man nur von einer Erscheinungsreihe, nicht von Bewegung sprechen. Leugnen wir die Identität, leugnen wir Bewegung. Leugnen wir aber Bewegung, müssen wir die Erscheinungswelt, und damit auch den Verstand aufgeben.

Bewegung läßt sich also nicht in Psychologismus, reine Empfindung auflösen. Wer Empfindung mit Denken gleichsetzt, löst also damit auch die Welt der Dinge, der Materie auf. Allerhand Empfindungen, die den verschiedensten Sinnesgebieten angehören und kontinuierlich aufeinanderfolgen, wie z. B. Tastempfindung, Farbempfindung und Tonempfindung aufeinanderfolgend, stellen nicht das dar, was wie Bewegung nennen. Nur ein Wesen, das sich selbst zu bewegen vermag, vermag auch Bewegungen wahrzunehmen, als Wahrnehmen einer ganzen mechanischen Welt. Es muß eben von einem Etwas gesprochen werden können, das sich selbst gleich bleibt, von Raum und Zeit.

Nur aus dem eigenen Gefühl und Empfinden aber können wir auch aus einer eigenen Bewegung nicht schließen, daß es unsere eigene ist. Denn unsere eigene Bewegung erscheint uns wie eine fremde, objekthafte, wir können sonst diese Empfindungen nicht mit dem "Objekt ich" in Verbindung bringen.

Gleichzeitig sind wir imstande, uns in eine Bewegung einzuleben, ohne daß sie stattfindet. Dabei also zeigen sich Phantasmen, als eigene Kategorie von Lebensvorgängen, verschieden von Empfindungen und Gefühlen zu sehen. Nur weil wir in der Einbildung Bewegungen vollziehen können, ist uns erfaßbar, daß wir selbst uns bewegen, bzw. können wir uns bewegen und das hinterher auch wahrnehmen. Das darf aber nicht mit abbildhaften, begrifflichen, gedanklichen Prozessen verwechselt werden. Es ist eine eigene Kategorie der vitalen Prozesse. Das heißt, sie hat nur einen Zeugen - uns. Das mit Bewußtsein in eins zu setzen, ist ein lange eingeübter Irrtum, der aus den Vorstellungen des Sensualismus stammt, der seinen Psychologismus so dominant verbreitet hat.

Mit diesem vitalen Prozeß aber versetzen wir uns in eine andere Raumlage, und aus dem heraus sind wir in der Lage, uns willkürlich zu bewegen. Schön erkennbar an einem Tier, das sich zum Sprung auf eine Beute sammelt, und die auszuführende Bewegung in sich bildet, aber erst auf willkürlichen Entschluß wirklich ausführt. Selbst, wenn das Lebewesen blind ist, also keine "Bilder" davon hat, führt es diese Bewegungsphantasmen aus.

Deshalb kann ein Blinder zu sehr lebhaften Vorstellungen von Bewegungen kommen, auch wenn die Blindheit angeboren ist. Seine Bewegungsvorstellungen befinden sich also in wesentlich tieferen Schichten, als es "Gesichtsbilder" (der Sehenden) wären. Er tastet auch nach dem Gesicht des Gegenüber, und bildet sich so eine Vorstellung nur aus seinem Selbstgefühl heraus. Er kann es sich aus der Eigenbewegung vorstellen, anders als der Sehende unbeeinflußt, "rein" von Gesichtsphantasien. Das zeigt, daß diese Bewegungsbilder keineswegs aus passiven Gesichtseindrücken entstehen, auch wenn sie der Sehende kaum noch trennen, abstrahieren kann. Im Wesentlichen bestehen zwischen der Vorstellungswelt des Blinden und des Sehenden aber keine Unterschiede. Die Gesichtsphantasie des Sehenden hat also dieselbe Grundlage, wie der Blinde sie hat: und sie liegt im Tastsinn.

Was man auch daran erkennen kann: Das, was der Sehende sieht, erregt auch seinen Tastsinn. Nur so kann räumliche Vorstellung aus Gesehenem wie ein Bild, eine Statue, entstehen. Eine Tastphantasie, die in einer eingebildeten Bewegung besteht. Der Tastsinn bildet damit die Grundlage allen weiteren Sinnesempfindens; es gibt kein Lebewesen, keinen Menschen, der nicht tastet, der sich überhaupt nicht bewegen kann, als Grundlage unserer Wahrnehmung einer Außenwelt, in seiner aktiv-passiven Doppeltheit. Der Tastsinn ist also der einzige Vollsinn, alle übrigen Sinne sind lediglich Hilfssinne. Nur aus dem Empfinden von Ruhe und Bewegung ist uns Bewegung (und damit Dinghaftigkeit) zugängig. Selbst der Gesichtssinn beruft sich auf diese Erfahrung.

Das läßt sich an einem Beispiel illustrieren: Wenn wir in einer Eisenbahn liegen, so können wir nicht feststellen, ob sich die Eisenbahn bewegt. Sehen wir einen Baum in der Ferne, können wir mit den Augen alleine nicht wahrnehmen, ob sich die Unterlage, auf der wir liegen, der Zug also, bewegt - oder der Baum. Der Tastsinn liefert ihm keine Beurteilungsgrundlage.

Ohne Tastsinn kann sich der Gesichtssinn irren, Täuschungen über Bewegung unterliegen. Er kann aus sich keine Bewegung erkennen. Was er auch tut, wenn ihm der Tastsinn nicht die Orientierung bietet. Der Gesichtssinn paßt sich also zuerst dem Tastsinn an. Der Tastsinn liefert ihm im gegenständlichen Beispiel keine Information über Bewegung, also erscheint ihm u. U. sogar das stehende Objekt Baum bewegt. Würde der Tastsinn liefern, daß man selbst sich bewegt, passierte das nicht. (Beim sehr sanften Anfahren im Zug im Bahnhof ist es dasselbe: Wir verlieren vom Gesichtssinn her die Orientierung.)

Daraus folgt auch - das oben Gesagte berücksichtigend - daß es nicht der Gesichtssinn ist, der uns grundlegend und zuerst die Welt als Objekt erfassen läßt, damit Verstand ermöglicht, uns die Welt aus Außenwelt, als Materie liefert, sondern der Tastsinn.


*220413*

Sonntag, 21. April 2013

Der Tischler sieht nur Tische

Ein mechanischer Vorgang kommt uns nicht durch ihn selbst, sondern durch ein Empfinden - und dieses Empfinden kommt uns wiederum nicht durch sich selbst, sondern durch ein Vorstellen zur Kenntnis, schreibt Melchior Pálagyi. Wobei er für Vorstellen den Begriff "Phantasma" verwendet.

Wir nehmen niemals einen Vorgang an sich, sondern immer nur einen Vorgang durch den anderen, in der Wahrnehmung den des Sinneseindrucks, der wiederum auf das Gefühl trifft, wahr. Unsere Wahrnehmung ist also immer relativ. Der Wahrheitsbegriff setzt nicht in der Erscheinung an, sondern im subjektiven Geist.

Der naive Mensch, schreibt er weiter, hält die Empfindung für die Erscheinung. er gibt sich ein wenig zu sehr den Erscheinungen hin, aber man kann ihn aufklären und ihn begreiflich machen, daß er ohne seine Empfindungstätigkeit und seine Bewußtseinstätigkeit doch niemals zur Wahrnehmung einer Erscheinung gelangen könnte, daß also eine phänomenale Welt ohne Lebensprozesse und geistige Tätigkeiten nicht bestehen kann. 

Was soll man aber mit einem philosophisch verbildeten Verstand beginnen, der nicht mehr fähig ist, sein Empfinden von dem mechanischen Vorgang zu unterscheiden, auf den es sich bezieht, und demzufolge sein eigenes Empfinden für den mechanischen Vorgang (der physischen Reizung, Anm.) hält.

Die Gewißheit in der Wahrnehmung kann durch eine Erscheinung also nur dann zu einer werden, wenn sie zuvor bereits eine geistige Gewißheit ist. Eine Erscheinung bringt sich nicht durch sich selbst zur Kenntnis. Ohne ihre Erkanntheit wird sie gar nie zur Erscheinung. Man entdeckt also die Welt nicht durch die Sinne zuerst, sondern durch den Geist, und damit erst werden sinnliche Eindrücke zur Wahrnehmung. 

Zu hoffen, wie es heute so oft behauptet wird, aber nur völlige Verwirrung über die Wirklichkeit der Wahrnehmung ausdrückt, daß "empirische Tatsachen" ein Weltbild ergeben könnten, ist also schlicht und ergreifend dumm. Als sogenannte "Ansicht" im übrigen ohnehin bloße Lüge.

Man hätte Jesus nicht erkannt - und man hat ihn nicht erkannt - als Auferstandener, wenn er es ihnen nicht zuvor angekündigt hätte. Es hat ihn nach dem Ostersonntag nur gesehen, wer vorher an ihn geglaubt hat. Selig die nicht sehen, und doch glauben.*

Unser Bewußtsein ist nur verstehbar, wenn wir begreifen, daß sich bei jeder Wahrnehmung ein präsentierender und ein präsentierter vitaler Vorgang, von denen aber bloß der letztere die Aufmerksamkeit weckt, begegnen. Der erste macht sich wie ein getreuer Diener selbst unmerklich.

Die oben angesprochenen Phantasma als vermittelnde Instanz sind es, die es ermöglichen, sich zu erinnern, und damit zu denken. In ihnen liegen die Beziehungen festgeschrieben, die wir gebildet haben und weiter bilden.**




*Detail am Rande: Darauf ruht ja die Auffassung des Verfassers dieser Zeilen, daß die Thesen zum Klimawandel Voraussetzung waren, um Klimawandel "zu sehen". Alles Forschen dient nunmehr lediglich dem Belegen der Thesen. Aus sich selbst heraus wäre er gar nie feststellbar gewesen. Und diese Thesen wiederum ruhen auf bestimmten Haltungen und Denkfehlern auf. Sie sind es, als Psychosen der Zeit, aus denen die Unhaltbarkeit der heutigen Klimathesen hervorgeht.

**Deshalb ist auch die Philosophie kein "Zusatzgeschäft", das man sich auch sparen könnte, ein Zierbommel am stolzen Kleid der Empirie. Es ist die Voraussetzung (!) überhaupt etwas zu sehen. Diese Ordnung zu verneinen, die philosophischen, die logischen Voraussetzungen der eigenen Wahrnehmung (die jede Wahrnehmung nämlich haben muß) zu untersuchen, bedeutet lediglich, sich den irrationalen Phantasma, den willkürlichen Subjektivismen und unbewußt bleibenden Intentionen auszuliefern. Das heißt nicht weniger als daß die Empirie, die Neugier des Einzelnen das Maß seiner geistigen, seiner philosophischen Klarheit nie überschreiten dürfen. Ganz simpel versinnbildet: Für den Tischler wird alles zum Tisch.***
Ein bloßes "Mehr" an Empirie liefert nicht mehr an Erkenntnis. Nur mehr vom immer selben. Deshalb können die Menschen - wie heute - auch jeden Quadratzentimeter der Welt bereisen: sie werden nicht klüger werden, als sie jetzt sind. Höchstens verwirrter, wenn das was sie sehen nicht mehr in die von ihnen geleistete Rückführung der Welt auf das Eine, die alles umfassenden Prinzipien einfügbar ist. Der Internet-Mensch ist also durch sein "Mehr" an "Information" nicht ein Yota gescheiter, als der von vor fünfzig oder fünfhundert Jahren. Bestenfalls verwirrter. Und tatsächlich, das Aufgeben des Versuchs, die Welt zu verstehen, das diese Einheit ersetzen sollende Verhängen in eine (durch eine Autorität repräsentierte) irrationale, übernommene "Weltanschauung", ist eine der weitverbreitetsten Erscheinungen, und eine direkte Überleitung zum Fanatismus.

***Und um gleich noch Fenster im Fenster zu öffnen: Warum ist er Tischler? Weil ihn jemand, weil die Welt, das Allgemeine, Tischler ERNENNT. OHNE dieses "bestimmte Sein", ohne also "Tischler" zu sein, kann er aber gar nicht erkennen, bleibt ihm seine "Information" bloßes "Geräusch". Eine Welt ohne ter - als Sender des Wortes - wird also eine Welt ohne Erkenntnis, der bloßen Geräusche und willkürlichen Stimmungen. 





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