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Sonntag, 11. Juli 2010

Teure Vergeßlichkeit

Der Nürnberger Martin Ketzel hatte im 15. Jahrhundert gelobt, nach seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem zuhause in Nürnberg einen Kreuzweg anlegen zu lassen, der mit künstlerisch wertvollsten Nachbildungen der Leidensstationen Christi aus der Hand von Adam Kraft ausgestattet, exakt den originalen Weg nachbilden sollte.

Als er nach Jahren der Pilgerfahrt endlich wieder zuhause ankam, stellte er zu seinem Entsetzen fest, daß er die Zettel, auf denen er die Maße aufgezeichnet hatte, verloren hatte.

Noch am selben Tag machte er sich auf den Weg, um neuerlich nach Jerusalem zu fahren und die Maße zu nehmen.


*110710*

Samstag, 10. Juli 2010

Markt der Kuriositäten

Die Reliquienverehrung zum Ausgang des Mittelalters, im 16. Jahrhundert, war in eine regelrechte Sucht nach Handfestem ausgeartet. Die Kreuzzüge hatten noch dazu ein unübersehbares Feld an "Originalfundorten und -stücken" aufgetan, und ein schwunghafter Handel verband die Mischung aus einerseits verstehbarer Sehnsucht nach realer Nähe Gottes und des Heiligen, sowie sehr Problematischem, wie Gier, Geltungssucht, Auserwähltheitswahn, mit solider Geschäftspraktik.

Da gab es neben den obligaten Splittern vom Kreuz Christi Weihrauch vom Opfer der Heiligen Drei Könige, Stroh von der Krippe in Bethlehem, Zweige vom Baum, unter dem die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gerastet hatte, Gewandfetzen vom Rock um den die Kriegsknechte an der Richtstätte gewürfelt hatten, Milch von der Gottesmutter, Steine die den heiligen Stephanus getroffen hatten, Stücke vom Berge, auf dem Jesus gefastet hatte, von dem Ort, wo er über Jerusalem geweint hatte, vom Abendmahlsraum, vom Stein, wo der Herr Blut geschwitzt hatte, sogar vom himmlischen Manna und der Erde aus der Adam geschaffen worden, hatte sich etwas erhalten.

In den Verzeichnissen der Klöster und Pfarren finden sich Teile vom Dornbusch Moses, vom Stabe Aarons, Zähne aller möglichen Heiligen, oder Knöchelchen von den tausend Märtyrern und den unschuldig gemordeten Kindlein. Das Wittenberger Heiltum enthielt gar Ruß aus dem Feuerofen der drei Jünglinge. Im Schleswigschen Augustinerkloster Bordesholm zeigte man von der Heiligsten Jungfrau die gesamte Nähausrüstung einer Dame von Rang, auch etwas von ihrem Haargeflecht und  sogar ein wenig Ohrenschmalz, wie es denn überhaupt diesem Gebiet an Geschmacksverirrungen nicht gerade fehlte.

Feststellungen von Unechtheiten, die hie und da kirchlicherseits vorgenommen wurden, gingen in dem Riesenmarkt unter. Aber die Inbrunst war zweifellos echt, und schrankenlos. Reliquienfeste, -einsetzungen waren riesige Volksfeste, in denen die Menschen der damaligen Zeit nicht selten in fast hysterische Gefühlsausbrüche verfielen, wenn der Reliquienschrein in aufwendigen Prozessionen herumgetragen wurde - in dem vielleicht das Kleid der Gottesmutter, oder die Windeln des Herrn Jesu, das blutige Tuch, auf dem das Haupt Johannes des Täufers gelegen, oder das Tuch, das Jesus am Kreuz um seine Lenden getragen hatte, lag.

Aus den Gerichtsakten des wegen Unterschleifung (=Unterschlagung) hingerichteten Nürnberger Ratsherren Nikolaus Muffel geht hervor, daß dieser privat für jeden Tag des Jahres eine Reliquie in seinem Privatschrein hatte. Nichts aber gegen den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandburg - der hatte sich aus seinem Reliquienbesitz einen Ablaß (= Nachlaß aller Sündenstrafen) für mehrere Millionen Jahre "erworben". Und wollte damit nur den Kurfürsten Friedrich von Sachsen überbieten. Denn dessen Reliquiensammlung war sogar in einem landesweit erwerbbaren, gedruckten Reliquienverzeichnis nachzulesen, und enthielt zu dem Zeitpunkt über 5000 Stück Heiligenreste, in weiteren zehn Jahren stieg die Sammlung des (reichen) Fürsten auf zumindest zwanzigtausend Stück.

Willy Andreas meint, daß gerade an der Verlagerung der Reliquienverehrung (von Knochen oder Marterwerkzeugen weg) auf "Gewänder", die so kennzeichnend für diese Zeit war, sich die Verstofflichung und Konkretisierung des Verehrungswürdigen, in einem hochdifferenzierten, aber schon überreifen Stadium der Kultur, ablesen läßt.


*100710*

Montag, 5. Juli 2010

Nicht einmal eine Legende

Willy Andreas schreibt es in seinem im übrigen sehr empfehlenswerten Buch "Deutschland vor der Reformation" ganz klar und deutlich, und niemandem wäre es eingefallen, überhaupt jemals daraus gar eine "Volkslegende" zu machen - die Idee mit der "Päpstin" entstammt dem Stück "Die Päpstin Jutta" aus der Feder des Thüringer Dichters und Priesters Dietrich von Scherenberg. Das Josef Nadler in seiner Literaturgeschichte als häufig aufgeführt nennt.

Es war ein Spottstück, das in erster Linie den Zweck verfolgte, auf die große Barmherzigkeit Gottes hinzuweisen, der selbst solche Vergehen - Amtsanmaßung und Unzucht - noch so gnädig beantwortet. Der Kern der Geschichte war ja nicht "Feminismus", quatsch, sondern die Käuflichkeit des Amtes, die sogar einer Frau den Papststuhl ermöglichte: WAS FÜR EINE SCHANDE! Eine Frau am Papstthron!

Erst nach der Reformation wurde das Stück gegen das Papsttum ausgespielt - als bewußte Waffe, die Verwirrung stiften, damals aber vor allem: das Papsttum lächerlich machen und seine Autorität im Volk, die stärkste Bastion gegen den neuen Glauben, untergraben sollte. Latent romfeindlich war ja die Stimmung in Deutschland ohnehin, und nicht einmal alleine durch das Verschulden der Kirche selbst, sondern auch durch die Geldgier der Städte und Fürsten und des Kaisers selbst, die sich gerne der kirchlichen Autorität bedienten, um abzukassieren. Gerne unterstützten sie selbst die Ablaßkisten, die in vielen Kirchen aufgestellt wurden, um sich bei Gelegenheit daraus zu bedienen. Den Haß zog sich ohnehin die Kirche zu.

Gerade die Literatur war bald unerschöpfliche Agitationsquelle die Hohn und Spott über die Priester und den Papst ergoß. Das einzige, was Andreas dazu bemerkt ist, daß sich die Kirche diese Posse (um die "Päpstin Jutta") stets erstaunlich ruhig gefallen ließ, und nicht wirklich energisch dagegen eingeschritten war. Der Gedanke einer "Päpstin" steht dem Wesen des sakramentalen Priestertums und damit des Papsttums (natürlich auch heute) so entgegen, daß es jedem denkenden Menschen gar nicht vorstellbar war, daß so eine Idee überhaupt jemand ernst nimmt. Es war eben ... eine Verspottung.


*050710*