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Montag, 26. Dezember 2022

Transeamus usque Bethlehem! (2)

Die Zeit heilt keine Wunden. Sie läßt sie sogar erst aufbrechen weil sie jeden Versuch, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit zu schaffen, als das ausblühen läßt, was es ist. - Man sagt, daß die Zeit alle Wunden heile. Als wäre das so einfach wahr! Hier hat sich vieles sogar wieder gedreht, das meinte nicht nur die Glatzerin vom Hotel am alten Preußischen Tor. Das rund um die Brücke eine Bieleumbauung bietet, die mehr an echter Romantik hat, als sich Filmregisseure je vorstellen konnten. Da unten meint man jeden Augenblick die Heidelinde zu sehen, die die Wäsche im Fluß spült, und da drüben den ollen Heinmück, der mit zerfleddertem Hut und löchrigen, hochgekrempelten Hosen einen Weißfisch im Flachwasser zu fangen versucht. Heute jedenfalls hat man denn auch wirklich den Eindruck, daß man sich allmählich wagt, das Deutsche zu hassen, das mit den nun so freizügig möglichen Besuchern (wir kannten aber damals noch nicht Corona; dieser Seitenhieb muß sein) daherkommt, als wäre er hier mehr zu Hause als ... ja, als was, als wer? Das Dumme ist nämlich, daß das tatsächlich so sein könnte. Aber wer würde das noch je zugeben wollen, der nicht in Gefahr geraten wollte, zum Revisionisten und Neo-Nazi gestempelt zu werden?

Die jungen Polen wollen davon aber aus anderen Gründen nichts mehr wissen, ja die kennen es gar nicht mehr. Die sind also an Nazi-Etiketten und den alten Deutschen überhaupt nicht mehr interessiert.

Sonntag, 25. Dezember 2022

Transeamus usque Bethlehem! (1)

War ich ergriffen, als ich nach Eisersdorf an der Biele kam, das heute Zselezno (stimmhaft gesprochen, ist das "Schelesno") geheißen wird? Es liegt in einer unglaublich üppig wirkenden, tiefgrünen, aber nicht sehr gepflegten Senke nahe Glatz an der (kleinen, der Grafschafter) Neiße, das in selber Transponierung Klotzko (sprich hier "Gwotzko") genannt wird.

Ich war viel nüchterner, fast kalt im Inneren, als ich im Sommer 2016 vor der schlichten und in seinen Anfängen weil vom Baukorpus her erkennbar gotischen, nun in frischem Geld des Spätbarocks gehüllten Dorfkirche stand. Die ich von den Erzählungen der Mutter her inhaltlich, von alten kleinen Schwarz-Weiß-Photographien (mit diesem ausgefransten Rand, Sie kennen das) kennen sollte. Aber wie anders wirkte nun alles. 

Auf den Bildern hatte sie nie so wenig barockisiert gewirkt. Diese Neigung zum Kitsch, die auf die heutigen Menschen hatte warten müssen, war typisch. Und erst im späten 18. Jahrhundert über das Alte gelegt worden, als der olle Fritz den bekannt starrköpfigen Glatzern den Glauben lassen mußte.

Donnerstag, 4. Februar 2021

Irgendwann ist einfach Schluß (2)

Wir bringen hier nun noch einmal den zweiten Teil. Für die, denen der Lesestoff gestern doch zu umfangreich war, die aber - und das tun so manche Leser, wie der VdZ weiß, ihnen sei einmal mehr für ihre Treue und ihren Durchbeißwillen gedankt - im Gleichschritt mitgehen wollen. 

Teil 2) Drum frisch und los. Leben wir doch endlich und einfach wieder!

Nehmen wir es deshalb etwas lockerer. Machen wir uns bewußt, daß wir nicht auf Erden sind, weil wir hier eine sooo wichtige Aufgabe haben, daß wir am besten ewig leben sollten. Und jeder Tod ein Fehler im System ist, ein Leck im Apparat, der zu vermeiden wäre, WENN wir denn dies und wenn wir denn dort und wenn wir denn das.

Wir werden sterben. Ob mit oder ohne Corona. Deshalb reicht es, wenn wir ein bissel aufpassen, wie wir es ja immer gemacht haben, wenn jemand krank war, und mehr noch wenn dessen Krankheit zum Tode ansteckend war. Angeblich oder wirklich. Und wenn nicht ... kein Malheur. Allen Ernstes. Es ist kein Malheur, den Löffel abzugeben. Es ist normal, und es ist das Schicksal JEDES Menschen. Auch unser unentrinnbares Schicksal damit. Also sollten wir doch ein bissel darüber lachen, sarkastisch, ironisch, denn klar, freuen kann man sich nicht darüber, aber wie sagte doch ein Weiser einmal? Tausend Rosen. Und frisch ans Werk, kräftig in die Hände gespuckt, und wenn es denn sein soll, dann eben ... kräftig gestorben. Denn wir wissen, daß es nicht um dieses begrenzte irdische Leben geht, dieses vallis lacrimosa, dieses Tal der Tränen, sondern darum, daß wir nach dem Tod, wenn wir denn zu Lebgezeiten, wo wir noch den Leib haben, also ganze Menschen sind, bei Christus sein wollten, durch Jesus Christus zu einem neuen Leben auferweckt werden. Und dann, dann geht es so richtig los, dann wackelt die Bude sozusagen. Dann haben wir jene Freude, die wir verloren haben, wieder. Ist das nicht ein Grund, sich zu freuen?

Oder wäre das nicht ein Grund, sich vom Tod weg Christus zuzuwenden? Das ist es doch! Das ist es, warum wir Corona nicht so richtig wollen, daß wir uns lieber zu Tode fürchten, als daran zu sterben. Und das ist ein Grund, warum wir von der Politik etwas verlangen, das sie nicht leisten kann.

Weshalb wir diesen Herrschaften "da oben" sagen sollten: Schon gut. Während wir sie vom Podium führen, unseren Arm um ihre Schultern legen und aus dem Saal begleiten, während sie noch immer reden und reden und reden, was der Tag lang ist, und nach links und rechts wie Irre bellen "Wir schaffen das!", und "Ich kann Euch retten" oder "Ich kann uns bewahren!" "Jaja, schon gut," sagen wir dann, und "Ist eh gut, ja, eh, wir glauben Dir das ja auch" ... während wir mit ihnen rausgehen.

Nichts können sie. Deshalb sollten wir dann, wenn wir sie draußen der Schwester übergeben haben, sie ihnen weiter gut zuredet und sie nach draußen zum Krankenauto geleitet, in den Saal zurück und aufs Podium gehen. Dann mal aufs Mikro klopfen, drauf pusten, ja, es ist eingeschaltet, und dann sollten wir folgende Rede halten. Wir sollten sagen: "Werte Herrschaften, ich möchte was sagen. Ich möchte Euch sagen, daß hinten ein Buffet ist, das wir später konsumieren können, daß im Saal B ein Bingo läuft, wer also möchte ... und daß wir sonst hier abstimmen, wie es mit der Treppe im Foyer weitergehen soll, mit dem Schuppen der Feuerwehr, und wer nun diese Straße saniert, die zum Gemeindezentrum führt, denn das ist ja wirklich kein Zustand ..." Und langsam fassen sich alle wieder, und allmählich fokussieren sie sich wieder auf das, was sie hier tun sollen und müssen - arbeiten, feiern, trauern, Musik hören oder Punzen schlagen, einfach LEBEN. Es gibt eine Menge zu tun.

Und, so nebenbei, schon vergessen? Leutel, es ist noch zwei Wochen - aber NUR noch zwei Wochen - Fasching!


*270121*

Mittwoch, 3. Februar 2021

Irgendwann ist einfach Schluß (1)

Krankheit, und zwar jede Krankheit, zielt auf Tod ab, das sollten wir nicht vergessen, auch wenn wir es meist schon vergessen haben. Das hat uns die Medizin eingeredet, das hat uns ein Apparat eingeredet, der glatt so tut, als wäre die Krankheit letztlich vermeidbar und der Tod ein Betriebsunfall.

Leben ist ein actu, also ein Tätiges. Wir sagen ja "wir leben", und zwar in allen Sprachen der Welt, wir sagen nicht "wir werden gelebt." Aber darin verfehlen wir uns. Zwangsläufig, und zwar durch die Erbsünde. Wir haben durch sie so viele Neigungen zu Fehlern, daß wir in keinem Fall den Fehlern davonlaufen können. Sie sind immer schneller als wir, sie sind immer zahlreicher, als wir übersehen können. Denn sie sind eine Gesamtneigung, während wir immer nur Einzeldinge bekämpfen können. Und in der Erbsünde ist unser Insgesamt, unsere Gesamtrichtung abweichend und in Richtung Tod eingestellt geworden. Die Erbsünde Adams und Evas war eine Grundsatzentscheidung, in der die Ausrichtung unseres Daseins auf Tod zuging.

Unsere Stammeltern, diese ersten Menschen, von denen alle weiteren abstammen, haben sich in ihrem Entschluß, Gott nicht zu gehorchen, dazu entschlossen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie haben sich dazu entschlossen, selbst jene Herren zu sein, denen sie alles verdanken. Das war ein Fehler. Ein sachlicher Fehler, zu dem sie der Teufel überredet hatte. Es war ein schwerer Fehler, ein Irrtum, und sie sind augenblicklich darauf gekommen. Als Gott sie rief, waren sie sich dessen unbewußt bewußt, sie verbargen sich vor der Wahrheit, dem Sein selbst, von dem alles Sein abstammt. Sie schämten sich.

Weil wir innerweltlich, irdisch, leiblich von Menschen abstammen, also zweitursächlich (nach Gott, dem alles sein Sein verdankt) haben wir das von diesen Eltern auch übertragen bekommen. Neben unserem Sein, das seinen Sinn darin hat, in größter geschenkhafter Freude zu leben weil an Gottes Freude, die er am Spiel der Schöpfung hat, teilzuhaben. Und in dieser Freude, zu der wir berufen weil in die Welt gerufen sind, haben wir aber gewahr zu sein, daß wir diese wirkliche Freude erst NACH diesem Leben erfahren werden. Warum? Weil durch Adam und Eva der Tod in die Welt gekommen ist.

Aber Gott selbst hat uns durch seinen eigenen Sohn Jesus Christus davon erlöst, und uns - nach dem Tod - wieder in ein neues Leben hinein auferstehen lassen. DANN werden wir diese Freude erfahren, und sie ist wirklich gewaltig, der Leser möge es glauben, dem VdZ war als Gnade beschieden, davon ein bißchen kosten zu dürfen. Sie war so groß, daß er seither niemals etwas anderes hätte wollen wollen, als diese Freude wieder zu erfahren, in der sein ganzer Körper verwandelt, völlig verändert war. Wenn wir in der Taufe Mitglieder der Kirche geworden sind, werden wir daran teilnehmen können. Anders nicht. Zumindest wäre es vermessen das zu erhoffen, weil sonst ja das Leiden und Sterben Gottes selbst unnötig gewesen wäre, der Leser möge sich das einmal vorstellen!

Was er sich aber vielleicht nicht mehr so vorstellen kann ist, daß wir sterben müssen. Alle. Und daß wir immer eine Krankheit haben werden, an der wir sterben. Und sei es, daß wir "an Altersschwäche" sterben, also einfach so müde werden, sterbensmüde, buchstäblich, daß wir "hinübergehen", also unsere Seele den Leib losläßt, der daraufhin zu Staub wird. Während die Seele auf den Jüngsten Tag wartet, wo sie, ihrer Form, ihrer Forma nach, wieder zu einem ganzen Menschen geschaffen wird. In der Auferstehung am Jüngsten Tag, wie so viele Propheten verkündet haben. Und woran wir glauben dürfen, weil Gott selbst es uns erzählt hat. Und der muß es ja wissen.

Wir können es uns deshalb nicht so gut vorstellen, weil der Tod - ganz anders als etwa im Barock oder im Mittelalter - durch die Technik, vor allem aber durch die Art wie wir leben so weitgehend und scheinbar aus dem Blick geraten ist, verdrängt wurde, daß wir über lange Strecken unseres Leben, als Grundhaltung sogar, den Tod vergessen haben. In Corona (und das ist das Neue an dieser "Pandemie") hat der Tod sich aber wieder ins Sichtbare gemeldet. Nicht daß er nun plötzlich da ist! So tun wir aber! Sondern er war ohnehin immer da, nun sehen wir ihn aber wieder mehr. Und das ist uns peinlich. Es erinnert an unsere Grundschuld, und es erinnert daran, daß wir immer etwas und genug falsch machen, sodaß wir sterben werden. Mit dreißig, mit fünfzig, mit achtzig oder neunzig Jahren, irgendwann. Irgendwann ist einfach Schluß. Auch für uns. Auch für unsere Kinder, die so prächtig und vor Kraft strotzend leben. Auch für uns, die wir mit dem Alter ein Wehwehchen nach dem anderen, eine Schwäche nach der anderen, schließlich ein Konzert von Schwächen erleben müssen, das uns irgendwann das Leben kosten wird.

Keine Diät, keine noch so "gesunde Lebensweise" wird das verhindern können. Irgendwann ist Schluß. Auch für uns. Uns alle. Und daran erinnert uns Corona wieder. Aber wir sind das nicht gewöhnt. Wir wollen das nicht. Also glauben die Politiker allen Ernstes, sie tun uns einen Gefallen, wenn sie so tun, als wäre das etwas Unnötiges, Überflüssiges, von dem SIE uns bewahren können. Deshalb sehen sie sich ermächtigt, uns dermaßen zu karniefeln, daß uns jede Lebensfreude erstirbt. Nicht nur das, daß wir in so Dingen wie Lockdowns zwar irgendwie vegetieren dürfen, aber NICHT leben. Denn das ist tödlich.

Aber, werter Leser, sei er sich so wie der VdZ bewußt: Wir werden sterben. Auch unser Leben wird enden. IN jedem Fall. Ob morgen. Ob in fünf Jahren. Ob in zwanzig oder fünfzig Jahren. Irgendwann ist Schluß. Legen wir deshalb unsere Zitronenmine wieder ab, legen wir deshalb dieses Betroffenheitsgetue ab, das uns besonders von dieser Regierung angeboten wird, die so tut, als sei sie dann "verantwortungsbewußt", wenn ihr Gesicht auf "tragisch" gepolt wirkt. Ach was sind das doch für Heuchler. Oder, noch schlimmer, wie dumm sind die doch, weil sie das vielleicht wirklich gar nicht wissen. Sondern auch noch glauben, daß ihre Aufgabe es sei, den Tod aus dem Leben zu werfen.

(Wir bringen nun auch die zweite Hälfte des Artikels, für die, denen es nun "reicht", und die sich das Lesevergnügen auf morgen aufheben wollen.)

Morgen Teil 2) Drum frisch und los. Leben wir doch endlich und einfach wieder!

Samstag, 2. Februar 2019

Das Schweigen zum Tag

Georg Friedrich Händel - "Rinaldo" - "Lascia ch'io pianga"

Aus dem Film "Farinelli - Il Castrato"

Nachdem es heute keine Kastraten-Sänger mehr gibt - für einen welchen Händel die Oper schrieb - wurde die Stimme synthetisch (per Computer) hergestellt, und aus einem Sopran und einem Counter-Tenor zusammengemischt.

Kastratensänger. Weibliche Stimme mit männlicher Gestaltung. Als Mann, der nicht zur Erfüllung des Selbstseins kommt, erhält der Gesang eine ganz besondere, tragische Färbung. Das kann eine Frau nicht erbringen. Gut nachgefühlt.

Worum aber geht es eigentlich bei solchen Dingen wie "Kastration" um des Gesangs willen? Es geht um die Verhinderung der Weltwerdung des Jungen zum Mann. Denn in dieser Stimme des Jungen offenbart sich manchmal - manchmal - ein so schöner Gruß von Drüben, aus der Transzendenz, aus dem Unberühten, daß man ihn in dieser Amorphität halten will. Denn im nicht durch Welthaftigkeit verformten und geformten, leuchet etwas, dem man alles Weltleben eines Buben opfern zu können meinte. Nur an Buben der einfachsten Schichten, deren Eltern für manchen Scudi dankbar waren und ihren Sohn verkauften, wagte man solche Einschnitte (wörtlich).

Welch Tragik, welch unendliche Grausamkeit um den Ruhm, den berühmte Kastraten-Sänger wie Farinelli (die meisten wurden ja nicht berühmt, ihr Talent reichte einfach nicht) erlangten. Dem das Leben geraubt wurde, um andere durch "Kuriosität" zu erfreuen. Und wie die Frauen das delektierten. Sie wurden von ihm nicht einmal schwanger! Man sagt Farinelli unzählige Liebschaften nach. Als Bußgeld für die Freude an seinem tiefen Leiden wurde er mit Geschenken und Geld überhäuft. Der Mann, der nicht zeugen konnte, wurde dafür reich ...




Zum Vergleich wie zum Beleg die (eigentlich hervorragende) Interpretation der Sopranistin Patricia Petibon.







*271018*

Freitag, 17. September 2010

Mit Staatsidee - Fülle

Es ist auch der Schlüssel zum Verständnis des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, das für Deutschland und Österreich ein Zeitalter unglaublichen geistigen Schaffens war. Und die Frage, zu der sich die Antwort augenblicks wandelte, lohnte eine Untersuchung, ob es dafür nicht Parallelen in der Geschichte gibt, ob sich diese Disposition nicht ständig zeigt - dann, wenn nämlich ein Volk - aus einer Phase der Suche und Orientierung - um seine Staatswerdung ringt! In dieser höchsten Spitze des Menschseins aufgehangen, befeuert und getrieben vom und zum Höchsten, das der Mensch zu leisten vermag, lag nämlich eine geistige Befreiung zur kulturellen Großtat, die weiterer Beschreibung nicht bedarf!

Befeuert, ja getrieben von der Idee des Eigenen, vom Suchen nach Wegen, dieses Eigene darzustellen, zu konstituieren, in einem Staat auszudrücken, wuchs der Schmelztiegel "Romantik" zu einem Vulkan der Kultur. Alle die Namen, die wir als Fundament unseres Selbstseins betrachten, als Ausweis des uns Möglichen, von Mozart, Beethoven, Goethe, Schiller, ja wo wäre ein Ende mit den Namen, sie alle wurden letztlich aus dieser einen einzigen Idee heraus befeuert und geboren, und wenn nicht direkt, so indirekt, aus allem, was herum geschah.

Aus dem, was sich geschichtlich als Ringen um einen Staat fand, zu dem sich Gleiches zusammenbinden wollte, weil zu sollen meinte. Weil der Staat als Ausdruck und darstellender Organismus des seine Bewohner Verbindenden, Vorhandenen begriffen wurde. In einem neu entstehenden Deutschland, in einem neu entstehenden Österreich (das sich ja spätestens ab 1804 ebenfalls neu zu definieren begann), in den Nationalstaaten rundum, so vielschichtig auch alles zu verstehen ist, das da geschah. Staat hieß hier logische, fast unausweichliche Folge des bewußt gewordenen Gemeingeists.

Wieviel wird durch diese Erkenntnis doch erhellt, wie sehr taugt sie als Schuhlöffel, um in der Geistesgeschichte der Völker, unseres Volkes, nach Zusammenhängen dieser Art zu suchen, und sie nicht nur mit einem Mal zu sehen, sondern ein Gefühl zu erleben, als hätte man in das Innerste eines bislang welchern Apparats geblickt.

Augenblicks auch wird einem verständlich, was in den 1920er, 1930er Jahren geschah, als diese Kräfte erneut eine Gestalt suchten. Und aus dieser Feuerquelle heraus so gewaltige Geistesleistungen zeugte wie gebar. Gerade in Österreich - was nicht nur gerne vergessen, sondern so oft denunziert, verleumdet wird. 

Aber bis zum heutigen Tag (!) lebt die Wissenschaft der Politik und der Wirtschaft, der Staatsgestaltung, des Naturrechts, von den Leistungen gerade aus Österreich. Und auf künstlerischem Gebiet? Wer den Gedanken Hollywood ausspricht, und dies nur als plakativstes Beispiel, kann es nicht tun, ohne die ungeheure Riege an Österreichern, die im Film der ganzen Welt eine neue, und historisch maßgebliche Kunst des Darstellens formte. In Namen wie Billy Wilder, Fred Zinnemann, Robert Altmann, Fritz Lang, etc. etc., Ausfluß einer Kunst die gerade in Österreich eine heute kaum begreifliche Dimension angenommen hatte, unabhängig von allen Furchtbarkeiten, die in den späten 1930ern eintraten. Und die als Pervertierung, gezielten Frevel all des Guten anzusehen ist, das sich da anschickte, wahrhaft schöpferisch zu sein.

Bis aus diesem Ringen dann - ein Staat erwuchs, und die Politik, das Dasein selbst, das jeden Einzelnen betrifft und betraf, ans Tageslicht trat, und alle Kraft benötigte, allen schöpferischen Willen an sich band. Ehe er sie, zuzeiten, wieder entließ ... und sei es, in die Katastrophe stieß.

***
 
Jedes Zeitalter, meint Josef Nadler einmal, hat nur eine begrenzte Menge an schöpferischer Kraft zur Verfügung. Es ist eine jeweils historisch zu entscheidende Frage, wohin diese Kraft fließt. Wird es in der Kunst verbraucht, so bleibt für den Staat und die Wissenschaft nur Ausschuß. Saugen Staat und Wissenschaft das Zugemessene auf, so feiert der Kunstbetrieb.
 
Jedes Zeitalter setzt die verfügbare Lebenskraft dort ein, wo die Not brennt. Diese Brandherde wechseln den Ort von Geschlecht zu Geschlecht; sie liegen bald im Umkreis des Wissens, bald in dem der Kunst, der Wirtschaft, des Staates. Darum muß die Frage lauten: auf welchem Felde war Brache und auf welchem die Reihe an der Arbeit. Dann wird sich zeigen, ob die staatsschöpferischen Kräfte sich künstlerisch oder wirtschaftlich entladen oder ob künstlerisches und wissenschaftliches Vermögen sich staatsbürgerlich befriedigt. Und so wird denn der künstlerische Wille oft genug nicht in den überlieferten Kunstformen wirksam, die man erfahrungsgemäß erwartet, sondern etwa im Entwurf und Werk und Beihilfe einer großen staatlichen Schöpfung.

***

Aber, kann man hinzufügen, es geschieht im Dialog mit den höchsten Ideen - die Staatsidee ist im Wirken in der Welt gewiß die höchste, und sie betrifft in ihrer Dimension jeden Bürger, der in ihr seine größte Möglichkeit hat.

 
 
*170910*

Donnerstag, 10. Juni 2010

Erschütternde Wirkung

Im Theater des Barock, dessen unzweifelhafte Blüte in München, noch mehr aber im Wien des 17. Jahrhunderts lag, konzentrierten sich sämtliche damaligen Bühnenmittel und geistigen Anlagen.

So beschreibt Josef Nadler es, wenn er über einen der Meister des barocken Dramas, Jakob Bidermann, zu sprechen kommt. Dessen Drama "Cenodoxus, der Doktor von Paris" griff 1609 das heikle Thema auf, ob die bloße seelenlose "gute Tat" zur Erlangung der Seligkeit genüge. Denn Cenodoxus galt dem Volk als Heiliger aufgrund seiner Wohltaten.

Bidermann bringt das Geschen auf eine doppelte Bühne - oben spielt der Himmel, wohin die Seele des Sterbenden und dann Verstorbenen zu kommen wünscht, unten liegt der Leichnam des Arztes - das Publikum sieht also im Doppelspiel das irdische Wirken, und oben die himmlische Bewertung. Und Bidermann zeigt, daß es auf mehr ankommt als auf bloße Werke, denen kein magischer Seligkeitsanspruch anhaftet. Selbstliebe ist das einzige und eigentliche Motiv, ist die Aussage.

So sehr erschüttert die Aufführung (1609), daß sich nach Spielschluß vierzehn junge Adelige - betäubt und zerknirscht - stante pede zum Eintritt in ein Kloster entschließen.

Solche Wirkung, schreibt Nadler, sei im Rahmen des Barocktheaters keinesfalls aber selten gewesen, und es würde öfters über ähnliche Ereignisse berichtet.



*100610*

Dienstag, 12. Januar 2010

Der völlige Auseinanderfall

Man bezeichnet den Barock gerne als letzte gesamteuropäische Kulturepoche. Nun, das stimmt auch wohl.

Aber betrachtet man seine Formensprache genau, so könnte einen der Verdacht beschleichen, daß der Barock - in seinem Explizitmachen, seiner Verbalisierung alles dessen, was zuvor immanent war, in seiner Liebe zu Allegorien - erschreckend deutlicher gesamteuropäischer Ausdruck der Entfesselung alles zuvor Gebundenen, in "intaktem" Zustand also Schweigenden ist.

Aufgestachelt durch die Reformation, in einem Atemzug mit der Gegenreformation ausgeblüht, ließ sich das allem Ganzen innewohnende Immanente plötzlich in seiner Vereinzelung - als Ding, das auch außerhalb seines Sinnbezuges wirken könne - erfassen, begann (und vermutlich, wie nämlich immer, das bereits Fehlende oder Bedrohte) plötzlich zu sprechen. Als Hauch der heraufziehenden Pest, zum tödlichen Keuchhusten gesteigert, wie ihn die Aufklärung sinngemäß bedeutet, die den Hammer der Zertrümmerung darstellt.

Unbedingt dafür spricht, daß nicht nur nach dem Barock Europa definitiv zerfiel, daß mit ihm die Europa noch einen sollende Reichsidee endgültig zerbrochen war (zu Tode gekommen durch ... französische Politik, die nur dadurch Frankreichs Bedeutung erhöhen konnte, daß Europa als Reich unter einer Reichskrone verhindert wurde, fixiert im Westfälischen Frieden 1648) sondern - betrachtet man den französischen Barock als Übersteigerung des Barock, so deutet sich darin sogar bereits die Französische Revolution an: die Explosion des Gefüges.

Und die Entwicklung des Theaters - losgetrennt von allem Kult - als Verbalisierung reiht ihn in kulturelle Gesamtentwicklungen ein, die die Literatur als Ausdünstung geistigen Todes entlarvt.


*120110*

Dienstag, 22. Dezember 2009

Nur ein Mißverständnis?

Zu früh gefreut, über die Schweizer und ihren Mut? Steht der auf ganz anderem, weit primitiverem Boden?

Das könnte man vermuten, wenn man nun liest, daß das Züricher Schulamt das Absingen von Liedern mit spezifisch christlichem Inhalt zu Weihnachten (!) in den Schulen untersagt hat. Und als Lernziel angibt, auch die anderen Weltreligionen ins Weihnachtsfest zu integrieren.

Wahrscheinlich wie in Norwegen (Bericht) -  mit dem Argument, daß die spezifisch weihnachtliche Botschaft doch von Jesus Christus unabhängig sei ...

„Bei christlich geprägten Unterrichtsinhalten (zum Beispiel Weihnachtsvorbereitungen) sollen keine Sonderregelungen für nichtchristliche Schülerinnen und Schüler getroffen werden, jedoch soll die Lehrperson auf die religiösen Gefühle andersgläubiger Kinder gebührend Rücksicht nehmen.

Von der aktiven Teilnahme muslimischer Kinder an Handlungen und Liedern mit religiösen Inhalten, welche ihrem eigenen Glauben widersprechen (zum Beispiel solchen, die Jesus als Gottes Sohn bezeichnen), soll abgesehen werden. Die verschiedenen Religionen sollen in den Unterricht einbezogen werden. Das Kennenlernen der Weltreligionen ist ein Lernziel, das für alle gilt.“

Vielleicht aber doch nicht ganz? Denn so wollte es zwar die Zürcher Bildungsdirektorin Regina Aeppli (SP), doch wie Politically incorrect bzw. der Züricher Tagesanzeiger berichtet, hat sich auch hier ein Schweizer Plebiszit geäußert: die Bevölkerung habe mit Entrüstung reagiert, woraufhin erst "Stille Nacht", und schließlich alle Lieder wieder "freigegeben" wurden.

Wie bei den Kirchen, die mehr und mehr nur Denkmalämtern und Fremdenverkehrsinteressen verdanken, daß sie gemäß dem Selbstauflösungswillen nicht völlig devastiert und zu häßlichen Psychotechnik-Allzweckräumen und Orten der Religionssimulation entweiht werden, und wie in mancher Gegenwehr gegen das Kreuzverbot in öffentlichen Räumen in Italien, wird auch hier ein traditionsbezogenes Argument (s. u.) vorgebracht. Die Entscheidung liegt nun hier wohl bei den jeweiligen Lehrern.

Auch das übrigens eine beobachtbare Tendenz: die institutionellen Strukturen geben auf, wo sie nicht mit diktatorischer Gewalt reagieren, weil ihre Richtlinien den Bedürfnissen der Bevölkerung mehr und mehr nicht mehr entsprechen, ja auf echte Widerstände, weil in ihrer Veränderungsabsicht auf letzte Grenzen stoßen - eines der sichtbarsten Merkmale der Auflösung einer Kultur, in der solitären Desintegration der einzelnen Gesellschaftselemente, die keine Größe solidarischer Gemeinschaft mehr finden. Legt man hier eine Tangente an, so weist diese in gar nicht so ferner Zukunft auf ... Bürgerkrieg: weil dann einzelne Gesellschaftsgruppen, längst auf unaufgebbare Positionen zurückgedrängt, die Konfliktlösung nur noch selbst in die Hand nehmen können, weil sie dies zu müssen meinen. Der Staat bricht damit auseinander.

Genau in diesem Punkt lag die noch bis ins Mittelalter, ja ins Barock (der letzten homogenen, aber bereits ins säkulare verlaufenden Kulturausatmung eines christkatholischen Europas) oft so rigorose Haltung Andersgläubigen gegenüber. Noch Kaiser Karl V. und vor allem sein Sohn Philipp II. von Spanien, haben deshalb religiöse Fragen als Staatsangelegenheiten von primärer Wichtigkeit erkannt. Ja selbst die Frage der Judenpogrome wurzelt dort: im Instinkt eines jeden Volkes, was Gemeinschaft aufbaut, oder die Grundsolidarität gefährdet. Und es lag im Interesse der Kaiser, wie immer wieder historisch aufzeigbar, daß Glaubensstreitigkeiten zwischen religiösen Gemeinschaften so rasch als möglich beseitigt würden. Denn das Leben jedes einzelnen Menschen beginnt bei seiner religiösen Haltung. Es ist die Weltanschauung, die die Kraft und Gestalt einer Kultur prägt weil darstellt, ja diese ist ohne jene gar nicht möglich.

Hier aber nun die nunmehrige Argumentation des Zürcher Schulamts:

Weihnachtslieder und -spiele gehören zu unserer Tradition und diese ist auch Bestandteil von Erziehung und Bildung.  Religion ist für die Schule kein Tabu. Wir müssen unterscheiden zwischen der Vermittlung von Wissen über eine Religion und dem Bekenntnis zum Glauben. Die Lehrer vermitteln im Fach “Religion und Kultur”, was die Hintergründe des Weihnachtsfests und anderer religiöser Feiertage sind, aber sie beten nicht mit der Klasse. Das Singen eines Weihnachtsliedes ist in meinem Verständnis ein Brauch und kein religiöses Bekenntnis.




*221209* 

Freitag, 16. Januar 2009

Blind geworden

Der Verzicht darauf, daß ein Werk auch Kunst zu sein habe, wie er im Barock als Verdrängung der Kunst durch die Imagination davon stattfand, durch die Imagination einer Stimmung und Spiritualisierung des Sinnlichen durch dessen Ersatz und Symbolisierung stattfand, war der Tod des Sehens.

Man verzichtete auf "wirkliche Gegenwart" des Gesehenen (was eine Eigenschaft der Kunst ist) zugunsten einer bloßen und rein geistigen Erinnerung daran.

Geist ohne jedwede Wirklichkeit und Geschöpflichkeit - das ist Barock. Und das ist Subjektivismus des Descartes wie der Konstruktivismus der heutigen Philosophie. Und das ist heutige Liturgie: auf Dualismus, Zweispaltung des Menschen aufbauend wie davon herstammend. E-Soterisch - nicht mehr soterisch.

Die Liturgie der Katholischen Kirche von heute ist also nichts als eine Ausformung einer jahrhundertelang "gelehrten" Wirklichkeitssprache. Es ist also wirklich kein Wunder, daß Aufklärung und Barock so engumschlungene Geschwister waren.




*160109*