Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Fratelli Tutti (Enzyklika) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fratelli Tutti (Enzyklika) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 7. November 2020

Wider Enzykliken (4)

 Teil 4) Wie das Katholische zur Ideologie wurde
Aus einer Ideologie aber folgt Totalitarismus

Nun geschieht aber Folgendes, und dem Leser wird nun vielleicht klarer, warum der Anfang den Inclusivismus aufs Spielbrett holte: Dieses Selbstgefühl der Schwäche ist notwendige Konsequenz des Verzichts auf jene männliche Vernunft, die sich nicht selbst von der intellektuellen Rechtfertigung abhängig macht, sondern diese zwar liefern kann wenn sie möchte, aber um die prinzipielle Problematik des Intellektualismus weiß: Der eine prinzipiell andere Sphäre mit Mitteln beweisen soll, die gar nicht dieser Ebene zugehören. 

In den Augen dieser Welt ist die Kirche, ist der Glaube "unterlegen". Aber eben nur in den Augen DIESER Welt! Nicht in den Augen Gottes, nicht in den Augen der Wirklichkeit. Die mangelnde Selbstverfügung, die man mit dem Schritt in den Wettbewerb alleine innerhalb der Mittel dieser Welt ausgelöst hat, hat den Verlust des Selbstwerts bewirkt. Was nun einsetzte ist exakt das, was mit dem Inclusivismus des Inders beschrieben wurde.**** 

Man hat, mit den Worten von Abszessium Kuhschneider formuliert, diesem weltweit berühmten Bänkelsänger aus dem Inneren Allgäu, mit dem Zweiten Vatikanum auf die allumfassende Wirklichkeit und Macht verzichtet, um sich der Welt "verständlich" zu machen. Man hat den Ferrari in der Garage gelassen, um mit dem Tretroller um die Wette fahren zu können. Den der andere nicht als Seinsmangel fährt, sondern der fortan der Maßstab der Fortbewegung sein soll. Man hat dieses unendliche Licht des Glaubens und der Wahrheit ausgeklammert, um fortan mit dem beschränkten Verstand des Nichtgläubigen zu denken. 

Die Folge ist, daß sich das gesamte katholische Denken in Widersprüche zu verheddern beginnt. Aus dem unendlichen Wahrheitsgebäude wurde ein irrationales Gefühlsgelände. Von dem nun (weil es keine Grenzen mehr kennt weil scheinbar hat) behauptet wird, daß es "alles" enthält, was in der Welt der Fall ist (um einen Satz von Wittgenstein zu mißbrauchen). 

Fortan war die Kirche mehr und mehr nur noch bemüht der Welt zu beweisen, daß sie in ihren Kategorien denken und handeln konnte. Mit der unausbleiblichen Folge, daß sie auch die Kriterien der Welt aufzugreifen begann, ohne deren wirkliche Wirklichkeitsrelevanz noch beurteilen zu können. Was nach sich zieht, daß dieses Bestehen-können vor der Welt von dieser selbst abhängig wird: Die weltliche Instanz wird für die Kirche, die auf jede Kohärenz und Widerspruchsfreiheit in ihrer Lehre verzichtet, bindend.³

Daß dabei die katholische Soziallehre beispiellos verzerrt wird kann nicht ausbleiben. Diese hat sich von einem befreienden Regelsystem in ein System von schwerfälligem Emotionalismus und theoretischer Inkohärenz verwandelt. 

Die Rolle der katholischen Soziallehre bestand nie darin, eine politische Plattform oder Ideologie vorzuschreiben. Sie wollte nie mehr als die Grenzen festlegen, außerhalb derer der gefallene Mensch in geistigen Verfall geraten würde. Dazu mußte sich der Mensch seiner Rolle in der Politik ermächtigen und sie mit katholischem Blut durchdringen. 

Hier sind die Grenzen, das soll uns die katholische Soziallehre dabei sagen. Aber innerhalb dieser Grenzen bist Du frei. Diese Grenzen SCHAFFT aber nicht die Kirche, sondern sie weist nur darauf hin. Die Kirche schafft nicht die Wahrheit. Die Wahrheit schuf die Kirche! Heute aber erlebt der katholische Denker eine Kirche, in der das Denken abgelehnt wird. Weil der Klerus in eine Atmosphäre führen will, die er selbst schafft. Und zu der er sogar zwingt. 

Das ist totalitär!

Alle, die nicht mit dem Geist des Papstes, mit der Atmosphäre, die er geschaffen hat, übereinstimmen, werden immer eingeschüchterter. Und warten wie furchtsame kleine Parteifunktionäre von Jahr zu Jahr mehr, welches Denkverbot mit einer jederzeit verkündbaren neuen Anweisung von oben kommen könnte. Noch nie (!) hatten deshalb päpstliche Verkündigungen dermaßen großes Gewicht wie heute.

Das hat zu Schizophrenie und immer unüberschaubareren, zahlreicheren De-facto-Schismen in der Kirche geführt. Denn da stehen auf der einen Seite jene, die an der modernen Atmosphäre festhalten, und auf der anderen Seite die, die nach den alten Regeln leben wollen, die die Kirche zwei Jahrtausende vertreten hat. 

Mit der unausbleiblichen Folge, daß diese Verwirrung auch den Papst selbst erfaßt, der diese Widersprüche zumindest ahnt, aber nicht mehr auflösen kann. Was er mit Leutseligkeit zu versöhnen bzw. zu überspielen trachtet. 

Ich kann Laien nur empfehlen, schreibt Richard Greenhorn abschließend, dieses Spiel nicht mitzuspielen. [...] Wir schulden den Päpsten Respekt. Sie aber schulden uns Kohärenz.

Ein kleiner Tip für die alltägliche Praxis: Stelle sich der Leser vor, er wäre Analphabet. Oder taubstumm. Oder beides. Dann versuche er sich vorzustellen, welche Rolle der Papst nun in seinem Glaubensleben spielte. Vielleicht findet er so eine Position, mit der es sich als Katholik leben läßt. Zu der er jedenfalls keine weiteren Enzykliken - schon gar nicht solche wie Laudato Si und Fratelli tutti - braucht. Und da gehen wir mit den Sichtweisen des Greenhorns völlig d'accord.


³In seinem Begriff vom "Wirken des Heiligen Geistes" hat Franziskus sogar explizit das Vernunftauflösende, das jede Widersprüchlichkeit in Atmosphäre, in Gefühl auflöst, zum expliziten Moment dieses Wirkens erhoben.

****Also sollte sich der Leser Fratelli Tutti einmal unter dem Gesichtspunkt des Inclusivismus lesen. Dann wird ihm der Aufruf zur Geschwisterlichkeit und Interreligiosität, den er dort findet, in ganz neuem Sinn aufscheinen.


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Freitag, 6. November 2020

Wider Enzykliken (3)

Teil 3) Ein Paradigmenwechsel mit schweren Folgen


Diese Realität, die wir im Glauben bekennen, hat aber eine strenge Grammatik. Die besser zu hören dienen vor allem jene Grenzen, die das Papstamt setzte, indem es das ausschied, was sicher NICHT dazugehörte. Ansonsten aber konnte sich jeder innerhalb dieses Glaubensgutes bewegen, wie es ihm quasi beliebte.

Auf die Grenzen zu verzichten bedeutet aber etwas ganz Schwerwiegendes: Das Wissen um diese innere Grammatik der Wahrheit geht mit der Zeit verloren. Der nun einsetzende Versuch einer positivistischen Rekonstruktion durch Festlegung der Wahrheit in Wahrheitssätzen hat schwerwiegende Konsequenzen: Das Katholische wird von einem System der Freiheit und Weite zu einem System der beschränkten Ideologie.
Den Beweis für diese Einschätzung liefert das, was nach 1965 einsetzte: Der Wettstreit um die richtige Interpretation. Der sich auf einen Geist des Vatikanums berief, den zu unterscheiden nur für den wirklich Glaubenden möglich ist, sich aber einem (sozusagen) kommunikationellen Disput entzieht.

Weil ein Disput vor allem keine moralischen Kategorien kennt, die auf derselben Ebene wie er selber liegen. Das heißt, daß Glaubensfragen im Grunde auf logischer Ebene alleine (!) nicht zu entscheiden sind, wenngleich sie niemals unlogisch und widersprüchlich sein können. 

Dem Disput über theologische Fragen steht also jedes Tor offen, mißbraucht und Opfer von Äquivokation, Scheinlogik und der Lüge des Schizoiden zu werden. Dementsprechend blieb eines: Immer mehr wurde das Katholische überhaupt dem Irrationalen überantwortet. 

Erlaube der Leser einen Querverweis: Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, hat die Entwicklung des "Wissens" (in der sich nun als solche formierenden "Wissenschaft") eine ganz analoge, parallele Entwicklung genommen! Auch hier wurde in ihrer kulturellen Bedeutung Wissenschaft zu einer Ideologieformulierung. Man sehe sich doch die gegenwärtigen Dispute um Klima und Corona, aber auch um Themen wie Schöpfung/Evolution oder Kosmologie an. 
Ja, die gesamte Bildung einer sogenannten Weltanschauung der Gegenwart unterliegt haargenau demselben Problem, das hier an der Kirche sichtbar gemacht wurde. Wir sehen hier dogmatische Konflikte, keine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen.

Die Folge war eine immer vollständigere Aushebelung des individuellen Urteilsvermögens. Was denn nun katholisch sei, was zu tun und zu lassen sei, fiel zwar einerseits mehr und mehr in die Hand der Obrigkeit, denn es gab kein verbindliches Urteil mehr. Die Kirche, der Papst beanspruchte für sich lediglich noch, so wie jeder nur zu denken.

"Nach dem Zweiten Vatikanum," so Greenhorn, "sieht es ganz anders (als zuvor; Anm.) aus. Seit dem Konzil fungiert der Papst in seinen Enzykliken nicht als Herrscher oder Lehrer, sondern als Akademiker, der versucht, eine These zu unterstützen: Das Zweite Vatikanische Konzil. [...] 
Wann immer nun die Entscheidung ansteht, die Kirche oder die Konzilsväter zu zitieren, wählen die Päpste die Konzilsväter. Die vage, unbestimmte Autorität von Enzykliken ist hervorragend für die vage und widersprüchliche Natur der damaligen päpstlichen Lehre geeignet. Man merkt sofort, daß moderne Enzykliken nicht von Männern geschrieben wurden, die sich als Repräsentanten der Kirche verstehen. Das päpstliche "Nein" wird durch das "Ego" ersetzt."

"Das ist bereits bei Johannes Paul II. erkennbar, von dem so vieles geschrieben wurde, so Greenhorn weiter, das nichts als ein Versuch ist, die Lehre der Kirche in die kantische Ethik zu übertragen. Es gibt keinen Grund, dies außerhalb der intellektuellen Zufriedenheit zu versuchen. Die neunundneunzig Prozent der Katholiken, die keine Ahnung haben, was Kantsche Ethik bedeutet, haben weitgehend unlesbare und meist stumpfe Bücher vor sich liegen, die wenig oder gar keine Bekehrungskraft haben."

Aber die bisher schlimmste Form dieses Intellektualismus findet sich nun in den Enzykliken von Papst Franziskus. In seiner jüngsten Enzyklika findet sich schon rein gar nichts mehr, was sich in ein wirksames Gesetz oder sogar in ein umsetzbares moralisches Prinzip verwandeln ließe. Es ist einfach ein persönliches Grübeln darüber, wie sich der Papst gerne die Welt vorstellte. 

Er nimmt damit aber nicht mehr die Rolle eines Papstes ein. Das ist die Rolle eines Ideologen.

Sämtliche der letzten drei Päpste waren keine Führer mehr. Alle drei überwachten lediglich einen beispiellosen institutionellen Zusammenbruch. Sie waren schwache Führer und schlechte Gouverneure, die nicht führen wollten oder konnten. Stattdessen taten sie alles eine moralische Atmosphäre zu schaffen, in der sie nicht mehr als oberster Hirte weil Papst auftreten mußten. Die Päpste des 19. Jahrhunderts waren lange im Clinch mit dem Staat. Die Päpste unserer Zeit sind es mit ihrer eigenen Institution.

Selbstgefühl der Schwäche und Unterlegenheit - Das Katholische als Inklusivismus
 
Morgen Teil 4) Wie das Katholische zur Ideologie wurde
Aus einer Ideologie aber folgt Totalitarismus


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Donnerstag, 5. November 2020

Wider Enzykliken (2)

Teil 2) Der Kampf um Bedeutung und Autorität
- Was sich durch das Erste und Zweite Vatikanische Konzil geändert hat


Das Problem begann in Wahrheit schon 1519 mit Luther, mit den gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Verwüstungen, die der Protestantismus anrichtete. Was wir weiter unten genauer ausführen wollen, hat da bereits angefangen, und zwar auch und vor allem in den Festlegungen in der Liturgie, der langfristig die Luft abgeschnürt wurde. Spätestens hier begann eine Entwicklung, die wir mit "Identität als Apologetik und Angstbehauptung" betiteln wollen und nach dem Zweiten Vatikanum einen vielleicht nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt erreicht hat.

Wobei im noch größeren Rahmen gesehen auch diese Festsetzung des Anfanges unzulänglich ist. Denn um präziser zu sein müssen wir schon im langen 13. Jahrhundert ansetzen. In jenem Zeitraum, wo dieses fast traumähnliche Ganze, das Europa als die Kultur des Abendlandes gewesen ist (und das jede Kultur im Grunde ist, ist sie noch eine Kultur und nicht ein verwesender Leichnam), zu zerfallen begann. Wir sehen es also noch schärfer als das Greenhorn in seinen Ausführungen, die wir hier so schamlos als Sprungbrett zu unserer eigenen und umfassenderen Deutung benützen.¹ 

Aber offensichtlich schlagend wurde es 1789, bei und nach der Französischen Revolution. Und der von ihr verwirklichten Schwächung der gesellschaftlichen Position der Kirche, namentlich ihrem Autoritätsverlust durch die aufoktroyierte Aufklärung. Das hat zu einer veränderten Haltung der Päpste als oberste Autorität geführt. Sie sahen sich mehr und mehr (und warum auch immer) genötigt, dem Wust an aufkommenden Ideen und Ideologien etwas entgegenzusetzen, das zuvor gar nicht notwendig war. Zumindest nicht von Päpsten direkt. 

Denn zuvor waren es die Priester und Katecheten, die Mönche und Heiligen, vor allem aber durch die Liturgie und den Jahreskreis, der die Gesellschaft (als und zur Kultur) geformt hatte und völlig selbstverständlich gewesen war. Diese Selbstverständlichkeit war nun ins Wanken geraten, und das sahen auch die Päpste als oberste Autorität. Und sie taten eines, sie griffen zur einzigen Waffe, die ihnen angesichts des realen Bedeutungsverlustes noch blieb: Sie griffen zum Stift. 

Das heißt nichts weniger als daß, was nun in der Kirche einsetzte, bereits aus einer Position der Schwäche heraus entstand. Die Kirche erfuhr sich unterlegen, und integrierte nun das Überlegene - den Staat (und das heißt letztlich, von anderer Seite aus gesehen, den Zeitgeist) und dessen Begierden.

Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Revolutionen, des Zerfalls gesellschaftlicher Strukturen und politischer Organisation von Völkern. Der Staat stand im Vordergrund des Denkens, und damit auch die Autorität und Stellung der Kirche. Die erstmals etwas begann, was es in dieser Form zuvor noch nicht gegeben hatte. Sie begann, ideale Strukturen und Bilder zu entwerfen. Vom Staat, von der Kultur, von ihrer eigenen Struktur. Und mit einem Mal stand die Position des Papstes zur Diskussion. Innerhalb der Kirche! 

Diese Frage wurde bekanntlich sogar Anlaß einer nächsten Kirchenspaltung, die der (so genannten) Alt-Katholiken. Aber der wahre Anlaß war, daß eine positive Definition³ (sofern sie nicht Poesie ist, die man aber Spekulative Theologie nennt) für eine wissenschaftliche philosophisch-theologische Auseinandersetzung damit untauglich weil zwangsläufig mangelhaft bleibt. Und so mancher katholische Eckpfeiler, darunter der zum Kirchenlehrer erklärte Kardinal Henry Newman, sah das Problem (speziell bei der Dogmatisierung der Päpstlichen Unfehlbarkeit) nicht weniger wie der bayrische, dermalen hoch angesehene, aber heute katastrophal miß- und unverstandene (wofür der Wikipedia-Eintrag einmal mehr ein Beispiel ist) bayrische Theologe Ignaz von Döllinger. Der dafür exkommuniziert wurde. 

"Das Papsttum," schreibt dazu unser Greenhorn, "beschränkte sich im Allgemeinen auf die Rolle, Streitigkeiten beizulegen und damit die Grenzen der Orthodoxie festzulegen. Die Moraltheologie wurde mehr oder weniger den Moraltheologen überlassen. Und die positive Theologie den Poeten, Mystikern und Spekulativen, fügen wir hinzu.  
Der stetige Strom von positiven Erklärungen nach 1789 war vielleicht eine notwendige Gegenmaßnahme gegen das Revolutionäre, aber er war zumindest außergewöhnlich. 
Die Weisheit und moralische Integrität der Männer, die in diesen Jahren das Papsttum innehatten, verlieh ihnen viel Autorität. Es ist jedoch wenig vorstellbar, daß irgendjemand eine solche moralische Führung der Päpste während der 'Pornokratie' des 9. Jahrhunderts ernst genommen hätte.  
Dennoch waren die besten Enzykliken alles andere als akademisch. Sie waren vielmehr Versuche, die unsterbliche Lehre der Kirche auf konkrete moderne Situationen anzuwenden. [Enzykliken waren] kein Selbstzweck, sondern unterstützten ein größeres Betriebsprogramm. [Sie waren] niemals Wiederkäuer um ihrer selbst willen."

Waren zuvor kirchliche - also päpstliche - Lehrentscheidungen kaum jemals mehr als Abgrenzungen gewesen, konsultierte man Lehrkompendien lediglich in Fragen, was NICHT katholisch ist, setzte eine neue Bewegung ein, die sich darauf zu konzentrieren begann positiv zu formulieren, WAS KATHOLISCH SEI. So etablierte sich Schritt für Schritt eine Form der päpstlich-lehramtlichen Äußerung, die als "Enzykliken" betitelt das aufzuarbeiten begann, was denn die Kirche immer schon geglaubt hatte.² 

Damit aber passiert etwas scheinbar Seltsames, es beginnt zwangsläufig, das Denken vorzugeben und es damit EINZUSCHRÄNKEN. Ja damit wurde die Vernunft des Menschen, diese unverzichtbare Basis der katholischen Theologie und Anthropologie! beschränkt weil als Säule der Freiheit festgelegt.*** 

War das Katholische zuvor das Unbegrenzbare, das in seiner Weite und Größe niemals erfaßbare, das mehr durch Grenzen als durch positive Beschreibung zu erfassen war, begann nun eine neue Art des Umgangs damit um sich zu greifen. 
War bislang grosso modo alles das katholisch gewesen, was nicht explizit NICHT katholisch war, war immer mehr nur noch das katholisch, was DEFINIERT war. Der Leser möge das in Ruhe bedenken, und so nachvollziehen, wo der gravierende, wirklich gravierende Bruch in der Haltung des Getauften zu Glaube, Sakrament und Liturgie besteht.

Aber die Lage hat sich mehr und mehr geändert, ein Stein wurde auf den anderen gesetzt. Schon keineswegs zufällig wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Neothomismus ausgerufen. Er war nicht weniger als Restaurationsversuch, ein Selbstbefestigungsversuch, die Rückbesinnung auf Thomas von Aquin. Der immerhin auch so gesehen werden kann, daß er am weitesten aller Denker und Beter im katholischen Kulturraum dabei kam, eine geschlossene, positive Theorie aufzustellen.² 

Die in seinen zweifellos großen und großartigen Hinterlassenschaften wie der "Summa Theologiae" und der bewußt als Abwehrkompendium gegen die Irrtümer des Islam (die ja in ihren Prinzipien keineswegs Einzelfälle sind, sondern als Archetypen für den gesamten menschlichen Geistesraum gelten können) verfaßten "Summa contra Gentiles" als Bastion bereits genug war und es noch immer sein sollte, den leidenschaftlichen Anstürmen der Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zu widerstehen.

Das hat sich mit und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil grundlegend geändert. Schon die Texte dieses Konzils kann man als Versuche begreifen, die Gesamtheit des Katholischen zu definieren, OHNE noch auf die Grenzen einzugehen. Ja, die Grenzen verschwanden sogar nahezu, und wurden nur noch für den existent und erkennbar, der ausreichend theologische und philosophische Bildung und Herzensreife hatte, sie mit den Texten des Konzils still mitzudenken.

Entsprechend verschwommen und "flexibel" sind viele, oft sogar die entscheidenden Formulierungen. Und das ist auch kaum anders möglich. Denn will man das Katholische positiv formulieren, ihm als "Lehre" eine Kontur geben, die in der intellektuellen Welt bestehen kann, muß man nicht nur scheitern, sondern der Versuch, es dennoch zu tun liefert, was wir tatsächlich geliefert bekommen haben: 

Texte, die dermaßen ambivalent sind, weil so viel zu berücksichtigen ist, weil so viel offen zu bleiben hat. Weil jede positive Formulierung² im intellektuellen Disput bestehen können muß. Sodaß am Ende dieses langsamen Scheiterns aber die Auflösung, die positive weil unbestimmte (weil in den Augen mancher ohnehin unbestimmbare) Vieldeutigkeit, und damit letztlich der Verzicht auf das eigentlich Mitzuteilende steht.

Das aber der sensus fidei, der existentielle Glaubenssinn, keineswegs als offen erfaßt. Es ist nur kaum oder gar nicht zu formulieren. Hinter jedem Glaubenstext steht also etwas, das mehr ist als Text, das ein reales, vollwirkliches und geschichtswirksames wie - schaffendes Glaube(n) ist! 

 
Morgen Teil 3) Ein Paradigmenwechsel mit schweren Folgen

¹Über diese Explosion des Abendlandes, die im "langen 13. Jhd." (der Begriff wurde von Jacques Le Goff gebildet und meint den Zeitraum vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert) ablief, werden wir einen eigenen Beitrag in den nächsten Tagen veröffentlichen. Der vor allem darauf eingeht, daß es sich um eine "architektonische" Wende, um eine Architekturexplosion, also um eine Erschütterung des Raumes und damit des Ortes aller Dinge gehandelt hat.

²Der Leser kann es auch an manchen Texten in diesem Blog erkennen, die oft nicht zufällig so weit zu schweifen scheinen. Sie tun es, weil es sehr sehr schwierig ist, das, was man erfährt, das was vor einem steht, real, in Worten zu fassen zu kriegen - und "positiv" zu beschreiben. Also von innen heraus, nicht von seinen Grenzen her. Eine Aufgabe, die normalerweise der Poesie zugeschrieben wird, ja die zum Wesen der Kunst behört. Deshalb waren fast immer die Mystiker - sie sind die, die das Ganze sehen, dem Ganzen begegnen - zugleich wahre Poeten, man denke etwa an Johannes vom Kreuz.

***Vernunft ist dabei in einem viel umfänglicheren weil holistischen Sinn gemeint, als es die Aufklärung tut. Die die Vernunft auf die Ratio beschränkt - und damit unvernünftig wird. Dasselbe ist nun auch in der Kirche passiert.

³Wir müssen uns bewußt sein, daß einer der fundamentalsten Gründe, warum sich die Orthodoxie nicht in die Kirche eingliedern will und wird, genau das ist: Die Orthodoxie lehnt die positiven Definitionen (nach dem Konzil von Nicäa, das im Glaubensbekenntnis gewissermaßen die einzige positive Definition festlegte) ab, in die sich die Kirche mehr und mehr begeben hat. Dabei werden gar nicht so sehr die Glaubensinhalte abgelehnt, auf den sich die katholischen (päpstlichen) Definitionen im Grunde beziehen, sondern diese Definition. Die den Inhalt nur ungenügend erfassen, und damit irreführend sind oder sein (können)! 

Zugleich wird aber auch das Elend deutlich, das damit einhergeht. Denn OHNE solche Definitionen entstehen neue Gefahren, und die sieht man in der Orthodoxie tatsächlich. Es entsteht die Gefahr einer Inclusion von Inhalten, die ursprünglich auszuschließen wären. Es entsteht bei einem Bruch der persönlichen Überlieferung (sic!), die in der Orthodoxen Theologie eine weit größere Rolle spielt als in der römischen Kirche, die Gefahr einer Zulassung von Inhalten, die ursprünglich ausgeschlossen waren. Selbst bei einer so großen Rolle, die die Kirchenväter in der Orthodoxie spielen. Und damit entsteht die Gefahr einer der Häresie einhergehenden Selbstausschließung aus der Kirche, weil es keine Korrekturinstanz gibt. 


*141020*

Mittwoch, 4. November 2020

Wider Enzykliken (1)

Die neueste Enzyklika von Papst Franziskus, "Fratelli Tutti", verstärkt den Eindruck, der einen angesichts der Kirche befallen muß, nämlich den der Erbärmlichkeit und Schwäche. Das schreibt der Amerikaner Richard Greenhorn in einem Artikel, der am Blog von William M. Briggs unter dem Titel "Against Papal Encyclicas - Gegen päpstliche Enzykliken" in diesen Wochen erschienen ist. 

Aber es ist nicht die Zuflucht zu irgendeinem - fremdverfaßten, damit nicht so deutlich der eigenen Verantwortung unterstehendem - Pejorativ, das den an kirchlichen Angelegenheiten noch Interessierten verlocken sollte, diese Ausführungen zu lesen. Sondern es ist die Gedankenlinie, die so bemerkenswert ist, daß sie dem VdZ die Wanderung in diese Bibliothek der Orientierungssuche inmitten einer verrückt gewordenen Welt wert ist. Der sie aufnimmt und in der respektlosen Art, die wir von ihm gewohnt sind, in sein Weiterspinnen einbindet.

Dabei schadet es nichts, sich die Anmerkungen von Greenhorn von vor einigen Wochen vor diesen, Fratelli tutti zum Anlaß nehmenden Gedanken zu Gemüte zu führen. Die unter dem vielsagenden Titel "Integralismus als Verzweiflungsakt des Liberalismus" erschienen sind. 

Das Greenhorn, das den Artikel verfaßt hat, meinte mit Integralismus, die aktuelle Diskussion in den USA, ob man nicht die Kirche (und überhaupt die Religionen) in eine Art von Mitspracherecht in der Politik ausstatten solle. An sich ist zwar die Verfassung der USA die einzige und erste, in der Kirche/Religion und Staat strikt getrennt sind (wir haben darüber hier, unter Bezug auf die Arbeiten von David Wemhoff, ausgiebig gehandelt), der Staat also eine rein weltliche, laizistische Angelegenheit ist. Das ist in der Praxis natürlich gar nicht möglich, weil Glaube und Religion immer eine Rolle, ja eine so große Rolle spielen, daß sie der Politik sogar Vorgaben macht, ja meint, machen zu MÜSSEN. 

Insofern geht es nun darum, der Kirche bzw. der Religion auch offiziell diese Rolle strukturell einzuräumen. Sie also in den Staat, in die Gesellschaft offiziell (wieder) zu integrieren. Denn bislang ist es möglich, und es wurde auch immer mehr der Fall, daß religiöse Motive bei Richterentscheidungen ausdrücklich auszuschließen und aus der Rechtsprechung herauszuhalten waren. Aber damit war die Mehrheit der Amerikaner so gar nicht zufrieden, und das ist ziemlich verständlich.

Wir sehen damit, daß dieser Integralismus nicht mehr als eine Spezialform dessen ist, was der VdZ mit Paul Hacker Inclusivismus nennt: Der Staat gibt von seiner Macht ab. Das heißt nicht weniger als daß man aus einer (vermeintlich) überlegenen Position heraus das Verlangen aufgibt, das öffentliche Bekenntnis zu einer hierarchischen Ordnung zu verlangen, in der man überlegen ist und großmütig zuläßt, daß die (in den eigenen Augen unterlegene) Position des anderen "auf Augenhöhe gestellt wird." 

Insoweit verschwimmen also die Begriffe, denn dieser Integralismus ist nicht nur Ausfluß des Liberalismus, er ist noch umfassender gedacht Inclusivismus. Und als solcher ist es bereits beschrieben, weshalb wir im weiteren Voranschreiten diesen Begriff verwenden werden. Weil er damit seine Aktualität besser vor Augen stellt.

Deshalb sehen wir uns verpflichtet, die Schrift von Paul Hacker, diesem großen deutschen Indologen (und die meisten Indologen von Weltruf sind interessanterweise Deutsche), zum Inclusivismus anzupreisen. Die dankenswerterweise von Gerhard Oberhammer 1983 herausgegeben und somit der Nachwelt zugängig wurde. 

Wo Hacker, der sich zeitlebens mit indischer Religion und Philosophie und Lebenswirklichkeit* befaßte aufgezeigt hat, daß die typisch indische Grundhaltung**, die wir gerne - aber irrtümlich! - als extrem tolerant und liebevoll (also liberal) einschätzen, aus einem Unterlegenheitskomplex geboren ist, den Indien über seine letzten tausend Jahre Geschichte kultiviert hat. In der es von lauter überlegenen Mächten bestimmt worden ist - vom Islam, vom Christentum und von der abendländischen Kultur, also dem Westen, in der Gestalt von Portugal, Frankreich, England, und zuletzt USA. 

Mit dem Grunderleben, daß das eigene Schicksal, das Weltschicksal immer noch von anderen Mächten bestimmt wird, OBWOHL Indien mittlerweile das einwohnerstärkste Land der Welt ist. Da wacht aber heute etwas auf. Wir sehen es in einer immer feindlicheren Haltung gegenüber dem Christentum. Und wir sehen es im Inclusivismus der Inder. Wer schon mit Indern zu tun hatte wird an deren ganz subtiler Arroganz erkennen, was der VdZ meint.

Inclusivismus ist, grob gesagt, eine Haltung, in der alles, was einem begegnet, mit einer stillen, nie wirklich explizit gemachten Theorie (die mehr eine Haltung, vor allem eine Behauptung einer Theorie, also mehr eine These denn eine durchgedachte Theorie ist) umfangen wird. Diese Behauptung lautet in etwa so, daß dieses einem begegnende Phänomen oder Theorie oder Philosophie oder Religion in der eigenen Theorie oder Philosophie oder Religion (oder in allem zusammen) längst enthalten ist. Deshalb ist man ihr DOCH überlegen. Auch wenn man das nicht durchsetzen (und schon gar nicht beweisen) kann.

Noch ein Gedanke soll wie eine Saite angeschlagen werden, auf daß im Kommenden ein Ton mitklingt, den der Leser hört, während er den Textgedanken folgt. Diese Integration, dieser Inclusivismus ist erst möglich geworden, weil die vordem unterlegene Seite dieser Trennung bewiesen hat, daß sie der überlegenen Seite nicht schadet. 
Das Wesen des Inclusivismus ist also auch, daß es der Unterlegene ist, der sich integriert. Obwohl er in Wahrheit meint, der Überlegene zu sein. 
Schwirrt Ihnen, werter Leser, nun der Kopf? Geduld. Es ist nicht so kompliziert. Es ist nur komplex, und nicht simpel. 

Nun haben wir endgültig das Bett des Flusses vorgegraben, in das sich die Gedanken des Greenhorns ergießen, dessen Ergüsse wir zum Anlaß weiterer Erörterung nehmen. So können wir die Richtung deutlicher machen, in die der Fluß des Wirklichen fließt. 

Auch hier geht es nämlich um Unterlegenheit, und einer daraus erwachsenen Beweis- und Behauptungshaltung, die aber von keiner Theorie wirklich getragen und zu tragen ist. Zu widersprüchlich, zu wirr sind die Wünsche, und um solche handelt es sich, die der Verfasser von Fratelli Tutti vorträgt. Schon gar, sieht man sie im Rahmen der katholischen Lehre, die seit zweitausend Jahren unverändert steht.


Morgen Teil 2) Der Kampf um Bedeutung und Autorität
- Was sich im Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil wirklich geändert hat


*Aus welchem Durchmessen des geistigen Raumes des Menschen er zu seinem äußerst empfehlenswerten Alters- und Weisheitswerk "Das ICH im Glauben bei Martin Luther" kam.

**In ihrer religiösen Form bezeichnen wir Westler diese Lebenshaltung gerne als "Hinduismus", und nennen sie "Weltreligion". Kaum etwas könnte verfehlter sein. Wir tun das, weil wir es so gewohnt sind, aber in Indien ist es völlig anders. Hacker kommt aus der intensiven Befassung mit dessen Religion zu dem Urteil, daß man von "einer" Religion gar nicht sprechen kann. Praktisch hat nämlich jedes Dorf, manchmal jede Familie eine ganz eigene Religion. Alleine die Zahl der Hauptgötter und deren Interpretationen, die wenigstens noch so halbwegs durchgängig sind, beläuft sich auf mehrere zehn-, wenn nicht hunderttausend. Und sie sind mit unseren Denkkategorien kaum zu ordnen. 

Was uns in Europa als "hinduistische Religion" oder "Weisheit der Veden" etc. etc. vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begegnet, ist, und hier teils beachtlich reüssiert hat (man denke nur an die Beatles und den Run, den diese ausgelöst haben), ist durch bestimmte Figuren geprägt und vor allem gemacht, die uns mit einer Religion (oder Religionen) bekannt gemacht haben, die es so in Indien gar nicht gibt. Die eine regelrechte Erfindung ist, die von diesen Leitfiguren bereits durch das Scheidewasser europäischer Philosophie gemangelt wurde. Denn diese alle haben in Europa studiert. Somit ist es eine Illusion zu glauben, uns würde in diesen Heilslehren und -lehrern eine uralte indische Weisheitsreligion begegnen, geprägt von uralten Schriften, den Veden. Nichts wäre falscher!


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Sonntag, 25. Oktober 2020

Das Wirken des Heiligen Geistes (3b)

  Teil 3b) Die notorisch mäandernden Anmerkungen


Auch ein nächstes Argument zählt nicht, wiewohl FRATELLI TUTTI es sogar explizit erwähnt. Nämlich jenes, daß es in einem weltweiten Verbot der Todesstrafe um das Verhindern einer in der Praxis tatsächlich (und gar nicht selten, ja zumeist sogar) mißbräuchlich verwendeten Todesstrafe geht. Weil die Todesstrafe natürlich, das muß man zugeben, weit häufiger zur Beseitigung unliebsamer Opposition eingesetzt wird denn als gerechtfertigtes, ja notwendiges (!) Mittel eines Staates, der das Wesen der Strafe einerseits, ihre Funktion im Leben eines Volkes (und Staates) anderseits erfüllen würde. 

Denn das Mittel wird auch in diesem Fall nicht durch den Zweck geheiligt. Und man kann kein Gut (in diesem Fall: Abstellen der Mißbräuche) bewirken, wenn man in sich falsche Mittel (generelles Verbot der Todesstrafe) einsetzt. 

Wobei der Papst bereits hinlänglich gezeigt hat, daß er dieses "in sich" nicht versteht, ja glatt ablehnt, wenn seinen Absichten etwas im Weg steht. Denn er weiß es schon, wenn es ihm paßt. Wenn er etwa sagt, daß die Todesstrafe "in jedem Fall" abzulehnen sei. Da gibt es also doch ein "in sich" Schlechtes? 

Was, um es mit den Worten von Sepp Breitschniedling zu sagen, "einmal schon gar nicht geht."  

Wenn es aber darum geht, ein Unrecht zu verhindern (in einer mißbräuchlich verwendeten Todesstrafe) gilt sinngemäß dasselbe Argument wie oben: Das der Sühne. Denn in der Sühne hat auch das Unrecht seinen Sinn! Für die Menschheit zum einen (in der stellvertretenden Sühne, die dem gesamten Menschheitskörper sozusagen zugute kommt), für das Individuum, das in der Seele fortbesteht und beim Endgericht wieder zum ganzen Menschen (= Seele UND - neu geschaffener - Leib) wird. Und der Sinn ist jene Dimension, um die es im Leben überhaupt geht! Denn nur im Sinn existiert die Übereinstimmung mit dem logos, dem Sinn, dem "auf-zu" der Schöpfung.

Um nicht zuletzt auf den bei Franziskus ebenfalls oft genug geschundenen Begriff der "Würde" des Menschen einzugehen. Denn es ENTSPRICHT GENAU der Würde des Menschen, ihn ernst zu nehmen, auch in seiner Tat gegen eine Gemeinschaft, und ihn damit der Sühne für fähig und damit für adäquat zur Tat straffähig - auch in der Todesstrafe - zu sehen. 

Die Ablehnung der Todesstrafe (als gerechtes Strafmittel einer Gemeinschaft) hat also keine sachliche Begründung. Sie gründet vielmehr in jener (jawohl, wir nennen es beim Namen: in der Widerlichen!) Sentimentalität, in der subjektives und völlig relatives, wesentlich irrationales "Fühlen" zum Maßstab der Ethik gemacht wird. Das fällt ebenfalls aber unter die Kategorie Sepp Breitschniedling. 

Es wird Zeit endlich mit dem substanzlosen Hollywood-Blödsinn aufzuhören, daß sentimentale Menschen auch gute Menschen seien. Sie sind nachgerade das Gegenteil.

**Was notwendig ist, will man der Schizoidität nicht zum Opfer fallen, will man sich also nicht "gaslighten" lassen. Weil der Schizoide ständig über die Wahrheit der Gestalt, des sinnlich Erfaßbaren an der Welt, hinwegzutäuschen versucht. Der Schizoide (Vorsicht, Schizophrenie ist nicht Schizoidität! Sondern noch einmal etwas anderes, wenn auch wesensverwandt) macht einem also "ein X für ein U vor", salopp formuliert, er "erklärt ein Gesehenes zu einem anderen", und kann und tut dies kraft seiner Autorität (der spezifischen durch eine formale hierarchische Linie, sowie der allgemeinen, die dem Gebot der Herzensöffnung entspringt und damit dem Begegnenden "Autorität" quasi "schenkt").

Dieser Autoritätsbezug ist das Besondere an der Schizoidität. Womit diese seinem Gegenüber die allererste anthropologische Anbindung an die Wahrheit selbst - die Sinne - aus der Hand zu schlagen versucht, um sie für die eigene Deutung (die eine Lüge ist) aufzusprengen.

***Auch die schöne Tradition, daß als Urheber eines Werkes nicht der gilt, der etwas ausführt, sondern der, der es in Auftrag gibt - sodaß also Papst Franziskus Fratelli tutti GESCHRIEBEN hat, auch wenn er selber vermutlich die Tastatur einer Schreibmaschine nicht einmal angerührt haben wird - hat hier einmal eine tiefere Aussage. 

Die wir uns vor Augen führen wollen indem wir zum einen beachten, daß es immer "der Geist" ist, der etwas bewegt, daß das Wirkliche also immer das Unsichtbare, das Geistige ist, und zum anderen sehen, daß dieses Wissen, das die Grammatik einer Haltung war (so wie immer das wirklich Gewußte die Grammatik von Haltungen ist), unserer Kultur noch bis ins 12. Jahrhundert immanent war. 

Erst im 13. Jahrhundert begann sich der Ausführende aus dem Insgesamt herauszulösen, was wir als eines der ersten und ernstzunehmenden Symptome des Zerfalls des Abendlandes begreifen können. Erst DAMIT, erst indem der Mensch sein Wirken seinem "Können", also einer immer mehr für sich stehenden und zu behandelnden Funktionalität zuschreibt, löst sich eine Gemeinschaft auf. Weil sie ihren Gehorsam verliert, und der Einzelne mehr und mehr autonom wird. Was sich dann in der Geschichte auch genauso zeigt. 

Und sei es, daß der solcherart "autonom gewordene Mensch" auch jeden Schutz der Gemeinschaft verliert (Gemeinschaft wird dann durch Gesellschaft und vor allem "Staat" und "'Verrechtung/Recht" ersetzt) und somit unsere Gesellschaften zu leichten Opfern von Interessen werden konnten, die nicht dem Gemeinwohl, sondern der Partikularität entsprungen sind bzw. dienen.   


*071020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Samstag, 24. Oktober 2020

Das Wirken des Heiligen Geistes (3a)

 Teil 3a) Die notorisch mäandernden Anmerkungen


*Wir wollen zuerst einmal den Unsinn aufgreifen, der in Fratelli tutti über Migration steht. Der beim völligen Unverständnis von Bezogenheit auf Land ansetzt. Keineswegs steht JEDEM ALLES LAND zur Verfügung! Vielmehr kann man Menschsein nicht denken ohne konkrete Verehelichung an ein BESTIMMTES Land, an einen bestimmten Ort. Nur so kommt der Mensch "vor". Und diesem Land gegenüber hat er insofern Verantwortung, als er nicht nur diesen, ihm überantworteten Raum als Ort, in dem der konkrete Mensch einen Platz hat, der in einem konkreten Beziehungsgeflecht (Kultur bzw. Sozialität) steht, verpflichtet ist, sondern diese Verpflichtung heißt auch, daß er diesem Raum ("Boden") seine Erhaltungsfähigkeit bewahren muß. 

Denn Boden (hier stimmen die Aussagen der Enzyklika) bzw. Eigentum ist nur insofern eine Größe, als es uns von Gott "geliehen", zur Nutznießung übergeben ist. Uns! Nicht als absolutes Eigentum, gewiß. Aber wir haben damit auch die Aufgabe - wie auch das Recht! - ihn zu nutzen. Insofern haben wir ihn als Geschenk (im Rang einer Leihgabe). Aber hier haben wir ihn auch zu schützen! Um nicht zuerst dem Bestand "der Menschheit" zu gewährleisten, solche universalen Kategorien entziehen sich unserem menschlichen Denken überhaupt, ja DÜRFEN nicht einmal angetastet werden! 

Das Allgemeine geht dem Einzelnen voraus, ja, wir haben es hier auch schon oft geschrieben. Aber das Einzelnsein ist immer ein Spezifischsein. Und insofern hat der Einzelne, in Pflicht wie Recht, auch einen Bezug zu Dingen (Boden etc.), die wir als "Eigentum" bezeichnen. Denn das ist ebenfalls Teil der Ähnlichkeit mit Gott: Dem die gesamte Schöpfung als Eigentum (zu seiner rückhaltlosen Verwendung) gehört. Wenn aber Gott Eigentum HAT, dann auch seinem Ebenbild. Bei Gott ist Eigentum absolut, beim Menschen nur in abgeleiteter Form, weil es einen absoluten Eigentümer gibt, nicht zwei geben kann. Dem Menschen ist also alles Leihe. Dieses Eigentum (in diesem nicht absoluten Rang) muß ein Staat aber ebenfalls schützen. Und deshalb hat auch ein Volk eine Eigentumsbeziehung zu einem bestimmten Boden (Raum).

Es ist Gott gegenüber sogar verpflichtet, diesen Raum zu verteidigen, nötigenfalls mit Gewalt. Keinesfalls hat deshalb (wie in Fratelli tutti allen Ernstes behauptet, jeder Mensch das Recht, sich egal wo niederzulassen! Das hängt von der Bereitschaft jener Gemeinschaft ab, die einen bestimmten Raum bewohnt und in ihre Gesamtkultur integriert, davon durchdrungen hat. 

Im übrigen trifft diese Situation nur jene Menschen, die bereits entwurzelt SIND, oder die gar keine Wurzeln (also verantwortliche Anbindung an den Boden WEIL an eine Gemeinschaft, die immer eine Kulturgemeinschaft ist) WOLLEN. Die also Boden wirklich nur NÜTZEN wollen, ohne ihn, weil einer Gemeinschaft wie einer Generationenfolge moralisch weil durch Verbindlichkeitsempfindungen als rechtlichen Grundrahmen verpflichtet sind. Und das heißt ebenfalls: Eigentum. 

Ethnologisch - man beachte etwa die umfänglichsten Studien, die P. W. Schmidt angestellt hat, um speziell diese Frage zu untersuchen - kommt es deshalb in KEINER Kultur der Erde vor, daß die Menschen OHNE EIGENTUM leben! Und zwar auch Eigentum am Boden! Daß das so ist, ist zwar nicht immer so ganz leicht zu sehen, aber es ist so. Und es ist so - man höre und staune! - wo sich die Menschen aus der Hand Gottes geschaffen sehen. 

Sämtliche sozialistischen Utopien entstammen einer romantischen, realitätsfernen Fehlinterpretation. Die der Aufklärung entstammt, und einen Neuentwurf "des Menschen" vornahm. In dem man einen "Idealzustand im noch völlig kulturlosen Urmenschen" ("edler Wilder") annahm. Was nicht nur theoretisch nicht stimmt, sondern auch praktisch nirgendwo "bei den Wilden" vorkommt.

Was hingegen dabei herauskommt, wenn Menschen KEINE Verwurzelung mit dem Boden haben, auf dem sie "leben", wo sie also nur "wohnen" (letztlich wie Nomaden, denn morgen wollen sie vielleicht weiterziehen, weil es irgendwo "besser" ist), erleben wir nicht nur jeden Tag, sondern es IST DIE EIGENTLICHE URSACHE FÜR DIE UMWELTPROBLEME, die Laudato Si und Fratelli Tutti angeblich so ernst nimmt. 

Die Lösung von Mensch und Boden durch Eigentumsverbot ist sogar der Grund, warum gerade sozialistische wie kapitalistische Gesellschaften die schwersten Umweltzerstörungen verursacht haben. Dem, der in keiner verbindlichen Beziehung zum Land steht, auf dem er lebt, ist ununterscheidbar, wo die Grenze zwischen "Kultur" und "Müll" (als der Ordnung ausgegliederte, dem Chaos zurückgegebene Materie) ist.

Und dann wollen wir (nur einmal) den Irrtum bezüglich der Todesstrafe herausgreifen, einer der Irrtümer in der Enzyklika. Von dem Papst Franziskus wohl meint, daß er mit seiner wiederholten Behauptung (und nun sogar in einer Veränderung des erst 1993 herausgegebenen Römisch-Lehramtlichen Katechismus) doch irgendwann als katholisch festnageln zu können. Was nicht geht. Denn nicht nur würde damit eine Lawine ausgelöst werden, die letztlich das gesamte Lehrgebäude einstürzen lassen würde. 

Was zwar nicht die Wahrheit selbst, sondern deren lediglich Inkarnation verdunkeln würde, aber alles andere als vertrauensbildende Maßnahme ist. Freilich, Papier ist geduldig. Und auch wenn Franziskus es noch tausendmal wiederholt - es wird nicht wahrer. Deshalb wird diese Sichtweise, die nicht ins Gefüge der katholischen Wahrheit und Lehre paßt, in der Welt keinen Bestand haben. 

Sprich: Es wird zu Situationen kommen, in der sich die Kirche (bzw. Glieder von ihr) mit realen Forderungen (nach Todesstrafe) konfrontiert sieht. In der jedoch die Wahrheit und Richtigkeit der Todesstrafe evident wird! Plötzlich gerät aber die offizielle Lehre mit dieser Wirklichkeit und Wahrheit in offensichtlichen Konflikt. So nebenbei reißt eine solche Unwahrheit - wie bei einem Dammbruch - ein immer größeres Loch. Auch das wird evident werden. Dieses Loch wird aber ein Schisma hervorrufen. Scheinbar aus "ganz anderen" Gründen. Aber in Wahrheit aus einem einzigen Grund.

Uns geht es hier also darum darauf zu verweisen, daß in diesem Unverständnis der Todesstrafe, das sich hier offenbart, ein weit tieferer und schwerer, ein grundsätzlicher Irrtum verborgen ist. Nämlich der, was denn das Wesen von Strafe (und damit von Erlösung!) überhaupt sei. Und das beginnt NICHT bei praktischen Aspekten wie dem "Selbstschutz des Staates". Sondern das beginnt bei der Sühne und deren Erlösungswirkung. 

Man muß jede Strafe nämlich zuallererst als sühnende Wiedergutmachung gegenüber jener Gemeinschaft verstehen, gegen die man durch die Tat verstoßen hat. Und hier gilt das Prinzip der Adäquatheit, sprich: Die Sühne muß der Tat entsprechen! Die Strafe ist also ein Element der Gerechtigkeit. 

Nur durch ein dem Vergehen entsprechendes, ja dieses eventuell sogar leicht übersteigendes Leiden (siehe das Leiden Christi, das in derselben Wesenserfüllung der Gerechtigkeit seinen Sinn hat!) wird ein Wiedereinstieg in diese Gemeinschaft (aus der man sich mit einem Vergehen nämlich selber ausschließt) wieder möglich. Und das kann in manchen Fällen eben bedeuten, daß der Wiedereinstieg nur mit dem Tod möglich ist. 

Ein Widerspruch ist das nur für diejenigen, die dieses irdische Leben absolut setzen. Und nicht sehen, daß diese Welt zur Gefallenheit und zum Vergehen verdammt ist (durch die Ur- bzw. damit Erbsünde des ersten Menschenpaares), wir also auf das Kommen einer zukünftigen und dann aber endgültigen Welt warten (die in der Kirche bereits ihre Inkarnation hat, in der dieses Zukünftige ins Gegenwärtige hineinragt), daß also diese heutige, irdische Welt der Menschen in einer gewaltigen Kontinuität steht. 

Die mit dem irdischen Tod nicht unterbrochen wird! Weil die Zeit (und in der Erbsünde sind wir zu dieser Zeit verurteilt, was mit dem Bruch in der Erkenntnis zusammenhängt, die von einem Schauen zu einem - möglichen - Verstehen durch den Verstand wurde) in dieser Ewigkeit nicht mehr existiert. Somit ist der Delinquent, der durch eine Todesstrafe entleibt wird, noch immer "existent", wenn auch nur noch in seiner Geist-Seele. 

Aber auf die kommt es ja an, bei der Neuschöpfung am Jüngsten Tag, wenn Gott uns aus unseren Gräbern hervorruft! Somit ist die Sühne des Delinquenten der entscheidende Moment, in dem auch seine Seele in den Himmel gehoben wird, sodaß er am Jüngsten Tag als Erlöster, als Geretteter seinen Platz in der Neuen Schöpfung erhalten wird. Wäre seine Sühne nicht ausreichend, würde er an dieser Gerettetheit (soweit wir Menschen es sagen können) gar nicht mehr teilnehmen. Und DAS begründet die Todesstrafe bzw. überhaupt das Strafwesen einer Gesellschaft.

 
  Teil 3b) Die notorisch mäandernden Anmerkungen



Freitag, 23. Oktober 2020

Das Wirken des Heiligen Geistes (2)

Teil 2) Vorwärts zum Guten zurück! 


Denn es ist praktisch vollständig vergessen! Auch wenn wir noch unzählige Relikte, sogar in unserem Alltag, sogar in den alltäglichsten Lebensgewohnheiten und Vollzügen, finden, die direkt daraus entstammen und bewahrt wurden. Wir können also sogar davon sprechen, daß im Wesen der Kirche diese Vision einer wahrhaft menschlichen Kultur mitten unter uns ist! Und wir nur danach greifen müssen, wollen wir diese wahrhaft humane - und damit göttliche, weil von Gott durchdrungene - Kultur in die Realität umsetzen. 

Denn wir haben das bereits einmal geschafft, die Geschichte beweist es. Freilich immer im Rahmen einer realistischen Welthaltung, die diese Utopie niemals zu Ideologie und Zwangsimperativ werden lassen kann. Weil genau diese Realistik, die darum weiß, daß der Mensch zur Sünde neigt und Tag für Tag in Sünde fällt, aber auch Tag für Tag daraus aufstehen muß, zu ihrem unabdingbaren Wesensbestandteil gehört.

Warum das so ist, von welcher realistischen Utopie (eine nur scheinbare contradictio in adjectio!) Fratelli tutti handelt ohne es zu wissen, und warum wir deshalb diese neue Enzyklika mit Staunen und Freude aufnehmen, werden wir in den folgenden Ausführungen begründen. Soweit kann man bereits ankündigen, daß wir durchaus mit dem Papst auch darin übereinstimmen, wenn diese Visionen dem Kapitalismus der Gegenwart ein Ende ankündigen. 

Und zwar genau deshalb, weil wir die Freiheit des Menschen als unabdingbaren Bestandteil einer Kultur überhaupt betrachten. Was zugleich dem Wesen des Katholischen entspricht, die eine Anthropologie vertritt, in der der Mensch als Ebenbild Gottes zur Freiheit (der Söhne) Gottes berufen ist. Nur dann wird er ein geglücktes Leben führen können, nur dann kann eine Kultur des Gemeinwohls entstehen. Deren Tor und Tür einen konkreten Namen hat: Bedingungsloses Schenken. Sterben. Kreuz. 

Jede Kultur der Kreuzvermeidung muß also notwendig scheitern. Und wenn man den sozialistischen Utopien, die auch die aktuellste Enzyklika aus der Schreibstube*** von Papst Franziskus Fratelli tutti sogar explizit vertritt (man lese etwa die Ausführungen zu Eigentum!). Man frage sich doch nur, warum ausgerechnet die Freimaurer, deren Ziele praktisch identisch mit denen des realen Kommunismus sind, ja die hinter dem Kommunismus stehen und standen, diese Enzyklika fast euphorisch begrüßen. 

Aber wir schließen hier keineswegs an Schreckensbotschaften an, die in den Freimaurern das verkörperte, institutionalisierte Werkzeug Satans IN DER GEGENWART sehen möchten. Weil wir meinen, daß die Freimaurerei historisch-praktisch überlebt ist. Sie ist längst durch andere, der Zeit gemäßere, somit weit effektivere Machtkonstellationen ersetzt. 

Die Reaktion der (oder: Vieler) Freimaurer auf Fratelli tutti zeigt also etwas ganz anderes an. Etwas über Papst Franziskus. In dieser Reaktion zeigt sich nämlich folgerichtig, wie wenig diese Enzyklika expressis verbis die Gegenwart aufschlüsselt. Daß sie manche Übel wörtlich anführt ist lediglich dem üblichen Vorgehen des Liberalen gleichzusetzen, der zwar nicht weiß, warum etwas nicht funktioniert, der aber oft genau und besser als viele weiß, was NICHT funktioniert. 

Erzbischof Viganò hat also zum einen Recht, wenn er diese Koinzidenz von Fratelli tutti mit freimaurerischen Anschauungen anprangert. Zum anderen ist aber der Grund, warum Viganò das tut, nicht ganz korrekt. Der derzeitige Pontifex Maximus beweist damit nämlich nur, wie wenig er diese Zeit verstanden hat. Das ist eine Tragödie, gewiß, das ist enttäuschend, ja, aber das ist nicht überraschend. Und DAS ist auch schon fast alles, was man dazu sagen kann.

Aber wenn wir uns dem DURCH Fratelli tutti aufgerissenen Acker anschauen, dann finden wir plötzlich etwas, das jenen, die mit dem Pflug enteilt sind, entgangen ist. Wir finden die Problematik dieser Kultur, die mit dem realen Leben zusammenhängt. Und dieses ist, weil wir es hier mit einem Grundproblem DER MORAL zu tun haben (richtig, der Moral, und NICHT der Wirtschafts- oder der Sozialwissenschaften), mit ein- und derselben Fliegenklappe zu erledigen.

 Morgen Teil 3a) Die notorisch mäandernden Anmerkungen


*071020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Das Wirken des Heiligen Geistes (1)

Selbst wenn man die Enzyklika FRATELLI TUTTI als nächste Unsäglichkeit dieses Papstes einstufen muß, die von Irrtümern*, Fehleinschätzungen, Widersprüchen, Wirrnissen und sogar buchstäblichen Ausflügen in den Sozialismus nur so strotzt, würde man ihre Worte 1:1 nehmen. 

Weshalb dem Verfasser jener Zeilen, die als Enzyklika hohen Stellenwert haben weil sie Denkimperative aufstellen, das heißt, man muß sie ins eigene Denken einfließen lassen, ob man will oder nicht, denn es ist immer noch der Gehorsam, der den Blutkreislauf der Gnade aufrecht hält, nicht "richtig oder falsch". Was aber nicht heißt, daß man Falsches auch so übernehmen muß. Und Falsches findet sich in Fratelli Tutti in einem derartigen Ausmaß, daß es unmöglich scheint, das alles ausreichend zu besprechen. 

Und - es lohnt auch gar nicht. Dafür sorgt schon die höchst ambivalente Sprache und Geformtheit des Dokuments, das wie eine Gummiwand alles und nichts und jedes anspricht, ohne es zu bändigen und zu ordnen. Als wollte der Verfasser gar nicht, daß man sich ernsthaft mit dem Text auseinandersetzt. Wollte er aber stattdessen, wie es der Unvernunft, aber auch der diktatorischen Gewalt gemäß ist, daß der Text einfach widerspruchslos übernommen, angenommen und "befolgt" wird? Das wollen wir mal nicht annehmen, auch wenn es naheläge, so zu denken. 

Ah ja, heißt es ja deshalb gleich zu Beginn: Es werde ja nur "geträumt". Und darum wohl auch die Sprache, in der die Enzyklika veröffentlicht wurde. Italienisch. Nicht das Latein der Kirche. Aber gut, Franziskus war ja schon bisher Meister der Verwirrung, was die Gestalt (weil Ort, Bestimmung, Rang etc.) von Dokumenten anbelangt. Und das scheint wohl seine Aufgabe zu sein: Es ist ein Aufruf selbst aufzustehen.

Also muß man viel zwischen den Zeilen suchen, um den Heiligen Geist aufzuspüren, der dann auch der wahre Geist des Gehorsams ist, in dem Fratelli tutti betrachtet werden muß. Der sich in der Tradition der Kirche scheinbar gar nicht finden läßt!

Sogar dem Papst blieb nichts anderes übrig, als pausenlos auf von ihm selbst verfaßte Schriften und von ihm selbst getätigte Aussagen Bezug zu nehmen. Wie es eben bei unkatholischen, ja antikatholischen Aussagen ist. Die nämlich nicht mit dem zweitausendjährigen Lehramt in Übereinklang zu bringen sind, weil sich zu viele Aussagen nicht weiterbauen, was "nirgendwo gesagt wurde". 
Wie soll man also dazu stehen, daß selbst Papst Franziskus "Belege" dafür nicht finden konnte, daß er mit seinen diesmaligen Aussagen (die in Laudato Si bereits angebahnt sind) im Strom der Tradition schwimmt? Wenn, dann ist es also eine Tradition, die er selbst erst begründet hat. Was natürlich eine contradictio in adjectio ist.

Aber irgendwo muß er doch sein, dieser Strom, es ist doch der Papst? Irgendwo muß doch auch bei diesem Papst das Katholische zu finden sein, wie auch Kardinal Müller meint, der es offenbar auch einfach satt hat, ständig mit unkatholischen Papstaussagen konfrontiert zu sein? 

Und sei es und sei es eben ... in der Dialektik. Zum ersten Beispiel. Was nichts anderes heißt als daß der Heilige. Geist im Widerspruch, den etliche der päpstlichen Aussagen erregen MÜSSEN, weil sie unkatholisch sind. Und das Katholische ja nicht einfach ein willkürliches dogmatisches Gebäude ist, so wie die Spielanleitung von Backgammon, sondern weil das Katholischsein seinem Wesen nach in der allgemeinen menschlichen Vernunft lebendig ist. Sodaß nicht-katholisch-sein immer auch heißt: Unvernünftig sein! 

ABER der Widerspruch hat noch eine ganz andere Eigenschaft, und auf die kommt es uns an dieser Stelle an. Im Widerspruch ist der Widersprechende GEZWUNGEN, das Wahre, das Richtige DARZUSTELLEN. Zu sagen, zu leben, zu zeigen, welche Daseinsebene auch immer. 
Was nichts anderes heißt als daß der Apologet insofern "mehr" Mensch wird, weil es (historisch, also in der Zeit) kein statisches Menschen-Dasein gibt, sondern weil Menschsein immer ein actu ist! Das heißt, daß nur der Mensch lebt (und in der Wahrheit sein kann), weil und soweit er sich selbst (!) bewegt. Sagen wir es simpel: Nie ist der Mensch so lebendig als dort, wo er widerspricht.
Das bedeutet, daß wir unter diesem Papst - und hier ist tatsächlich der Ort, wo wir vor ehrfürchtigem Staunen vor der Größe und Weisheit Gottes in Lobpreis ausbrechen müssen! - zu einem Christkatholischsein aufgerufen sind, in dem wir das Katholische pausenlos selbst suchen (und hoffentlich finden) müssen, um es dann lebendig wie noch nie in die Welt hinein zu stellen. Und das ist keineswegs zynisch (oder sarkastisch) gemeint!

Werden wir jetzt aber wieder konkret, und kommen wir zu FRATELLI TUTTI, die Papst Franziskus am Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober 2020 promulgiert (also auf die Menschheit losgelassenen) hat. Seiner somit zweieinhalbten Enzyklika. Bei der ersten, LUMEN FIDEI, herausgegeben 2013, hat noch Benedict XVI. mitgeschrieben. Offiziell zählt sie aber für diesen Papst, der 2015 noch LAUDATO SI herausgab. 

Und benützen wir dieses vom Umfang her einem Buch entsprechende Dokument genau so, wie es schon in den ersten Absätzen angeraten wird: Als Traumlandschaft und als Steinbruch. Letzteres heißt nicht mehr und nicht weniger als daß wir hergehen, und Bestandteile, Sätze, Worte, Aussagen ohne jede Rücksicht auf einen Gesamtsinn herausnehmen. Denn einen solchen Sinn hat diese Enzyklika nicht. 

Alles, was als "seine Aussage" (also "sein Sinn") bezeichnet wird, sind posthoc hinein- oder drübergeschobene Sinnkonstrukte mehr oder weniger Gutmeinender. Die hartnäckig davon ausgehen, daß es doch in einem päpstlichen Lehrschreiben doch so eine durchgängige, einzige Aussage geben muß. Der VdZ sagt es frei heraus, und das gilt für dieses gesamte Pontifikat, daß man bei diesem Papst den Sinn (logos) ganz woanders suchen muß als in seinen expliziten Aussagen und Lehrschreiben. Diesen Papst kann nur noch jemand begreifen, der bereits katholisch IST, und der bereit ist, Franziskus nur auf der Ebene dessen DASEINS als Autorität in sein Herz aufzunehmen bzw. dessen Tore zu öffnen.

Und in diesem Punkt hat der VdZ eine Überraschung für jene bereit, die meinen, der VdZ, der anfänglich Papst Franziskus schärfstens und fast verzweifelt kritisiert hat, und sogar so scharf analysiert und als hochgradig schizoid erkannt hat. Schizoidität aber bedeutet, daß ihr nur mit Wesensbezogenheit begegnet werden kann.** Und diese Überraschung hat zum einen mit dem Wesen der Schizoidität zu tun. Denn der Schizoide verwendet formal (und formell) die Wahrheit. Er setzt sie nur für seine Lüge ein. Somit ist das, was wir in dieser Enzyklika finden, nichts anderes als Folgendes, und das ist nicht nur gut, das ist er, der Heilige Geist:

In Fratelli tutti öffnet der Papst das Denken auf einen Horizont hin, der das menschliche Leben und Wirtschaften, ja das Menschsein überhaupt, wieder in einen kulturellen Kontext einordnet, der so "revolutionär" ist, weil er ein radikales RESTAURIEREN des Abendlandes bedeutet. Das nicht weniger ist als ein Zurücksteigen ins Hohe Mittelalter. 
In Fratelli tutti gelingt es dem Papst zwar NICHT, eine Vision zu entwerfen, wie er es verspricht, wenn er gleich zu Anfang von "Träumen" spricht - auch das entspricht dem Wesen des Schizoiden, daß er seine expliziten Ziele nicht nur verfehlt, sondern zum Gegenteil geraten läßt - aber wir erkennen tatsächlich dieses "Träumen". 
Und wenden uns jenen Träumen zu, die unserer (bzw. einer) Kultur nicht nur einzig sinnvolles Ziel sein können, sondern die darin an das Wesen unserer eigenen abendländischen Kultur anknüpfen weil entbergen. 
Teil 2) Vorwärts zum Guten zurück! 
 
 

Technischer Hinweis: Die mäandernden, in diesen Mäandern aber jeweils eigene Seen bildenden, also durchaus für sich stehen könnenden Anmerkungen stehen nach dem zweiten in den dritten und letzten Teilen, in zwei Tagen, zu lesen. 


*071020*
Unterstützen Sie dieses Blog!