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Donnerstag, 19. Mai 2022

Als es fast so war, wie es sein sollte (5)

Zahlen, Zeit, Dauer, Werk und Magie - Zeit, Dauer ... da passiert in einem der Filme auch der (fast) einzige Versprecher, wo eine alte Sprechgewohnheit wieder aufsteht. Wenn davon gesprochen wird, daß die Zeit mit der Uhr "gemessen" wird. Was heßt Messen? Es heißt eien Vorgang mit einem anderen, zum Kriteriumgemachten, in eine Beziehung zu setzen. 

Das heißt bei der Uhr, einen standardisierten Vorgang des Umlaufs der Zeiger, zuvor mathematisch exakt und damit immer gleichlaufend gemacht durch eine festgelegte physikalische Ursache-Wirkung-Beziehung von Zahnräudern, die auf einen Anfangs- und einen Endpunkt ausgerichtet werden -  dem Sonnenhöchstand zu Mittag etwa, oder über eine bestimmte Sternenkonstellation, die an diesem Punkt beginnt und an jenem endet, der zugleich in immer demselben Ablauf wieder der Beginn ist - und somit (sagen wir) einen Tag umfassen. Den unterteilt dann die Menschheit seit je in insgesamt zwölf Horas, Stunden, eine alte Menschheitszahl der Vollkommenheit eines Ablaufs. 

Als heilige Zahl des Faktors aus der Zahl der Ewigkeit, der (3), mit der Zahl der Vollkommenheit, der (4) Aus diesem Tanz entsteht dann ein Weltganzes, das von einem Anfang zu einem Ende strebt. "Jeder Tag hat seine eigene Plage", sagt der Herre, und jeder Tag sollte deshalb nur für isch gelebt werden. Das ist keine stumpfe Erkenntis der Stoiker, dieser Gleichgültigen, sondern ein Tanz des Lobpreises für die Vollkommenheit Gottes! Der sich in seiner Dreifaltigkeit (3) als Gruindgrmmatik der Welt (die die Zahl 4 ausdrückt, selber wiederum ein Tanz aus der Quadratur, der höchsten Potenz also aus Dualität (2) mit Dualität (2) somit als Schöpfung und Welt in ihrer tiefsten eigentlichsten Dimension ausdrückt. 

Samstag, 7. Januar 2017

Als Spanien durch Gold arm wurde

Als Karl V. die Schlacht von Pavia 1525 gewonnen hatte, fiel ihm auch der französische König Franz I. als Gefangener in die Hände. Das Lösegeld, das er von den Franzosen verlangte, war für damalige Verhältnisse gigantisch: 1,2 Millionen Goldkronen. Die französischen Noblen mußten das ganze Land regelrecht durchkämme, um diese Summe zusammenzubringen. Die Spanier brauchen 4 Monate, um diese Menge an Münzen nur zu zählen!

Die Folgen waren katastrophal, und zwar nicht für die Franzosen, sondern für ... die Spanier! Bei denen die Goldlieferungen aus Südamerika noch nicht wirklich begonnen hatten. Zuerst einmal stiegen in ganz Spanien gewaltig die Preise. Schon drei Jahre später erhielt man für die gleiche Summe Goldes nur noch die Hälfte Ware. Die Folge war, daß man überall begann, Waren aus Frankreich zu importieren. Damit (und in Zusammenhang mit dem Abfluß von jungen Männer, die nach Südamerika gingen, um ihr Glück zu suchen; man schätzt, daß 15 % der spanischen Bevölkerung von vielleicht 8 bis 9 Millionen Menschen - und gerade die produktivsten Teile davon - auswanderten) versiegte in Spanien die Produktion, während der Importsog immer stärker wurde.  Vom spanischen Gold wurden die andren reich. Die Niederlande, Frankreich, und bald die Engländer.

Dazu kamen die ständigen Kriege, die die wachsenden und bald riesigen Goldimporte (speziell nach den Funden in Peru) verschlangen, sodaß sich das Land trotz der enormen Geldzuflüsse immer mehr ver- und bald  nur noch überschuldete und alle 5-15 Jahre in Konkurs ging. Die Schuldzinsen (Niederlande!) überstiegen bald alles, was der Goldstrom ins Land schiffte, waren ein Faß ohne Boden. Nichts von dem Gold wurde nachhaltig in Produktion investiert, anders als in den genannten europäischen Ländern. Das Gold hatte dazu verführt, an sich als Vermögen angesehen zu werden. Ein schwerer Fehler. Denn niemand wollte noch arbeiten, und keiner sah, daß alles Gold ständig aus dem Land floß, keiner begriff, daß jede Form von Geld - auch Gold - nur Wert durch Arbeit hat. Die ersten diesbezüglichen Theorien entstanden in ... Frankreich.

Der Zustrom von Waren aus Europa und aus Südamerika deckte bald den gesamten Inlandsbedarf. Weite Teile Spaniens verödeten sogar, Wüsten entstanden oder wuchsen, weil das Land nicht mehr bebaut wurde. 10 % der Bevölkerung gingen überhaupt gleich ins Kloster, deren geistiges Niveau ständig fiel, sodaß sich Figuren wie Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz zu radikalen Reformen gezwungen sahen. Nur die Dichtung blühte, auch die niedrigsten Niveaus (gegen die sich ja Cervantes so spitzfindig wandte), weil der Bedarf nach Theater und (oberflächlicher) Vergnügung groß war.

Während des 16. Jhds. wurde die Wirtschaft Spaniens so nachhaltig ruiniert, daß dieser Scheingewinn von 1525 als Startschuß für eine Entwicklung gesehen werden muß, von der sich das Land jahrhundertelang, ja vielleicht bis heute nicht mehr erholte. Während die Wirtschaft Frankreichs vor allem durch die Exporte nach Spanien aufblühte und jene Basis schuf, auf der das Land in den kommenden 150 Jahren zur mächtigsten europäischen Großmacht aufsteigen konnte, dessen Kultur den Kontinent tief prägte.

***

Aber man muß historisch gerecht sagen, daß ganz Europa von der Mitte des 15. Jhds. an von einer bis heute nicht ganz erklärbaren Preissteigerung gezeichnet war. Die Bevölkerung wuchs stark, damit das Warenangebot weil die Arbeitsleistung, meinen die einen. Aber alles erklärt die Inflation nicht wirklich. Denn Geld war im Gegensatz dazu ein knappes Gut! Das würde also eher auf Deflation hinweisen. Warum aber stiegen dennoch ab 1460 überall die Preise? Weil die Münzverfälschung (durch Senkung des Edelmetallgehalts) immer häufiger wurde? Heinrich VIII. in England 100 Jahre später konnte sich phasenweise überhaupt nur durch diese Form der Enteignung der Bevölkerung über Wasser halten.

Häufig machte man die entstandenen Großkonzerne - Handelshäuser wie die Fugger, die Hochstetter, oder die Welser - dafür verantwortlich. Denn die Tauschwirtschaft, die zuvor wenigstens den regionalen Wirtschaftsbereich getragen hatte, wurde durch den über den Handeln Europa überschwemmenden Waren aus aller Welt in eine Geldwirtschaft umgewandelt. Der Tod des Feudalwesens, der Tod des alten Landadels war unausbleiblich, die ihre "Einkommen" aus den Lehen seit je in Arbeitstagen und Warenlieferungen bestritten hatten. Alle diese Importwaren konnten aber nur durch Geld erworben werden. Der Geldumlauf stieg überall rasant.

Diese Nachfrage nach Geld (das es nach wie vor nur in Form von Edelmetall gab) machte den Gold- und Silberbergbau enorm profitabel. Aber er war gleichermaßen in den Händen dieser Handelshäuser. Nur die hatten das Investitionskapital. Und die Beziehungen zum Kaiser. Die ersten Arbeiterstreiks brachen 1524 aus, als die Minenarbeiter in der Slowakei und in Tirol (Hall), die ihre Stunde gekommen sahen, höhere Löhne verlangten. Dazu muß man wissen, daß der Bergbau alleine im Reich Karls V. hunderttausend Menschen alleine in Deutschland beschäftigte, deren Familien ernährte. Damit stiegen die Preise weiter, auch für die Waren die die Minenarbeiter kauften. Zugleich kam es lokal zu Aufständen der einfachen Bevölkerung, wie in Südtirol, die ein Vorgehen der Obrigkeiten gegen die Monopolisten verlangten, damit auch sie an diesem Reichtum teilhaben konnten. Und zwar OHNE - wieder: bei Banken, die genau diesen Häusern gehörten! - Kredite aufnehmen zu müssen. 

Nur mit teilweisem Erfolg. 1525 bekräftigte Karl V. im Edikt von Madrid die Politik der Monopole, zumindest gegenüber den Fuggern, diesem Weltkonzern, und einigen anderen deutschen Häusern. Denn die Türken standen in Ungarn, der Papst brauchte ebenfalls Geld um die Ungarn im Abwehrkampf zu stützen, und dieser Bedarf nach Krediten machte die Argmentation der Fugger, daß nur Monopole die hohen und risikobehafteten Investitionen in Minen möglich weil in Summe rentabel machten, ziemlich überzeugend. Aber Karl schätzte überhaupt den Wert der Fuggerschen Bergbauaktivitäten (Gold, Silber, Blei, Quecksilber, Eisen, Kupfer, Zinn, etc.) als Rückgrat der gesamten deutschen Wirtschaft - und seiner Politik! - ein, und damit auch für seine Steuereinnahmen im Land. Die Stimmungslage unter der deutschen Bevölkerung aber wurde immer angespannter.




*151116*

Freitag, 30. Dezember 2016

Schicksalshafte Verbindung

Indem sich die Fugger auf die Seite der Habsurger mit dem späteren Karl V. geschlagen hatten, sich also gegen die Valois entschieden, die nach dem Tode Maximilians 1519 ebenfalls um den Kaiserthron buhlten, nahm ihr Schicksal einen wohlbekannten Lauf, der sich in der Geschichte immer wieder abgespielt hatte und noch abspielen würde. Denn die mehr als 800.000 Gulden, die dem Habsburger die Kaiserkrone gekostet hatte, waren eine ungeheure Summe, im heutigen Kaufwert mehreren Milliarden Euro gleich. Gleich wie es den Medici mit dem englischen König gegangen war, waren die Fugger fortan gezwungen, die Habsburger zu finanzieren. Mit lediglich "unwucherischen" 5 %, wie sie öffentlich verkündeten, denn der Wucherzins war nach wie vor eine geistlich gesehen haarige Sache. Und Jakob Fugger war ein sehr frommer Mann.*

Aber der Kaiser war damit für die Fugger "too big to fail". Jakob Fugger wußte das, und er setzte sich sofort mit Karls Kämmerern zusammen, um einen Rückzahlungsplan aufzustellen. Denn der Kaiser mußte auf jeden Fall willens und in der Lage sein, die Kredite zurückzuahlen. Und das war oft genug nur mit nächsten und immer mehr Krediten möglich, die von den Fuggern, aber auch von zahlreichen anderen Bank- und Handelshäusern kamen. Karl V. mußte auf alle Fälle liquide blieben! Dieses Geld aber mußten die Fugger selbst borgen, wenn zu wenig zurückfloß, und das tat es oft, und zwar mit 10 % Zinsen und mehr. Ein Teufelskreis, wie er schon die Medici ruiniert hatte und das immer gleiche Merkmal von Geldgeschäften mit Regierungen war: So lange Geld und immer mehr Geld leihen zu müssen, bis diese nicht mehr zahlen konnten. 

Doch hatte das auch einen anderen Grund. Denn die Geschäfte selbst - vor allem der Bergbau, oder die Handelsmonopole - als Basis der Geschäfte dieser Häuser waren direkt von diesen selben Regierungen abhängig. Fielen diese, oder wechselten sie auch nur, würden möglicherweise auch die Monopole und Konzessionen fallen. Da hing einer vom anderen ab. 1521 war die Zahlungsfähigkeit des Kaisers nur noch aufrechtzuhalten, weil er Bergbau-Konzessionen in Südamerika vergab, die den Fuggern erlaubte** ihr Kapital auszuweiten, um durch (schon recht risikoreiche) Perspektiven noch positiv zu bleiben. Da war die Kirche schon längst ausgestiegen und hatte es aufgegeben, diese Vorgänge noch verstehen und moralphilosophisch bewerten zu wollen, während die Protestanten das der Magie so ähnliche Geldwesen gleich zum Teufelswerk erklärten.

Die Habsburger gingen 40 Jahre nach Karls Kaiserkrönung bankrott. Das Haus mit seinem weltumspannenden Reich, in dem die Sonne nie unterging, teilte sich wieder in die spanische und österreichische Linie. Karls Sohn Philipp II. von Spanien ging sogar alle paar Jahre pleite, und das trotz der gewaltigen Mengen an Gold und Silber, die bereits aus Südamerika kamen. Aber selbst sie konnten die Schulden nicht mehr abdecken, führten dafür zu einer desaströsen Inflation. (Jawohl, das alles, was wir heute erleben, ist auch mit einer reinen Goldwährung möglich; das sei den Goldnarren ins Stammbuch geschrieben.) Die aus den nicht zurückgezahlten Krediten kumulierten Zinsen hatten sich jeweils wieder und wieder zu einer derartigen Summe angesammelt, daß die Schuld utopisch geworden war. Nichts ging dann mehr. Und so rissen die Regierungen Mitte des 16. Jhds. das gesamte oberdeutsche Bank- und Finanzwesen mit in den Abgrund und sorgten für eine veritable und hartnäckige Rezession. Der Finanzplatz Europas aber wanderte vom Augsburger Weinplatz, wohin er von Florenz hergekommen war, nach Amsterdam weiter.





*Er war nicht nur fromm, sondern er verstand die Religion auch. So hat er sich immer und vor allem gegen die liturgischen Mißbräuche gewandt, die überall längst eingerissen waren. Er wußte, daß Religion zuerst einmal Kult ist, sonst ist sie gar nicht, und daß Kultur im Kult beginnt.

**Die bereits doppelte Buchhaltung als die laufende Überführung der Erfolgs- in eine Kapitalbilanz führten. Damit wird jederzeit der wirkliche Stand eines Betriebes erkennbar, und Geschäfte erhalten durch den Faktor "Zeit" eine neue Dimension der Ausweitung. Das gesamte Geldwesen der Neuzeit, die gesamte heutige Finanzwirtschaft wäre ohne diese Methode undenkbar, denn sie beruht praktisch NUR auf der Zeit. Jakob Fugger, der als kaufmännischer Lehrling in Venedig das Handwerk gelernt hatte, war also mit modernsten Wassern gewaschen.





*141116*

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Antriebe zur Reformation (2)

Teil 2) Antikapitalismus als Motiv der Reformation


 

Vielleicht muß man dazu noch einmal erinnern, daß nach katholischer Naturrechtslehre Zins prinzipiell verboten war. Geld an sich ist steril, das heißt: es kann sich niemals aus sich selbst heraus vermehren. Es ist immer mit Arbeit und Menschen verbunden und geht auf sie zurück. Der Kredit ist deshalb nur eine Hilfe. Eine Gebühr, einen Zins dafür zu verlangen ist höchstens dann gerechtfertigt, wenn die Geldleihe mit direkten Kosten verbunden ist, und nur in dieser Höhe, oder wenn mit der Leihe des Geldes bereits der sichere Verlust einzurechnen ist. Der SICHERE Verlust! Ein nur MÖGLICHER Verlust fällt nicht darunter, muß scharf unterschieden werden. Denn dieser hängt immer mit dem Menschsein selbst zusammen, und eine MÖGLICHE Zukunft darf nicht in Rechnung gestellt werden. 

Diese VerlustMÖGLICHKEIT (also das Risiko, das ja mit jeder menschlichen Tätigkeit, ja Existenz verbunden ist, wozu auch die höhere Gewalt zählt) als GEGEBEN anzunehmen und als Grund für Zinsnahme zu sehen ist also in sich bereits unmenschlich. Denn ein Kreditgeber, so die überkommene Lehre, ist immer auch als ein Mit-Unternehmer anzusehen, er darf nicht das Risiko auf den Kreditnehmer abwälzen, weil er dann dessen Notlage ausnützt, wie es aber mit einem verzinsten Kredit geschähe. Nur dann ist Geldleihe menschengerecht.

Erstmals wurde in Bologna 1514 aber dieser mögliche Verlust als gerechter Grund akzeptiert, zumindest wurde Ecks Position nicht verboten. Das war für die Entwicklung des modernen Kapitalismus von entscheidender Bedeutung. Erstmals ließ die Kirche den Wucher offiziell zu. Und er trug fortan aus der Nähe von Eck und Fugger den Geruch der Korrumpierung.

Nun waren europäische Länder wie Spanien, England oder Frankreich wesentlich zentral verfaßt. Anders als Deutschland. Von dort flossen nämlich nun große Mengen an Geld (das damals praktisch ident mit Gold war) ab, was der deutschen Wirtschaft alles andere als gut bekam und Rezession auslöste. Geld floß aus dem Land und in hohem Maße nach Rom. Wir haben an dieser Stelle bereits von der entstandenen Synonymität von Geld und Blut geschrieben. Der Spruch mancher deutscher Wortführer, wie des Dichters Ulrich von Hutten, daß "Deutschland ausblute", hat sehr direkt damit zusammenängende Ursachen.  Otto von Flake schreibt in seiner Biographie über Hutten, wie sich bei diesem solche Ansichten auffällaned  parallel mit persönlichen Schicksalen zeigen. 

Hutten hatte sich mit der "französischen Krankheit" angesteckt, der Syphillis. Diese war von zurückkehrenden Seeleuten aus Lateinamerika (der interessierte Leser findet in diesem Blog eine eingehende Geschichte und Wesensanalyse der Syphillis, er möge das Stichwort nachschlagen) über die Spanier nach Italien und Frankreich gelangt, und nachdem des letzteren Landes König Karl VIII. in halb Europa engagiert war, wurde sie tatsächlich maßgeblich von seinen Soldaten verbreitet. 

Jakob Fugger, der in enormem Ausmaß sozial tätig war - die Sozialstandards in seinen Unternehmen halten selbst heutigen Sozialstaats-Ansprüchen locker stand; Fugger baute in Augsburg sogar bis heute vorbildhafte Siedlungen, die "Fuggerei", die seinen Arbeitern und deren Familien würdige Lebensumstände bringen sollten - errichtete daraufhin (zusammen mit den Welsern, einem weiteren mächtigen Handelshaus) mitten im Augsburger Armenviertel eine eigene Heilstätte für (arme) Syphilliskranke, das "Holzhaus". In der das damalige Wundermittel dagegen (gewonnen aus dem brasilianischen Guayak-Baum) zur Anwendung kam. Hutten, der zum Außenseiter wegen der abstoßenden Symptome der Krankheit geworden war, deren Geschwüre ständig näßten und "schlechtes Blut" absonderten, nahm es in Anspruch, und erfuhr tatsächlich Linderung. Aber nur kurzfristig. Nach einigen Monaten kehrten die Symptome zurück. Huttten fühlte sich zutiefst persönlich gedemütigt.

Man weiß heute, warum das so ist. Und in dieser nunmehr tertiären Phase greift die Syphilis das Gehirn an. Man beobachtet dabei symptomatische Persönlichkeitsschädigungen - wie Gedächtnisverlust und damit zusammenhängend Größenwahn. Psychologisch gesehen höchst interessant. Denn hier zeigen sich interessante Verbindungen zum über die Lebensweise erlittenen Kontrollverlust über die Sexualität in der "sexuellen Befreiung" des 19. und 20. Jhds. und geistigen Erscheinungen (im Narzißmus). Der Leser möge das nicht als obskure Thesen ansehen, die Dinge hängen komplex aber direkt zusammen.

Huttens weitere Gang als Sozialreformer und "Kritiker des Kapitalismus" - er war mittlerweile zum Sprecher des niedergegangenen Landadels ausgewählt worden - für den er nun vor allem die Fugger (und die Kirche) schuldig machte, erfährt unter diesen Erfahrungen seine definitive Ausprägung. Als Hutten nach Rom reiste, war er dort sogar noch einmal auf die Fugger angewiesen, die ihm sogar noch den Zugang zum Papst ermöglichten.

Hutter begann die Fugger, das Synonym des Kapitalismus im frühen 16. Jhd., die massiv im Südamerikahandel mitmischten, immer mehr zu hassen, wurde in Italien zum glühenden Deutschnationalen. Und identifizierte die Fugger als Todfeinde Deutschlands, machte sie zusammen mit den römischen Päpsten zu Hauptverantwortlichen für die sozialen Erschütterungen, die zu der Zeit ganz Deutschland ergriffen hatten, und im konkreten Fall, der auch Hutten betraf, zu einem totalen Niedergang des "durch den Kapitalismus" verarmten Landadels führten. Und weil man die wirtschaftlichen, finanztechnischen Zusammenhänge, die für den Uneingeweihten damals (und heute anders?) wie Mysterien aussehen, nicht mehr durchschaute, wurde alles zu dunklen Machenschaften des Teufels erklärt.

Hutten wurde so zu einem der Motoren der Reformation in Deutschland. Denn der Einfluß seiner Sichtweisen auf Ökonomie und Politik auf Luther wurde beträchtlich. Weil Luther, der nicht nur die finanztechnischen Konstellationen der Zeit ebenfalls nicht mehr durchschaute, schlichtweg die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 200 Jahre zu einem Rückschritt ins finstere, dämonische Heidentum erklärte. Er zog sich in die Wolken zurück, und erklärte 1520 angesichts der für ihn unentwirrbaren Zusammenhänge menschlichen Lebens einerseits das Leben des Bauern (im Mittelalter) zum Ideal, während er anderseits meinte, daß der geistliche Prediger sich um alle diese Dinge ohnehin gar nicht zu kümmern habe. Er habe nur die Schrift zu verkünden, und im übrigen solle jeder nach seinem Gewissen handeln. Wenn jemand es damit vereinbaren kann, Zinsen zu verlangen, dann solle er halt. Natur und Gnade hatten für Luther sowieso keinen Zusammenhang mehr. Wirtschaftsrationalität und Moral waren endgültig zwei völlig verschiedene Dinge geworden, deren ersteres für das Heil des Menschen bedeutungslos weil sowieso durch die Ursünde Teil einer rettungslos gefallenen Welt war. Zu versuchen, die Wirtschaftswelt moralisch zu machen, war für ihn "verlorene Liebesmüh." Am besten, schrieb er, macht man deshalb alles in bar. Dann braucht man keinen Kredit. Denn getreu der Sichtweisen Huttens war alles Kaufmännische ohnehin des Teufels und an allem Schuld. Damit konnte sich eine Kirche gar nicht befassen, ohne wie der Papst zum Anti-Christen zu werden.

Damit war dem Kapitalismus aber endgültig Tür und Tor weit weit geöffnet. Denn alles war erlaubt. Ja, der totale Raub des Kirchenguts, der in Deutschland einsetzte, war für Luther sogar eine heilsnotwendige Tat.





*101116*

Dienstag, 27. Dezember 2016

Antriebe zur Reformation (1)

Es ist eine Tatsache, daß spätestens mit dem Borgia-Papst Alexander VI. die römische Kirche - und viele Diözesen taten es ihr nach - weit über ihre Verhältnisse lebten, nicht zuletzt durch die ehrgeizigsten Bauprojekte, wie schließlich sogar den Beginn des Baus eines neuen Petersdomes. Das forderte enorme Geldmittel, die immer mehr durch Kredite aufgebracht wurden. 1484 sah sich Papst Innocenz VIII. sogar gezwungen, die Tiara gegen 100.000 Dukaten zu verpfänden. 

Aber wo einmal Geld gegen Zinsen geliehen wird, setzt sich eine Dynamik in Gang, die nach immer mehr Geld schreit. Denn die Zinsen fressen den laufenden Ertrag auf, wenn sie sich nicht überhaupt zu Zinseszinsen akkumulieren und dann die Schuld (samt Geldbedarf) in progressivem Verlauf wächst. Meist wurde frisches Geld schon nur noch dafür gebraucht, um alte Kredite zurückzuzahlen. Was bei den Fürsten und Königen Europas längst üblich war (deren Bankrott regelmäßig auch zu Bankenzusammenbrüchen führte, wie bei den Medici) hielt auch in der Kirche Einzug.

Auch wenn die offzielle Kirchenlehre Zinsen für geliehenes Geld als Wucher schwer verurteilte, zahlten die Päpste sehr wohl Zinsen an ihre Kreditgeber. Und als solche kristallisierten sich mehr und mehr große Handelsunternehmen heraus, wie die Fugger in Augsburg, die bereits ein einträgliches Bankgeschäft in ganz Europa aufgezogen hatten. Zu deren Hauptkunden bald der Kaiser gehörte, was den Fuggers im Gegenzug zahlreiche Privilegien und Monopolstellungen einbrachte, sodaß auch die Macht des Handelshauses enorm anwuchs.

Schließlich kam man auf die Idee, Ablässe gegen Geldspenden anzubieten. An sich ist die Gabe von Geld ja durchaus ein gottgefälliges Opfer. Als Buße gesetzt, kann es deshalb ohne theologische Bedenken auch als Opfer für einen Ablaß gesehen werden. Die Katastrophe setzte sich aber mit dem Umstand in Bewegung, daß die Kirche die Abfuhr der Ablässe ebenfalls den Fuggern als Monopol überließ. Und die betrieben es unter Jakob Fugger mit ungeheurer Professionalität. Mit jenem ungeheurem Geschäftssinn, mit der dieser das einst kleine Augsburger Handelshaus zum größten Unternehmen der damaligen Welt ausgebaut hatte, dessen Gewinne ihn ins Bankgeschäft brachten, sodaß er binnen weniger Jahre zum reichsten Mann der Welt aufstieg. 

Auch die Fugger waren durch Textilproduktion und -handel (Leinen) groß geworden, so wie die vormals dominierenden europäischen Bankhäuser (darunter die Medici) aus Florenz (mit Wollstoffen). Jakob Fugger hatte im Gegensatz zu anderen Kaufleuten aber sogar den Mut besessen, ins Bergbaugewerbe mit Eigenrisiko einzusteigen, für deren (technisch enorm vorangetriebenen) Ausbau er das Risiko übernahm, und die er für feste Zahlungen an die Regierenden pachtete. Bald besaß er zahlreiche Monopole, wie das auf Silber oder Kupfer. Und bald konnte der mittlerweile völlig überschuldete Kaiser Maximilian keinen Schritt mehr machen, ohne zuvor die Fugger um Finanzierung zu fragen. Gerade zu einem Zeitpunkt wo im Südosten die Türkengefahr immer drängender wurde!

Auch den Ablaß betrieben die Fugger aber mit derselben (schwäbischen) Professionalität wie alle ihre übrigen Gewerbe. Und so entstand fast notwendig und überall der gegen seinen theologischen Sinn gerichtete Eindruck, daß der "Ablaßhandel" schlicht ein Geschäft war, in dem Sündenvergebung gegen Geld zu "kaufen" war. Die Sache wird weiter fatal zugespitzt, als die Mainzer Bischöfe schließlich begannen, den Ablaß im Gegenzug für Kredite an Jakob Fugger sogar zu verpfänden. Wobei für Jakob Fugger nichts Anstößiges dabei war. Der ganze Ablaßhandel war für ihn noch dazu ein Geschäft, das kaum die Kosten hereinspielte. Fromm wie er war, war ihm höchstens der schon weit verbreitete liturgische Wildwuchs und Mißbrauch ein schweres Ärgernis.

Nun gab es aber nicht nur Diözesen, die sich verschuldeten. Es gab auch Diözesen, wie Brixen, die sehr reich waren, und deren Jahreseinnahmen ihre Reichtümer ständig vermehrten. Diesen boten die Fugger, die sogar bereits die päpstlichen Finanzen verwalteten (wie es zuvor die Medici getan hatten), einen festen Zinssatz von 5 % bei Verwaltung dieser Gelder, was die Bischöfe gerne annahmen. Auch wenn die Fugger (wir andere Häuser) längst "Christliche Juden" genannt wurden. Aber damit durchwucherte aber der Wende vom 15. auf das 16. Jhd. die somit korrumpierte Kirche nach und nach die stille Bereitschaft, Zinsnahme moralisch neu zu bewerten. 

In Bologna kam es schließlich 1515 zum öffentlich anberaumten Disput über den Wucher. In dem die Position des schon zum Reichsfürsten geadelten Fugger vom deutschen Theologen Johannes Eck vertreten wurde, dem enge Verbindungen zum Handelshaus nachzusagen sind. Man kann das durchaus auch aus einem gewissen inneren Konflit Jakob Fuggers heraus verstehen, denn der war einerseits zwar ein ungemein geviefter Geschäftsmann, aber auch ein tieffrommer Katholik und litt schwer unter Gewissenskonflikten. Auch er wollte Klarheit. 

Der Disput aber nahm einen folgenschweren Verlauf, der die innere Schwäche der Kirche schon anzeigt. Die mit den rasanten Entwicklungen des Wirtschaftslebens nicht mehr mitgehalten hatte. Denn eine Wirtschaftstheorie, eine Wirtschaftswissenschaft gab es nicht. Nach wie vor wurde Zins und Wucher als eine reine Angelegenheit der Moralphilosophie angesehen. Unter Ecks fulminantem Vortrag über die Komplexität und Mechanismen der modernen Wirtschaft (wie er sie bei den Fuggern kannte) wurde erstmals Zinsnahme für zukünftiges Risiko als "gerecht" angesehen. 5 % Zinsen, war der Befund, war moralisch in jedem Fall gerechtfertigt. Damit war dem Wucher Tür und Tor geöffnet. Papst Leo X. sah das alles ohnehin nur als einen unbedeutenden "Streit unter Mönchen". Die bereits tief in Geldgeschäfte verwickelte, damit durch Schuld paralysierte Kirche hatte genug damit zu tun, sich finanziell über Wasser zu halten und war über die Findigkeit ihrer Finanziers nicht unglücklich.



Morgen Teil 2) Antikapitalismus als Motiv der Reformation





*101116*