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Donnerstag, 29. Mai 2008

Ein normaler Maientag

Warten sie, hier habe ich irgendwo noch einen Euro, suchte ich in meiner Brieftasche. Danke, sagte der Antiquar, es paßt schon. Aber wir haben gesagt: elf. Es paßt schon. Er suchte eine Papiertasche, schob mein Buch hinein. Im Hinausgehen sah ich ein Buch, das M noch nicht kannte, eines der schönsten, berührendsten, die ich kenne. Es kostete einen Euro. Ich gab dem Mann die Münze, die ich noch in der Hand hielt.

Am Bahnhofsvorplatz bestellte ich wie so oft schon zuvor ein Paar Würstel. Mein Nachbar zahlte. Danke, sagte er, paßt schon. Der Verkäufer kramte dennoch weiter in seiner Lade, holte eine zwei Euro-Münze, streckte sie in Richtung des Kunden. Es paßt schon, meinte der, wieder, sie können aufrunden. Aber es machte nur drei, sie haben mir einen Fünfer gegeben, sie haben sich geirrt. Ah! Richtig! Danke!

In der Bäckerei nebenan lockte eine Aktion, ich war noch nicht satt, immerhin war es meine erste Mahlzeit am Tage, und es war schon fünf. Ein Apfelstrudel, riesig, um 1,30 Euro. Ich betrat den Laden. Einpacken? Nein, ich esse es gleich hier. Gerade wollte ich hineinbeißen, da kam sie mit einem Teller und einem Sieb, und streute Puderzucker darüber. Schmeckt besser, sagte sie.
In dem Moment betrat der Kebap-Brater vom neben der Bäckerei befindlichen Stand das Geschäft, und stellte einen großen Teller dekorierten Kebaps auf die Theke. Bitte, sagte er. Oh, soviel, sagte sie. Was macht das? Drei. Aber das ist ja viel mehr, das ist ja ... Paßt schon, sagte der Mann, wir sind ja Nachbarn.

In der Buchhandlung, die ich gerade noch vor Ladenschluß erreichte, bat ich das Mädchen an der Kassa, nachzusehen, ob mein bestelltes Buch schon da sei. Ja, es sei schon da. Sie wirkte völlig am Ende mit den Kräften, bemühte sich aber sichtlich, freundlich zu bleiben. Ich machte einen Scherz, das war leicht, wegen der vielen Kunden, die im Geschäft standen. Da lachte sie. Ihr Gesicht entspannte sich. Es sei heute ein so dichter Tag, aber er sei bald vorbei.

Zu Hause meinte M, was denn los gewesen sei, ich wirkte so fröhlich, während sie den Tisch überreich deckte. Das Ei kommt gleich!

Nichts, meinte ich, und setzte mich. Nur ein ganz normaler, sonniger Maientag.



*290508*

Bodensatz der Verdrängungen

Vielleicht vergißt man manchmal, daß das sechste Gebot nur das sechste ist - nicht das erste. Marshall schreibt in "alle Herrlichkeit ist innerlich" sehr treffend, daß das Christentum nicht auf den Bodensatz unterdrückter Verdrängungen reduziert wird.

Dazu läßt er die Figur des Pater Smith - eine seiner zahlreichen wunderschön gezeichneten Priesterfiguren (Bruce Marshall wollte lange Zeit selbst Priester werden ...) - beklagen, daß es eine der verdammenswertesten Verheerungen des Protestantismus sei, die Welt glauben zu machen, daß der Glaube mit dem Verhalten zu tun, daß ein Sünder plötzlich kein Anrecht auf Religion mehr habe.

Wo doch die sakramentale Struktur des Katholizismus die Hoffnung genau auf das Gegenteil ausdrücke und sei: auf die Gnade TROTZ der Sünde, inmitten ihr, als Medizin, die zur Gesundung beitrage - nicht die Gesundung abwarte. Oder flüchtig sei wie das eigene Innenleben.



*290508*

Ironie ist christlich

Ironie ist eine wahrhaft christliche Haltung - sie ist die Antwort auf die Bergpredigt: wenn Dich jemand zwingen will, einen Schritt mit ihm zu machen, geh den ganzen Weg mit. Sie braucht die völlige Sicherheit, daß es nicht simple historische Worte sind, die die Welt tragen, sondern daß die Welt auf Gottes Getriebe aufruht, auf dem Getriebe des Seins, und daß der Schein zum Spiel der Welt dazugehört, nicht mehr: daß man ihn aber nicht fürchten muß. Sie lebt wesentlich aus der Hoffnung auf eine letzthinnige Gerechtigkeit, die historische Faktizität weit übertrifft und eines Tages einzig ausschlaggebend wird.

Aus dieser Furchtlosigkeit, aus diesem Wissen, daß diese Welt vergänglich und kein Wunschkonzert, kein Paradies (weil: noch nicht am Ziel) ist, daß das Kreuz zu ihr untrennbar dazugehört, entsteht die Freigemutheit, der Welt ihren Lauf, dem Narren sein Spiel zu lassen.

Hat die Ironie diese Sicherheit nicht, wird sie entweder Zynismus (der fehlend moniert, was man selbst vorenthält) oder bitterer Sarkasmus - als einer verzweifelten Wahrheit.



 *290508*

Donnerstag, 22. Mai 2008

Der Kunde biedert sich dem Lieferanten an

Was man meist völlig außer acht läßt ist der Umstand, daß sich das Publikum zum Theater und noch mehr zu den Proponenten als Figuren "verhält", was sich im Verhalten deren Werk gegenüber ausdrückt.

Das mag simpel klingen, bis zu dem Punkt wo man gewahr wird, daß in Zeiten der Hollywoodisierung des Erlebens das Publikum sich dem Theater (etc.) bzw. der Sphäre der Kunst und Öffentlichkeit (heute untrennbar ...) ANBIEDERT. Es möchte teilhaben an diesem Leben, diesen Menschen, diesem Lebensfluidum, das für eben dieses Publikum fast ausschließlich aus von den Medien gelieferter Möblage besteht.

Eigentlich grotesk, weil sämtliche vorformulierte Floskeln - zumal in einer Welt des Kapitalismus und des Konsumentenrechts ganz andere Mechanismen suggeriert werden. Aber dies ist Teil dieses Spieles - alle glauben zu machen, es sei so. Und der Beifall des Publikums sei die Reaktion von bedient werdenden Kunden.

Nachgerade umgekehrt nämlich sitzen nur wenige Kunden in den Stühlen der Theater. Deren Beifall Kauf oder Nichtkauf bedeutet, weil sie erst NACH dem Geschehen entscheiden, ob sie die Aussage kaufen. Während die meisten Theaterbesucher schon längst die Ware besitzen, sobald sie das Geld an der Kassa hinterlegt haben, weil das was sie gekauft haben durch Konvention längst geregelt ist.

Sie meinen, ich spräche hier vom bürgerlichen Publikum, wie es gemeiniglich bezeichnet wird, meist mit abfälligem Beiton? Weit gefehlt! Dieses Publikum weiß ja meist, daß sein Theaterbesuch Teil einer Lebenseinrichtung ist, und es ist auf diesem Ruhekissen sogar auch einmal bereit, sich aufbrechen zu lassen.

Das heute bei weitem konventionellste Publikum, die bei weitem konventionellste Szene ist genau jene Szene, die von sich am lautstärksten behauptet, Neues, Avantgarde und aktuelle Kunst zu liefern. Die stärkste und längst alles zu Tode lähmende Konvention des Kunstbetriebes ist die Konvention des Brechens aller Konventionen, weil es zum Selbstzweck, zum Marketingziel geworden ist, anstatt überrascht zur Kenntnis genommene immanente Wirkung der Konzentration auf eine Aussage im Gelingen einer Sache. Dieser ist der Großteil des Publikums längst beigetreten.

Umso eifriger bastelt die Kunstszene an der Unsinkbarkeit ihres Schiffes - das doch längst leckt. Und hat längst "sich" als Ware der Kunst etabliert - anstatt ihr Werk.



*220508*

Biographiemaschinen

Erdrückt von pausenlosen Vorführungen von aus Verkaufsgründen auf Aussagbares "geprüfte" Archetypen, fixiert auf eine Biographie mit medientauglichen Alleinstellungsmerkmalen gestalteter Bilder, meinen viele Menschen, zu leben hieße ebenfalls, eine Biographie zu erzeugen, die sich nach bekannten Drehbuchkriterien entwickle.

Zugleich übernehmen sie gezwungenermaßen die Rolle des Kameramannes und des Regisseurs, des gesamten Filmteams - und überprüfen als Produzenten laufend, ob das Ergebnis mit den Anforderungen übereinstimmt: den Wirkungen, die die Leben der Vorbilder (angeblich!) hervorrufen.

Eine Berlinger Wahrsagerin hat mir einmal in einem Gespräch erzählt, daß es für Sie oft sehr schwer ist, Kundenzufriedenheit zu erzielen, weil sie mit enormen Erwartungen der Menschen konfrontiert ist. Ausnahmslos jeder ihrer Kunden erwarte sich von ihr Schilderungen von (zukünftigen) Geschehen und Ereignissen, die hollywoodtauglichen Maßstäben gerecht würden.

In Wirklichkeit aber sei das Leben nahezu aller Menschen völlig "normal" und den Erwartungsmaßstäben an Bedeutung und Wirkung gegenüber ereignislos, bzw. spiele sich das Leben fast aller Menschen zwischen sehr engen Polen ab. Damit aber würden sich genau ihre Kunden niemals zufriedengeben.

Aber die Menschen werfen ihr Leben lieber weg, als sich dem Wagnis auszuliefern, daß es ist, was es ist, und unter Umständen nicht Oscardimension hat oder überhaupt bekannten Kriterien nach Lorbeeren einheimst. Die Scham, die der heutige Mensch dabei empfindet, denkt er daran, alle Potemkin'schen Dörfer aufzugeben, zeugt davon, daß es immer weniger Menschen gibt, die ihr Leben kraftvoll leben, sondern die stattdessen Biographien für Fernsehanstalten und Video-Verleihe schaffen wollen.

Weshalb jene Geschäftszweige - noch mehr aber zwischenmenschliche Verhaltensweisen - boomen, die es ermöglichen, die Fassadenkonstrukte von Biographien aufrechtzuhalten. Die das Leben so wunderbar beherrschbar und fehlerlos machen.

Es ist kein Zufall, daß die frühen 1970er-Jahre einen bemerkenswerten Zuwachs einer ganz neuen "Menschlichkeit" brachten. Plötzlich gab es neue Kriterien, die das Maß an Wohlverhalten bestimmten: nämlich wieweit jemand bereit war, der Phantasie des anderen, was denn etwas sei, beizutreten. Gut war, was jedermann dazu erklärte - sympathisch, wer ihn egal worin bestätigte.

Was für eine Heuchelei zog da unter der Mogelverpackung, der früheren Heuchelei ein Ende zu bereiten, ein. Wo man sich wechselseitig interessante Biographien vorlog.





*220508*

Montag, 19. Mai 2008

Nie als Dichter gefühlt

"Ich habe mich nie als Dichter gefühlt. Ich bin nur einer, der manchmal Menschliches auszusagen hat und sich dazu jenes Instruments bedient, das er verhältnismäßig am besten beherrscht. Dieses Menschliche gewinnt mir die Menschen; den Literaten, die seiner entraten und auch wieder nur bei Literaten zeitungspapierene Lorbeeren pflücken können, bin ich natürlich odiös. Das muß so sein, das kann gar nicht anders sein."

Anton Wildgans, Brief an Graf Kálnoky; über die Ablehnung, die er regelmäßig in der Fachpresse - im Gegensatz zum Publikum - erfuhr



*190508*

Samstag, 17. Mai 2008

Krocha-ABC

Ein aktuelles ABC der Jugend-Subkultur "Krocha" - Danke, Lederkurt!

Hier die Top 22 der Jugendsprache 2008:


A) Achselmoped - Deoroller (m)

B) Bildungsschuppen - Schule (m)

C) Clerasil-Testgelände - Gesicht mit vielen Pickeln (nt)

D) dönern - eine Blähung haben (vi)

E) Ellies - Eltern (pl)

F) Fünf-Finger-Rabatt - Diebstahl (m)

G) Gedankenmanifestator - Stift (m)

H) Hummeltitten - Gänsehaut (w)

I) Intelligenzallergiker - Dummkopf (m)

J) juckig - Verlangen nach Geschlechtsverkehr haben (adj)

K) Kopfgärtner - Frisör (m)

L) Lungenbrötchen - Zigarette (nt)

M) Murmelschuppen - Kirche (m)

N) Nougatfalte - Poritze (w)

O) one pack - Bierbauch (nt)

P) polen - 1. klauen, stehlen / 2. abschreiben (vi)

R) Rentner-Bravo - Apothekenumschau (w)

S) Speichelhockey - Zungenkuss (nt)

T) Taschendrachen - Feuerzeug (m)

U) uniformierter Bewegungsmelder - Verkehrspolizist (m)

V) vorbeischnicken - vorbeikommen (vi)

W) würsteln - Stuhlgang (vi)

Z) Zeckentaxi - Katze (nt)





*170508*

Wechsel der Bedeutung von Kunst

Jede Zeit, jeder Moment im Voranschreiten der Dauer des Weltseins und menschlichen Lebens, schafft durch den Bruch im Erkennen - der eine urteilende, rationale, vernünftige Stellung zum Wahrgenommenen verlangt - und der daraus folgenden (nur im Wunder behebbaren) Ungleichzeitigkeit des Ereignisses und Ereignishaften und dem menschlichen Reagieren einen Bereich des Dämonischen. Weil der Mensch somit immer in zwei Bereichen steckt - dem Nachdenkenden, Verarbeitenden, und dem zugleich schon alleine durch sein Dasein weiter Handelnden.

Die Kunst nun hebt diesen irrationalen, damit Dämonischen Bereich, durch ihre ordnende Aufgabe, in der sie beurteilt, WAS als "meta-Geschehen" da passiert, welcher übergreifenden, dauernden Idee etwas zuzuordnen ist. Sie stiftet damit Sinn, macht zum Handeln fähig.

Diese Aufgabe hat heute scheinbar die Wissenschaft übernommen - in der De- und Entmythologisierung der Aufklärung wurde der (an sich bereits wieder irrationale) Glaube an die Wißbarkeit allen Geschehens, an dessen streng kausale und der Vernunft zugängige Weltenapparat, ja der Glaube eben an einen solchen Apparat, an einen solchen Mechanismus, dessen Irrationales also nur in einem Mangel an Kenntnis der Gesetze begründet liegt.

Damit hat sie die Kunst eigentlich defunktionalisiert, ihrer Aufgabe enthoben. Während sich heute die Kunst bzw. der Bereich, der sich als solcher definiert, gerade in ihrer Avantgarde ihre Aufgabe im SCHAFFEN von Dämonien sieht! Damit wurde sogar Avantgarde im Bemühen, Neues zu schaffen, im Glauben vor allem, das zu können, zum eigentlichen Wesen von Kunst. Es ist eine (vorläufige) Antwort auf die durch die Aufklärung entstandene Sinnlücke, wofür denn Kunst überhaupt da sei.

Seither währt dieser Streit, und in seinen Antworten spiegelt sich genau das: Was von einer Zivilisation als Entdämonisierung betrachtet wird. Und weil im Fühlen ein Mangel begriffen wird, den das Denken nicht einfach wegdiskutieren kann, schafft die heutige Kunst ihre Surrogate, ihre Ersatzstoffe - und sie tut es eben und mangels tragfähiger Mythen und vor allem mangels einer Metaphysik in dieser Dämonisierung der Welt.

Damit aber hat sie ihre Funktion dramatisch verändert - ist von der Aussage zur Konsumware und Lebensbehübschung verkommen, die den irrationalen Bereich als vermeintlich die Lebensfülle steigernden erst schafft (nicht vorfindet oder interpretiert) und im Werk oder gar nur im zur psychischen Haltung versteinerten Gedanken in das Leben hineinträgt.

Das war die Kernauseinandersetzung (nicht zufällig in der denkfernsten, weil unmittelbar-gestalthaft zu bleibenden Kunst - die ebenfalls nicht zufällig heute nur noch von "Interpretationen" lebt, weil aus dem Werk selbst unerkennbar ist, darum auch die Auseinandersetzung um die Wirkung von Kunst, bis zum Eventhaften ... - als erstes aufgetaucht, in der bildnerischen Kunst), die sich bald als Folge der "Aufklärung" (die selber bereits Symptom war) bemerkbar machte: und die damit berechtigte Frage stellte, ob nicht ein Gegenstand, ja jeder Gegenstand des täglichen Gebrauchs, und damit "alles" zum Kunstwerk würde, insofern man es lediglich in diese "Sphäre", in diesen Deutungshimmel hineinhob - so daß Kultur das war, was bereit war, diesen "künstlichen" (im wahrsten Sinne) Himmel einfach am Leben zu halten!

Sämtliche Auseinandersetzungen um und innerhalb der Kunst bewegen sich eigentlich innerhalb dieser Themenbereiche und innerhalb damit zusammenhängender Auffassungsunterschiede! Schon aus dieser kurzen Darstellung wird auch klar, wie Weltanschauung, Philosophie, Charakter, Persönlichkeit und Kunstbegriff wie Kunstwerk auf verschiedensten Ebenen ineinandergreifen.




*170508*

Wann ist Krötenzug Krötenzug?

(Titelverlinkung: Bericht in der Wiener Zeitung)

Sind wir Menschen blind? Dumm? Im Nachhinein ist man immer gescheiter, sagt man. So einfach aber ist es eben nicht. Vorerst der Bericht über die Vorkommnisse:

Tage vor dem schweren Erdbeben vor ein paar Tagen in China, das zehntausende Tote und Zerstörung über die Großstadt Mianyang und die Region brachte, waren hunderttausende Kröten aus ihren Erdlöchern gekrochen und hatten die Stadt verlassen! Warum dieses Warnzeichen von den Behörden (zur Einleitung von Evakuierungsmaßnahmen) nicht ernst genommen wurde lag vermutlich nur daran, daß es nicht gemeldet worden war. So wie 1976 in Tangshan, wo es 650.000 Tote gegeben hatte.

Denn in China nimmt man solche Vorzeichen ernst: Im Februar 1975 in Haicheng hatte man auf das ungewöhnliche Verhalten von Tieren reagiert und die Stadt rechtzeitig evakuiert: Zwanzig Stunden vor dem Beben war aufgefallen, daß die Schlangen ihre Erdlöcher und die Stadt verließen.

Nicht ernstgenommen aber hatte man 2004 in Thailand die Beobachtung, daß Elefanten und zahlreiche andere Tierarten die Küstenregionen verlassen und ins Landesinnere gezogen waren - lange schon, bevor man an den Küsten das Beben registrierte.

Ebenfalls nicht ernstgenommen worden war am 6. Mai 1976 in Friaul, daß Mäuse und Ratten ihre Erdlöcher verließen und die Tiere in den Ställen panisch wurden. Gleiches hatte man nach dem Bericht des Plinius im Jahre 76 in Pompeji Stunden vor dem Ausbruch des Vesuv beobachtet, aber nicht ernst genommen.

Nicht ernst genommen? Das war es ja wohl vermutlich nicht. Vielmehr zeigt sich, daß alles Unbekannte, Ungewöhnliche, Fremde mit Staunen betrachtet wird, das keine Interpretation erst aus sich heraus findet. Es braucht eben immer den Interpretationshorizont (hier: ein Bild aus der Erfahrung), der ein (immer blindes) Datum zu einem Faktum macht, ja der erst klar macht, welches Datum zu welchem Faktum gehört und deshalb zu beachten ist.

Die Wahrnehmung über die Sinne selbst ist immer blind, interpretationsloses "Geräusch" - ein ganz klares Argument gegen den Unfug, Teleonomie für die Natur anzunehmen. Es ist das genuin Menschliche (oder: Artspezifische), das über die Benennung (über die Erfahrung im Ressentiment, im "festgelegten Bezug", ja direkt könnte man sagen: kulturell Kategorisierte) das nie definierbare Sinnesreizungsgestöber zu Gestalten gliedert.

Kultur ist eben die apriorische Definition der Natur, die Institutionalisierung und damit A-Priorisierung (Voraus-Setzung) von Beziehungen. Das Maß der Wahrheit einer Kultur, ja überhaupt also der Kultur (und nicht: Unkultur) ergibt sich aus der Wahrhaftigkeit ihrer Basis, ihrer Weltsicht! Es sind somit immer die Religionen und Mythen, die ersten, grundlegendsten Sichten der Welt, die eine Kultur definieren und begründen, weil möglich machen!





*170508*

Die Epoche der Muttersöhnchen

In zahlreichen weiteren Beiträgen im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen und kirchlichen Fragestellungen habe ich das ausgearbeitet, was längst an der Zeit wäre, als Generalthese und Überschrift herauszustreichen:

Ausgehend von der ethisch-politischen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, einbeziehend die ganz realen Folgen des Fehlens des Männlichen, kamen in der Nachkriegsgeneration Menschen an die Schalthebel, die die Erosionseffekte der Demokratie (ohne temporäre Korrekturen steuert sie fast zwangsläufig in die Ochlokratie, die Herrschaft der Schlechten) nützend bzw. in diesen hochgespült eine

"Epoche der Muttersöhnchen"

besiegelte.

Sie ist gekennzeichnet von allen Charakterschwächen und -voraussetzungen sowie Persönlichkeits- und damit Gedankenschwächen, die man früher als "Muttersöhnchen" treffend bezeichnete. Mit dem Effekt, daß es den Edlen verlitten ist, mit denselben Waffen zu kämpfen, die über die Schaffung und Änderung der Spielregeln Machtpositionen bewirken.

Denn das Wesen unserer Gesellschaftsordnung ist, daß die Macht zugleich auch die Spielregeln festsetzt, mit denen sie erreicht werden kann.

Unter diesem scheinbar so einfachen, aber so leicht verifizierbaren Generalgesichtspunkt erklärt sich so gut wie alles, was seither in Kirche und Staat passiert und passiert ist.





*170508*

Freitag, 16. Mai 2008

Zerrüttung und Schaffenskraft


Wildgans schreibt in seinen Briefen immer wieder davon, wie schwer es plötzlich geworden sei, sich materielles Überleben zu sichern. Vor dem Ersten Weltkrieg sei es sogar relativ leicht gewesen, als Künstler zu überleben, insoweit, als eine bescheidene Existenz rasch möglich gewesen war.

Das habe sich in den revolutionären und sittlich-kulturellen Umbrüchen nach der Katastrophe 1914-18 gründlich geändert. Nicht nur, weil das, was zuvor gedacht und gefühlt wurde, plötzlich unaktuell war. Man hat aus den Briefen den Eindruck eines plötzlich wirksam gewordenen Undefinierbaren, Irrationalen, aus dem Lot Gekommenen, Unwägbaren des Lebens.

Die relative Ruhe, ja Einfachheit der vorkrieglichen Lebensführung (Wildgans stammte keineswegs aus begüterten Verhältnissen, im Gegenteil - dazu sein Stück "Armut") war einer hektischen, unberechenbaren Unsicherheit gewichen.

Deren Sorgen ihm jede Arbeitsruhe nahmen.

Wildgans konnte unter dräuenden Existenzsorgen nicht arbeiten. Schon gar nicht ob seiner Verpflichtungen. Er hatte zwei Kinder. Aus vielen seiner Äußerungen ist abzuleiten, daß sich Tätigkeiten zum Broterwerb und Erfüllung seines Auftrages als Dichter auseinander entwickelt hätten.

Es wird ihm nicht alleine so gegangen sein. Und er schreibt auch davon, daß allgemein schöpferische Unfruchtbarkeit herrsche.

WIEWOHL er immer wieder betont, daß die Frage der schöpferischen Potenz KEINE Frage der hungrigen Mägen sei, die es erst zu füllen gäbe. Dies würde keine künstlerische Blüte bringen. Sein Verstehen von Sittlichkeit als Grundlage der künstlerischen Potenz sei anderer Art: das des geistigen Klimas, in dem die Menschen zu leben hätten. Aus diesem heraus ließe sich - so Wildgans - auch jede Schwierigkeit bewältigen, nur aus diesem heraus gäbe es Durchhaltekraft und Schaffenswillen.

Wildgans beklagte, daß er den Willen nicht mehr hätte, "diesem" veränderten Land, diesen veränderten, zerrütteten Menschen etwas zu sagen.

DAS hätte sich so dramatisch geändert.

Ähnliches berichtet übrigens Hugo von Hofmannsthal. Und die Zwischenkriegszeit war in Österreich keine Zeit blühenden literarischen Lebens. Sie war umso mehr aber eine Zeit der Konzepte, Theorien und Philosophien, in die hinein sich die (nach den Worten von Wildgans) einstige kulturelle Gipfelhöhe Österreichs ergoß.





*160508*

Weitblick bis ins Heute


Anton Wildgans kritisiert bereits 1921, nach eineinhalb Jahren unglücklich verlaufener Burgtheaterdirektion, die Tendenz des Theaters, um des Effektes willen jedes Prinzip zu verraten. Im Besonderen riskiert er ein Zerwürfnis mit Max Reinhardt, obwohl dieser scheinbar so großmütig zur "Rettung des Burgtheaters" zu sehr günstigen Bedingungen dort zu arbeiten - mitsamt vielen "seiner" Schauspieler.

Wildgans verwahrt sich, unter dem Motto "Entwicklungshilfe" in Wahrheit das Burgtheater als Stätte hoher Kunst zu entleeren und zur Tourneebühne zu degradieren. Gerade im Sinne des zerstörten Landes brauche es eine Stätte wahrer und österreichisch-deutscher Kunst, um das Land geistig-sittlich an hoher Kunst wieder aufzurichten.

Viel zu sehr sei das Theater - namentlich in Berlin (M. Reinhardt) - zur Stätte niedriger Gelüste des Publikums geworden. Die Bühnen selbst seien zu Orten geworden, wo sich Regisseure der Eitelkeit hingeben könnten, unter denen die Schauspielkunst, die sich nur dem Geiste des Dichters verpflichtet zu sein wissen müsse, zur reinen Marionettentätigkeit zerfalle.

Dabei sei ohnehin der Zustand der (darstellenden) Kunst mangels sittlich-geistiger Bildung der Schauspieler in erbarmenswertem Zustande. Wildgans schlägt deshalb 1923 der "Wiener Akademie für Musik und darstellenden Künste" in einem langen Konzept vor, einen Lehrstuhl einzurichten, der genau diesen Schwachpunkt zum Inhalt habe:

Die Schauspieler würden die Stücke und die Rollen nicht mehr verstehen, weil es ihnen an Verständnis für die Probleme und Problematiken der Dichter fehle, die diese in ihre Stücke und Figuren packten. Erst wenn die geistige Problematik der Dichter verstanden sei - die sich in den Stücken ja je nur anders darstelle - sei auch die Gewährleistung gegeben, daß die Schauspieler ihre Rollen gut spielen könnten, weil sie sie verstünden. Schauspiel sei kein technischer Schnickschnack (sinngemäß), sondern als Kunst wie jede Kunst eine Angelegenheit sittlich-geistiger Reife.

Was hat sich bis heute an der Dringlichkeit dieser Forderungen geändert? Die beschreiben, woran das Theater erstickt, vorderhand ins Koma gefallen ist.





*160508*

Gewalt ist am Rand aller Dinge

Man braucht gewisse Zeit um zu begreifen. Und um den Mut zu finden, sich zu jener Gewalt zu bekennen, die auszuüben vom Wahrnehmen von Verantwortung niemals zu trennen ist. Undifferenziert wurde in den letzten Jahrzehnten Gewalt verurteilt. Indem man von einem von allen zweifelsfrei als wünschenswert deklarierten Zustand der Gewaltfreiheit ausging.

Doch damit macht man eine Utopie (bis hin zum Fatalismus) zum Maßstab der Moral, die auch Handlungen einschließt, die Dinge betreffen, die eben durch die zum Gebrechen, zum Versagen, zur Schwäche, zur Schuld einer Vollendung von Natürlichem als Gesollten disponierte Verfaßtheit des Menschen (Erbsünde) geschützt werden müssen.

Gewalt als Autorisierung ist wesentlicher Bestandteil von Verantwortung einer Sache, einem Ding gegenüber. Damit ist Gewalt Bestandteil von Eigentum, das sonst solches eben nicht ist.

Man vergißt allzu leicht, daß die heutigen Diskussionen um Gewaltfreiheit keineswegs Gewaltfreiheit meinen, sondern subtile, umso niederträchtigere politische Maßnahmen sind, die nur ein Ziel haben: bestimmte, politisch als Gegner auftretende Formen von Gewalt auszuschalten, um anderen Gewaltträgern freien Raum zu lassen.

Dabei soll hier keineswegs von "Gandhi-Phänomenen" die Rede sein, denen ja auch nur grotesk unreflektierte Geister Gewaltfreiheit unterschieben - Gandhi machte nur aus der Not eine Tugend und fand nur andere Formen politischer Gewalt - denn Politik ist immer eine Frage der Gewalt: die KERNFRAGE DER DEMOKRATIE, die sich lediglich um die Regelung der Gewaltverhältnisse dreht, deren Qualität sogar daran bemessen wird, welche Mechanismen sie hat, um diese Gewalt je neu zu verteilen, um damit Mißbrauch vorzubeugen.

Vielmehr soll die Rede von ideologiebestimmter Politik sein, die immer dann schlagend wird, wenn es um die Frage der öffentlichen Moral geht. Denn hier geht es immer nur um männliche Gewalt, um Gewalt der Väter, wenn von Gewaltfreiheit in der Familie gesprochen wird - nie um die Macht und Gewalt der Frau, die sie über die Seelen (als ihre Domäne) haben und ausüben. Selbstverständlich hat diese Gewalt eine bestimmte Form - doch das hat sie auch, wenn sie durch Frauen (und in denselben Fällen) ausgeübt wird.

(Und wie das der Fall ist, beweist eine Anekdote: Beim bundesdeutschen Literaturwettbewerb "Macht und Frau" vor zehn Jahren befand die Jury mit Bedauern, daß die eingesandten Beiträge nicht "auf der Höhe der feministischen Diskussion" seien. Sondern fast ausschließlich Frauen zeichneten, die als Gewaltausübende traumatische Spuren in den dargestellten Figuren hinterlassen hatten.)

Ein nicht unweiser Spruch, der vor Jahren Plakate in Wien (in ganz anderem Zusammenhang) zierte, lautete: "Gewalt ist der Rand aller Dinge." Keine politische Kraft verzichtet also in Wahrheit auf Gewalt! Sie möchte ihre Ausübung und ihre Form nur für sich monopolisieren und legalisieren, partizipieren, und: ihre Hinterfragung verhindern.

Bereits angesprochen, aber noch ausgeführt, sei der eigentliche Hintergrund, worauf sich die Forderung nach Gewaltfreiheit (bis hin zur Bergpredigt als ethische Forderung höherer Art zu finden) bezieht. Sie ist ohne den Begriff von "Wahrheit" nicht denkbar, und bezieht sich auf das Sein selbst, dessen Maß an Entelechie - an Gestaltwerdung also - in seinem Wesen, seiner "Natur" begründet liegt. Jede Gewalt, die eine Naturwidrigkeit an einer Sache will, ist somit tatsächlich abzulehnen. Sie ist ein Schlag ins Gesicht des Schöpfers, und KANN gar keine positiven Auswirkungen haben, weil sie eine Gestalt sucht, die keinen Anteil am Sein hätte - also den Schein sucht. (Was die "natürliche" Neigung der Phantasten, Utopisten und Wirklichkeitsverweigerer oder -gescheiterten zur Gewalt erklärt: Gar nicht selten sind jene, die am lautesten Frieden fordern, am gewalttätigsten bzw. -bereitesten.) Diese Form der Gewaltverweigerung ist ethisch damit sogar gefordert. Auch wenn das Maß der Gewalt im komplexen sozialen und verantwortungsgeprägten Geflecht nicht immer leicht zu finden ist.

Wo immer also jemand sich bemüht, verantwortlich zu agieren, indem er versucht, eine Sache im Bestand zu halten wie zu schaffen, braucht er zumindest auch den Mut zur rechten Gewalt. Gewalt ist somit eine Frage einer richtig und durch die Wahrheit der Dinge definierten Verantwortung, und ihre Grenzen (das betrifft auch die Diskussion um die Monopolisierung der Gewalt durch den Staat, die sich ebenfalls am Zueinander von Individuum und Staat bemessen muß, nicht pauschal beantwortbar sein darf, sonst schafft man Totalitarismus) ziehen sich genau dort.

Sonst tritt ein, was Anton Wildgans angesichts des Ausgangs des Ersten Weltkrieges in einem seiner Briefe meinte: "Wer den Mut nicht hat, Gewalt auszuüben, fällt ihr zum Opfer."




*160508*

Donnerstag, 15. Mai 2008

Epigonentod


Wildgans litt unsäglich und zeitlebens unter Verdächtigungen, Epigone zu sein. Erst warf man ihm vor, Rilke zu imitieren, dann wiederum mit seinen religiösen Stoffen einer Mode hinterherzulaufen.

Er fand sich in der einzigen möglichen Position: sich nur der Wahrheit verpflichtet zu sehen, unabhängiger vom Urteil der anderen zu werden.

Auch im versuchten Beweis der Rechtschaffenheit des eigenen Denkens, das lieber andere zitiert als das Risiko einzugehen, den Schmerz der eigenen Autoritätslosigkeit - denn das ist die Unterstellung, ein Epigone zu sein - zu erleiden. Mehr, als es reines Gebot der Klugheit wäre.

So hebt sich die Frage, ob das Schaffen von Figuren nicht genau das ist ... weil Kunst ein mögliches Leben zum Wirklichen macht. Dessen Wahrheitsgehalt sub species aeternitatem eine Frage der Tugend - nicht des bewußten Wollens ist.

Lebensangst also? Eifersucht auf die Figur, der man erst bereitwillig sich selbst abtrat, um dann festzustellen, daß man selbst nicht existiert, Epigone der eigenen Behauptung geworden ist? (Das Thema meines Stücks "Der Poppenspeeler)

(Etwas zum Schmunzeln: Bei den Proben zu meinem Stück "Paradas" kam von einem Dritten, der zusah, die kritische, gewiß gutgemeinte, umso bemerkenswertere Rückmeldung, daß die Handpuppe Paradas schon sehr lebendig sei, ja man sie als wirkliche lebendige Figur wahrnehme - aber ich sollte doch noch mehr an mir arbeiten ...)




*150508*

Dogmatisches Frausein

In einem Brief an Hugo von Hofmannsthal verwendet Anton Wildgans eine Formulierung, die damals lediglich eine Feststellung über die Natur war, der aber heute durchwegs der Verdacht der Ideologisierung anhaftet. Zu der sie sogar werden kann, im übrigen - als Rückzugs- und Rekonstruktionsbasis eines verständnislos kopfschüttelnd gewordenen Mannseins.

Wildgans schreibt, daß im eigentlichen Sinn nur der Mann ein Kind "wollen" kann. Die Frau kann nur zustimmen, hinnehmen, empfangen. Indem er diese simple Tatsache feststellt, am Worte hält, zeigt er aber auch ihre metaphysische Dimension.

Die Frauenbewegung erkannte deshalb sehr gut, was die Erfindung und Einführung der Pille" für sie bedeutete - die Möglichkeit, sich gegen die Natur in dieser Bipolarität Mann - Frau, wie sie in dem einfachen Satz oben als Sprache der Gestalten ausgedrückt ist, aufzulehnen. Es bedeutete ein Leben, das aus der Hingabe sich erhebt, diese von sich weist - zugunsten einer positivistischen Lebensgestaltung, zugunsten einer Ideologie des identitären Selbstentwurfs.

Zu der das Sein der Geschlechter damit wurde. Und der umso gewaltsamere Folgen mit sich bringt, umso mehr den Totalitarismus fordert, als er nie gelingen KANN. Sondern das Gegenteil bewirkt. Weil er in der Verneinung ... die Existenz der metaphysischen Substanz selbst zum Dogma erstarren läßt.




*150508*

Von der Dogmatisierung der Identität

Undefiniert, damit wehrlos gemacht, wird die Identität eines Menschen voluntaristisch-behauptet, zur immer aktuell aufrecht zu haltenden, durch die Notwendigkeit zur geschichtlichen Kontinuität ob des je nur vorübergehenden, nie mehr als vage von einem selbst definierbarem Selbstseins fast notwendig erstarrenden Maske. In einem sozial nicht apriorisch definierten, natürlich-gesunden Umfeld - das meint ja Kultur - ist die Kraft nicht zur Existenzerhaltung eingesetzt, offen um sich der Entfaltung widmen zu können.

Ein kulturloses oder kulturzerstörerisches Umfeld, das für alle Sünden gierig offen ist, die sich auf den Platz in der Schöpfung beziehen - Neid (der andere könnte das mir zustehende haben), Geiz (der andere könnte es mir wegnehmen, eine Sünde des zerstörten Vertrauens in den Nächsten also), Eitelkeit, Wollust ...

Angegriffen, wird das was am Naturgeschehen je fehlt zur Ideologie. Wird der Traum des Erinnerns, der Traum des Möglichen zur romantischen, politischen und lebensgefährlichen Utopie.





*150508*

Der "pastorale" Ansatz - Armut IV

A. Wildgans, der sich aus eigenem Erleben in Kindheit und Jugend, aber auch aus völlig anderen Zeitbedingungen heraus (er hat das Massenelend im Wien der Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert erlebt, wo Wien binnen 60 Jahren von 500.000 auf 2.000.000 Einwohner auseinandergeplatzt ist) als heute vorherrschen, gegen die negativen Folgen der Armut ausgesprochen hat (die - aus notwendiger Ergebenheit folgende - schon erwähnte Schwächung des positiven Willens), hat sich 1918/19 geweigert, einem Aufruf an die Völker beizutreten, in welchem sämtliche Schriftsteller deutscher Zunge geeint dazu aufriefen, bei den Verhandlungen zu einer Friedensordnung das rechte Maß zu wahren.

Er blieb damit nicht alleine, und hat dies (wie die Mehrzahl der Verweigerer übrigens) damit begründet, daß die Aufgabe der Künstler nicht sei, sich politisch zu instrumentalisieren, sondern das seelisch Gute zu fördern: und das heiße in dieser Lage die Lektionen aus der Niederlage als Früchte zu begreifen, die der Höherentwicklung der sittlichen Lage des Volkes dienten. Und ihm SO zu einer zukünftig hervorragenden Stellung im europäischen Konzert verhülfen. TROTZ der zu erwartenden - und eingetretenen - Ungerechtigkeit der diktierten Nachkriegsordnung.

Wie anders klingen da die Ansätze, die heute Künstler wie Priester dazu bringen, sich für soziale Gerechtigkeit auszusprechen. Wie anders klingt es da, was den Betroffenen heute gesagt wird: da ruft man zur Faust auf, zum Recht auf Gerechtigkeit, das zu erkämpfen wäre.

Ich mußte immer schmunzeln, wenn einer der bekanntesten Arbeiterpriester der Diözese St. Pölten - Relikt eines schnell wieder abgebrochenen Experiments in den 60er, 70er Jahren, wo Priester in den Arbeitsprozeß eingebunden sein sollten, um so in Verbindung zur Arbeiterschicht zu kommen - laut aufschrie, sein Merkmal. Als hätte er, gehaltsabgesichert, existentiell nie einen Moment wirklich gefährdet, aus dieser Erfahrung, auch mal am Fließband gestanden zu sein, Legitimation, für die Arbeiter zu sprechen.

Als einziger. So dachte er, das verriet seine Haltung auf jeden Fall. Wieviel schlechtes Gewissen - das Unausgewogenheit fast von selbst bringt - dabei war, wenn er auf Sitzungen und Versammlungen abstrakte Rechte der Arbeitnehmer einforderte. Dabei wie so viele die personale Natur der Not nie begriff. Diese Form von Hochmut, die sich in "Mitleid" äußerte, ist Kennzeichen dieser lächerlichen Figuren. Sie war auch die Ursache, sich zu marxistischem Gedankengut wie verpflichtet zu fühlen. Sich des eigenen Auges und Herzens zugunsten einer abstrakten Idee, einer idealisierten, romantisierten, kulturverneinenden Lebensform gar (zu solcher wurde der Sozialreformer im 20. Jahrhundert, schon gar, wenn er "Intellektueller" war, auch wenn sie ganz anders dachten und denken) begaben.

Wildgans begriff das. Er begriff, daß die Wechselfälle des Lebens Aufrufe an die Seele sind, freier und damit größer, höher zu werden. Er begriff, daß sein Dienst der war, die Schönheit als Nährquelle aufrechtzuhalten, inmitten einer häßlichen Welt, von der man sich nicht im Untergehen in vermeintlichen Notwendigkeiten übermannen lassen durfte. Die Seele hat gerade in großer Bedrängnis mit ihrer Bodenverbundenheit hauszuhalten, um sich nicht zu verlieren.

Er ist gescheitert.




*150508*

Die Zukunft - Armut III

"Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber verachtet den Armen. Sind es nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch vor die Gerichte schleppen? Sind nicht sie es, die den hohen Namen lästern, der über euch ausgerufen worden ist? Wenn ihr dagegen nach dem Wort der Schrift: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! das königliche Gesetz erfüllt, dann handelt ihr recht. Wenn ihr aber nach dem Ansehen der Person urteilt, begeht ihr eine Sünde und aus dem Gesetz selbst wird offenbar, dass ihr es übertreten habt." (Jak. 2,4-9)

Das Beratungsinstitut McKinsey hat das Abbröckeln des Mittelstandes festgestellt: Allein in den letzten vier Jahren von 54 auf 49 Millionen Deutsche. Zur Definition: Der Mittelstand ist jener Stand einer Gesellschaft, der sich selbst zu erhalten vermag, ohne von Sozialleistungen abhängig zu sein, dessen Stabilität und Prosperität hingegen sogar den Sockel der Solidarleistung einer Gesellschaft stellt. Bei anhaltender Entwicklung wird bis 2020 über die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer aus der Mittelschicht in die Unterschicht abgerutscht sein. Zwar ist die Mittelschicht "nach oben" theoretisch offen, doch deutlich ist das Abrutschen der gesamten Mittelschicht nach unten zu bemerken. (Allein 2000 bis 2003 hat sich in Deutschland die Zahl der Spitzensteuersatzzahler von 350.000 auf 800.000 mehr als verdoppelt, wobei zunehmend der obere Anteil der Mittelschicht den Steuersatz der Oberschicht bezahlt.) Übrigens: gemäß einer Prognose von Karl Marx, wenn auch aus anderen Gründen.

In Deutschland läuft derzeit eine Debatte, daß die traditionelle Mittelschicht (die längst von der Schicht der Gewerbetreibenden und Selbständigen zum Stand der Angestellten und Beamten geworden ist) mit Einkommen, die nominell für soliden Lebensstandard reichen "müßten", in rasantem Tempo abwärts fährt. Das heißt: Diese Schichten klagen, daß sie ihr Leben in all seiner Diversifikation allmählich und deutlich zunehmend nicht mehr finanzieren können. Der traditionelle Bildungsstand, der eigentliche Kulturträger, mit Klavierunterricht für die Tochter und Frankreichwoche für den Sohn, Doppelverdiener mit schon deshalb notwendigen zwei Autos, um das Leben zu organisieren, den Kreditraten für den Hausbau und dem Bildungsurlaub in der Toskana, kämpft ums Überleben.

Das erinnert mich an die Klagen meines Taufpaten selig, eines gutsituierten traditionellen Geschäftsmannes, der in den letzten Jahren immer meinte, heute gehe es nicht mehr darum, etwas aufzubauen, sondern es sei schon schwierig genug, das Erreichte zu erhalten. Was diese ältere Generation sich überhaupt nicht mehr vorstellen konnte, war, welches gesellschaftliche Klima das des Aufbauoptimismus ersetzen könnte. Mit der Kernfrage: Ob ein solches Klima überhaupt ersetzbar IST. Weil eine Gesellschaft, eine Zivilisation zusammenbrechen könnte, wenn es den Nachkommen an Optimismus zur Entfaltung fehlt. (Voranschreiten - was nur in gewisser Hinsicht heißt: Fortschritt - ist also eine Bedingung des Menschseins überhaupt.)

Auffallend (so ein Bremer Soziologe) sei dabei das Auseinanderklaffen von subjektiver Wahrnehmung und objektiven Daten. Es fühlten sich deutlich mehr Menschen der Mittelschicht gefährdet, ja diese Ängste ("Polarisierung" bedeutet ja ihr Zerriebenwerden zwischen Arm und Reich) würden zu deren Kennzeichen, als dies durch Fakten feststellbar ist. Standesängste vor allem dieser Mittelschicht sind somit demokratisch-politisch zunehmend relevant. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt in den 20er, 30er Jahren die historischen Erscheinungen (Nationalsozialismen in Europa) begünstigt hat, die exakt diese Identitätslücken (die sich allesamt auf den Faktor "Stand" beziehen) aufzufüllen versprochen (und gehalten) haben.

Die Sanierungsnotwendigkeiten der Staatshaushalte haben in den letzten Jahren in Deutschland (wie in Österreich) dazu geführt, daß jede Lohnerhöhung um 1% das Steueraufkommen um 2% erhöht ... Allerdings hinkt das Argument, daß eine steuerliche Entlastung der Mittelschichten durch Ankurbelung der Nachfrage (und DAMIT erhöhtes Steueraufkommen) eine Art "Selbstfinanzierung" darstellt. Bisher hat sich nämlich gezeigt, daß eine solche (theoretische) Selbstfinanzierung durch immer neu auftretende Faktoren praktisch NIE eintrat.

Die demographische Entwicklung zeigt darüber hinaus, wie sich mit mathematischer Sicherheit der Zusammenhang "weniger Kinder IST GLEICH Armut" auch bei uns bewahrheiten wird.



*150508*

Mittwoch, 14. Mai 2008

Formbeherrschung und leerer Wohlklang

Aktueller denn je.

"... ziehe es jedenfalls vor, Gedanken zu besitzen und trotzdem die Form zu beherrschen, als aus der Not der Gedankenlosigkeit die Tugend des leeren Wohlklanges oder des "plastischen Getues" zu machen ..." 


(A. Wildgans an A. Trebitsch, 1918)




*140508*

Hemmungskünstler

"... Gäbe es wirkliche Erfüllungen, so gäbe es keine Kunst. Der schöpferische Impuls entsteht - natürlich unter der Voraussetzung der künstlerischen Begabung - wo ein starkes Erlebnis nicht zu Ende gelebt werden kann oder konnte. Immer und überall. Es ist nicht notwendig, daß sich die überschüssige, äußerlich nicht auf ihre Kosten gekommene Erlebniskraft gerade auf das Stoffliche des jeweils eben Erlebten, nicht ganz Erlebten wirft. Eine unausgegebene Kraft ist da, die sich auch eines anderen Stoffes bemächtigen kann. Wenn auch das Erstere die Regel sein wird ..." 

(Anton Wildgans; Brief an A. Trebitsch, April 1917)





*140508*

Dienstag, 13. Mai 2008

Die Welt ist nicht als finstere vorstellbar ...

(Titelverlinkung: imdb-Seite mit Vita Mel Gibson und zahlreichen Statements aus Interviews, die er zu sich und seiner Arbeit getätigt hat.)

... für den, der sie einmal im Licht gesehen hat.

Mel Gibson's Verständnis von Film (und Kunst) hat etwas nahezu magistisch-liturgisches. So die Originalsprachen - Aramäisch und Maya - in seinen beiden Filmen "Die Passion" und "Apocalypto." Die Verbindung von Gestalt und Aussage also. Genau das ist bei beiden Filmen auch die Schwäche - denn Kunst ist mehr als Realismus, weil auch die Wirklichkeit kein rein aktualistische Aussage darstellt, sondern in einem Zeitkontinuum steht - aus gestern und heute, von etwas her, auf etwas zu. Aus diesem Grund sind seine Filme weniger (durch den Sinnhorizont in Wahrheit ergreifende) Kunstwerke, sondern (wo sie es sind: sogar schockierende) Dokumentationen. Seine von ihm selbst produzierten und als Regisseur verwirklichten Filme haben deshalb immer den Charakter von "engagierter Kunst" (mit genau diesem Schuß von contradictio in adjectio, diesem Widerspruch in sich, denn Kunst kann nicht funktional sein, genau deshalb ist sie ja Kunst und nicht Machwerk) und Machwerken. Das gilt auch für "The Passion", so sehr man sich als Christ scheut, angesichts des Dargestellten überhaupt solche Urteile zu treffen. Der Film beeindruckt nicht durch seine Theologie, durch seine "Gnade", sondern durch den "Realismus des Realismus" - wo man sich sogar die Frage stellen darf, ob er damit nicht ... unwahrer wird als Gibson (s.o.) gemeint hat.

Aber abgesehen davon ist sein Bemühen in Apocalypto" auch aus christlicher Sicht höher einzuschätzen als in "The Passion," auch weil das, was er im Film über das Leiden und Sterben Jesu versucht hat, ja letztlich eine Angelegenheit der Liturgie ist! "Apocalypto" ist aufgrund seiner bemerkenswerten Aussage (die Gibson zumindest versucht hat, aus genannten Gründen übrigens aber auch dort gescheitert ist) weit interessanter.

Denn in Apocalypto hat er versucht nachzuzeichnen, was es bedeutet, in einer wirklich heidnischen Welt zu leben. Er hat versucht die Transzendenz der Welt, geläutert durch die menschliche Vernunft und Tugend, zu zeigen, die auf die christlichen Heilsmysterien hinweisen. Er hat versucht, ein "Jahr 0" zu zeigen, wo für Südamerika die "Fülle der Zeiten" herannahte - und der Erlöser (durch die spanischen Entdecker, mit denen der Film endet) den Kontinent betrat. (Eine ähnliche Aussage hat ja Papst Benedikt XVI. in Südamerika getätigt.)

Unser Vernunftstand - als längst vom Lichte Christi durchdrungen, auch wenn wir das ablehnen: die Früchte wirken einfach weiter, sind nicht so einfach auszulöschen - ist nicht mehr auf diesen Stand zu bringen. Wir können nicht mehr wirklich nachvollziehen, was eine Welt voller Magie und Aberglaube an Angst und Schrecken angesichts soviel Irrationalem bedeutet. Das Licht Christi IST bereits in alle Winkel der Welt gedrungen, das ist nicht mehr rückgängig zu machen, denn der Mensch hat Erinnerung, die ist nicht (so schnell zumindest) auszulöschen.

Aber die Frage, was damals, 1492, wirklich passiert ist, ist weit spannender als sie rezipiert wurde.

Gibson ist aus einem eindeutigen Grund eindeutig gescheitert - wer nämlich einmal die Welt im Licht gesehen hat, der kann nicht mehr so tun wie jemand, der sie nur im Finstern kennt. Ja, er kann es sich nicht einmal wirklich "vorstellen", es nachvollziehen. Solche "Vorstellung" eröffnet sich nur noch ableitend, rückfolgernd.

Und deshalb ist es auch grotesk, wenn manche Katholiken aus "pastoralen Überlegungen" heraus versuchen Forderungen zu erfüllen, die Karl Rahner mit "Erlöster müßten Sie aussehen, die Christen" bezeichnet. Solche Aussagen sind einfach ... dumm. Denn selbst die Differenzierung in Nicht-Gläubige und Gläubige ist bereits eine Frucht einer christlich erleuchteten, durchleuchteten Vernunft.

So sind all diese Grinsgesichter, die sogar expressis verbis als "Elite der Evangelisation" dargestellt werden, nichts als ... phantastische, wenn aber nicht verwirrte, "falschgesichtige" Narren. Man glaubt ihnen ihre Gesichter noch dazu sowieso nicht. Nur wissen sie es nicht, weil sie sich von der Wirklichkeit verabschiedet und die Welt der ... Dämonie gewählt haben. Auch das wissen sie natürlich nicht.

Da hat zukünftige Evangelisation bereits ihr neues Betätigungsfeld ... und die Enkel Mel Gibson's einen neuen Film. Es lohnt also, Material zu sammeln.

(Gesichter von Heiligen sind im Buch von Wilhelm Schamoni "Das wahre Gesicht der Heiligen" zu sehen.)





*130508*

Sonntag, 11. Mai 2008

Alles anders als früher

Feiertagskuchen; Pfingsten 2008
Marshall zeigt (in "Der Bischof") sehr schön Figuren, u. a. Priesterfiguren, die manche "Lehre" des Vatikanums II. falsch verstanden oder vermittelt bekommen hatten - und nun an der Kirche zweifelten, die sich nämlich ... widersprach, verglichen mit vorigen Aussagen. (So zum Thema Ökumene.)

Da erinnerte ich mich an jemanden, der im Laufe der zwei Jahrzehnte nach dem Vatikanum regelrecht "verrückt" geworden war. Eine einfache Frau, die oft und oft den Kopf geschüttelt hatte: "Das ist heute ja alles anders als früher - was früher Sünde war, ist es jetzt plötzlich nicht mehr ..." Als ihr geliebter Sohn sich "wiederverheiratete" und ein Priester ihm eine "Segnung" - einer Hochzeitsfeier ähnlich - angedeihen ließ, schlug sie sich auf seine Seite.

Diese Frau ist tatsächlich heute ... verrückt. Sie hat kein Urteilsvermögen mehr, das ihr nämlich "subjektiviert" wurde (zwangsläufig wurde sie in ihrer Ethik auf sich zurückgeworfen!) und folglich auch keine Basis der Persönlichkeit, lebt ihre letzten Jahre in einem erschütternden Zustand.

Wunderbar übrigens, wie schön Marshall zeigt, daß eine Verkündigung und Pastoral nichts taugt, wenn sie nicht auf den "simplen Durchschnitt" der Menschen - handfest, widerspruchsfrei, einfach und praktikabel - angelegt ist. Und zwar nicht nur wegen der Gläubigen. Daß somit eine Moraltheologie, die am möglichen Spezialfall ihr Maß nimmt, also die Unsicherheit jeder positiven Aussage für den Einzelfall betont, ihre praktische Tauglichkeit schlicht verliert. Auch wenn jeder Einzelfall subtil zu beurteilen ist.





*110508*