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Donnerstag, 24. November 2022

Wesen der Alchemie

>>Er habe ja bereits darauf hinge4wiesen, daß die große Schule der französischen Akademie die das Wissen der vorangegangenen Jahrhunderte gespeichert, geordnet und lehrbar gemacht hatte, zu einer Verwandlugn der Farbe habe gelangen wollen, gaz wörtlich. 
Das Ziel sei gewesen, die Malerei in eine Reihe mit der Alchemie, der Goldmacherei, der Magie treten zu lassen, und zwr durch Umwandlung von Wertlosem in Kostbares, son Totem in Lebendes, von Leindwandfetzen und Ölpaste in alle denkbaren Substanzen. 

"Farbe sollte aufhören, nach ihren Pigmenten analysierbar zu sein, sie sollte vielmehr zu einem Stoff eigener Art werden. Die fettschimmernden Klümpchen aus der Tube, auf die Palette gedrückt, sollten durch eine besonders komplizierte Behandlung zu einer entrückten, neuartigen Materie werden, aber das war keine Zauberei, sondern geschah durch das allmähliche Auftragen feinster, durchscheinender Schichten, Lage um Lage, und diese Schleier - wieder eine Verwandlung - wurden zu etwas Festem, schufen den Eindruck belebter Undurchdringlichkeit."

Freitag, 18. November 2022

Zerstörung der Hierarchien aus dem Prinzip des Heidentums

Die Komplexität der sozialen Beziehungen - also der Hierarchie - in den Gesellschaften des 17. Jahrhunderts war bereits so hoch, daß es selbst den höfischen Zeremonienmeistern und nächsten königlichen Beamten nicht mehrmöglich war, sie zweifelsfrei zu sortieren. 

Diese Probleme kamen aber immer dann zum Vorschein, wenn es um Begegnungen mit dem König ging. Denn von der "Sonne" ging alle Ordnung aus, und vom Platz in ihrem Angesicht das Prestige, die Stellung, aber - und das darf man keineswegs unterschätzen, ja es war sogar DAS entscheidende Moment - auch die Pflicht, was es zu beanspruchen galt, weil man es der ONTOLOGISCHEN STELLUNG SCHULDETE.

Man macht sich zu leicht lsutig über diese Probleme, und das ist mehr als bedauerlich, Weil es zeigt, daß wir den Sinn für das eigentliche Seinsordnung bereits weitgehend verloren haben. Doch genau darum geht es ZUERST in dem, was als "Kreuz" bezeichnet wird. Was is tman dem GEGEBENEN ORT schuldig! Der einem nie gehört, sondern der im Grund enru die Pflicht ist, in diesem ständigen ZUueinander der Weltdinge jene Dynamik in actu, also in "Betrieb" zu halten, aus der sich sämtliche weiteren Handlungen überhaupt erst erschließen. Nennen wir es der Einfachheit halbe IDENTITÄT.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Gegenwart festnageln, um zu sein (2)

Generelle Blindheit heißt: Auf allen Gebieten - Wir erleben im aktuellen Ukraine-Kontlikt beispielhaft, wie sich nun auch alle diese "Realitätsabbildungen" auflösen, die sich aufs Einzelne stützen. Weil sie nicht vermitteln, WAS überhaupt gesehen und aufgenommen wird. Sodaß der Streit sich nun auf die Deutung ausdehnt, in der wir allem auf den Grund gehen müssen (und bald erfahren werden, daß daraus gleichermaßen keine "Sicherheit in der Deutung" erwächst), um überhaupt noch etwas zu "sehen". Es ist also absehbar, daß wir es bald mit einem völligen Erblinden zu tunhaben, dem wir verzweifelt mit einer noch größeren Datenfülle zu begegnen versuchen. Was sich in China mit dem "social credit"-System bereits abzeichnet.

Eine Welt, die in lauter Einzeldinge auseinanderfällt, die selbst immer weiterin ihre Bestnadteile auseinanderfallen, ist aber keine Welt mehr. Ihr fehlt, was wir als "Landschaft" bezeichnen knnten, ja eigentlich fehlt ihr das "Natursein", das alle Landschaften selbst wieder "umgibt". Wenn wir also nun davon ausgehen, daß dies der vorläufige Endpunkt einer langen Entwicklung war, stehen wir zugleich vor dem Problem, daß wir immer weniger umfassende Entscheidungen zu treffen vermögen. Ganz einfach, weil es an Urteilsvermögen dazu fehlt, das sich nicht aus Einzelnem zu einem Insgesamt zusammenkleben läßt, sondern eine Kategorie ganz eigener Art ist. Die mit dem Vereinzeltnen nur zu tun hat, aber nicht daraus zu konstituieren ist.

Mittwoch, 18. Mai 2022

Gegenwart festnageln, um zu sein (1)

Die der Hautgrenze schon bedenklich nahe Verdichung der Technik, mit der iwr unseren einfachsten Alltag bereits umgebenhben, zwingt uns in einen fortwährenden Strom von Erledigungen und Tuens-Momenten, die das Leben selbst zu einem fortwährenden Strom machen. In dem wir aber keinen Ort weil keinen Halt mehr finden, somit nichts und niemand mehr sind, weil keine Identität mehr besitzen. Identität aber heißt, aus einem Chaos des ständigen HIntergrundrauschens, als einem unabgrenzbaren und unerkennbaren Ganzen, in Erkennbarkeit uns Selbst-Bewußtheit aufzutauchen.

Ob nicht diese Photographiersucht, in der das Photo von einem ständig bereitgehaltenen SmartPhone (etc.) das "richtige Erleben" ersetzt, auch so zu begreifen ist. Das in dieser Form ja bereits nur die Verlängerung eines sich seit Jahrzehznten bzeichnenden Photographierwahns bedeutet, denn schon in den 1970ern haben sich jene Existenzen erkennbar gemacht, die pausenlos ihre neuen Instandkameras und Kleinbildformate gezückt hatten, um alles und jedes auf Bild zu banenn, noch ehe es überhaupt "erlebt" war.

Sonntag, 27. März 2022

Ein Sinn. Ein Werk. Ein All. Und viele kleine Stücke.

Vielleicht nirgendwo sonst kommt das Wesen der menschlichen Arbeit so zur Deutlichkeit wie im Überarbeiten einer "alten" Arbeit, eines bereits bestehenden, einmal herausgegebenen (also auch verkauften) Werkes. Das man damals natürlich für gut und zumindest als "das Beste" ansah, das unter einer bestimmten Idee herauszuarbeiten war. 

Herauszuarbeiten, weil Arbeit immer heißt, aus einem amorphen "Allesmöglichen" ein konkretes "Dies" zu machen. Das im Falle des Künstlers - oder wie hier: Des mehr als Schreibenden, nämlich des Schriftstellers. - zu einem für sich stehenden, einzelnen Werk wird. Ein Werk, das im Laufe seines Lebens aber immer umfänglicher, immer allumfassender, immer komprimierter und immer endgültiger wird.

Also dessen, der wie der Gewerbetreibende auch die Idee zu seinem Werk herausschält, nicht eine "fremde" Idee (weshalb bis in die Renaissance erstensder Künslter als reiner Handwerker gesehen wurde, und zweitens es nie "dessen" Werk war, sondern das Werk des Auftraggebers. Der in diesen Zeiten, wo die Gesellschaften keine Kunst mehr BRAUCHEN, und also auch nicht mehr in Auftrag geben, der Künstler noch spezifischer und gequälter wurde. Er muß sich nun den Auftrag gewissermaßen SELBST auch noch herausarbeiten. Er muß in sich und aus sich und seinem Leben jene Botschaft finden, zu der er GEWORDEN ist. 

Erstmals entstand dieses Problem eines gewissen Müßiggangs (und da bestehen Zusammenhänge, zweifellos, und das sind Gefahren) mit der Renaissance bzw. als Zerfallsprodukt der zuuvor noch existierenden kulturellen, gesellschaftlichen Geschlossenheit des Mittelalters. Künstler wird nun nur noch der, der sich "sonst umbringt", wie es Fritz Muliar einmal so unvergleichlich ausdrückte. "Ummm...", das zog er so. 

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Gedankensplitter (1317c)

Das Ich wird am Du - Mit der Entdeckung Amerikas 1492ff. war etwas ganz Neues verbunden. Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn noch Friedrich II., der Staufer, war von der Überlegenheit der arabisch-islamischen Kultur überzeugt. Seit den Reisen Marco Polos und seit den Eroberungszügen der Mongolen im 13. Jahrhundert, seit den ständigen Angriffen der Sarazenen in Ost-, Südosteuropa und im Mittelmeerraum galt der Osten auch militärisch als überlegen, und Afrika war zum einen durch den Islam, zum anderen durch die Mauren Terra incognita.

Die Gewürze, die Seife, die Farben, die Alaune als Allheilmittel, die Erzählungen und Schriften, die nach Europa kamen, die Berichte Marco Polos über die unermeßlichen Reichtümer und Dimensionen Chinas, die nicht zu unterschätzende Tatsache, daß hunderttausende Europäer als Sklaven in diese Weltregionen verschleppt worden waren und die Gefahr nicht weniger wurde (die Türken eroberten 1452 Istanbul! und brachen damit das Tor nach Europa auf), die Pest im 14. Jahrhundert, die als ständige Bedrohung fortwirkte - KURZ: Europa hatte sich bis 1492 als unterlegen erfahren. Es WAR somit unterlegen. Und das entsprach ja durchaus dem Geist des Christentums, dem es nicht um irdische Schätze und Ruhm ging, sondern um Schätze im Himmelreich, die das Kreuz eröffnete. 

Aber nun passierte etwas Sonderbares. Nun betraten Europäer ein riesiges, gar nicht abschätzbares Land, das in allen Farben glitzerte und blinkte, und in dem es durchaus respektable Reiche gab - die Maya, die Azteken, die Inkas, und wie sie alle hießen - die aber den Europäern in jeder Hinsicht unterlegen waren. Das heißt, das Sein als Europäer WURDE zum Sein eines hochstehenden Selbst in der Welt. 

DAS ist das Ende des Mittelalters, weil es zugleich der Beginn der Neuzeit ist. Die in einem neuen Selbstbewußtsein in den selbstüberhobenen Glimmer der Renaissance explodierte. 

Samstag, 12. Dezember 2020

Wie sich Politik und Geld vermählten (2)

 Teil 2) Die ungeschminkten Anmerkungen


*Als einem bereits wahrhaftigen Renaissancekönig war der Anspruch Heinrichs VIII. auf Allmacht in seinem Staate, mit dem er sich ursprünglich aus der Schuldenfalle ziehen wollte, zum Bumerang geworden. Denn nun waren Geldgeber, Banken mit der Situation konfrontiert, daß der König als Schuldner jederzeit per Federstrich Gesetze erlassen konnte, die ihn von seinen Schulden befreiten und die Kreditgeber enteigneten. Oder vielleicht gar einen Kopf kürzer machten. Also bekam Heinrich nirgendwo in Europa noch Kredit. 

Das löste William III. einige Jahrzehnte später, und er konnte es nur lösen, indem er die Hand des Geldadels ergriff. Die fortan mit einer von der Monarchie abgesicherten Zentralbank umgekehrt den König finanzierten (und den gesamten Geldschöpfungsprozeß des britischen Bankenwesens kontrollierten) - wenn der König die Macht über die Finanzierung der Monarchie ans Parlament formell abgab.

Der VdZ schreibt dies freilich mit einer gewissen hintergründigen Absicht. Denn er möchte dem Leser vielleicht klarer als bislang machen, daß Geld kein "Ding an sich" ist, sondern Symbol für ein reales Verhältnis. Das seinem Wesen nach ... Schuld (also: Schulden, als zu tilgende Verpflichtung) ist. Wenn es somit verschiedenenorts wie ein böses Schattengespenst an die Wand gemalt wird, daß Banken Geld "aus nichts" schaffen, so muß man dazu sagen, daß das überhaupt zum Wesen des Geldes im eigentlichen Sinne gehört! 

Davor muß sich also niemand fürchten, solange diese Verpflichtung auch erfüllt werden kann und das auch beabsichtigt ist. Denn dieses "nichts" ist kein "nichts", sondern ein Versprechen, durch zukünftige Arbeit (sic!) das heute ausgegebene Geld zu bedecken. 

Unser Geldwesen selbst aber hat durch diese flexible Geldschöpfung "vor Ort" (also durch Banken) jene Dynamik, die einer menschlichen Gesellschaft angemessen ist. Das hat bei aller substantieller Kritik die Entwicklung des Wohlstands in den letzten drei Jahrhunderten denn nun doch gezeigt. Das sollten wir zumindest vor Augen haben, wenn wir darüber reden.

Eine Geldschöpfung, die durch eine Zentralgewalt (hier und bis heute überall dual, durch König UND - privater! - ZentralBANK) gesteuert wird. Wiederum mit einem Parlament verschränkt, das dieses Gleichgewicht steuern kann und will. Und in der einen Beschluß aufbereitenden Debatte der Öffentlichkeit zugängig, durch die Wahl der Abgeordneten sogar mitbestimmbar macht. Mit dem uralten Leitbild, daß Besteuerung nur möglich ist, wenn die Bevölkerung (also der Besteuerte) dieser Besteuerung (die eine Form der Enteignung ist) auch zustimmt.

Was eine etwas anders gelagerte Frage aufwirft. Ob nämlich die gegenwärtige Praxis der Demokratie diese Kontrolle überhaupt auszuüben vermag. Ob also nicht eine Diskussion über die Institutionalisierung unseres Staatswillens angebrachter wäre als die letztlich substanzlose und utopistische Forderung nach "Transparenz" einiger Personen oder Gruppen. 

Tabuwort Demokratie

Die in einem seltsam verschwommenen, irrationalen Wunsch- und Traumbild einem Demokratismus anhängt, der wie ein messianischer Wundermechanismus alles "irgendwie" lösen soll. Und übersieht, daß die Rechtfertigungsmythen der Demokratie (als Telos, als Ziel, auf die sie angelegt ist) nie erfüllt und gar nicht erfüllbar weil irrational sind. Was sich nicht zuletzt an der Sakrosankt-Stellung des Wortes "Demokratie", aus der seine wirre, wahllose Verwendung als "Argument" (dabei aber nur Totschlaginstrument dem anderen gegenüber) ablesen läßt.

Wer bitte schön (und der Leser möge das anhand seines Umfeldes einmal überprüfen) wäre bereit auch nur spielhaft anzunehmen, daß das, woran wir immer mehr zu leiden meinen, wirklich leiden und noch mehr leiden könnten, all die Korruption, Instransparenz, die sich bildende Oligarchie (die jede "Mitsprache des Volkes" zur Farce macht), und überhaupt so viele der Zukunftsängste, auch unser Geld betreffend, mit dem Instrument "Demokratie" überhaupt nicht lösbar, sondern sogar deren unausbleibliche Folge sind? 

Wäre James Corbett etwa, dessen Kritik und Analyse sehr oft sehr zutreffend, klug, ja luzid ist, wäre der etwa bereit anzunehmen, daß sein Glaube, die Mißstände, auf die er hinweist, wären keineswegs "durch mehr Demokratie" behebbar weil nur Abweichungen von deren innerstem Gefüge und Sinn? Daß es also schlicht naiv und sachlich falsch ist, auf eine Bewegung "von der Straße" zu bauen, ja die "Aufgeklärtheit jedes Einzelnen" als eigentliches Wesen der Demokratie zu sehen?

Warum das falsch ist? Weil Denken, also "Aufklärung" nur in Zusammenhang mit eines Ort, also Stand, Berufung usw und damit Traditionstreue gesehen werden kann. Diese Bestimmung nie überschreitet, und eben nicht, wie die Aufklärung postuliert (ohne je daran zu glauben, bitte sehr! die Aufklärer waren sogar immer die schlimmsten Diktatoren, weil und wenn sie erkannten, daß ihre Vorstellung sich "nicht realisiert") eine Frage simpler mechanistischer "Logik" ist. 

Warum das? Kurz noch einmal gesagt: Weil Logik selbst Postulate HAT und braucht. Und das ist eine der mathematischen Logik vorausgehende Annahme über die Wirklichkeit, die selbst NICHT mit dieser "Logik" zu erfassen, sondern eine Frage des Transzendenten, des Glaubens ist.

Übrigens: Die Griechen, auf die wir uns in dieser Frage gerne berufen, wußten das noch. Ihr Verständnis von Demokratie als Herrschaft des Volkes war keineswegs irrational, sondern ziemlich anders, realistischer, als wir es pflegen.

²Dieser Eigentumsvorrang ging so weit, daß 1850ff. das Eigentum der (meist englischen) Landlords vor dem Notrecht der Iren selbst gereiht blieb. Während sechs Millionen Iren verhungerten, exportierten die englischen Herren des Landes unter Schutz eines Drittels des englischen Militärs die im Land produzierten Lebensmittel. Während sich, übrigens, die irischen Bischöfe in England eine Auszeit nahmen und von den Kelchen der Honneurs schlürften, die die englische Krone ihnen angesichts ihrer Dienstbarkeit servierte.

**Was hier heißt: Polygamie. Denn das bedeutet jede "Scheidung und Wiederverheiratung". Das hätte aber für einen christlichen, katholischen König bedeutet, daß er aufgrund seines moralischen Zustands der Repräsentation Gottes verlustig gegangen wäre. Ab diesem Moment war ihm kein Untertan, kein Bürger, kein Adeliger mehr zu Gehorsam und Eidtreue verpflichtet.

³Es gab in jeder Kultur auf ihrem Weg nach oben Einrichtungen der "Jubeljahre", also des Streichens von Schulden. Und damit der Möglichkeit zu einem Neubeginn nach einer Zeit von Mißgeschick, von Mißernten oder schlicht von Versagen. Damit hat der Kapitalismus aufgeräumt. Der den Schuldner gnadenlos nicht nur unter Zinsdruck stellt, sondern ihm bei Zahlungsunfähigkeit bis zur Versklavung nachstellen kann. Die englische Marine (Matrosen) mit den bekannt brutalen "Disziplinierungsmaßnahmen" oder Australiens Geschichte der Besiedelung, die eine Geschichte unfaßbarer Gewalt und grausamen Unrechts ist, sind auch und vor allem eine Geschichte der Verschuldeten.

***Wir berühren hier sogar eine der Hauptwurzeln der Sklaverei. Sogar der Sklaverei in Afrika (und damit der "Neuen Welt"), die nur durch die Verschuldung vieler Afrikaner möglich wurde. Sodaß diese zuerst Verwandte, Kinder und schließlich, wenn auch Überfälle von Dörfern und Stämmen, die von der eigenen Heimat entfernt waren, nicht fruchteten, sich selbst "verkauften." Um unter vereinbartem "sozialen Tod", unter Verzicht auf Leben und Würde ihre Schulden abzuzahlen!

****Es war genau diese Entwurzelung, die die Geburt der universalistischen "Nation" bewirkte. Die "als Idee" zu einer ideologischen, voluntaristischen, positivistischen "Nation" das wurde, was wir als "Nationalismus" bezeichnen. Eine völlig andere Qualität als die Vaterlands- oder gar Heimatliebe. 


*091220*

Freitag, 11. Dezember 2020

Wie sich Politik und Geld vermählten (1)

"Das Ergebnis war, daß die in Privathand befindliche Bank (Bank of England, Anm.) die persönlichen Schulden des königlichen Souvereigns (William I. von Oranien) in eine Schuld des Staates umwandelte. Die somit sogar zu einer staatlichen Währung wurde. Die Besiegelung dieser Transformation privater in gesellschaftliche Produktion von Geld (als Forderung demjenigen gegenüber, der eine Münze oder eine Banknote herausgibt) wurde durch einen Wandel im Machtgefüge erkauft. Die jenes historisch einmalige hybride Konzept eines "Königs im Parlament" hervorbrachte, die wir in England bis heute haben. 

Mit diesem Vorgang in England nahmen 1697 erstmals in der Geschichte Europas Institutionen für die öffentliche Produktion von Geld Gestalt an, die von einem immer wieder zu suchenden Gleichgewicht von wirtschaftlichen und politischen Interessen getragen wurden. Der Staat wurde nunmehr durch Anleihen bei einer mächtigen Geldgeberklasse finanziert. Und der Ort dieses Interessensausgleiches war eine öffentliche Bank. Somit hatten beide Seiten Interesse daran, daß die jeweils andere Seite langfristigen Bestand hatte."

Das schreibt Geoffrey Ingham in "The Nature of Money" über jene historische Phase, in der sich Politik und politische Macht erstmals mit dem Großkapital insoweit verbündete, als sie - in einem fortan geeinten Willen, in welchem sie dem "gemeinen Volk" gegenüberstanden - das Schicksal einer Nation bestimmten.

Dieser Punkt war das fast unvermeidbare Ergebnis einer seit dem 14. Jahrhundert immer drängender werdenden Verschuldung der englischen Könige. Die unter Heinrich VIII., der seine Vorfahren an Prunk- und Luxusliebe (bei gleichzeitigem Ehrgeiz in außenpolitischen Angelegenheiten, was im Klartext heißt: Kriegen) noch weit übertraf, so drängend wurde, daß dem König* "keine andere Wahl" blieb, als die Kirche zu enteignen. Die damals (rechnet man es in Geld um, wenngleich das niemandem eingefallen wäre außer ...) geschätzt die Hälfte der Vermögenswerte Englands besaß. 

Er nützte dazu geschickt kircheninterne Parteiungen, entledigte sich elegant moralischer Probleme**, samt den damit verbundenen schwerwiegenden Problemen der Legitimation seiner Herrschaft, und nannte diese Zerschlagung der Sozialgefüge samt der darauf folgenden Entwurzelung seines Volkes - wie wir Heutigen - nach lutherischem Vorbild "Reform" bzw. "Reformation". 

Für die Bevölkerung freilich änderte sich damit Gravierendes. Denn der Kirchenbesitz war im Wesentlichen Allgemeingut, und bis zur Reformation unter Henry VIII. war es jedem Briten jederzeit möglich, wenigstens seinem existentiellen Grundbedarf zu decken. Denn jeder konnte auf dem Kirchenbesitz ("Allmenden") ein paar Tiere halten, oder etwas anbauen, von dem er wenigstens grundsätzlich überleben konnte. Damit war nun Schluß. Denn fortan war alles Privatbesitz, und aus einst freien Bürgern wurden lohnabhängige Arbeiter. Sofern sie überhaupt Arbeit bei den neuen Herren fanden.

Die noch einen Preis vom König ausgehandelt hatten - den des absoluten Vorrangs des Schutzes des Eigentums. Der unter den gegebenen Voraussetzungen wie die Sanktionierung des Raubzugs an Land, Volk und Kirche wirkt.² Dieses Zusammenwirken von Staat und Kapital war die Voraussetzung für die Entwicklung des Kapitalismus selbst. Der die Macht des Staates braucht, um die Verbindlichkeit des Schuldners in ihrer Absolutheit auch durchzusetzen.³ Während dem Kapital - dem Geld - die soziale Verantwortung (also seine Aufgabe im Gemeinwohl) abgenommen wurde.

Als Wert zu Geld wurde

Noch wichtiger und meist nicht hinlänglich reflektiert - zu sehr wurden wir bereits umerzogen - ist dabei aber ein anderer Umstand: Es geht um die Etablierung von Geld als mathematische, rechnerische Abstraktion von "Wert". Diese Bedingung der "Sanierung" der Finanzen des Königs (die aber nur wenige Jahre hielt, und stattdessen die Notlage der Könige noch weiter verschärfte) veränderte völlig den Alltag der Menschen. 

Die bis dahin (und auslaufend bis ins 18. Jahrhundert) in einer Gesellschaft der "ständigen wechselseitigen Verschuldung" lebten, die aber in moralischer, persönlich zu bedienender Schuld bestand - also nicht in "Geld". In dieser wechselseitigen Verschuldung und Verschuldungsbereitschaft lag der Mörtel dessen, was wir mit "Sozialem Zusammenhalt" bezeichnen können. Worin er wiederum gemäß der christlich eingeforderten Nächstenliebe und Solidarität mit diesem Nächsten gestaltet war.

Geld, das nun aber aus zwei Quellen stammte, die sich zu einer vereinten bzw. wechselseitig konvertierbar wurden. Öffentlich (staatlich-königlich, seit dem frühen 18. Jahrhundert defacto als Metallstandard) und privat, durch die Banken und deren Kredit (vor allem im Wechsel) geschaffenem. Wo eine Seite gewissermaßen für die andere - und über die Steuern der Bürger für alle beide - bürgte. Denn Geld ist immer, wie gesagt, Schuld weil Leistungsversprechen. Das zwischenmenschlich auch ohne jede Münze fungiert, dort nur Ritus, Ritual, Symbol braucht. 

Die Münze ist lediglich das Symbol für ein Leistungsversprechen, entsprechend der Erfüllungswahrscheinlichkeit geschätzt und wertvoll. Und die Krone festigte den Wechsel, das Privatgeld, durch strenge Gesetze und - die Münze. Noch heute ist (auch bei uns) ein Wechsel sehr rasch und einfach einklagbar, und im Insolvenzfall bevorrechtet, hat also höhere Bonität als reines Buchgeld. Er ist, als privates Geld, somit sehr leicht in staatliches, königliches Geld - die Münze, den Geldschein - konvertierbar.

Der Metallgehalt der Münzen, den niemand geringerer als Isaac Newton als Schatzminister Englands reformierte und solide machte, war freilich nur im Austausch mit ausländischen, fernen Leistungen von Bedeutung als Zahlungsmittel. Dort aber oft auch nur der Metallwert. Münzen aus Edelmetall waren somit ein probates Mittel, um Wert aufzubewahren, nicht, um zu bezahlen. 

Dem einheimischen Bürger war auch das Edelmetall nur wirkmächtiges Symbol der Kaufkraft generell. Das zeigen die Münzen, die im Alltag in Gebrauch waren: Vom Metallwert her wertlose (Kupfer-)Münzen, die Kaufkraft per Konvention und deshalb nur in sozial homogenen (sic!) Räumen hatten, soweit eben persönliches Vertrauen herrschte. Aber in solchen begrenzten Räumen akzeptiert wurden, und somit als Zahlungsmittel taugten. Silber und Gold blieben dem Alltag fremd. Nicht selten hatte das Lokalgeld einen einzigen Bezugspunkt als "Wert" - und zwar dessen, was ein Arbeiter täglich (oder in einem bestimmten Zeitraum) zum Lebensunterhalt benötigte.

Alle diese Lokalwährungen (Anführungszeichen) wurden aber im königlichen Pfund vereint, das überall akzeptiert wurde: Es war zwar von einer (privilegierten) Privatbank herausgegeben, aber von der Krone (in Gold) garantiert worden, und war so der Hauptanker aller übrigen Banken und Zahlungsmittel. 

So nebenbei: Diese Balance der Macht, die in England zwischen diesen beiden Schichten stattfand, Finanz mit Finanzadel und Krone, war aber die Basis für Englands Aufstieg zum Weltimperium. Während zu viel Macht - wie im absolutistischen Frankreich, oder den kleinen italienischen Stadtstaaten - den Staat unfinanzierbar machte (s. o.). In England war eben nun das Parlament verantwortlich, ob Kredite aufgenommen und Zins und Tilgung durch Steuern eingehoben werden sollten oder nicht. Was alles im Frankreich auch des 18. Jahrhunderts der König höchst selbst entschied. 
Während somit der Staat in Frankreich immer noch Mittel der Bereicherung von Einzelpersonen war, war er in England bereits zum Mittel geworden. Das den allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstand durch hohe Flexibilität in der Schaffung von Geld (sic!) durch Kredit ermöglichte. 
Es ist auffällig, daß bis ins 20. Jahrhundert die Staaten mit der höchsten - zählbaren - Wirtschaftsleistung auch die Staaten mit dem nachhaltigsten, größten und dynamischesten Kreditwesen waren, nämlich England und die USA. In diesen beiden Staaten verschmolzen Staat und Privat (mehr oder weniger) in einer Aufgabenstellung.

Ohnehin war Münzgeld stets (und in allen Völkern) lediglich und immer schon bekannter Ausgleich "an den Rändern". Und dort vor allem an den Berührungspunkten mit "den Fremden", also den Nicht-Engländern, den Ausgestoßenen, den "Anderen". Einmal etabliert, und zwar schon dadurch, daß die eingeführten Steuern fortan nur noch in Geld (!) zu bezahlen waren, setzten einen Kreislauf in Gang, in dem jeder Bürger imperativisch fortan nach Geld (und NUR nach Geld) zu streben hatte. Bis alles Streben nur noch dem Gelde diente, der Mensch sogar sich selbst (und seine Liebsten) in Geld bemaß und (sogar buchstäblich) verkaufte.***

Innerhalb von hundert Jahren war aber aus einem Land, das noch im 15. Jahrhundert bekannt dafür war, daß es jedem seiner Bewohner mehr oder weniger gut ging und das seiner Gastfreundschaft und Mildtätigkeit wegen gerühmt wurde, ein Land mit einer riesigen Schichte Elender. In dem eine kleine (und durch Konzentrationsprozesser immer kleinere) Schichte immer reicher wurde.

Aus ihren Heimaten**** expedierte Menschen suchten ihr Überleben in den Großstädten (vor allem in London). Dort vegetierten sie mehr denn sie lebten, zu sagenhaften Bedingungen. Erstmals gab es Massen an Lohnabhängigen, an Menschen, die ihre Arbeit als Ware (und darin zunehmend als abstrakte Funktion) betrachten mußten, die sie zu verkaufen hatten. Erstmals entstand also das, was man als Proletariat bezeichnen konnte. Zumal durch die neuartige Konkurrenzsituation der Arbeitenden auch die Löhne so stark fielen, daß man selbst mit Arbeit kaum mehr als notdürftig existieren konnte.

Morgen Teil 2) Die ungeschminkten Anmerkungen



*091220*

Dienstag, 11. September 2018

Eine der vielen unwahren Legenden (2)

Teil 2) Und es führt zum Wesen der Erlösung





Aus diesem Prinzip heraus aber läßt sich sogar eine Verbindung zur stellvertretenden Sühne Jesu Christi herstellen, der als "König der Könige" stellvertretend für die gesamte Menschheit, die ihm als König wesenhaft unter- und damit beigeordnet war und ist, das Sühnopfer für die Verfehlungen seines Volkes übernahm und selbst "für viele" sein Leben hingab. Noch mehr jedoch müssen wir als Getaufte als in gewissem Sinn "von Christus Gezeugte" begreifen, wenn auch nicht in der fleischlichen Form, wie die Zeugung von Kindern erfolgt, aber durchaus mit letzthinniger Weltzeugungs-Kraft.

Dies nur gesagt, um das aus dem Amorphen herauszuheben, was als eine Art "Ahnung" dazu geführt haben könnte, daß dieses sogenannte "Ius primae noctis", dieses in Europa nie vorhandene "Recht auf die Hochzeitsnacht" doch so leichtfertig in den Köpfen der Menschen verankert werden konnte. Und dort in einem Zeitalter, in dem sich die "Freiheit" insgesamt auf dem Boden einer individualistischen, willkürlichen Anthropologie völlig umzudeuten begann. Wie damals, als Renaissance und Reformation, diese beiden Schwestern, die Gefüge der europäischen Völker so schwer zu schädigen begannen, daß sie zur Zerrüttung einer ganzen Kultur führten. 

Denn diese Bewegungen, wie sie die Hochblüte dieser Kultur, das Mittelalter, beendeten und zu Renaissance und Reformation führten, gehen einerseits von einer realen Vergöttlichung des Menschen** aus (Renaissance), anderseits leugnen sie die reale Wirklichkeit geistiger Entitäten, also des logos, des im Geist und Verstand Gottes wesenden, in der Vorsehung immer in auf ihn ausgerichteten Wissen.

Wenn es aber dieses Recht nie gab, wenn es auch nur zu Zwecken der Verleumdung mißbraucht wurde, so greift es also doch etwas Wesentliches auf. Das aber in einer Zeit des so genannten Nominalismus. Wo also Begriffe, Universalbegriffe immer mehr nur noch als leere menschliche, erfundene***, bestenfalls nützliche Konstrukte ("Cogito ergo sum!") angesehen wurden, denen aber keine ontologische Wirklichkeit zugrunde lag (und jede Idee, jeder "logos" trägt ja einen göttlichen Willen in sich, auch Realität zu werden, ja in ihm IST deshalb Realität), insgesamt nicht mehr verstanden wurde. 

Weil aber ontologische Wirklichkeiten sich im Menschen - in JEDEM Menschen - als ungefaßte, nur geahnte Strebungen ausdrücken, weil sie seine tiefste innere Matrix formen, wurde ein an sich richtiges Ahnen durch eine Lüge abgefangen und bösartig umgelenkt. Etwas, das ja zum häufigsten Repertoire des so zur Sünde neigenden Menschen gehört. Umso mehr damit zum Repertoire von Menschen, die sich gegen die Ordnung der Welt wenden.







**Diese Tendenz ist vor einigen Jahrzehnten in der "nouvelle theology" des 20. Jahrhunderts neu aufgewacht, und findet sich in ganz gefährlichen Wirkungen als Grundlage der Veränderungen in der Kirche im Zweiten Vatikanum ebenso, wie es sich in der "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. zumindest als Tendenz (und dieser Papst hatte mehrere "Tendenzen") zum Ausdruck gebracht findet. Wo das Prinzip der Analogie (Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, insofern ist er immer wesenhaft von Gott getrennt, ist die Gnade immer Gottes Werk, nie seines) verdunstet und zu einem In-eins-Fallen von Mensch und Gott wird. 

Zur Illustration: Daß der Priester fleischlich heute eine so große Rolle in der Liturgie spielt - als weltlicher Mensch - ist auf diese geistige Verirrung genauso zurückzuführen wie die Sentimentalität, die die Liebe ersetzt (also keine Liebe, sondern deren interne Simulation ist) hat. Und in nächsten Stufen zu falschen Urteilen über Würde und Nächstenliebe führt (wie jüngst bei der unseligen Verkündigung des Papstes zur Todesstrafe.) Letztendlich ist sogar die Abtreibung eine direkte Frucht dieses Nominalismus, weil der Mensch nicht mehr in seinem Beginnen als "Idee mit Realisationskraft und -willen" begriffen wird.

***Fehlt der logos als das eigentliche Sinn- und Wesensmuster der Welt, das alles trägt, wird auch die Sprache eine rein menschliche Erfindung aus Nützlichkeitsgründen. Sie verliert damit ihre Verbindlichkeit aus sich heraus, als Wirklichkeit in der logos präsent wird, und wird zur bloß noch zwischenmenschlichen, vertraglichen Frage von "Eid", "Verbindlichkeit" und "Gesetz". So nebenbei: So kann dann auch rein weltliches Theater und Schauspiel entstehen. Das sich auch zu dieser Zeit von der Liturgie abzulösen beginnt.





*220818*

Montag, 10. September 2018

Eine der vielen unwahren Legenden (1)

Auf katholisches.info fand der VdZ einen Bericht, dem er sich gleich anschließt, weil er ohnehin schon länger vorhatte, darüber zu berichten. Der Artikel behandelt eine der zahlreichen Lügen, die sich vor allem seit den rebellischen und revolutionären Bewegungen in unseren Köpfen festgesetzt haben, so daß wir sie heute so fest glauben, sie sogar in Unterhaltungsfilmen wie "Braveheart" fröhliche Urstände feiern und dort den dramaturgischen Plot auslösen und tragen. Es geht um das angebliche "Ius primae noctis", also das "Recht auf die erste Nacht". 

Dabei haben (angeblich) Feudalherren das Recht in Anspruch nehmen können, mit jeder Braut der ihnen beigegebenen Bevölkerung - Feudalismus heißt und hieß, daß eine Partialgemeinschaft in der Ideennachfolge einer Familie einem Herren (Vater) beigestellt war, so daß sich aus der Ehe, aus der Familie auch Integrität wie Rechtsstruktur des Feudalismus ableiten lassen - deren Hochzeitsnacht zu verbringen. 

Ein solches Recht aber, das als Analogie somit dem Recht auf Inzest vergleichbar wäre, hat es NIE gegeben.  

Nicht in Europa, nicht im christlichen Abendland. Es wurde vielmehr von einem schottischen Schriftsteller im 16. Jahrhundert, erstmals in einem seiner Werke eingeführt, und hat sich in einem Zeitalter, in dem die Druckerzeugnisse die revolutionären Bewegungen massiv stützten, rasch als angebliche Tatsache verbreitet. Viele Lügen wurden auf diese Weise in dieser Zeit in die Welt gesetzt, die nur ein Ziel hatten: Die bestehenden Ordnungen zu stürzen, sie fragwürdig und moralisch verächtlich zu machen. (Die Mär von der "Päpstin Johanna" ist übrigens eine davon.) Und die dazu auch Texte völlig neu zu lesen begann, also von ihrem geistigen Hintergrund (der immer persönlich, ganz-wirklichkeitsbezogen ist) lostrennte.*

Wenn es so ein "Recht" auf der Welt überhaupt jemals gab, dann vereinzelt und in vordenklichen Zeiten. So wird im Gilgamesch-Epos davon berichtet, und auch Herodot erzählt von dieser Praxis bei afrikanischen Völkern. Das hat schon deshalb gewisse Glaubwürdigkeit, weil sich die Akzeptanz eines solchen Rechts beim Volk ganz gewiß an einer religiösen Fundierung ausrichtete. Und diese Bedingungen finden sich nur in zentralistischen Völkern (wie sie für afrikanische Völker, aber auch für Mesopotamien bekannt und üblich waren), in denen also ein Volk zur Gänze von einer Zentralfigur, dem Herrscher, direkt und physisch abzuhängen glaubt. Daraus entstand eine Art "heilige Mission" des Herrschers, auch physisch für Vermehrung im Volk zu sorgen, um es auf diese Weise in die Sphäre der Göttlichkeit, die er persönlich und fleischlich darstellt, hineinzuheben.

Aber diese Lüge hat doch gewisse, wenn auch fehlgedeutete ontologische Wurzeln

Dies ist eine ungeistige, also barbarische Sicht eines metaphysisch sehr wohl richtigen Seinszustandes, in dem der Herrscher als Repräsentant Gottes in einer Logos-Verbindung (also als ein geistiger Organismus, der dann auch die Realität durchwirkt) mit seinem Volk steht. Diese Tatsache ist weltweit und in allen Kulturen präsent und war vor allem immer präsent. Auch bei den Germanenvölkern, also unseren Vorfahren. Daraus ergab sich nämlich die Forderung, daß König und Kaiser (China ist ein bekanntes Beispiel dafür) stellverstretend für ihr Volk lebten und sich deshalb auch gottgefällig verhalten mußten. 

War das nicht der Fall, so sah sich das Volk dem Zorn Gottes ausgeliefert, der es selbst treffen würde. Also hat man darauf gedrungen, daß der Herrscher zurücktritt, oder ihn sogar geopfert (eine Praxis, die aus China bekannt ist, aber auch von vielen anderen Völkern). Das war aber für die Noblen sogar eine Pflicht. Somit hing die Legitimität einer Herrschaft von der vorbildlichen Lebensweise der Herrscherfiguren ab. Und das - ja: nur das! - war für ein Volk eine Art Garant für eine gerechte Regierung und Lebensweise, in der ein Volk vor Gott Wohlgefallen fand und mit seinem Segen rechnen konnte.

Das führte verschiedentlich zu schweren Fragestellungen, wie wir aus Aufzeichnungen und Traditionen wissen. Etwa wenn es Mißernten oder verlorene Kriege gab - war der Herrscher schuld? Oder auch, wenn er nicht schuldig war, weil vorbildlich lebte: War Gott, der das Volk durch Hungersnot oder was auch immer strafte zu besänftigen, wenn man den Herrscher opferte? Und dazu kam es in vielen Kulturen. Ja, wer unsere heutige Zeit der "Demokratie" zu lesen vermag wird nicht umhinkönnen, selbst hier diese Matrizen in der Tiefe der Seelenbewegungen der Völker zu entdecken.


Morgen Teil 2) Und es führt zum Wesen der Erlösung


*Was sich durch die Rolle geschriebener Texte und Urkunden in der Rechtsgeschichte bereits vorbereitet findet, die sich in der "ersten Renaissance" im 12. Jahrhundert einleitete. Und nicht zufällig ... im Dienste von willkürlichen Manipulationen, weil solche Texte dem Mißbrauch Tür und Tor öffneten, weil eine Wirklichkeit vortäuschen konnten. Texte bekamen damals erstmals eine eigene Wirklichkeit zugesprochen. Schlagartig änderte sich deshalb auch die Rezeption ("sola scriptura" folgt daraus) von Texten.






*220818*

Dienstag, 13. Dezember 2016

Der Frühling, der alles umkrempelte

Die "Primavera"  von Botticcelli wurde etwa 1482 im Auftrag von Lorenzo "der Prächtige" da Medici geschaffen, der unter Plünderung des florentinischen Staatsschatzes den Zusammenbruch des Bankhauses der Medici, der unter seinem Vater Cosimo unabwendbar schien, gerade noch verhindert hatte. Die Methode, Bankenzusammenbrüche durch öffentliche Gelder aufzufangen, die enge Verknüpfung von Staat und Kapitalismus, ist keineswegs eine Erfindung der Gegenwart sondern historisch regelmäßiger Bestandteil eines in seiner inneren Logik bereits angelegten Finanzkapitalismus. 

Die Erzählung des Bildes beginnt an den Seiten und greift auf Ovid zurück. Rechts findet sich der kalte März, der Chloe zur Blüte anregt, sie also in den Frühling verwandelt, so wie sich der ganze Garten in ein Blütenmeer verwandelt hat. Florenz - Fiorentina - war ja in der Antike die Stadt der Blumen. Nun also wird diese antike, heidnische Größe wiedererweckt, Florenz findet die Wurzeln seiner Identität wieder, indem es ans Heidentum anknüpft (und dieses im Neuplatonismus "christlich tauft".) Von links betritt Merkur die Szene, der Gott des Handels und des Geldes, der die Kurzlebigkeit und Flüchtigkeit der Wirtschaft symbolisiert, die er magisch wieder und wieder hervorruft. Er trägt übrigens die Gesichtszüge eines der Söhne von Lorenzo da Medici. Er ist über die Venus mit Chloe verbunden.

Magie war das, wie die wundersame Geldwirtschaft, die mit der Finanzwirtschaft eingesetzt hatte, gleichgesetzt wurde. Denn Geld kommt und verschwindet auf wundersame Weise. Es wird in einer neuplatonischen Umdeutung der Trinität, die ihre Spuren in allem Geschöpflichen hinterlassen hat, als deren inneres Signum, aus dem Nichts, dem Niedrigen, in beidseitiger Zuhauchung mit dem Geist des Vaters, des Verstandes, des Planes, der Vorsehung geschaffen. (Was den kabalistisch-mythologischen Hintergrund für die in ganz Europa aufkommenden Versuche, Gold aus Blei etc. zu machen, bildet.) 

In der Mitte steht Venus, die Symbolisierung der erotischen Liebe. Die Schönheit ist ihre Analogie, die Verweisung auf sie, als Anwegung zu einer neu aufblühenden Welt der Freude und des Genusses (in gewisser Analogie zum Heiligen Geist also, in dem Welt und Vater einander begegnen, ja ineinander sind), als Anwegung überhaupt für eine schöne Welt des Ewigen Frühlings. Der so zerbrechlich weil zart ist: Es gibt keine Sicherheit, alles ist flüchtig, uns bleibt nur der Genuß der Schönheit des Augenblicks.

Entsprechend hat Lorenzo de Medici ganz Florenz in ein Dauerwunder der Feste verwandelt - Brot und Spiele, die über die harte Wirklichkeit, in der die im Grunde bankrotte Stadt schwebte, und in der die einfachen Menschen leben mußten, hinwegtäuschte. Die Menschen sollten sich "glücklich fühlen", die harte politische und soziale Wirklichkeit vergessen.

Sie fehlt auf dem Bild. Denn im Gefolge der Liebe der Venus steht - die Korrumpierung, die Täuschung der Wahrnehmung. Lorenzo regierte entsprechend "ohne zu regieren", nur aus dem Hintergrund, "mit der erotischen Leidenschaft", in die er die Menschen in einem ewigen Karneval (den er einführte) stürzte. Durch prächtige Feste, in die die Bevölkerung eingebunden wurde, und deren Vorbereitung Wochen und Monate dauerte, in denen mythische oder historische Begebenheiten nachgespielt und damit aktuell, in die Gegenwart geholt, ja als Topos zur Gegenwart gemacht wurden. Denn das Weltgeschehen ist nur die zufällige (geschichtlich-faktische, flüchtige) Gewandung der immer selben Topoi, als geistige Geschehensdynamiken, die der Welt zugrundeliegen.

Währenddessen plünderte Lorenzo den florentinischen Staatsschatz, kaufte seinem 13jährigen Sohn (den er mit 9 Jahren schon zum Abt hatte machen lassen) um Unsummen von Geld den Kardinalshut, um dann tatsächlich zu erreichen, daß dieser 1512 als Papst Leo X. dem Hause Medici und Florenz wie Rom einen Glanz verlieh, der alle blendete. Der unmittelbar nach seiner Wahl verkündete, daß Gott ihn zum Papst gemacht habe und er nun fest entschlossen sei, das zu genießen. Mit Geld und noch mehr Geld, mit Schulden und noch mehr Schulden, die in Steuern mündeten. So geblendet von diesem Glanz war Papst wie die italienische Gesellschaft der Stadtstaaten (nach antikem Vorbild), daß sie nicht sahen, daß sich im Norden eine Gegenreaktion bildete.

In diese unhaltbare Situation hinein stieß also die Reformation Martin Luthers, der die Kirche als Faktor fast, in manchen Ländern ganz aus dem Spiel nahm. Der Stadtstaat wurde durch den Nationalstaat ersetzt, die Methode aber - die Verquickung von Finanzkapitalismus, Schulden und Staat - wurde damit um einen Quantensprung gesteigert.


Sandro Bitticelli - Primavera (Frühling), ca. 1482



*131016*

Freitag, 2. Dezember 2016

Es gibt keine Gründe für Kredite

Der Hl. Bernhard von Siene argumentiert gegen das Kreditgeschäft, in dem er einfach einmal auflistet, WARUM sich Menschen Geld leihen.

Das sind erstens die wirklich bedürftigen Armen. Dann zweitens Spieler, Glücksritter, oder solche mit krankem Charakter, die Geld brauchen. Dann drittens ehrgeizige Geschäftsleute, die neue Möglichkeiten suchen, Reichtümer anzuhäufen. Viertens sind da Wucherer, die sich Geld leihen, um es zu höheren Zinsen weiterzuverborgen. Und fünftens sind da solche, die Geld benötigen, weil sie von einem unvorhergesehenen Notfall betroffen sind.

Für die 2., 3. und 4. gibt es aber keinen vernünftigen Grund, Geld zu borgen. Die Klasse der Leiher unter Punkt 1 werden durch Zinsen nur noch ärmer; sie brauchen Hilfe, keine Kredite. Die 5. Klasse von Kreidtbedürftigen hätten noch den gerechtfertigtsten Grund für einen Kredit. Aber sie werden durch die Zinsenlast nach und nach ärmer, und sie würden sich viel Kummer und Übel ersparen, wenn sie ihr Geld nicht bei Kreditgebern suchten, sondern im Notfall auf ihr Eigentum verzichten, und gar nicht erst in die Kreisläufe von Schuld und Zinsen gerieten. Denn die Rückzahlungen übertreffen in vielen Fällen sogar die Höhe des geliehenen Betrages. 

Die einzigen sind also die Armen, die Geld benötigen, und bei ihnen ist Caritas, einfach Hilfe am angebrachtesten. 

Etwas völlig anderes ist hingegen der Kredit des Geschäftsmannes, denn hier setzt das Übel eigentlich bei der Gier des Geschäftsmannes an, der Geld leiht, das er - unter Risiko - investiert, sodaß sich hier sogar eine gewisse Rechtfertigung für Zinsen finden ließe.

Summa summarum ist faktisch also der "Bedarf" nach Krediten - und schon gar verzinst, also: Wucher - viel viel größer, als er vom Standpunkt des Gemeinwohls, eines gesunden Wirtschaftsgefüges aus eigentlich "ist". Das verzerrt das Bild! Denn es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Wucher überhaupt notwendig sein sollte, denn man muß davon ausgehen, daß ein allgemeines Leben in Tugend Kredit überhaupt nicht notwendig machen würde.*

Schafft man nun aber diese Scheinauswege über den Wucher, über das Kreditwesen, so führt man eine Gesellschaft nach und nach ins Elend. Sie haben nicht einmal mehr Grund, sich in der Tugend zu üben. Langfristig schaufelt sich ein Gemeinwesen damit sein Grab, weil das Geld mehr und mehr in die Hand weniger gelangt. Davon abgesehen, zieht ein solches Gemeinwesen das göttliche Gericht, die vier apokalyptischen Reiter, auf sich.




*Das hat ganz konkrete Bedeutung. Denn hier wurde schon oft darüber gehandelt, daß der der Schuld HAT sehr häufig dem Gläubiger gegenüber aggressiv ist, diesen um den Schuldtitel bringen will. Mit diesen Aussagen Bernhards wird klar, daß es tatsächlich kaum eine Schuld gibt, die nicht auf eigenem Versagen beruht. Und da liegt es nahe, daß man das Zeugnis des Versagens beseitigen möchte. Das spielt auch bei den Judenpogromen des Mittelalters als Schuldbefreiungsszenarien, die man in einen generellen Judenhaß umdeutet, eine enorme Rolle.





*121016*

Montag, 27. Juni 2016

Reform braucht Blickwende von West nach Ost

Als Europa begann, sich im Kirchenbau ab der Renaissance, und endgültig ab der Aufklärung und dem Barock, die Ostung der Kirchen und damit des Erlösungsgeschehens im Kult aufzugeben, die Sonne, die zuvor durch die Fenster einbrach, durch vergegenständlichten Geist im Altaraufbau und der Kichenausstattung zu ersetzen, zeigte es, was sich im Innersten abspielte: Es wandte sich vom Ursprung aller Welt - dem Licht - ab, um sich fortan irgendwo und nach menschlichem Ermessen neuen Horizonten zu orientieren. Das Erkennen der Größe der Berufung des Menschen, das an sich seine Berechtigung hätte und in den allerersten Anfängen der Renaissance sogar seine beste Rolle gespielt hatte, kippte in rasendem Tempo zum Größenwahn.

Dort auch begann die Ausrichtung nach dem Westen, der Zukunft, dem, wohin die Sonne geht. Die Zukunft begann, die Gegenwart (die ja nur als Vergangenheit und damit Ursprung und Entwicklungswille erkennbar ist) zu verdrängen. Die Utopien setzten ein, wo Licht nur im Morgen liegt, das Heute aber im Dunkel versinken mag, geopfert einem besseren Morgen. Alles Denken, alle Wissenschaft begann sich an diesem Morgen zu orientieren. 

Die Welt mußte so zu einem Müllplatz werden. Nicht wegen der Dinge, die nun herumlagen, sondern weil die Gegenwart zunehmend nicht mehr gestaltet, in eine Ordnung gesetzt, sondern nur noch als Mittel für eine bessere Zukunft gesehen wurde. Das ist giftiger Müll, zu dem sogar enorm viel von dem gehört, was der heutige Mensch gerade nicht als Müll sieht, man denke nur an so manche Städte, Bauten und technische Einrichtungen. Nicht die Inhaltsstoffe jener oder dieser Art. Nicht Dioxin vergiftet die Welt, sondern die innere Unordnung weil Ungeordnetheit, die selbst besten Weizen zum Gift macht.*

Wenn Europa wieder gesunden will, wenn es wirklich an einer Reform interessiert ist, wie so viele heute behaupten und womit der Mund so vieler voll ist, dann muß es - nach Osten blicken. Auf seinen Ursprung zurückblicken, denn nur von dort kann es im wahrsten Sinn re-formiert werden.

Das muß sich auch politisch zeigen, in einer Kehrtwendung des Blicks - von der Zukunft auf die Gegenwart und Vergangenheit, vom Westen zum Osten. Das gilt selbst, ja gerade für die Katholische Kirche.




*Die Zahl der glutenfreien oder allergiesensiblen Produkte in den Supermarktregalen sagt über das innere Chaos der Menschen, seine Verlorenheit, ganz Bedeutendes aus. Nicht diese elende Quatscherei über "Umweltverschmutzung" und "krebserregende Stoffe und Gifte in Lebensmitteln".





*160516*

Dienstag, 26. Mai 2015

Von Königen und Helden

Eine der schönsten Szenen (leider im Netz nur in zwei Teilen gefunden) der Filmgeschichte aus "Lawrence of Arabia". Lawrence erinnert Auda Abu Thayi, den Brunnen seines Volkes, an dessen wahre Berufung als Mensch: Freiheit.

Versteht man die Renaissance als Beginn der Neuzeit Europas so, kann man sie freilich in ihrer anfänglichen Großartigkeit erkennen. In der sie wirklich aus dem Heldengeist des antiken Menschen eine Kultur erneuerte, weil sie in den Jahrhunderten zuvor zum wesentlichen Punkt des Menschseins vorgestoßen war und nicht zurückscheute, ihn mutig zu reklamieren. Sie steht damit wirklich auf der Grundfeste der richtig verstandenen, nur etwas weitergedachten thomistischen Philosophie (die, falsch gewichtet, ihren späteren tödlichen Widerspruch bereits in sich erkennen läßt), der Gotik, die den Menschen aus Fleisch und Blut, den inkarnierten Gott, bereits als den wahren Ort der Sichtbarkeit Gottes erkannt hatte.*











*Und damit begann das Abendland, ganz real und historisch nachvollziehbar, den Arianismus des Islam zu überflügeln, der genau an dieser Wirklichkeit scheitern mußte, aus sich heraus keine kulturelle Entwicklung mehr vollziehen konnte, endgültig stehen blieb und notwendig zurückfiel. Diese Schwelle kann der Islam aus sich heraus nicht überschreiten, auch heute nicht, und auch nicht durch den Not- und Fehlgriff der technischen Aufrüstung, der in Widerspruch zur heldischen Sehnsucht der arabischen Völker gerät, weil ihren Manichäismus bzw. Sopranaturalismus (Gott als der Welt fern) auf die Spitze treiben wird. Damit wird der Fanatismus, der Fideismus noch unausweichlicher zum Schicksal der entsprechenden Völker. Denn die Technik macht nicht familiar mit der Natur, sondern sie benützt sie nur noch.



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Sonntag, 2. März 2014

Oh doch, sie haben es gewußt

Nun könnte man fragen: Wenn sich also der Kulturbruch im 15./16. Jhd. bereits in solcher Schwere abspielte - hat es denn niemand gewußt oder wenigstens geahnt?

Oh welch Irrtum! Auf seiner Reise stößt der Verfasser dieser Zeilen zunehmend auf offenbar völlig vergessene Autoren und Werke, die genau aus dieser Zeit stammen, und mit einer Klarheit des Verstands und einer Umfassendheit des Wissens punktgenau auf das hinwiesen, was sich da vor aller Augen abspielte. 

Aber umsonst - der Umbruch, der in sich ein Akt der Zerstörung war, siegte! Und die darauffolgenden Entwicklungen, so vielfach rein persönlich motiviert, ließ ringsum alles ins Vergessen absinken, und stieß dorthin durch Verleumdung, was vor dem, was da aufstand, warnte, und es widerlegte.*

Noch einmal, und mit elementarer Wucht, sammelte sich dieser Geist zur Warnung, im 19. Jhd., um zu einem regelrechten Kulturkampf aufzustehen. Selbst Goethe muß man dazurechnen. Aber er wurde neuerlich von all jenen mit verschlossenen Augen hinweggefegt, die sich vom Blendwerk der Zivilisationsversprechen nicht mehr trennen wollten.

Seither brennt diese Funzel nur noch in wenigen, darunter in gar nicht geringem Anteil Künstler, die den Eckstein der Wahrheit im unruhigen Gewissen nicht auslöschen können. Denn ihr Handwerk verlangt seine Beachtung, und baut auf der ihnen zugesprochenen Gnade auf. Ihr Seelenprozeß verlangt es, mit Diktat, daß sie auf sie hören. Wo sie ihre Ohren verschließen, scheitern sie an sich, und wissen darum. Und ihr Werk wird zur lärmenden Flucht vor dieser Stimme.



*Ein kleines Beispiel: Die Grundsätzlichkeit des Konflikts um Galileo Galilei ist dem Menschen von heute nicht nur zunehmend völlig verschwiegen worden, sodaß dieser geistige Kampf in der heutigen Volksmeinung auf die plumpe Ebene der Frage von "Scheibe oder Kugel" (der Erde) reduziert wird (darum ist es gar nie in einer Form gegangen, als würde um die Kenntnisnahme von Tatsachen gestritten werden), sondern die philosophische, erkenntnistheoretische Problematik der von Galilei aufgeworfenen Fragen und Herangehensweisen an die Wissenschaft ist dem Menschen von heute gar nicht mehr verstehbar. Weil er in ein Glaubenssystem eingebunden ist, das ihm den Zugang zu diesen Fragen durch Glaubenssätze versperrt, von denen zu lassen ihm einen fundamentalen persönlichen Schritt abverlangte, vor dem er zurückschreckt, weil sie eine persönliche Entscheidung größter Tragweite - in der Identität - verlangte.




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Samstag, 1. Februar 2014

Der Diskussion entzogen

Zieht man die luciden Deutungen Eric Voegelins heran, erscheint die Geschichte der Moderne seit dem Mittelalter noch deutlicher als Geschichte der Neubildung von Eliten. Die von einer entscheidenden Wendung ausgeht: Vom subjektiven Berufungsgefühl (!) von Einzelnen.

Voegelin sieht dabei klar die Ursachen im Verlust der inneren (und damit äußeren) Stärke der kulturellen Institutionen, vor allem der Kirche. Denn das Aufkommen solcher Personen ist am sichersten mit der Suche nach einem Platz in der Gesamtordnung zu erklären. Die Reformation konnte sich vor allem deshalb so rasend schnell ausbreiten, weil sie keinen substantiellen Widerstand mehr antraf - den zu provozieren ja eigentlich die unausgesprochene Absicht war. Wie ein Magnet sammelten sich dabei alle möglichen Formen von Unzufriedenheit an ihren Enden.

In Luther und seiner Berufung auf den Einzelnen als letztgültige Deutungsinstanz endgültig entfesselt, in Calvin in ein gesellschaftliches Deutungssystem gebracht, wird die Geschichte des Abendlandes zusehendes zum Kampf Auserwählter für die richtigen Ideen, die sie zu jeder Konsequenz berechtigt, bestehende Ordnungen umzustürzen.

Damit wird subjektives Elitegefühl selbstbestimmten Kriterien unterworfen, der Objektivität des Denkens entzogen. Wer sich auf solche Erweckung und Bewußtheit davon beruft, ist logisch nicht mehr zu widerlegen. Auf dieser Rechtfertigung steht eine Entwicklung, die das Zeitalter der Emporkömmlinge einläutet. Und deren Siegeszug sich erst heute in vollem Ausmaß zeigt. In einem Subjektivismus, der seit dem 12. (in allen möglichen Erwählten-Bewegungen, die sich sämtlich etwa auf persönliche Mystik beriefen), vor allem aber dann im 15. Jhd. durchbrach.

Es ist eine anti-philosophische Haltung, denn dahinter steht kein konsistentes System, das sich bemüht, denkerisch die Widersprüche aufzulösen. Widerspruchslösung wird zur reinen zweckbestimmten Argumentation, die den Menschen guten Willens schon deshalb verwirrt, weil er von sich ausgehend dem anderen den Willen zur Widerspruchsfreiheit unterstellt. 

Dazu muß die Vergangenheit als gleichfalls und prinzipiell inkonsistent umgedeutet und entwertet werden. Wie sie in einer regelrechten Kulturwelle das Mittelalter nicht mehr verstehen wollte, sondern ins Dunkel des Bösen abdrängte - eine erst spät entstandene, absichtsvolle Deutung!

Zu sagen, daß dies oder jenes ja auch in diesen Lehren und Lehrgebäuden bedacht sei - weil erwähnt, weil da oder dort ja explizit ausgesagt, wie etwa die des so überaus heftigen Rückverweises Luthers und Calvins auf die Gottgegebenheit gesellschaftlicher Ordnung ist kein wirkliches Argument. Weil sie, wie Voegelin nachweist, nur Versuche darstellen, das in der Erstarkung als gesellschaftliche (und damit institutionelle) Kraft losgetretene Chaos durch praktische Maßnahmen wieder einzudämmen. Etwa mit starken, veräußerlichten Gehorsamsgeboten, wobei Gehorsam umgedeutet wird, um noch offen für die subjektive Rebellion zu bleiben. Aber sie sind nicht Ausfluß in sich konsistenter Theorien, die streng logischem Anfragen widerstehen könnten. Sie sind Argumente praktischer, in ihren Kriterien rein subjektiv bestimmter Notwendigkeiten.*

Ein erschütterndes Charakteristikum der Gegenwart ist nämlich genau das, wie Voegelin bereits vor 50 Jahren feststellt: Man hat es bis hinein in den täglichen Umgang nur noch mit Ausflüssen von praktischen Theorien zu tun, über deren wirkliche geistige Gründe sich niemand mehr Rechenschaft ablegt. Das geht einher mit dem Gefühl, die Welt prinzipiell bemeistern zu können. Das geht also einher mit der Zunahme von Wohlstand und (scheinbaren) Lebensbewältigungsmechanismen. Das geht einher mit Theorien, die nur  noch praktisch regeln zu müssen meinen, was theoretisch als "richtig" einfach nur noch vorausgesetzt wird, völlig der Subjektivität überlassen wird.**

Ordnung kann in einer der Ontologie (dem Sein) entrissenen Art zu "denken", Welt zu sehen, nur noch "von außen" (einerseits; anderseits durch subjektive Medialisierung für die Erwählung direkt durch Gott) kommen, und verlagert sich auf Staat und vor allem (Zwingli!) überstaatliche, weltumspannende Organisation. In Totalitarismen, in Zentralismen, in eine immer ausuferndere (und nur noch technische) Beherrschung äußerer Lebensvorgänge und -äußerungen, deren sichtbarer "Erfolg" Kriterium ihrer Berechtigung (wie Auserwählung) ist. Samt der Folge zunehmender Vehemenz, mit der die Befolgung dieser allgemeinen "göttlichen" Verhaltensregeln durchgesetzt wird. Getragen vom Paradiesesversprechen, das jenen verheißen ist, die sich je subjektiv bemessen*** im Stande der Auserwählung befinden.



*Damit kennzeichnet Voegelin einen Grundzug der Moderne, der zutiefst in persönlichen Konstellationen und Motiven ansetzt: Als Verzicht auf Wahrheit, um die Herrschaft (der Neuen) zu legitimieren. Im Selbstsein drückt sich einerseits (in der analogia entis) die Ähnlichkeit mit Gott aus, der aber im Umschwung das "Sein des Selbst" zum "Sein wie Gott" - die faktische Situation des Selbst als Anlandepunkt, quasi als Simulation des SelbstSEINS - folgt, als strukturell der Analogie nachgeformten Teilhabe an einem aber anderen Geist. Diese Bindung ans Faktische (der "gerade eben gegebenen" Motivlage, die das "gerade gegebene Selbst" konstituiert) ist damit eine Immanentisierung des Göttlichen (Hegel) ins Weltliche, und damit eine gnostische Bewegung.

**Selbst die Hl. Schrift wird von Luther, v. a. aber von Zwingli (der für den westeuropäischen, und von dort den amerikanischen Raum so bedeutend wurde) nur noch herangezogen, um subjektive Aussagen zu belegen. Widersprüche zu den eigenen Thesen werden entwertet oder als irrelevant (oder "anders zu verstehen") beiseite geschoben. Dieses Prinzip des Protestantismus - das ihm notwendig war, weil er sonst seine Widersprüche nicht "klären" könnte - findet sich heute sogar schon in der katholischen Kirche in erschreckendem Maß, die damit zeigt, wie sehr sie in vielen ihrer Vertreter bereits im Strom des Zeitgeists schwimmt.

***Es ist zumal heute fast schon generell zu beobachten, daß Menschen subjektiven "Offenbarungen" oder "mystischen Erlebnissen" einen Wert beimessen, der jederzeit den Verstand verdrängen darf. Enorm viele Menschen der Gegenwart gehen davon aus, daß subjektive Erlebnisse jedes objektive Ordnungsfeld der Vernunft verdrängen können. Und sie stürzen sich mit Gier auf jede mögliche Form von "Erwählungserlebnissen" - bei sich wie bei anderen. Die sie via Behauptung" jederzeit nüchterner Überlegung entziehen können. Wer die Erneuerungsbewegungen etwa der Kathol. Kirche ansieht, sieht exakt diese Grundstrukturen.






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Dienstag, 29. Oktober 2013

Kunst der Gebildeten

Daß sich die Renaissance vielfach nicht als Kunst des Volkes durchsetzte, hat einen sehr bestimmten Grund. Und dieser liegt ... in England und Irland. Warum? Auch dafür hat Henri Pirenne eine interessante Tatsachenlogik aufgebaut.

In den Wirren der spätantiken Zeit, der in den Völkerwanderungen eine bereits norme innere Schwäche - ihre Antike wurde mehr und mehr zum bloßen (leeren, formalistischen) Epigonentum - entsprach, sank das einst im gesamten Mittelmeerraum lebendige gesprochene Latein in den Wirren des 6.-8. Jhds. zu einer simplifiziert verschliffenen Banalsprache herab. Und nahm mehr und mehr lokale Eigenheiten an. Die uns heute bekannten Sprachen - Spanisch, Italienisch, Französisch - wurden in zahlreichen Lokaldialekten grundgelegt. Der Gebildetenstand der Patrizier verschwand, der das antike Latein noch gepflegt hatte, die Gründe und Zusammenhänge haben wir hier bereits dargelegt. Niemand konnte mehr lesen und schreiben, später nicht einmal Karl der Große. Man sprach ein arg verschliffenes Latein, das nur noch an die Grammatik der Wurzelsprache erinnerte, sie schon sehr versimpelt hatte. Das alte Latein verstand bald niemand mehr.

Aber bereits im 6. Jhd. hatte Papst Gregor d. Große Missionare direkt von Rom aus nach Britannien geschickt, um dort zu missionieren. Die Insel war nie so romanisiert wie der Rest Europas, und somit hatte sich dort die germanische (bzw. gälische) Sprache als Volkssprache erhalten. Das Latein, das reine, korrekte Latein, war von Anfang an eine Kultsprache, eine Sprache des Heiligen, und der Gelehrten. Und das waren die Kleriker, nur sie konnten lesen und schreiben. Und von dorther also war es auch die Sprache der Wissenschaft. Die Renaissance ist eine Kunst (und Kultur) der antiken Bildung. Wie hätte das gemeine ungebildete Volk daran teilnehmen können, außer durch simple Nachahmung?

Karl der Große holte im 9. Jhd. britische Missionare aufs Festland zurück. Sie sollten die Germanen christianisieren, was sie auch erfolgreich taten. Weil aber auch keine Verwaltungsstrukturen mehr vorhanden waren, keine Gebildeten mehr (aber auch aus politischen Gründen, die hier zusammenspielten), bediente er sich gleichermaßen dieser Briten, um seine Verwaltung zu organisieren. Und die war in - Latein. In reinem Latein. (Wobei man nicht vergessen sollte, daß Karl das Germanische als Volkssprache schätzte, bewahren wollte, Volkslieder aufschreiben ließ, etc.) Die Missionare aber verwendeten nach wie vor das klassische Latein.

Aber mit diesem klassischen Latein kam auch die Antike wieder zurück, in der Sprache und im Wissen der literarisch Gebildeten, als Amtssprache, als Kirchensprache, und später und bis ins 19. Jhd. hinein als (abstakt-rationale und in einer seit der Antike ungebrochenen Denktradition gebliebene) Grundlage für die abendländischen Wissenschaften.

Was sich in der kleinen, der karolingischen Renaissance im 9. Jhd. zeigte stammt also aus England. Und es hat entscheidende Weichen für Europa gestellt. In ihr spaltete sich das Geistesleben des Volkes von dem der Elite, das Volk konnte die Antikenliebe der Elite, ihren Geist nicht nachvollziehen. Besonders im Alpenraum zeigt sich das sehr deutlich, wo nur der Adel eine Renaissance kannte, das Volk lehnte sie ab.

Gleichzeitig erklärt sich, daß in Italien, dem klassischen Latein sicher noch am nächsten geblieben, die Renaissance auch in die bürgerliche Sphäre weit vorgedrungen ist. (Im griechischen Süden ohnehin wieder nicht.) Desgleichen etwa in Ländern wie Ungarn, wo sich Ungarisch aus historischen Gründen (durch Tataren und Türken immer wieder starke Dezimierung der einheimischen Bevölkerung; das heutige Ungarisch begann sich erst im 19. Jhd. zu entfalten, bis 1850 (!) das Latein als Amtssprache, als einzige landesweit gesprochene Sprache abgeschafft wurde; dazu die jahrhundertelange Fremdherrschaft) lange nicht als Landessprache tauglich zeigte. In Ungarn haben auch die vielen nicht-ungarischen Bürger (in der charakterlichen Spezifik der Bodenlosigkeit, der virtuellen Heimatlichkeit) den Geist der Renaissance aufgesogen und zum Ausdruck gebracht. Vermutlich liegt der Fall in der Tschechei ähnlich, auch dort spielte das Slawische lange Zeit eine Nebenrolle, und gar keine in der Bildung. Daß sich dort der Protestantismus so markant und in Hus etwa aus sich heraus entfaltet hat, könnte in solchen (natürlich komplexen) Wirkverhältnissen begründet liegen.


Warum sich im arabischen Eroberungsraum ab dem 7. Jhd. die Naturwissenschaften aber so kräftig und deutlich früher als in Europa entwickelt haben? Die Araber hatten keine Scheu, die antiken Traditionen zu benützen, die sie reichlich vorfanden, wo sie ihnen nützlich schienen, und was ihnen gefiel. Auch in der Architektur. Noch heute wirkt jede Moschee wie eine Nachahmung der (einst katholischen) Hagia Sophia in Istambul. 

Selbst Aristoteles wurde ins Arabische übersetzt (von wo er nach Europa zurückkam - über arabische und jüdische Übersetzungen.) Gleichzeitig spielte dort die Bildungselite eine wesentlich kräftigere Rolle als gesellschaftlicher Faktor, als in Europa. Denn die arabischen Gesellschaften waren "hydraulisch-managerial", also zentralistisch organisiert. Der Individualismus, der Dezentralismus Europas, der sich nach der Antike (und unter maßgeblichem Einwirken des Zusammenbruchs des Mittelmeerraumes als einheitlicher, antiker Kulturraum) entwickelt hat, machte dort ein Wirken der Bildungseliten wesentlich schwieriger. Was der Kalif in Bagdad befahl, geschah unmittelbar und überall, die Entwicklung des einfachen Volkes blieb überhaupt stehen. Die arabische Hochkultur war also sowieso eine reine Elitenkultur. Die europäischen Kaiser konnten sich vergleichsweise ja wenig durchsetzen.

Wieweit auch arabische Lebenskultur - über Spanien, welches Kalifat sich zu einer Art "Ketzerei" des Islam entwickelte - Europa prägte, darüber kann man streiten. Immerhin zeigt die maurische Kultur in Spanien deutlich mehr Eigenleben und auch Volksdurchdringung. Wieweit die Gotik nicht nur philosophisch (arabisch-jüdische Aristotelesausgaben kamen über Spanien) von dorther (oder von den Briten/Iren) inspiriert war ist Diskussionsstoff.




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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Vom Schlußstein her lebendig gemacht

Zu einer wunderbaren Interpretation des Spitzbogens, der in der Gotik aufkam, stiftet Paul Claudel in "Ars Poetica Mundi" an. Noch in der Romanik, schreibt er, trägt der Rundbogen die gesamte Last - eine Last! - der Bedachung, die nur eine hochgehobene Grabplatte ist.

In der Gotik aber faßt sich alles im Schlußstein zusammen. Von einem Punkt her wird - von oben her! Symbol des Sohnes Gottes, Jesus Christus - die Kraft, die das gesamte Universum mit Leben (und das ist: Spannung der Teile zueinander, aus der heraus alles selbst ist - wenn es dagegenhält, weil es selbst ist) von einem Zentralpunkt her auf die Teile übertragen. Nicht: "in die Erde abgetragen", wie mathematisch versimpelter Sinn sagen könnte. Sondern mit Spannung erfüllt. Die gotische Säule IST durch diese Spannung mehr als eine bloße Aufeinanderschichtung von Steinen, wie sie die Romanik noch zeigte. Sie ist voller Spannung, die sie von oben erhält, gemessen nach Geist, konstruiert nach mathematischen Gesichtspunkten, die das geistige Wesen der göttlichen Idee aufzufangen trachtet. Nicht Last ist es, die die Welt belastet, sondern diese ist dazu begabt, aus sich heraus, und damit zu sich selbst gebracht, weil in seine höchste Möglichkeit gebracht, gespannt durch Christus den Pantokrator und Schöpfer, der damit (die tote Materie) zum Leben erweckt.*

Der Fortschritt in der Erkenntnis der geschöpflichen Welt hat ja damals zunehmend ihre Eigengesetzlichkeit als Analogie zu Gott erfaßt.* Die Kunst wird deshalb auch mutig gegenständlich-naturalistisch. Es sind aber nicht "die Gesetze der Natur", die die Welt beherrschen, sondern diese sind Wirkungen der inneren Wesenheit des Seins in seiner Ideengemäßheit und damit wesenhaften Ordnung, die hierarchisch aufgebaut ist.

Ähnlichkeiten zum Ursprung, aus dem alles hervorgeht, der Idealität Gottes. Und darin Hinweise auf die Wirklichkeit Gottes, der mit menschlichem Geist nie erfaßbar ist, der jedoch daran teilhaben kann (menschliche rationale Erkenntnis ist niemals abgeschlossen, denn sie nähert sich nur, als kleiner Schritt im Unendlichen). Denn menschlicher Geist muß diese Wesenhaftigkeit des Geschöpflichen in sich nachformen. (Niemand kann eine Statik "erfinden", die nicht auf dem Wesen der Dinge beruht.) Und er tut es im Maß der Sinnerfassung.

In dieser Erfülltheit mit Spannung aber ist das gesamte Gebäude - die Kirche, das Universum - hierarchisch gegliedert. Aber alles hat seine Aufgabe in diesem Zueinander, kein Stein ist sinnlos.

So wird der Kirchenbau zum Symbol des gesamten Universums, das in seiner Reingestalt die Kirche selbst ist, das neue Jerusalem. Ein entscheidender weiterer Schritt von der heidnischen Funktion des Tempels - hin zur realen Anwesenheit und (anteilhaften) Erkennbarkeit Gottes, als Analogie in der Schöpfung uns gegeben, um an ihm in der Geistigkeit (die aus dem Willen zu uns selbst erwächst, der in der Selbstübersteigung auf das Andere (Nicht-Ich), Erkennbare hin mit unserem Sein in eins fällt, sodaß wir sind, was wir wollen) teilzuhaben.**



*Das zeigt die Verfehltheit und Lächerlichkeit der Neugotik, die mit Beton diese Spitzbögigkeit nachzuäffen vorgegangen ist. Und macht die Neugotik (schon gar mit ihrer Verwendung von Baumaterialien) zu einer eminenten Aussage über das Wesen der Gegenwart, die damals zur Vollgestalt aufzustehen begann. Die Architektur des 19. Jhds. wird zum Schein, vor Vortäuschung falscher Tatsachen, und meint damit das Auslangen zu finden. Aber ihr Ausgangspunkt ist nicht mehr das Wesen der Welt selbst, ihr Zentrum, sondern die zum Bild erstarrte subjektive Erlebniswelt des Menschen, der Mensch selbst, im Nachäffen des Effekts, den wirkliche Gotik erzielte. Das brachte wahre Scheuslichkeiten wie die Votivkirche in Wien hervor. Das Urteil des "Schönen" wurde mehr und mehr zu einem Bewerten seiner Ähnlichkeit mit Ursprünglichem, aus dem sich das Maß des Schönen noch originär ergab, die aber bereits verloren ist. Selbst die Tatsache, daß solche Steinmetzarbeit wie sie im Mittelalter geleistet wurde heute eben nicht mehr leistbar ist ist bereits eine weitere und entscheidende Aussage - unsere Kultur kann solche Dinge aus sich heraus gar nicht mehr hervorbringen, sie wurde epigonal.

**Entsprechend allumfassend wird der Kirchenbau in der Renaissance, die die Kuppel der Antike deutlich wieder aufgreift: als Symbol des das gesamte Universum umfassenden - der Ausdruck der Kuppel, in der sich alles birgt, Kreis und Kugel als Symbol der Unendlichkeit - Vermögens des Menschen, das All zu verstehen. Darin drückt sich das Selbstbewußtsein aus, in dem nun gebaut wurde. Bis sich dieses "Weltverständnis" überhaupt in die Weltimmanenz abschloß.




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Montag, 14. Oktober 2013

Renaissance des Arianismus

Man  muß auch hier die Encyclopedia Britannica bemühen, um zu so einer knappen, klaren und dabei scharfsinnigen Beschreibung zu kommen, wie sie deutschsprachige Kompendien verweigern*. Es geht um den Arianismus.

Er wurde am Konzil von Nicäa ausgeschieden, wo die "göttliche Substanz" Jesu konstatiert wurde. (Von dummen zeitgeistigen Stimmen als Vergöttlichung oder Gotteserhebung Christi bezeichnet. Denen die wahre Natur menschlichen Denkens fremd ist. Das ein Hinweisen ist, kein "Schaffen". Sodaß sie lediglich die Natur ihres eigenen Denkens damit offenbaren.)

Der Arianismus, der ab dem 3. Jhd. auftauchte und bis ins 6., ja 7. Jhd. als größere Bewegung fortlebte, sieht die Person Jesus als gleichermaßen geschaffenen Menschen. 

Die EB zeigt nun klar, daß er "virtual" heute (wieder) weit verbreitet ist. Das Jesus-Verständnis der Zeugen Jehovas nennt sie konkret, und zahlreiche esoterische Bewegungen tun es ihnen gleich. Jesus ALS GOTT (einer Substanz, eines Wesens mit dem Vater, "gezeugt, nicht geschaffen") aber wird heute selbst unter Katholiken in einer erschreckenden Mehrheit abgelehnt. So wird von ihm als "Lehrer", oder als "Religionsstifter" (in einer Reihe mit Buddha, Mohammed etc.) gesehen. 

Dabei hat der heutige Arianismus viele versteckte Formen, denen im Einzelnen nachzugehen wäre. Etwa, daß er eng mit Pantheismus und Pan-Entheismus zusammenhängt. Und damit sogar mit der praktischen Gestalt der reformierten katholischen Liturgie, die ihre Spitze im jetzigen Papst findet. Wo das Faktische des Subjektiven zur Analogie des Göttlichen** wird. Eine reale Haltung, die ihre erste Breitenwirkung ... im 11. Jhd. gewann, wir haben darüber bereits berichtet: als der homus novus, der Emporkömmling, der mit seinem Sein nicht Zufriedene, der in Funktion Abgleitende seine gesellschaftliche Hauptrolle übernahm.

Diesem Denken fehlt seine wirkliche Dimension, seine Urteile sind auf der Banalität einer in ihrer Analogie falsch gedeuteten Welt gegründet. Es bleibt weltimmanent, und damit in sich unlösbar, wie Gödel - man arbeite doch seine Beweisführung wirklich einmal durch! Nicht nur er, jeder Denkende kann nicht verstehen, warum seine Leistung in der Realität so unterging! Warum und wie sich die rationalistische Sprachphilosophie nach dem 2. Weltkrieg so durchsetzen konnte! - so großartig nachwies.

Aber wir haben es heute mit einer - "virtual" - Renaissance dieses Arianismus zu tun. Der im Jahre 325 im Konzil von Nicäa abgelehnt und verurteilt ("anathema sit") sowie am Konzil von Konstantinope 381 darin bestätigt wurde. Jeder, der real in die Wirklichkeit Gottes eintaucht, weiß, daß das so sein muß. Daß hier kein Glaube "erfunden" oder "konstituiert", sondern das Wahre, das Erfahrene (ja: Erfahrbare!) nur bestätigt wurde (und wird).

Daß die Germanen (der spätrömischen Zeit, der sogenannten Völkerwanderung) im besonderen anfällig für diese Sichtweise waren, korrespondiert mit der Tatsache, daß die Germanen als Volk keineswegs als "junges, kraftvolles Zukunftsvolk" anzusehen sind, wie es manche Sichtweisen absichtsvoll darstellen wollten (und viele es bis heute glauben), sondern als Kultur zu sehen sind, die am Ende war. Nicht zufällig ist das Auffälligste an ihnen ihre fast grenzenlose Assimilationsneigung. (Dazu mehr in Kürze auf diesem Blog.)

Der moderne Arianismus hat aber noch  mehr Parallelen. Er ist generell in einer Welt des Niedergangs entstanden, reitet also auf ihrer Geisteshaltung. Und DESHALB ist er auch heute mächtig und verbreitet. 

Die interessanteste Frage dabei also ist, aus welchen Defekten der Sittlichkeit (in der Kultur) sich welche Blindheiten der transzendenten Wirklichkeit gegenüber ergeben.

Denn daß das so ist, ist ohne Zweifel.




*Der Verfasser dieser Zeilen gesteht offen, daß er deshalb britische Historiker überaus schätzt. Denn den Briten haftet eine Objektivität an, ein Realismus, dabei eine weltumspannende Perspektive, die deutschen oft schwerfällt (wenn auch dennoch noch oft da ist), französischen noch mehr, aber amerikanischen generell fehlt, die in ihren Sichtweisen lächerlichen Halbstarken gleichen. (Wahrscheinlich sind sie deshalb so populär.)

**Damit aber genau das Transzendente ausschließt - es bleibt nur Weltimmanentes.





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Donnerstag, 10. Oktober 2013

Die Zeit des homo novus

Es ist ein Zeit der Emporkömmlinge, die da im 11. Jahrhundert anzubrechen beginnt, und sich in der Renaissance endgültig ihren Durchbruch verschafft. Der "homo novus" beginnt, das Seinsgefüge durch Funktion zu ersetzen.

Das gesamte europäische Geschehen, jede Entwicklung seither läßt sich damit - und aus diesem Kampf heraus - umfassen und deuten. Als Geschichte Herausgelöster, die aus funktionalem Teilverstehen heraus versuchen, der Welt ein neues, "besseres" Gepräge aufzudrücken, und damit mit der Ordnung des Seins kollidieren.




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